Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

Marlboro, Prosastücke, 1981 Die Verwirrung des Gemüts, Roman, 1983 Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger, Lamento/Roman, 1986 Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, 1993, 2001 Wolpertinger oder Das Blau, Roman, 1993, 2000 Eine Sizillische Reise, Fantastischer Bericht, 1995, 1997 Der Arndt-Komplex, Novellen, 1997 Thetis. Anderswelt, Fantastischer Roman, 1998, (Erster Band der Anderswelt-Trilogie) In New York, Manhattan Roman, 2000 Buenos Aires. Anderswelt, Kybernetischer Roman, 2001, (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie) Inzest oder Die Entstehung der Welt, Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, 2002 Meere, Letzte Fassung 2007. Bei Volltext. Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen, Poetische Features, 2004 Die Niedertracht der Musik, Dreizehn Erzählungen, 2005 Dem Nahsten Orient / Très Proche Orient, Liebesgedichte, 2007 Meere, Letzte Fassung 2007 d e

 

Texte

Charlotte von Lusignan. Auf ein Bild von John Collier.

(Es ist Charlotte nichts zugestoßen. Glauben Sie mir. Jedenfalls nichts, was sie nicht schon kannte. Woran sie sowieso gewöhnt war. Ich habe bloß einen Fehler gemacht, das ist alles. Und doch wieder nicht. Nur hat jetzt alles eine andere Ordnung. Ich habe verloren und gewonnen und so ein esoterisches Gefühl. Aber bitte. Sie sind wegen dieser dummen Anzeige hier und haben Ihre Fragen zu stellen. Das verstehe ich. Auch wenn es absurd ist.
Möchten Sie Charlotte vielleicht einmal berühren? Trauen Sie sich nur! Sie hat an Ihnen, des versicher ich Sie, gar kein Interesse. Wie unsensibel Sie sind! Oder sind Sie nur diskret, weil sie keine Lider hat und nicht wegschauen kann? Ist es an dem? Dann bitte ich um Entschuldigung. Jede solche Anteilnahme würde Charlotte erwärmen, da sie ihre Temperatur der Umgebung anpassen muß. Wofür sie seit jüngstem keine Auszeit mehr hat.
Nicht daß mich dies schreckte. Aber es ist meine Schuld. Immerhin hat die Endgültigkeit den Vorteil, daß etwas klar ist. Aber ich wußte von Anfang an um Charlottes ... wie soll ich sagen?: Art - oder ahnte sie doch. Nur, daß ich so lange damit hinterm Berg hielt, fünfzehn Jahre und vier Monate, um genau zu sein, hat es nicht früher zu dem kommen lassen, was weniger weltgewandte Menschen, als ich einer bin, also solche wie Sie, „die Katastrophe“ nennen würden. Für mich war und ist es keine ... gut, anfangs... und bisweilen noch jetzt. Dennoch hat sich zugleich ein - verzeihen Sie den Kitsch -: geheimer Wunsch erfüllt. Sicher, so ganz stimmt auch das nicht. Aber irgend etwas ist daran. Ich hab schon immer gedacht, man bekommt meist das, was man tragen kann... tragen m u ß, sogar, vielleicht.
Reptilien schließen gemeinhin Nähe aus. Innig mit einer Echse zu sein, das ist imgrunde eine unmögliche Sehnsucht, und daß sie sich mir erfüllte, nichts weniger als ein Wunder. Wunder schützen vor der Banalität. Kontinuierliche Liebe, nüchtern gesehen, stumpft ab. Sie kann noch so groß gewesen sein. Im Beieinanderleben wird alles Alltag. Das ist für jeden, der nicht wegschauen will, ausgesprochen erniedrigend. Wahrscheinlich war mir eine Schlange irgendwann einfach lieber als Frau. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich leide wirklich. Doch habe ich schon lange auf Charlottes geheime Samstage gespitzt, habe gelauert darauf, daß wieder ein Monat verging. Ganz selten kam es vor, daß sie sich zweimal im Monat zurückzog, um sich, wie sie das ironisch nannte, von ihren Därmen zu trennen. Ellbogenwarmes Wasser ließ ich in die Wanne und sorgte dafür, daß aus der kleinen Stereoanlage die Geräusche tropischer Regenwälder klangen, Papageienschreie, Affenschreie... Äffchen sind ihre liebste Beute. Eigentlich. Gewissermaßen beging sie ihre Regelblutung: Ein Ritual ist die realistische Erklärung, die einem für Charlottes Manie freilich ein wenig zu leicht von der Hand geht.
Nämlich sehen Sie: Als ich vor nun... Moment... die Kinder waren noch ganz klein, das Mädel kein Jahr, der Junge anderthalb... jaja, ich weiß, das hätte auffallen müssen, ich meine nicht mich, ich wußte ja Bescheid, aber der Ärztin, den Freunden, daß da etwas mit den Tragezeiten nicht stimmte... erstaunlich, daß keiner was gemerkt hat... – also als ich das erste Mal durchs Schlüsselloch schaute und Charlotte so sah, halb in die Wanne gerollt, halb in schweren hochmütigen Ringen um den Wannenwulst lagernd... wunderschön, sag ich Ihnen, sie schien mit königlich purpurnen Lichtpunkten übersät zu sein... – da war ich sofort berückt von diesem vom M o n d geschickten Blut. Es war ganz delphisch im Badezimmer. Charlotte ertrug, seit sie auch für den Rückzug daheim blieb, an ihren Samstagen nur ein fast erblaßtes Licht. Es ist gar nicht leicht gewesen, eine Lampe aufzutreiben, die diesen lockenden, sprühwasserwarmen Lichtdunst ausstreuen kann. Nein, ich war nicht im mindesten erschrocken. Ich sagte ja schon, mich haben bereits als Kind Krokodile begeistert, Warane, Leguane. Und Schlangen ganz besonders, - diese geheimnisvoll schönsten aller Reptilien. Wobei ich den gedrungenen Viperkörpern immer Nattern vorgezogen habe, an Vipern ist eigentlich nur der kräftige Keil des Kopfes überzeugend, das Phallische, möcht ich sagen, Glanshafte daran. Nattern indessen berühren einen insgesamt, verführen durch Eleganz und den gekühlten Samt ihrer Haut. Charlotte kommt, obgleich sie, wie Sie sehen können, sehr viel größer ist, dieser Natternschönheit mehr als gleich, ja übersteigt und übersteigert sie wie die schwarze Mamba. Nur daß sie kein Gift trägt und ihre Haut den verheißungsvollen Goldton behalten hat.
Hat Sie schon einmal eine Schlange geliebt? Wissen Sie, wie es ist, wenn Ihr Körper von einer kühlen, glatten Kraft umwunden wird, die Sie mit knappem Zusammenziehen einfach brechen könnte, doch jede Schuppe, kristallenes Samtleder, leckt Ihre Poren? Und, ohne gänzlich intim zu werden: diese Art, sich mein Geschlecht zu nehmen! Ah! Davon werde ich für alle Zeit schweigen müssen, einig mit ihr und mir und unserer beider Einsamkeit. Und da kommen Sie und wollen einen Fall untersuchen! Was sollte ich denn tun!?
Oh sehen Sie nur die feine Ironie ihres Lächelns! Das hat mich sofort an Charlotte gebunden, kaum daß ich sie zum ersten Mal sah... vor zwanzig Jahren - erzählte ich das? Es war auf Port Cross an einem überaus heißen, atmosphärisch vollkommen blauen Tag. Wir hatten einen Nachtschlag hinter uns. An sich hätte ich wie die anderen ruhen müssen. Doch trieb mich etwas auf die Höhe der Insel hinan. Die buschige, trockene Vegetation, der gelbe Sand der Pfade, das helle, durchsichtige Meer, all das vermittelte den Eindruck, in der Karibik zu sein, obwohl die weiche, warmschwere Brise wahrscheinlich von der Sahara herüberwehte. Tatsächlich wirkte Fort Lestissac wie eine gegen Piraten auf den Berg gerammte Trutze. Dort oben sonnte sich Charlotte, hatte sich zu Füßen einer Krüppelkonifere auf einem der aufgeheizten Steine unters Summen der Insekten gerollt und ließ sich nicht stören, als ich den sandigen Pfad hochgestiefelt kam. Ich habe es mir angewöhnt, immer, wenn ich, um an Land zu gehen, die Segelschuhe ausziehe, in meine schweren Gebirgstreter zu fahren. So werde ich auf Charlotte ein wenig wie einer dieser Amateurforscher gewirkt haben, als verspleenter Vogel- oder Pflanzenkundler, der hier in touristischer Häufung seine biotopische Heimat findet... ein lächerliches Geschöpf, muß ich sagen, wer 64 Hektar für die Serengeti nimmt. Ich war aber wohl durch mein locker über die Jeans getragenes indisches Hemd entschuldigt. Jedenfalls zeigte Charlotte keinerlei Zeichen einer Mißachtung, sondern sah mich mit diesem Ausdruck fassungslos-leiser Begeisterung an, den sie erst in dem Moment verlor, in dem ihr klar wurde, daß ich ihr Geheimnis kannte. Dabei bin ich mir sicher, sie hat da oben auf Opfer gewartet, von irgend etwas muß ihre Art sich erhalten. Darin, daß sie mich von allem Anfang an in zärtlichen Augenblicken „Äffchen“ nannte, hat sich etwas davon und von dem Zusammenhang bewahrt, der Fortpflanzung an Ernährung bindet. Es ist unfair, ist humanperspektivisch verengt, der Arterhaltung mit moralischen Kategorien zu kommen. Sie findet ihre eigenen Wege. Immer. So auch Charlottes ungewisse Spezies, die sich offenbar neben den anderen Tier- und Pflanzengenealogien im Schatten entwickeln konnte. Es gibt nur wenige Zeugnisse. Es ist auch ein Schutz, denke ich, wenn einem keiner glaubt.
