tagebuch
… aber erst seit einer Stunde. Es fing sehr sacht an, als ich vor einer Stunde vom Zigarettenautomaten hierher zurückkam, vor dem ich warten mußte, weil ein junges Pärchen schon davor stand. Sie sagte ihm, was er zu tun habe, auch die zu drückende Nummer: „Quarantasei“. Als ich meine „13“ drückte, schaute ich, was es unter „46“ gibt: „6 profilattici“, vulgo Kondome. Und fuhren in einem schwarzen Peugeot stadtauswärts. Ich indes zurück an meinen schwarzen Schreibtisch, so schwarz, daß man leicht den lange nicht fortgewischten Staub in den hinteren Bereichen sieht, aber auch wieder so schwarz dort, wo Hände und Ärmel wischen, als wäre sogar auf ihn der Mairegen niedergegangen. Der Rest des Zimmers im Halbdunkel. Da die Sonne nicht mehr scheint, kann ich auch den Rolladen hochziehen, um doch einmal wieder ständig die dunkelgraue Silhouette des Monte Soratte vor dem sich hebenden Blick zu haben. Um aber die Lichter von S. Oreste zu sehen, dem Ort auf dem niedrigeren linken Teil des Berges (von Norden besehen), ist es noch nicht dunkel genug. Was ich immer dachte: man sollte einmal sehr früh morgens noch im Dunkeln zu ihm hinauf fahren und auf die Morgenröte warten. Aber ich glaube, dafür wäre ein klarer Wintertag besser, wie mich ja auch mein Aufenthalt auf dem Land belehrt hat, daß Auroren dem Winter holder. Außerdem hätte der Winter den Vorteil, daß man nicht gar so früh aufstehen müßte. An Auroren aber denke ich nicht umsonst: nächste Woche kehrt eine solche aus Sizilien nach Viterbo zurück. Dies aber auch nur gesagt, um mir den Horizont in einem Farbton zu verkleistern, der die Mitte zwischen Rot, Rosa und Orange hält: Hare Krishna! - Daß Krishna aber der „Schwarze“ bedeutet, entdecke ich erst jetzt: Hübscher schwarzer Peugeot, mit dem ich aus dem TB herausfahre!
Bruno Lampe - am Sonntag, 11. Mai 2008, 20:12 - Rubrik: Tagebuch
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was tut eine mutter an muttertag?... an ihr kind denken. und in dem moment, in dem sie an ihr kind denkt, weiß, dass alles gut ist, wie es ist, klingelt das telefon: „mama ich hab dich lieb.“ „ich mich auch, äh’ ich meine natürlich ich dich auch.“ „kannst du mir mal sagen, wieso ich vier stunden brauche, bis ich finger- und fußnägel fertig lackiert habe?“ „ja… das ansinnen des perfektionistischen hast du wohl in den genen.“ „du willst mir jetzt sagen, dass du auch immer so lange brauchst?“ „ja, wenn man davon ausgeht, dass zuerst ablackiert, die nagelhaut nach hinten geschoben, und dann erst mal gefeilt wird. evtl. muss ich noch polieren, oder unebenheiten ausgleichen, den unterlack auftragen, aushärten lassen, dann den lack in zwei schichten und danach den oberlack zum versiegeln. plötzlich stört hier ein fitzelchen, da ist der lack ins nagelbett gelaufen, hier nicht richtig gefeilt, dann taucht ein fussel in der sich gerade schließenden lackoberfläche auf, der natürlich vorher nicht da war, oft passiert es mir, dass ich mit einem gerade frisch lackierten nagel irgendwo gegen knalle, weil trocken ja noch lange nicht stoßfest bedeutet, ergo mit den anderen frisch lackierten nägeln diesen einen hypervorsichtig mit nagellackentferner wieder ablackieren muss, wobei ich mir den einen oder anderen frischgelackten nagel auch wieder versaue, dann lackiere ich häufig vor wut den ganzen sch(w)eiß wieder ab und komplett neu. am sichersten ist, ich bewege mich danach drei stunden nicht mehr. das drei- bis vierstündige ritual für finger- und fußnägel braucht mindestens einen liter kaffee und die zigaretten obendrauf.“ „bist du dann auch immer so sauer?“ „ja, es ärgert mich, weil ich es ja durch aufpassen eben verhindern könnte, irgendwo gegen zu knallen. als ich vorhin meine fußnägel fertig hatte, stand ich auf und trat voll an das unter dem tisch liegende kissen, vor wut habe ich gleich nochmal nachgetreten.“ „wieso liegt unter deinem tisch ein kissen?“ „na… du weißt doch, dass hier immer irgendwo bodenkissen in der gegend rumliegen, aber ich denk nicht immer dran.“ „ich glaub’ ich hab mich verliebt“ „ups… und?“ „ja ich weiß auch nicht“ „dann bist du nicht verliebt“ „doch irgendwie schon.“ „irgendwie geht nicht, entweder oder…“ „ich will erst mal abwarten, morgen abend kommt er zu mir.“ „du hast ihn eingeladen?“ „ja… da ist doch nichts dabei.“ „hmm… vielleicht bin ich zu altmodisch, lass ihm doch erst einmal zeit, um dich zu werben.“ „ohhhh mama, du weißt, dass ich mit diesem altmodischen scheiß nichts am hut habe, du kennst mich doch, entweder oder…“ „ahja, womit dein ich weiß auch nicht entweder beantwortet wäre, oder willst du einfach nur mit ihm ins bett.“ „könnte auch sein, er hat’nen geilen arsch einen noch geileren blick, und vor allen dingen, hirn.