Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

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Marlboro, Prosastücke, 1981 Die Verwirrung des Gemüts, Roman, 1983 Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger, Lamento/Roman, 1986 Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, 1993, 2001 Wolpertinger oder Das Blau, Roman, 1993, 2000 Eine Sizillische Reise, Fantastischer Bericht, 1995, 1997 Der Arndt-Komplex, Novellen, 1997 Thetis. Anderswelt, Fantastischer Roman, 1998, (Erster Band der Anderswelt-Trilogie) In New York, Manhattan Roman, 2000 Buenos Aires. Anderswelt, Kybernetischer Roman, 2001, (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie) Inzest oder Die Entstehung der Welt, Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, 2002 Meere, Letzte Fassung 2007. Bei Volltext. Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen, Poetische Features, 2004 Die Niedertracht der Musik, Dreizehn Erzählungen, 2005 Dem Nahsten Orient / Très Proche Orient, Liebesgedichte, 2007 Meere, Letzte Fassung 2007 Aeolia.Gesang / Stromboli. Mit den Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage, 2008 Kybernetischer Realismus, Heidelberger Vorlesungen. Manutius Heidelberg 2008Der Engel Ordnungen, Gedichte. axel dielmann - verlag 2009Selzers Singen, Phantastische Geschichten. Kulturmaschinen 2010 Azreds Buch, Geschichten und Fiktionen. Kulturmaschinen 2010 Das bleibende Thier, Bamberger Elegien. Elfenbein Verlag 2011 Die Fenster von Sainte Chapelle, Reiseerzählung. Kulturmaschinen 2011

 

Tagebuch

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Le disavventure. Wie vorgestern Abend, als mich sexuell angetörnt ein Virus erwischte. Alles blockiert. Gehe über Gefängnis und zahle 100 Euro. Am Ende bezahlte ich Edoardo dann heute 35 Euro. Der hatte vor ein paar Tagen einen Wurfzettel im Briefkasten hinterlassen: „Problemi con il PC? Servizio a domicilio“. Kam gestern auch prompt vorbei und schlug vor, Vista zu entfernen und XP zu installieren, damit wären der Virus und die fatale Vista-Version futsch. Wollte den betroffenen Küchenlaptop noch gestern Abend vorbeibringen, hatte dann aber doch Mühe, die entsprechenden Driver im Netz zusammenzusuchen. Egal, es saß dann eh’ besagter A. nach vorheriger Anmeldung im Sessel neben dem Ofen, mit dem ich die von ihm mitgebrachte Flasche Wein trank. Obwohl ich ihm nicht sehr über den Weg traue, entsteht dann doch immer ein Sich-Ausplaudern, selbst über Dinge, die ich ungern Personen erzähle, die ich unweit mehr schätze. Als fühlte ich mich in einer Atmosphäre, in der rücksichtsvolle Zurückhaltung vorherrscht, unwohler, zumindest unfreier. Die Nichtachtung mithin als Hebel zum Outing von was auch immer? So ein Überlegen geht fast schon in eine Richtung, die einmal mit den Worten „I need a dirty woman“ ich weiß nicht mehr von wem vorgesungen worden. Ob er beschwerlich falle? Doch, ja, zuweilen schon. Nach der Flasche schickte ich ihn heim und las noch im vorgestern angefangenen Klemperer-Tagebuch (schöne Eifersucht des Literaturhistorikers auf das Aufgehen und Reüssieren seiner Frau in der Musik im Jahre 1918 und sein Kopfschütteln über eine deutsche Revolution in einem deutschen Deutschland). Gut, daß Edoardo mir die Musik-Dateien hat erhalten können. Nur finde ich jetzt keine Möglichkeit mehr, die italienisch ausgelegte Tastatur wieder wie zuvor auf das deutsche Layout umzuschalten, was mich nicht wenig nervt wegen der ewigen Klickerei auf „inserisci simbolo“. Vorgestern wieder drei Stunden beim Arzt, davon vielleicht zwei im Freien vor dem Wartezimmer, in dem ich angefangen hatte, Schweiß zu treiben unter den Augenbrauen, über die ich ständig mit dem einen Zeigefinger fuhr, weil es so voll war. In Gesellschaft eines blütentreibenden Aprikosenbaums. Peau de chagrin, mal wieder. Erneute Medikamentenkur und Nachdenken über all das.

