Tagebuch
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A.D. VI Kal. Dec. Anno 2762 a.u.c.
Sechster Tag vor den Kalenden. Dies comitialis.
In die doch endlich wieder fällig gewordene Abstinenz kommt mir das Ende des römischen Kalenders, weil das Jahr um ist, und die Pause von einer Woche (Tag mehr Tag weniger, gleichviel), die ich mir vorgenommen, ganz recht. Ich merkte es gestern, wie sehr die durchgearbeiteten Wochen und das abendliche Aufputschen mich dann schon um zehn auf dem Sofa fast einschliefen ließen. Der Körper reagiert. Und vielleicht fängt ja auch in der Zwischenzeit ein Bürgerkrieg an, B.Lusconi, las ich grad, meint, man befinde sich am Rande eines solchen. M. jedenfalls, mit dem ich heute seit geraumer Zeit wieder lange am Telefon sprach (gerechtfertigt durch den Geburtstag), will mir ein paar Punisher-Hefte schicken. Und ein solcher, mit meiner schwarzen Schlägerjacke gekleidet, betrat ich heute den Supermarkt. Kurz zuvor im Auto die Phantasie: O. würde auch im Supermarkt sein und mich fragen: „Willst du dir keinen Wein kaufen?“ Hinten zwischen den Regalen stand dann einer meiner Neffen und lächelte verlegen zu mir herüber, keine Mutter jedoch zu sehen. Ging auf ihn zu, drehte mich um, und da stand O., mit irgend einer Bekannten sprechend. An der Kasse war ich früher dran, sie kam aber noch kurz auf mich zu. „Schöne Jacke.“ „Danke!“ Ja, und >>> angefangen hat’s vor einem Jahr mit der Fremdenhatz in Mumbai. Full Metal Jacket. And Mickey Mouse all over the World. Und alle geben sich die Worte „Ich bin’s nicht gewesen“ wie Messer von Hand zu Hand. „Sei du’s.“ Wie es Ende nächster Woche weitergehen wird, weiß ich allerdings noch nicht.
Full Metal Jacket - Mickey Mouse song
Nachdenken über Frauen
(nach gestern abend)
Es ist die Entscheidung der Frau, es sich zu gestatten, durch die tiefe Berührung eines Mannes Lust zu empfinden oder das Eindringen ohne Empfindung über sich ergehen zu lassen.
(Sir Stephen zu O : Weiß René, dass Sie die Männer begehren (…) ?)
Weiße Leinwand. 26.11.2009. Paul Reichenbach. Notizen.
Wir sollten zum Raum werden
und uns in die Länge und Breite strecken.
Es ist ein Irrtum zu meinen, schreibt Deleuze in: "Francis Bacon, Logik der Sensation“*, dass der Maler vor einer weißen Fläche stehe. Ich muss das jetzt nicht näher ausführen, wer malt, weiß, dass weiße Blätter, lange bevor sie ein Pinsel oder Stift berührt, allein durch den
Anblick des Künstlers bevölkert oder sonst wie virtuell ausgefüllt sind und eigentlich doppelt und dreifach geleert werden müssten, um wirklich rein zu sein:
Rein von Erfahrungen, Träumen, Vorurteilen, Obsessionen, Vorstellungen und Plänen, die mehr oder weniger automatisch aus dem Kopf des Künstlers in weiße Leinwände oder leere Papiere kriechen. Es bleibt Illusion, an dieses "Reine" zu glauben.
Was uns als leere, leblose Leinwand erscheint, lebt in Wirklichkeit. Kein Bild ist jemals gemalt worden, meine ich, dem nicht andere Bilder untergründig Grundlage - im doppelten Wortsinn - gewesen sind. Die in Leinwänden oder im Papier etc. verborgenen Bilder werden also be – bzw. übermalt. Unsichtbare Icons, unerhörte, überstrichelte, überpinselte "Meme", subjektive und allgemein kulturgeschichtliche Erinnerungen, geben dem Werk seine eigentliche Aura. Jede Kreation ist a priori auf Vielschichtigkeit ausgelegt und erzählt a posteriori mehr als nur eine Geschichte. Dass manche Künstler oder Betrachter mitunter Eineindeutigkeit behaupten, ändert daran nichts.
P.S. «Solange etwas ist», heißt es im ersten Satz eines autobiographischen
Romans von Martin Walser, «ist es nicht das, was es gewesen sein wird.»
