Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Bis Okt. 2017 verboten)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Seit Okt. 2017 wieder frei)
________________________________


 

Zu Weihnachten 2017.


Für Gehende, um noch zu träumen

Traumschiff Umschlag (mare-Site)
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Für Ergriffene, um es zu bleiben

Bamberger Elegien
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Für Getriebene, um gerecht zu werden

Meere Original
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Für nicht mehr junge Verliebte, um sich zu erinnern

Ohne Titel
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III, 350 - Man kann kaum in den Abend sehen

Gelegentlich blüht der Rücken in den Nervenempfindungen auf, wenn er sich bücken muß, etwa um ein Ei abzupellen: hübsches Grün, das sich im Kopf ausbreitet. Gedankenkühe weiden sich daran und geben garantiert glutenfreie Milch ohne Konservierungsstoffe. Kühlschrankatmosphäre, versteht sich von selbst, sobald die ungeheizten Zimmer betreten werden. Man muß den Bergrücken nur wieder gerade richten, um wenigstens die auf ihnen wachsenden Nadelbäume sich wieder gerade richten zu lassen. Auf ihren Wurzeln im Nirgendwo. Wo wurzeln sie? Daß sie wurzeln, ist unbestritten.
Stimme hat nicht, wer dagegen spricht. Die Hand, die ihnen Wunderkerzen anhängt? Sie gar entzündet? Haufenweises Scheitern, denn es regnet.
Wie sich einst in der Vorstellung die Hände am Lenkrad selbstständig machten, sich von den Armen ablösten, völlig losgelöst von den sonstigen Sinnen machten, was sie wollten. Vorzüglich auf Strecken mit starkem Geländerelief. Heißt: rechts geht’s rauf und links runter. Das Hinauf löste dabei keine Phantasien aus.
Das Hinunter aber immer. Selbst das Wasser, das vom Himmel floß.
Und dann bei der Rückkehr im finsteren Hof mit dem Finger die Ritze für den Schlüssel suchen. Der Tür den Hof machen. Es ist so dunkel heut, / Man kann kaum in den Abend sehen. (Lasker-Schüler). Kann kaum satt mich blättern in den Gedichten jetzt.
Wie damals im Bus, meist die Nummer 36, die auf der Via Nomentana Richtung Montesacro fuhr. Als ich sie mir einsog. Oder sie mich.
Auch eine Art Begehren.
Alles Andere ist erfolgreich beiseite geschoben. Selbst dringendste Sachen, denen alle Fragezeichen angeheftet wurden, die gerade zu Gebote standen. Mit dem merkwürdigen Ergebnis, daß sie sich in Ausrufungszeichen verwandelten, aber eben mit negativen Vorzeichen. -! = +? bzw. ?! What for? Der eine Brief ist geschrieben. Der Gedanke gleichzeitig ent- und verworfen. Bedeutet: Einwerfen. Unbedingt. Wieder ins Feld bringen bzw. kommen. Den Ball. Das Gebell. Denn Hunde, die bellen, beißen nicht.

neumond die
vormondschaft
zwischen steinen
knospen und blüten
was bluten will
den mund vernähen
die namen

über den schuh
den rechten
ergießt aus der
plastikplane sich
wassers ich

es hatte geregnet

schuhbänder
kreuzweis
mundweis verbrämt

und
nasse socken


Die göttlichen Flügel der Sünde. Von Konwicki (2).


In den damaligen Zeiten standen die Menschen unter dem Terror der Sünde. Wie ein Raubvogel schwebte sie über einem jeden, lauerte hinter einem jeden wie ein unheilvoller Schatten, saß im Menschen fest, ähnlich einer tuberkulösen Kaverne. Die Sünde war allgegenwärtig.
Südigen konnte man durch den Gedanken, durch Wort und Tat. Die Sünden unterteilten sich in läßliche, und in Todsünden, in Haupt- und Nebensünden. Es gab eine solche Vielzahl, daß schwerlich alle zu behalten waren. Die Sünden schwebten in den Lüften, wälzten sich über die Erde, die drängten in jede Zelle des großen Planeten. Sünden scheußlich wie Menschen und Sünden wie Menschen schön. Sünden wie Gift und Sünden süß wie betäubende Ambrosia. Scheusale und Paradiesvögel.
(…)
In jenen Zeiten sank der Mensch, wenn er sündigte, auf den Grund der Hölle, wurde Gevatter und Faktotum des Teufels, oder er stieg, ein Tempelschänder, zu himmlischen Höhen empor und setzte sich Gott gleich. Die Sünde besaß Flügel und eine göttliche Seele, sie war von der Macht eines göttlichen Orgasmus.

Tadeusz Konwicki
Chronik der Liebesunfälle
S. 243/244
dtsch.v. Kristiane Lichtenfeld

Konvicki Liebesunfälle

Des Balthus‛ junge Mädchenblüte. Das Arbeitsjournal des Donnerstags, den 14. Dezember 2017. Mit Andrea Köhler, Egon Schiele, Herbert Wehner, Christopher Ecker und weiteren Personen moralischer und unmoralischer Kultur.


[Arbeitsjournal, 9.27 Uhr
Kinderrufe vom nahen Hof des Gymnasiums: Erste große Pause
Dazu Spatzenschwatzen, Hinterhof II]

Es läßt sich nicht anders sagen: Der neue Angriff, diesmal auf >>>> Balthus‛ Träumende Thérèse, ist ein Angriff auf die Kunst insgesamt:


Und zwar ein Angriff auf die, wie es die ausgesprochen kluge >>>> Andrea Köhler sehr richtig sieht, der Kunst notwendige Ambivalenz, einer, die, sage zusätzlich ich, auch moralische Dogmen infrage stellt und stellen, ja ihnen zuwiderlaufen können muß. Unterwirft sie sich dem moralischen Gebot, landet sie in der Notwendigkeit, der sich die mittelalterliche Malerei ausgesetzt sah: die Wirklichkeit nämlich in den Hintergrund zu verlegen oder ganz zu verschweigen.
Der voyeuristische Blick ist ein Teil der Wirklichkeit, sowohl bei Männern als auch Frauen, indes bei jenen unverstellter, gleichsam naiver; gerne, Freundin, dürfen Sie auch dümmer dazu sagen. Und so, wie auch Kinder bereits Sexualität haben, gibt es umgekehrt eine empfundene von manchen Erwachsenen gegenüber Kindern. An der Empfindung selbst ist nichts schlecht. Sie ist, Punkt. Es gab sogar Kulturen – solche, auf denen das Abendland kulturell fußt –, denen Sexualität zwischen Älteren und Jugendlichen der Initiationsmodus war. Fragwürdig wurde dies erst durch das Christentum, das insgesamt körper- und damit frauenfeindlich ist, zumindest war, sich Sexualität aber dennoch unter dem Vorhang der Macht erfüllte – nun noch aufgekitzelt durch das „Böse”, für das man obendrein abtestiert werden konnte: Die Sünde ist der Königsweg der Gläubigen.
Kunst stellt Wirklichkeit dar, stellt sie vor Augen. Selbstverständlich wird der Betrachter von >>>> Balthus‛ Bild zum Vouyer; darum genau geht es doch. Er wird es ebenso, wie er‛s in Caspar David Friedrichs >>>> Wanderer über dem Nebel wird; dort wird er‛s sogar selbstreferentiell.
Überdies wird Moral in den gegenwärtigen Debatten zum Mainstream; Moral wird zur Mode. Übersehen wird dabei, und zwar entweder absichtsvoll oder schreiend naiv, daß die Darstellung einer Vergewaltigung (als Teil unserer erlebten Wirklichkeit) durchaus nicht Vergewaltigung-selbst ist. Der Roman eines Faschisten ist nicht notwendigerweise faschistisch (ich denke z.B. an Miodrag Bulatovics >>>> Die Daumenlosen), indessen es der Roman eines Antifaschisten durchaus sein kann.
Allgegenwärtige Moral wird zur Unmoral, indem sie sich diktatorisch aufwirft; es gibt eine Diktatur der Quote: eine der schärfsten Gefahren, die, Hand in Hand mit der Genderisierung, der demokratische Kapitalismus bereithält und nunmehr ausspielt. Es ist der praktischste, weil zuhandenste Vorhang, der sich vor die eigentlichen, nämlich seine, Probleme ziehen läßt, sei es die Prekarisierung, seien es die kulturellen Verwerfungen durch Globalisierung, seien es die Flüchtlingsströme, unter denen sich als „Wirtschaftsflüchtlinge” denunzierte Menschen befinden, die imgrunde Klimageflohene sind. Zudem sind die derzeitigen Debatten extrem funktionable Werkzeuge der Massenführung: Freiheitsräume werden nur noch dort gelassen, wo sie sich ökonomisch empfehlen. Panem et Circensis der Moralitäten.

