Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.
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Tagebuch

III, 299 - Erythropenie

Scheinbar bin ich nicht mehr fähig, rot zu werden. Denn seit ich im letzten Jahr in Utschland unterwegs war, war es unmöglich, mich mit meinem Reserve-Laptop, den ich auf der Reise dabei hatte, mit dem Internet zu verbinden. Die Verbindung war deaktiviert und ließ sich nicht aktivieren, egal, was ich versuchte. Und wie die Zeiten hier und bei mir nun mal sind (die Rede ist von Zeiträumen, die Monate dauern können), entschloß ich mich gestern, in der nachmittäglichen Hitze, die abermals durch den Wind erträglich gemacht wurde, abgesehen von dem einem Staubkörnchen im Auge, den Computerladen jenseits der öffentlichen Grünanlage vor dem Tor aufzusuchen.
Nach einer telefonischen Fachsimpelei des dortigen Experten (ein Gehilfe stand zwar auch herum, fiel aber nur wegen seiner gestylten Haar- und Barttracht auf: langer schwarzer Bart und aufgescheiteltes Kurzhaar mit einem aufwärtsstrebenden Haarsegel) durfte ich meinen Laptop aufklappen. Nach zwei Sekunden kippte der Experte einen Schalter auf der Vorderseite zu der Seite, die die WiFi-Verbindung freigab.
Er versprach mir, es niemandem zu sagen. Und ich bat ihn auch noch extra darum, es nicht zu tun.
So kam ich gestern immerhin auf über fünftausend Schritte und auf ein Eis, das erste in diesem Jahr, in der neuen dunklen Terence-Hill-Eisdiele Girotti. Das kleinste wollt’ ich (zwei Euro) und kriegte doch so ein Riesending von Pistacchio-Eis, das überhaupt nicht grün aussah, sondern eher ins Braune spielte.
Eine Entgegenkommende lächelte mein Lecken an, ich lächelte leckend zurück. Aber es war weniger lasziv, als es klingt. Es war schlicht und ergreifend nett. Wahrscheinlich dies mein Gesicht mit dem weißen Bart und dem mittlerweile etwas länger wallenden Haar im Wind, ein gewisses Laissez-faire. Manchmal mag ich mich.
Im Grunde war’s doch zuviel. Aber ich zwang es dann doch in mich hinein.
Spät am Abend zwitscherten jungen Menschen vor dem Hofeingang, hatten sich dort einfach niedergelassen, während die große Bärin ihre geometrische Figur bereits ausbreitete und dadurch nicht unähnlich wurde dem begegneten Lächeln, in dem immer eine unentgeltliche Gabe liegt. Und oben auf dem Gebäude gegenüber eine provisorische Bedachung (der Wäscheplatz, nach den Geräuschen zu urteilen, die tagsüber von dort herabklingen) in einem schrägen Lichtstrahl mich wieder an “Fotografieren!” denken ließ, da sie ein helles Dreieck vor der allgemeinen Dunkelheit bildete.
Heute den >>>> “Untergeher” von Bernhard ausgelesen. Ungeachtet der sich immer wiederholenden Redefiguren mag vielleicht dies eine Art (Kunst? in anderen Sprachen bedeutet es das) der Fuge sein, die vor sich hin flieht, um sich am Ende zu einem Gesamtakkord zu vereinigen, in diesem Fall mithilfe des Gehilfen Franz, der im Schlußbericht die entwickelten Fugen mit den Ziegelsteinen füllt, zwischen denen Bernhard seine Fugen entwickelt “gehabt hat”.
Sein Erzählen führt trotz all der Negierungen von allem Möglichen zu dem Schluß, daß er einer Schlüssigkeit nie wirklich aus dem Wege geht, so sehr er es dem Leser über lange Seiten hinweg verwehrt, der sich fast zum Selbstmörder gestempelt sieht.
Merkwürdig, seit drei Tagen keine Arbeitsanfragen. Morgen die Ablieferung eines Handelskammerauszugs einer Pleitefirma, dann schimmert…