Kind und Künstler: Noch als 9 Jähriger , wenn ich grippekrank im Bett meiner Mutter lag, sah ich im etwas saumselig schleif- lackierten Kleiderschrank, angefangen von Prügeleien auf dem Schulhof bis hin zur Hermannsschlacht Geschichten, die mich gruselten.
Zitat:* Deleuze, Francis Bacon, „Logik der Sensation“ München 1994, S. 95
Bildquelle: >>>> John Baldessari. Until January 25.
A.D. VII Kal. Dec. Anno 2762 a.u.c.
Siebter Tag vor den Kalenden. Dies comitialis. Abends geht der Hundsstern bzw. Sirius unter. Es ist kalt (Columella).
Das Buch war zu schließen: Fürsorgefonds stand oben links. Die aufgeschlagene Seite des Wörterbuchs für Wirtschafts- und Privatrecht vor der Tastatur. Das immer fällige Nachschlagen. Seit einer Stunde weiß ich, wieviel an Sozialversicherung bis zum 30. zu zahlen ist. Wirklich nicht wenig. Die Entscheidung, dieses Jahr nicht zu fahren, war richtig. Wie es sich ja hier doch langsam einlebt. Und die hohen Widerstände in mir sich langsam abbauen. Na, wenigstens soweit, daß man rübergucken kann. Sogar O. brachte es gestern fertig, nicht aufs Vergangenheitspedal zu treten. So wurde es zunächst bei ihr und dann in Terni ein Abend, dessen „Normalität“ etwas von einer Nachhinein-Normalität hatte, die sich erst im Jeder-Für-Sich wiederherstellen ließ. Lieber kein Präteritum: Prozesse. Selbst die Eisenbahn trägt dazu bei, mich auf diesen Fleck hier zu fixieren. Ab dem 13. Dezember gibt’s einen neuen Fahrplan. Und alle Regionalzüge, die von Orte, einem der größten Pendlerbahnhöfe hierzuland’ eine halbe Stunde von hier, nach Rom fahren (aber natürlich auch umgekehrt), fallen dann weg. Hatte neulich davon gehört, es aber nicht glauben wollen. Gestern suchte ich einen Zug für den 16.12.: es erscheinen nur zwei, wo sonst auf mehreren Seiten Züge aufgeführt waren: jede Stunde quasi. Wenn ich’s recht verstanden habe, sollen die Pendler auf die langsame Linie verlegt werden bei doppelter Fahrtzeit. Heißt eineinhalb Stunden, wo vorher eine dreiviertel Stunde reichte. Degradiert zur S-Bahn und Halt an allen Bahnhöfen. Und nirgends ein Protest im Internet. Fahren die dann alle mit dem Auto? So kann ich mich auch mehr meinen Tierchen widmen. Seit zwei Tagen eine Riesenheuschrecke draußen vorm Küchenfenster, die sich da festklammert und nicht mehr vom Fleck rührt. Ich stelle mir, wenn ich eine solche sehe, die immer einzeln plötzlich an einer Hauswand auftauchen, sie werden vom Südwind aus Afrika herübergeweht. Hätte lieber auf dem Soratte landen sollen statt an so einer kahlen Wand. Sahara-Thermik?
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als man ein foto fürs plakat abfragte, schickte ich eins von vor etwa einem jahr, das m machte, als wir, wie letzten sonntag, mal wieder auf den pedra grande gestiefelt sind. ich grinse glücklich auf dem rücken liegend in die kamera und sehe ziemlich stoned aus. d schickte eins in sturmlockenwicklern. ich habe herzlich lachen müssen. also, ein fachabend für literatur, drogen und frisur.
und jetzt zu den dingen und dann zum doktor, der nochmal auf den arm gucken soll und dann heute abend rks-probe, und morgen nachschliff und krams dafür zusammensuchen. freitag nach wien, sonntag zurück.
ich bin sooo müde. ich wollte noch nach einem weiteren walker evans band schauen. ich hab nur den mit den kontakten, und der ist nicht in berlin.
den dingabend hätte ich gern als richtig großes ding im ausgeräumten hertie. und ich habe nun immer den vergleich von evans abwrackung eines riesigen damaged-signs und der versenkung von hertie in der spree vor augen.
