Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.
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III, 320 - Auch eine Art Hutablage

Jetzt, da alles vorbei, auch die Beruhigungspille, daß am Nachmittag die Massengrill-Utensilien unten auf dem Platz fortgeschafft worden sind, schrieb ich gestern. Heißt: zwei Parkplätze mehr. Die ich zwar nicht brauche im Moment, denn den einen Ferrari (für den Fall der Fälle) trage ich in der Tasche mit mir herum, und der Rolls Royce liegt eh’ unterm Kissen, damit ich besser schlafen kann, aber man kann nie wissen. Eher ein Auf-der-Hut-sein, als ein Hut-auf! (Nee, such’ ich jetzt nich’, die Hut-auf-Hut-ab-Parodie bei Jean Paul. Ich wüßte nicht mal, wo anfangen. (Ick werd’ ma hüten)).
Er einst in Epidauros da mal
Die Sonne schien: es war eine Qual
Kauft’ sich ‘n Strohhut
Und sie: “Steht dir gut.”
Verdarb ihm so, verbibscht!, seine Wahl.
Überhaupt sehr eingezwängt in Fragnischen, deren Antwortnischen noch auf ihren Architekten warten: vorsichtich - jednfalls - wenichst(e)ns (ZT-Wörter). Liegt daran, daß ich die Beginnisse meines Schreibens hier in diesem Tagebuch derzeit formatiere, dabei zwangsläufig im Schneckentempo gegen den Strich, der ich bin, wi(e)derlese, eventuell korrigierend bzw. streichend (wobei ich noch zu zaghaft bin) aufarbeite. Einen Link setze ich nicht. Es ist selbst für mich eine Zumutung, diese Eheelendsendbeschreibung, schrieb ich gestern. Und wobei mich ständig dieses Wort “Zumutung” verfolgt.
In die Tage selbst schlich sich nun tatsächlich Ruhe, derer Herr zu werden ich abermals üben muß. So Kleinigkeiten. Das Essen beispielsweise. Seit zwei Tagen nichts auf dem Herd zubereitet. Brotfresser. Wortfresser. Und endlich heute das Römische Imperium zum Untergang gebracht. Thanks to Mister Gibbon.
Dennoch gestern ein Loch mitten im frühen Abend (die Fü(h)r-Abende). Und mochte dann doch mehr hier am Küchentisch sitzen zwischen Egger (“... Auen // (die zuen Augen) // (wachsen”) und Ibn Hamdis (“Aber als ich mich durch einen Schluck daran laben wollte, flatterte, ein umsichtig Vögelchen, sie hinfort. Nun sag’ mir einer von einer Sonne, die untergeht, wo sie aufzugehen pflegt”) und ging mir anschauen im Chiostro Boccarini >>>> diesen Film. Ein fiktiver Ort, meinetwegen in Kampanien, das Verweben antiker Riten mit Platzkonzerten und Hochzeitsklamauk. Eine Art anthropologischer Film auf dem Drahtseil einer gewissen Musik, in die sich zuweilen die Tarantella einwob. Es gab Momente, da mußt’ ich breit lächeln. Wahrscheinlich dann, als der Dorftenor auftrat und herzhafte Arien schmetterte. Das war grandios. Weil er nur sich meinte und sein Dorfpublikum.
Begegnungen auch, die sich heute wiederholten. Heißt: ein Wiedererkennen von Gesichtszügen, ohne daß man sich kennt, und dennoch ein freundliches Grüßen.
Und werde mich wieder mal an einer Aubergine versuchen, die ich in Scheiben geschnitten und gut mit Salz bestreut.

III,319 <<<<

Kinderbücher. Von Huxley.


„Lesen Sie es, lesen Sie es! Es ist natürlich ein Elementarbuch, eine Jugendschrift. Aber man soll nicht heranwachsen, ohne alle Kinderbücher gelesen zu haben. (...)“

Mark Rampion in Point Counter Point, 1928
(Kontrapunkt des Lebens, Herlitschka, 1963)
Huxley Kontrapunkt 1