“ „find einfach heraus, was in dir reagiert, wenn du an ihn denkst.“ „mein ganzer körper reagiert, ich reagiere, ich krieg mich kaum in den griff, wenn ich ihm gegenüber stehe“ „ok, dann greif doch einfach erst in seine hose und dann nach seinem hirn. mit geist findet das spiel im kopf statt, diese erotik ist durch nichts zu überbieten, wenn nicht, will er einfach nur seinen schwanz reinstecken.“ „aber du weißt, dass ich so oder so nicht wollen werde, dass er neben mir einschläft.“ „vielleicht stellt sich ja die frage nachher für dich garnicht mehr, weil er einfach liegen bleibt.“ „nein, dass will ich nicht. ich will die ganze nacht vögeln… aber ich will nicht, dass er bleibt.“ „wenn es irgendwann d e r mann sein sollte, wird er es einfach tun, und du wirst nicht darüber nachdenken.“ „das glaub ich nicht, ich kann, wenn nötig, meine kalten füße selber wärmen, überhaupt hab’ ich nie kalte füße, ich erschlag auch meine mücken selbst, und nur ich darf mich morgens so sehen, wie ich morgens aufstehe, da fliegt doch der eros wieder, und die erotik flötet so lange, bis die schlange überhaupt nicht mehr gewillt ist, ihren kopf zu heben, geschweige denn, nach der musik zu tanzen. ein guter schlangenbeschwörer zwingt die schlange in ihren tanz, das funktioniert nicht, wenn er vor sich hinschnarcht, und ich will nachts im bett eine rauchen, wenn ich das will.“ „jetzt versteh ich erst, worum es dir geht.“ „ja und?“ „dann sag ihm einfach hinterher, dass er gehen soll, basta.“ „natürlich tu ich das, aber er wird es nicht geregelt kriegen.“ „du sagst es, und genau deswegen wird er wiederkommen wollen.“ „fehlt bloß noch, dass er fragt, wann wir uns wiedersehen, dann hat er gleich verloren.“ „oh kind, manchmal wünschte ich, du hättest nicht so viel von mir.“ „warum?.“ „weil ich ab und an das gefühl habe, mir selbst das leben schwer zu machen.“ „du machst dir dein leben nicht schwerer, du l e b s t nur intensiver als manch anderer mensch mama, und das ist auch das, was ich will. kollekivgängiges massentum geht mir am arsch vorbei, ich lebe zwar in dieser gemeinschaft, bin aber, weil ich zwischen vor- und nachteilen abwog, aus diesem zug ausgestiegen“ „das hast du tatsächlich getan, ich weiß. wie weit bist du mit dem buch?" "ich hab's durch" „und?“ „das ist genau das, was ich will mama, l e b e n und nicht funktionieren. der mensch lebt, technik funktioniert… und du hast es mich gelehrt, dafür danke ich dir. was ich will, hat übrigens spengler mal das pathos der dritten dimension genannt.
„Es sind noch einmal echte Raubtiere, deren Seelenkraft nach der Unmöglichkeit ringt, die Übermacht des Denkens, des organisierten künstlichen Lebens über das Blut zu brechen und in ein Dienen zu verwandeln, das Schicksal der freien Persönlichkeit zum Sinn der Welt zu erheben.“
… zitierte sie und ich war wieder sprachlos. „mama?“ „ja?“ „du sagst ja gar nichts mehr“ „ja“ „heut ist muttertag“ „so?“ „ich hätte dir so gern etwas geschenkt.“ „du hast mir gerade etwas geschenkt, nämlich ein gefühl“ „ein gefühl?“ „ja, dass ich in dem leben meiner tochter als mutter einiges richtig gemacht habe.“ „du hast nichts aber auch gar nichts falsch gemacht, mama. ich kann heute so leben, weil du mich diese qualität des eigenen an sich selbst stellbaren anspruches in bezug auf die dinge, die man tut, gelehrt hast. du hast mich das leben gelehrt, mama.“
mein kind geht jetzt zum spargelessen und ich sitze hier und heule. aber es ist ein schöner schmerz… das kind löst sich aus der mutterbindung, und ich bin glücklich über die art und weise, wie sie’s tut.
„Es sind noch einmal echte Raubtiere, deren Seelenkraft nach der Unmöglichkeit ringt, die Übermacht des Denkens, des organisierten künstlichen Lebens über das Blut zu brechen und in ein Dienen zu verwandeln, das Schicksal der freien Persönlichkeit zum Sinn der Welt zu erheben.“
… zitierte sie und ich war wieder sprachlos. „mama?“ „ja?“ „du sagst ja gar nichts mehr“ „ja“ „heut ist muttertag“ „so?“ „ich hätte dir so gern etwas geschenkt.“ „du hast mir gerade etwas geschenkt, nämlich ein gefühl“ „ein gefühl?“ „ja, dass ich in dem leben meiner tochter als mutter einiges richtig gemacht habe.“ „du hast nichts aber auch gar nichts falsch gemacht, mama. ich kann heute so leben, weil du mich diese qualität des eigenen an sich selbst stellbaren anspruches in bezug auf die dinge, die man tut, gelehrt hast. du hast mich das leben gelehrt, mama.“
mein kind geht jetzt zum spargelessen und ich sitze hier und heule. aber es ist ein schöner schmerz… das kind löst sich aus der mutterbindung, und ich bin glücklich über die art und weise, wie sie’s tut.