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Irgendetwas, daß sie mich nicht gleich erkannt habe, während ich mein Buon Giorno in ein Buona Sera zu berichtigen suchte und die Sonne mich auf dem nach Westen ausgerichteten Platz blendete, weil am Nachmittag dem Tag nichts mehr zu wünschen übrig bleibt, was mir nie zur Gewohnheit werden will, so daß ich auch deshalb nicht wirklich verstand, weshalb die Frau des Mannes von Gegenüber mit dem dicken Sohn, den ich einmal zusammen mit den Neffen im Auto hinuntergefahren, der mich dennoch nicht zu kennen scheint, oder auch nur so tut, als ob, und eine Tochter scheint auch zur Familie zu gehören, was ihr an mir plötzlich so unkenntlich erschienen, wahrscheinlich die andere Jacke, die den milderen Nachmittagen jetzt gemäßer, als der Mantel mit seinem hochgeschlagenen Kragen während der ganzen letzten Wochen. Ihn, den Mann, beobachtete ich in den Schneetagen eines Morgens sehr intensiv, denn er hantierte mit Schneeketten an den Reifen seines Autos, mein Auto stand im Halteverbot vor einer Garage, wie oft, obwohl ich erst einmal von dem Garagenbesitzer aus meinem Haus gehupt worden in all der Zeit. Aber wenn es dort steht, fühle ich mich dennoch gezwungen, ständig aus dem Fenster zu schielen. Er brauchte eine Ewigkeit, die Schneeketten anzulegen (ich selbst, gebe ich zu, würde es gar nicht erst versuchen), dauernd schaute ich auf ihn hinunter, seinen Versuchen zuschauend, ihn sogar bewundernd, daß er es nicht aufgab. Sobald er fort war, ging ich hinunter und stellte mein Auto an die von seinem Auto leer gelassene Stelle. Da blieb es dann stehen und wurde selbigen Tages heftig eingeschneit. In jenen Tagen war es notwendig, zu Fuß hinunterzugehen, um einzukaufen. So fand ich ihn dann einmal unversehens neben mir auf dem Weg zu einem Supermarkt, weil der Lebensmittelladen ‚um die Ecke‘ an jenem Schneetag nicht geöffnet worden, weil, wie ich später hörte, die Betreiberinnen von auswärts kommen. So daß wir ein paar Worte austauschten, die das Wetter spiegelten. Er habe dann sein Auto unten gelassen nach dem Morgen mit den Schneeketten. Aber das ist alles schon ein Schnee von gestern. Aber dennoch die einzige Begegnung heute, nimmt man den wortkargen Tabakhändler aus, zu dem ich bei der Gelegenheit aufgebrochen. Kino wäre noch möglich jetzt, aber nach ‚Dead man‘ am Mittwoch, der noch sehr nachwirkt, wie auch die Decke der beiden Frauen rechts neben mir, die sie im Bewußtsein der voraussichtlichen Kälte im ungenügend geheizten Kino dabeihatten und die so lang war, daß ich mir selber damit die Beine bedecken konnte, weil auch ich nicht wirklich warm wurde (wie auch immer), und der für Sonntag angesagten ‚Odyssee im Weltraum‘ sind eher Wort- als Bilderbrücken notwendig, zumal der Tag mit solchen verging, weil die wortwörtlich transkribierten verbalen Äußerungen eines bildenden Künstlers ihrer allzu kurzschließenden Elliptik im Übersetzen zu ent- und gleichzeitig der anderen Sprache zu erschließen waren (das Sich-Verheddern der Gedankengänge im Sprechvorgang: also Shreddern!). Ich wäre gern noch einmal darüber hinweggefahren. So blieb davon nur eine Müdigkeit noch vorm Abendessen, eine Unlust auch, dann während des Essens auf A.’s, des Mannes mit den Krücken, zu antworten, der, wie ich mittlerweile begriffen, in mir einen Trinkkumpan sucht, der ich nicht sein mag. Die letzten Male, die er anrief, und ich antwortete, verweigerte ich mich auch schon. Ist zu klären. Untereinander. Nun hat er wieder angerufen. Versprach, ihn am Sonntag im Auto hinunterzubegleiten zur Pizzeria, zum Film. Mein verschollener Freund M. (letzter Kontakt im vorvorletzten Jahr zu seinem Geburtstag, zu meinem dann keiner, ein Brief von mir ohne Antwort) erzählte einst von seinen Liebesabenteuern in Cadaquès, bei denen es immer um ein ‚où faire‘ gegangen sei. Ufer (où faire) sind besser als Käfer (que faire). Bei Handke (‚In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus‘) ein ziemlich exaktes Porträt meiner letzten Ehezeit (gestern Abend davon überrascht worden): S. 159 ff. in der Ausgabe st 2946.

