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Texte
tagessieger
„ich sah euch alle wanken“
contre la morte im wiegetritt
im frühjahr vielleicht
durch den rahmen bläst es
gischt und schaum in dolden
wenn winde gehen, segeln
fallen die treidler zurück
können nicht mehr folgen
treiben auf den planken
ihrer leicht gebauten räder
gemartert wie an bunten pfählen
gejohle um sich her, kurbeln
wie verrückt, mit nach innen
verlegten zügen, ein sehnen-
relief aus gliedern, und einem
geharnischten blick
ihr treibgut bin ich
verkapselte strapaze
pochen in den schläfen
reißen in den beinen
ich trete auf der stelle
die bilder lernen laufen
praxinoscoper reigen
ohne ende, die ankunft
auf die schnelle
muss enttäuschen
die knie schmerzen
schweißperlenbildend
schweigend, der narr in gelb
der den weg zum sieger kürt
diadorim - Sonntag, 1. November 2009, 18:15- Rubrik: Texte
"Letter from May Bernard Wiltse to Dr. George E. Hale
Dear Doctor:
I just read in the paper that you have won the "Copley Medal" presented by the Royal Society of London. This Medal is a "Magnet" with a magnetic field.
In 1916 I went to Washington, D. C. and transmuted silver into gold for the United States government and I have their reports. BUT IT WAS HUSHED up for reasons I cannot explain.
At that time I was corresponding with one of your greatest astronomers in the United States - Doctor Ricard of Santa Clara College.
After returning from Washington I stopped writing to him, but one day I read in the Sunday paper a great article written by him about the sun being a magnetic Magnet and about the sun spots just exactly what I had written to him years before. I immediatley sat down and asked him if he remembered what I wrote to him just what he had given to the public as his discovery and the wonderful scientist and man answered this question and here is a copy of his wonderful letter.
Dear Madam: I fully remember you but had forgotten the wonderful things you then said. From now on I shall be able to understand you better, although I feel my capacity is not up to your standard. I am glad to know you long ago discovered ALL the wonderful things that modern science is daily discovering. You must be a wonderful woman.
Yours sincerely, J. S. Ricard
This great man was big enough to acknowledge that I have discovered "ALL of the secrets of nature, not one, BUT ALL" and he KNEW what he was saying. And he did not feel hurt when I told him he had just told in the Newspaper just what I had written to him before.
Now Doctor Hale do you not remember me I wrote to you many years ago that I HAD DISCOVERED the sun was a magnet and the sun spots are 12 ducts and are filled with chemical like a cartridge in a gun and they are called Comets. Comets are NOT wanderers in space they are the feeders for the sun rays or Cosmic Rays the alchemists call them. I KNOW this is true because I have seen the comets go back into the sun many times with my naked eye. Any scientific man ought to know better than to say that an eclipse is caused by one body passing through the shadow of another. How any man with a thinking brain can say such a thing I CANNOT understand. Because Doctor Hale you know no shadow can CAUSE the wonderful eruption of the sun every time there is an eclipse of the sun IT MUST COME FROM THE CENTRE OF THE SUN. As was well KNOW to the ancient astronomers and from them I have received ALL of my great knowledge NOT from any modern man. BUT from the books you sneer and scorn. THERE IS THE ONLY TRUE KNOWLEDGE YOU WILL EVER KNOW. YOU NEVER WILL DISCOVER anything from looking through your telescope because you must experiment in the laboratory HERE BELOW and KNOW ALL Electrical phenomena TO UNDERSTAND GOD's Electrical machine.
I KNOW just exactly the working of God's Dynamo and I am going to write to the Royal Society of London and tell them exactly WHY the sun is a Dynamo and the Universe a Magnetic Field surrrounding the sphere. Why you astronomers will not acknowledge my works I CANNOT understand. Are you jealous of me as a simple woman or what?
