Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.
________________________________


 

III, 289 - Huckeduster

Rasten in Verhöhnung etwelcher Ruhe, reden ununterbrochen. Nervengraus. Platzüberschreitend als Sich-Trauende, entern Vakuen. Etablieren Assembleen, nicken, denn Abend dämmert, Atropos mischt Szenarien. Fürchte Radau: Ostello mahnt.
Vielleicht aber doch keine Diskothek. Was auf dem Platz anströmt, gehört allen Altersgruppen an. The Wall. The Wall. The Wall. Eräugte auch meinen Friseur.
… swerve of shore
Ich werde ihn zur Rede stellen müssen in der nächsten Woche. Haare runter. Bart runter. Zwei Zähne raus. Aber das ist eine andere Geschichte. “Ciao a tutti!”.
… to bend of bay
Eine Hochzeit? Eine Kindtaufe? Eine Konfirmation? Ein Leichenbegängnis? Nach dem Essen Totentanz?
Am Nachmittag schon Bewegung. Es wurden Dinge ausgeladen, ins Ostello gebracht. Ich verfiel zeitweise in eine Depression. Ausgeliefertsein. Quantité négliageable. Aber unabhängig davon selbst beim Aufwachen das Gefühl: pufft der Meuchel, heuchelt nimmermehr des Daseins Puff. So stand ich dann uff. Lazarus, vom Himmel erweckt, in den morgendlichen Donner hinein sich erhebend.
Erschreckt auch von einer Roboterstimme am Telefon, die mechanisch meinen Namen und eine seit fünf Tagen unbezahlte Rechnung erwähnte. Ich solle das Geburtsjahr mit den beiden letzten Ziffern des Jahres eingeben, was ich tat, aber die Stimme bat mich erneut. Ich tippte die beiden Ziffern nochmals, da stand dann etwas Ähnliches wie 2525, so ein Hit von 1969 (Zager & Evans: In the Year 2525). Natürlich bin ich nicht 1925 geboren (Himmelswillen!), aber das muß ich ja niemandem aufbinden, wann genau. Da drückte ich auf den Ausknopf. Kurz danach fiel Internet aus.
Strafe für die nicht bezahlte Telefonrechnung? Abermals Depression. Es lähmte mich die Vorstellung, es handele sich um eine Strafe. Zugegeben auch der Umstand, offline zu sein. War nicht angenehm. Zwar hatte ich gestern versucht, die Rechnung übers Internet zu bezahlen, aber der Service war out of order. Und ohne Internet war es unmöglich, das nachzuholen.
Ich hätte es auch auf das Gewitter schieben können.
Auf den Treppenstufen, die zum oberen Ostello-Eingang führen, haben sie Lichter aufgestellt. Eine kurze Mikrophonstimme, ansonsten das Gemurmel der Stimmen.
Nach dem dritten Ein- und Ausschalten des Modems kam das Internet dann doch wieder. Und beklagte die Verlorenheit, die mich ohne es befallen. Als erstes bezahlte ich meine Telefonrechnung.
In all diesen Stimmungen kam ich um meinen gestrigen Beschluss herum, nach unten zu gehen. Was nun wirklich nicht mehr ging. Gegangen. Ganz. Von hinnen.
Commodius vicus! Indeed. Brunonis vicus. Hü, Lampus [eines von den vier Pferden der Sonne, [...] welches von Λάμπω, ich glänze, so viel als das glänzende heißt. Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon]! Auch in der Küche gäbe es doch einiges - und ganz zu schweigen vom Schreibtisch (zwei Dreiviertelausreden) - zu tun.
Jetzt eine Mikrophonansprache. Wird wohl ein langer Abend werden. Also Weißwein a go go und wahrscheinlich Pink Floyd als Gegenpart. Nur: bis wann? Ohrenstöpsel liegen parat.
Es gibt nichts Schlimmeres als sich versammelnde Menschen. Ich, sagte meine damalige Braunschweiger Freundin, sei ein Huckeduster.
Subscribed!

III,288 <<<<

III, 288 - piazza bella piazza

Gestern. Stimmen. Heute. Laute Musikgeneralprobe. Drei Minuten. Gefühlte Unruhe. Gestern. >>>> Der Transporter “Tutto per la musica” hatte sein Heck nach hinten bewegt. Junge Männer erreichten ihre Autos (zwei), während sie miteinander sprachen, fuhren davon. Ein junger Mann stieg aus dem Geisterschiff, das er zuvor wieder ein wenig in den unteren Ostello-Eingang hineingeschoben. Heute. Sonst rührt sich nichts. Gestern. L’ami belgique tauchte auf. Stand wie verloren auf dem Platz, zog hastig an einer Zigarette. Zuhause bei ihm geht das nicht mehr. Seine einjährige Tochter. Sah sich selbst diese Manöver an. Während er hastig an seiner Zigarette zog. Bevor er selbst in sein Auto stieg, tauschte er ein paar Worte mit der Widergängerin des Platzes, die immer hin und her geistert. Mal eine Minute sich hinsetzt, wo’s gerade paßt, um dann gleich wieder aufzustehen. Manchmal bewegen sich ihre Lippen. Dann geht sie scheinbar nach Hause, ist aber bald wieder zu sehen, erreicht ihren Sitzplatz. Und so immer wieder von vorn. Als ich vom Tabaccaio zurückkam, saß sie unter den Bäumen, die gestern Nachmittag verwaist standen. Keine Kartenspielerinnen. Ich fragte sie danach. Sie antwortete mir mit einem “Morgen”. Heute sitzen sie wieder am Tisch.
piazza bella piazza
sulla quale soleggiato
il brutto fa domenica
seduto come chiazza
variando portamento
e cercando di mandare
in tilt la fame – pazza
mi sento dentro cavo
recipiente, come in
attesa di caffé la tazza

(13/8/07)
… als Ulpia noch ein gewisses Appeal auf mich ausübte. Ein Poemchen von damals benutzte den hübschen Ausdruck “circa il massimo”, heißt “cerca”, meint aber auch, daß man am Circus Maximus vorbeikam, wenn er sich die Mühe gab, den ganzen Weg zu ihr vom Collosseum aus zu Fuß zurückzulegen. Das Poemchen aber scheint verloren zu sein. Man kommt auch am römischen Sitz der FAO (was mich daran erinnert, daß ich Hunger habe), am Denkmal für Skanderbeg vorbei, bis die Cestius-Pyramide sich zeigt.
Nein, bitte jetzt keine Rom-Nostalgie.
Heute zum dritten Mal die Handanlegerin, Anspielungen auf Staubablagerungen, war auch schon fast dabei, die beiden dunklen Rosen, die nun seit Anfang Januar vor sich hin welken, aus der Flasche zu ziehen, die mitten auf dem Tisch in der ‘Küche’ steht (vielleicht eher schon das Wasser in der Flasche wegkippen). Ich verbot es ihr! Italienerinnen sind überhaupt zuvörderst bemutternde Mütter. Auch Tullia bewies diese These neulich, als sie mir einen netten Besuch abstattete: du solltest, du müßtest, du könntest… Ich wußte nicht mehr, wohin ich laufen sollte, um es aus den Ohren und in den Wind zu schlagen.

III,287 <<<<

Novellenwunder bei FAUSTKULTUR: Millhausers Zaubernacht. Eine poetische Rezension.