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Jetzt weiß ich plötzlich, was da am Samstag auf einmal anfing, in Form einer Taube wilder als je ein heiliger Geist in der Küche und schon gar nicht schwebend, sondern panisch umherzuflattern, wofür es zunächst eine Erklärung nicht gab, während ich im Arbeitszimmer mit nassen Haaren, die medikamentös geshampoot auf das Einwirken des entsprechenden Wirkstoffs warten mußten, ein Handy-Gespräch führte bzw. eine meiner Arbeitgeberinnen ein solches mit mir wegen einer Arbeit und um sich Luft zu machen wegen ihrer schusseligen Sekretärin, die alle Arbeiten rausschicke und rausschickt, ohne anzurufen, außer in dringenden Fällen, was zuweilen dazu führt, daß die Arbeiten von mir nicht bemerkt werden, weil oft irgendetwas verhindert, daß der Provider der Agentur die Mail in meinem normalen Outlook-Postfach ankommen läßt, worauf ich natürlich immer sofort antworte, und kein Ende fand, während ich der Taube die Tür öffnete, als endlich wie durch ein Wunder das Telefonat endete, und ich ein bißchen das flatternde Vieh scheuchen konnte, um ihrer möglicherweise Dreck ablassenden Panik zuvorzukommen, sie aber stattdessen die Spinnenweben oben in der 4-Meter-Höhe in Aufruhr versetzte und dauernd das Oberlicht der Küchentür mit dem Licht verwechselte, daß durch die offene Tür darunter sichtbar wurde, endlich dann aber erschöpft auf der anderen Seite des Hofes auf den Steinen sich ausruhend und vor sich hin nickend über das Erlebte nachgurrte. Tür zu, Haare spülen. Es war der vergessene Geburtstag meiner Mutter. Nicht, daß das noch irgendeine Bedeutung für mich hätte, gratulieren kann ich ihr seit neununddreißig Jahren eh’ nicht mehr, was der Zeit entspricht, in der man es konnte. Die Taube muß durch den Kamin herabgekommen sein, eine andere Erklärung gibt es nicht. Viel Arbeit in den letzten Tagen, durchwegs bis abends zehn, halb elf. Selbst auf Hitchcocks ‚Vögel‘ [sic!] mußte ich gestern verzichten, die ich doch gern wieder gesehen hätte (abgesehen von den Leuten, die sich bei so etwas in der Pizzeria dann einfinden, wenn solche Filme gezeigt werden). No-day to-day, nachdem ich von vier bis neun Uhr morgens noch einmal intensiv alles Abzugebende gesichtet.