wie die sind
hin die tag’
insekten
froh taumelnd
ins ferne

ins schimmer-
dort hinten
das -licht weil
tag nicht mehr

ist

es ist wie’s
immer noch
mit unter-
thänigkeit


ist


III, 298 - Blowin’ in the Wind

Angenehm der Wind draußen, und obwohl er manchmal recht launisch weht, sind die Nachbarschaften dabei, das Straßenpflaster für die Fronleichnams-Prozession zu schmücken. Sie sprühen Wasser drauf, damit die bunten Gebilde liegen bleiben: Sägespäne, Blütenblätter. Blümchen, Herzchen, IHS. Normalerweise geschah das am Vormittag, aber es soll einen Konflikt mit einer Radrennveranstaltung gegeben haben, von der ich aber nichts mitbekommen, weil ich erst gegen zehn wach geworden.
Denn gestern Nachmittag hatte ich Lust bekommen, eine kleinere Veranstaltung zu besuchen, bei der Jemandin von ihrer Theatervergangenheit zu sprechen verhieß. Die Jemandin war mir erstrmals begegnet, als ich am selben Ort vor Jahr und Tag mal Eigenes und Übersetztes (Hölderlin, Stramm) vorlas: Sie saß am Ende der Sitzreihen, ihr feurig weißes Haar fiel mir sofort auf. Man stellte sie mir vor, sie schien sichtlich angetan davon, plötzlich eine Gelegenheit gehabt zu haben, Gedichte zu hören an einem ganz banalen Nachmittag.
Es folgte auch bald eine Freundschaftsanfrage bei FB und zum Beschnuppern ein Austausch von Nachrichten. Der bestand fast ausschließlich aus Quasimodo-Zitaten. Später entdeckte ich, sie sei die Tochter einer zumindest in Italien berühmten Schauspielerin belgischen Ursprungs.
Nun lebt sie hier irgendwo, hält sich eine Menge Hunde und therapiert die Leute mit Bach-Blüten und Ähnlichem. Was sie sonst schreibt, geht auf Harmonie und Energie und positives Denken hinaus. Unselige Kombination: Hunde, Bach-Blüten und positives Denken.
Gestern hatte sie keine weißen Haare mehr, sondern das zu einem Schwanz geschürzte blonde Haar ihrer Mutter. Und es lag nicht wenig Energie in ihrem Erzählen von Regisseuren und Schauspielern und Masken-/Kostümbildnern. Ausschlaggebend für den Abend war dann das häufige Erwähnen von Luca Ronconi.
Also, alles sehr hübsch. Ein Eintauchen in unbekannte Welten. Willwoll-Ziel erreicht. Noch ein paar Worte - allerdings mit Anderen - gewechselt, darunter sogar eine neue Bekanntschaft: einer, den es aus der Romagna ins Amelia-Exil verschlagen. Hatte neulich mit mir sympathisiert, als ich gegen ein Mussolini-Zitat wetterte (die Italiener seien schwer zu regieren (eine M5S-Sympathisantin schrieb’s, die tags darauf einem Schäuble-Zitat ein “Heil!” voranstellte, worauf ich abermals böse reagierte: die Banalisierung des Schreckens (grüßte mich dann nur noch recht scheu))).
Was also blieb, war Ronconi. Von ihr, der >>>> Vortragenden, fand ich nur eine sehr winzige Probe (ansonsten: sie beendete ihre Theaterlaufbahn mit knapp Mitte dreißig, die sie als zwanzigjährige begonnen, war aber noch in der Aufführung von “Quer pasticcaccio brutto de via Merulana” dabei (ein Unfall, ein Koma, ein Trauma)).
Da von ihr nicht weiter zu finden war, klickte ich mich bis gegen halb zwei durch Ronconi-Youtubes. Vollständig gibt es, erhältlich als DVD, den >>>> “Orlando Furioso (5 Std.) mit der tollen und nunmehr seligen Mariangela Melato (für den August besorgen, den ich mir als frei von Arbeit zu erkämpfen beabsichtige (zumal ich auch beschlossen habe, doch endlich mal den Ariosto-Text zu lesen (im Original)).
Spannender war dann noch die >>>> zweistündige TV-Version von Gaddas Werk, die im Original auch seine 5 Stunden dauerte (bin leider kein Theatergänger, die Aufführung zu meiner Zeit in Rom am Teatro Argentina). Und so ward es spät.
Denn im Gibbon weiterzulesen, wäre eine Zumutung gewesen, gerade jetzt, wo er die ganze Sektierei im frühen Christentum zum Gegenstand hat und ihre Beweggründe. Homousie und Homöusie.
Infiorata und Infuriata:
Die Prozession bzw. “ppriscissione” (Belli), der es windeshalber an Präzision fehlte, ist vorüber. Es roch nach Weihrauch. Stand dicht dabei. Unter einem Baldachin ein in sich geduckter Priester, umgeben von Bodyguards, einer davon trug eine Sonnenbrille, comme il faut. Davor und dahinter jeweils zwei Lampenträger. Kurz davor versuchten die Nachbarsleut’ immer wieder vergeblich, mit Besen ihre Kreationen zu retten. Jetzt, wo’s vorbei, hört man schon die Kehrmaschine der Stadtverwaltung. Wär’s nicht von Dylan, könnte man sagen: Blowin’ in the Wind.