>>>> Dort.
Novellenwunder Faust (Mai 2017)

III, 287 - Das tote Fleisch lebt wieder auf

TUTTO PER LA MUSICA SERVICE AUDIO E LUCI PER CONCERTI & EVENTI steht auf dem riesigen Transporter, dessen Vorderfront gleichsam ins immer mal wieder Ahndungen hervorrufende Ostello hineinragt. Verlassen wie ein Geisterschiff. Es rührt sich trotz der Klamaukaufschrift: nichts. Also immer mal wieder aufstehen. Versuchen zu dechiffrieren: Interpretationen sind sinnvoller als Panikattacken, selbst wenn sie Unsinn projizieren. Eine Disco-Nacht gab es schon in diesem Frühjahr.
Weiter vorn unter den beiden Bäumen des Platzes stellen nunmehr die Oberstadthexen bei gutem Wetter ein Tischlein auf, um das sie sich, Karten in der Hand, versammeln, auch Zuschauerhexen gesellen sich dazu.
Sie begannen damit am 1. Mai. Da stand der Tisch noch vor der rosafarbenen Mauer des Ostello. Der Tisch wurde zu meinem Rücken. Die aus der Hand auf den Tisch gelegten Karten entschuppten mich, wie es ja in der Walpurgisnacht davor tatsächlich geschehen war. Müßte ich mir also wünschen, daß sie weiterhin Karten spielen. Aber ließ auch schon wirkliche Hände an meinen Rücken. Ich konzentrierte mich auf den kühlen Tropfen Gel, der auf die Haut aufgetragen wurde.
Dabei sitzen die Oberstadthexen ganz unaufgeregt an ihrem Tischchen. Konzentriert, könnte man sagen. Aber sie haben ja auch keinen Kasten Bier neben sich stehen. Wichtiger Umstand das, weil ich gerade an die Zeit zurückdenke, in der ich selber noch Karten spielte im Braunen Hirschen. Zumindest gelegentlich. Eher Doppelkopf als Skat, was ich erst später lernte. Aber es ging laut zu: “Hose runter!”
Nun sind sie verschwunden. Und die Hosen (hoses!) so heruntergelassen: werden zu Sansculotten. Der Platz ist leer. Die Guillotine der Dämmerung, der Jubel der Mauersegler. Und der Druck-er schalt’ sich aus: Timeout.

DIE AHNUNGSLOSE
... cupiditates velut mala ulcera eruperunt.

Wie aus Verwesungssaft die neuen Leben
aufwachsen bis zum wimmelnd-Überreichen
und finstre Pflanzen aus der Tiefe streben,
genährt vom flüssigen Ferment von Leichen,

Kelche sich öffnen, welche Wunden gleichen,
aus deren Blut sich gelb die Stempel heben,
wie Puppen platzen, welche in den Weichen
des fleischig-carneolnen Blattwerks kleben,

so keimen aus dem Herzen mir Gedichte
von einer bösen Art. Die Blätter hauchen
menschlichen Brodem, der wie Trauer trifft.

Und angelockt vom blutigroten Lichte
bückt sich die Ahnungslose; und es tauchen
die Finger in ein ätzendscharfes Gift.



An den Verleger. James Joyce, Chamber Music. In neuen Nachdichtungen von Helmut Schulze und ANH. Chamber Music (37).

(...)
Prinzipiell (...): Distanz, Ironie usw ist genau das, was ich zutiefst ablehne und in meiner Arbeit gescheut habe wie ein Sartyr den „lieben“ Gott und seinerseits der den Dionysos. In mir eingeprägt ist statt dessen Schlegels und Benjamins Forderung nach "unendlicher Nähe". Ich hätte Joyces Satz zu Stanislaus also nicht unterschrieben; ein bestimmter Aspekt der Chamber-Music-Gedichte ist genau deshalb mißlungen, weil Joyce hier unehrlich war. Gerade Liebesgedichte, wenn sie etwas erfassen sollen, können nur gelingen, wenn sie in und aus Liebe entstehen. Daß Rilke dennoch recht hat und Liebesgedichte nicht zur Geliebten, sondern zur Welt sprechen, ist dabei die - aber nur für die Dichter! - Tragik.
(...)

Die Bamberger Elegien.

Bamberger-Elegien-amazon-
>>>> Elfenbein-Verlag Berlin 2011 <<<<
Einband in Old Mill Avorio von Fedrigoni
Rote Fadenheftung, 152 Seiten, 20 Euro

ISBN 978-3-941184-10-7



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III, 285 - pe-cu-liar

Zu den Wenigen, denen ich meine Peripetie recht dramatisch vortrug vor nunmehr Wochen schon (wann diese Wochenwerke begannen, vermag ich nicht mehr zu sagen, sie stellen sich jetzt eher als ein Kontinuum dar, dessen Entstehung im Dunkeln liegt (es war Nacht, aber davon, ob ein Mond schien, weiß er auch nichts mehr (die Fingernägel sprachen: es sei! und es ward. Und so schieden sie ein Davor von einem Danach.))), zählte auch Ulpia. Natürlich ein erfundener Name. Sie verhält sich eher wie eine getreue Faustina, sofern sie es denn tut. Dann aber ganz so, daß einem unbehaglich wird.
Da ihr Ähnliches mit der Haut geschehen, und wir uns schon lange kennen (auch sehr nah schon kannten), nahm sie sich’s - wie man so schön sagt - zu Herzen.
Fing an zu insistieren mit Dingen, die sie betroffen hatten, die sie aber nun auf mich projizierte hinsichtlich der Verhaltensweisen, drohte gar, mir eine Putzfrau zu besorgen (nachdem sie’s überstanden, fand mithilfe von Freundinnen bei ihr sofort eine Generalreinigung statt (also eine Art Ersatzhandlung)), bot mir an, mich zu beherbergen, um rechtzeitig morgens um 7 bei einer renommierten dermatologischen Klinik in Rom mein Nümmerchen für eine Untersuchung zu ziehen. Und ich solle überhaupt den Hautarzt wechseln.
Eine für meine Begriffe fürchterliche Einmischung. Wie froh ich doch sei, sagte ich mir, daß das Übel in der Walpurgisnacht nicht grad ins Juchhei der Besen sich verfangen, aber doch ein wenglein geläutert worden. Gelöst ist damit noch gar nichts. Bald soll es warm werden. Charon heißt das sich nähernde Hochdruckgebiet. Zwei Gewitter in den letzten beiden Tagen gaben ihm schon seinen Segen und meiner Sorge ums Modem den Rat, den Stecker herauszuziehen. Ich sollte meine Arme intensiver eincremen, um nicht dauernd zu einer Maximalbedeckung gezwungen zu sein. Zig (natürlich übertrieben) verstaubte, zum Teil aus dem vorigen Jahrhundert stammende und sowieso ungebügelte Hemden, weil ohne Schrank, aber nischt anzuziehen. Quod erat demonstrandum.
Mein Körper sei eine Rostlaube, und der Name Ulpia ist eh nicht belegt. Es gab einen römischen Juristen namens Ulpian.
Nicht zu vergessen Diarrhea Dee-lite (Pynchon, Gravity’s Rainbow - er wurde gestern 80) at Eastertide left aside. Ah, ich hab’s gefunden: Ul-pia / Would you think me mea cul-pia (im Original bei Pynchon: Ju-lia / Would you think me pe-cu-liar / If I should fool ya, / In-to givin’ me-just-a-little-kiss?, paßt irjndwie bezogen auf eine ganz bestimmte Situation, sofern man den Namen und den Situationen ihr jeweiliges Recht einräumen will. Dann bleibt vielleicht ein Übeltreter auf unsicherer Schwelle im Ungleichgewicht, Le miel que nul été / Ne peut mûrir. (Bonnefoy, Dans le leurre du seuil).
Mittlerweile aber weiß ich, warum ich damals zu Beginn des Studiums (mit meiner heutigen Rostlaube in der damaligen Rostlaube) keine Geschichtsveranstaltung besucht habe, obwohl ich mich fürs erste Semester dafür eingeschrieben als Nebenfach. Erst jetzt lese ich in der einbrechenden Senilità ein Geschichtswerk, Gibbons ‘Verfall und Untergang des römischen Imperiums’ in der neu erschienenen Ü von Michael Walter. Es liest sich leicht und man staunt über die Vielfalt der Quellen, zuweilen entspricht einer Seite Text eine Zweidrittelseite Fußnoten. Aber es bleibt die Aktenkundigkeit des Seins. Ihr entschwebt kein Geist. ‘Krieg und Frieden’ bleibt doch immer noch die bessere Geschichtsschreibung. Eine Frage der Authentizität.
Und nichts ist authentischer als der Mythos, und wenn man so will, auch die Bibel, sofern man sie als solchen auffassen will. Und natürlich Grimms Märchen. Usw. (I.e.: Ulpia singt weiter, was sie ja auch tatsächlich tut).