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Fast wie gestern, setze ich nicht so sehr beim Zischen, sondern heute beim Zischeln ein, bei „The Hissing of Summer Lawns“ (same song as yesterday), weil’s fast schon milde war, als ich zur Post hinunterging, die Gasrechnung zu bezahlen, und das Zischeln der Sommerwiesen mich an Dickinson erinnerte (nein: jetzt erinnert) und das Zischen an die Schlangen auf dem Lande, ihre leeren Hautsäcke, ihr Zischen vor dem zubeißenden Hund, dem die ungiftigen Natternzähne dennoch nichts anzuhaben vermochten. Neulich starb er. Wie ich hörte, habe er ein Grab unter der Eiche ganz hinten auf dem Grundstück bekommen, der „mit dem Knie“. Was natürlich alles nicht in den Knien sich ausdrückte, die sich abwärts schwangen, während im Selbstgespräch die Arme redeten und die Lippen anfingen, sich zu einem imaginären Pfeifen zu spitzen. „Chiuso per lutto“ stand am geschlossenen Schlachterladen. Darf das ein Schlachterladen? Wegen Trauer schließen? Gegenüber von Caridads Laden zum Bankautomaten eingebogen (traf sie im letzten Sommer in Porchiano, fragte, ob sie von hier sei, nein, entgegnete sie, sie sei aus Kalifornien, sie sehe mich zuweilen in die Bank einbiegen), das Zischeln, aber ich wüßte nichts zu sagen zu dem dort angebotenen Kunstgewerbe. Es interessiert mich nicht wirklich, entzieht sich mir. Vor der Post kam mir auf seinen Krücken A. entgegen. Er gehe sich neue Krücken holen. Zeigte mir die Verbiegungen der Noch-Jetzigen. Auf der Post unnötiges Warten wegen technischer Probleme. Zurück in der Oberstadt wieder A., mit dem ich gleichzeitig in den Bioladen mir gegenüber einbog, wo’s donnerstags frisches Landgemüse zu günstigen Preisen gibt. Spinat und Kartoffeln, vier Eier: zwei Abendessen für 2,90. A. setzte sich an den Tisch, um einen Wein zu trinken. „Due“ auf meine diesbezügliche Frage. Wie das sei mit heute Abend und der ventilierten Verschiebung des Poetenkellers auf heute und bei mir? Lust hatte ich keine. Eher noch wollte ich versuchen, das an Arbeit Eingetroffene voranzutreiben. Auch der andere A., der Fotograf, der die Welt bereist, um Jazz-Musiker zu porträtieren, rief an wegen heute Abend. Versicherte ihm, uns am Sonntag absprechen zu können, da ich „mit Sicherheit“ am Sonntag in der Pizzeria sei, in der Hitchcocks „Vögel“ gezeigt werden, einer der ersten Filme, der mich per Fernseh’ noch in der Voreigenheims-Wohnung ohne fließendes Wasser und mit Plumpsklo ‚erreichte‘, wo sonst nur Heidi Kabel, Willy Millowitsch und die Münchner zu sehen waren. Die Arbeit diesmal durchwegs in der Kombination DE-IT. Eine schweizerische Klageschrift und drei Texte von und über Günther Uecker, wobei der eine Text so etwas ist wie ein Schiffskatalog, nur daß dort Adjektive katalogisiert werden. Aber den Autor hatte ich schon öfter. Die Nägel nach wie vor entschärft durch die Salbe.