… viele schiffe waren das heute, und viel wasser. es tat einfach nur gut. die füße in den schlick graben, bis zu den knöcheln drin stecken bleiben und fühlen… wenn man jetzt so stehen bliebe, der grund immer mehr sich nähme. später saßen wir einfach nur im halbschatten am steinigen ufer auf großflächigen steinen, die wohltuend warm waren. auch machte es spaß, von stein zu stein barfüssig zu steigen, zu klettern, zu hüpfen, aber immer aufpassen müssend, wegen der teilweise mit einer jetzt angetrockneten leuchtmoosgrünen algenschicht auf diesen schwarzen großen steinen nicht auszurutschen. diese so andere materie unter meinen füßen zu spüren, birgt für mich eine sinnlichkeit, die keine erinnerung braucht, keine frühere und keine spätere, es ist für mich wie ein existentiell notwendiges nicht vorhandensein müssen von etwas…
auf dem rückweg tat die kollegin mir noch einen großen gefallen, ich wollte am hafen durch die industriebrachen…. nicht nur, dass mich diese bilder dieser stehendverlassen bleibenden brachen einfach faszinieren, wenn gras wieder über die flächen wachsend es schafft eben dieses zu brechen, auch kann ich mir nicht genug mühen machen, einen spirit zwischen diesem stumm vor sich hin rostenden eisenriesen zu entdecken. diesen zu finden, sagt mir, dass der mensch mit seinem kleinen leben nicht immer der stärkere bleiben wird. von diesem gedanken abschweifend ging mir der anblick einiger sterbender riesen von innen allerdings nicht nur durch mark und bein, sondern auch direkt in den uterus, und genau deswegen wollte ich auch dahin.
auf dem rückweg tat die kollegin mir noch einen großen gefallen, ich wollte am hafen durch die industriebrachen…. nicht nur, dass mich diese bilder dieser stehendverlassen bleibenden brachen einfach faszinieren, wenn gras wieder über die flächen wachsend es schafft eben dieses zu brechen, auch kann ich mir nicht genug mühen machen, einen spirit zwischen diesem stumm vor sich hin rostenden eisenriesen zu entdecken. diesen zu finden, sagt mir, dass der mensch mit seinem kleinen leben nicht immer der stärkere bleiben wird. von diesem gedanken abschweifend ging mir der anblick einiger sterbender riesen von innen allerdings nicht nur durch mark und bein, sondern auch direkt in den uterus, und genau deswegen wollte ich auch dahin.
drüben im pennymarkt sieht es abends immer so aus, als ob eine bombe eingeschlagen hätte. die am frühen morgen so aufgeräumte verkaufsfläche ist zum feierabend der verkäuferinnen ein einziges schlachtfeld. es ist unglaublich, was man sieht, wenn man die menschen beim einkaufen beobachtet. da werden tomaten mit den fingern aus der kiste genommen, um so lange darauf rumzudrücken, bis sie tatsächlich weiche stellen haben. auf grund der fiktiven und dann realisierten weichheit wird die tomate in die kiste wieder zurückgelegt, die nächste wird dem ultimativen test ausgesetzt. bananen müssen grundsätzlich immer rausgenommen, gedreht und gewendet werden, gefällt eine banane nicht, wird diese abgebrochen, weggelegt und eine schönere von der nächsten bananenhand abgebrochen. erdbeeren werden aus ihren kleinen blauen schalen rausgeholt, wenn für schlecht befunden, einfach in eine andere schale gelegt, und aus dieser die schöneren in die eigene schale gepackt. frisches abgepacktes fleisch nimmt man aus der großen kühltruhe, legt es in eine tüte, weiß blitzartig an der nächsten regalecke, dass man es doch nicht essen will, und entsorgt es einfach im nahegelegenen regalfach. in folie abgepackte schinkenwürstchen werden bis zur letzten hinteren packung aus der kühltruhe geholt, weil man erst mit dem auf dieser packung gedruckten mindesthaltbarkeitsdatum zufrieden ist, die anderen vier dabei umgekrempelten kartons lässt man einfach so vor der kühltruhe stehen. kaffeepackungen liegen zwischen den brötchen, bierflaschen zwischen den bananen, tiefgekühlte produkte an allen möglichen stellen aber eben außerhalb der kühltruhen. den verbissenen gesichtsausdruck des mannes, der in seiner gebückten körperhaltung mit weißen beinchen in bermudashorts und noch weißeren socken in den beigefarbenen sandalen die ganzen schinkenwürstchen von hinten nach vorn umgrub, wird in meiner erinnerung bleiben. ich musste mir das anschauen, blieb einfach stehen und sah zu… er bemerkte es nicht einmal. als ich den pennymarkt betrat, gab es gleich im eingang zwei volksaufläufe mit mürrischen gesichtern, an den kassen lange schlangen, und die leergutautomaten waren voll. auch hier schaute ich zu, es war eine schwere arbeit für die frauen, die zeit brauchte, was einigen kunden sichtlich viel zu lange dauerte. ich ging einfach in den nächsten markt, kaufte dort, was ich auch noch brauchte und probierte dann wieder mein glück, siehe da… die menschenansammlung hatte sich aufgelöst. die beiden frauen an den kassen sahen ziemlich fertig aus: „wieso meinen die menschen vor feiertagen eigentlich immer, dass es die nächsten fünf jahre nichts mehr zu kaufen gibt“ sagte eine leise zu mir... "ich werde nie verstehen, dass menschen sich so benehmen." ich gab ihr in gedanken recht und nickte zustimmend. ich habe von kindheit an nur in aldi- und pennymärkten eingekauft, aber so... verhielt ich mich nie.
gestern abend kam noch eine kollegin, brachte mir blumen für meinen balkon aus ihrem garten, die sonst einer verschönerungsaktion anheimgefallen wären. der abend war schnell rum, der spaziergang tat gut, die gemeinsame zigarette hinterher auch. morgen am samstag wollen wir „schiffe gucken“… es ist zwar hafengeburtstag, in diese masse will ich aber nicht, also gucken wir uns die schiffe von einer der elbinseln aus an. es ist ein privates grundstück.
