Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

Marlboro, Prosastücke, 1981 Die Verwirrung des Gemüts, Roman, 1983 Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger, Lamento/Roman, 1986 Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, 1993, 2001 Wolpertinger oder Das Blau, Roman, 1993, 2000 Eine Sizillische Reise, Fantastischer Bericht, 1995, 1997 Der Arndt-Komplex, Novellen, 1997 Thetis. Anderswelt, Fantastischer Roman, 1998, (Erster Band der Anderswelt-Trilogie) In New York, Manhattan Roman, 2000 Buenos Aires. Anderswelt, Kybernetischer Roman, 2001, (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie) Inzest oder Die Entstehung der Welt, Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, 2002 Meere, Letzte Fassung 2007. Bei Volltext. Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen, Poetische Features, 2004 Die Niedertracht der Musik, Dreizehn Erzählungen, 2005 Dem Nahsten Orient / Très Proche Orient, Liebesgedichte, 2007 Meere, Letzte Fassung 2007 d e

 

Tagebuch

von 07:30 uhr bis 21:00 uhr… sind wieder mehr als 10 stunden arbeit. wahrscheinlich gibt das wieder einen blauen brief aus der personalabteilung, das ist mir nicht nur egal, sondern scheißegal. den tag beende ich jetzt und verschwinde dann in der versenkung… muss morgen um 07.00 uhr wieder im büro sein. ich hoffe, dass ich es morgen abend zum sport schaffe. achja… das auto vom chef ist einfach nur geil. 320 ps, ein wolf im schafspelz, geht ab wie schmidts katze. und im büro stellte ich heute mal wieder fest, wie nett männer doch sein können, wenn die fingernägel etwas länger und, wenn auch dezent, lackiert sind. ich weiß, dass ich schöne hände habe. meistens spüre ich den blick, ohne das ich gleich sehe, wer da hinsieht, so wie wenn man einen blick im nacken spürt, sich umdreht und voll in den augen des anderen landet. heute mittag saß mir in der kantine schräg gegenüber ein mann, der anfangs etwas versteckt immer auf meine hände sah. ich tat so, als bemerkte ich es nicht… irgendwann wusste er aber, dass ich es bemerke, unsere blicke trafen sich nur kurz, was ihm und mir völlig genügte. ich habe ihn schauen lassen, er lehnte sich zurück, sprach zwar mit seinem kollegen, der ihm gegenüber saß, sein blick aber ruhte immer wieder auf meinen händen, und ich unterhielt mich mit meiner kollegin über das wetter vom letzten wochenende. solche situationen mag ich, so tun, als ob garnichts ist. wenn mich sein gesicht an sich noch angesprochen hätte… hat es aber nicht, auch seine hände nicht, aber er hatte ein sehr sympatisches lächeln. ob ich anders reagiere als andere frauen, weiß ich nicht. wenn mir ein männliches gesicht nichts sagt, kann ich ganz nett und unverbindlich lächeln… wiewohl hier der mann nicht ahnt, dass es ein unverbindliches lächeln ist. wenn ich nicht lächele, und geflissentlich ignoriere, obwohl ich genau spüre, dann brodelt es unter der oberfläche, und zwar unter meiner, was ich ums verrecken nicht zeige. es ist dieses ruhige selbstverständnis mit dem recht der eigenen eindeutig differenzierenden körperlichkeit im gesicht eines mannes, die weiß, dass ich nicht ignoriere….
ich schenke mir jetzt mein abendliches glas ein, rauch die letzte zigarette… und mach das licht aus. ja, der ascher bleibt auf dem nachttisch stehen und das leere glas auch, gleich neben dem handy, welches mich morgen um 05:00 energisch aus dem schlaf holen wird.