Ein anderes Beispiel, es hängt mit Genderisierung und erotical correctness engst zusammen:
Eine der Hauptstützen der westlichen Wirtschaftsmatrix ist der Zins; der Koran hingegen verbietet ihn. Auch aus dieser Perspektive läßt sich die besonders aus der rechten und "liberalistischen" Ecke betriebene Islamkritik betrachten; dabei geht es nämlich gar nicht um die dogmatische Auslegung einer monotheistischen Spielart, sondern tatsächlich um sie selbst auch in ihren toleranten Formen.

Doch zu Balthus zurück. Es wird nicht mehr lange dauern, bis auch >>>> Egon Schieles Frauenbilder als Verstoß gegen die Allgemeine Wohlfühlordnung und schwerster Sittenverstoß anzusehen sein werden; als Wally Neuzil mit dem Maler eine leidenschaftliche Beziehung einging, war sie sechzehn, er einundzwanzig. Auch Schieles Bilder, nicht nur die von ihr, werden deshalb abgehängt und aus sämtlichen Galerien und Museen verbannt werden müssen. Die Liste läßt sich in der Kunstgeschichte von unserer Gegenwart bis in die Vergangenheit unendlich fortsetzen. Ich sehe schon die Scheiterhaufen. Sie brennen nicht mehr, das würde ja an 1936 erinnern, was politisch nicht korrekt wär. Sondern das Zeug kommt ins Loch. Zement drüber, fertig.
So radiert sich Geschichte aus.
Nichts wäre der Ökonomie lieber, die den Individuen nicht Wurzeln mehr, nicht Widerständigkeiten gestattet, sondern sie zu Replikanten programmiert. An dieser Programmierung haben die derzeitigen Debatten tätigsten Anteil und treiben sie voran, sei es, daß sie aus Mark Twain, nun wahrlich dem Gegenteil eines Rassisten, die „Nigger” rauszensieren, sei es, daß Astrid Lindgren umgeschrieben, sei es, daß Lukas der Lokomotivführer um seine Tabakspfeife coupiert wird. Es wird bald auch keine Fotografien von Herbert Wehner oder Ernst Bloch mehr geben, auf denen sie rauchen – was heißt, daß es von ihnen bald gar keine Bilder mehr geben wird, jedenfalls keine, die gezeigt werden dürfen. Den großen >>>> STERN-Titel

YO TAMBIÉN SOY >>>> UN ADMIRADOR

werden wir erst recht nicht mehr nicht erleben.

Übrigens saß Schiele tatsächlich wegen „Verbreitung unsittlicher Zeichnungen” für etwas mehr als drei Wochen im Gefängnis. Es war das Todesjahr Gustav Mahlers. Wir fallen ins Biedermeier zurück, also in die – ecco! – „Gründer”jahre. Die einzige, die den eingesperrten Schiele besuchte, war seine Geliebte – ebenjene Minderjährige, die sein bekanntestes Modell werden sollte. Darüber indes, über die Haft, hier keine Klage: Es ist das Risiko, daß jeder Künstler trägt – nicht aber auch sein Werk zu tragen hat, um dessentwillen er es auf sich nimmt. Persönlich hat er zu „zahlen” und wird es immer auch tun (oder sich, moralisch völlig legitim, durch Flucht entziehen); im Gegenzug und aus Achtung hat die Kunst selber frei von Sanktionen zu sein. Wir hätten andernfalls gar nicht das Recht, Kunst- und Architekturzerstörer wie die Krieger des داعش (IS) als Verbrecher zu bezeichnen.

Nach, Freundin, diesen meinen Erregungen verhilft mir Christopher Ecker heute zu einer geradezu Läuterung – nämlich den Künstler und das, was ich eben seinen Risikowillen nannte, in einer geradezu >>>> borgesschen Allegorie: >>>> das Bauopfer nämlich selber zu sein.
Bauopfer heißt auch der Text. - „Zeit: frühes Mittelalter. Held: ein junger Brückenbaumeister. Weitgereist, vielgerühmt und vielleicht ein wenig zu ehrgeizig. Jemand, der alles richtig machen will und bei der Versammlung auf dem Marktplatz” öffentlich erwägt, welches oder wessen Opfer erfordert sei, um den Halt der großen Brücke auf lange Zeit zu garantieren. Er verwirft die schwarze Katze selbstverständlich – unisono mit Ecker selbst – sofort; überhaupt scheinen ihm Tieroper zu klein zu sein; es sollte schon ein Mann sein.
Frauen sind, wie wir wissen, im Christentum nicht gleichberechtigt (Paulus, >>>> 1 Korinther 11), ergo auch nicht als Opfer wertvoll genug; daher kommt der junge Mann erst gar nicht auf sie. Doch was für einen Mann? Einen Tischler (Ecker nennt ihn nicht, obwohl er sich Jesu wegen anböte), einen Böttcher, einen Fischer? Nein, bewahre! Es müsse vielmehr jemand sein, „der – ja, das ist es! – mit der Brücke selbst zu tun hat, damit seine eingemauerte Seele für alle Zeiten dieses die Luft frech verhöhnende Bauwerk schützen kann.”
Die dreiseitige Erzählung endet mit einer, wie es im Film heißt, Totalen: Wir steigen über ihr gleichsam in einem Ballon, der höher und immer, immer höher schwebt, um irgendwann im Himmel anzulanden.


Lassen Sie mich, Freundin, diesmal mit einer Strophe des Gedichtes „Lust” von Klaus Kinski enden :
Ich hab den Mädchen in die Brust gebissen,
wie bunte Tiere frische Feigen fressen,
bis ich von ihrem Sonnenbrand zerrissen
>>>> in ihre Kater stürzte wie ein Gott besessen -

ANH

Schöne Zeiten, bevölkert von häßlichen Menschen. Von Konwicki (1).