Wir haben darüber nie gesprochen. Irgend etwas hat mich gewarnt, ihr einzugestehen, wie sehr ich Bescheid wußte. Auf Port Cross hatten wir sowieso keinen richtigen, also intimen Kontakt; sie ließ bloß zu, daß ich mich zu ihr setzte und sie, während nun auch ich in die Sonne meditierte, gleichsam nebenbei streichelte. Dabei zeigte sie keine Regung, Schlangen schnurren ja nicht, aber sie ließ, spürte ich, diesen entzückten Blick nicht von mir, der zugleich Zuschnappen und Liebkosen, lieben und töten vereinte: Sich etwas einzuverleiben, bedeutet: es sich aneignen, sich etwas innerlich machen. Und bewirkte, daß sich in mir etwas entkrampfte, das all die Jahre wie ein schweres Knäuel in meinem Becken gelegen zu haben schien, daß es sich entrollte und wunderbar geschmeidig meine Wirbelsäule hinaufstreckte. So daß mir eigentlich jetzt erst die Herrlichkeit der mich umwehenden mediterranen Welt bewußt und fühlbar wurde: die Kiefern-, Thymian-, strohigen Macchiagerüche unterm flirrigen, gelb brennenden Licht, das afrikasandige, insektendurchschwirrte Salz im Meerwind, auf dem der Gesang der Girlitze klirrte. Dabei trug Charlotte dieses ironische Lächeln im Gesicht... genau daran erkannte ich sie ein halbes Jahr später wieder, hier in Berlin bei Raffael Vostell, noch in seinen alten Charlottenburger Räumlichkeiten. Charlottenburg... das fällt mir jetzt erst auf. Nein, ich kann das nicht als Gag empfinden, verzeihen Sie, ich bin jetzt – ja, jetzt – etwas erschrocken. Egal.
Es war dieses Lächeln, was mich sie ansprechen ließ, und es war von allem Anfang an der sich heute in den Augen meiner Kinder wiederholende Blick, der so wenig von mir abließ wie seinerzeit beim Fort Lestissac. Eigentlich daran hat mich Charlotte durch die Menge der VernissageBesucher zu sich hergezogen, ich hatte Raffael kaum begrüßt, kaum Kähne und Lethen, die ebenfalls dagewesen waren. Ich spürte etwas Kühles im Nacken, ein Gefühl, das mir nicht unvertraut ist, aber hier deplaziert war, ich kenn es sonst nur von übergroßer Anstrengung... nur gab es für eine solche keinen ersichtlichen Grund.
„Da sind Sie ja, Äffchen“, sagte Charlotte. Das war in keiner Weise despektierlich, sondern ihre Art verbaler Liebekosung. Ich spürte das sofort. Sie nahm meine Hand, wir gingen von Objekt zu Objekt. Sie sei, erzählte Charlotte, rein zufällig hier. Neue Kunst interessiere sie allerdings schon. Nein, mit mir habe sie nicht gerechnet; um ehrlich zu sein, habe sie mich längst vergessen gehabt. Unsere erste Begegnung sei nun wirklich flüchtig gewesen.
Charlotte war allen eine Unbekannte. Dabei fiel sie nicht nur wegen ihres hohen, überaus schlanken Wuches auf, sondern ihr französischer Akzent hatte etwas aufdringlich Rührendes. Das ging den Leuten einerseits ans Herz, andererseits widersprach es der arrogant artfremden Erscheinung dieser Frau. Letztlich war sie den Leuten unheimlich. Schon daß sie Glatze trug, hob sie aus der Menge heraus. Sie war mit Nachdruck unbehaart, was ein Piercing unterstrich, das sie über dem linken Augenlid trug. Der blutrote, von verschwindend blassem Silber gerahmte Rubin war durch kein Gegenstück befestigt, sondern wuchs stolz aus der aufgeworfenen, völlig nackten Brauenwulst.
Am Abscheu der Leute änderte sich selbst dann nichts, als wir heirateten. Auch Ihnen sehe ich diesen Abscheu an. Ich muß mir Charlotte gar nicht erst um den Hals legen. Sie kann tun, was sie will, einen Widerwillen erregt sie immer. Es ist sinnlos, es ist ein wenig, Verzeihung, feige, vor allem nutzt es Ihnen auch nichts, wenn Sie Ihre Blicke ständig an dieser Schönheit vorbeifallen lassen. Die Wahrheit holt uns alle immer ein. So werden Sie verstehen, daß meine andere Freundschaften fortan einfach verebbten. Nicht daß Sie denken, Charlotte habe sie hintertrieben! Bewahre! Es ergab sich einfach so. Sie hatte an meinem Bekanntenkreis kein Interesse, das ist wahr, aber wir waren ohnehin so aufeinander konzentriert... Wir genügten einander. Zumal war sie ein wenig... sagen wir: exklusiv. Das ist jetzt etwas anders, wo sie sich mit wöchentlich einem Kaninchen oder auch, eben, Äffchen begnügt. Vor noch drei Monaten und sowieso all die Jahre lag die Sache komplizierter, anstrengender: Eigentlich muß man sich nicht wundern, daß sie versessen auf exklusive Schuhe war. Dabei hatte sie kein Einkommen... übrigens auch keine Familie. Anfangs, als wir wegen der Heirat ihre Papiere brauchten, gab es deshalb Schwierigkeiten. Sie besaß weder einen Paß noch war sie krankenversichert gewesen. Wenn ich sie fragte, wovon sie gelebt habe, schnaubte sie durch die Nase, warf den Kopf in den Nacken und sagte: „Wie jetzt. Von Männern.“ Und schob aggressiv hinterher: „Was denkst Du denn?“ Sie konnte unglaublich verstockt sein und erzählte mir erst, als es gar nicht mehr anders ging, von ihrer Herkunft. Wir besorgten uns dann aus Lusignan, im Poitou, die Geburtsurkunde. Ich schlug vor, mal hinzufahren. Ziemlich verstimmt lehnte sie ab. Sie sei nicht grundlos ins Ausland gegangen, ich möchte das bitte akzeptieren.
Dann zogen wir zusammen. Ich hatte das eigentlich nicht gewollt, aber Charlotte war schwanger. Ein Kind verändert immer alles, ein Kind braucht ein Zuhaus. Charlotte wurde eigenartig nervös, druckste herum. Irgend etwas belastete sie. Ich beobachtete nur. Endlich kam sie mit der Sprache heraus. Ich möge ihr etwas versprechen. Sie brauche alle vier Wochen einen Tag ganz für sich. Da dürfe sie niemanden sehen... ja, dürfe sagte sie und strahlte, weil ich das ohne nachzufragen akzeptierte. „Und du willst, Äffchen, wirklich nicht wissen, warum?“ Damit löste sie sich aus meiner Umarmung, zog sich im Nebenzimmer etwas anderes an und verschwand. Das war 1988.
Für den Rest dieses 2. Aprils blieb sie verschwunden.
Im August kam unser Junge zur Welt. Deshalb ging mir der Zusammenhang mit der Menses nicht sofort auf. Tatsächlich zog sich Charlotte exakt jeden vierten Samstag zurück. Abgesehen von dem Tag, an dem sie Peter gebar. Auch Luise kam an einem Samstag zur Welt. Beide vertraute sie, als sie noch stillte, für ihre Abwesenheit meiner Obhut an. Ein Kindermädchen lehnte sie ab.
Manchmal war sie samstags bereits fort, wenn ich erwachte. Manchmal frühstückte sie noch gemeinsam mit uns. Meist kam sie erst sonntags am sehr frühen Morgen, selten bereits knapp nach Mitternacht wieder. Wohin sie ging, erzählte sie nicht. Daheim zurück war ihre Haut stets gerötet, ganz auffällig, sogar fleckig, wie bei übernervösen Frauen oder bei solchen, die eine kosmetische Maske trugen, ein peeling oder Gurken und Joghurt auf dem Gesicht. Wäre nachgefragt worden, hätte ich Charlottes Samstage mit sowas erklärt. Doch fragte nie jemand, auch die Kinder fragten nicht. Nicht einmal, als sie fünf und sechs waren. Auch später nicht.
„Ich möchte nicht immer weg, Äffchen“, sagte sie eines Freitag abends, nachdem sie die Kinder zu Bett gebracht hatte. Sie fiel erschöpft in die Couch. Eine sehr dunkle Strähne hing hier drittels im Gesicht. „Ich möchte euch nicht immer verlassen müssen.“
Erstaunt sah ich auf.
„An meinen Tagen“, sagte sie, „du weißt schon.“
„Dann bleib doch“, sagte ich.
„Du mußt es erlauben.“
Erlauben?“ Es lag ihr nicht, um etwas zu bitten.
„Ja“, sagte sie. „Ohne deine Einwilligung geht es nicht.“
„Wieso nicht?“ Ich spürte, ich rührte an ihr Geheimnis. Ich weiß noch, daß wir jetzt lange schwiegen.
„Darf ich?“ fragte sie dann abermals. Das fiel ihr sichtlich schwer.
„Aber ja.“
Von nun an zog sie sich dafür ins Badezimmer zurück. Praktischerweise sind Toilette und Badezimmer bei uns getrennte Räumlichkeiten. So ließ sich Charlottes Klausur Zuhause gut gestalten. Nur war mir das bald, wie soll ich sagen?: zu nüchtern. Weshalb ich das Bad alle vier Wochen mit Blumen schmückte. Ich stellte wuchernde Topfpflanzen auf und besorgte Duftwässer Seifen Lotionen; auch stand – auf Charlottes Wunsch hin – immer ein Napf mit gekühltem, frischen Trinkwasser bereit. Ich installierte diese kleine Stereoanlage, vermittels derer Charlotte über Wochen Villa-Lobos’ The Forest of the Amazon hörte. Dann trieb ich die Dschungel-CD auf.
Oft war Charlotte bereits freitags unrastig und getrieben. Wie sehr ihre Stimmungen schwankten, war ihr meist selbst peinlich. Aber sie kam dagegen nicht an. Alles ging immer so schnell, so tropisch-abrupt bei ihr. Bereits am Sonntag blutete sie kaum noch. Ihre Hygiene kannte nicht Tampons noch Binden. Charlotte menstruierte über diese Samstage, dachte ich, in die Badewanne, verletzlich und ganz ohne Haut. Und kroch Sonntag morgens als eine neue, verjüngte Frau von einer Zärtlichkeit erfüllt ins Bett, die warm wie Sonnenlicht war. Ich schlafe, wenn ich nicht daran gehindert bin, lange. An solchen Sonntagen schlief sich mein Körper in die innigsten Vereinigungen und erwachte oft erst, wenn ich kam, erwachte von meinem eigenen Lustschrei, Charlottes stahlgrüne Augen über mir.
Ermessen Sie also einerseits meinen Verlust! Aber wie sollten Sie das können? Ich ahnte einfach nicht, was ich riskierte, als mich die Neugier besatzte... infiltrierte muß ich das besser nennen. Diskretion ist für mich immer ein hoher Wert gewesen. Und Charlotte wollte ganz offenbar nicht über ihre Samstage sprechen. Die Kinder und ich sahen auch über ihre prämenstruellen Aufgeregtheiten hinweg, die ziemlich heftig sein konnten. Doch es faß in mir. Das war nicht nur Neugier, sondern zugleich eine hinterhältige Lust: fast so etwas wie Lüsternheit. Ich hätte Charlotte vielleicht warnen sollen. Eines Samstags spitzte ich dann durchs Schlüsselloch. Gebückt wie in einer Karikatur, so stand ich da. Ich seh mich ja selbst. Dennoch wog, was ich beobachtete, alle Peinlichkeit auf. Mühsam verhielt ich den Atem. Und wie Charlotte dann zu mir kam, nach ihrer Regeneration!