… und regnerisch ist’s, Nebel verbirgt mir fast den alten Dorfkern, den ich erst bei erneutem Hinschauen zu unterscheiden vermochte. Von allem Weiteren ist zwangsläufig zu schweigen. Ein Auto, die Straße heraufkommend, die dorthin und auch zur Bar Tabacchi führt, legte vorwärtstastend zwei gelbe Finger auf den Asphalt. Und die Temperatur hatte ich richtig geraten. Natürlich hatte ich keinen Schirm dabei, als ich meine Besorgungen heute zu Fuß erledigte, aber solange es kein Wolkenbruch ist... bleibt’s doch immer ein elementares Erlebnis, wenn auch schon kein mentales. Die häufen sich ungewollt. Die sich so oft wiederholenden Szenen, daß am Ende eine Ermüdung eintritt, und man den Vorhang zieht. Wozu? sich fragend. Die Antwort aber schon parat habend. Die sich dem Verzichten widersetzt. Das Dumme dabei ist, daß O. immer noch eine Zentralität einnimmt, über deren Peripherie ich noch nicht hinaus gelangt bin, um die Peripherie einer anderen Zentralität zu berühren und zu spüren. Also immer nur Tangenten. Vorbei an den Ballungszentren der Gefühle, in deren Mitte die Kontrolle sich auf- und ergibt. Fatalerweise denke ich das nur. (Der Regen hat mir die Sicht auf den Dorfkern freigewischt). Die Arbeit für den Rest des Monats will mich allerdings konzentriert auf Wohnwagenzubehör: das mobile Leben mit allem Komfort einer festen Behausung. Nee, so nomadig könnte ich nicht sein. Schon dieser Widerspruch: gefesselt am Schreibtisch das abzuarbeiten. Also doch immer wieder eine Zentralität, die ruft oder da ist, irgendwie. Als ich damals als Student in Berlin jedes zweite Wochenende nach Braunschweig fuhr, weil ich dort meine Freundin hatte, dachte ich dennoch immer: home is where my books are. Schon 20:17. Wann wird’s denn nun richtig dunkel?

Das sonnige Pfingsten war dieses Jahr nicht dazu geschaffen vor einem Monitor sitzend verbracht zu werden. Und doch gab es Pflichten, die mich dazu zwangen hinter meinem Schreibtisch zu hocken. Der Zwingherr war niemand anders als ich selbst. Mit der „Schere der Begriffe“ (Ernst Jünger) das Leben zurechtschneiden, in diesem Fall hieß das die Erzählung „Litauische Krankheit“ formen. Von Samstag an saß ich jeden Abend am PC. Grübelte, schlug in Lexika aller Arten nach, tippte und grübelte wieder…, fertig wurde ich natürlich nicht. Den Tag über nutzten wir das gute Wetter zu Radtouren, ich glaube es müssen so an die 300 km gefahren worden sein, und zu Gesprächen. Einige Veränderungen stehen in naher Zukunft an, die einen Wohnungswechsel, leider keinen Ortswechsel, - wie gern würde ich schon heute in an den Chiemsee in unsere kleine Wohnung ziehen, - nötig machen werden. schmerz-verstehenAber leider stehe ich noch immer unter der Spannung des Anspruchs, den ich hier einmal Ordnungsfaktor nennen will und der es mir verbietet allzu viele Strukturen zerfallen zu lassen. Einen gepanzerten Blick auf Welt, nähere Umgebung und vor allem auf mich, mir zu zulegen, die Idee kam mir grade jetzt beim Schreiben, als ich Ernst Jünger einklammerte, dessen Essay „Über den Schmerz“ ich am Sonntag auf grüner Wiese las, ist notwendiger denn je. Sich gegen den „Wilna-Schmerz“ panzern. Die Nebelbänke der Moral durchdringen, den Dunstkreis des Mitleids verlassen. Sich auf ein Leben mit Schmerz, ohne ihn zu zeigen, und ohne humanistische Narkose, einrichten. Disziplin als nötige Form akzeptieren, die die Präsenz des Schmerzes aus den Neuronen verbannt. Kurzum ein kälteres Bewusstsein entwickeln. Die Rahmenbedingen meiner Wahrnehmungen neu festlegen und justieren.