I have written to you so many times asking for an interview but you ignor my letters. Doctor Ricard did NOT, he answered every letter I wrote, and marveled at my work of the ancient alchemists and TRUE astronomers. I have written to many Scientific Journals and told them to keep my letters on file so as to KNOW I WAS FIRST in discovering the LAWS of nature before any modern scientific man did. So many of them know today that you are NOT the first, because I discovered the sun was a magenet in 1908 studying Electrical phenomena and NATURE.
Of course, I am an unknown woman without money or honor BUT I can fight and I SHALL until I am recognized by the colleges of the world.
I am writing to Oxford, Cambridge and France and Sweden to the College of letters, in fact I was a candidate for the Prize but was too late in getting my works there.
I shall try next year. I sent you one of my books last year but did not hear from you whether you received it or not.
I would like to visist you or have you visit me and let me explain about my work.
Doctor Hale
Yours for TRUE science
Mrs. May Barnard Wiltse"
No one may ever have the same Knowledge again. Letters to Mount Wilson Observatory 1915-1935
diadorim - Montag, 19. Oktober 2009, 17:18- Rubrik: Texte
Damals hätte ich ihm am liebsten die Fresse poliert,
einen Grund fand ich immer, ...
doch dann erzählte er mir von seinem Vater
und wie er von ihm ein Lächeln empfing.
…
: „Why so serious?“, asked his father,
nur dieses eine Mal.
„Don´t worry, son! I still like love you.“
...
Heute weiß ich, sogar der Papst hätte es ihm gerne gestohlen.
read An - Sonntag, 2. August 2009, 15:04- Rubrik: Texte
»But we never leave the past behind
We just accumulate«
Joe Jackson, Home Town
Die Provinz im Leben. Auch ich kenne sie gut. Dabei ist Liverpool keine Kleinstadt wie Ochtrup, aber wer Außenbezirke wie Kirkdale belichtet, wird wohl etwas wissen vom Gefühl eines Lebens out of focus, wie es auch mich geprägt hat und mir abrufbar bleibt, selbst wenn ich seit einigen Jahren in einer 12-Millionen-Metropole hocke.
Unter Thatcher war für Tom Wood, zumal als irischer Fotograf, die Splendid Isolation in Großbritannien sicher mehr als bloß sprichwörtlich spürbar. Umgehungsexistenzen auf Umgehungsstraßen, nicht selten begleitet von der fixen Idee eines umgehungsnassen Aufstiegs.
Weg von den Analphabeatles, hin zur Musik der glücklicheren Zufälle. Davon mag ebenso Wood geträumt haben, als er die Achtziger hindurch Bus fuhr und von einem Fahrgastsitz aus Mitfahrende, Liverpool und seine Bewohner fotografierte. All zones off peak heißt die Knipserepiphanie des linienbusgeführten Blicks. Nebensaison und kein Ende absehbar. Das heißt Provinz. Und sie betrifft genauso Menschen in den großen Städten. Wood bewies mit seiner Zonenstudie ein unbegrenztes und unendliches Gespür für auslastungsschwache Zeiten bei größtmöglicher Belastung der lohnabhängigen Population mit langem Arbeitsweg.
Imagine there’s no heaven / It’s easy if you try. Und regnen tut es ohne Unterlass aus diesem Nichts von verhangenem Himmel.
Wetter und Geld. Zwei schwer zu beherrschende Integrationsmächte des eigenen Seins, auf die man ohnehin viel zu wenig Einfluss hat.
Pennies do not come from heaven. They have to be earned here on earth, predigte die Iron Lady einst den Briten und schrumpfte die soziale Demokratie mit der Kopfsteuer gesund. Machn Kopp zu, deine Meinung is hier nicht gefragt! So kam das bei den Pennyverdienern vermutlich an. Ich erinnere mich an eine Szene aus Taxi Driver: im Wahlkampfbüro diskutiert man, wo die Betonung liegt beim Slogan Wir sind das Volk!