An Schlaf war nicht mehr zu denken gewesen, nicht mal mich ins Bett legen hatt’ ich mehr können, sondern war bis in den frühen Sonntagmorgen auf der Couch sitzengeblieben. Bisweilen waren mir die Augen zugefallen, ich schreckte hoch, lauschte: nur das Plätschern aus dem Bad und das Schreien tropischer Vögel. Meine Augen fielen abermals zu. Charlottes Hände lagen auf meinen Schultern. Sie stand hinter der Couch. Ihre Finger tasteten mich ab, als wollten sie erfühlen, was ich wußte. Ich brummte aber nur behaglich. Es war mir allezeit klar, daß ich mich verstellen müsse. Die Situation war sogar gefährlich. Glauben Sie mir.
„Wieso sitzt du hier, Äffchen?“
„Oh. Bin eingenickt.“
„Schau meine Haut.“
Weich und fest wie ein Muskel. Das Schimmern, wenn Licht auf nassen Samt fällt.
Drang ich in sie ein, umgriffen ihre Lippen den inneren Strang meines Rückenmarks, und ihre Zunge oder etwas anderes, ihre Seele, leckte mir bis ins Ganglion. Ein Reiz, der von unten in Kleinhirn, Vagus und Zungennerv stieß. Ich habe solche Umarmungen nie wieder erlebt und werde sie nicht wieder erleben. Andererseits, wenn sie mich heute umschlingt - lusingando, falls Sie damit etwas anfangen können - und dann... zunehmend stärker... preßt... Allein ihr Schlangenmund! - Doch wir gehen nie bis zum Äußersten. Wir haben Kinder. In acht oder zehn Jahren vielleicht, wenn sie aus dem Haus sind... - Bitte? Ja sicher.
So ging das über Jahre. Es erstaunt mich erst heute, daß die Geschwister niemals fragten. Irgendwie erstaunt es mich auch nicht. Wissen Sie, es gibt so etwas wie ein heimliches Einvernehmen zwischen Kindern und Müttern. Daran kann man nicht rühren. Besonders Luise hat eine Art, Blicke zu werfen... Schauen Sie hier - Moment, irgendwo muß das Bild l i e g e n... ah da!: Sehen Sie, wie sehr sie ihrer Mutter ähnelt? Es ist für mich ein nicht ganz unheikler Gedanke, daß sie vielleicht etwas vererbt bekommen hat. Aber nein! Unfug! Es gibt, jedenfalls bislang, keinerlei Anzeichen... nein, auch bei Peter nicht, aber wahrscheinlich pflanzt sich diese Anlage sowieso, wenn überhaupt, matrilinear fort. Weshalb ich das meine? - Instinkt.
Reiner Instinkt.
Kundalini, nicht wahr? Denn natürlich hab ich mich kundig gemacht, so etwas ist man sich schuldig. Wer das Privileg genießt, von solch einer Frau geliebt zu werden, muß sich dem gewachsen zeigen... schon damit sie nicht anfängt, sich zu langweilen und ihr Äffchen dann verspeist. Das ist kein Witz, auch wenn unsere müden, an politischen Korrektheiten orientierten Zeitläufte dergleichen weglügen wollen. Wer es mit einem weiblichen Prinzip zu tun hat und es nicht opfern will, ist gut beraten, sich auf Ambivalenzen einzustellen. Es geht um Eros und Geschlechterkampf, nicht um den Steuerbescheid. Aber ich merke schon, das interessiert Sie nicht... oder nur insofern, als Sie immer noch glauben, Licht in eine vermeintliche Straftat zu bringen. Sei’s drum. Ich war ja selbst auf Aufklärung aus.
Sind Sie schon einmal auf den Gedanken verfallen, es komme manchmal gerade darauf an, etwas n i c h t zu erhellen, es jedenfalls nicht auszusprechen? Ich sehe, daß Sie verheiratet sind. Ah ja? Das ist noch nicht so lange... also hüten Sie sich vor Offenbarungen! Sie hätten Charlottes entsetztes, panisches, hilfloses Gesicht sehen müssen! Als ich fragte.
Vier Monaten ist das nun her. Es war noch Herbst, ein Donnerstag, ich hatte sehr lange gearbeitet. Als ich heimkam, lagen die Kinder schon im Bett, und aus dem Badezimmer hörte ich die mir überaus vertrauten Dschungellaute. Das war ungewöhnlich. Charlotte liebte diese akustische Illusion, sicher, aber sie hat sich ihr immer nur an ihren Samstagen ergeben... war ihre Periode durcheinandergeraten?
Ich legte die Aktenmappe auf die Garderobenablage, zog den Mantel und die Schuhe aus und ging leise, um die Kinder nicht zu wecken, über den Flur. Dann klopfte ich an die Badezimmertür. Charlottes feines Lachen rief mich herein. Bis zum Kinn lag sie im Schaum, das dunkle Haar in Wülste aufgerollt, schlangenhaft beinah selbst, vor allem, wo es feucht geworden war, so daß es den matten Glanz eines schweren Samtmuskels hatte.
„Wie schön, daß du da bist“, sagte sie. „Meine Beine schmerzen so.“
Ich legte das Jackett ab und krempelte einen Hemdsärmel hoch. Dann faßte ich ins Wasser, strich ihr über einen Schenkel. Sie schloß die Augen. Aber es schien etwas an meiner Berührung zu sein, etwas Skeptisches, Suchendes, will ich einmal sagen, was sie sich dem nicht unvoreingenommen hingeben ließ. Sehen Sie, ich spreche bereits wie aus Charlotte heraus, so einig sind wir unterdessen, der ernüchterte Mensch und das mythische Tier, daß ich selbst fühle, wie wenig vertraulich meine Zärtlichkeiten da waren. Denn wirklich dachte ich, eine andere Stuktur ertasten zu müssen, es irritierte mich, daß da nur Fleisch war, nur Frau. Sogar nachwachsende Stoppeln waren auf der noch nicht rasierten Haut zu fühlen, denen ein reptilisches Element völlig fehlte. Charlotte sah mich an, ich denke heute: halb warnend, halb bereits trauernd und schon zur Gänze verloren. Aber ich merkte es nicht, mich verwirrten die Schreie, die heiseren Rufe der Tukahs und der dunstende Schmelz einer über dem Tropensumpf quellenden Stille. Dann brüllte eine aufgeschreckte Affenherde los und jagte durchs niedrige Blattwerk. Momenthaft geriet alles in rasende, im Wortsinn panische Bewegung. Der Kaiman schoß aus seiner Maskierung, ein sich bäumender Stamm mit Zähnen, die sich in die Kehle eines Okapis bohrten. Das Tier schrie und versuchte, sich auf die Hinterläufe zu heben, das zerrende, sich drehende Reptil in die Gurgel verbissen, Wasser wurde geschlagen, spritzte schlammig auf. Gestemmt die Vorderläufe gegen den Flußsaum, aber umschmatzt vom Schlick, der drunter wegglitt, schon auf die Knie gekracht und weiter ins Wasser gezogen. Als sich Schaum und Wirbel in Kräusel lösten und sich der letzte kleine Halbwellenkreis am Ufer zerklätschelte, da hatte ich es ausgesprochen.
Charlotte schrie auf. Sehr leise. Wie unhörbar. Tränen waren ihr in die Augen geschossen. „Du!“ rief sie. „Du! Du!“ Und s t i e ß mich fast vom Wannenrand, als sie hochsprang, aus dem Badewasser sprang, unendlich behende, verzweifelt behende, doch riß sie den Ständer mit unseren kosmetischen Utensilien, ihren Puderdöschen, den Zahnbüsten, dem Schmuck und allen Seifchen um, den hunderterlei Parfumfläschchen, die nicht zersprangen, weil auf dem unteren Brett Handtücher gelegen hatten, die mit herausgerutscht waren... riß den Bademantel vom Haken, ich war nur verdutzt. Um mich toste die Dschungel. Die Haustür schlug, und ich wußte, Charlotte war gegangen. Das war mir so bewußt, daß ich mich einfach nicht rühren konnte. Ich blieb hocken, einen Arm über dem Wannenrand. Mein Hosenboden naß von auf die Fliesen geklatschtem Badewasser.
Ich weiß nicht mehr genau, wann ich zu mir kam und die kleine Anlage im Bad ausstellte, die Geräusch-CD ist sicher längst zu Ende gewesen. Aber wissen Sie, es sind ja die beiden Kinder da, man hat Verantwortung, für Eltern ist Trauer immer sehr begrenzt. Also entkleidete ich mich, trocknete mich, zog den anderen, einen genau gleichen Bademantel an, Charlotte hatte den ihren mitsamt dem Haken von der Wand gezogen, der Haken lag auf der Eingangsschwelle des Bads, der Bademantel zusammengeworfen im Flur vor der Wohnungstür. Ich habe keine Ahnung, was Charlotte sich angezogen hat, als sie ging. Von ihren Sachen fehlte nichts, nicht einmal Schuhe waren, soweit ich erkannte, fort. Sie hat ja so viele, verzeihen Sie, ein Mann behält da nur schlecht die Übersicht. Sie muß also nackt hinausgelaufen sein... oder eben - verstehen Sie? -: so. Was sollte ich tun? Ich konnte nur abwarten. Die Kinder schliefen, an ihnen schien das Geschehen vorbeigegangen zu sein.
Sie fragten nicht. Nicht, als wir zum Frühstück zusammensaßen, nicht, als sie von der Schule heimkehrten. Auch nicht in den folgenden Wochen. Das war geradezu unheimlich. Aber ich war darüber, bei aller Trauer, auch froh. Ich wollte nichts erklären, hätte das auch gar nicht gekonnt. Außerdem... Sie werden mir das nicht nachfühlen wollen, dennoch: Ich hatte das Gefühl, die Kinder verstünden die Zusammenhänge sehr viel besser als ich, denn sie, von der Mutter, trugen sie im Blut.
Und schienen sich wie sie von mir zu entfernen. Sie rückten furchtbar aneinander, wurden immer ähnlicher. Nicht physiognomisch, nein, aber in ihren Bewegungen, Haltungen, möcht ich sagen. Sie wurden geradezu eines. Das tuschelte, wandte ich den Kopf. Das zog sich dauernd in sein Spielzimmer zurück. Vielleicht wartete es darauf, daß ich gestand. Vielleicht prüften mich die Kinder, denn auch Peter bekam unversehends diesen Blick. Doch ich konnte nicht sprechen.