geträumt letzte nacht, das mailfach von meinem chef bewältigt. in abständen immer wieder, so wie ich es auch bearbeite, eben in abständen, denn dabei bleiben kann ich nicht, das tagesgeschäft hindert mich daran. 170 bis 200 mails, die ich jeden tag sichten und auch durchlesen muss. gut ein drittel übernehme ich gleich und delegiere, ein drittel sind statistiken… das restliche drittel muss auf seinen tisch. absender, betreff und evtl. fristabläufe mit textmarker markiert, insgesamt sortiert nach abteilungsbereichen, mitarbeitern, themen, manchmal werden auch einfach – zum beispiel für entscheidungsvorlagen – nur unterschriften benötigt, so was nehm ich gleich raus, und bereite es entsprechend vor, in solchen fällen liegt dann aber nicht nur das blatt für die unterschrift auf seinem tisch, sondern das ganze projekt. was wirklich wichtig ist, dass ich fristen mit einem ausrufezeichen und zusätzlicher farbe markiere, sonst liest er sich das durch, und vergisst es wieder, weil er einfach zuviel im kopf hat. er verlässt sich darauf, dass fristengebundene projekte zeitgerecht bei ihm wieder auf dem tisch landen, kann er auch, hab’ ich im auge, bzw. auf wiedervorlage. diese statistikmailschickerei empfinde ich allerdings als eine unsitte, die ich abschaffen will, denn diese werden im system erzeugt, und zwar in einem system, in das jeder reingucken kann… ich nämlich auch, weshalb ich mir die selbst abholen kann, wenn ich sie für den chef brauche. im augenblick ist es derart viel, dass er nicht zum lesen kommt. am wochenende nahm er sich zwei mappen mit nach hause. in zwei bereichen sind jeweils zwei ebenen nicht besetzt, diese funktionen hat er im augenblick zu seiner normalen arbeit in personalunion, deshalb blocke ich seit einigen tagen wirklich konsequent für ihn am tag immer wieder zeiten für notwendig eigene arbeiten, wofür er mir dankbar ist. übrigens wird man aus solchen gründen in diesem job tatsächlich zur zicke, sonst wollen mitarbeiter irgendwann wieder an die hand genommen werden, sie sollen aber selbständig arbeiten. wenn man sie dazu zwingt, auch mal etwas allein zu entscheiden, weil der chef eben keine zeit hat, lernen sie’s. hinzu kommt aber die thematik, dass er erst seit einem dreiviertel jahr im unternehmen ist, er muss also erst einmal durch die ganzen prozesse und abläufe um sie richtig kennenzulernen, dafür hat er inzwischen einen mitarbeiter eines internationalen unternehmens an seiner seite, die abläufe werden richtig auseinandergenommen, in diesem zusammenhang wird auch gleichzeitig noch eine neue geschäftsordnung erstellt, was ganz schön umfangreich und aufwendig ist. es wird bestimmt noch ein jahr dauern, bis er richtig im sattel sitzt. das er so viel arbeit mit ins wochenende nahm, wird dazu führen, dass mir nachher der tisch vollgepackt wird, wir haben aber eine chinesische delegation im haus, die ich betreuen muss. ich versteh die englische aussprache der chinesen immer so schlecht, weshalb das für mich ziemlich anstrengend werden wird. und geschenke muss ich noch besorgen, die chinesen wollen immer geschenke haben, und zwar zur begrüßung und zum abschied. das ist tatsächlich so, selbst bei besuchen ohne besonderen anlass pudern wir nicht nur den hintern, wir fragen auch noch, welche quastenqualität es sein darf und welche farbe des puders gewünscht ist. ich sage das jetzt so, weil diese menschen wirklich unverschämt sind, unter 200,-- euro pro geschenk geht da garnichts, und es müssen immer markenartikel sein. also werde ich heute nachmittag durch die teuersten geschäfte hamburgs wandeln und einkaufen. ich hatte da für die herren sehr schöne visitenkartenhüllen von m*ntbl*nc gesehen und für die damen darf's ein sehr exklusives seidentuch sein, ich weiß aber auch, dass bestimmte figuren aus kristall sehr gefragt sind. mal schauen, was ich da find…
ich brauch morgens zeit für meinen kaffee und die zigarette. die menses ist ziemlich stark, hab' mir letzte nacht mein schönes neues bettlaken versaut, das ärgert.