Es war die Zeit der krummen Beine, aus irgendeinem Grunde englische Krankheit genannt. Die Zeit der pockennarbigen Gesichter, von denen es hieß, der Teufel habe darauf Erbsen gedroschen. Die Zeit der Zahnlosigkeit, wo ein leerer Mund mit schwarzen Stummeln keinen erschreckte.
Die Leute trugen Buckel, schleppten sich auf morschen Gliedmaßen, litten Hornhautflecke an den Augen, spuckten unablässig tuberkulösen Schleim, faulten an Syphilis, erstickten an Asthma, bedeckten sich in Schwerstarbeit mit Krampfadern, schwollen und krümmten sich vor Gicht. Es waren schöne Zeiten, bevölkert von häßlichen Menschen.


Tadeusz Konwicki
Chronik der Liebesunfälle
S. 183/184
dtsch.v. Kristiane Lichtenfeld

Konvicki Liebesunfälle

Youn Sun Nah macht weiter ODER Von dem schönen Kommerz.


Ja, ich bin enttäuscht, fast ein bißchen verärgert. Dabei wird der Anlaß, die neue, bei ACT erschienene CD She moves on die allermeisten Hörer:innen erfreuen. Also lassen Sie sich von mir bitte nicht abhalten, sie zu erstehen und gerne auch zu mögen:

Nah She oves on ACT

Die Stücke sind gefällig, sie lassen sich gut als Hintergrundpolsterung grauer Alltage einsetzen; das gilt sogar für Jimi Hendrix‛ Drifting, worin die ungemein wandlungsfähige Stimme dieser doch tatsächlich Ausnahmesängerin zu einer gehallten Art Gänsechor wird, der über der hier angemessenerweise eGitarre Marc Ribots schwebt – eines der wenigen Stücke dieser Platte, das kurzzeitig aus dem klebrigen Wohlklang herausbricht; gleichsam röchelnd verendet es hier: für mich ein angemessener Ausdruck von Wahrheit. Denn sogar diese Nummer, ein komplett unrebellischer, gleichsam gesäuberter Hendrix, muß sich fast Verrat nennen lassen.
Konsequenterweise, immer dem Weichspülen folgend, schließt sich ein als Lullyby dargebotenes Traditional an: Black is the Color of My True Love‛s Hair. Ich selber erwartete, nein v e r l a n g e auch bei so etwas – wenn ich von Musik spreche – zumindest Entgrenzung à la Mahalia Jackson und nicht eine vorgebliche Leidenschaft, die in Wahrheit ständig im – kann man „bürgerlich” heute noch sagen? – ich sage es: bürgerlichen Kalkül des Erträglichen kleingehalten wird. Unterm Strich ist diese CD schlichtweg übersüßt. Nichts gegen Kitsch, aber hier schielt er nicht auf Radikalität des Gefühls (die eigentliche Stärke, die Kitsch und wirklich nur er hat: da nämlich liegt seine Wahrheit) und will Verschmelzung und Entgrenzung, sondern allein auf die Kasse.
Dabei wären die Möglichkeiten gerade für Youn Sun Nah unabsehbar gewesen: Sie hat ja sogar die Fähigkeit der grandiosen Imitation – zu spüren am schlagendsten in Joni Mitchells The Dawntreader, worin wir einen Moment die typische Intonation der berühmten Folksängerin vernehmen, gleichsam sie selbst singen hören. Oder sie, Youn Sun Nah, hätte die Stücke, und zwar jedes einzelne, kraft ihrer Kunst erst zitieren, dann nach allen Regeln der Modulation dekonstruieren können, sie etwa in ihre Grundakkorde auflösen, um diese dann frei zu improvisieren und sie vielleicht danach für unsere Herzen auch wieder zu heilen. Sie hätte schmettern, jubilieren, bisweilen auch schreien können, uns wirklich bewegen können, so daß wir von Stück zu Stück sprachloser gewesen wären und schließlich vielleicht sogar erschüttert dagesessen hätten. Doch bis auf die wenigen kurzen Ausnahmen, für die ich oben Beispiele nannte, erzeugen selbst die Instrumente nichts als einen Klangteppich, den Flokati zu nennen ich einfach nicht umhin kann; und weil er der Gefälligkeit noch immer nicht reicht, klingeln an manchen der vom vielen Drüberlaufen längst verfilzten Zipfel Glöckchen. Dazu das grausliche Wummern in Rube Blooms Fools Rush. Ja selbst die sogenannten Eigen„kompositionen” - etwa Traveller gleich zu Anfang, geschweige der versetzt walzerhafte Blues „Too Late” - ist von bei mir nur Kopfschütteln und leichten Ekel auslösendem Rückgriff auf eine UMusik-„Ästhetik”, die schon vor zwanzig Jahren nichts als falsch nostalgisch war - falsch weil wir uns gar nicht in eigene Vergangenheiten rückversetzen, sondern in solche, die wir über die Medien als Musikgeschichte vermittelt bekommen haben.
Ich nenne so etwas ein Unglück, den meisten Hörer:innen allerdings wird es zu ersetzbarem Glück werden. Auf eine ähnliche Karte haben ja schon >>>> Anoushka Shankar und >>>> Hélène Grimaud erfolgreich gesetzt. Lassen Sie mich diese kleine Rezension deshalb s o enden: She moves on ist eine wundervolle CD für alle meine musikalischen Gegnerinnen und Gegner. Genießen Sie sie.

ANH
Zweiter Advent 2017
Youn Sun Nah
She moves on

Youn Sun Nah – Vocals, Kalimba | Jamie Soft – Piano, Hammond Organ,
Fender & Wurlitzer | Brad Jones – Acoustic Bass |
Dan Rieser – Drums | Marc Ribot – Electric & Acoustic Guitar
The ACT Company | ACT 9037-2
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Der Fremde geht davon. Kleine Poetiken (4): Peter Huchel.


Der Fremde geht davon
und hat den Stempel
aus Regen und Moos
noch rasch der Mauer aufgedrückt
eine Haselnuß im Geröll
blickt ihm mit weißem Auge nach.

Jahreszeiten, Mißgeschicke, Nekrologe –
unbekümmert geht der Fremde davon.