III,284 <<<<

ARGO.ANDERSWELT. EPISCHER ROMAN. Elfenbein.


Alban Nikolai Herbst
Argo.Anderswelt
Epischer Roman.
Gebunden, Lesebändchen, 872 Seiten.
ISBN 978-3-941184-24-4
Im Buchhandel und bei >>>> Amazon.
39,-- Euro.

Sonderausgabe:
Auf 101 Exemplare limitiert, numeriert
und mit einem Autographen versehen:
101,-- Euro.
(Bestellung nur >>>> über den Verlag.)

Nekrolog auf Gerd-Peter Eigner.


[Geschrieben für den PEN Deutschland
zur Jahreshauptversammlung April 2017.
Dort gehalten von Heinrich Peuckmann
am 28 des Monats.]

„Ich habe mit meinem Kugelschreiber gespielt und Zahlen gemalt wie seit Jahren.“
So beginnt Golli, Gerd-Peter Eigners im Jahr 1978 erstveröffentlichter Roman. Er machte ihn bekannt, seine Streitbarkeit bekannt, seine Unbeugsamkeit, seine ästhetische Unbedingtheit. Folgendermaßen endet der Roman: „Die Schreie der Möwen vor meiner Tür. Sie kriegen mich nicht. Ich habe einen Hut. Ich ziehe mir meinen Hut über die Ohren, da höre ich sie nicht. Ich ziehe mir den Hut über die Augen, da finden sie mich nicht.“
Eigner, wenn da, war unübersehbar, unüberfühlbar, unabweisbar. Das hat ihm wenig Freunde gemacht. Er gehörte zu keiner Gruppierung, keiner, wie heute gesagt wird, ‚Community‘; er beugte sich keiner Parteiräson. Seit ich ihn kennenlernte, vertrat er Meinungen, die mit denen ihrer Zeit nur an den Rändern konform waren. Seine Lehrer im romanpoetischen Geiste waren Dostojewski, Flaubert, Thomas Mann. Sein, in seiner Lebensspanne, verehrtester Freund war >>>> Juan Goytisolo.
Eigners Sätze sind durchweg hypotaktisch, bisweilen von kleistischem Ausmaß. Seine Stoffe bezog er unmittelbar aus seinem vor allem in den frühen Jahren wilden Leben. Er vögelte so, wie er trank. Betrat er einen literarischen Salon, war der Skandal vorprogrammiert. Er war, ganz wie die Wahrheit selbst, ein Querkopf. Ihr allein sah er sich verpflichtet.
Das kam nicht an. Man nehme das Wort in metaphorischem Sinn. Er zog sich auf einen Olivberg südlich Roms zurück. Dort setzte er sich hin und dachte nach. So hielt er es meist. Dachte ein, zwei Jahre nach. Sonst tat er nichts. Dann schrieb er sein Buch in zwei Monaten runter; gestochen jeder Satz.
Doch schon sein zweiter Roman, Brandig von 1988, kam in den Feuilletons nicht vor. Der beginnt so: „Was mich am meisten stört, ist der Tennisplatz. Die Schreie.“ Danach ein betörend exakter Satz über sieben Zeilen; es folgt ein noch betörenderer über neun. „Schuldig sind wir und werden es bleiben. Kinder und Kindeskinder, die löffeln die Suppe, eingebrockt, wir.“ Damit endet das über vierhundertseitige Buch. Achten Sie auf die Rhythmik!
Er heiratete. Bitter ging die Ehe schief. Ein Kind war da, von denen die Moiren ihn trennten. Darüber kam er nie hinweg. Die Lichterfahrt mit Gesualdo, aus dem Jahr 1996, ahnte es voraus. „Er winkt, das Kind winkt. Und weg sind sie.“ So endet es.
Lange, lange Pause. Erst acht Jahre später der nächste Roman, Die italienische Begeisterung.
Zu dreiviertel Rückkehr nach Deutschland. Trotz zweier großer Preise will ihn Kiepenheuer & Witsch aber nicht weiterbetreuen. Namen zu nennen, ist nötig. Suhrkamp sagt begeistert zu, sagt kurzfristigst ab. Miesester Stil. Das Buch bleibt verwaist. Es heißt Der blaue Koffer.
Lange, lange Pause. Dann, Herbst letzten Jahres, erscheint ein, völlig überraschend, Gedichtband. 367 Seiten dick, ist er ein Mammut wie er heißt. Das vorletzte Gedicht darin endet so: „Und verharren/verharren/verharren“.


Gerd-Peter Eigner, einer der Meister der deutschsprachigen Romankunst, ist am 13. April dieses Jahres verstorben. Am 21. April 1942 kam er im schlesischen >>>> Malapane als Gerd-Peter Sobczyk zur Welt. Und mußte auch schon fliehen.

Lange, lange Pause.

Zweites Sterbgedichtchen. (Entwurf).