Sehen Sie, von Rechts wegen, ich weiß schon, hätte ich selbst diese Vermißtenanzeige aufgeben müssen. Aber ich war mir... bin mir sicher, daß Sie Charlotte nicht finden werden, jedenfalls nicht die, die Sie suchen. Sie vertrauen Ihrem Gespür nicht, ich merke das schon, obwohl es Sie immer noch vor Charlotte zurückschrecken läßt. Sie wollen mir nicht glauben, das ist klar. Aber Sie müssen nur in Charlottes Natternaugen sehen, schon stellen sich in Ihrem Nacken die Härchen auf. Das ist ein menschlicher, ein phylogenetischer Reflex, halten Sie sich einfach an ihn. Aber nein! Sie haben, wie die meisten von uns, den Kontakt mit Ihrem Körper verloren, weshalb Sie auch gegenüber dem Geist skeptisch sind, wenn er, Sie zu warnen, juckt. Die meisten wollen, was sie sehen, nicht sehen. Ich, damals, wollte lieben, da bekommt man ganz w e i t e Augen... Augen auch für das Verborgene, die Verborgenen... und mehr. Doch muß man sich an die Regeln halten, die das Geheimnis vorm Offenbaren schützen. Genau aus diesem Grund sprachen die Kinder und ich nicht über Charlottes Verschwinden: Die beiden nicht, weil es ihnen ihr Instinkt verbot, ich nicht, weil ich meinen Fehler wieder gutmachen wollte.
Ungefähr zwei Monate verstrichen. Charlotte fehlte uns schrecklich. Da konnte ich dann doch die Frage auf den Lippen meiner Kinder lesen, und ihre Blicke bekamen etwas Grausames. Das konnte aber auch Einbildung sein. Denn sie hielten ja an sich.
Dann, ganz plötzlich, erschienen sie mit solch einem Lächeln zum Frühstück, so von, ich möchte sagen, jugendlichem Humor durchhüpft, daß mir ganz warm im Inneren wurde. Es schien zwischen uns ein schrecklich verbissener, doch stummer Kampf zu Ende gegangen zu sein, den man jetzt überhaupt erst wahrnahm. Luise umfing mich sogar mit den Armen. Bis zum Wochenende hielt unsere Hochstimmung an, dann kippte sie wieder, ich weiß nicht warum, die Blicke wurden abermals feindlich. Doch als die Kinder Montag früh neuerlich so wunderbarer Laune waren, keimte in mir ein Verdacht.
Tatsächlich wurde ich Dienstags nacht von einem Flüstern an der Wohnungstür wach, von irgend einem Getuschel. Ich spannte mich an. Beugte mich über die Bettdecke vor, legte den Kopf schief, lauschte ins Dunkel. Ja, da wurde gesprochen, ich konnte Peter heraushören. Luise war ebenfalls auf, aber noch jemand Drittes. Dann schlug die Wohnungstür.
Ich sprang aus dem Bett, sah draußen nach, es war mir, als zitterte im Flur die Luft. Leise begab ich mich zum Kinderzimmer, legte ein Ohr an die Tür. Nichts. Ich drückte die Klinke, schob die Tür etwas hinein, fahle Dunkelheit auch hier und das Atmen meiner Kinder, zu regelmäßig allerdings, als täuschten sie ihren Schlaf nur vor. Leise zog ich die Tür wieder zu.
In der nächsten Nacht weckten mich fast dieselben Geräusche. Wieder war ich sehr schnell im Flur, aber lief, ohne erst lange zu lauschen, zum Kinderzimmer, wo ich die beiden denn auch dabei erwischte, wie sie grad in die Betten zurücksprangen; der Vorhang war nicht vor das nur angelehnte Fenster gezogen, und der Mond schien mit einem so falben Licht in den Raum, daß es wirkte, als hätten sich zwei Gegenstände – zwei Stühle, zwei Kisten, irgendsowas – kurzfristig belebt. Ich schaltete das Licht an. Eigenartig trotzig blickten mir die Geschwister aus ihren Betten in die Augen.
„Sagt mal, was ist hier los?“
„Wir haben vereinbart, nicht darüber zu reden“, antwortete Luise in einem Ton, der sie mir unendlich fremd machte. „Daran solltest du dich halten.“ Vergessen Sie bitte nicht, daß meine Kinder erst vierzehn und fünfzehn sind. Wie hätten S i e reagiert?
„Ich weiß von keiner Vereinbarung“, erwiderte ich.
Eigentlich hätte ich die beiden an mich herankuscheln lassen, hätte meine Arme um sie legen müssen, ‚laßt uns reden, wir müssen dringend reden, ich liebe euch’ – aber wie wäre das jetzt noch, wie wäre das ü b e r h a u p t gegangen? Meine Kinder hatten völlig recht: Es gibt Dinge, über die man nicht sprechen darf... weil man sie andernfalls entweder zerstört oder Dämonen ruft, die man in Ruhe lassen sollte.
„Bitte mach das Licht aus“, sagte Peter.
„Küßchen, Papa“, Luise abermals, „geh wieder schlafen.“
Ich hatte den schartigen Eindruck, unsere Rollen hätten sich vertauscht: i c h das Kind, sie meine Eltern. Stumm betätigte ich den Schalter und zog die Tür zu. Stand aber noch einige Minuten auf dem Flur. Die Stille sirrte. Selten durchbrach sie ein Verkehrsgeräusch, das seinen Weg übers Küchenfenster zu mir fand und mich verlockte, mir ein Bier aus dem summenden Kühlschrank zu nehmen und mich im Dunklen vors Küchenfenster zu setzen.
Bis es klarte, saß ich da. Nein, ich schlief nicht, war aber auch nicht richtig wach, war einfach matt. Und dann völlig schockiert, als die Kinder ausgesprochen gutgelaunt hereinstürmten.
„He Paps, noch kein Frühstück?“
Luise schmatzte mir auf die Stirn. Es war, als hätte ich alles in dieser Nacht nur geträumt. Ich sah den beiden nach, wie sie mit ihren Fahrrädern zur Schule brausten, Peter blickte sich in der Kurve um und winkte mir, der ich aus dem Küchenfenster schaute.
Ich vermag Ihnen meine Verwirrung kaum zu beschreiben; irgendetwas schob sich zwischen mich und meine Realität... sogar sehr viel nachdrücklicher als Charlottes Geheimnis selbst. Den ganzen Tag über ging ich durch Nebel, verließ die Wohnung, surfte im Büro durchs Netz, um nach einer Haushälterin zu schauen. Seit Charlottes Verschwinden waren die Kinder, fand ich, tagsüber zu sehr auf sich gestellt. W i r k l i c h lautes Lachen ließ mich hochschrecken. Es war wieder späteste Nacht. Nicht nur Lachen, auch Geplantsche, Jauchzen und Stimmschwirren. Das war so unverstellt, es konnte nur ein Traum sein. Ich saß aufrecht da, die Decke bis auf die Unterschenkel hinuntergedrückt. Wirklich kam der Lärm aus mir selbst, denn die Handflächen, die ich mir auf die Ohren preßte, dämpften ihn nicht. Weshalb also aufstehen? Weshalb nachsehen? Ich hätte schreien mögen, so groß war die Qual, und so sehr zog es mich dennoch hinaus, zog mich zum Bad.
Die Tür stand drittels auf, Licht fiel heraus. Es plätscherte deutlich, das Wasser lief. Luise und Peter und – ja, da gab es gar keinen Zweifel: Charlotte!! lachten. Sie ahnen nicht, wie ich mich beherrschte, nicht vor Glück aufzuschreien, nicht loszulaufen... was s a g ich!: hinzuspringen! Stand schon in der Tür.
Die Kinder drehten langsam den Kopf zu mir, lächelten. In die Wanne lief ein Stahl nach, immer nach, ein strömender Nässefaden vom Hahn hinab, grad so kräftig, das vom Überflußventil abgeführte Wasser durch neues zu ersetzen. Und über den Randwulst lag in vierfünf schweren Bögen Charlottes Schlangenleib, allerdings den größten Teil ihres Körpers im Wasser, der Hals hingegen und ihr wie auf Port Cross lächelnder Kopf ruhte auf Luises aneinandergelegten Handflächen und sah zu mir wie die Kinder. Die sagten nichts. Die lächelten wie ihre Mutter. Ich stand schmilzend, brennend.
Luise, indem sie die Hände unter Charlottes in der Luft stehenbleibendem Kopf wegzog, erhob sich, kam wortlos zu mir, streckte den Arm aus, zog mich zu meiner Frau. Ich bückte mich, kniete mich, Peter reichte den ruhig mitgehenden Schlangenkopf her, ganz die Natter von dem Inselchen der Cote d’Azur, nur anacondahaft gewachsen, eine Riesin, die mich umschlingen konnte und langsam umschlang, während meine Kinder tuschelnd das Badezimmer verließen, vorgealtert diskret. Ich vernahm sie die Tür ihres Zimmers zudrücken, die Keilzunge des Schlosses einschnappen. Kurz darauf war Musik zu hören, Catterfield, glaub ich, irgend ein Pop, der mir - uns - zeigen sollte, wir möchten uns, wenn wir wollten, vergnügen; man werde nicht lauschen.
Sehen Sie, das wollt’ ich erzählen.
Seitdem ist Charlotte geblieben. Nein, als Frau zeigt sie sich nur unseren Kindern. Ich habe gelernt, das zu akzeptieren. Auf keinen Fall will ich riskieren, daß sie abermals geht. Es gibt Dinge, über die spricht man nicht, aus Klugheit, ich sagte es schon. Charlotte ist schwer, es ist mühsam, sie zu tragen. Aber diese Mühe wird mit einer Lust entgolten, die ich Ihnen nur andeuten kann. Und d a r f, wie Sie wissen: - das Gesetz, nicht wahr? Wie dem auch sei, nun kommen Sie mit dieser absurden Anzeige. Und ich erzähle Ihnen die Wahrheit, damit Sie merken, daß ich nichts zu verbergen habe. Nur werden Sie sie nicht glauben. Dessen bin ich mir bewußt. Aber da Sie keinen Leichnam, keine Leichenteile, nichts von meiner Frau finden werden, das auf ein Verbrechen deuten könnte, muß ich mich nicht sorgen. Sehen Sie sich ruhig um. Und wenn die Kinder nachher kommen, dann befragen Sie die beiden nur. Aus einem Geheimnis muß man keines mehr machen.
Entschuldigen Sie mich nun aber bitte. Charlotte wird unruhig, sehen Sie? Das kommt von ihrem Hunger. Ich werde Sie – mit Ihrer Erlaubnis oder ohne – füttern gehen. Möchten Sie zusehen? – Nein? Auch gut. Tun Sie sich also keinen Zwang an und sehen Sie hinein, wo immer Sie hineinsehen möchten.)