Als Hutträger

fiel mir auf, daß Hüte im Sommer zu tragen, nichts anderes als ein Zeichen masochistischer, nämlich insofern leerer Eitelkeit ist, als sie ihre Träger quälen. Sie schwitzen darunter, ohne daß der Schweiß aufgefangen würde – und wenn er es wird, verunschönt er das Material: hinterläßt Flecken auf dem Hutband, die nach dem Trocknen aussehn wie von Salz, das sich zudem nur schwer oder gar nie mehr ausbürsten läßt. Der Schweiß, wenn noch naß, staut sich zwischen Haut und Hut, bildet dort schließlich kleine Kanäle, durch die bei lockerem Aufliegen Tropfen auf Gesicht, Nacken und Schultern fallen. Die Haut selbst tut sich zu atmen schwer, und es wird drinnen wärmer noch als draußen. Sitzt der Hut aber fest, staut sich die Nässe, und es wird erst recht unangenehm.
All dies nur, um zu gefallen oder Eindruck zu machen, sei es sich selbst, sei es den anderen. Um vorzugeben, daß man(n) wer sei. Wenn dies stimmt, und man ist es, kommt mir die leichte Qual ganz unnötig vor; ist man(n) es nicht, dann unsicher und schwächlich – wovon abermals der Hut ablenken soll.
Mag sein, daß Strohhüte neben dem Vorschein, den ihre Eleganz vermittelt, tatsächlich die gute Funktion erfüllen, die Kopfhaut vor zu starker Sonneneinstrahlung zu schützen; daß es darum aber wirklich geht, bezweifle ich aus Erfahrung. Denn das Problem mit einem Schweiß, der nicht kultiviert abgeführt wird, stellt sich auch unter Strohhüten ein – eine Erfahrung, die ich gerade erst auf der toscanischen Insel gemacht habe.
Nun wußte ich alldies längst, aber mochte es mir nicht zugeben. Gestern abend indes wurde mir diese Erfahrung unangenehm. Ich sah, im Garten des Literaturhauses Fasananstraße sitzend, solchen Hutträgern immer wieder zu. Meist waren es Männer aufwärts fünfzig. Ihre hellen Hüte leuchteten, mehr indessen nicht. Zumal ist in unseren Breiten, besonders solch nassen Sommern wie diesem, ein Schutz vor Sonne ganz obsolet. Bei jüngeren Männern allerdings bin ich geneigt, bei solchen unter Dreißig, den eitlen Masochismus nicht mit Scham, sondern mit zärtlicher Ironie zu betrachten, da ich wieder den auffahrenden Jüngling in ihnen erkenne, der ich selbst einst gewesen.
Etwas anderes übrigens ist es mit Tüchern oder Handtüchern, die um den Kopf geschlungen. Hier geht Eitelkeit mit Funktion ineins: Die Funktion lächelt sozusagen, sie verbindet Botschaft mit der objektiven Erleichterung, um derentwillen die Ausstaffierung erfolgt ist. Also drängt sich das Eitle nicht auf, sondern ist, was es sein sollte: Spiel.

III, 319 - Repeat that, repeat

Ab diesem Moment wird’s wohl nicht mehr so sein, daß ich in der Stille die Kühlschrankgeräusche im Kopf zu Trommeleien oder gar zeitweise in eine Joni-Mitchell-Weise umwandle: Gehörhalluzinationen. Denn zumindest mit dem Trommeln ist’s vorbei für dieses Jahr. Und die Stille ward nun unterbrochen durch Pink Floyd, was jetzt zwei Stunden so fortgehen wird (irgendein Konzert in Montreux, ganz leise und fast schon subliminal wie üblich im Supermarkt der nach Worten suchenden Bilder, die an den Regalen entlangwandern (Cheap Oooze to Operate Proposals (zu deutsch: Koof mich))).
Normalerweise hätte es gestern heißen sollen: Weiße Nacht (aber nicht im Sinne von Dostojewskis Белые ночи (wieso habe ich die Verfilmung von Visconti nie gesehen? (nachher mal bei YouTube schauen (das mir neulich sinnreich die Nacht des hl. Lorenz von den Gebrüdern Taviani beschert))) im Sinne von Remmidemmi in allen Gassen und der Unmöglichkeit, vor drei Uhr nachts ins Bett zu gehen. Nun haben sich aber hierzulande die Sicherheitsvorschriften verschärft und die Pro Loco und die Stadt standen eh’ vor leeren Kassen.
So kam es ziemlich kurzfristig zu privaten Initiativen (‘privat’ insofern, als es sich um private Bar- und Restaurantbetreiber handelte). Und so sorgten dann doch insgesamt sieben Bands für den gehörigen Lärm. Das Schöne daran: aber nicht in der Oberstadt.
Ich sagte gerade: es sei alles vorbei. Da ertönte auch schon der Singsang einer Prozession, als ich mich kurz der Tür zum Hof näherte: Mariä Himmelfahrt!
Aber die Ruhe (die Ruhe) war dann doch nicht da, ‘gemütlich’ ‘zu Hause’ ‘zu sitzen’ und Leseblüten zu zupfen: ich lieb’ mich, ich lieb’ mich nich’, ich lieb’ mich, ich lieb’ mich nich’. Zumal ja auch die Whips angekündigt waren, deren Sängerin ich schon zweimal bewundert hier in Amelia, die da recht ‘erfolgreich’ sich sogar an Janis Joplin versucht.
First thing I did: Richtung Valda, naserümpfend vorbei am Baronetto, dem Terrassen-Restaurant, aus dem es recht schwofmäßig schallte. Aber bei Valda noch alles still. Sie saß gerade draußen auf ‘meiner’ Bank und machte Zigarettenpause neben einem, dem ich mal kurz vorgestellt wurde vor langer Zeit, einem Engländer mit langem schütteren Haar: Pittore.
Ließ mir von ihrem Sohn ein Weißbier zapfen. Und setzte mich neben den Engländer. John. Wir kamen ins Gespräch, irgendwann sprachen wir nur noch auf Englisch. Ich freute mich darüber, daß es tatsächlich noch klappt. Und mit ihm machte ich dann meine Runde.
Hier ein Bier und da ein Bier. Zunächst Easy&Deasy in der Gartenanlage, der Sänger und auch die Anderen hatten tatsächlich die Gabe, eine ACDC-Atmosphäre ziemlich gut nachzuahmen. Also saß man da länger. Er indes schickte Bilder davon an seinen Sohn in “northern England”, der ihm im Vergleich zu ihm doppelt geraten. Handschlag mit den Neffen.
Dummerweise wurde es dann doch immer schwieriger, in dem Schwurbel sein Englisch zu verstehen. Und ich ‘sagte’ oft einfach nur stumme und affirmative Kopfgesten. Und wechselten zum nächsten Bier in front of the Whips. Dies im Stehen, aber nichts Neues unter dem Mond. Es sei, sagte ich zu ihm, wie in dem Gedicht von Emily Dickinson… Dickinson? Ich sagte Dickinson. “Repeat that, repeat” und muß nun entdecken, daß es von >>>> Hopkins stammt. Die Erinnerungsscherbe spiegelte den Schein einer dieses Mal falschen Sonne. Womit ich meinte, die spielten alles immer nur noch nach. Denn auch die Whips wußten nur mit Eurythmics, David Bowie und Freddy Mercury usw. aufzuwarten. Ein bißchen eine Enttäuschung.
Das Repertoire von vor dreißig Jahren ungefähr. Die eine Band dazwischen, die nichts als versöhnliche Discomusik zu bieten hatte, ließen wir sowieso links liegen. In der Zwischenzeit hampelten drei Amerinerinnen hinter uns im Schlepptau des einstigen Hasenlieferanten, der dann aber verschwand. Mein Englishman ständig im Plausch mit der einen, der nicht wirklich Schöneren der Drei.
Es wurde beschlossen, durchs Tor zu fünft hinaufzugehen. Auf halber Strecke dann Blues&Rock: Repeat that, repeat. Nice. Noch ein paar Begrüßungen, ein paar hippe Verrenkungen zur Musi’ mit den drei - in sich hineintanzend die Eine mit dem auffälligeren Körper, die Schultern rhythmisch zuckend die Andere, mit der mir dann noch ein Take Five gelang (die kühlen Hände!), den Annäherungen des Engländers sich Entziehende die noch Andere - verharrenden, aber wie ich nichts erwartenden -Innen.
Oben dann gegen zwei, auf um zehn.