Manchmal jagt eine unvermutete Böe durch den Garten, es ist Herbst, eben schien noch die Sonne: Jetzt räumen wir den Tisch ab, als müßten wir fliehen. Eilend tragen wir das Geschirr ins Haus, schon hat der Wind die Tischdecke an einem losen Ende erfaßt, sie flattert hinüber, wird in die Büsche gedrückt. Ein Gewitter vielleicht? Wir schauen fragend zum Himmel, die Wolke zieht vorüber, wird auseinandergerissen, zerfetzt, und die Sonne kommt wieder durch. Aber der Horizont, soweit wir ihn sehen können, ist tiefdunkelblauschwarz geblieben. Wir könnten klug sein und endgültig hineingehen, die Fenster schließen, vielleicht ein wenig fernsehen, vielleicht das Radio anstellen, um uns ablenken zu lassen. Aber wir bleiben auf der Terrasse und schauen eigenartig erschrocken auf den abgeräumten Tisch, der mit den weißen Plastikstühlen auf dem Rasen steht, als ob ihm etwas fehlte. Es strahlt einen süßen Schmerz aus, dies verlassene Ensemble, süß, weil er wirklich weh tut und wir uns dennoch nicht von ihm abwenden können. Vorbei, denken wir. Und begreifen, was das ist, fühlen es: Abschied. Es ist, als wäre, während wir in der Küche das Geschirr in die Spüle stellten, ein Fremder vorbeigekommen und hätte achtlos ein oder zwei der Stühle umgeworfen, und da liegen sie nun und sind Geschichtsspur geworden.
Dann geht doch noch ein heftiger Schauer nieder, immer noch bleiben wir stehen und schauen dem zu. Der Wind sprüht uns, die wir unter der Markise stehen, die prickelnde Andeutung von Nässe ins Gesicht und über unsere seltsam frostigen Arme. Es wäre jetzt gut, sich einen Schal um den Nacken zu legen, aber wir verlassen die Terrasse nicht, denn wenn wir es täten, wenn wir hineingingen und uns einen aus der Schublade kramten, und wenn wir dann wieder hinaustreten würden, wäre auch das Vorbei vorüber, und zwar so endgültig, als hätte jemand eine Buchseite umgeschlagen und sie mit der vorigen verklebt: Wir werden nie wieder zurückblättern, werden auch das Videoband nicht zurückspulen können. Nein, wir wollen den Übergang erleben, wollen spüren, wie aus dem Heute ein Morgen wird, aus dem Jetzt ein Dann, wollen es begreifen, endlich begreifen. Mit weißem Auge schauen wir dem Vorgang zu, mit >>>> l e e r e m Auge, denn natürlich verstehen wir ihn immer noch nicht – so wenig, wie die ausgeblichene, vorjährige Haselnuß etwas versteht, die – wie kam sie dorthin? – zwei Meter von uns weg im Kies liegt. So sind wir ein blinder Spiegel dessen geworden, was sich um uns herum vollzieht, was sich mit uns selbst vollzieht.
Heinz fällt uns ein, Heinz Welsberg, der letztes Jahr gestorbene Freund, ganz jung war er noch, keine sechzig. Ging abends schlafen, wachte morgens nicht mehr auf. Uns fällt die hübsche, kleinkindsquirlige Britta ein, drei Häuser weiter: Wann war es, geschah es, daß sie mit ihrem Dreirad auf die Straße fuhr, wann hat der unglückselige Motorradfahrer sie nicht gesehen? Vor anderthalb Jahren? Nein, es liegt schon wieder über drei Jahre zurück. W a r u m hat er sie nicht gesehen? Und wie war das mit Irene? Hatte sie mich nicht angeblickt vor zwanzig Jahren, war sie nicht vorbehaltlos in mich hineingefallen? War dann zu einem anderen gewechselt.
Unbekümmert geht der Fremde davon. Außer den umgeworfenen Stühlen hinterläßt er gar keine Spur. Es müßten doch Fährten auf dem nassen Rasen zu sehen sein, Tapsen, Fußspuren! Aber nichts davon, rein gar nichts. So daß wir beschließen einzugreifen. Irgendwie Ordnung zu schaffen, die Welt zurechtzurücken auf unser menschliches Maß. Schließlich ist auch die Sonne wieder da. Wie das Gras duftet! Will es uns versöhnen? Die Füße sinken ein, derart vollgesogen hat sich der Boden mit dem Regen. So stumm, daß die Bewegung fast hilflos ist, stellen wir die beiden Stühle wieder auf und stellen sie mit den anderen beiden je vor eine der Tischseiten. Schauen hoch, schauen zur Straße, schauen zum Kiesweg, schauen zu der halbhohen, bemoosten Steinmauer, die unser Grundstück von dem kleinen Friedhof trennt. Und haben noch immer nichts begriffen, haben nur gefühlt, Geschichte gefühlt – nicht in den großen Ereignissen der Weltpolitik, es war ja hier kein Krieg, es gab auch keine Katastrophe, eigentlich war alles normal, ein sogar ausgesprochen friedlicher Sonntagvormittag, an dem die alten Damen nebenan die Hügel, die ihnen von ihren Vorausgegangenen geblieben sind, mit kindlichen Blumengebinden schmückten und dabei Schwätzchen hielten. Jetzt ist allerdings niemand zu sehen jenseits der Mauer, man wird, als ich das Geschirr ins Haus brachte, vor dem Regenschauer geflohen sein wie ich selbst. Aber es sieht aus, als würde sich der warme Herbsttag nun halten. Dann gehn wir mal, einen Lappen holen, um die Stühle trockenzuwischen. Kurz bleibe ich auf dem Kies stehen. Soll ich die Haselnuß aufheben?
Ich lasse sie liegen. Denn wahrscheinlich hat der Fremde sie da hingeworfen. Oder sie ist ihm aus der Jackettasche gefallen, als er nach den Zigaretten griff. Vielleicht.
Der Fremde geht davon
und hat den Stempel
aus Regen und Moos
noch rasch der Mauer aufgedrückt
eine Haselnuß im Geröll
blickt ihm mit weißem Auge nach.

Jahreszeiten, Mißgeschicke, Nekrologe –
unbekümmert geht der Fremde davon.

Kurt-Wolff-Preis 2018 an Elfenbein.


Die Dschungel gratuliert dem Verleger Ingo Držečnik.


Kurt-Wolff-Stiftung

Der Kurt-Wolff-Preis wird alljährlich von der Kurt-Wolff-Stiftung auf der Leipziger Buchmesse „für das Lebenswerk, für das Gesamtschaffen oder das vorbildhafte Verlagsprogramm eines deutschen oder in Deutschland ansässigen unabhängigen Verlages vergeben”. Es habe der Elfenbein Verlag „seit gut zwei Jahrzehnten in schön gestalteten Büchern die Literatur der Gegenwart mit der Erinnerung an im Schatten liegende Traditionen der ästhetischen Moderne” verbunden.

Es ist für einen – mit der Anderswelt-Trilogie sogar zentralen – Autor dieses Verlages ehrenvoll, hier publizieren zu dürfen, war‛s aber auch schon vor dem tatsächlich mehr als „verdienten” Preis. Danke, Ingo Držečnik.


ANH bei Elfenbein:
2003. Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen,
mit einer, als CD, Poetik für Kavita Janice Chohan.
Hörstücke.
2011. Das Bleibende Thier, Bamberger Elegien.
2013. Argo.Anderswelt, Epischer Roman.
2016. Buenos Aires.Anderswelt,
Kybernetischer Roman.
Zweite Auflage Zweiter Hand.
Im Frühjahr 2018. Thetis.Anderswelt,
Fantastischer Roman.
Zweite Auflage Zweiter Hand.


Ein verlegerisches Meisterstück, für das Elfenbein ausgezeichnet
werden freilich noch nicht konnte, ist dieses:

Kazantzakis Odyssee

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Verlagsabend ARCO Verlag Buchhandlung a.punkt, Wien. 30. November 2017


Verlagsabend Arco Buchhandlung a.punkt Wien 1.12.2017 mit Kammermusik (Joyce - ANH HS)

Verleger Christoph Haacker stellt die >>>> Kammermusik vor


Durch den Schornstein. Kleine Poetiken (3): Hans Carl Artmann.


durch den schornstein
geht es ins himmelreich –
bedenks..
durch den schornstein
da zieht der rauch
so leicht –
komm mit..
durch den schornstein
da siehst du
sonne und mond
durch den schornstein
siehst du den küchenherd –
verbrannt
wird deine hand
und zu rauch
und zu aschen auch
und dein haar
und dein kopf
und dein leib
und dein fuß
wird zu schönem
wirklich
schwarzen ruß –
komm mit..