Richtung Westen

... vollkommen unsichtbar jetzt, Schwalben fliegen jetzt auch keine, mit ihrem schrillen Jauchzen, wenn sie segeln, manchmal loopen sie dicht vor meinem Balkon in die Höhe. Nein, hier war heute kein Pfingstfeiertag, der war gestern als ein normaler Sonntag, der nächste Feiertag fällt auf den 2. Juni: Tag der Republik: ein Montag, ei schau. Die neulich gekaufte Rose bekam heute kein Wasser, weil ein gerader Tag ist. Ich gebe ihr nämlich immer nur an ungeraden Tagen Wasser. Die Blüten und Knospen, die sie anfangs hatte, hat sie völlig verloren, aber es beginnt dennoch etwas neues zu sprießen, rosenblättrig grün. Noch nicht dunkel, eher noch ein helles Grün. Weil kein Rot mehr da ist, steht sie auch nicht mehr dort, wo sie anfangs mit der einen roten Blüte auf eine blutende Schläfe zeigte. Die Schläfe aber lasse ich vorerst dort bluten, wo (m)eine Erinnerung sie hinhaben wollte. Auch kam mir die rote Rose so nach der Schläfe fingernd doch auch wieder kitschig vor. Also war’s recht, daß sie verblühte, eine Zeitlang die dunkelroten Blätter neben dem Töpfchen mit einer Handvoll Erde liegen lassend auf einem dunkelbraunen Kaminsims.

Meinetwegen Rosen

Wie es so geht
ein unausrottbares Elend immer
noch Rosen Lied das
im Mund zergeht Schnee
die Augen geschlossen

wo sich anbot
heiter zu leben belanglos
einige Worte hingesagt im Dunkeln
über ein anderes
Gesicht fremdes
Gesicht auf das man
zufällig stieß

oder aber sommers
das heitere Trugbild in dem
die Schatten unsichtbar
stehn Blick der gefällt
wird Luft
ein luftiges Haus hell
die Kleider

meinetwegen Rosen
was uns entging mit der Zeit
Unglück der ausgeworfene
Köder worauf
man verfiel


Rolf Dieter Brinkmann (1962)

... Rosen pflanzen in die Erde, zu erden das rot-eminente Rot dreier Blüten im Grün des Grases, das wächst und ein „über“ sich herbeiruft, unter dem ein „unter“ zu verbergen.