III,318 <<<<

III, 306 - Hab’ ich jemals gebrüllt?

Hab’ ich jemals gebrüllt? Die Frage stellte sich auf Seite 299 von >>>> ‘Mammut’, das die Gedichte >>>> Gerd-Peter Eigners enthält, die 2016 erschienen sind. Letzte unverklausulierte Spur eines, dem ich beim Lesen gern das Epitheton “Voilà, un homme” zumesse. Es ist, wie es ist. Nicht das, was man sich unter einem Gedichtband vorstellt. Nichts Destilliertes, eben anders hochprozentig. Und mit Bernhard bin ich sowieso nicht einverstanden, der in ‘Holzfällen’ Paul Celan als einen “beinahe wortlosen Dichter” bezeichnet. Es ist mit dem Dichten eine ganz eigene Navigation. Und so steht es da auf Seite 299 als Titel des IX. Kapitels: “Hab ich gebrüllt”.
Stieß mir auf. Ich kann mich nicht erinnern, jemals gebrüllt zu haben als hier ab und zu am Schreibtisch, dann aber mit Lust. Brüllen als Selbstzweck. Nicht als Entfesselung aggressiver Tiraden. Auch nicht vor Schmerz. Eher verkroch ich mich in ein unbestimmtes Beten, das einfach nur den Schiß übertönen wollte, der sich einstellte. Mit Sicherheit wahrscheinlich das eine Mal, als ich mit gebrochenem Arm auf dem Sofa auf die abwesenden Elter wartete (als ich auf den abwesenden Eltern auf das Sofa wartete).
Aber zum Anbrüllen braucht es immer jemanden, den man anbrüllen kann. Und statt des Brüllens zog ich in solchen Fällen das Zertrümmern von Gegenständen (2006) oder die Entfernung meiner selbst vor (Weglaufen, einmal Pillenschlucken). Einmal endete es in einer Ohrfeige für meinen Cousin, der einem anderen den Vornamen Mutter gesagt hatte, über den er, der eigentlich Nichtswürdige und Ohrfeigenuntaugliche, sich dann lustig machte.
Gestern herrschte noch Durchzug, und hatte seinen Sinn zu sagen: Lorbeer im Wind und Wörter, die mit S anfangen. Nichts davon heute. Die S-Trümpfe schon längst ausgespielt. Der Lorbeer rührt sich nicht.
Nicht bei den Kartenspielhexen in der Garage, die mich gerade mal so bemerkten, aber eben doch bemerkten: ein Blick geschieht immer.
Ebenso gestern, da saß mein Tabaccaio dabei und fragte aus der Garage heraus: “Wohin des Wegs? Zu mir?”, obwohl er in Wirklichkeit fragte: “Vai là?”, und ich antwortete: “Sì, vado là.” Womit all das Gemeinte gemeint war. Als ich auf dem Rückweg wieder daran vorbeikam, saß er immer noch da, bemerkte mich aber nicht, denn er schaute auf den Garagenboden.