Die Anakonda schleppend, die sich ihm ums linke untere Bein, das er leicht nachzieht darum, um den Oberschenkel und um die Taille geschlungen hat, während der Schlangenkopf auf seiner rechten Schulter ruht, verläßt der wirre Mann das Zimmer, und die verblüfften Polizisten bleiben zurück.



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ANH, Februar bis /März 2004. Berlin. Erschienen in: >>>> Tierische Liebe, Geschichten von gefährlichen Liebschaften, hrsg. von Bettina Hesse, Berlin 2005.

Ich werde Millionär.

Wuchtig stand er in der Tür, wuchtig vor Drohung, nicht etwa wuchtig von Körper: Herr Gustav Seiltanz, Gerichtsvollzieher. „Ich habe hier...“, sagte er und sah zu Boden. Es gibt Leute, denen ihr Beruf lebenslang peinlich bleibt, so daß er ihrer Seele nichts anhaben kann. Bei allem Elend, das sie mitverursachen wollen, sonst wären sie nicht Gerichtsvollzieher g e w o r d e n, sind sie ‚rein’ geblieben – so geradezu unschuldig sind sie, daß man sie in den Arm nehmen möchte. Etwa Herrn Seiltanz, ich spürte es gleich. Auch daß ihn der Anblick derart vieler Bücher so quälte, daß er nicht einmal überschlagen konnte, was die Pfändung einer solchen Sammlung einbringen werde, tat mir sehr leid. Sie hätte viel zu wenig erbracht, wenn einer die Höhe meiner Außenstände bedenkt, die einzutreiben dieser schmalgelenkige Mensch geschickt war.
Noch aber scharrte er mit dem linke Fußn auf dem Abtreter; zweimal mußte ich ihn einzutreten bitten - solch eine staunenswerte, mich beschämende Dezenz legte der Mann an den Tag. „Entschuldigen Sie bitte die Unordnung“, sagte ich im Flur, durch den sich selbst Kleinwuchs nur zwängt, weil links das Regal für die Toiletteutensilien und die über Jahre angesammelten Packmittel den Durchgang behindert; und rechts vor allem fassen immer wieder aus dem horen-Regal vorstehene Streben jedem Fremdling ins Jackett, um ihm ein weiteres Vordringen zu verwehren. Herr Seiltanz wirkte davon richtiggehend angewidert; da er so klein war, war er sowas nicht gewöhnt. Ich entschuldigte mich vielmals. „Alles, Herr Seiltanz, wächst mir über den Kopf, ich kann rein gar nichts tun!“
Seufzend nahm er auf meinem Sofa Platz. Er zog ein Taschentuch hervor und tupfte sich die Stirn. Dann entnahm er seiner braunen Aktentasche die Unterlagen und breitete sie auf der halben Schranktür aus, die mir als Tischplatte dient. „So kann ein Mensch nicht leben, Herr Herbst“, sagte er und fing sogar ein wenig zu weinen an. „Ich habe hier einen Pfändungsauftrag...“ „Angenehm“, sagte ich und gab dem Pfändungsauftrag die Hand. „Wie konnten Sie denn, Herr Herbst, bei einer Bank Schulden machen? Wie ist es dazu denn gekommen, daß man einem wie Ihnen Kredit gab? Fünfzehntausend E u r o, so hören Sie doch!“ Er verzichtete deprimiert auf die Handbewegung, die einmal durch den vollgestellten Raum schwang. Eine der kniehohen Säulen, zu denen ich, da es anderswo keinen Platz mehr gibt, mir zugesandte Bücher auf dem Fußboden türme, geriet dadurch ins Kippeln, kippte auch, aber fing sich dergestalt ab, daß der Turm zur Raupe, die zuckte, wurde... den Kopf Herrn Seiltanzens linkem Fuße überaus nah. Sie hätte da gewiß auch hineingebissen, hätt ich ihr nicht in die Seite getreten, so daß sie in ihre etwa fünfundzwanzig Bücher auseinanderfiel. „Entschuldigen Sie“, sagte ich zerknirscht, „ich bin meiner Dinge nicht mehr Herr. Schauen Sie hier“ - ich hob einen Stoß ungeöffneter Briefe - „ich öffne die Post schon seit langem nicht mehr. Ich weiß ja, daß einer wie Sie kommen wird, so gegen einzwei Male proMonat, um mich über den Stand der Gläubiger auf dem laufenden zu halten.“ Er nickte. „Auf Sie ist Verlaß“, sagte ich, „ich danke Ihnen. Immerhin ist das nicht der einzige Kredit und nicht die einzige Bank. Aber ich weiß es gar nicht mehr genau. Da sind zum Beispiel die beiden Finanzämter noch, ist meine großartige Steuerberaterin, ist mein Freund und Anwalt, und die Telekom ist da, jaja, die Telekom... ich meine, die wollen wir doch a u c h nicht vergessen?“ „Nein“, sagte er, „das wäre nicht fair.“ „Mangelnde Fairness“, sagte ich, „ist das schlimmste.“ „Ja“, sagte er, „das ist das schlimmste. Aber wie gehen wir jetzt mit den Schulden um?“ Mit „wir“ meinte er mich, gewiß mich allein. „Wir suchen nach der sichersten Methode, Millionär zu werden“, sagte ich, also Wir. „Ah!“ rief er da aus. Nichts w e i t e r, nein, er sagte n i c h t s weiter, rief nur dieses „Ah!“ „Ah?“ fragte ich. Er wirkte aber zu ergriffen, als daß er hätte antworten können. „Herr Seiltanz“, fragte ich, „möchten Sie vielleicht einen Kaffee?“ Er hörte mich nicht. Deshalb ging ich pinkeln, ließ aber die Toilettentür zum Flürchen offen und wiederum dessen Tür, sowieso, zum Arbeitsraum. Tatsächlich schien Herrn Seiltanz mein Plätschern wieder zu sich zu bringen, denn nachdem ich gezogen hatte und zurückgekehrt war, füllte er gerade sein Formular aus. „Keine sonstigen Wertgegenstände?“ fragte er. „Wieso ‚sonstige’?“ fragte ich. „Sie haben recht“, sagte er, „das ist Unsinn hier im Formular.“ „Ich muß Millionär werden“, sagte ich. „B a l d“, sagte ich. „Davon“, sagte er, „gehe ich aus. Bis dahin sollten Sie aber eine Ratenzahlungsvereinbarung treffen.“ „Das i s t es ja“, sagte ich. Herr Seiltanz bekam diesen Ausdruck rechtspflegerischen Mitleids ins Gesicht, den ich sehr liebe. „Das ist bitte was?“ Er weinte schon wieder, aber nur leicht; bei Regen hätte man von einem Nieseln gesprochen. Ich riß zwei Blatt von der Rolle Küchenpapier, die bei mir für Gerichtsvollzieherbesuche immer bereitsteht, und reichte sie ihm. „Danke“, schniefte er, „Sie sind ein guter Mensch.“ Das rührte mich, weshalb ich auch mir Blätter abreißen mußte. Das wiederum ließ ihn jetzt ganz besonders schluchzen. „Was ist es ‚ja’?“ drückte er durch die zwei inneren Erschütterungen. „Daß ich schon so viele Ratenzahlungsvereinbarungen habe, daß sie ihrerseits Gegenstand eines monatlich abzutragenden Schuldengebirges sind.“ „Unter einer Million“, sagte er, „ich verstehe, kommen Sie aus dieser Situation nicht mehr heraus.“ „Insofern, ja“, bestätigte ich, „läuft mein Projekt ganz vorzüglich.“ Das ließ ihn sich ein weiteres Mal erschüttern. „Ihr Projekt?“ fragte er, und ich antwortete: „Mit Sicherheit Millionär zu werden.“ „Wie wundervoll!“ rief er. „Ich beginne zu begreifen!“ „Hier schauen Sie“, sagte ich, stand auf, schritt um den Schreibtisch herum und fing an, in dem Papierwust zu wühlen, mit dem er sich seit Monaten zugedeckt hatte. Er fror ja so tüchtig, weil mir das Geld für Kohle ausgegangen war. „Irgendwo hier muß es liegen... es ist sehr alt... aber ich nehme es seit Jahren immer wieder vor... Verstehen Sie? Ich brauche doch einen Beweis.“ „Aber ja, ich verstehe.“ Auch er war aufgestanden und um den Schreibtisch herumgekommen. Auch er wühlte jetzt mit. „Ich war fünfzehn“, erzählte ich, während wir Papiere aufnahmen, fallenließen oder zu Boden wischten. „Fünfzehn, jaja“, sagte er. „ich verstehe Sie gut.“ Und wühlte und wühlte. „Ich kann das Projekt“, sagte ich, „also beweisen.“ „Deswegen nur“, sagte er, „haben Sie Ihre Schulden.“ „Ja“, sagte ich, „ja.“ Wir hielten einen Moment lang inne, sahen uns, außerordentlich scheu, nicht an, aber atmeten gemeinsam. So nah wie Herrn Seiltanz war ich noch keinem Gerichtsvollzieher gekommen. „Es ist ein großes Projekt“, sagte er, indem er sich einen Ruck gab, „ich verstehe das, ich habe gleich gedacht, als ich Sie sah: das ist ein besonderer Mensch mit einer Vision. Wir müssen nur, Herr Herbst, verstehen Sie das bitte, irgendwie die Zeit überbrücken.“ „Man sieht mir doch an, Herr Seiltanz, daß ich Millionär werden werde?“ „Man sieht Ihnen das, Herr Herbst, mit Sicherheit an. Aber wenn Sie keine weiteren Raten zahlen können, dann brauche ich wenigstens dieses Papier. Wenn ich der Bank sowas vorlegen könnte, wäre gewiß wieder Zeit gewonnen.“ „1970“, sagte ich, „ich habe das Projekt 1970 skizziert.“ „Sie sind sehr vorausschauend“, sagte er. „Ich wußte“, erklärte ich, „daß man mir eines Tages nicht glauben würde, und zwar gerade dann nicht, heute nicht, Herr Seiltanz, wenn es sich fast schon erfüllte.“ „Ja“, rief er aus, „Sie sind derart nahe daran!“ „Also lassen Sie uns dieses Tagebuch suchen.“ „Tagebuch?“ „Ich habe es im Tagebuch notiert.“ „Das ist gut, das ist besser, Herr Herbst, ein Tagebuch wird die Bank noch eher überzeugen als ein Papier.“ „Da ist es!“ rief ich, denn wirklich war es mir unter die Finger geraten. „Nein!“ rief er. „Doch!“ rief ich. „Zeigen Sie!“ rief er. „Moment!“ rief ich. Ich durchflog die Seiten. Da stand immer wieder Ach Christine, wie liebe ich dich! Immer wieder, Hunderte Male. Aber dann... aber dann.... „Sehen Sie! Hier!“ rief ich. „Zeigen Sie!“ rief er. Ich gab ihm das Buch. Er legte das geöffnete Buch auf den Boden und kniete sich davor hin. Dann fuhr sein linke Zeigefinger die Zeilen, die er vorlas, entlang. „Wie werde ich“, las er vor, „mit Sicherheit Millionär.“ Es folgte dezidiert die Projektbeschreibung. „Das ist genial“, sagte Herr Seiltanz. „Das ist absolut genial, Herr Herbst. Da steht ja jeder P o s t e n drin, jede Bank, die Sie sich dafür zum Gläubiger machen mußten, und jeder Bekannte, der Ihnen später etwas vorgestreckt... Herr Herbst, stimmen all diese Daten?“ Mir blieb nichts, als vor lauter Selbstergriffenheit zu nicken. „Mit fünfzehn“, sagte ich. „Mit fünfzehn hab ich das alles schon gewußt und geplant.“ „Dann werden Sie es auch schaffen“, sagte er und erhob sich wieder. „Darf ich das bitte mitnehmen?“ „Aber bringen Sie es mir zurück. Ich brauche das... als meinen Halt.“ „Mein Lieber, mein Geliebter, wenn ich einmal so sagen darf!“ Er nahm, muß man sagen, mein Gesicht in den Arm und bedeckte es mit Küssen. „Sie haben mir Hoffnung gegeben, Sie ahnen gar nicht, wie sehr!“ Damit lief er zu seinem Formular und reichte es mir. „Wenn Sie bitte hier unterschreiben wollen? Ah, Herr Herbst, wir werden uns wiedersehen, wiedersehen, gewiß!“ Und noch, als er sich durch das Flurchen zwängte und draußen im Treppenhaus noch rief er immer wieder: „Sie haben mir solch eine Hoffnung gemacht.“ Das hallte lange nach. Erst dann war Herr Seiltanz wirklich enteilt.
[Für den SWR, Dez. 2005.]