Geradeaus geht es zu den Docks, links zum Flughafen und den Autofähren. Wood saß gleich vorne, vermutlich auf dem Sitz für Alte, Schwangere und Bedürftige, als er durch die Windschutzscheibe den bepissten Tag einer entvölkerten Ausfallstraße fotografiert hat. Above us only sky, hinter seinem Rücken, imagine all the people / Living for today.
aus: licht/schreiben: fotografie-literatur-konstellationen, 2009
http://www.report-k.de/content/view/18488/133/
zu nämlichem foto schrieben auch: peter glaser und sabine küchler, wie mir m berichtete. ich habe den band leider noch nicht.
autoren erfahren über sich und die rezeption ihrer arbeit immer auf umwegen und immer als letzte, aber das ist vielleicht auch besser so.
diadorim - Freitag, 22. Mai 2009, 12:56- Rubrik: Texte
Vielleicht fehlt ihnen eine Lampe. Manche Quallen leuchten. Und, wie sie wissen, können wir getrost behaupten, daß die Zahl der leuchtenden Arten nach der Tiefe zu abnimmt. Geraten sie im Sinken also an eine Leuchtqualle, schätzen sie sich glücklich.
Der Gedanke, daß das tierische Leuchten von symbiontischen Bakterien ausgehen könnte, ist zuerst von dem französischen Zoologen und Biologen Dubois geäußert worden. Im leuchtenden Sekret der Bohrmuschel fand er phosphoreszierende Bakterien.
DAS LEUCHTEN DER ANDEREN, WIE STELLT MAN ES AN?
Sie sind gegen Symbiosen. Tiefenglanz, sagen sie, ist keine Frage von phosphatspothaltenden Bakterien. Nun gut, dann quälen sie sich eben weiter allein auf der wackeligen Leiter beim einsamen Strahleranschrauben. Sie halten das für Erleuchtungsertüchtigung aus der selbstverschuldeten Dunkelheit, ich halte das für eine kurzlichtige Stroboskopaktion, nur angetan, ihnen bei nächster Gelegenheit ordentlich eins auszuwischen.
Quallen sind durchlässig für Protisten, Polypen und alles, was ihre Eigenständigkeit unterwandert, die ihnen ohnehin nie zur Gänze eigen war.
Leuchtsymbiosen führen sie zu den ewigen Laichgründen ihres Sehnens; oder betrachten sie es einfach so, sie sind dem fernen Schimmer perfekter Symbiosen blindlings wieder ein Stück näher gekommen.
Symbiosen sind beweglich. Sie beharren nicht auf der Erkenntnis der Beständigkeit des Anderen. Diese Unverrückbarkeit scheint ihnen wie der hilflose Tourist, der mit einem winzigen Blitz noch das Ganze seines Blickwinkels zu erleuchten vermeint.
Der Qualle wird aus ihrer Unfähigkeit sich Machtgewinn und Richtungsstreben zu verschaffen, ein Vorwurf gemacht. Sie kann nicht dieselbe Sorte von sozialer Hoffnung wie das landgängige vierradgetriebene metaphysische Tier anbieten.
Wir wissen zu wenig von der Qualle. Wir wissen fast nichts von Protisten. Wir wissen fast alles von Vertebraten. Mit den Wirbeln kommen die Tränen. Aufrechtstellung. Bandscheibenvorfälle. Hohlkreuze. Quallenkreuzigungsmodul Volksbühne.
Schluss mit Schweben.
(auszug aus der rottenkinckschow, 1.4.08, kaffee burger, berlin)
keine frau mit hilti kommt je ohne angereist, wenns um erleuchtung geht, das sollen sie alle da draussen wissen, und die ist, jaha, 'mehr als der hammer', dessen hängvorrichtung man mir echt nicht zeigen muss, da wird sofort zurückgeschlagbohrhammert, mit beleidigt sein geben wir uns erst gar nicht ab. isch han doooch werkzeuch da - joho. und das kommt auch zum einsatz, dass es nur so splatattert.