pms = putzen muss sein. immer wenn die menses im anmarsch ist, fange ich an zu putzen und aufzuräumen. am liebsten mag ich dann schubladen von unterst zu oberst kramen und fußböden schrubben. irgendwie tut das fußboden putzen meinem rücken gut, ich kann ihn in diesem bewegungsablauf gut durchdrücken, was sehr angenehm ist, wenn ich merke, dass etwas an den bändern zieht, an denen der uterus aufgehängt ist. hinzu kommt, dass ab dem 25. zyklustag die produktion des progesterons rapide abnimmt, was dazu führt, dass sich meine stimmungen verändern. körperlich bewirkt dieser vorgang, dass die kleinen spiralförmigen blutgefäße, die sich während des aufbaus der schleimhaut in dieser bilden, sich zusammenziehen. die schleimhaut stirbt ab, weil ihr die nährstoffe entzogen werden. am 28. tag nach der letzten blutung, welcher auch als der erste tag der nun stattfindenden blutung definiert wird, weiten sich die kleinen zusammengezogenen blutgefäße wieder, was zu einem blutstrom führt, welcher wiederum die wände der spiralförmigen kleinen blutgefäße platzen lässt, was die abgehende blutung auslöst, die sich aus der abgestorbenen schleimhaut, aber auch aus dem blut dieser zerrissenen schleimhautgefäße zusammensetzt. mein körper bekommt an diesen tagen von mir alle zeit der welt, und er darf sich die energie nehmen, die er braucht. komischer weise habe ich in dieser zyklusphase immens viel energie zur verfügung, die ich umzuleiten versuche. was immer ich an diesen tagen tue, tue ich mit diesem in mich zurückgezogenen zustand. nörgelig bin ich an diesen tagen selten, aber ich will oft einfach nur meine ruhe haben… die welt ausschließen, was ich ja eh häufig genug tue. mir ist klar, dass nun ein abwärtsführender energiestrom im körper entsteht, deshalb versuche ich an diesen tagen nicht zu kopflastig zu sein, weil sonst zwei entgegengesetzt wirkende energieströme im körper eine wechselwirkung erzeugen, die nicht sehr angenehm sein kann. nachdem mir ein chinesischer arzt einmal die energetischen zusammenhänge im körper an diesen tagen erklärte, konnte ich mit rein natürlichen mitteln sehr gut die bei meiner tochter während der menses auftauchenden schmerzhaften problematiken in den griff kriegen. sie hat bis heute keine schmerzen mehr, was viel wichtiger ist, sie ist damit einverstanden, dass sie alle vier wochen ihre menses hat – dies ist für das heutige verständnis dieses körperlich weiblichen zustandes nicht selbstverständlich. als vor zwei jahren ein arzt meiner tochter anbot, ihr eine pille zu verschreiben, die bewirkt, dass sie die „lästige“ menses garnicht mehr bekommt, ging ich auf die barrikaden. ich kann mir gut vorstellen, dass dieser gynäkologe dieses gespräch noch lange im schädel hatte. er schaffte es nicht, mich rauszuschmeißen, weil ich entschied, wann ich gehen wollte… und das tür zuknallen konnte ich mir auch nicht verkneifen. weiß ein arzt eigentlich in was er da eingreift, wenn er solche verfahren jungen frauen anbietet?.
im job muss ich mich an den tagen schützen. es weiß ja niemand, es ist auch keine krankheit, aber ich bin geöffneter in dieser zeit. der schutz besteht meistens aus einem stein, von dem ich weiß, dass er schützt, nicht blockiert und das fließen sollen positiv beinflusst. grundsätzlich nehme ich mir immer einen kleinen strauß frischer blumen mit ins büro. mir tut das gut, und die mitarbeiter die schon auf krawall frisiert in mein büro kommen, fahren häufig beim anblick des kleinen frischen blumenstraußes und einem netten, ruhigen lächeln wieder runter. wenn ich dann noch frage: „darf ich ihnen einen kaffee anbieten?“… also nicht „kann ich ihnen einen kaffee anbieten“… oder „möchten sie einen kaffee?“ (übrigens meiner meinung nach zwei ganz scheußliche formulierungen), sondern genau so die frage stelle: „darf ich ihnen einen kaffee anbieten? ist die halbe luft verpufft. ich kann entspannt weiterhin in meinem innenzustand verharren… und dem anderen schmeckt sein kaffee. wenn er den ausgetrunken und mit mir ein wenig geplaudert hat, geht auch er entspannter in das mit dem chef bevorstehende gespräch.
ich verschaffe mir also immer wieder die möglichkeit bewusst durch diese tage gehen zu können, und meine schubladen?... die kommen um den vierwöchigen aufräumzyklus nicht herum, ich glaube dieses ritual überträgt sich mit metaphorischer wirkung auch auf andere bereiche meines lebens. was den heißhunger in dieser zeit betrifft, bestehen die mahlzeiten vorwiegend aus "seelenfutter“… wie zum beispiel eine banane längs nur halb aufschneiden, auseinanderdrücken, in diesen spalt ganz viel schokostreusel schütten, wieder zudrücken und für drei minuten in die mikrowelle. das ergebnis schadet zwar den augen, aber definitiv nicht der seele.