[...] und anstimmen die Untertöne
die herber sind als die Melodie
denn dunkel ist das Licht
das im Hellen leuchtet
und schwerer
genauer
gerechter die Nacht
als der Tag

Eigner, Omelett und Nachtisch

III,305 <<<<

Ab Herbst 2017:


Joyce Chamber Arco Entwurf
Arco, Wien
>>>> Herbstvorschau 2017


Lektorat in Amelia


Lektorat in Amelia
Morgengang zur Panetteria hinab
(Pizza bianca per il prosciutto
La mia prima colazione giornaliera)

Und an ein Gedicht mal wieder gedacht
zu leben und sterben - und wiederzuleben -
im Süden mit von Sonne brennendem Nacken


Joyce Chamber Arco Entwurf

Maria Evans-v.Krbek,


die Lektorin der >>>> Fenster von Saint Chapelle, ist am Abend des Sonntags, dem 25. Juni 2017, aus dem Leben geschieden - einen Tag nach ihrem 34. Geburtstag. >>>> Peter H. Gogolin hat dafür >>>> ein inniges Kondolenzgedicht verfaßt, worin er sie Ariadne nennt, die aus den Händen den Faden verlor. So bleibt auch Theseus ohne Ausweg.
Ich selbst hatte zu Maria seit Jahren nur noch einen allenfalls losen Kontakt; er verlor sich mit meiner Trennung von den Kulturmaschinen. Nur am Rande hörte ich immer mal wieder von ihr. Und daß sie unglücklich sei. Nun hat der Engel auf dem Buchumschlag, dessen Fotografie >>>> Isolde Ohlbaum dieser Ausgabe unentgeltlich zur Verfügung stellte, eine beklemmende Bedeutung bekommen.

Maria war eine kluge, sinnliche und gerade in dieser Sinnlichkeit mutige Frau. Auch aber deshalb war ihr der Weltlauf nicht gut.

ANH, Juni 2017

Fenster von S Chapelle amazon

ANHs Traumschiff.



Foto und Fotografie des Buchumschlages
(copyright): >>>> Jan Windszus


Alban Nikolai Herbst
Traumschiff
Roman


mare


320 Seiten.
Gebunden mit Schutzumschlag.
Lesebändchen.
22 Euro.


Selbstverständnis: nicht Credo, doch Wille.


Es war und ist ein Ziel meines Lebens, ein freier Mann zu sein – selbst, sollte dies Unglück bedeuten.

(Daß Freiheit glücklich mache, ist ein Irrtum der Ideologie und des Kitschs.)

>>>> Credo & Wille

Soeben beigetreten.


Diem25

III, 296 - MONDän

Cirrocumuli und die schreienden Dämmerungsaviatoren verlockten mich ins Weite, und so ließ ich eine gewisse Veronika “herzklopfend” stehenbleiben „vor einer buntbemalten Bude, vor der (...) ein Kalb mit nicht wie sonst vier, sondern fünf Füßen“ (>>>> Britting, Valentin und Veronika (je nun, juristische Spitzfindigkeiten erfordern leichte Lektüre nebenbei (siehe >>>> vorigen Beitrag))) angepriesen wurde. Und ging. Erst nach Westen.
Dort die Ukrainerin M. mit ihrer Freundin, die ich zwar oft sehe, aber nicht kenne, sie trägt oft einen Pferdeschwanz, führt einen kleinen Hund mit sich und fährt einen Mini, aber sie sprechen italienisch miteinander, also kein Relikt der Sowjetunion, aber aus dem Osten schon nach meiner Einschätzung.
Kurzer Wortwechsel mit M. vom Platz herauf zur hochgelegenen Eingangstür mit der Nummer 1 oben rechts. Wieder kam ich an der entweihten Kirche vorbei. Ich dachte schon gar nicht mehr ans Tanzen, als ich hinter mir Schritte hörte.
M.’s Freundin! - Es wäre popelig gewesen, sie nicht anzusprechen. Immerhin weiß ich jetzt, wie sie heißt.
Aber vorm Tor sah ich von weitem schon jemanden sitzen. Das verleidete es mir. Es wäre einfach zu viel gewesen, noch ein Minigespräch anzufangen. Also umblättern, um gen Osten zu spazieren: Porta Posterola. Wo mich ein Mondkuß mit Halo umfing (ein zweites ‚l‘ gehörte eher mir) bzw. empfing. Und rauf zum Dom! Let’s got, let’s go, noch mehr Küsse rauben! - Aber so erwischt man sich, denn als ich grad googelte, ward mir der assoziierte Mohrenkuss zum Negerkuss. So hieß er nämlich tatsächlich. O tempora, o mores!
Niger eher ich in der Dämmerung, der ihm, der leuchtend und ziemlich groß (weil noch nicht so weit über dem Horizont (nachts gibt es zur Zeit einen Moment, wo er als gleißender Punkt und nunmehr hoch am Himmel mir in den Schlaf hineinfuchtelt), dann gegenüberstand, lützelhübsch (den Zettel, auf dem das Wort von >>>> Fischart stand, heute zerrissen) ein feiner Spiegel, und unsereiner als Negativ verlangt nichts anderes, als ins Entwicklungsbad gelegt zu werden. Aus Schwarz mach Weiß und viceversa.
Der Soratte war noch gut zu sehen, die Lichter von S. Oreste auf seinem niedriger gelegenen linken Sattel.
Hinab erneut am Palazzo Petrignani vorbei und zu dem Platz, wo ein Gebäude immer noch eingemeißelt die Aufschrift “Poste e Telegrafi” trägt, darüber eine Garibaldi-Büste. Da klang’s aus dem Palazzo oben wie Klavier.
Ich ging zurück.
Jemand rauchte draußen. Wer da spiele? „Kinder“, sagte der.
Tatsächlich, der Saal voller Eltern, Tanten, Onkel, vielleicht auch Omas und Opas, Geschwistern, Cousinen. Vorne ein schon etwas reiferer junger Mann am Klavier. Was er spielte, weiß ich nicht. Dem Abend gemäß hätte ich mir einbilden können so etwas wie ‚Claire de lune‘ oder irgendein Nocturne. Dann folgte etwas Rhythmisches.
Wahrscheinlich war’s die Lehrerin, die ihm die Notenblätter umblätterte. Was mir auffiel. Denn oft sah ich mir auf youtube >>>> Schuberts Nummer 100 an, weil es für mich kurios war, solche Notenumblätterinnen tatsächlich zu sehen (meistens -innen, ja). Vorher sah ich sie nie. „Meine geniale Umblätterin, hat er einmal gesagt, dachte ich.“ - Bernhard, Der Untergeher.
Ich klatschte sogar, doch verließ den Saal, als zwei kleine Mädchen anfingen, auf Querflöten ihre zwar Fähigkeiten zu zeigen, die Töne bewirkten, mehr aber nicht.
In meine Wohnung zurückgekommen, lief immer noch Monteverdis ‘Il ritorno di Ulisse in patria”.