die arbeit der woche war sehr komprimiert. ich habe übrigens bei meinem gespräch mit dem abteilungsleiter das durchsetzen können, was ich erreichen wollte, hat das nun wirklich daran gelegen, dass ich keinen slip unter dem kostümrock trug?.... eine zehn jahre alte richtlinie wird jetzt außer kraft gesetzt, der ganze prozess neu konzipiert, und ich darf ihn steuern. mein chef hat mich für ein managementprogramm vorgeschlagen, welches nur für angehende führungskräfte ist. „eigentlich brauchen sie das nicht, aber sie werden den schein benötigen.“ das fragezeichen auf meiner stirn beantwortete er kurz und knapp: „die leute müssen umdenken, sie können das schon."
einen zweiten orangencalcit kaufte ich mir heute noch, ich will ihn mit ins büro nehmen. der inhaber des kleinen geschäftes besorgte zwei sehr schöne große steine, einen davon suchte ich mir aus. dieser mann hat etwas… nämlich augen. die hat natürlich jeder, aber seine sind so was von blau, auch noch umrahmt von ganz dichten schwarzen wimpern. als ich mir die steine anschaute, stellte er sich neben mich, sagte nichts. ich nahm beide steine jeweils für einen kleinen moment zwischen meine handinnenflächen, und entschied mich dann für den einen. er blieb ganz ruhig, schaute mich an, sagte nichts, packte den stein sehr sorgfältig ein, ich gab ihm meine kreditkarte: „hier ist ein gutes stück erde“ sagte ich. er blickte hoch, mir fragend in die augen. „ich meine nicht ihr geschäft an sich, hier vermitteln sich mir schwingungen, die mich erden“ antwortete ich. er lächelte: „erinnern sie unser letztes gespräch?... ich fragte sie, woher sie kommen, damit meinte ich nicht die stadt, aus der sie stammen.“ „so?... was dann?“ „erleben sie, dass tiere zu ihnen kommen?“ „hmm… ja, über viele jahre schon. schmetterlinge begleiten mich einige zeit, fledermäuse kann ich fühlen, bevor ich sie sehe, agressive hunde beruhigen sich, auch pferde… und die delphine, die lieben mich.“ „sie wissen um geschehnisse, bevor sie passieren, und sie haben verbindungen in eine andere dimension“ sagte er völlig ruhig. „woher wissen sie das?“ fragte ich. „ich sah’s, als sie mein geschäft betraten. alle, die den weg hierher finden sollen, finden ihn“…. dann führten wir ein längeres gespräch. er ist ausgebildeter schamane, hat 30 jahre in mexiko in einem bergdorf gelebt, sich dort ausbilden lassen, und mit den eingeborenen gelebt, sie haben sich von ihm heilen lassen. als ich ihm sage, dass ich vorher weiß, wann menschen aus meinem umfeld sterben, findet er das nicht mal ungewöhnlich.
manchmal glaube ich, dass ich nicht die menschen finde, sondern die menschen mich. eine nachbarin begegnete mir gestern, ich wusste sofort was ich sah, als ich sie sah. „ich habe 8 jahre hospizarbeit gemacht, wenn sie hilfe brauchen, meine tür da oben hat eine klingel.“ „ich habe garkeine zeit für irgendwas“ sagte sie. „ich weiß, sie handeln erst einmal nur, sie tun das, was jetzt getan werden muss, sie funktionieren.“ „sie verstehen das?....“ „ja“ „oh gott bin ich froh, dass das wenigstens ein mensch versteht.“ ihr mann ist vor zwei tagen gestorben, die ganze umgebung wundert sich darüber, dass sie so „beisammen“ ist und das tut, was sie tut. ich nahm sie zum abschied einfach in den arm. „danke“ sagte sie und ging.
gestern abend kam noch eine kollegin, brachte mir blumen für meinen balkon aus ihrem garten, die sonst einer verschönerungsaktion anheimgefallen wären. der abend war schnell rum, der spaziergang tat gut, die gemeinsame zigarette hinterher auch. morgen am samstag wollen wir „schiffe gucken“… es ist zwar hafengeburtstag, in diese masse will ich aber nicht, also gucken wir uns die schiffe von einer der elbinseln aus an. es ist ein privates grundstück.
die arbeit der woche war sehr komprimiert. ich habe übrigens bei meinem gespräch mit dem abteilungsleiter das durchsetzen können, was ich erreichen wollte, hat das nun wirklich daran gelegen, dass ich keinen slip unter dem kostümrock trug?.... eine zehn jahre alte richtlinie wird jetzt außer kraft gesetzt, der ganze prozess neu konzipiert, und ich darf ihn steuern. mein chef hat mich für ein managementprogramm vorgeschlagen, welches nur für angehende führungskräfte ist. „eigentlich brauchen sie das nicht, aber sie werden den schein benötigen.“ das fragezeichen auf meiner stirn beantwortete er kurz und knapp: „die leute müssen umdenken, sie können das schon."