Die vielleicht böseste, indes zugleich liebe- und machtvollste Absage an Theodor W. Adornos Verdikt, man könne nach Auschwitz kein Gedicht mehr schreiben, hat kein Theoretiker, hat ihr keineswegs Hans Magnus Enzensberger mit seiner berühmten Replik, aber wahrscheinlich auch nicht Celan erteilt, sondern der im Jahr der Jahrtausendwende verstorbene österreichische Dichter Hans Carl Artmann, - eine Ikone der Gegenwartslyrik... eine AußenseiterIkone, das gebe ich zu, aber Ikone eben doch. Und welch ein Gedicht er dagegenhält! Es ist vielleicht der Gipfel politischer Inkorrektheit, doch in Form, Melodie und Bildgebung derart schlüssig, ja bildkräftig soghaft, daß auch nicht entfernt der Verdacht aufkommt, hier mache sich einer über die Opfer lustig. Eher liebt er sie, liebt sie auf seine schwarze Wiener Art, eher fliegt er mit ihnen und zieht sie selber noch hinein in den Ofen und sieht von oben, zerfaserter Rauch, von irgendwo aus den Wolken, gemeinsam mit den Opfern zu und verhöhnt dadurch die Täter – womit er zeigt, daß Kunst etwas anderes ist, als ein an moralische Direktiven gebundenes Sublimations-, gar Aufklärungsgeschehen. Wäre sie es, ließe in ihr nichts sich verarbeiten, nichts wirklich gestalten. Sie setzt sich vielmehr dem Grauen aus, sie zieht das Grauen in sich hinein, löst es auf und wirkt auf diese Weise sowohl unheimlich wie befreiend.
...krauchen solls/durch blut und bein/ bis ins herzens/kämmerlein heißt die kleine Gedichtsammlung, in welcher dieser Text enthalten ist. Bereits deren Zueignung spricht die Absicht und das Vorhaben aus: schreibe nicht/ein lichtgedicht,/weiß schreibt nur/der bösewicht...: Das bringt uns auf die Fährte. Versuch erst gar nicht zu begreifen, raunt der Dichter uns zu, was du nicht begreifen k a n n s t, sondern gestalte es, scheu nicht davor zurück, schau hinter die Tür, wo sich dein täglicher Nachtmar versteckt, versetz dich in das Grauen hinein und drehe es den Tatsachen im Maul rum. Mißtraue denen, die es so gut meinen.... - meine es b ö s e; wohlgemerkt: in der Kunst. Denn für sie gilt etwas anderes als das tägliche Leben & Brot. Was in diesem absolut unangebracht ist, macht die Qualität jener recht eigentlich aus.
Nun ist dies keine Botschaft im direkten, unmittelbaren Sinn, sondern etwas, das sich aus der Luft nimmt, aus verdichteter Geschichte, aus Mythos und Träumen. Wie in diesen, ist auch in ihr die Erfahrung das Material. Deshalb wählt Artmann in allen diesen Gedichten sehr ritualisierte Sprachformen. Sie haben etwas von Formeln, Beschwörungsformeln – „Hypage Satanas!“ -, sind wie ein sprachliches Zeichen gegen den Bösen Blick, sei es in dem Text über den Frauenzerstückler – was fang ich mit dem leib wohl an,/der mir manch schönes spiel getan?/den will ich in zwölf stücke schneiden../nach soviel liebesstunden.. -, sei es in dem Stückchen über Kannibalismus – ich bitt dich drum du vögelein weiß/ein aug mir zu erhalten. Zumal diese Formeln stets etwas Kindliches haben, eine gesuchte, ausgesuchte, geradezu elegante Naivität. Da wundert es nicht, daß manche Zeile wie aus einem alten Märchen herüberklingt. Wir wissen ja, daß die besten, daß die schönsten Märchen böse sind. Immer reißt sich einer ein Bein aus, nicht metaphorisch, sondern konkret, wobei er seine Stanzen wie Verhöhnungen ruft, ja wie Gebete: „Ach wie gut, daß niemand weiß...“ So etwas verliert sich unserem Gedächtnis nicht, sondern hat etwas Archetypisches, Überindividuelles... man könnte von kollektiven Bannsprüchen sprechen, wäre das Kollektiv nicht begrifflich längst desavouiert.
Aufs Märchenhafte geht auch manches Bild. Der Küchenherd läßt uns an Hänsel und Gretel denken, in und zu aschen auch scheint sich Celans Todesfuge zu spiegeln, der wirklich schöne schwarze Ruß nimmt das Haar, so schwarz wie Ebenholz auf, das seinerseits in >>>> Dein aschenes Haar, Sulantith zerfiel, und im komm mit schließlich schwingt die gewaltigste Versuchung, sowohl die Todessehnsucht der Romantik wie Novalis’ Hymnen an die Nacht, aber auch einfach die Verlorenheit eines Pubertierenden mit, der vergeblich liebt und schwarz von einer Freiheit, einer Gelöstheit jenseits der Welt träumt... Gedichte wie dieses lassen ihren Leser heilsam regredieren, lassen ihn noch einmal nach-erleben und gänzlich von Grund auf sich selber erschaffen, neu schaffen: Sie machen das Erwachsensein erst möglich, indem sie die Verdrängungen lösen. In den Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, nannte man das Katharsis.
durch den schornstein
geht es ins himmelreich –
bedenks..
durch den schornstein
da zieht der rauch
so leicht –
komm mit..
durch den schornstein
da siehst du
sonne und mond
durch den schornstein
siehst du den küchenherd –
verbrannt
wird deine hand
und zu rauch
und zu aschen auch
und dein haar
und dein kopf
und dein leib
und dein fuß
wird zu schönem
wirklich
schwarzen ruß –
komm mit..

Meere.


Meere mare Frühjahr 2018.png

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So streifen junge Kater


[Geschrieben für >>>> Faustkultur.
Dort erschienen am 6.11.2017]


Peirani Parisien Schaefer Wollny

Balladen erzählen in knapper und konzentrierter Form
eine Geschichte, die szenisch dargeboten wird: Häufig
treten in einer Ballade mehrere Sprecher auf; Teile der
Handlung werden dialogisch in wörtlicher Rede wieder-
gegeben.
(…) die Ballade nimmt dabei opernhafte Effekte wie Re-
zitative oder Märsche auf; die Klavierbegleitung ist ton-
malerisch und verwendet teilweise Leitmotive.
Wikipedia


Eine nahezu unfeine Freizügigkeit ist im Umgang mit Superlativen nötig geworden, wenn man heute noch gehört werden möchte. Lässt man sie unter der Zunge liegen, wie Stil und Stolz es gebieten, hört einen gar niemand mehr: So wär zwar der eigenen Haltung Genüge getan („zu wissen, dass es Platin ist” [>>>> Vacheron Genève]), kaum aber den Musikern, denen man viele Stunden des Wieder- und aber- und abermals-Hörens verdankt. Nicht eine, so oft ich diesen, ja, Balladen jetzt lauschte, hat jemals an Spannung nachgegeben – nicht an ihr, geschweige denn an Virtuosität. Auf die es aber weniger als auf den Ausdruck ankommt – der musikalischen Erzählung, zu der die Form des alten Tanzlieds über die Jahrhunderte geworden ist.
Und also sage ich es, schreibe es nieder:

Dieses ist für mich die schönste und ergreifendste Jazz-CD, die 2017 herausgekommen ist.