das licht
im gebläu
fleckt wind

es trübt
den blicken
das weiß

ob es das
wisse
verschwieg
das tau


III, 297 - Steinwege

Als der jüngste Bruder meiner Mutter starb, da war der gerade mal vierundzwanzig und ich vierzehn. Meine Mutter saß in einer Ecke der Stube und weinte. Er war nachts mit seinem Auto unterwegs gewesen und dabei eingeschlafen in voller Fahrt. Diesen aufgebahrten Onkel hat man mir nicht mehr gezeigt, es sei alles ziemlich entstellt in seinem Gesicht. Andeutung meines Großvaters mit der Hand, die das Lenkrad vorstellen wollte, das ihm ins Gesicht gefahren.
Das kommt mir jetzt alles, während ich wieder einmal >>>> Tschaikowskis Klavierkonzert Nummer Eins höre, gespielt von einer, die beim Spielen den Mund bewegt und deren Haar mich an ein Bild von >>>> Sylvia Plath erinnert, die ihre Gedichte vorträgt, als spielte sie Klavier, aber nicht auf einem Steinway, sondern auf einem Steinweg. Schuld trägt daran auch “naturgemäß” der ‘Untergeher’ von Bernhard an dieser ganzen Klavierspielerei, der sich um ein gemeinsames Studium des Icherzählers und seines Freundes mit Glenn Gould bei Horowitz und um dessen Folgen für den ‘Untergeher’ (ein ihm von Glenn gegebener Nahme (ich bin überhaupt der Meinung, der Name sei ein Nahme, weil er einen nimmt, weil man ihn ungefragt bekommt (der einen belangende Nachnahme))) und den Icherzähler dreht. Auch der Icher ist eine ganz eigene Kategorie, die icher als andere ist.
Steinweg und Steinway. Auch eine Braunschweiger Geschichte.
Den Was-Erzähler hat man als Kategorie noch nicht erfunden, wahrscheinlich, weil man sich vor dem Doppel-S fürchtet. Was indes verständlich ist. Auch weil es hier schon lange nicht geregnet hat und daran zu denken ist, das darbende Grün im Hof zu gießen.
Von dem Onkel erbte ich ein Kofferradio und das Geld für eine Olympia-Schreibmaschine, mit der ich dann die Übungen des Schreibmaschinenunterrichts in der Handelsschule in WOB zu Hause nachvollziehen konnte: jklö asdf…
Das Kofferradio, also sozusagen mein geerbter Steinway, lag nach dem Zubettgehen unter meinem Kopfkissen. Meistens lief BFBS und seine Hitparaden. Die Regel war: ausstellen nach dem ersten Song, den ich nicht kenne. So knallten oft die Gefängnistüren in dem einen Stones-Song oder blues-ten die Canned Heat usw. usf. Nebenan schlief die Mutter und schnarchte der Vater. Das Kofferradio brachte es sogar bis nach Berlin und bis zu Message in a Bottle. Was ich nebenbei machte, will mir nicht in die Tasten. Und es gab überhaupt Momente, in denen ich mich nicht als normal einzustufen vermuchte (sei’s drum: mit u halt).
Welches Ende es genommen hat, weiß ich nicht mehr. Die Schreibmaschine steht hier noch in ihrem Koffer. Die Tasten verklemmt, das Farbband nur noch gut für Geheimschriften.
Heut’ in der Sonne zur Mittagszeit vorm ‘Fußgängerzonen’-Café. Lachtasten antippen. Sie, sie und er. Gegenüber die neue Eisdiele: Girotti. Zur Eröffnung sei extra >>>> Terence Hill gekommen, der ja nun eigentlich Girotti heißt und irgendwie hier in Amelia aufgewachsen sein soll. Kurz hineingesehen: alles voller Filmplakate von Terence-Hill-Filmen.
“Steter Lampe holt den Igel ein”. Und die, der’s galt als Kommentar, möge doch bitte die nächste Berliner Rede zur Poesie halten.