Wir sterben alle
sterben
sterben

und wir werben
länger nicht
wenn uns der herbe Duft

des kalten Frühlings ruft
durch Luft und Licht
zum letzten Trank

in die schon nahe Erde
Kommt!
Es ist mein Dank zu erben

III, 282 - Vor sechs Tagen

Musik braucht er jetzt nicht, der Echsenpanzer, der ihm wächst, nicht jetzt. Der Körper selbst in einer Woche auf das Tara-Gewicht herabgesunken. Aber man weiß es nicht, man hat keine Waage. Daß er tagelang nur Flüssiges zu sich genommen, steht schon mal fest. Das blanke Schwert, auf dem er ruhte, der feste St(r)ahl, den die Nacht gezückt, während das Anwachsen des Panzers vergessen gewesen, und er schlafen konnte. Aber dann das Schwert. Das ihm dann dräute, plötzlich wieder aufzuzucken. Schneller als seine Beine es geschafft hätten, Reißaus zu nehmen. So entsteht Furcht. So entzückt Demut sich in Furcht. Und wandelt sich zum Gekreuzigten. Es ist sehr einfach. Zumal einem ein Panzer wächst.
Wovon man dann lebt, ist unerheblich. Zuvörderst von der Schwäche, die man verhätschelt. Der man zu trinken gibt. Mehr Körper ist kaum möglich als im Gefühl der Schwäche des Körpers. Nur der Kopf bleibt ausgenommen, dem die Schienen aber doch manchmal zuwachsen von Körpergestrüpp. Noch ist es nicht so undurchdringlich wie die seit Jahrzehnten brachliegenden Bahnschienen der Osthannoverschen Eisenbahn mitten durch die Felder, die Wälder, freigehalten nur die Bahnübergänge, auf denen nicht mehr die Gefahr besteht, von einem Zug überfahren zu werden. Fahrschüler, bade, was an Brust Dir noch geblieben, im Gestrüpp der Nacht, dem Beileibesein. Schlaf, der an Gaunerzinken hängenbleibt.
Folglich - eine Frage der Flüssigkeiten - kam ich wenigstens am Karsamstag wieder auf die Idee, mir Simon Rattles’ Matthäus-Passion-Aufführung anzusehen. Das war aber gleichgültig. Ich meine, die Wahl des Tages. Wichtig war, ich durfte mich gehen lassen - eine Frage der Flüssigkeiten. Es war nicht die Versöhnung (merkwürdiges Sohn-Etym (die zwei-drei Fotos, die ich als Jugendlicher von Ihm geschossen, zeigen lediglich eine Karikatur eines nicht ernst genommenen Menschen (das Wort trifft’s, so empfand ich ihn, als zu kurz gekommenen Menschen, als Vater nie))) in der Musik, sondern in den Gesten. Ein ähnliche Wirkung übt nur noch Pasolinis Evangelium auf mich aus. Kein religiöses Gefühl, obwohl man das Religiöse spürt. Da steckt es, sagt man sich. Und alles in einem sehr unschriftlichen Sinn.
(Zitatausklang von heute, dem 24.4.:
Weil diese Küchlein nicht gekaut, sondern geschluckt werden müssen, gleich denjenigen, so die Cosmische Familie zu Florenz in ihr Wapen aufnahm [Anm.: Die Medici in Florenz, von denen mehrere den Namen Cosimo trugen, hatten in ihrem Wappen Kugeln oder - dem Geschlechtsnamen entsprechend - Pillen.]; so sind sie nicht für den Geschmack gemacht. Was ihre Wirkungen anbetrift; so lernte bey einem ähnlichen Gefühl derselben Vespasian zuerst das Glück Deines Namens erkennen, und soll auf einem Stuhl, der nicht sein Thron war, ausgeruffen haben: VTI PVTO, DEVS FIO! [Anm.: Wie ich glaube, werde ich ein Gott. Ironischer Ausruf Vespasians, als er an einer Darmerkrankung starb.] - Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten)

III,281 <<<<

Gedenken an Gerd-Peter Eigner.

Geboren am 21. April 1942.
Gestorben am 13. April 2017.

Als einer der großen Unbekannten der deutschsprachigen Romankunst. Daran haben auch >>>> die Literaturpreise >>>> der letzten Jahre nichts, gar nichts ändern können.
Eigner 2005

Er war oft ungerecht. Doch bis zum Starrsinn stolz. Das wurde ihm in den letzten Wochen, die er im Koma lag, beinahe genommen. Einer weiteren Entwürdigung kam er durch seinen Fortgang zuvor.

>>>> Er zitierte gerne Flaubert: Man könne im Leben nicht mehr als vier Romane von wirklicher Bedeutung schreiben. Dies ist ihm gelungen.

ANH
April 2017

>>>> „Jede Sucht will ihre Katastrophe
ODER Das irdische Leben“

Geschrieben für die horen Bd. 237, 2010


Aller Jazz und keiner. Über die Musik. Zu ACT‘s 25-Jahre-Jubiläum im Konzerthaus Berlin am 2. April 2017. Nicht nur eine Kritik.



act 25 Bearb


Wir können darüber streiten, ob alles, was ich vorgestern abend >>>> dort gehört habe, Jazz sei. Siggi Loch, Chef des ACT-Labels, als er das Publikum im nahezu ausverkauften Konzerthaus begrüßte, sprach es selbst an, sprach ironisch von einer Jazzpolizei, die, sagen wir es so, Strafzettel verteile. Was allenfalls Politessen so tun (für die Männer unter ihnen gibt es aus gutem Grund keinen Namen).
Welcherart Musik etwas sei, interessiert mich so wenig wie ihn; sie muß gut sein, der Rest ist Schubladendenken.
Doch wann ist sie es, wann nicht?
Allgemeine Begeisterung kann der Schlüssel nicht sein, allzuleicht, nämlich gefällig herbeigerührte Rührung erst recht nicht. Ebensowenig die Beherrschung der technischen Mittel; meine mütterliche Freundin Renate Wucher sprach in dieser Hinsicht gleichermaßen streng wie abfällig von Instrumentalakrobatik. „Die Musik“, lehrte sie mich, „ist kein Zirkus.“ Ich erinnere an >>>> Mstislaw Rostropowitschs Satz – geäußert als Antwort auf eines Journalisten Frage zu seiner stupenden Fingerfertigkeit –: „Ach wissen Sie, irgendwann hört Technik auf, ein Problem zu sein.“ Womit er meinte, die Probleme fingen überhaupt erst da an – künstlerische nämlich: „Musik fängt dann erst an.“
Was ich meine, gleicht dem Unterschied zwischen Musikant und Musiker. Dieser muß (oder sollte, weil es hilft) ein Musikant schon sein, doch jener, notwendigerweise, ist Musiker nicht. Gute Musik erschöpft sich nicht im Spaß (der etwas anderes als Lust ist, nämlich flach); doch ohne bisweiligen Spaß – fun in der Sprache der Unterhaltungsindustrie - verliert sie ihren Kontakt zum Publikum: das hat vor tiefer Lust nicht selten eine ebensolche Angst wie vor der Tragödie, deren reinigender Ausdruck und Überwindung sie ist. Zart Gedicht wie Regenbogen, schrieb Goethe, wird nur auf dunklen Grund gezogen.
Zu betonen ist das „dunklen“.
Es ist bisweilen ein dünner Steg über sei es trübe Tümpel, sei es klare, tiefe Seen. Und leider gibt es Hochseilakte ohne Höhe. Dummerweise sind sie in der Mehrzahl. Wer im Sumpf sitzt, schaut ja doch eh hinauf und hält den abgebrochnen morschen Ast, den ihm wer hinhält, noch dann für seine Himmelsleiter, wenn schon die erste Sprosse bricht.

Nun waren Nachmittag und Abend Feierstunden; es ward ja ein Jubiläum begangen. Da muß man‘s vielleicht nicht so genau nehmen – oder vielleicht gerade darum. Denn in den vergangenen 25 Jahren haben Siggi Loch und sein Team ihr Label zum führenden des europäischen Jazz‘ werden lassen, nachdem sich das Pionierunternehmen >>>> ECM in Weltmusikskitsch verschmiert und in die rosanen Himmel der Banalesoterik hinaufenterdet hat – freilich nicht rundweg: >>>> der späte Jarrett etwa ist davon ausgenommen, der zunehmend strenger, sagen wir: konzentriert-puristisch wurde, so, wie es alten Künstlern ansteht. Hingegen sind Garbarek und Hilliard nun wirklich nicht mehr auszuhalten (- mit schwerem Herzen schreib ich das).
„Europäisch“, hier, meint nicht Ausgrenzung, sondern eine geistige Haltung, deren Grundlage Geschichte ist, sei es die von Musik, sei‘s eine politische. Da kam aus Schweden schon früh eine Rückbesinnung auf Volksmusik, gar nicht unähnlich den ungarischen Bestrebungen im Neoklassizismus. In dem Sinn nennt sich ACT auch „in the spirit of Jazz“. Immerhin bezog sich bereits dessen schwarzer Ursprung, in den USA, auf - im weiten Sinn verstanden - Folk: Spiritual, bzw. Gospel, Arbeiterlieder und Blues.
Am Anfang sind es fast immer entsprechend einfache Melodiebögen; mit der Postmoderne wurden es zunehmend nur noch Akkordfolgen, deren Teufelsfuß bereits Nietzsche erkannte („...ein Mittel des Ausdrucks, der Gebärden-Verstärkung“, Der Fall Wagner, 1888). Diese Bögen oder Akkorde werden dann in zunehmend komplexe Klanggebilde entwickelt. Bei einigen Musikern sind es sogar extrem komplizierte, die aber oft in die Melodiebögen wieder auslaufen – ein Verfahren, daß auch musikalisch nicht geschulten Ohren Befriedigung schenkt – in seltenen, weil höchsten Momenten sogar schauerartige Glückszustände. Für Aficionados sind sie sinnlich um so größer, je komplexer die Improvisation war – ja, je weiter sie über den Quintenzirkel hinausgriff.
Die Nähe der Improvisationskunst zu den sogenannten „Variationen“ in der abendländischen „klassischen“ Musik liegt auf der Hand; ein Beispiel seit dem Barock ist besonders die >>>> Chaconne. Nur komponiert der Jazz die Variationen nicht vor, sondern sie entstehen, im Idealfall, in den und durch die ausführenden Musiker:innen: Diese reproduzieren nicht mehr „nur“, sondern gestalten spontan selbst. Da die Grunderfindung (das Thema/die Melodie) meist simpel ist, gibt es Tausende sogenannter Standards als Ausgangsmaterial, die aufgrund des Verfahrens sowohl das Zeug haben, Große Musik zu werden, als auch bleiben können, was sie sind: simpel und im schlimmen Falle seicht. Doch diese Standards erlangen Berühmtheit als „Song“.
Hier genau liegen die Probleme des Jazz‘.
Sie wurden mir gestern abend vor Ohren geführt, in allen Varianzen - wie kaum je in nur zwei aufeinanderfolgenden Konzerten.
Das machte den Nachmittag so groß wie den Abend. Das machte beide schaurig. Das machte sie genauso hinreißend wie schwer erträglich. Es machte, daß ich nach viereinhalb Stunden Musik hätte weitere viereinhalb hören können und es vor allem auch hätte wollen. Statt dessen gab‘s dann Schnittchen.