AN DEN MOND

O huldreicher Mond, ich denk’ daran zurück,
wie ich vor Jahresfrist auf diesen Hügel stieg,
dich zu betrachten – im Herzen beklommen:
Du hingst damals über jenen Wäldern dort,
wie du jetzt in deinen hellen Schein sie tauchst.
Doch getrübt schien mir und zitternd in Tränen,
die in die Augen mir traten, dein Antlitz
dem Blick, darüber, wie so mühselig
mein Leben war: und ist, noch auch sich ändert,
o mir so teurer Mond. Und dennoch hilft es,
mich zu erinnern, zu messen die Dauer
meiner Schmerzen. O wie willkommen ist dann
in der Jugend, wenn lang’ noch währet Hoffnungs=
Schimmer und kurz nur reicht Gedächtnis=Lauf,
sich zu erinnern an das, was vergangen,
ob es schon traurig und der Kummer stets währt!
 
Giacomo LEOPARDI, Alla Luna (dt. von mir)


Die Bamberger Elegien.

Bamberger-Elegien-amazon-
>>>> Elfenbein-Verlag Berlin 2011 <<<<
Einband in Old Mill Avorio von Fedrigoni
Rote Fadenheftung, 152 Seiten, 20 Euro

ISBN 978-3-941184-10-7



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Trinken aus der Wölfin.


Trinken aus der Wölfin

(Dieses "zu spät"!)
(Bach, Erste Partita für Violine solo, Sziget: Soviel zum "Sexisten".)


Komm ich dort hin, muß ich das Wasser grüßen.
Von weitem lockt es meinen Mund hinab zu seinem Maul.
Die Mittagshitze blitzt von seinem Messing.
Vergessen ist sein Platz in die drei Buden eingetrocknet
und in ein mürbes Karussell.
Rostrot das Gras, und schütter sind die Pinien.
Zwei Kinder, rosa im Haar die Ausgehschleife,
spieln in plissiertem rosa Rock und rosa Schuhchen Nymphen.
Die Mutter, auf ihrer Bank die Siesta rauchend,
argwöhnt nicht die Lust, die aus dem Brunnen stürzt und beißt
die kleinen Mädchen, als sie gierig trinken:
bereit wie Frauen, die sich geben.

Da heben sie verstört zu mir den Blick,
als ob schon volle Monde wären.
Und mit dem Kindblut der Hetären
fließt in den Wolfskopf das Wasser zurück.
Aus >>>> Der Engel Ordnungen

Statt Fülle des Wohlklangs bösester Ausdruck: Terry Gilliams Inszenierung der Verdammnis Fausti von Berlioz unter Simon Rattle an der Staatsoper im Schillertheater Berlin.