Sie wird mir Lebensbegleiterin bleiben. Und Balladen sind diese fünf Stücke fürwahr: Out of Land heißen sie zusammen, „Außer Landes” also oder „In der Ferne”, was nun aber nicht Heimweh bedeutet, sondern einen sich bisweilen klangekstatisch aufschwingenden Rausch, von dem mir erst, wenn er plötzlich wegbricht, die Traurigkeit des Verlassenseins bleibt – zu bleiben scheint, denn schon im nächsten Stück hebt sie sich auf und beginnt das Abenteuer, sich aufeinander einzulassen, von neuem und anders. Das eben ist der Charakter von gemeinsamen Improvisationen: „Wir haben uns an vieles, was wir in den Proben besprochen hatten, nicht gehalten – bewusst!” ruft im Booklet Andreas Schaefer aus, der Stimm- und Sangeskünstler, und zwar „weil die Musik im Moment einfach etwas anderes gewollt hat.”
So tragen diese Musiker die Höhen ihrer Live-Auftritte selbst noch ins nachbereitende Studio hinein: der grad genannte Schaefer, der Saxophonist Emile Parisien, am Klavier Michael Wollny und der Akkordeonträumer Vincent Peirani.
Das Akkordeon ist ohnedies ein unterschätztes, bisweilen sogar missachtetes Instrument – „Quetschkommode”, so dachte auch ich einst -, – bis ich in Aachen, es ist Jahrzehnte her, >>>> Jean Pacalet erlebte. Ich selbst war auf das Festival zu einer Lesung eingeladen. Pacalet trat nach mir auf – absoluter Höhepunkt der Veranstaltungsreihe. Unterdessen ist er, leider viel zu früh, gestorben.
So nimmt nun ein Nächster das Feuer. Wie es halt „geht” in den Künsten.
Tatsächlich ist es Peirani, der die Stücke legiert, mal wie ein subversiver Basso continuo als Humus der Musik, mal aber auch solistisch sich ins Licht hebend, was das Balladeske dieser Musiken noch erheblich betont. Wären die Stücke ein wenig länger, ließen sie sich sogar Rhapsodien nennen. Auf solche ist für kommende CDs sehr zu hoffen. Leute, n e h m t   euch einfach die Zeit!
Wie rhapsodisch sie sein kann, diese Musik, war unmittelbar zu fühlen, als ich das Quartett zum ersten Mal live hörte – Anfang April dieses Jahres beim >>>> Festkonzert zum 25jährigen Jubiläum des Labels ACT, das Out of Land produziert hat. Als etwas ganz Neues wurden die Viere angekündigt. Für experimentelle Musik, die zugleich unterhaltsam ist, nahezu immer bleibt, ist ACT auch bekannt. Dabei geht das Niveau so gut wie niemals verloren, oder höchst selten.
Diese Viere aber waren, und sind, eine Art Erleuchtungserleben. Wie nämlich sie Musik erzählen, hebt sie aus allem Jazz heraus, ja es spielt keine Rolle mehr, zu welcher Gattung sie gehört. (Auch Ragas werden improvisiert – des großen Imrat Khans zu gedenken). Unsere Assoziationsräume funkeln.
Schaerer, so schrieb ich am folgenden Tag in Der Dschungel, ist nicht nur ein Sänger vom Schlage >>>> Bobby McFerrins, er ist mindestens ebenso Mundschlagzeuger. Seine virtuosen Fähigkeiten gehen weit, sehr weit über die pure Imitation hinaus; sie wissen ihre Mittel ineinander zu verschleifen oder eines aus dem anderen herauszuholen, nicht selten parallel zu den Mitspielern geführt. Wie die Viere aber dann unvermittelt die Register wechseln, ja ganze Welten des Klangs ineinander verschachteln, sich Zeit, plötzlich ganz viel Zeit lassen – die auf einer CD aber leider begrenzt ist – , ist ungemein beeindruckend. Ich bekam vor Aufregung feuchte Handflächen und bekomm sie immer wieder. Doch schon spielt das Akkordeon an irgendeiner verlassenen Pariser Ecke alleine vor sich hin. Was vorher war, war Traum? So schubbert manches Mal ein Wind ein raschelnd' Etwas vor sich her.
Out of Land ist, in fünf Kapiteln, ein mal mit harten Schnitten, dann wieder elegischen Übergängen fantasierter akustischer Spielfilm. Wie wir im Live-Konzert unversehens in einer nachtkahl-nassen Chicagoer Straße standen, wo aus irgendeiner Jazzkneipe, fast ist es schon morgens, der Klang durchs Kellerfenster hochdringt, so hören wir auf der Platte – nichts andres aber ist's als unsere eigene Imagination – in einem sich seltsam dehnenden Moment den expressiven >>>> Piazolla, freilich diskret, mitsummen, bevor Peirani sein Saxophon geradezu hysterisch aufdreht. Erst Wollny läßt es sich wieder fassen. Ein Lullaby und Mantra zugleich, so perlt sich die helle Intelligenz seines Klavierspiels in die entbundenen Leidenschaften. Oder Peirani und Schaerer steigen simultan – also parallelgeführt – in die Höhe; da übernimmt Wollny auf komplett weggedämpften Saiten den dumpfen Drive eines Schlagwerks. Dann wieder wird Schaerers Mundraum zur Weltmusik-Percussion: Zunge und Gaumen als Klangholz auf Klangholz.
All diese Stücke sind verspielt zugleich und streng, groß ausholend, aufmotzend und dennoch bescheiden, hin und wieder sogar schüchtern und wenig später herrlich – (weil nie klebrig) – kitschig, dann süß verträumt vor Melancholie. Alles ist, dies vor allem, Geste und ist voll Abbrüchen auch, und voller Anspielungen, neuer Erfindung. Es wird geschmettert und gerufen, geschmachtet und liebkost, wird geraunt und gegurrt und umschmeichelt. Junge Kater umstreifen alte Häuser so, auf deren einem Fensterbrett die Kätzin in einen Mond schaut, der blaß sein Licht über ein in der Tonne loderndes Feuer streut.
Und wir, – wir hören die stiebenden Funkentöne: wie sie zu Mond streben selbst und Mond ganz selber werden. Bevor er selbst zu Tag wird – auch das dank dieser Musik.

Out of Land
Andreas Schaerer, Michael Wollny,
Vincent Peirani, Emile Parisien,
ACT 9832-2
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Hab im Dünenschutt der Stunden. Kleine Poetiken (2): Uwe Dick.