Hinreißend – ob Jazz, ob nicht – begann bereits das Nachmittagskonzert. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es genügt, Youn Nuh Sah nur zu hören. Bei Ulf Wakenius‘ Gitarre weiß auch ein Blinder: eine Gitarre. Hingegen Youn Nuh Sahs Stimme (berührend Stimmchen, wenn sie nur spricht: ein‘s jeden Vaterherz im Saal ward eines liebend Jünglings wieder) ist Sang und Perkussion zugleich, ein Hauch und Sturm und fremdes Instrument. Und beobachten Sie nur ihre Hände! Schon das Heben der Arme dirigiert sich selbst. Ich war sofort an Jewgenji Svetlanovs Empfehlung erinnert, alle jungen Dirigenten möchten doch bitte Glenn Goulds Gebärden beim Klavierspielen verinnerlichen: „Das ist es, was wir tun!“ So auch streift sich oder schlägt die junge zarte Frau Maultrommeltöne aus dem Resonanzkörper, den ihre Wangen umschließen (ohne daß eine Maultrommel wäre...).
Das ist nicht neu; eine ähnlich kunstvolle Stimmklangstechnik machte schon >>>> Bobby McFerrin berühmt und ließ ihn die Grenzen der Genres weit überschreiten. Youn Nuh Sahs Stimme indes, dieses, wenn gesprochen, Stimmchen, schwillt auch zum tragödischen Ergreifen ganzer Opernsälen an. Schon ist der weite Raum, nicht nur der Mundraum noch, zum Resonanzkörper geworden. Unerachtet dessen geht sie plötzlich nach innen und trägt im herzergreifenden Stil Jacques Brels ein trauerndes Chanson von >>>> Léo Ferré vor (von „Ne me quitte pas“ Brels „p“s an den Lippen). Einfühlsamst begleitet Wakenius es auf der Gitarre, der, wie er danach problemlos beweist, auch mal ziemlich – sozusagen spanisch – loslegen kann. – Abgehakt: auch er ein Virtuose.
Für eine halbe Stunde jedenfalls Staunen, nichts als Staunen:


Es wäre kein wirkliches Jubiläum, wäre nicht auch eines der ästhetisch entscheidenden Träger des ACT-Programms gedacht worden. So war der zweite Teil dieses ersten Konzertes >>>> Esbjörn Svensson gewidmet, der vor neun Jahren beim Tauchen verstarb. Seine unterdessen fast erwachsenen Söhne spielten in des Nachmittags letztem Stück solistisch an der EGitarre und am Schlagzeug mit.
>>>> Iiro Rantala, Svensson zu Lebzeiten verbunden, hatte die Abfolge zusammengestellt. Klar, daß Hommages vorgeführt würden, etwa das sangliche Tears for Esbjörn von Rantala selbst, aber auch Esbjörns bekannteste Hits. Ebenso klar war der brandende Applaus vorprogrammiert. Immerhin war der Saal mindestens zur Hälfte mit ACT-Fans voll.
Prinzipiell gar nichts dagegen, das ist ja beinah immer so. Aber gemeinschaftliches gleiches Meinen führt in die Blendung, wenn dieses Meinen zwanzig Leute übersteigt und plötzlich tausend Gleiches meinen.
So können wir uns zwar darüber streiten, ob die pure Repetition musikalischer Themen qualitätsfähig ist, wenn sie als fast ausschließliches Mittel daherkommt. Im Minimal wird das bejaht; ich persönlich seh es skeptisch, in diesem Fall bei >>>> Adam Bałdychs als Svensson-Hommage geschriebenem Letter to eat. Mir war das Stück durchaus öde. Denn imgrunde gab es keinerlei tatsächliche Entwicklung. Immerhin hatte sich davor From Gagarin‘s Point of View zu einer balladesken Improvisation aufgeschwungen, in der sich die Instrumente - unter hohlen, sozusagen weltraumleeren und fast mechanisch durchgehaltenen Schlägen auf die Trommelränder - miteinander erst sinnierend unterhielten, dann unter zweidrei kurzen Blitzen aus der EGitarre sogar dissonnant aufbäumten, um sich schließlich sanft wieder auszuträumen. Und When Good created the Coffeebreak war ein temporeiches Wechselspiel mit virtuosen, nach Jazzart begleiteten Soli.
So weit, so – ecco – Standard. Zwar da schon war das Diktat der Gefälligkeit zu spüren. So nenne ich den Schönen Schein. Dann aber wurde es schlimm.
Das Niveau fiel auf Andrew Lloyd Webbers hinab, bei dem von einem Niveau bekanntlich nicht gesprochen werden kann. Schon Rantalas Ansage warnte: „Please give the warmest welcme to the garden of love“ - und hereindivante in Größe einer Menschenfrau eine langbeinige Barbie-Replikantin von Rauschengelsblond, deren Stimme wir „okay“ nennen können, nur daß sie sie nutzte wie jedes Schlagersternchen seit >>>> Dieter Thomas Heck. So kam es zum entsetzlichsten Pop-Sound, ich spreche von Charts, der sich nur denken läßt, auch wenn man denken sowas nicht will. Aus den „you“s wurden verhallte „jujuju“s, das Schlagzeug gähnte durch Langeweile, und daß Rantala ein bißchen dazuimprovisierte, nun jà, was sollte er denn tun? Aber selbst >>>> Magnus Lindgrens wunderschöner Flötenklang diente nur dem schönem Schein.
Das Publikum war glücklich. Es konnte, begriff ich da, gar nicht unterscheiden, hielt Flachheit wirklich für Tiefe. Um es politisch auszudrücken: Der Kapitalismus, dessen Ästhetik der Pop ist, hat über die Menschen gesiegt, sie haben ihn vollständig eingeatmet. Da durfte auf den Pop die Big Band folgen, immerhin dräuend von eines Esbjörnsohnes EGitarre rockig durchsetzt. Dann ging‘s zu Andrew Lloyd Webber zurück, bzw. seinen Brüdern und Schwestern im Ungeist, der in diesem Falle When we meet again, nun jà, „sang“. Wieder gab sich die blonde Replikantin als hüftenswingendes Gogogirl aus irgendeiner Disco Mallorcas – welch ein Unterschied zu den Bewegungen Youn Sun Nahs! – , wieder wurde keine Pfütze ausgelassen, trübe von Klischees. Das geht, tritt man rein, von den Schuhen nicht ab.
Ich schreibe „Disco“ mit Absicht, schreibe nicht etwa „Club“.