diadorim - Donnerstag, 21. Mai 2009, 00:09- Rubrik: Texte
Wenn sich nun alles dieses noch drehen würde, sich durch euch hindurchdrehen mit Farben und Klängen, wenn ihr nicht mehr unterscheidet könntet, was Klang, was Farbe, und wenn diese Dome g e f l u t e t wären von Duft... einem DomDuft wie Wasser in ihrerseits flüssigen Architekturen... worin kein Blick sich irgendwo fängt, sondern tiefer in den Raum und immer weiter hinweggesaugt wird, ein FarbSchwips, in dem du dich (nebenan die rauschende Spülung) verlierst... weiche fliegende Baukunst der Leib, PVC, unversehens, sprießen Palmen, das kommt vom Geruch einer Sonne - laßt euch unter den Fußsohlen nieder, sie versinken in Sand... ein Mensch durchschreitet sein Ganglion, seltsam staunend stehen die Stühle, auf die sich keiner setzen, in die man nur hineintauchen kann: schwappen über dir zusammen, drückt was ins nächste Gemach und Gemächt und die Macht irrer Strudel. Als wer gelangst du wieder heraus? Stehst da zu dritt, die Leute schreien und hasten Verkehr, Blasen steigen von dem auf. Martinshörner hört ihr, das ist dann wieder die Realität. Und hast dir selber die Hand gereicht. So geht ihr auseinander, als der Bus kommt, jedes Du für sich, meint, daß es wahr ist. Wir schütteln die Wunder, die noch haften, nasse Hunde, von uns ab, streifen das Wechselgeld aus dem Blech.
albannikolaiherbst - Freitag, 3. April 2009, 07:53- Rubrik: Texte
wieder einen flug umgebucht. nein, zwei, wieder nicht im selben flieger. anflug von ärger, aber du hattest doch gesagt, du könntest eher weg. die schleichende enttäuschung. ich kann nicht umhin, einen moment in eigenen schleifen wie diesen zu denken:

"SANDDOLLAR
'And so castles made of sand melt into the sea, eventually'
Die Sparbüchsen der Nixen! Nereiden zahlen mit lebendem Geld, fassen Menschen es an, bleiben Münzen aus Kalk, ein blank gewaschener Knochenbestand.
»Für das Meiste, was wir besitzen, gäbe es einen Ersatz«. Wir tauschen nicht. Stimme gegen den aufrechten Gang. Schwindel am Abgrund der Preis und ein hartes Element.
Der Strand steif gefroren, keine Fußabdrücke im Sand, nur fliehender Schaum, die Luftblasen der Gischt als körperlose Eigenschaft der Vermissten.
Nein, nicht einmal richtig vermisst, eher überrascht, dass nun etwas fehlt, was neben dir ging, unsichtbar fast, ganz Gegenwart, die auf Messern stand. Du hattest dich damals geschnitten, an Land schon vergessen, wer mit dir schwamm.
Getriebene muss man nicht bitten. Ihre Anhänglichkeit gab sich anspruchslos. Die Kosten einseitiger Investition hättest du schließlich nicht zu tilgen, und überhaupt, ein Wille, der sich nicht äußert, wen zieht der zur Verantwortung? So zogst du dich aus der Affäre.
An einem Nachmittag im Aquarium, in einem Hotel, Berlin Mitte, ein Zylinder aus nahtlosem Acryl, ein gläserner Aufzug, darin, aufgerichtet, zwei Statisten für ein Seestück im AquaDom: Geheimnis des Lebens, oder Darwins Evolution, ist sie uns heute noch heilig?
Jedes Geschöpf demonstriert auch die Wunden seiner Isolation, 'the Origin of Species', »so man eines lebendig zerknirschet /« 'by means of Natural Selection or the Preservation of favoured Races' »und ein Stücklein nach dem andern in das Meer werffe / sollen sie sich zusammen fügen« 'in the Struggle for Life' »und widerumb ganz zusammen wachsen« im Tauchgang der Deszendenz.
Sie schnappte nach Luft. Wenn man es einmal bei Licht betrachtet, bliebe letztlich bloß Differenz zugunsten der Selektion.