einen zweiten orangencalcit kaufte ich mir heute noch, ich will ihn mit ins büro nehmen. der inhaber des kleinen geschäftes besorgte zwei sehr schöne große steine, einen davon suchte ich mir aus. dieser mann hat etwas… nämlich augen. die hat natürlich jeder, aber seine sind so was von blau, auch noch umrahmt von ganz dichten schwarzen wimpern. als ich mir die steine anschaute, stellte er sich neben mich, sagte nichts. ich nahm beide steine jeweils für einen kleinen moment zwischen meine handinnenflächen, und entschied mich dann für den einen. er blieb ganz ruhig, schaute mich an, sagte nichts, packte den stein sehr sorgfältig ein, ich gab ihm meine kreditkarte: „hier ist ein gutes stück erde“ sagte ich. er blickte hoch, mir fragend in die augen. „ich meine nicht ihr geschäft an sich, hier vermitteln sich mir schwingungen, die mich erden“ antwortete ich. er lächelte: „erinnern sie unser letztes gespräch?... ich fragte sie, woher sie kommen, damit meinte ich nicht die stadt, aus der sie stammen.“ „so?... was dann?“ „erleben sie, dass tiere zu ihnen kommen?“ „hmm… ja, über viele jahre schon. schmetterlinge begleiten mich einige zeit, fledermäuse kann ich fühlen, bevor ich sie sehe, agressive hunde beruhigen sich, auch pferde… und die delphine, die lieben mich.“ „sie wissen um geschehnisse, bevor sie passieren, und sie haben verbindungen in eine andere dimension“ sagte er völlig ruhig. „woher wissen sie das?“ fragte ich. „ich sah’s, als sie mein geschäft betraten. alle, die den weg hierher finden sollen, finden ihn“…. dann führten wir ein längeres gespräch. er ist ausgebildeter schamane, hat 30 jahre in mexiko in einem bergdorf gelebt, sich dort ausbilden lassen, und mit den eingeborenen gelebt, sie haben sich von ihm heilen lassen. als ich ihm sage, dass ich vorher weiß, wann menschen aus meinem umfeld sterben, findet er das nicht mal ungewöhnlich.
manchmal glaube ich, dass ich nicht die menschen finde, sondern die menschen mich. eine nachbarin begegnete mir gestern, ich wusste sofort was ich sah, als ich sie sah. „ich habe 8 jahre hospizarbeit gemacht, wenn sie hilfe brauchen, meine tür da oben hat eine klingel.“ „ich habe garkeine zeit für irgendwas“ sagte sie. „ich weiß, sie handeln erst einmal nur, sie tun das, was jetzt getan werden muss, sie funktionieren.“ „sie verstehen das?....“ „ja“ „oh gott bin ich froh, dass das wenigstens ein mensch versteht.“ ihr mann ist vor zwei tagen gestorben, die ganze umgebung wundert sich darüber, dass sie so „beisammen“ ist und das tut, was sie tut. ich nahm sie zum abschied einfach in den arm. „danke“ sagte sie und ging.
Telefoniert hatte ich mit ihr: vorgestern. Es ging mir wieder ans Eingemachte: ich hätte SIE verletzt, als sie Anfang März hier auftauchte und unversehens nach 10 Minuten oder so wieder ging. Aus meinem ganzen Benehmen hätte sie gesehen, daß ich sie nicht sehen wolle. Ich bin nicht dazu gekommen, ihr zu sagen, daß mir ihr Besuch deshalb ungelegen kam, weil die Wohnung unaufgeräumt war, weil die Sitzgelegenheiten mit Klamotten bedeckt waren, weil das Wohnzimmer noch uneingerichtet war, weil der Fußboden in der Küche Flecken aufwies, weil, weil, weil. Da hat jemand irgendwann aufgehört, mich kennen zu wollen. Und setzt es fort. Am Ende streitet die Wahrheit mit der Meinung, und die Wahrheit selbst wird zur Notlüge und die Meinung zur Wahrheit. Und der Finger beendet abrupt das Gespräch. Mein Finger. Hab’ ich immer noch nicht verdaut. Zu sagen, es sei egal, kann ich nicht. Sogar der Gedanke kam mir, daß, wenn Gleichgültigkeit so abwesend ist, da etwas doch noch ist, was aber sehr wehe tut. Nur die Abwesenheit heilt. Und fast hat es zu tun mit einem Traumstück der vorletzten Nacht: es bildeten sich helle Punkte am schwarzen Himmel zu Sternbildern, sobald sie aber fertig waren, fielen herab vom Himmel. Ich rief jemanden (eine Frau) herbei, sich das mit anzuschauen: es geschah genau dasselbe. Erst nach dem Traum erinnerte ich mich, daß es eine Neujahrsnacht gewesen war, in der ich da noch vieles mehr erlebte. Der Wunsch also, der zerstiebt, sobald er in Erfüllung tritt. Darf man sich nicht etwas wünschen, wenn man eine Sternschnuppe herabfallen sieht? - Gestern in Rom, um Schwarzgeld einzukassieren: „Ich habe dich für morgen erwartet.“ - „Aber ich schrieb doch gestern: ‚Ich komme morgen.’“ - Kurz, er hatte sich vom Betreff beirren lassen, in dem ein Freitag steht, weil ich zunächst vorhatte, am letzten Freitag zu fahren, an dem er allerdings verhindert war. Also gab’s weniger, als ich wollte. Nächste Woche ist aber eine weitere Romreise vorgesehen.
Sie haßten einander mit Worten und Gedanken; er schlug sie, verbrannte ihr Bild, verleumdete sie öffentlich; sie rächte sich so gründlich sie konnte, schlug zurück, verleumdete wieder, ließ ihn frieren und hungern, nahm ihm das Kind.
Aber die Affinität, das Verlangen nach Vereinigung, überlebte die Feindschaft; gegen ihren Willen wurden sie zueinander gezogen; es war, als trügen sie zwei selbständige Wesen unter der Haut, und diese Wesen liebten sich auf eigene Faust, trotz des Hasses der beiden Feinde. Diese geheimnisvollen Wesen teilten eine Art Liebe den Antagonisten mit, die sich wirklich im Eros begegneten und für einige Augenblicke einander das Glück schenkten.