… aber erst seit einer Stunde. Es fing sehr sacht an, als ich vor einer Stunde vom Zigarettenautomaten hierher zurückkam, vor dem ich warten mußte, weil ein junges Pärchen schon davor stand. Sie sagte ihm, was er zu tun habe, auch die zu drückende Nummer: „Quarantasei“. Als ich meine „13“ drückte, schaute ich, was es unter „46“ gibt: „6 profilattici“, vulgo Kondome. Und fuhren in einem schwarzen Peugeot stadtauswärts. Ich indes zurück an meinen schwarzen Schreibtisch, so schwarz, daß man leicht den lange nicht fortgewischten Staub in den hinteren Bereichen sieht, aber auch wieder so schwarz dort, wo Hände und Ärmel wischen, als wäre sogar auf ihn der Mairegen niedergegangen. Der Rest des Zimmers im Halbdunkel. Da die Sonne nicht mehr scheint, kann ich auch den Rolladen hochziehen, um doch einmal wieder ständig die dunkelgraue Silhouette des Monte Soratte vor dem sich hebenden Blick zu haben. Um aber die Lichter von S. Oreste zu sehen, dem Ort auf dem niedrigeren linken Teil des Berges (von Norden besehen), ist es noch nicht dunkel genug. Was ich immer dachte: man sollte einmal sehr früh morgens noch im Dunkeln zu ihm hinauf fahren und auf die Morgenröte warten. Aber ich glaube, dafür wäre ein klarer Wintertag besser, wie mich ja auch mein Aufenthalt auf dem Land belehrt hat, daß Auroren dem Winter holder. Außerdem hätte der Winter den Vorteil, daß man nicht gar so früh aufstehen müßte. An Auroren aber denke ich nicht umsonst: nächste Woche kehrt eine solche aus Sizilien nach Viterbo zurück. Dies aber auch nur gesagt, um mir den Horizont in einem Farbton zu verkleistern, der die Mitte zwischen Rot, Rosa und Orange hält: Hare Krishna! - Daß Krishna aber der „Schwarze“ bedeutet, entdecke ich erst jetzt: Hübscher schwarzer Peugeot, mit dem ich aus dem TB herausfahre!