thine hær
I twone
on some
mine tips
& did
is done
when coma
comes


III, 296 - MONDän

Cirrocumuli und die schreienden Dämmerungsaviatoren verlockten mich ins Weite, und so ließ ich eine gewisse Veronika “herzklopfend” stehenbleiben „vor einer buntbemalten Bude, vor der (...) ein Kalb mit nicht wie sonst vier, sondern fünf Füßen“ (>>>> Britting, Valentin und Veronika (je nun, juristische Spitzfindigkeiten erfordern leichte Lektüre nebenbei (siehe >>>> vorigen Beitrag))) angepriesen wurde. Und ging. Erst nach Westen.
Dort die Ukrainerin M. mit ihrer Freundin, die ich zwar oft sehe, aber nicht kenne, sie trägt oft einen Pferdeschwanz, führt einen kleinen Hund mit sich und fährt einen Mini, aber sie sprechen italienisch miteinander, also kein Relikt der Sowjetunion, aber aus dem Osten schon nach meiner Einschätzung.
Kurzer Wortwechsel mit M. vom Platz herauf zur hochgelegenen Eingangstür mit der Nummer 1 oben rechts. Wieder kam ich an der entweihten Kirche vorbei. Ich dachte schon gar nicht mehr ans Tanzen, als ich hinter mir Schritte hörte.
M.’s Freundin! - Es wäre popelig gewesen, sie nicht anzusprechen. Immerhin weiß ich jetzt, wie sie heißt.
Aber vorm Tor sah ich von weitem schon jemanden sitzen. Das verleidete es mir. Es wäre einfach zu viel gewesen, noch ein Minigespräch anzufangen. Also umblättern, um gen Osten zu spazieren: Porta Posterola. Wo mich ein Mondkuß mit Halo umfing (ein zweites ‚l‘ gehörte eher mir) bzw. empfing. Und rauf zum Dom! Let’s got, let’s go, noch mehr Küsse rauben! - Aber so erwischt man sich, denn als ich grad googelte, ward mir der assoziierte Mohrenkuss zum Negerkuss. So hieß er nämlich tatsächlich. O tempora, o mores!
Niger eher ich in der Dämmerung, der ihm, der leuchtend und ziemlich groß (weil noch nicht so weit über dem Horizont (nachts gibt es zur Zeit einen Moment, wo er als gleißender Punkt und nunmehr hoch am Himmel mir in den Schlaf hineinfuchtelt), dann gegenüberstand, lützelhübsch (den Zettel, auf dem das Wort von >>>> Fischart stand, heute zerrissen) ein feiner Spiegel, und unsereiner als Negativ verlangt nichts anderes, als ins Entwicklungsbad gelegt zu werden. Aus Schwarz mach Weiß und viceversa.
Der Soratte war noch gut zu sehen, die Lichter von S. Oreste auf seinem niedriger gelegenen linken Sattel.
Hinab erneut am Palazzo Petrignani vorbei und zu dem Platz, wo ein Gebäude immer noch eingemeißelt die Aufschrift “Poste e Telegrafi” trägt, darüber eine Garibaldi-Büste. Da klang’s aus dem Palazzo oben wie Klavier.
Ich ging zurück.
Jemand rauchte draußen. Wer da spiele? „Kinder“, sagte der.
Tatsächlich, der Saal voller Eltern, Tanten, Onkel, vielleicht auch Omas und Opas, Geschwistern, Cousinen. Vorne ein schon etwas reiferer junger Mann am Klavier. Was er spielte, weiß ich nicht. Dem Abend gemäß hätte ich mir einbilden können so etwas wie ‚Claire de lune‘ oder irgendein Nocturne. Dann folgte etwas Rhythmisches.
Wahrscheinlich war’s die Lehrerin, die ihm die Notenblätter umblätterte. Was mir auffiel. Denn oft sah ich mir auf youtube >>>> Schuberts Nummer 100 an, weil es für mich kurios war, solche Notenumblätterinnen tatsächlich zu sehen (meistens -innen, ja). Vorher sah ich sie nie. „Meine geniale Umblätterin, hat er einmal gesagt, dachte ich.“ - Bernhard, Der Untergeher.
Ich klatschte sogar, doch verließ den Saal, als zwei kleine Mädchen anfingen, auf Querflöten ihre zwar Fähigkeiten zu zeigen, die Töne bewirkten, mehr aber nicht.
In meine Wohnung zurückgekommen, lief immer noch Monteverdis ‘Il ritorno di Ulisse in patria”.