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Das Zischen des Windes im Haarschopf in der Frauenküßgasse mit drei Tüten Abfall, die am linken Zeigefinger baumelten. Danach hätte es gleich zum Tabakhändler gehen müssen, aber das Zischen erinnerte mich an die Manteltasche, die mich daran erinnerte, daß sie nicht den Tippschein enthielt, dessen Zwei-Euro-Wert mir einen weiteren Tippschein beschert hätte. Also mußte ich die Frauenküßgasse wieder zurück, wahrscheinlich vom Wind dann hinterrücks angezischt, weil er zuvor von vorn gekommen. Auf diese Weise konnte ich noch mehr Werbeprospekte einsammeln, die aus den Briefkästen im Hof hervorquollen, um nunmehr über den Platz gehend einen Umweg zum dortigen Abfallkorb zu machen, in dem sie dann auch landeten. Der neue Tippschein brachte mir dann die Hälfte ein. Wie auch die anfängliche Idee, ins Kino zu gehen, wo ‚The Illusionist‘ in einer halben Stunde gezeigt werden wird, sich immer mehr halbierte bis zur Absage an A., der mit einer Flasche Wein vorbeikommen wollte. Eine problematische neue Bekanntschaft. Ein Invalide mit seinen knapp über vierzig Jahren, Sozialwohnung, Sozialassistenten, psychologische Betreuung. Drogenvergangenheit und degenerative Erkrankung der unteren Gliedmaßen, kurz er bewegt sich auf Krücken, verformte Finger. Und fällt dauernd um. Einmal nahm ich ihn im Auto mit, weil ich ihn schon kannte, und er im kalten Wind auf den Bus wartete. Dann traf ich ihn wieder im Bioladen gegenüber und wir tranken ein Glas Wein. Dann kamen Bitten darum, zur Pizzeria begleitet zu werden. In der Schneezeit seine Lust, wieder dorthin zu ‚gehen‘, weil er wußte, ich würde es sowieso tun wegen einer Geburtstagsfeier, zu der man mich eingeladen. Mit dem Auto ging’s nicht, so kam es zu einer ‚Entdeckung der Langsamkeit‘ im Schnee. Auf dem Heimweg erbarmte sich einer, weil er mit seinen 90 kg wieder einmal auf der Straße lag, und fuhr uns hinauf. Das letzte Mal kündigte er sich vorigen Donnerstag an: er komme mit einer Flasche Wein vorbei (er trinke nicht mehr so viel wie zuvor), fläzte sich in den Sessel neben den Ofen, ich dieweil noch am Arbeiten, und es stand der Poetenkeller an jenem Abend bevor, essen mußte ich auch noch und mir die Klamotten wechseln. Wie er dann darauf kam, daß die SA auch ihr Gutes getan habe, weiß ich nicht mehr. Viel Ungutes sagte ich ihm da. Muß ihn beeindruckt haben, denn in der Pizzeria, bei der sich außer einem anderen A. und T. niemand eingefunden, so daß nichts aus dem Poetenkeller wurde, sprach er immer wieder davon, daß ich mich über ihn aufgeregt. ‚Freund‘ nannte er mich heute abend am Handy. Heißt dann wohl, immer wieder die Wahrheit sagen zu müssen, daß meinethalben seine vermeintliche Liebe zu einem Trans auf den Philippinen wohl eher in die Illusionsschublade gehört. … Sich die Dinge vom Leibe schreiben, sich ihrer entleibend sich zu entsprechen per Einschreiben ohne Empfangsbestätigung.