Vielleicht wird jetzt meine ein wenig lange Einleitung klar. Daß nämlich zu fürchten steht, Adorno habe recht gehabt. Es war fast so, als wollte man dem Unfug, den er über den Jazz geschrieben, nach der ganzen Geschichte des Jazz‘ – die Adorno nicht voraussah und gewiß nicht für möglich gehalten hätte; er kannte New Orleans, allenfalls noch Swing – – also es war, als wollte man dem kulturpessimistischen Philosophen endlich das Rechthaben geben. So darf der Konsument von heute gerne politisch linker Meinung sein und auch sonst mal hie wie da opponieren; die Ästhetik, die den Gegner finanziert, bejubelt er gleichwohl: sein Herz bejubelt sie.
Stehender Applaus.

Dabei geht es gar nicht um den Kitsch. Denn davon gibt es guten und schlechten.
Als ich wieder draußen saß, um die knapp zwei Stunden bis zum kommenden Konzert zu überbrücken, brachte es am Nebentisch jemand auf den Punkt. Die Vorführung war seicht.
Eben hier liegt das Problem: daß solche Seichtheit mit Wahrheit verwechselt wird. Adorno sprach vom industriellen Verblendungszusammenhang.
Dem war das Publikum erlegen.
Auch die sogenannte Klassik hat er längst erreicht, etwa wenn hier in Berlin die „neue“ Reihe >>>> „Neue Meister“ produziert wird. Nicht darum geht es, wie der Nachbar am Tisch nebenan ganz genauso genau bezeichnete, daß eine „neue Romantik“ Einzug gehalten habe; das wäre verständlich und würde sich zeitangemessene Wege suchen, sondern darum daß Romantik, die immer nach Tiefe gesucht, bisweilen sogar gewühlt hat, genau dies nicht mehr tut, sondern sehr bewußt an der Oberfläche bleibt. Also ist es keine. Sondern was so genannt wird nun, kommt aus dem Musical: Entertainment. Broadway, nicht Village.
Nein, es geht nicht um den Kitsch. Léhar ist Kitsch, Puccini auch, seicht indes nur jener. Und noch einmal Adorno: falscher Vorschein. Die Höhepunkte in Jarretts >>>> Köln Concert waren alle Kitsch, keiner von ihnen war seicht. Tatsächlich waren sie improvisierend errungen, und die Hörer:innen, durch tätiges Hören, errangen sie mit. Das machte das Konzert so groß. Auch Youn Sun Nahs Ferré-Chanson war Kitsch, seicht aber eben nicht.
Seichtheit scheint nur. Ich habe sehr bewußt den Begriff der Blendung gewählt. Geblendete sehen nicht, was hinter der Lichtquelle steht. Und wenn sie gern geblendet sind, dann wolln sie‘s auch nicht sehen.

Beinah ist es zum Verzweifeln. Denn anzunehmen, es machten da nur unausgebildete Menschen mit, immerhin die große Mehrheit, ist ein völliger Irrtum. Auf keinen Fall will ich glauben, daß die Entwickling eine Miterscheinung, gar notwendigerweise, der sogenannten Demokratisierung ist.
Es wäre schlichtweg, im Wortsinn, fatal.
„Warum muß er denn über seine Cellotöne elektronische Streicherharmonien schichten?“ fragte ich später auf dem Empfang. - „Na weil es schön ist“, bekam ich zur Antwort.
Mir hatte sich dabei der Magen umgedreht. Buttercreme ist in der Nachkriegszeit beliebt gewesen. Da war man an Durchhaltefilme gewöhnt. Der schöne Vorschein nimmt den Raum der Schönheit ein und besetzt ihn. Was wirklich schön ist, wird vergessen. Wir stehn vor Warhols Breker >>>> Koons und seufzen als vor >>>> Amphitrite. Auch an des Kaisers neue Kleider läßt sich denken.

Doch aber nun zum Abend.
Wieder ging es vortrefflich los.
>>>> Michael Wollny ist nicht nur bisweilen ein Wunder. Seine Spiellust ist enorm – etwas, das sowieso ansteckt. Über dem Manual scheint er in Atemnähe aufgehängt zu sein, sozusagen aus der Luft herabzuspielend, das Gesicht fast an den Tasten, den Hänger im Nacken. Er vermeidet die Pedale, als wäre selbst die Kraft aus den Füßen in die Finger geströmt. Das Zentrum scheint im Nacken konzentriert zu sein, an dem Aufhänger eben - dort, wo der Kopf sich mit dem Körper verbindet. Und genau so ist seine Musik:


Wenn er rast, was er gerne tut und oft, vergißt sich nie das musikalische Thema: Läufe werden nie ihrer selbst wegen gespielt. Man spürte es sogar bei Sondheims melancholischer Ballade „Send in the Clowns“, in das wie in den Abend selbst Wollnys zartes Präludium hineinfloß, bevor >>>> Nils Lundgren, der auch durchs Programm führte, mit sich selbst duettierte, rauchsingend und an der Posaune improvisiert, um- und durchperlt von Wollnys Tönen. Keine Frage, abermals Kitsch, aber guter. Auf diese Weise lassen sich tatsächlich auch Schlager nobilitieren. Es geht eben nie, in Kunst, um das Thema, sondern immer um die formale Gestaltung.
Weiter ging es funkig mit der Beatles‘ Come together, ebenfalls kein Jazz im „klassischen“ Sinn, dann bigbandig mit >>>> Wolfgang Haffner am Schlagzeug; gutgelaunt ließ Lundgren die Posaune in ansteigenden Läufen brillieren (: aber dieses Wort ist für den Klang zu hell), und Wollny raste mal wieder dazu; man warf sich die Soli nur so zu. Das, in der Tat, machte einfach nur Spaß, erinnerte an die allsonntäglichen Jazzfrühstücke meiner Bremer Jungmannszeit, in denen dazu natürlich das Bier floß. Man rauchte damals noch drinnen.
Ja. Und dann.
Es hätte ein absoluter Höhepunkt werden können. Das Ehepaar Lars Danielsson und >>>> Cæcilie Norby im Duett: Leonard Cohens Halleluja von 1984. Die Norby hat eine dunkel grundierte Stimme, die eindrucksvoll deklamatorisch zu intonieren versteht; bezeichnenderweise, wenn sie in die Höhe ging, wechselte sie das Mikro zu einem stark verhallten. Schon das ist natürlich Show, war hier aber nicht das Problem. Als viel heikler empfand ich, daß Danielsson, der doch wie kein zweiter versteht, einen Kontrabaß singen zu lassen, seine gezupften, einmal sogar die Mandoline imitierenden Cellotöne mit elektronischen Streicherharmonien unterlegte, die alles, alles falsch werden ließen, indem sie den Kitsch des Liedes, ihn in – ecco: scheinbar – höhere Sphären aufsteigen lassend, eben ins Niedere, Seichte hinabzogen. Das war ärgerlich und verstimmte mich um so mehr, als ich gerade Danielssons Spiel sonst ausgesprochen verehre. Ach, welch ein hinreißendes, unseicht berührendes Duo dies hätte sein können! Aber nein, es mußte, wie mein alter großer Lektor Delf Schmidt es auszudrücken pflegt, mit der Speckseite nach dem Publikum geworfen werden.