Alban Nikolai Herbst. Azreds Buch. Eine Erzählung.

Nunmehr ab >>>> h i e r; in den fünf Folgen regulär nacheinanderzulesen.

[Dem Zeitstrahl des Weblogs ein Schnippchen geschlagen: >>>> Durchlauf und Sinn wieder hergestellt.]

Der Getretene.

In den Jahren 1974 bis 1979 wurde Hamburg von einer Kette mysteriöser und eigentümlich unsystematischer Morde heimgesucht, denen fast dreißig Männer und Frauen der verschie­densten gesellschaftlichen Herkunft zum Opfer fielen. Offenbar handelte es sich bei dem Ver­brecher um einen Profi; zumal, so begütert oder ärmlich seine Opfer jeweils auch wa­ren, er raubte sie weder aus, noch verging er sich an ihnen. Alle Morde wurden mit einem Thaibeil ausgeführt, wie es gewöhnlich in der asiatischen Küche Verwendung findet. Zudem hieb der Täter seinen Opfern je den rechten Fuß ab und legte diesen jenen auf die nun unbewegten Bäuche.
Da man von MafiaFehden ausging, auch wenn sich nie Verbindungen herstellen ließen zwischen den Opfern und kriminellen Clubs, zumal die vorbezeichneten Straftaten ausschließlich in Blankenese verübt wurden, ließ die Polizei bald verdeckt ermitteln. Erfolglos. Erst spät kam der Gedanke auf, es möchten die Motive des Täters andere Gründe haben als die gemutmaßt rituellen. Indessen: welche? Man zog Psychiater zu Rate und heuerte Jungs an von den SEKs, und wenn auch das kleine Areal nahezu umfassend observiert schien, ja die Behörde sich unterm Druck des öffentlichen Unmuts personell restrukturierte... plötzlich lag abermals eine Tote oder eine Toter friedlich am Rinnstein und trug ihren oder seinen rechten Fuß auf dem Bauch.
Erst ein Zufall brachte Erhellung: In den frühen Morgenstunden des 22. März 1979 wurde eine Streife unweit von Hesses Park durch eine laut zeternde Frauenstimme ange­lockt. Die Beamten parkten ihren Wagen, stiegen aus und schlenderten erfreut - es war für sie eine langweilige Nacht gewesen - auf eines jener weiblichen Originale zu, derer es an der Waterkant einige gibt. Es hieb vermittels eines Regenschirms auf einen älteren, sorgfältig gekleideten Herrn unablässig ein. Nachdem die beiden voneinander getrennt worden waren und um die Ursache für das Spektakel be­fragt, zeterte die deutlich angetrunkene Frau, „das Vieh“ habe sie ermorden worden; das sei sie nicht gewöhnt und daran wolle sie sich auch gar nicht gewöhnen. Der Herr leugnete sein Vorhaben nicht. Wenn es schon ihm selbst nicht gestattet werde, dieses Weib zu bestrafen, so möchten doch die netten Beamten so freundlich sein, es dem Staatsanwalt zu übergeben.
Die jungen Polizisten, in ihrer amüsierten Irritation, wollten es an sich bei einer Ausweiskontrolle bewenden lassen. Sie hielten beide Parteien schlicht für überkandidelt. Da erboste sich aber der Herr derart, daß ihnen nichts übrig blieb, als beide, um den Vorfall zu protokollieren, auf die Wache zu bringen. Während der Fahrt noch schimpfte der vornehme Herr aufs allerordi­närste. Das Weib habe ihm absichtlich auf den rechten Fuß getreten, das gehe so nun schon seit zehn Jahren, daß wildfremde Leute seinen rechten Fuß zur Zielscheibe nähmen; eigentlich seit er – und er hob die Stimme – mit seiner Wohltätigkeit begonnen habe. Eine Verschwö­rung sei in Gang gegen ihn; die Herren sollten sich nur überzeugen. So grausam, insistierte er immer und immer wieder, sei ihm die generöse Menschenliebe von allem Anfang an entgolten worden. Irgend wann sei es auch dem erbittertsten Philantropen nicht länger möglich, sich weiter wehrlos quälen zu lassen.
Man setzte das Protokoll auf und ließ die Frau dann laufen; den Herrn hingegen nicht. Denn es fand sich bei ihm, aus Anlaß der Leibesvisitation, ein Thaibeil mittlerer Größe. Dem Psychiater erzählte er später, seit vielen Jahren habe es keinen Spaziergang gegeben, auf welchem ihm nicht mindestens zwei oder drei ihm durchweg fremde Leute mit großer Kraft auf den rechten Fuß getreten hätten, und zwar - so betonte er - immer auf die gleiche Stelle.
Die medizinische Untersuchung belegte das. Die Stelle zwischen rechtem großem Zeh und rechtem Fußknochenansatz war nicht nur fürchterlich ge­schwollen, sondern nachgerade verkrüppelt. Er mußte unablässig Schmerzen haben. Das Gerichtsverfahren schloß die Mord-, bzw. Totschlagserie endlich ab. Darin wurden mil­dernde Umstände geltend gemacht. Noch inhaftiert, nach vergoltenen neun von zehn Jahren Haft, erlag der Herr einem Herzanfall. Tatsächlich hatte sich um eine in hanseatischen Kreisen für ihre offene Hand ausgesprochen bekannte Person gehandelt, die vor allem aufgrund karitativer Stiftungen in allerhöchstem Ansehen stand; allein zwei Heime für spastisch behinderte Kinder sind bis heute nach diesem Geldgeber benannt, der, so das psychologische Gutachten, jeglichen Gefühls für die Verhältnismäßigkeiten verlustig gegangen sei. Das finden wir n i c h t.

[Auf Halde.
Entstanden um 1980.]

Cuban Island.

“Sie glauben also, daß es da ist, dieses Kuba?” Er war nicht sehr groß, schmal, ein überaus dunkelhäutiger Weißer, von dem man vor zweihundert Jahren angenommen hätte, daß er zur See gefahren sei; heutzutage lag sicher ein Sonnenstudio näher. Seine Augen wasserblau in einem zerknitterten Gesicht. Jeans-Anzug aus den 60ern, Espandrille an den Füßen. „Das glauben Sie wirklich?“ „Ähem“, machte ich. „Wie meinen?“ „Der wievielte ist das jetzt?“ Er nickte auf mein perlendes Glas. „Der dritte. Ich warte auf jemanden.“ Er rückte mir ein bißchen zu nahe. „Na“, sagte er, „dann werden Sie sicher bald auch glauben, daß es Fidel Castro noch gibt.“ „Ich hatte bisher keinen Anlaß zu zweifeln.“ „Wissen Sie, ich weiß genau, was Sie einwenden wollen: Daß es immer wieder Reisegruppen und sogar Einzelne gibt, die hinreisen und Zeugnis ablegen können.“ „Genau.“ „Ich war lange Pilot“, erzählte er. „Ich weiß, wovon ich spreche. Wenn Sie mir auch einen solchen Cocktail spendieren, dann erzähle ich Ihnen die Wahrheit.“ „Teure Wahrheit“, sagte ich. Aber weshalb nicht? Müde winkte ich dem Barkeeper, der sah mich an. Ich sah den Mann neben mir an. „Ja“, sagte der, „Cuban Island“, und er fügte nach dem ersten Schluck, indem er sich mit der Unterlippe die hängengebliebene Feuchtigkeit von der Oberlippe leckte, fast nahtlos an: „Es gibt Kuba nicht. Nicht mehr.“ „Bitte?“ „Seit genau neununddreißig Jahren.“ Er nickte. „Bumm“, sagte er und kippte sein Glas. „Bumm?“ „Krieg ich noch einen?“ Ich winkte dem Barkeeper. „Bumm?“ „Atomschlag, ja. Alles weggeputzt. Hat nicht länger als fünf Minuten gedauert. Kennedy, Sie wissen schon. Schweinebucht und so.“ „Hören Sie, was ein Unsinn! Die Russen hätten aber was protestiert!“ „Nein. Es war ein Deal. Im Gegenzug durften die den ersten bemannten Raumflug starten.“ Er nickte vor sich hin. „Und die vielen Urlauber, die Journalisten?“ „Die Urlauber... das ist es ja gerade. Ich bin immer wieder nach Kuba geflogen mit Reisegruppen. Zum letzten Mal vor 34 Jahren. Ich war nämlich Pilot. Lufthansa. Die Leute haben immer gedacht, es sei Kuba.“ „Das war es nicht?“ Er schüttelte den Kopf. „Südsee“, sagte er. „Eine Hollywood-Insel. Man hat da ganz Havanna neu aufgebaut, künstlich. Und einen Schauspieler für Fidel Castro eingesetzt. Und Tausende Statisten, die hinmüssen, wenn sie in Hollywood grad nichts zu tun haben.“ „Bitte?“ „Zur Bewährung, sozusagen. Alle auf der payroll des CIA. Wahrscheinlich wollten die USA ausprobieren, ob der Kommunismus nicht doch funktioniert. Jetzt können sie natürlich nicht mehr zurück, wenn sie sich nicht blamieren wollen. Außerdem, wenn das mit der Bombe herauskäme... Deshalb haben die Journalisten ja auch alle mitgemacht. Ich sag Ihnen, es gibt keine korruptere Bande. Glauben Sie keinem Reporter jemals ein Wort!“ „Es hat wirklich niemand gemerkt, daß das gar nicht Kuba ist?“ „Keiner. Natürlich wurden wir zur völligen Verschwiegenheit verpflichtet. Doppeltes Gehalt, verstehen Sie?“ „Wir?“ „Die Piloten. Alle Piloten für Kuba. Wären Sie auch drauf eingegangen, glauben Sie mir. Es ist nicht das erste Mal, daß die Weltgeschichte sich zu schweigenden Geheimgesellschaften verdichtet.“ Er sah mir meinen amüsierten Zweifel an. „Aber das müssen Sie doch wissen!“ rief er aus. Ich: „Was muß ich wissen?“ „So naiv können Sie nicht sein!“ „Naivetät gehört wirklich nicht zu meinen hervorstechendsten Charaktereigenschaften...“ Er schüttelte halb resigniert, halb seinerseits belustigt den Kopf. „Schon unfaßbar“, sagte er leise, „wie gut das funktioniert.“ „Was funktioniert?“ „Man kann es hinausbrüllen, man kann es veröffentlichen. Man kann täglich darüber sprechen. Und niemand glaubt einem. Es gehört ja geradezu zum Prinzip einer bestimmten Form von Geheimhaltung, daß sie unterlaufen werden muß, damit sie richtig dicht wird.“ Er stürzte auch sein zweites Glas, dann schob er sich vom Barhocker. „Na gut“, sagte er, „trinken Sie weiter, mein Freund. Ich für meinen Teil muß jetzt los. Darf ich Ihnen noch eine angenehme Nacht wünschen?“ „Sie können doch jetzt nicht einfach weg?“ „Weshalb nicht? Ich hab gesagt, was zu sagen ist. Machen Sie was draus. Das ist mir, seien Sie sicher, völlig wurscht.“ Damit ging er, und ich sah ihm, ich geb es zu, lange noch irritiert hinterher.