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Die Salbe wirkt! Aber wenn ich so die Bestandteile (Vitamin E, Salicylsäure) anschaue, dann könnte ich es direkt auch mit Olivenöl und Margarine versuchen. Obwohl, DAS Fett ist weniger gut wegzubekommen. Es müßte schon Sommer sein und man müßte sich striegeln können. Im Sommer das Meer, das werde mir gut tun, sagte er, bei dem im Wartezimmer sich die Einheimischen ihrer Vergangenheiten erinnern: Den ersten Weltkrieg, den habe er allerdings nicht erlebt, so ein Wartender. Kopfschütteln drückt sich als Seufzen oder Starren auf den Redenden aus. Wo ich’s herhab’, weiß ich nicht mehr, daß nämlich Stifter im Alter in seinen Tagebüchern nur noch minutiös seinen Gesundheitszustand verzeichnet. Das flüchtige Blättern jetzt im ‚Sanften Unmenschen‘ von Schmidt half nicht weiter. Ein Stück mit vielen Anstreichungen, die allesamt in BS-Lehndorf entstanden im Jahr der Moskauer Olympiade. Semesterferien mit Freundin und einer Semesterarbeit über Stifters ‚Nachsommer‘. Da spätestens begriff ich, daß ein Studium der Germanistik mich nirgends hinführen würde, weil ich selbst nicht in der Lage war, mich in ein halbwegs Akademisches zu überführen. Kurz, ich quälte mich ab und bekam eine 4. Aus der Braunschweiger Zeitung summierte ich dieweil die in den Nachrichten täglich erwähnten Toten, schrieb mit Letraset oder in einer erfundenen Kalligraphie holländische Sätze auf weiße Blätter, die ich aus einem Holländisch-Lehrbuch kopierte, das ich in der Grabbelkiste bei Karstadt am Hermannplatz gefunden. Der erste Satz ist immer noch präsent: Wij zijn in de tuin, de muggen zijn arg lastig. Schon wieder so ein Jucken. Mücken nämlich. Langsamer Vorfrühling und ein Blümchen aus der Eiszeit. Im Garten. Dreißigtausend Jahr her.

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Als hätte man da Hörner abgeschnitten. Die beiden stumpfen Stellen auf der Stirne, mit silbriger toter Haut. Als fühlte er sich nicht wohl in seiner Haut. Und über den Nacken fährt die Hand zum Beschwichtigen eines Juckreizes, der von den dortigen Quaddeln ausgeht. Ende Januar war alles auf den Rücken verlagert, was dann fast spontan zurückging. Seit Ende letzter Woche. Nur gestern, als ich zweimal in Gesellschaft war, wozu ich mich fast zwingen mußte wegen der silbrigen toten Haut auf der Stirne, und auch in den Nächten, an denen ich zuvor einen Joint geraucht (man hatte M.L., die im Januar für eineinhalb Tage kurz hier auftauchte und bei mir unten schlief, weil die Wohnung oben zu kalt gewesen und das Gas partout nicht in die richtigen Wege zu leiten war, reichlich Stoff geschenkt, so daß einiges übrig blieb, das sie lieber nicht im Flieger nach Amsterdam bei sich haben wollte; das lag dort die ganze Zeit ungeraucht in der Schreibtischschublade, bis ich mich zu einer therapeutischen Anwendung entschied), blieb ich verschont. Der Arztbesuch spannte mich heute auf die Folter, weil Haut und drei Stunden Wartezeit am Ende einem jeden Aushalten die Berechtigung verweigerten, und selbst der wippende Fuß und „Die Stunde der wahren Empfindung“ nicht mehr als Blitzableiter funktionierten. Aufdringlich mit ihrem lauten, ihren Stand verteidigenden Reden die junge Pharmavertreterin aus Terni, die dann auch noch dazwischenkam und sich ausgerechnet neben mich setzte (also so: ein Pharmavertreter kommt, und er hat das Recht, nach zwei Patienten zum Arzt hineinzugehen). Was zuvor Psoriasis hieß, wurde heute als „dermatite seborroica“ bezeichnet. Nur, die ‚rettende‘ Pomade war grad nicht da in der Apotheke: „Morgen früh.“ So bibberte ich noch rasch in der fast regnerischen Luft, die dem Schnee nunmehr den Garaus gemacht, Richtung Supermarkt. Erst zum „Bancomat“, da die Apotheke mein letztes Bargeld genommen und ich was zu Rauchen und Lebensmittel brauchte, auf deren Zubereitung ich wegen der späten Rückkunft allerdings verzichtete (simple Nudeln mit Öl und Parmesan dann (irre, fünf Stunden hat mich dieser Arztnachmittag gekostet)). Neffe P. klopfte, nachdem ich mir das erste Glas Wein eingeschenkt und mir eine Heimkunft-Zigarette angesteckt. Ob ich ihm etwas fotokopieren könne. Es handelte sich um einen Entschuldigungszettel für die Schule, den er vermasselt und wovon er eine wahrscheinlich ausgeliehenes und ziemlich zerknittertes Original bei sich hatte. Klar konnte ich. Neugierig blieb er noch so lange, bis ich den Ofen auf Trab gebracht und die Flammen das gelungene Feuer verrieten. Was wahrscheinlich auch eine Hand im Nacken verriet. Fies und was sonst noch mit F… anfängt. [Gestern schreibend an Jemanden die Überlegung geäußert, es könne das Jucken über die ital. Entsprechung ‚prudere‘ auf meine Prüderien zurückzuführen sein, was immer ich damit jetzt zu meinen vermeine…].
Das Leben als Roman begreifen? Ein Handeln in einem Raum, den die aus den Fixierungen sich ergebenden Worte definieren.