[Fotografien (c.): >>>> Matthias Baus]

La Damnation de Faust 1


Wir sollten uns ausmalen, welch furchtbarer Zauber – ein Teufelszauber fürwahr – diese Inszenierung gewesen wäre, hätte sie bereits auf die einzigartige Bühnenmechanik der noch im letzten Umbau befindlichen tatsächlichen Staatsoper Unter den Linden stattfinden können und nicht unter den nicht nur klanglich, sondern eben auch operntechnisch eingeschränkten Bedingungen des Schillertheaters. Ein Höllenzauber wurde Terry Gilliams Interpretation gleichwohl, selbstverständlich ohne Zauber, schon gar nettkommensurable quasi Comic-Ironie – wenn man von Fausti Frisur einmal absieht: eine Anspielung wohl auf die pädagogischen Sadismen gleichermaßen >>>> Heinrich Hoffmanns wie >>>> Wilhelm Buschs. Denn weniger wie ein Burschenschaftler kommt dieser Faust daher als mehr wie ein Primaner oder Oberprimaner vor der vorletzten Jahrhundertwende oder von noch früher.
Jedenfalls haben wir es bei Gilliam und aber auch Berlioz von Anfang an mit der Hölle zu tun und ihrem verklärten Gegenbild: dem, wovon sie ihren Ausgang nahm, der ins Erhabene idealisierten Natur. Genau dies stellt auch Rattles Dirigat klar: Nirgendwo habe ich so sehr die genial komponierte Gemeinheit einiger Schlüsselmusiken Berlioz‘ deutlicher gehört wie gestern abend in der Staatsoper. Sei es, daß zum vulgären ungarischen – ecco! – Marsch ins Nationalbewußtsein nicht passende Menschen erschossen werden, sei‘s, daß das studentische Gaudeamus igitur zu einer von Haß und Widerwärtigkeit nur so berstenden Gesangsnummer wird: Gruppen„geist“ wird zum Grölen der Meute.
Besonders widerlich wird es aber schon bei des Branders Hohnlied in Auerbachs Keller („Im Ofen glaubte die arme Seele,/sich verbergen zu können./Aber sie irrte sich/- und noch schlimmer-/zu guter Letzt wurde sie dort gegrillt“), das von choralem Aufgrölen und dieses durch ein fugiertes, von dumpfem Schlagwerk ausgehöhltes „Amen“ abgeschlossen wird.
La Damnation de Faust 2

Nein, angenehm ist das alles nicht. Sondern es dreht uns den Magen um. Es führt uns vor Ohren, was war und aber, steht zu befürchten, weiterhin ist. Genau das mag die, nachdem der letzte Vorhang fiel, extremen Buh!s erklären, die vor allem aus den hinteren Reihen zu vernehmen waren. Man läßt sich den Spiegel nicht so gerne vorhalten, schon gar nicht derart intensiv in der Oper.
Gegen den herausgeschleuderten Unmut stellten sich freilich auch Bravi, unter einigen anderen auch meine. Und dies, obwohl auch ich meistens genervt bin, wenn „mal wieder“ Nazi-Szenarien auf einer Bühne bemüht werden. Aus Überdruß freilich, und weil es in aller Regel bei puren Behauptungen oder Aufstülpungen bleibt.
Genau das ist in Gilliams Inszenierung nicht der Fall. Sondern er entwickelt sein Szenario direkt aus Libretto und Partitur und aus der Verklemmungs- und Nationalfindungsgeschichte Deutschlands seit dem Biedermeier. Es läßt sich ja durchaus von der Geburt des deutschen Faschismus aus dem Ungeist der Restauration sprechen – anders als für Frankreich oder gar England, wo das schließliche Nationalverständnis revolutionäre Quellen hatte, die im Volk selbst (zumindest mit)entsprangen.
Diesem, dem Volk, ist der berliozsche Faust allerdings fremd, anders als Goethes. Hier ist es gerade die Flucht in „reine“ Innenwelten, die schließlich seine Hinwendung zum Faschismus begründet.
Dieser Faust ist im Wortsinn ein innerlicher Mitläufer: Die säkular ritualisierten Regeln scheinen ihm die Differenz abzuheben, die er zum „einfachen“ Volk immer gespürt hat; zunehmend fühlt er sich im Volkstum und in seinem Streben aufgehoben, ohne daß er doch sein Eigenes verraten müßte. Nicht grundlos zitiert das Programmheft Klaus Manns auf der Karrieregeschichte Gustav Gründgens‘ basierenden Mephistoroman: Der „deutsche Künstler“, vordem bestenfalls Lakai und vom Volk in aller Regel verlacht, erhält nicht nur gesellschaftliche Reputation, sondern wird zur zentralen Idealfigur.
Daß er dabei an „wesentliche“ Ideologeme des Regimes gar nicht glaubt, ist die dem berlioz‘schen Faust inneliegende Tragik, bzw. die vom Teufel ausgelegte Rute, auf dessen Leim er tritt. Fausts Seele wird von Mephistofele geholt, weil er, Faust, sich ihm verschreibt, um die als Jüdin deportierte Marguerite zu befreien. Da auch erst zeichnet er den Vertrag – also indem er Gutes tun will.
Böser, in der Tat, lassen sich des Teufels berühmte Worte bei Goethe überhaupt nicht deuten: „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Daß dieser Satz umkehrbar ist, beschreibt das sich gegen Faust wendende Verhängnis.
Man muß fast mit Kant argumentieren: Weil er an Marguerites Befreiung ein persönliches Interesse hat, ist sein Wille und Handeln nicht moralisch. Und zwar hat er selbst keine Untaten begangen, aber tatenlos ihnen zugesehen. In die Hölle kommt er nicht als Täter, sondern als Mitläufer. Dazu, ein solcher zu sein, genügt schon, daß man nicht aktiv im Widerstand war, auch wenn man, so Erich Kästner, die Faust in der Tasche ballte.