was tut eine mutter an muttertag?... an ihr kind denken. und in dem moment, in dem sie an ihr kind denkt, weiß, dass alles gut ist, wie es ist, klingelt das telefon: „mama ich hab dich lieb.“ „ich mich auch, äh’ ich meine natürlich ich dich auch.“ „kannst du mir mal sagen, wieso ich vier stunden brauche, bis ich finger- und fußnägel fertig lackiert habe?“ „ja… das ansinnen des perfektionistischen hast du wohl in den genen.“ „du willst mir jetzt sagen, dass du auch immer so lange brauchst?“ „ja, wenn man davon ausgeht, dass zuerst ablackiert, die nagelhaut nach hinten geschoben, und dann erst mal gefeilt wird. evtl. muss ich noch polieren, oder unebenheiten ausgleichen, den unterlack auftragen, aushärten lassen, dann den lack in zwei schichten und danach den oberlack zum versiegeln. plötzlich stört hier ein fitzelchen, da ist der lack ins nagelbett gelaufen, hier nicht richtig gefeilt, dann taucht ein fussel in der sich gerade schließenden lackoberfläche auf, der natürlich vorher nicht da war, oft passiert es mir, dass ich mit einem gerade frisch lackierten nagel irgendwo gegen knalle, weil trocken ja noch lange nicht stoßfest bedeutet, ergo mit den anderen frisch lackierten nägeln diesen einen hypervorsichtig mit nagellackentferner wieder ablackieren muss, wobei ich mir den einen oder anderen frischgelackten nagel auch wieder versaue, dann lackiere ich häufig vor wut den ganzen sch(w)eiß wieder ab und komplett neu. am sichersten ist, ich bewege mich danach drei stunden nicht mehr. das drei- bis vierstündige ritual für finger- und fußnägel braucht mindestens einen liter kaffee und die zigaretten obendrauf.“ „bist du dann auch immer so sauer?“ „ja, es ärgert mich, weil ich es ja durch aufpassen eben verhindern könnte, irgendwo gegen zu knallen. als ich vorhin meine fußnägel fertig hatte, stand ich auf und trat voll an das unter dem tisch liegende kissen, vor wut habe ich gleich nochmal nachgetreten.“ „wieso liegt unter deinem tisch ein kissen?“ „na… du weißt doch, dass hier immer irgendwo bodenkissen in der gegend rumliegen, aber ich denk nicht immer dran.“ „ich glaub’ ich hab mich verliebt“ „ups… und?“ „ja ich weiß auch nicht“ „dann bist du nicht verliebt“ „doch irgendwie schon.“ „irgendwie geht nicht, entweder oder…“ „ich will erst mal abwarten, morgen abend kommt er zu mir.“ „du hast ihn eingeladen?“ „ja… da ist doch nichts dabei.“ „hmm… vielleicht bin ich zu altmodisch, lass ihm doch erst einmal zeit, um dich zu werben.“ „ohhhh mama, du weißt, dass ich mit diesem altmodischen scheiß nichts am hut habe, du kennst mich doch, entweder oder…“ „ahja, womit dein ich weiß auch nicht entweder beantwortet wäre, oder willst du einfach nur mit ihm ins bett.“ „könnte auch sein, er hat’nen geilen arsch einen noch geileren blick, und vor allen dingen, hirn.“ „find einfach heraus, was in dir reagiert, wenn du an ihn denkst.“ „mein ganzer körper reagiert, ich reagiere, ich krieg mich kaum in den griff, wenn ich ihm gegenüber stehe“ „ok, dann greif doch einfach erst in seine hose und dann nach seinem hirn. mit geist findet das spiel im kopf statt, diese erotik ist durch nichts zu überbieten, wenn nicht, will er einfach nur seinen schwanz reinstecken.“ „aber du weißt, dass ich so oder so nicht wollen werde, dass er neben mir einschläft.“ „vielleicht stellt sich ja die frage nachher für dich garnicht mehr, weil er einfach liegen bleibt.“ „nein, dass will ich nicht. ich will die ganze nacht vögeln… aber ich will nicht, dass er bleibt.“ „wenn es irgendwann d e r mann sein sollte, wird er es einfach tun, und du wirst nicht darüber nachdenken.“ „das glaub ich nicht, ich kann, wenn nötig, meine kalten füße selber wärmen, überhaupt hab’ ich nie kalte füße, ich erschlag auch meine mücken selbst, und nur ich darf mich morgens so sehen, wie ich morgens aufstehe, da fliegt doch der eros wieder, und die erotik flötet so lange, bis die schlange überhaupt nicht mehr gewillt ist, ihren kopf zu heben, geschweige denn, nach der musik zu tanzen. ein guter schlangenbeschwörer zwingt die schlange in ihren tanz, das funktioniert nicht, wenn er vor sich hinschnarcht, und ich will nachts im bett eine rauchen, wenn ich das will.“ „jetzt versteh ich erst, worum es dir geht.“ „ja und?“ „dann sag ihm einfach hinterher, dass er gehen soll, basta.“ „natürlich tu ich das, aber er wird es nicht geregelt kriegen.“ „du sagst es, und genau deswegen wird er wiederkommen wollen.“ „fehlt bloß noch, dass er fragt, wann wir uns wiedersehen, dann hat er gleich verloren.“ „oh kind, manchmal wünschte ich, du hättest nicht so viel von mir.“ „warum?.“ „weil ich ab und an das gefühl habe, mir selbst das leben schwer zu machen.“ „du machst dir dein leben nicht schwerer, du l e b s t nur intensiver als manch anderer mensch mama, und das ist auch das, was ich will. kollekivgängiges massentum geht mir am arsch vorbei, ich lebe zwar in dieser gemeinschaft, bin aber, weil ich zwischen vor- und nachteilen abwog, aus diesem zug ausgestiegen“ „das hast du tatsächlich getan, ich weiß. wie weit bist du mit dem buch?" "ich hab's durch" „und?“ „das ist genau das, was ich will mama, l e b e n und nicht funktionieren. der mensch lebt, technik funktioniert… und du hast es mich gelehrt, dafür danke ich dir. was ich will, hat übrigens spengler mal das pathos der dritten dimension genannt.