ABCW-99-APCA

Gebandelt vorm Ofen vom Text gestern Abend, den ich zu Ende las. Im Steh’n, im Mantel. Kalt die restliche Wohnung. Die vier Meter hohen Decken machen sich bemerkbar, auch die Heizung schafft’s nicht bei den Minusgraden draußen. Eine Art Euphorie des Lesens, wie’s so oft gar nicht eintritt. Handkes ‚Hornissen‘. Das Gefühl, in den Text hineingehoben zu werden, ohne daß er einen aufhebt. Die Wellen der Sätze, die immer wieder sofort verschwinden, weil eine neue Welle anbrandet. Nichts läßt sich darüber berichten, als daß man sie gelesen. Ähnlich ging’s mir mal so mit dem ‚Namenlosen‘, dem Essay Benjamins über Hölderlin. Und doch geschieht nichts, als ein Bewegen, das im Verknüpfen der Worte sich zu einem Zopf forttextet, an dem ein Münchhausen sich hinwiederum so aufhebt, daß er den Zopf Lügen straft, indem er sich selbst aufzieht bzw. auf den Arm nimmt. Every now and then wieder den Mantel (den am Heiligabend bekommenen) angeschaut vorm Spiegel, ergo mich. Aus dem unteren Knopfintervall zopfte blendend weiß der Palästinenserfummel. Eitler Abend. Brauchte ich aber. Vor zwei-drei Wochen hätte ein Foto meines Rückens sich bestens für den Pschyrembel geeignet. Psoriasis. Ging dann zum Glück spontan (oder meinethalben mit Hilfe von Betamethason) wieder zurück. Sehr unangenehm und schmerzhaft vor allem der Juckreiz. Das Kratzen. Ich geh’ ungern zum Arzt, aber in diesem Fall… Peinlich wäre mir erschienen, den Verlauf des Ganzen zu protokollieren. Das hätte ich nicht gepackt. Vor allem auch nicht in der Aussicht, mit etwas Chronischem zu tun zu haben. Der „Überlebende“ darf indes. Obwohl der Befallene es dennoch nicht versäumte, so zu tun als ob, was die „Initiativen“ hier im Städtchen betrifft. Ansonsten ständig in Arbeit. Und das geht tatsächlich so, seit B.Lusconi und mithin seine Nichtigkeit sich vom Acker gemacht. Schnee liegt.

0411

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shall I compare thee

du wirst mir rätselhafter denn je, baby.
wir waren Ein geist.
jetzt sind wir wieder Zwei.
werden wir jemals wieder Einer sein ?

manchmal habe ich das gefühl, dass du mich besser kennst als ich mich selbst. weiss nicht, ob du umgekehrt dasselbe sagen könntest.

enteignet wie du bist, you witness the best. you see it all.

ich lebe in so schnellen zusammenhängen, so fremden plateaus, so vielen unerinnerten existenzen, toden & wiederauferstehungen - das zentralgefühl ist: keine zeit - und gleichzeitig: alle Zeit zu haben. ich habe in mir den staus quo der unwahrscheinlichkeit verwirklicht. ich bin der geist der unwahrscheinlichkeit. und wenn ich einen silbernen ohrring anlege, meine wimpern tusche, eine polizeisirene höre, und an dich denke: dann klingt eine saite in mir, die nur du kennen kannst.