[Geschrieben für das Cocktail-Buch der >>>> Bar.]

Straßenfund.

>>>> hier (9.22 Uhr). Der Text lautet:Ich setzte mich in einen Sessel, zündete mir eine Zigarette an und versuchte, den kommenden Schaffensakt vor mir herzu­schieben, sanft, sanft, damit er nicht verletzt werde. Aber bevor der Glaser mit seiner Arbeit fertig war, kam Frau von Hergenrath. Ich hörte auf zu schieben und unterdrückte einen Atemstoß der Resignation. Es galt Ruhe zu bewahren: sie war eine Mäzenin, die Wesentliches zu meinem Lebensunterhalt bei­trug. Denn die Kunst geht nach Brot, wie jedermann, der nichts davon versteht, oft und gern versichern wird. »Ich komme«, sagte die Gute, »um mich nach Ihnen umzu­sehen.« Dabei sah sie sich um, als suche sie mich zwischen den Bildern. »Ich höre, Sie gehen durch eine unfruchtbare Periode.« gefunden-1Ich war nun wahrhaftig nicht geneigt, mich mit Frau von Her­genrath über die Tücken meiner Muse zu unterhalten. Daher versicherte ich ihr, das Gegenteil sei der Fall, ich erfreue mich voller Schaffenskraft, wobei ich mit vitaler Geste auf die umher­stehenden Bilder als Zeugen wies. Sie waren zwar alt, und Frau von Hergenrath hatte sie alle,bereits mehrere Male gesehen, aber ich konnte mich auf ihr mangelhaftes Gedächtnis verlassen. In der Tat ging sie mit frischer, unsachlicher Kritik daran, mehr als einmal das Gegenteil dessen zu äußern, was ich als ihre frü­here Meinung in Erinnerung hatte. Aber wenigstens der Glaser war verstummt. Er hatte schweigend das Hämmern wieder auf­genommen. Ich stellte fest, daß der Regen nachgelassen hatte. Die Zeit stand still.
Dieser einschläfernde Nachmittag nahm eine jähe Wendung, als Engelhardt plötzlich ins Zimmer stürzte, Engelhardt, der un­ausstehliche Gesellschafter mit seiner tödlichen Herzlichkeit, dem man aber nicht böse sein darf. Ein reifer Camembert ist er, unter seiner unangenehmen Schale weich, was ihn letzten Endes noch anrüchiger macht. Das auch noch! Ich zuckte zusammen bei dem Gedanken an den erwarteten Schulterschlag. Er küßte Frau von Hergenrath die gefunden-2Hand,.stürzte sich dann auf mich und schlug zu. D#bei rief er zuerst etwas mit »alter Knabe« und fragte dann: »Was macht die Kunst?«
»Naja, es geht«, sagte ich. .Die Antwort auf solche Fragen va­riierte ich von Fall zu Fall nur gering. Es war mir niemals ge­lungen, eine Entgegnung zu finden, die zugleich kurz und er­schöpfend ist, und es war auch nicht nötig, denn die Fragesteller schienen stets mit diesen" vagen Worten zufrieden zu sein. »Ich sehe«, fuhr dieser Mensch fort, indem er sich Frau von Her­genrath bei der Besichtigung einiger besonders schwacher Früh­werke anschloß, »die Muße küßt dich unentwegt. Das wollen wir begießen.« Er zog eine Flasche Kognak aus der, Rocktasche.-In seiner Fähigkeit, sein einziges Ziel im Leben — die sogenannte Hochstimmung — zu verwirklichen,*war er wahrhaft beneidens-NÄCHSTE SEITE-wert. »Ein begabter Hund, was?« fragte er Frau von Hergenrath. Er meinte mich. Ich war damit beschäftigt, Gläser zu holen, sah daher nicht, ob er sie dabei — wie es seine Art war — in die Seite puffte.
Hier stieß meine Frau zu uns. Das Geräusch des Entkorkens weckt sie immer, weckt sie selbst auf einige Entfernung, es wirkt, wo Küchenwecker versagen. Sie wandelte auf uns zu und be­grüßte uns verhalten. Ich hatte das Gefühl, daß sie außer mir niemanden so recht erkannte: es wurde ihr-immer recht schwer, sich nach dem Mittagsschlaf im Leben zurechtzufinden, aber nach einigen Glas Schnaps gewann sie ihre — oft eigenwillige — Per­spektive wieder. Engelhardt reichte ihr ein großzügiges Maß. Dann wollte er Frau von Hergenrath einschenken; sie aber legte ihre flache Hand auf das Glas und sagte, sie trinke niemals um diese Zeit. Diese Feststellung enthielt natürlich eine Spitze, auf mich gerichtet: ein Mäzenat, dessen Nutznießer am hellichten Tag außerkünstlerischer Tätigkeit nachgehe, sei zu überprüfen! Aber diese Feinheit nahm Engelhardt nicht wahr. Unter An­wendung dessen, was man vielleicht mit seiner spaßigen Über­redungskunst bezeichnen könnte, gelang es ihm, sie zu einem sogenannten halben Gläschen zu bewegen. Damit war die Basis zur Überschreitung ihrer Vorsätze geschaffen, und hiernach sprach sie, wie man sagt, dem Kognak eifrig zu. Leider gelang es mir nicht, Engelhardt daran zu hindern, auch dem Glaser einen Schluck anzubieten. Dieser hatte bis dahin sinnlos vor sich hingehämmert, obgleich er längst mit seiner Arbeit fertig sein mußte. Es gefiel ihm hier. Auf Engelhardts Aufforderung hin kam er nun zum Tisch, sagte: »Ich bin so frei« und kippte sich — man kann es nicht anders ausdrücken — die Flüssigkeit in den Hals. »Ich male auch«, sagte er daraufhin zu Engelhardt, gleichsam um die Aufnahme in unseren Kreis ge­rechtfertigt erscheinen lassen. »Wer malt nicht?« fragt dieser albern, aber damit konnte der Glaser nichts anfangen und ver­wickelte meine Frau in ein — freilich einseitiges — Gespräch über Kunst.
So saßen wir denn, als sich die Tür öffnete und ein mir fremdes Paar — vermutlich ein Ehepaar — eintrat. Da meine Frau über dem Getränk ihre Pflichten als Gastgeberin vergessen hatte, " stand ich auf und begrüßte die beiden so freundlich, wie es mir unter den Umständen gegeben war. Der Mann stellte sich vor — den Namen verstand ich nicht; ich habe beim Vorstellen noch niemals einen Namen verstanden, denn jeder Name trifft mich zu unvorbereitet — und sagte, er käme mit einer Empfehlung von Hebertin in Paris. »Aha, Hebertin«, sagte ich und nickte, als sei mir die mit ihm verbrachte Periode meines Lebens gegen­wärtig; dabei hatte ich noch nie von ihm gehört. Ich stellte das

Von Findeiss. Eingegangen kommentarlos als Mail

an einem wilden strand an der nordwestküste vom rhodos.
schwere see dort.
schwarze felsstrünke in der brandung.
wir liefen den strand entlang, kein mensch weit und breit.
sie ging weit weg von mir.
ich fand ein angespültes totes delphinbaby.
seine haut teerschwarz, aufgeplatzt.
in den rissen himbeerrot, die kleinen zähne scharf entblößt,
die trockene zunge schwarz,
die spitze eingerollt wie die eines Chameleons.
fliegen und sandflöhe in den leeren augenhöhlen.
keine erinnerung an es.
kein wesen das es je vermisste.
ich dachte an all diese leute,
die ihre erinnerungen aufschreiben,
die keiner jemals lesen wird,
ich dachte an das kind
das wir nie zusammen haben würden.

Aus dem heutigen Newsletter.


in dieser Woche hat Katanga ins Archiv >>>> der fiktionären Website unter "Neu" eine kleine Polemik gestellt, die Alban Stoffel von Gelnhausen über ein im Jahr 2002 stattgehabtes Treffen in Telgte verfaßt hat. Es ist eine, sagen wir, hübsche Betrachtung literarhistorischer Natur, die Ihnen vielleicht in ihrer ganzen Kürze ein Lächeln auf die Lippen legt. Mehr nicht. Aber das reicht ja auch bisweilen.

Blut (2). Wolpertinger oder Das Blau. Fünfter Septor, Kapitel 2, Hieros gamos, S. 691 bis 692 (*).