„Es sind noch einmal echte Raubtiere, deren Seelenkraft nach der Unmöglichkeit ringt, die Übermacht des Denkens, des organisierten künstlichen Lebens über das Blut zu brechen und in ein Dienen zu verwandeln, das Schicksal der freien Persönlichkeit zum Sinn der Welt zu erheben.“

… zitierte sie und ich war wieder sprachlos. „mama?“ „ja?“ „du sagst ja gar nichts mehr“ „ja“ „heut ist muttertag“ „so?“ „ich hätte dir so gern etwas geschenkt.“ „du hast mir gerade etwas geschenkt, nämlich ein gefühl“ „ein gefühl?“ „ja, dass ich in dem leben meiner tochter als mutter einiges richtig gemacht habe.“ „du hast nichts aber auch gar nichts falsch gemacht, mama. ich kann heute so leben, weil du mich diese qualität des eigenen an sich selbst stellbaren anspruches in bezug auf die dinge, die man tut, gelehrt hast. du hast mich das leben gelehrt, mama.“

mein kind geht jetzt zum spargelessen und ich sitze hier und heule. aber es ist ein schöner schmerz… das kind löst sich aus der mutterbindung, und ich bin glücklich über die art und weise, wie sie’s tut.

… viele schiffe waren das heute, und viel wasser. es tat einfach nur gut. die füße in den schlick graben, bis zu den knöcheln drin stecken bleiben und fühlen… wenn man jetzt so stehen bliebe, der grund immer mehr sich nähme. später saßen wir einfach nur im halbschatten am steinigen ufer auf großflächigen steinen, die wohltuend warm waren. auch machte es spaß, von stein zu stein barfüssig zu steigen, zu klettern, zu hüpfen, aber immer aufpassen müssend, wegen der teilweise mit einer jetzt angetrockneten leuchtmoosgrünen algenschicht auf diesen schwarzen großen steinen nicht auszurutschen. diese so andere materie unter meinen füßen zu spüren, birgt für mich eine sinnlichkeit, die keine erinnerung braucht, keine frühere und keine spätere, es ist für mich wie ein existentiell notwendiges nicht vorhandensein müssen von etwas…
auf dem rückweg tat die kollegin mir noch einen großen gefallen, ich wollte am hafen durch die industriebrachen…. nicht nur, dass mich diese bilder dieser stehendverlassen bleibenden brachen einfach faszinieren, wenn gras wieder über die flächen wachsend es schafft eben dieses zu brechen, auch kann ich mir nicht genug mühen machen, einen spirit zwischen diesem stumm vor sich hin rostenden eisenriesen zu entdecken. diesen zu finden, sagt mir, dass der mensch mit seinem kleinen leben nicht immer der stärkere bleiben wird. von diesem gedanken abschweifend ging mir der anblick einiger sterbender riesen von innen allerdings nicht nur durch mark und bein, sondern auch direkt in den uterus, und genau deswegen wollte ich auch dahin.