Hab im Dünenschutt der Stunden
Einen Vogelleib gefunden,
und das Köpfchen, augenleer,
abgetrennt, lag nebenher.
Schau mich, Mädchen, nicht so an,
weil ich’s nicht ertragen kann.
Manchmal kommen einem Gedichte von einer restlos unheimlichen, weil höchst grausamen Naivität unter: Auch der Charakter manches Volksliedes trägt sie, vieles Märchenhafte Des-Knaben-Wunderhorn oder deren Mischung wie in Des Knaben Wunderhorn... einfachkecke Reime oft, die gleichermaßen schnippisch wie arglos selbst auf die Monstrosität von Augenleere reimen, ja im launigen Tanzschritt, der auf den Fußspitzen mindestens trippelt, und immer geht es mit einer so überraschenden, wie einfachen Findung einher oder mit einem Begebnis: Ich habe einen Vogelleib gefunden, ein totes Körperchen, das lag vor meinem Fuß. Und als ich mich bückte, war es nur ein Torso, der filigrane Kopf war abgeschnitten und hatte keine Augen.
Es ist diese unbedingte materielle Gegenwart des Todes, was die Eingangsformulierung „Dünenschutt der Stunden“ nicht als den abstrakten Lyrismus erleben läßt, der er eigentlich wäre, sondern sie zu der lebendigen Metapher einer leisen, phlegmatischen Einsamkeit macht. Stundenlang bist du durch die Dünen gestrichen: verwehte Hügel, auf denen allenfalls etwas Ginstriges wächst und trocknes Gras wie Stroh. Die Dünen wandern den Stunden nach, als wären sie, diese wie jene, Schutt.
Eines Tages werden sie‛s sein.
War ich zu zweit? War ich allein?
Ich weiß es nicht mehr, weiß nicht mehr, wem ich’s gesagt hab, dies „Schau mich, Mädchen, nicht so an“. Wahrscheinlich sind wir miteinander geschritten und wußten nicht, was und o b es denn würde. Ein jedes in seinen Gedanken, die zueinander wollten, es nicht konnten, vielleicht es nicht durften. Erst der kleine tote Vogel hat unsere Finger ineinander verschränkt.
Stumm standen wir da und sahn auf diesen Leib hinab, für den der Tod Katastrophe gewesen, erbarmungslos, verstümmelnd, aber für uns gemildert in menschliches Maß: Weil er so klein war, ließ sich ihm begegnen. Selbstverständlich ein Trug. Doch jetzt, jetzt konnt’ ich dich ansehen, zumal... plötzlich... dein Blick!
Die Maden sah ich, eine zehntelsekundenschnelle Vision, den spitzen starken Schnabel, der in die Augäpfel hackte: einmal zweimal – und wieder. Erst des Gedichtes Messer schnitt den Halsansatz vom Vogelrumpf.
Blatt und Heft finden sich in einem Zyklus, der bescheiden „Ansichtskarten aus Wales“ heißt und von einem auf das absichtsvollste vergessenen Dichter stammt, der allerdings noch lebt... und wie! Mit seinen Geschichten, Gedichten und Pamphleten reist er unermüdlich herum, um all jenen die Leviten zu lesen, die ihn ebenso unermüdlich aus den Literaturbetrieblichkeiten löschen. Kaum ist noch der Name >>>> Uwe Dicks bekannt... aber stöbern Sie ein wenig in den Antiquariaten. Wenn Ihnen die „Sauwaldprosa“ unterkommt oder das „Echo des Fundamentschritts“, dann... - ja dann, Freundinnen, Freunde, zögern Sie nicht... Amazon, seh ich grad, ist er >>>> noch einen Cent wert.
Ach Mädchen, was war’s, das ich in deinen Augen sah?!
Und was sahst du in den meinen?
Hab im Dünenschutt der Stunden
Einen Vogelleib gefunden,
und das Köpfchen, augenleer,
abgetrennt, lag nebenher.
Schau mich, Mädchen, nicht so an,
weil ich’s nicht ertragen kann.

Dick Echo des Fundamentschritts

Uwe Dick
Das Echo des Fundamentschritts
Dichtungen 1968 – 1980
Wilhelm Heyne Verlag, München 1981
>>>> Kleine Poetiken 3
Kleine Poetiken 1 <<<<

Euch täuschten Rosen nicht. Kleine Poetiken (1): Luis de Góngora.


Der Mund, der süß zu schlürfen muß verführen
den Saft, der köstlich zwischen Perlen quillt,
den Neid um Jupiters Getränk gar stillt,
mag’s ihm, von Ganymed kredenzt, gebühren,

an den, wollt liebend leben, dürft nicht rühren;
in Lippen, die Versuchung farbig schwillt,
sitzt Amor, der mit Gift die Waffe füllt:
in Blüten ist die Schlange nicht zu spüren.

Euch täuschten Rosen nicht, sagt ihr, euch schien,
daß Blütenstaub und Duft sind nur Genuß,
Aurorens Purpurschoß entsprängen sie in Reine;

nicht Rosen, Äpfel sind`s des Tantalus,
den, der erst angelockt sich sah, sie fliehn –
und von der Liebe bleibt das Gift alleine.