Härter, zugleich aktueller und darum provokanter kann die Botschaft eines Regisseurs gar nicht sein. Nix mit >>>> Jabberwocky, meine Damen und Herren, den einiges Publikum wahrscheinlich erwartet hatte. Also nicht die Spur verspielter und angeblich postmoderner Beliebigkeit – auch dann nicht, wenn sich Gilliam meisterhaft postmoderner Formen bedient.
Es ist absolut schlagend, mit welcher Meisterschaft er sich, obwohl an die Bühnenwirklichkeit immer wieder zurückgebunden, filmischer Mittel bedient. Dazu gehört nicht nur der Trick, vermittels aufprojezierter, sich zunehmend schneller bewegender Bäume ein rasendes Dahinfahren vorzuführen, derweil die Akteure tatsächlich auf der Stelle bleiben; dazu gehört vor allem auch >>>> Hildegard Bechtlers sozusagen bühnenbildnerischer Hyperlink auf der Wachowskis >>>> The Matrix. Aber auch schon Fausts Studierzimmer als einen über >>>> Berchtesgarden - bzw. Motiven nach Caspar David Friedrich - quasi frei im All schwebenden Minimundus zu zeigen, ist postmodernen Bildwelten verdankt. Manches erinnert auch an Arbeiten >>>> Hans Jürgen Syberbergs.

La Damnation de Faust 3

Geradezu genial auch, daß Faust Marguerite in ihrem Zimmer die Füße wäscht; hier rückt der christlicher Ritus die tatsächlichen Verhältnisse ins Bild, die Faust auch spürt, sich aber nicht bewußt machen kann oder will. Sonst wäre er da schon aufgebrochen, mit ihr, um dem Unheil zu entkommen. Bei Gilliam wird diese Fußwaschung quasi zum Judeskuß. Wenig später erscheinen die Schergen.
Überhaupt ist eine – notwendige - Besonderheit dieser Inszenierung die Rollenauffassung Marguerites. Gilliam gelingt mit Magdalena Kožená eine Befreiung. Ihr Gretchen ist nämlich alles andere als naiv; ihr wird auch nicht ein Baby „angehängt“. Die Frage, weshalb ein, sagen wir mal, Intellektueller ausgerechnet von einem Backfisch erotisch attrahiert wird – etwas, das mir den Stoff von Faust I immer absurd und lähmend hat erscheinen lassen -, erledigt sich bei Gilliam von selbst. Als Naivchen verkleidet sich diese Marguerite nämlich nur: um als dunkelhaarige Jüdin nicht aufzufallen. Deshalb trägt sie, wenn sie ihr Zimmer verläßt, blonde Zöpfeperücke und Dirndl.

La Damnation de Faust 4

Wobei Faust selbst davon spätestens nach dem ersten Stelldichein nicht mehr getäuscht ist; um ihr hochgradiges Gefährdetsein weiß er also. Und zeigt sie selbstverständlich nicht an. Sondern das tut der Teufel, der es auch war, Faust zum ersten Mal in die nationalsozialistische Gesellschaft einzuführen.

Gerade, daß Faust solch ein Sinnsucher, darum vereinsamt und voll melancholischer Liebessehnsucht, also empfänglich für gesellschaftliche Anerkennung ist, macht ihn für Mepho so schmackhaft. Er wird über seine innere, die objektive Wahrheit verdrängende Wahrhaftigkeit stolpern und dann in die Hölle im Wortsinn hinabjagen, derweil er doch glaubt oder sich vormacht, hinauf auf dem Wege zu Marguerites Befreiung zu sein. Mit einer deutlichen Anspielung auf den Weltenbrand am Ende von Wagners Götterdämmerung geht er in Flammen auf.
Auch dieses Bild zeigt, wie genau Gilliam konstruiert hat. Im ersten Teil des Abends imaginiert sich Faust nämlich als Siegfried, der sich in dem gleichnamigen Bühnendrama, abermals Wagners, neben Brünnhilde in den Flammenring legt, treue(!!)halber Notung zwischen sich und ihr. In der perfiden Logik des Nationalsozialismus ist der Künstler – oder sagen wir: das Genie – zum Helden geworden.
Hält man sich vor Augen, daß der Geniebegriff ein emanzipatorischer war, der die Künstler aus dem Lakaientum holte, wird die politische Perversion an dieser Stelle eklatant: als Held ist der Künster nicht wieder nurmehr Lakai, sondern soldatisch geworden; freiwillig und widerspruchslos Befehlsketten unterworfen, egal was die Befehle verlangen.
Genau das nicht gesehen oder zu sehen gewollt zu haben, wird zurecht mit der Hölle bestraft.