Darum ist wohl die Liebe unabhängig von Vernunft, Antipathie, und kann sogar die Scheidung überleben.
Die Theosophen sagen, im Gedanken an die Reinkarnation, daß die Kinder ihre Eltern wählen.
Darum wählt „man“ in der Liebeswahl nicht, sondern wird gewählt, ohne Widerstand leisten zu können; und darum auch existiert die Liebe selbständig mitten im Haß und parallel mit der Antipathie.
Es geht über unsern Verstand und unsern Willen!
Aus Strindbergs „Blaubuch“, zitiert nach „Die Republik“, Nummer 61-67, Februar 1983
Sie haßten einander mit Worten und Gedanken; er schlug sie, verbrannte ihr Bild, verleumdete sie öffentlich; sie rächte sich so gründlich sie konnte, schlug zurück, verleumdete wieder, ließ ihn frieren und hungern, nahm ihm das Kind.
Aber die Affinität, das Verlangen nach Vereinigung, überlebte die Feindschaft; gegen ihren Willen wurden sie zueinander gezogen; es war, als trügen sie zwei selbständige Wesen unter der Haut, und diese Wesen liebten sich auf eigene Faust, trotz des Hasses der beiden Feinde. Diese geheimnisvollen Wesen teilten eine Art Liebe den Antagonisten mit, die sich wirklich im Eros begegneten und für einige Augenblicke einander das Glück schenkten.
Darum ist wohl die Liebe unabhängig von Vernunft, Antipathie, und kann sogar die Scheidung überleben.
Die Theosophen sagen, im Gedanken an die Reinkarnation, daß die Kinder ihre Eltern wählen.
Darum wählt „man“ in der Liebeswahl nicht, sondern wird gewählt, ohne Widerstand leisten zu können; und darum auch existiert die Liebe selbständig mitten im Haß und parallel mit der Antipathie.
Es geht über unsern Verstand und unsern Willen!
Aus Strindbergs „Blaubuch“, zitiert nach „Die Republik“, Nummer 61-67, Februar 1983
Bruno Lampe - am Freitag, 9. Mai 2008, 20:22 - Rubrik: Tagebuch
Ich kenne meinen Mephisto
aus meinen Gedanken und Reden.
Ich lieb ihn, den zynischen, bösen,
den guten jedoch – könnt ich töten.
….
Aus: „Mein Teufel“ – Gedichte von >>>>Justinas Marcinkevičius
Heute ist wieder einmal Freitag, also Badetag. Noch einmal wird dieses Wochenende „Litauen“ auf meinem Spielplan stehen. Die Probebühne „Sauna“ wartet. Das Publikum, alles ummantelte Körper von Freunden, wird hoffentlich kritisch genug sein, wenn ich leicht sächselnd den Text lesen werde. Das Testlesen des ersten Kapitels dauerte gestern ungefähr 45 Minuten.
Gegen Abend ist Frankfurt angesagt. montgelas und ich besuchen die >>>Vernissage in der Gutleutstrasse. Samstag, Sonntag und Pfingstmontag wird am Tage geradelt und am Abend werde ich mich wieder über „ Litauens Krankheit“ beugen, die nun unbedingt, ihr Ende finden soll.
aus meinen Gedanken und Reden.
Ich lieb ihn, den zynischen, bösen,
den guten jedoch – könnt ich töten.
….
Aus: „Mein Teufel“ – Gedichte von >>>>Justinas Marcinkevičius
Heute ist wieder einmal Freitag, also Badetag. Noch einmal wird dieses Wochenende „Litauen“ auf meinem Spielplan stehen. Die Probebühne „Sauna“ wartet. Das Publikum, alles ummantelte Körper von Freunden, wird hoffentlich kritisch genug sein, wenn ich leicht sächselnd den Text lesen werde. Das Testlesen des ersten Kapitels dauerte gestern ungefähr 45 Minuten.Gegen Abend ist Frankfurt angesagt. montgelas und ich besuchen die >>>Vernissage in der Gutleutstrasse. Samstag, Sonntag und Pfingstmontag wird am Tage geradelt und am Abend werde ich mich wieder über „ Litauens Krankheit“ beugen, die nun unbedingt, ihr Ende finden soll.
Paul Reichenbach - am Freitag, 9. Mai 2008, 10:11 - Rubrik: Tagebuch
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Österreich ist eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält.
(Elfriede Jelinek)
Im Begriff Postmoderne ist das Präfix „post„ Indiz für die Wiederkehr verdrängter Geschichte. Die „große Erzählung“, die die Postmoderne dekonstruieren will, kehrt quasi durch die Hintertür zurück. Und was als Detail erscheint fügt sich plötzlich wieder zum Ganzen.
>>>>Elfriede Jelinek äußert sich in ihrem Blog zu Amstetten. Ich bin beeindruckt
>>>>Bildquelle: Otto Dix, Die 7 Todsünden.
Im Begriff Postmoderne ist das Präfix „post„ Indiz für die Wiederkehr verdrängter Geschichte. Die „große Erzählung“, die die Postmoderne dekonstruieren will, kehrt quasi durch die Hintertür zurück. Und was als Detail erscheint fügt sich plötzlich wieder zum Ganzen. >>>>Elfriede Jelinek äußert sich in ihrem Blog zu Amstetten. Ich bin beeindruckt
>>>>Bildquelle: Otto Dix, Die 7 Todsünden.