Typisch aber für den Abend, daß hinter dem Künstlereingang die Versöhnung schon bereitstand. Und was für eine!
Lars Danielsson blieb sitzen, nein, er erhob sich und stellte seinen Baß auf. Und dann kam >>>> Dieter Ilg heraus, dessen Variationstrilogie auf Verdis Otello, Wagners Parsifal und ihn prägende Stücke Beethovens für mich zu den herausragenden, eindrücklichsten Jazz-CDs der letzten Jahre gehören:


Nun lieferten die beiden sich ein virtuoses Duell auf einen der so bekanntesten Gospels der Weltgeschichte, daß man das eigentliche Thema tatsächlich nur andeuten mußte. Es war einer der seltenen Momente, in denen das plötzlich hineintrommelnde Schlagzeug zu geradezu einem Modulationsinstrument wurde. Der Jazz war zu sich zurückgekommen.
Mehr als in anderen Klangkünsten geht es bei ihm um Verschmelzung der Klangsysteme. Welchen Absturz ins Banale das bringen kann, hat ECM bezeugt. Man kann sich aber bewahren, wie gleich danach >>>> Nguên Lê gezeigt hat. Schnell freilich lief das nur zitiert pentatonische Vorspiel seiner Gitarre in eine auf Tutti angelegte Jazzrhapsodie über, unter der ein deutlich spanischer (ursprünglich wohl maurischer) Rhythmus lag – gewiß noch eine Prägung aus >>>> Lês Maghreb & Friends:


Wundervoll darin Lundgrens Posaunensang, eher traditionell das Fandango-Solo wieder Lês selbst, aus dem kurz Wollny herausblüht. Erneut die langgezogene Klagelinie der EGitarre mit Standardläufen, doch von Lundgren umbordet - kurz beider hervorgehobenes Duo, und der Fandango schließt mit quasi Flamenco-Akkordschlag. - Das ist unterhaltsamer Jazz at it‘s best, nicht sonderlich anspruchsvoll für die Hörer:innen, gleichwohl ohne sich restlich unters nur-Gefällige zu beugen.
Sowas nehm ich gern mal mit, auch wenn es auf Dauer nicht reicht.

Den letzten Schmalz blies mir, im Wortsinn, nun >>>> Emil Parisien aus den Ohren. Bezeichnend – und für ihn gewiß eine Ehre – , daß er für das folgende Duo mit >>>> Joachim Kühn auftrat – dem, schon gar durch falschschönen, Schein, völlig Unkorrumpierbaren. Man höre sich nur einmal seine und Eric Schaefers Summertime-Interpretation auf Beauty & Truth an, einem in diesem Zusammenhang höchst bezeichnenden Titel:


Joachim Kühn hat seiner Musik die gesamten Aufbrüche auch der Neuen Musik bewahrt, die in den Free Jazz führten und schließlich in das, was >>>> Heinz Sauer, noch zu >>>> Mangelsdorff s Zeiten, Free Music nannte (es gab sogar ein eigenes Label dieses Namens); er scheut keine Dissonzanz, konzentriert die Presti aber auf das eleganteste ins Balladenthema zurück, dreht chromatisch zur ersten Variation, kongenial, hier stimmt das abgegriffene Wort, von seinem so viel jüngeren Kollegen nicht nur assistiert, sondern nach einer knappen Klaviergebärde des Aufbruchs wird dieser zum leitenden Gestalter. Und fürwahr, seine Bläserfolgen durchziehen den gesamten jungen Mann, dessen Füße und, ja!, Unterschenkel mit über die herausgestoßenen Tonleitern surfen. Alles wird crescendierender Tanz, gleichermaßen aggressiv und zärtlich, dann das Thema erneut, absteigende Folge, nochmal kurze Variation und Schluß.
Wohlfühlmusik war das nicht - endlich einmal fern jegliche, wie Thomas Mann zu Walküre Aufzug I naserümpfte, Kuhstallwärme.
Ich habe zum ersten Mal „Bravo“ gerufen; die andern riefen „Whouw“ oder „Boa eijj“ und dergleichen Lautmalerei‘n. Unsere Sozialisation (sie bedeutet Prägung) läßt sich halt nie auf Dauer verbergen; wir sind schon ein bißchen mechanisch.

Das folgende Stück gab sich dann wieder eingängig, sozusagen versöhnlich. Nett vor sich dahingespielt, mit elegischen Soli und Akrobatik an der Gitarre, die irgendwann pfiff, drunter durchlaufendem Beat, Bałdychs irisch fiedelnder Geige, was dem Thema völlig entsprach, es eben nicht transzendierte; nur Kühn, tonal, brach aus, lief quasi einen Halbton drüber, konnte aber das Feuer nur schüren, nicht zum Brennen bringen. Dabei wollte die Glut kurz vor Ende doch noch Flamme werden, als sich über EGitarre und Besen die festen Harmonien momentan auflösten. Hier nun wäre sie eigentlich losgegangen, die Musik. Aber, wie einst Godard sich selbst sagen ließ (Prénom Carmen, 1983, ich zitiere aus dem Gedächtnis): „Sie hören immer auf, bevor sie angefangen haben.“
Ich konnte freilich noch nicht wissen, daß nur der wirkliche, zumindest für mich, Höhepunkt des Abends vorbereitet worden war, den nun wirklich komplett eine neue Generation gestaltete, der Sprach- und Sangkünstler >>>> Andreas Schaerer, der Akkordeonist >>>> Vincent Peirani, der sich einiges bei >>>> Jean Pacalet abgehört haben dürfte, Emile Parisien noch einmal am Sax und – eigentlich logisch – Michael Wollny. Im Mai wird von ihnen eine CD erscheinen, merken Sie sie sich unbedingt vor. (Es gibt noch keinen Link darauf, deshalb immer mal wieder bei >>>> ACT unter Neuerscheinungen gucken).
Schaerer ist nicht nur ein Sänger vom Schlage Bobby McFerrins, er ist mindestens ebenso Mundschlagzeuger. Seine virtuosen Fähigkeiten gehen weit, sehr weit über die pure Imitation hinaus; sie wissen ihre Mittel ineinander zu verschleifen oder eines aus dem anderen herauszuholen, nicht selten parallel mit den Mitspielern geführt; die Erde für alles ist hier das Akkordeon. Unglaublich beeindruckend, wie die vier unvermittelt die Register wechseln, ja ganze Assoziationsräume ineinander verschachteln, sich Zeit, plötzlich ganz viel Zeit lassen, und das Akkordeon spielt an irgend einer verlassenen Pariser Ecke vor sich hin. Diese Musik erzählt einen akustischen Spielfilm, aber erzählt ihn modern mit Cut-up-Momenten, unversehens dem großen Ton des Saxophons, wir sehen eine nachtkahle, nasse Chikagoer Straße, wenn der Klang aus irgendeiner Jazzkneipe durchs Kellerfenster hochdringt, worüber sich ebenso unversehens Buenos Aires (das literarische Borges') legt. - Sie ist, diese Musik, im intensivsten Maß Weltmusik also, aber eben nicht banalesoterisch, ja nicht die Spur esoterisch oder sonstwie semireligiös, sondern so realistisch nüchtern wie phantastisch überbordend; ich habe dergleichen kaum je gehört. Sie ist verspielt zugleich und streng, erzählerisch, kitschig, kritisch, verträumt; sie ist voller Gesten und Abbrüche, voller Anspielungen und neuer Erfindung. Sie schmettert und raunt, und sie gurrt.
Alleine hierfür hat sich dieses Konzert gelohnt. Und weil ich derart begeistert bin, hier noch eben die CD, die ACT bereits von zweien der viere, Peirani und Parisien, produziert hat (ich kenne die Aufnahme aber selbst noch nicht):