Ihre Pupillen waren geweitet. Und das widerspräche dem Hardy-Weinbergschen Gleichgewicht, gesetzt den Fall, dies sei nicht das Ende jeder Progression.
Du hielst ihr das Asthmaspray hin und dachtest an ein verstaubtes Idiom; ohne genau zu wissen, was es bedeutet, wen es diskreditiert: wie ein Fisch auf dem Trockenen. Es wird doch bloß konstatiert, dass der Fisch nicht dorthin gehört, aber die Phrase rekonstruiert nicht den Weg. Zog sich sein Element zurück? Wurde er ihm gewaltsam entrissen? Oder, was niemand für möglich hält, hat er selbst den elementaren Wechsel beschlossen?
Lichtblaue Schauaquaristik, alles schwimmt, »and now you're really in the total animal soup of time«. Wer bestimmt, wie wir atmen müssen? Hey, ich bin bei Dir! Hast Du Hunger? Wollen wir was essen?
So geht das nicht weiter. Es heißt ja so schön, ihre graugrünen Augen scheinen zu sprechen, dir aber schien alles an ihr stumm, in sich zurückgedreht auf einen Punkt, unsäglich weit von hier entfernt. Man lernt auf eigenen Füßen zu stehen, doch hat man vergessen, nicht jedem half das egoistische Gen für lau auf die Beine. Mancher bezahlt für die Krücken.
Rimbaud: »Ich habe ein Holzbein bestellt, es wiegt nur 2 Kilo. Man grinst, wenn ich hüpfe.«
Lieber ein unbeweglicher Stummel, als tonlos das Maul aufzureißen. Das sagt sich so leicht. Man möchte sich aus dem Dienst schon verändern, nur wer wird die Rechnung begleichen?
Einen stillen Fisch im Schlepptau, versonnen, selig, fahl. 'Nostalgia' konkret als röchelndes Körperfossil. Ihr war kalt. Vor euch das ausgestochene Meer, Riffkulisse mit sich auflösendem Paar. Umschwärmt. Vor Zeiten, frei und radikal, bis dass der Landverstand dir den Aufstieg befahl. Der Blick, den sie dir hinterher geschickt, verriet, dass für sie was ins Wanken geriet.
Was für eine Plage, kein Laut, keine kaputtgeschrienen Vokale, nur ein leichtes Rasseln wie aus Muschelschalen.
Warst du je einsam? Unter Fischen, Tierhauthändlern, in Reusen aus Glas und Stahl, die nur einen Weg offen ließen? Es gibt kein zurück, wenn die Aufzugstüren schließen, nur beim Auftauchen Dekompressionsgefahr."
diadorim - Dienstag, 23. Dezember 2008, 14:22- Rubrik: Texte
Folgt man >>>> Cellinis heutiger Fährte und gibt Google den wunderbaren Satz zu lesenden nachtregen regnen hören in karasakidann gelangt man bereits an dritter Stelle an etwas, das für uns Autoren eine Katastrophe, für uns Leser aber ein Wunder ist, woraus sich unmittelbar erfahren läßt, weshalb Katastrophen in der Poesie immer wieder Wunder w e r d e n.
[Beethoven, Streichquartett Nr. 13 op. 130, Vermeer (Cass.-„Projekt“, Nr. 32). ]
albannikolaiherbst - Mittwoch, 10. September 2008, 08:37- Rubrik: Texte
Das Leben tötet, reißt Lebende auseinander, raubt Eltern die Kinder, Kindern die Ernährer, vernichtet im Kriege und beim Erdbeben mit jedem Tag Tausende von Gefühlsbanden und fügt oft zusammen nach Laune und Lust, was ihm nicht einmal gut dünkt. Das Leben ist grenzenlos leichtsinnig. Nur der Lebende hat zu alle dem Leichtsinn kein Recht. Er muß gefühlsecht, logisch, scharfsinnig und fromm auf das Leben sehen, wenn ihn auch das Leben gefühlswidrig, unlogisch, leichtsinnig und unfromm behandelt. Das Ganze ist ein Versteckspiel des Lebens mit dem Lebenden; und dieses Spiel soll beiden eine Freude sein, wie jedes Spiel.