Paul Reichenbach - am Donnerstag, 8. Mai 2008, 11:02 - Rubrik: Tagebuch
Das instinktlose, elende Geschöpf, was so verlassen aus den Händen der Natur kam, war auch vom ersten Augenblick an das freitätige, vernünftige Geschöpf, dass sich selbst helfen sollte und nichts als konnte. Alle Mängel und Bedürfnisse als Tier waren dringende Anlässe, sich mit allen Kräften als Mensch zu zeigen ….
( Johann Gottfried Herder: Abhandlung über den Ursprung der Sprache.),
... und so schafften sich die Menschen, immer unter der Knute der Natur, ihrer Natur, ihre jeweiligen Sphären in denen sie sich spiegeln konnten. Ein Ergebnis dieses Prozesses nennen wir heute Kunstgeschichte. Eine Unzahl von Abbildungen, Skulpturen und Bauwerken von Tasmanien bis zum Kap, entstanden in Jahrtausenden, geben Zeugnis, sind Spiegel der oft elenden, und manchmal doch glückhaften Sucht der Menschen nach Selbstvergewisserung. Da werden Götter und Herrscher gefeiert, in deren Eigenschaften die Menschheit sich träumt und wiedergeboren wähnt. Da wird in und mit Bildern, in Artefakten jeder Art gelogen, dass sich die Balken biegen. Denn Kunst geht auch nach Brot. Und Brechts Brotkorb in seinem Stück „Die Tuis oder der Kongress der Weißwäscher“, hängt nicht nur für Intellektuelle hoch. Auch Künstlerinnen und Künstler müssen essen und brauchen Werkzeug. Das Leben ist teuer und trotz dieser Tatsache, wurde, wird es doch meist unterm Preis verkauft. Die Unbestechlichen sind selten geworden, heuer in diesen Zeiten. Dass dieses Lamento auch für frühere Jahrhunderte gilt, ist anzunehmen, auch wenn es da quantitative Unterschiede gibt. Ich wage zu behaupten, dass im Hochmittelalter ein Botticelli weniger korrupt als ein Renoir im Zeitalter des florierenden Kapitalismus gewesen ist. Heute, wo Marxens Voraussage, dass der Markt alles und alle gleich macht, ihre Wiederbelebung erfährt, unabhängig davon wie wir uns im Gleichen unterschiedlich, illusorisch inszenieren, ist Unbestechlichkeit in der Kunst rar. Produziert wird was profitabel erscheint. Und doch gibt es Künstler, nehmen wir z.B. ANH, die mit großer Verve, die einen nennen es verbohrt, ich nenne es künstlerklug und elegant, die Marktbedürfnisse, wie Slalomläufer die Tore, umfahren. Ihre Teilhabe an Kunst- und Literaturgeschichte muss in keiner Enzyklopädie vermerkt werden. Sie ist.

In Hamburg kann man gegenwärtig Bilder von >>>Felix Valloton bewundern. Auch er ein Unbestechlicher. Einer, der das Fien de siècle sezierte und die ganze Verlogenheit bürgerlicher Existenz in der Belle Epoque in vielen Bildern uns vor Augen führt. Dabei ist er nie anklagend, keine Käthe Kollwitz, deren Werk ich hier um Gottes Willen nicht schmälern möchte. Vallotons Bilder verraten uns einen distanzierten Blick auf Existenzen und Dinge, die wir einige Jahre später in den Werken von Ernst Jünger, Oskar Schlemmer, Walter Serner und Bertolt Brecht finden. Bei Felix Valloton, meine ich, ist alles wahr und nix hinzugefügt. Erschöpfung, Orangenhaut und Falten, Spiegel der Endlichkeit, selten sieht man solches ohne jammernden oder revolutionären Zeigefinger. Wo andere verzaubern, beraubt er uns aller Illusionen. Ist Maler und Aufklärer zugleich. Herweghs, Partei, Partei, wer sollte sie nicht nehmen brauchte er nicht. Sein Auge, ein Pinsel, ein Stift, eine Palette und eine Staffelei genügten ihm sich mit allen Kräften als Mensch zu zeigen: Als nicht korrumpierbarer Künstler.
>>>>Bildquelle: Felix Valloton, Akt in einem roten Lehnstuhl.
( Johann Gottfried Herder: Abhandlung über den Ursprung der Sprache.),
... und so schafften sich die Menschen, immer unter der Knute der Natur, ihrer Natur, ihre jeweiligen Sphären in denen sie sich spiegeln konnten. Ein Ergebnis dieses Prozesses nennen wir heute Kunstgeschichte. Eine Unzahl von Abbildungen, Skulpturen und Bauwerken von Tasmanien bis zum Kap, entstanden in Jahrtausenden, geben Zeugnis, sind Spiegel der oft elenden, und manchmal doch glückhaften Sucht der Menschen nach Selbstvergewisserung. Da werden Götter und Herrscher gefeiert, in deren Eigenschaften die Menschheit sich träumt und wiedergeboren wähnt. Da wird in und mit Bildern, in Artefakten jeder Art gelogen, dass sich die Balken biegen. Denn Kunst geht auch nach Brot. Und Brechts Brotkorb in seinem Stück „Die Tuis oder der Kongress der Weißwäscher“, hängt nicht nur für Intellektuelle hoch. Auch Künstlerinnen und Künstler müssen essen und brauchen Werkzeug. Das Leben ist teuer und trotz dieser Tatsache, wurde, wird es doch meist unterm Preis verkauft. Die Unbestechlichen sind selten geworden, heuer in diesen Zeiten. Dass dieses Lamento auch für frühere Jahrhunderte gilt, ist anzunehmen, auch wenn es da quantitative Unterschiede gibt. Ich wage zu behaupten, dass im Hochmittelalter ein Botticelli weniger korrupt als ein Renoir im Zeitalter des florierenden Kapitalismus gewesen ist. Heute, wo Marxens Voraussage, dass der Markt alles und alle gleich macht, ihre Wiederbelebung erfährt, unabhängig davon wie wir uns im Gleichen unterschiedlich, illusorisch inszenieren, ist Unbestechlichkeit in der Kunst rar. Produziert wird was profitabel erscheint. Und doch gibt es Künstler, nehmen wir z.B. ANH, die mit großer Verve, die einen nennen es verbohrt, ich nenne es künstlerklug und elegant, die Marktbedürfnisse, wie Slalomläufer die Tore, umfahren. Ihre Teilhabe an Kunst- und Literaturgeschichte muss in keiner Enzyklopädie vermerkt werden. Sie ist.