Ich hätte jetzt gehen sollen, mit diesen Klängen in Hirn und Herz, und im Bauch, und in Geschlecht und Beinen. Hätte nicht mich wieder aufs Fahrrad schwingen, sondern gehen sollen durch die Nacht.
Doch ich blieb. Ist halt Berufsehre: daß man auch alles gehört hat, bevor einer schreibt.
Da nun aber Wollny wieder spielte, konnt‘ ich beruhigt sein, sogar zweifach: Es folgten je ein Duo mit Schlagzeug. Das erste, mit Eric Schaefer, eine meditative Klangbesinnung, deren einfaches Thema von Anfang an tonal unbestimmbar bleiben wollte, sozusagen seinen Namen verbarg, den die notwendigerweise folgenden Läufe umspielten und denen das Schlagzeug Erde war. Er machte sich der ewigen Suche und Sucht nach Wiedererkennbarkeit nicht gewöhnlich, geschweige denn breit. Das hatte schlichtweg Klasse.
Und mit dem zweiten, mit Wolfgang Schaefer, will ich schließen.
Es war ein Kabinettstück der witzigsten musikalischen Dekonstruktion, in die Louis Primas „Sing sing sing“ von 1936 geriet, jedenfalls >>>> die Fassung Benny Goodmans. Wollny zerlegte den, ich will einmal sagen, Al-Capone-Klang schlicht in seine Grundbausteine, nachdem Schaefer aus dem ursprünglichen Zwischenspiel des Schlagzeugs ein paar Sekunden lang nichts als ein trotziges Fußaufstampfen brachte. Wieviel Henry Mancini bei Goodman abgekupfert hat („The Pink Panther“) war nun zwar nicht mehr zu hören. Statt dessen überführte Wollny das Motiv in einen Momente währenden Partitaklang Johann Sebastian Bachs; für Kenner ein ganzer Sonnenaufgang. Genau hier beweist der Jazz, was er ästhetisch kann, und reflektiert zugleich die Polystilistik Alfred Schnittkes, der von ganz anderer Seite her solche Metamorphosen vollbrachte.
Imgrunde war dies, „klassisch“ gesehen, eine Zugabe, die um das gesamte Konzert eine klug balanzierende Formklammer legte.
Nur wissen die Leut‘ halt selten, wann‘s genug ist. (Ich hatte es ja selbst nicht gewußt, bzw. ignoriert). Schließlich sollte gefeiert werden, das Publikum von den Stühlen gerissen sich an den Armen fassen, winken, hüpfen, vielleicht sogar mitsingen, ja, mitsingen auf jeden Fall. Also was nimmt man?
Man nimmt natürlich die Barbie-Retortin vom Nachmittagsprogramm, die wackelt wieder mit den Hüften. Singen soll sie auch noch mal. Dazu tutti auf die Bühne, und frutti machen wir auf Disco.
Taten sie. Der Saal des Konzerthauses dröhnte, wankte, johlte.
„Gute Laune!“ Frei nach Sven Fäth.
Als eine Horde Affen, denen Affen Zucker geben.
There is no abyss not to fall in.

(‚s ist meine eigne Schuld, ich hätte wirklich gehen sollen. Mit zweiundsechzig kenn‘ ich die Menschen immer noch nicht. Aber wann hat man je solch Höhen und Tiefen beisammen? Jazz ist, was die Welt ist. Bei ACT können wir sie hören, auch wenn sich solche wie ich hie und da mokieren. Schon das nächste Stück kann sie ja wieder glücklich machen.)

ANH, Berlin
3. & 4. April 2017


ANHs Traumschiff. Verlegt von mare in Hamburg.



Foto und Fotografie des Buchumschlages
(copyright): >>>> Jan Windszus


Alban Nikolai Herbst
Traumschiff
Roman


mare


320 Seiten.
Gebunden mit Schutzumschlag.
Lesebändchen.
22 Euro.


III, 280 - Bei Äskulap

Gegen zwei löste ich mich kurzentschlossen vom Schreibtisch. Es war nichts mehr abzuliefern. Aber die Ballhörner setzten mir zu viele Tuten und ebenbildlich Blasen auf die gar nicht mal geometrisch abgebildete Körperfläche, sondern verkörperten sich im Schmerzraum, gumpten, hornbosselten, als wollten sie mir in den jeweiligen verrenkten Verzuckungen klar machen, wie vielleicht John Clarks Schneider es angestellt, “an seinem Leibe jede Verwachsung nachzuspielen und sich in jede einzuschießen” (Jean Paul, Museum - II).
Schon in den letzten beiden Nächten ließen mich diese Borstenzöpfe lange dem ‘in einem Fort’ entsagen und die Hand bzw. die Extremitäten der Finger maulschellig behandeln, auf dass sie keinen Blutacker auf all den Abschellerungen für die lenzliche Spiegelernte ziehen.
Es war eine Stunde vor der Sprechstunde, und ich lief stracks. Ich brauchte eine chemische Formel, zusammengezurrt in die Form einer per os, also durch die Gurgel-Schnute einzunehmenden Flachscheibe, genannt Pharmakon. Aber das Wartezimmer war schon voll.
Der einzige freie Stuhl stand im prallsten Sonnenschein nah der Tür. Die rechte Gesichtshälfte nahm die Form eines Sonnenpolsters ein, aber im unbesonnen vorbewussten Drängen erhaschte ich bald einen unbesonnten Platz, denn stur auch hätt’ ich gern an der Tür festgehalten, die offen stand.
So wie das Lesen in Eggers ‘Harlekinsmäntel & andere Bewandtnisse’ (hieraus die kursiven Wörter) zwar offene Eingangsohren fand, aber auch Ausgangsohren, aus denen sie ziemlich unverdaut wieder herauskamen. Doch fehlte es nicht zuweilen am Inkrement der Anverwandlung, trotz des dunklen Tappens im Geäst des unzuzweit. Es war schlicht das handliche Format, das ihn mich mitnehmen ließ.
“Deutsch.” So der neben mir, nachdem ich in den Schatten geflüchtet, aus der Nachbarschaft, der ins Buch hineingeschielt, sonst fanden wir bisher keine Distanzen zerstörenden Grußherzlichkeiten. Also dennoch Wiedererkennen. Er habe mal in Basel gearbeitet.
Aufgeschnappte Sätze: “Eh sì, siamo a fine marzo.” - “E quanti anni ha tu’ madre?” - “Ma quell’altra ne ha 106!”
Bis ich dann doch endlich fingern durfte an meinem freigemachten schwärigen Schalksnarrengewand: das sei neu, das an den Armen des Armen, und da am hinteren Oberschenkel sei auch was Neues. “Tip.” “This is a ttrinch. This is mistletropes.” (FW 9). Ziemlich geschundenes Dasein zur Zeit. Hier zwei Mal die Unterlippe an die obere Zahnreihe pressen und die Lippen einen U-O-Laut formen lassen. Und Äskulap verschrieb.
Es träumt sich allemal besser, wenn die Nacht keine Ungeheuer losläßt. Oder meinetwegen traumlos tief.
Und noch schnell zur Post, nach der schwarzen Katze der Neffen Ausschau halten, die aber nicht zu sehen gewesen. Denn deren Mutter bemuttert sie, die Neffen, wieder mal eine Woche in Rom. Und Lampe muß Katze füttern. Neffenmütter in Rente sind… das Gegenteil der “prästabilierten Harmonie”, “kraft welcher späterhin alles durch die in den Dingen angelegten Tendenzen hervorgeht”.

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