Derweil hatten Claudia und Deters ihre Venuszahlprobleme noch immer nicht auf die Reihe gekriegt. Allmacht, Allwissenheit, Allgegenwart gingen dem Lauscher, aber sonst nichts ab. Und Ewigkeit wie Einheit hatte er noch niemals verkörpert, und nur, weil er das wußte, leistete Claudia ihrem Exmann pikante Zuarbeit, denn der durfte dann ernten, am Abend. Sie ackerte zwar heldinnenhaft, schaffte den Husarenbürzel trotzdem nicht in die Exerzizie. Deters lag da wie ein seekranker Kadett, die Augen geschlossen, und ließ herummachen an sich. Wenn er nämlich aufsah, sah er Anna, und um sich nicht zu versprechen, hielt er sogar die Lippen geschlossen, knöterte bisweilen Oh und Ah durch die Nase. Währenddem fiel Sonnenlicht in hellen Streifen auf den graumelierten Teppichboden und Flokati in Lisa Wittingers Wohnzimmer. Es sah dieses viel zu sehr nach Ikea aus, als daß Hans Deters in erotische Affekte sich hätte einfinden können. Dabei war Claudia reizvoll gebaut: Die Brüste standen fest und mit vielleicht etwas zu großen, runden, geradezu fordernden Warzen vom Körper. Die Taille schnürte die Seiten eng, und die Bauchdecke rundete sanft gegens Schambein. Die rasierten Oberschenkelseiten begrenzten des spitze Dreieck, das Deters sollte zum Stern ergänzen, aber eben nicht tat. Claudia nahm sich zusammen, ihm nicht durch Präsentation ihrer Enttäuschung noch die letzte Mannbarkeitschance zu nehmen, und auch er schwieg, um von ihr nicht hören zu müssen, was er schon wußte. Ihre rechte Hand spielte am Hodenansatz zwischen seinen Beinen, ihr Kopf lag auf seiner Brust; sie schaute gegen das leicht seitlich gerutschte, bogenförmige Glied, die rosa Eichel, die ein wenig Flüssigkeit verlor.
"Macht ja nix", sagte sie.
Er schwieg.
"Es macht mir wirklich nichts aus", sagte sie. "Ich kann das verstehen, du."
Er schwieg.
"Da mußt du dir keine Vorwürfe machen. Sex is' nicht alles." Da er wieder nicht antwortete: "Du sollst dir keine Vorwürfe machen!"
"Scheiße", sagte Hans Deters.
"Macht mir wirklich nix aus. Besser, 'n Mann zeigt mal 'ne Schwäche, als daß er..." Sie seufzte. "Er hat das nie gekonnt, weißte? Deshalb ging's auch so schief."
"Dein Mann?"
"Immer 'n großen Macker gespielt." Sie erhob sich, strich sich flüchtig durch die schwellendheißen Schamlippen. Sie mochte es sich vor seinen Augen aber nicht tun. "Jetzt bist ja du da."
Auch der Lauscher richtete sich auf, etwas lax, fuhr ihr mit dem gekrümmten rechten Zeigefinger den Wirbelgrat entlang, bis zum Ansatz der kräftigen, weiblichen Hinterbacken, in die Falte zwischen ihnen.
Sie streckte den Rücken, drückte den linken Arm nach hinten, umfaßte Deters' Hüfte, drückte zu, kniff hinein, warf sich herum, preßte ihre Lippen auf seine. "Komm jetzt", sagte sie. "Komm schon, mach zu, mach zu!" Ihre Hand umschloß so heftig und nachhaltig seinen Schwanz, pumpte gewissermaßen nach Blut, und ihre Zunge bohrte sich derart hart, wie schlürfend, zwischen seine Lippen, daß er Anna endlich vergaß. Als er - nun indes aus Überraschung und Angst - geschlechtsschlapp blieb und die Beine ausstreckte noch, gab sie, tierhaft aufgespannt, ihm eine über den Unterkiefer krachende Maulschelle. Der Schall riß am Trommelfell, jagte spitz über Hammer und Amboß und ließ das Fenster bersten, durch das nun Flüssigkeit von der Schnecke ins Labyrinth spritzte. Schmerz und Hitze sprühten durch Nebenhöhlen und Wange. "Verdammt! Mach es mir! Jetzt, los!" Claudia beugte sich vor, ihre Zähne packten in seinen Halsansatz. Ihre Fingernägel krallten sich in seinen Rücken, rissen Striemen hinein. "Mach! Mach!" Er versuchte freizukommen, aber ihre Lippen, ihre Zähne, ihre Zunge waren überall, ihre Hände packten ihn, umklammerten ihn wie Eisenbänder. "Fick mich, verdammt! Was meinste, wozu ich dich hergeholt hab'?! Zum Philosophieren?!" Um nicht zu heulen, schrie sie. "Hör endlich auf zu denken!" Ein weiteres Mal schlug sie ihn, und ein drittes, mitten ins Gesicht, verkrallte die Finger, holte weit mit den Armen aus und donnerte die Doppelfaust nieder, ihm auf den Brustknorpel. Ihm blieb die Luft weg. Er stöhnte, preßte. "Du sollst mich endlich... endlich..." - Hans Deters mußte reagieren. Er schnellte vor, ergriff ihre Hände, ihre Zunge tänzelte aus dem aufgerissenen Mund im brodelnden Atem. Sie versuchte, ihn mit den Augen aufzuspießen. Da warf er sie mit Kraft von sich, holte aus, schlug sie seinerseits. Sie war nicht für einen Moment erstaunt, sondern wehrte sich sofort. Er wollte aus dem Zimmer rennen, aber sie sprang ihm in die Fesseln, schlug ihre Zähne in seine Waden, riß ihn nieder, er wälzte sich herum, holte aus, Blut spitzte ihr in die Nase, aber sie lachte, lachte und erwiderte den Schlag. Er kam nicht von ihr weg, sie umschlang ihn, biß ihm in den Gliedschaft, seitlich, kniff seine Arschbacken, bohrte ihm einen Finger in den Anus, drückte einen Daumen in seine Augenhöhle, so daß er seinen Kopf weit zurückpressen und ihr seinen Adamsapfel ausliefern mußte. Was sie nutzte. Beide brüllten so sehr, daß auf der Straße vor dem Haus Leute stehenblieben.
"Der bringt die doch um!"
"Ach was, sie ihn!"
"Sowas am hellichten Tag!"
"Schaffen Sie die Kinder weg! Das müssen die doch nicht hören!"
"Unverschämtheit sowas, nich' mal die Fenster zugemacht..!"
"Das hätt's früher nicht gegeben... - Spießrutenlaufen hätt' man die lassen."
"Nackicht sind se ja wohl schon!" lachte einer.
"Scheißpack unmoralisches!"
"Ach komm' Se, is' doch menschlich..."
"Das?! Das soll menschlich sein?! - Schweinerei!"
"Jetz' hat er se gekillt!"
Aber Hans Deters war nur in Claudia Deutsch hineingedrungen. Er hatte sie vor sich hingeschmissen und sich draufgeworfen. Indes er ihre Handwurzeln umklammerte und in den Teppichboden preßte, streckte er den Leib und grätschte ihre Beine. Sie strampelte, er holte aus mit der Rechten, schlug zu. Eine halbe Sekunde war sie besinnungslos. Das war der Moment, den er nutzte für den entscheidenden Stoß. Sie kreißte, als würde sie gebären, bäumte sich, ihm zugleich entgegen wie fort in sich selbst, mit ausgestülpter Innenhaut, feucht und brennend und blutig. Noch einmal schrie sie, bis ihr die Kehle schmerzte, so weh tat es und war so voller Lust. Und auch Hans Deters brüllte, drückte seinen Mund auf ihren, schmeckte von ihren und seinen Tränen, ihrem und seinem Blut, von Schweiß, Salz, Haut, Haaren. Sein Unterleib beschlug ihren Venusberg, er durchstach, durchbohrte sie, riß die Schleimhäute auf, pochte, klopfte gegen die Clitoris, die schwoll, sich fast erschreckend dehnte, länglich, auberginen, ein gläserner, harter Amethyst. Als würde man aufgepustet wie ein Frosch. Claudia glaubte nicht, nein sie spürte, nein erfuhr, nein empfand, nein: tatsächlich platzte ihr Kitzler, verspritzte sich, detonierte. Krampfhaft kontraktrierte die Ringmuskulatur. Auf der Stirn des Lauschers schwoll eine Ader. Er kniff die Augen zusammen, Funken, grün, rot. Leuchtendes Violett. Dann schoß er. Verschoß sich. Sperma blähte den Harngang, riß die Mündung auf. Quer durch den Ozean glühenden Gases bewegten sich Myriaden heller Blasen; sie glänzten in einem perligen Licht, das innerhalb weniger Sekunden aufleuchtete und wieder verblaßte. Sie alle wanderten in die gleiche Richtung - wie stromaufwärts schwimmende Lachse. Manchmal schlängelten sie sich hin und her, so daß ihre Bahnen verflochten; aber nie berührten sie einander.
Claudia Deutsch und Hans Deters lagen ineinander verschränkt und weinten. Allmählich brannte die verwundete Haut, es pulsten die kleinen Narben, und das Nasenblut schmeckte unangenehm süß auf den Lippen.
"Geh", sagte sie und drückte den Männerleib von sich. Er rollte völlig kraftlos zur Seite. "Geh und laß dich nie wieder sehen."
Er wischte sich mit dem Handballen über die Augen, schluchzte.
"Mein Gott, tut das weh." Sie richtete sich auf, erhob sich ganz, spürte jedes Knörpelchen schmerzen, schloß die Wohnzimmerfenster. Dann erst bemerkte sie die Blutflecken. "Um Gotteswillen... wenn das Lisa sieht!"
"Wart', ich helf dir."
"Nee danke, nee, wirklich... Hau ab, Mann! Hau ab. Ich kann dich nich' mehr sehn!"
"Du brauchst ein Pflaster auf der Augenbraue..."
"Verpiß dich, Macho!"
Er ramschte seine Kleidung zusammen, schlüpfte in die Unterhose, das Hemd, die Jeans. Claudia lief derweil in die Küche, kam mit Wassereimerchen, Schwämmchen und einer Küchenpapierrolle zurück. Dann fing sie am Boden herumzureiben an. Das war deshalb so sinnlos, weil ihr das Blut in kleinen, doch zähen Tropfen neu und neu aus der aufgeschlagenen Brauenwulst tropfte.
"Mensch, du brauchst was auf'm Auge!"
"Zieh Leine, du Schwein! Laß mich endlich allein, du widerlicher Typ!" Samen trat ihr aus der Vulva.
Als die Tür zuschlug, blieb die junge Frau noch fünf Minuten gefaßt, dann ließ sie sich, so wie sie war, blutend, schwitzend, tropfend, auf Lisa Wittingers Teppichboden fallen, zog die Beine an, schluchzte und schlief vor Demütigung, Lust und Trauer gänzlich erfüllt im Sonnenlicht ein.


[*) Seitenzahlen nach der dtv-Ausgabe angegeben.]

„Hier, nimm!“

Am Bürgersteig stand vor der ehemaligen Praxis meines Sportarztes ein Krankenwagen, die Beifahrertür geöffnet, halb der Sanitäter sich hinauslehnend, der lachte, als sein Kollege einem Langhaar-Schäferhund ein Stück Fleisch hinwarf. Eben noch hatte er an der Trage hantiert, die im Gefährt festgemacht worden war. Ob jemand darauflag, konnte ich nicht sehen. Aber daß die Haustür zur Praxis noch aufstand.
Ich blieb kurz stehen. Auch der Hund blieb stehen. Fragend sah er von dem Fleischstück, deutlich einem Organ, zu dem Sanitäter. Ich meinerseits sah den Sanitäter nur verschreckt an. Beide Männer lachten. Der Hund zögerte noch immer, schnüffelte nicht mal an dem blutigen Batzen.
„Na nimm doch!“ rief immer noch lachend der Beifahrer. Da kam gemächlich und ohne jedes Entsetzen, auch ohne Erstaunen hinter uns des Hundes Herrchen, ein hochgewachsener, leger gekleideter Mann um die dreißig, heran und erklärte den beiden Männern in durchaus abfälligem Ton: „Wissen Sie, so was entscheidet mein Tier immer selbst.“
Das Organ lag da wie ein Flatschen. Nun beschnüffelte der Schäferhund es doch, nahm aber immer noch nicht davon. Wie er sich schließlich entschieden hat, bekam ich dann nicht mehr mit, denn ich war, angefüllt von einem fahlen Schwindelgefühl, schnell weitergeschritten.