In Hamburg kann man gegenwärtig Bilder von >>>Felix Valloton bewundern. Auch er ein Unbestechlicher. Einer, der das Fien de siècle sezierte und die ganze Verlogenheit bürgerlicher Existenz in der Belle Epoque in vielen Bildern uns vor Augen führt. Dabei ist er nie anklagend, keine Käthe Kollwitz, deren Werk ich hier um Gottes Willen nicht schmälern möchte. Vallotons Bilder verraten uns einen distanzierten Blick auf Existenzen und Dinge, die wir einige Jahre später in den Werken von Ernst Jünger, Oskar Schlemmer, Walter Serner und Bertolt Brecht finden. Bei Felix Valloton, meine ich, ist alles wahr und nix hinzugefügt. Erschöpfung, Orangenhaut und Falten, Spiegel der Endlichkeit, selten sieht man solches ohne jammernden oder revolutionären Zeigefinger. Wo andere verzaubern, beraubt er uns aller Illusionen. Ist Maler und Aufklärer zugleich. Herweghs, Partei, Partei, wer sollte sie nicht nehmen brauchte er nicht. Sein Auge, ein Pinsel, ein Stift, eine Palette und eine Staffelei genügten ihm sich mit allen Kräften als Mensch zu zeigen: Als nicht korrumpierbarer Künstler.
>>>>Bildquelle: Felix Valloton, Akt in einem roten Lehnstuhl.
Paul Reichenbach - am Mittwoch, 7. Mai 2008, 13:41 - Rubrik: Tagebuch
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… ich kann meine großmutter verstehen, eine >>>> kretek raucht sich ganz anders als eine normale zigarette. die erinnerung an das erste wahrnehmen dieses geruchs im zimmer meiner großmutter ist noch sehr lebendig. sie saß immer am fenster in ihrem sessel, meistens die kleine stehlampe für’s lesen angeschaltet, aber auch gern in der nacht im dunklen zimmer: „ich will die nacht sehen und hören“ sagte sie mir einmal. letzte nacht saß ich so in der dunkelheit im wohnzimmer. die zigarette in der hand, leuchtete die glut sehr stark, es knackte und knisterte begleitet von der nächtlichen stille sehr hörbar, so, als ob ein ganz kleines kaminfeuer abbrennen würde, man muss durchgängig an ihr ziehen, sonst geht sie aus, trotzdem brennt sie nicht so schnell wie eine normale zigarette ab. im wohnzimmer riecht es danach, als ob ich ein räucherstäbchen abgebrannt habe. die sonne scheint bereits in den milchkaffee, wird ein langer tag heute.
Vor anderthalb Stunden - ich dachte ans Essen -, die absolute Bereitschaft, mich umzuziehen und im Dorfladen eine Flasche Wein kaufen zu gehen. Das dauerte eine Viertelstunde, in der eine unbedeutende Nebenstimme durchaus „nein“ zu sagen wußte. Der auf dem Sofa bequem sitzende Körper war tatsächlich träge genug, nicht gleich aufzuspringen und zu reagieren, und den Kopf zwang ich in den „Proceß“. Dann war’s irgendwann vorüber. Keine Sorge, das Zurückdenken ist auch ein erneutes Vorübergehen. Es kann nur dann vorüber sein, wenn kein Zurückdenken mehr da ist. Wenn ich’s dann mal eine Zeitlang wieder nicht thematisiere, dann entweder deshalb, weil ich vergessen habe, daß es Alkohol gibt (was ich nicht glaube (was ich für einen Es-Schlenker halte, dieses „nicht glaube“)), oder weil sich das Zurückdenken durch die Gegenwart einer Flasche Wein erübrigt (was ich glaube (aber nicht wissen will, nicht heute (was also heißt: ich weiß es)). - Das mit O. zu führende Telefonat wächst sich zu etwas Grundsätzlichem aus. Wieder zwei Anrufe deshalb von Ex-Schwägerinnen. Allerdings bin ich überzeugt, sie wird so oder so nach ihrem Gutdünken handeln, selbst wenn die Rechtsanwältin sich einschaltet. Das Grundsätzliche dabei ist der dadurch vollzogene endgültige Bruch. Ein schlichte Überweisung ohne Worte zur vorbestimmten Zeit hätte all das verhindert. Denn nun wird sie sich nur noch angegriffen fühlen. Mit den entsprechenden Reaktionen und Rechthabereien. Aber das kenne ich ja schon von den damaligen Streitereien zwischen den Schwestern wegen der Familienerbschaft. Es ist demütigend, darüber uneins zu werden. - Die Sägespäne fortgefegt. Der Fleck aber bleibt. Es bleibt immer ein Fleck. Der einen erinnert.
Bruno Lampe - am Dienstag, 6. Mai 2008, 20:36 - Rubrik: Tagebuch
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