die zeit, sie rennt. blumen gekauft. amaryllis. wie ich die orchideen vermissen werde, die drei mal im jahr blühen, alle farben und formen. wie ich doch eigentlich einiges des deutschen wesens nicht wirklich mag und nie so wirklich mochte, kling nannte das die schlechtdraufität, nicht zu verwechseln mit der kleinen verkitschten schwester, der melancholie, mit der ich gerne spiele, und wie ich das dann wieder in mir platz nehmen sehe, wenn man hier west. wie ich doch oft auch singend denke, impossible germany, wie ich doch auch wieder nicht weiß, wie und wohin und wie ich sofort m vermisse. wie ich aus meiner relativ sozialen isolation in brasilien gar nicht so einfach zurückfinde in gespräche, wie einen das dann sofort anstrengt. wie man alles wieder üben muss. oh oh. ich könnte drauf wetten, wenn wir zurück müssen, läuft mir in brasilien jemand über den weg, weswegen ich dann meinen werde, oh, wie schlimm, das war ja damals kein zufall mit x, dass mir das 6 wochen vor ausreise einfällt, dass es doch noch ein paar gute gründe für deutschland gibt. nun ja, etwas zufall wars schon. vielleicht mag ich auch einfach ganz gerne sehnen, das sehnen ist ja das spielen mit der kleinen schwester. bei lufthansa liefen wieder nur romantische komödien und ausgerechnet die mit sandra bullock habe ich sehen müssen. und schon im flieger denke ich, die romantischen komödien sind der deutschen therapie, recht eigentlich haben sie das nämlich nicht mehr, das romantische. sie kennen nur die pragmatik. in brasilien ist die pragmatik der jeitinho, irgendwie gehts immer. der muss allerdings nicht zertifiziert sein, der jeitinho, im gegensatz zur deutschen pragmatik. der jeitinho ist im verhältnis zum ding unorthodox. die pragmatik ist im verhältnis zum ding protestantisch. wenn brasilianer an die zukunft ihres landes denken, dann wären sie gerne protestanten, weil der jeito eben auch der korruption nicht schlecht zuarbeitet. in frankfurt lese ich in der allgemeinen, wie sehr mit brasilien zu rechnen ist. ja, ist es. e pao, e pedra, e o fim de caminho.
wo das glück geblieben sei, fragt mich m gestern, und ich denke, es kam noch jede woche vorbei, es bleibt halt oft nur zum kaffee, da ist es ein bisschen wie x, da denke ich dann ja auch immer, ach, warum geht er denn schon wieder, weil ich ja auch erlebt habe, er kann auch bleiben, stundenlang, aber man kann ja auch sein glück nicht zwingen und x kann man schon gar nicht zwingen, der zwingt sich selbst schon so sehr, denk ich manchmal. so, keine wolke mehr am himmel. das hab ich doch mitgebracht, oder?
zurück vom gelenkeguru. er meint, hervorragendes ergebnis, ein paar grad fehlten noch, physio sollte ich weiter machen. netter arzt. also, mal renkvergleiche deutschland brasilien anstellen. but what the hell ist querfriktion?
an der bellevuebrücke sitzt ein schrottangler mit minikran auf einem kahn und angelt versenktes. ganze räder vollverrostet. dingversenkung. dingbergung. das angelaufene ding und seine abgegriffenen stellen, wo fasst man was an und warum. wenn man das wie auf wärmebildern sehen könnte, wo menschen zum beispiel am meisten von anderen angefasst werden, hihi, oder wo man sich selbst immer hinfasst, haare vermutlich, nase und knie, oder so. mist, der kopf schmerzt. so viel wein wars doch gestern gar nicht, keine halbe flasche.
Chaos - Ordnung. 25.11.2009. Paul Reichenbach. Notizen.
Schönheit erlebe ich immer dann, wo ihr Gegenstand wechselfällig an Grenzen entlang balanciert, die einerseits auf desTeufels Rodelbahn ins Chaos führen oder andererseits in eine Ordnung münden, deren harmonische Symmetrie wiederum in die kalte Langeweile des Todes schickt. Zwischen beiden Polen entsteht, strahlt, generiert sich Kunst.
Mittwoch, 25. November 2009
Ich war jetzt lange still.
Ich musste nachdenken.
Dinge an ihren Platz rücken, mich wieder einnorden.