„Nur das Schwierige ist anregend“, schreibt der Kubanische Dichter Lezama Lima in seiner so klassisch gewordenen wie für die deutsche Literatur unmaßgeblich gebliebenen Essay-Sammlung >>>> „Die amerikanische Ausdruckswelt“: Nur das Schwierige sei anregend, denn allein der uns herausfordernde Widerstand könne unser Erkenntnisvermögen „geschmeidig krümmen und in Gang halten“. Und bezieht sich in seiner seinerseits vorgeblich dunklen Metaphorik auf den vorgeblich dunkelsten aller spanischen Poeten, den Barockdichter Luis de Góngora, dessen nach ihm in „Gongorismus“ benannten manieristischen Stil noch der gegenwärtige Brockhaus verunglimpfend „gewollt schwierig“ nennt... germanistoid, läßt sich das nennen, und lebensfeindlich sowieso innerhalb einer akademischen Doktrin, die jedes Adjektiv der Überflüssigkeit verdächtigt und wie ein böser calvinistischer Priester – wie ein Studienrat halt - das Leben so ausgedünnt wie möglich haben will: Texte ohne Gerüche, Gedichte, in denen es keinen Saft gibt und schon gar nichts monatlich blutet. Dabei schrieb doch Proust – er allerdings, vielleicht seiner weichlichen Filigranität wegen, auch von deutschen Rezensentlern geschätzt -, es vermöge nur die Metapher, dem Stil eine Art Ewigkeit zu geben.
Luis de Góngora ist ein Wahnsinniger der Metapher gewesen, - und da er zugleich jede Form erläuternder Erklärungen auf das stolzeste abwies, galt er auch im eigenen Land über zweihundert Jahre lang als unlesbar, geschmacklos, widersinnig. Es ist ohnedies immer verdächtig, wenn ein Dichter weiß, was er tut. Es war die Moderne, die ihn wiederentdeckte, und kein geringerer als Federico Garcia Lorca ist dann glühender... ich kann es zeitgenössischer nicht sagen: Fan geworden. Lezama Lima wiederum, dessen Roman Paradiso zu den literarischen Wundern des 20. Jahrhunderts zählt, folgte ihm in der Metaphernwut sogar noch nach. Die deutsche Germanistik (welch eine Wortverbindung!) hat davon freilich kaum etwas mitbekommen; sie favorisiert halt noch immer ihr Ghetto, und von draußen darf niemand da rein. Okay, paar Dichter aus den USA, aber auch das nur wegen Bündnistreue und weil sie sich so freundlich Robert Luis Stevensons Verdikt unterstellen, der gute Dichter meide Adjektive. Zu einem Satz indes wie dem folgenden ist der Engländer, so sehr ich ihn schätze, niemals vorgestoßen: „In Blüten ist die Schlange nicht zu spüren“. Er hätte auch nicht die Kraft besessen, eine Grotte das „melancholische Gähnen der Erde“ zu nennen, geschweige daß ihm, um einen unter der mediterranen Sonne verdunstenden Morgentau zu beschreiben, die Gnade der folgenden Formulierung zuteil geworden wäre: „Und kaum daß ihre Zunge drüberzuckte.../beginnt’s zu trocknen...“ So etwas bringt einem erst das Wagnis ein und die begeisterte Perversion, in der bewunderten Schönheit, die dir gegenübersitzt, bereits das helle höhnische Lachen zu ahnen, mit dem diese Frau dich verlassen wird – und dennoch ihre Schönheit zu preisen, das Leben zu preisen, „den Saft, der köstlich zwischen Perlen quillt“ – eine glückhafte, geradezu obsessive Lust an Speichel, dem der Dichter seinen Mund wie einen Kelch öffnet, in den interessanterweise Ganymed einschenkt – unversehens wird die homosexuelle Konnotation deutlich – und m e h r: Ganymeds „Saft“ reicht an die Lust nicht heran, die einem der Speichel dieser jungen Dame gewährt – so groß ist die sinnliche Gewalt solcher Schönheit, daß selbst der Schwule konvertiert – „mag’s ihm,“ – Jupiters Getränk – „von Ganymed kredenzt, gebühren“: Möge es also bei Jupiter bleiben, beziehungsweise wo der Pfeffer wächst!
Wobei selbstverständlich der „Kelch“ auf einen anderen deutet, auf ein anderes Gefäß, das wie der Gral ist, ein Motiv, das dasjenige der „Rose“ dann aufnimmt und im „Purpurschoß“ verstärkt, zumal in der Farbe der Morgenröte, fleischfarben also: Keine Frage mehr, daß es sich hier um ein pornographisches Gedicht im Gewande der Mythologie handelt. Post coitem omne animal triste, eine ästhetisch hochgradig perfekte Erinnerung aus der Perspektive der Vorausschau. Sämtliche Männer- und Schwulenängste verstecken sich drin: Daß Amor in der Möse sitzt und mit Gift die Waffe fülle, nimmt die vagina dentata – ich meine den Begriff, nicht die Furcht – um drei Jahrhunderte vorweg, und die lebensfeindliche Männerfantasie von Jungfräulichkeit – „Aurorens Purpurschoß entsprängen sie in Reine“ - koppelt die symbolische Rose an den symbolischen Apfel – der übrigens ein Granatapfel war und anders als u n s e r e Herbstfrucht wirklich bluten kann; schneiden Sie ihn einfach einmal auf... - All dies hast du gewußt, all dies hast du an dich gezogen, all dies hast du beiseitegewischt und hast vom Speichel der Schönen getrunken. Sie hat dich gelockt, sie hat dich genommen. Nun steht sie auf und lacht und geht. Zu lieben bedeutet, die Liebe zu verlieren, geliebt zu haben nämlich: „y sólo de el Amor queda el veneno“. Das höchst ambivalente spanische Wort- und Bedeutungsspiel, aufgespannt zwischen Amor als der Liebe und Amor als dem Gott, wurde leider ins Deutsche nicht mitübersetzt, - ich weiß auch gar nicht, ob es geht.
Der Mund, der süß zu schlürfen muß verführen
den Saft, der köstlich zwischen Perlen quillt,
den Neid um Jupiters Getränk gar stillt,
mag’s ihm, von Ganymed kredenzt, gebühren,

an den, wollt liebend leben, dürft nicht rühren;
in Lippen, die Versuchung farbig schwillt,
sitzt Amor, der mit Gift die Waffe füllt:
in Blüten ist die Schlange nicht zu spüren.

Euch täuschten Rosen nicht, sagt ihr, euch schien,
daß Blütenstaub und Duft sind nur Genuß,
Aurorens Purpurschoß entsprängen sie in Reine;

nicht Rosen, Äpfel sind`s des Tantalus,
den, der erst angelockt sich sah, sie fliehn –
und von der Liebe bleibt das Gift alleine.

Gongora Sonette Henssel

Luis de Góngora, >>>> Sonette
Übersetzt von Sigrid Meurer
Karl H. Henssel Verlag, Berlin 1960

>>>> Kleine Poetiken 2

In das Land geschritten.

Ich habe mich entfernt, bin in das Land geschritten, worin die Krähen Himmel säen. Ben öffnete die Wolken, und ich fiel an seiner Hand. Sein Gesicht entzweit, lag ihm meines auf der Schulter.
Nicht weit von uns fingen die Krähen Nasen in ihren Schnäbeln, indessen mir die Ohren zweier vorsintflutlicher Tiere wuchsen, die niemals einen Namen hatten. Diesen Segeln hielt Ben die Leinen so gestrafft, daß wir scharfe Fahrt aufnahmen.
Dem Wind war zu trauen, Pilze sprossen aus den Samen der Krähen. Es ging unfaßbar plötzlich, immer wieder wichen wir ihnen aus, indem Ben rechts oder links an den Leitleinen zog, auf daß ich je nachdem den Kopf wenden mußte.
Wir surften über die Kämme, es kostete gar keine Kraft. Ich war das Medium seiner Sehnsucht und weich wie eine Schwalbe, bevor sie die Krähe verschlang. Das Blut, in einzelnen, wunderbar konturierten Tropfen, betupfte den Himmel bis zum Horizont, aus dem das Kleid der Schöpfung wurde, in dem wir beide hinabrauschten.
Aber ach Ben! Weshalb ließest Du mich landen? Weshalb denn meine Brüste an die Kufen deines kleinen Flugzeuges legen, da du zum Wasser rittst? Momentlang spürte ich Furcht. Doch mein Schoß, in dem dein Wille steckte, hob meinen Leib überm Kreuz an. Wir glitten leicht in die Dünung. So zerfiel ich unter dir. Schmal, Ben, schmal! Aber so weit auch und frei.
Wie ich mich dehnte, war ich das Wasser selbst, damit du in ihm schwammst. Dafür bin ich gemacht. Ich war deine Luft, war dir Essenz wie aller, die mich atmen. Ihr seid mir die Form, die mich schützt, wenn ich ins Innere tauche.
Gib mir noch einen Schluck. Bitte! Dann werd ich dir Mantel und Heim.
Nutz mich, doch gib mir, ich weiß von den Sternen. Mein Blut ist ein nährendes Netz. Denn ich bin die Flüsse der Erde. Ich bin das Meer, und sieh, wie es leckt, die Pfütze von diesem Tisch leckt. Aber halte die Leinen, damit ich nicht stürze. Da ich so tanz zuleib.
Und dann laß mich schlafen, Freund, ach schlafen: wie ich müde bin.

 



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