Man muß erst älter werden, bis man versteht, daß das Leben als Riese mit uns spielen will, wie die Katze mit der Maus, ehe sie sie frißt. Als ich jung und ein Kind war, fühlte ich das Leben schon spielend und anfeuernd: und dies Gefühl soll einem nie abhanden kommen. Sonst muß man lange warten, bis einem das Leben wieder als Gefühl angewöhnt wird, bis es ein Fest, ein Spiel, zwecklose Belebung sein will, die aber der Mitspielende, wie jedes Spiel, wie jedes Fest, ernst zu nehmen hat. "Denn Belebung will ich," sagt das Leben, "belebendes Unglück, belebendes Glück – beide sind des Lebens Mittel, und das Ganze sei ein Wunderwerk –, keine Logik." Und die Liebesleidenschaft, die tiefer als der Hunger greift, belebt mit Unglück und Glück den Lebenden am stärksten. Sie ist des Lebens höchstes Mittel zur Belebung. Wer dieses verkennt und den Magenhunger stärker fühlen kann als den Hunger seines Blutes, der ist noch nicht belebt genug und ist erst in den Vorhof zum Unheiligtum des Lebens eingetreten.
Max Dauthendey, Raubmenschen (1911, S. 194/195)
[1911 starb Gustav Mahler.
(Bei Hindemith: Sinfonie "Die Harmonie der Welt" (1951).
2008.] 
albannikolaiherbst - Montag, 1. September 2008, 07:29- Rubrik: Texte
... »Man kann nicht bloß hellsehend, sondern auch hellhörend sein«, sagte er, als er in Mexiko weilte und zum erstenmal vom Kontinent Europa durch ein Weltmeer getrennt war und sich dort in eine Mexikanerin verliebte, deren Stimme er reden hörte, auch wenn sie schwieg und ihn küßte. In Mexiko und in der Liebe zu dieser Ausländerin, zu einer Fremden aus einer fremden Rasse und einem fremden Erdteil, entdeckte Rennewart zum erstenmal den Europäer in sich (...). Die Frauen der Welt hielten ihn für einen Weltbummler, für einen Lebemann. Einigen galt er als fabelhaft reich, anderen als Bankrotteur oder Hasardspieler. Den ernstesten unter den Frauen galt er höchstens als ein Privatgelehrter oder als ein künstlerischer Schwärmer.
Er selbst gab sich auf seinen Geheimreisen am liebsten als Mitglied irgendeiner geographischen Gesellschaft aus, der Berliner oder der Londoner, in deren Auftrag er unterwegs zu sein vorgab, was ihm, wie mir scheint, auch blindlings geglaubt wurde. Auch gab er manchmal vor, im Auftrage eines Museums zu reisen, um in irgendeiner Welthauptstadt ein Gemälde zu besichtigen, mit dessen Ankauf sich das betreffende Museum augenblicklich befasse. (...) Von Rennewarts Betrachtungen über Europa, die ab und zu den Faden der romantischen Begebenheiten interessiert unterbrechen, habe ich einige mit in die Romane aufgenommen. Gerade diese Europaüberblicke, sagte ich mir, zeigen ihn, den Völkerkenner, und diese Beobachtungen und Vergleiche sind sozusagen der massive Rahmen um jene romantischen Begegnungen und Abenteuer, mit denen Rennewart von seinem Schicksal so reichlich versorgt wurde.
albannikolaiherbst - Donnerstag, 28. August 2008, 15:03- Rubrik: Texte
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Für Adrian Ranjit Singh v. Ribbentrop,
meinen Sohn.
Achtung Archive!
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Kontakt zu Alban Nikolai Herbst:
fiktionaere At gmx DOT de.
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