Da lag mir plötzlich Hannah Ahrendt vor den Füßen. Oder viel mehr kommt es mir vor als sei sie in meinen inneren Dialog getreten, als wolle auch sie mir den Kopf ein wenig richten bei der Frage was ich HIER eigentlich tue. Warum ich hier bin und warum ich hier schreibe. Ich suche mein Selbst, ich versuche mich zu reflektieren, so wie ein junger Dichter vor kurzem sagte, die Notwendigkeit ein Wort neben das andere zu setzen, um dem ersten seine Berechtigung zu geben. Zu dem Teil, der sich hier reflektiert muss ich das zweite Wort finden, das dieses sein hier berechtigt. Das schwingt schon lange in mir hin und her.
(…) Sobald wir anfangen, von Dingen auch nur zu sprechen, deren Erfahrungsort im Privaten und Intimen liegt, stellen wir sie heraus in einen Bereich, in dem sie eine Wirklichkeit erhalten, die sie ungeachtet der Intensität, mit der sie uns betroffen haben mögen, vorher nie erreicht haben. Die Gegenwart anderer, die sehen, was wir sehen, und hören, was wir hören, (ich möchte um „lesen was wir schreiben“ ergänzen, der Text ist von 1958) versichert uns der Realität der Welt und unser selbst; und wenn auch die vollentwickelte Intimität des privaten Innenlebens, die weir der Neuzeit und dem Niedergang des Öffentlichen zu danken haben, die Skala subjektiven Fühlens und privaten Empfindens aufs höchste gesteigert und bereichert hat, so konnten doch diese Intensivierung naturgemäß nur auf Kosten des Vertrauens in die Wirklichkeit der Welt und der in ihr erscheinenden Menschen zustande kommen.
(…)
Aus Hannah Ahrendt: „Vita activa“ oder Vom tätigen Leben
Genet, Spucke & Betriebsfett. 24.11. 2009. Paul Reichenbach gestikuliert.
Es geht um Gesten, lautlose, schnalzende, klimpernde und/oder Zeigefinger haftende Vektoren, die Gott wer weiß wohin weisen und allesamt zur Sprache gehören. Um pfiffartige Geräusche, die wie ein Notenschlüssel dem Kontext vorangehen etc., geht es natürlich auch. Es gibt Gesten, die ein Individuum umschränken. Dazu muss man auch, neben Bohrungen mit spitzen Gegenständen in Gehörgängen, die Betriebsfett ans Tageslicht bringen, umfangreiche Bohrversuche in beide Nasenlöcher zählen, auf die manche ebenso erpicht sind, wie aufs Rückenkratzen bei Nachdenklichkeit. Jean Genet, Sie erinnern sich, das ist der Typ, der sich "verbrecherisch" in Literaturgeschichten geschmuggelt hat.
Also dieser Jean Genet hat eine bestimmte Art des Spuckens verherrlicht, die er an einem von ihm geliebten Verbrecher bewunderte. Spucken eine Gestenform, die lange in Deutschland vergessen gewesen ist, feiert seit einigen Jahren in Innenstädten ihr Revival. Erst gestern bin ich in eine Ulle gelatscht, die mich dann bis zur Haustür an den Schuhsohlen verfolgt hat. Ob das zähe Schleimgewürg ähnlich literatur- und damit salonfähig wie Genets rotzender Verbrecher werden wird, ist zu bezweifeln.
Kein neuer Einfall würde der Pressesprecher der >>>>BSG*„Literatur“ dann verkünden, hat schon Genet geschrieben. Aus dem Alter, wo ich mich mit Vorständen angelegt habe, bin ich raus. Ergo lass ich Genet spucken, und behalt meinen Rotz für mich.
Die Geste im Dialog, das unterscheidet sie wesentlich vom individuellen Spucken, Bohren, Kratzen und dgl., geht mehr vom Wort als von der Person der Handlungsträger aus. Das gesamte System der die Worte begleitenden und von ihnen begleiteten Gesten hier aufzuzeichnen, muss vorläufiges unerfülltes Desiderat bleiben. Aus diesem Grund hör ich hier für heute auf, wende mich vom Tb ab und meiner „Arbeit“ zu.
*BSG = Betriebssportgemeinschaft.
Bildquelle: >>>>Speichel-Amylase





