ABCV-98-APCA

Was Italien betreffe, erzähle Bollando, dass im Jahr 1626 der Abt Pellegrino Carleni aus Amelia in Umbrien sich in der Stadt Münster befunden, um dort im Namen der Herzogin von Geldern den dort später geschlossenen Frieden zu verhandeln. Dort von heftigen Schmerzen an den Nierensteinen betroffen, habe man ihm empfohlen, den heiligen Liborius um Fürbitte anzugehen, was er auch getan habe. Er sei unverzüglich von seinen Schmerzen genesen. Aus Dank für die empfangene Gunst, und um gleicherweise seinem Vaterlande die Schutzherrschaft dieses Heiligen zu verschaffen, habe er vom Paderborner Kapitel mit dem Einverständnis des Kölner Erzbischofs einige Reliquien erhalten, nämlich zwei Knochenstücke dieses Heiligen, die im Jahre 1647 nach Amelia gebracht und feierlich im Dom zur Schau gestellt worden seien. Wie so dreißigjährige Kriege ein Ende finden! Meiner ging im letzten Herbst zu Ende. Fällt mir kraft chronologischer Entsprechung gerade ein, ohne die wirkliche Entfremdung dadurch leugnen zu wollen. Dennoch springt immer noch ein Hugh auf den Stier, während ein Geoff ihn für verrückt erklärt und seiner Yvonne (zufälligerweise nannte ich mein erstes Auto, eine Ente, so wegen des Kennzeichens: GF-YV (die Ziffern weiß ich nicht mehr (ein bunt bemaltes Auto!))) erst nicht in die Augen schauen kann, dann aber zitternd am ganzen Leibe und vor Entzug schwitzend erst sie, dann den Habanero meint. Ein klammes Klammern allzumal. Unter dem Vulkan. Manches läßt sich nachvollziehen, zumal im Verhalten Geoffs gegenüber Yvonne, das gar kein Verhalten mehr ist ihr gegenüber, sondern immer durch sein waches, aber verstümmeltes Sein vermittelt wird, das zwar weiß, aber immer den Alkohol meint (die Flasche Wein sei meine Frau, so eine Psychologin einst zu mir im Zusammenhang einer dieser unproduktiven, endlosen Paartherapien, die nichts als Schuldbewußtsein erzeugten, weil man da ihretwegen hineingezogen worden, ohne irgendein bewußtes Unwohlsein im Geiste). Der Begriff Alkohol ist dabei unpoetisch, er wird aufgelöst in all die Namen der mexikanischen Landschaft und findet im Popocatepetl und den Ortsnamen aztekischen Ursprungs sein produktives (Schauerfeld oder die Sprache von) Tsalal. Ixtaccihuatl. Abgesehen noch von der Herzenergie-Verschwendung der Azteken… ihrem Bedarf an immer mehr Herzen, um die Sonne zu nähren. Fast eine transponierte Drogenabhängigkeit. Mit einem Gruß an die Herzogin von Geldern.
Gewährt die Ehe eine der letzten Möglichkeiten, humane Zellen im inhumanen Allgemeinen zu bilden, so rächt das Allgemeine sich in ihrem Zerfall, indem es des scheinbar Ausgenommenen sich bemächtigt, den entfremdeten Ordnungen von Recht und Eigentum es unterstellt und die verhöhnt, die davor sich sicher wähnten. Gerade das Behütete wird zum grausamen Requisit des Preisgegebenseins. Adorno, Minima Moralia, 11.