Nun ist das Problem dieses Musikstücks wie schon bei Goethe der Teufel. Theologisch gesprochen ist er unsres aber sowieso. Denn letztlich ist alleine er es, der die Dynamiken bloßlegt. Fast möchte man meinen, er ersehne, daß jemand seinen Leim auch sieht. Als würde ihn das erlösen. Daß es niemand tut – das wird bei ihm zu Zynismus. Deshalb kann er bei jedem Gemeuchelten nur noch lauter lachen. So gesehen, ist seine Einsamkeit die einzig echte. Von Gott ist außer ihm nichts zu hören – der, wenn überhaupt, taucht allenfalls wie weiland der Sonnenkönig bei Moliere auf: ex machina und süßlich in Marguerites Himmelfahrt. Das Gold, in das sie hier gebettet wird, ist nichts als tander Schein. Wär es nicht noch böser, man wollte >>>> H.C.Artmann zitieren:
durch den schornstein
geht es ins himmelreich
bedenks
durch den schornstein
da zieht der rauch
so leicht -
komm mit ...
(...)
In diese Apotheose (Artmann: „verbrannt/wird deine hand/und zu rauch/und zu aschen auch“) ruft Mino Kinoshitas Stimme: „Komm, Margarita!“/und dein haar
und dein kopf
und dein leib
und dein fuß
wird zu schönem
wirklich
schwarzen ruß -
komm mit ...

La Damnation de Faust 6



*

>>>> Florian Boesch singt und spielt den Méphistophélès mit am Unheil geradezu schon verzweifelter Lust. Deshalb hat sein Triumph am Ende einiges Bittere, gegen das er sich nur wieder in neue Schale, neuen falschen Vorschein werfen kann. Es mag ein utopisches Element sein, daß Gilliam ihn, nachdem Faust in Flammen aufgegangen ist, auch den Vertrag verbrennen läßt. Der im Sekundenbruchteil verzischt. Nur einen Menschen endlich sehen, der ihm, dem Verführer, widersteht – ja nur versuchte, es zu tun! Er wäre dann erlöst wie >>>> Stokers Dracula, „da im Augenblick der endlichen Auflösung ein Schimmer von Glück über des Grafen Anlitz huschte, das ich eines solchen Ausdrucks gar nicht für fähig gehalten hätte“. Vielleicht, daß wir dann in ihm – Gott erkennten? Der ohne das abwesend bliebe.
Vergleichsweise einfältig dagegen – weil unbegriffen eindimensional – >>>> Charles Castronovos Faust, dessen lyrische Inbrunst freilich – goethetreu darin – von Werther hergenommen wirkt. Was allerdings wollte eine Frau wie der gnadenlos guten >>>> Magdalena Koženás Marguerite von einem sentimentalen Hampelmann wie Faust? - Seltsam, wie sich hier die Attraktionen für mich umkehrten und nicht mehr Gretchen die langweilige Person des Stückes war. Allein die tumbe Ungelenkheit, mit der sich Faust in ihrem Zimmer auf sie legt, noch die Knobelbecher an den Füßen... - Wäre wohl Mephisto ihr gewachsen gewesen?
So sind sie alle also - trotz oder gerade wegen seines Witzes auch Méphistofélès - v e r f a l l e n --- geworfen, um es mit Heidegger zu sagen. Was in diesem Zusammenhang schmerzhaft pikant ist, vielleicht auch unlauter. Der ja gerade wäre für den Faust eine ideale Figurbesetzung gewesen – so, wie man in einer französischen Inszenierung den Teufel vielleicht nicht, wie hier zuweilen im Mittelteil, in eine Wehrmachtsuniform stecken, sondern als >>>> Petain kleiden sollte.

La Damnation de Faust 7

Wie nun auch immer, Simon Rattles Dirigat läßt dieses Geworfene, Verfallene, Böse wirklich Klang werden; es geht ihm dankenswerterweise nicht um Schönklang, sondern vor allem um eines: Ausdruck, Ausdruck und nochmals Ausdruck. Das darf nicht nur, sondern soll oft scharf klingen – und muß es. Vergleichbar Radikales habe ich bislang nur auf >>>> Igor Markevitschs Einspielung aus dem Jahr 1959 gehört. Ich wäre ausgesprochen gespannt darauf gewesen, wie sich diese Inszenierung am Teatro Massimo in Palermo angehört haben wird, mit dem sie – und mit der English National und der Vlaamse Opera – coproduziert wurde. Daß sie erst fünf Jahre nachher in Berlin aufgeführt wurde, ist ein Rätsel, das ich noch nicht lösen kann. Immerhin finden sich Auszüge aus Palermo auf Youtube:



Jedenfalls... wer diese Inszenierung verpaßt, nun jà, was soll man zu der und dem sagen? Nur das schreckliche Brodeln ihrer großen Flammenseen und das Zähneknirschen ihrer Folterknechte beim Martern der Seelen war noch zu hören. (Berlioz, Damnation, Auf der Erde.)
*


Hector Berlioz
LA DAMNATION DE FAUST

Légende dramatique en quatre scènes

Inszenierung Terry Gilliam – Bühne Hildegard Bechtler – Kostüme Katrina Lindsay
Licht Peter Mumford – Video Finn Ross – Regiemitarbeit/Choreografie Leah Hausmann


Magdalena Kožená – Charles Castronovo – Florian Boesch
Jan Martiník – Mitho Kinoshito
Chor: Martin Wright

Staatskapelle Berlin
Simon Rattle

Die nächsten Vorstellungen:
1., 4., 9., 11 Juni, je 19 Uhr

>>>> Karten
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