AN DEN MOND

O huldreicher Mond, ich denk’ daran zurück,
wie ich vor Jahresfrist auf diesen Hügel stieg,
dich zu betrachten – im Herzen beklommen:
Du hingst damals über jenen Wäldern dort,
wie du jetzt in deinen hellen Schein sie tauchst.
Doch getrübt schien mir und zitternd in Tränen,
die in die Augen mir traten, dein Antlitz
dem Blick, darüber, wie so mühselig
mein Leben war: und ist, noch auch sich ändert,
o mir so teurer Mond. Und dennoch hilft es,
mich zu erinnern, zu messen die Dauer
meiner Schmerzen. O wie willkommen ist dann
in der Jugend, wenn lang’ noch währet Hoffnungs=
Schimmer und kurz nur reicht Gedächtnis=Lauf,
sich zu erinnern an das, was vergangen,
ob es schon traurig und der Kummer stets währt!
 
Giacomo LEOPARDI, Alla Luna (dt. von mir)


III, 295 - Ich wünsche mir zuweilen Gewitter

Wahrscheinlich war es am Sonntagabend, als mich die Sehnsucht packte, zur Porta della Valle zu pilgern, schließlich sitze ich derzeit meine mindestens zehn Stunden hier am Schreibtisch ab, um den Leuten Humbug zu verklickern, etwa über die Inanspruchnahme einer Bürgschaft. Und das über geschätzte 140 Seiten (rechnet man die hiesige Standardseite mit 200 Wörtern oder 1500 Anschlägen). Eine Verlängerung lediglich fürs Wochenende. Unvorhergesehenes kam auch dazwischen.
Auch war der Weg zum westlichen Tor nunmehr frei. Es wehte ein Wind durch Haar und Klamotten. Mir entgegen. Denn ich mußte an der entweihten Kirche vorbei, in und vor der sich bis zum Tag davor die Tänzer ausgetobt hatten. Dahinter steckte aber auch die schlecht verhehlte Sehnsucht, sie dann doch tanzen zu sehen und im Zuschauen mich selber. Also saß ich nur auf dem Mäuerchen vor dem Tor. Der Abendhimmel hatte sich schon dunkel gefärbt, aber noch nicht ganz. Lediglich der Halbmond mit seinem Luzifer als Sternbegleitung schon, davor hoch oben die Schreie winziger Mauersegler. Comme il faut. Nichtzeit mit Zigarette und Wind. Ich hätte mir ein Gewitter gewünscht. Und mich als Comme-il-faut-Abendstern. Zigaretten sind keine Lichtbringer.
Und so ist es wieder ziemlich still geworden, aber nicht so wie auf dem Land. Wohin ich mich auch gar nicht zurücksehne. Die Stimmen vom Platz. Dachte ich, während ich im Grunde auch darauf warte, daß der knallorangene BMW wieder auftaucht, der seit einigen Tagen mit seiner Farbe alles durcheinander bringt, um vielleicht den Moment zu erwischen, in dem der BMWler oder die BMWlerin das Auto verläßt. Was ansonsten das Landleben betrifft, mag gelten: Alle diese Beispiele von Leuten, die aus der Großstadt auf das Land gegangen sind, um dort besser und länger zu leben, sind nur fürchterliche Beispiele, dachte ich. Bernhard, Der Untergeher.
Rom als Großstadt zu bezeichnen, dürfte wohl seine Berechtigung haben, noch sinnhafter (warum eigentlich nicht ‘sinnlich’ hierfür?) aber ist das Adjektiv vor dem Wort Exemplum.
Ebenso fürchterlich ist auch immer die Kombination malerischer Dörfer mit guter Küche. Was gleich im Untertitel eine Journalistin “naturgemäß” (Bernhard) zustandebringt, die in der >> Süddeutschen in einem Artikel über Amelia keinen besseren Aufhänger findet, als daß nach dem Erdstoß vom Oktober letzten Jahres (sic!) in aller Herrgottsfrühe die Konditorin Russo nach einem dramatischen Tagesbeginn (“Ihr Bett tanzt.” - schon wieder dieses Wort “tanzen”) ihre Konditorei voller Menschen vorfand.
D.h., wenn die Erde wackelt, geht man in die Konditorei. Aha.
Fürchterlich, daß in dem Artikel auch noch der aalglatte Betreiber des Ostello zitiert wird. Wer weiß, wann sie den Artikel geschrieben hat. Der aalglatte Betreiber des Ostello hatte die ganze letzte Woche hindurch immerhin 95 Gäste (im Artikel beklagt er sich)! Ich gebe ihm dieses Beiwort, weil er auf eine Beschwerde von mir (wegen einer mehrstündigen Totalbeschallung des Platzes an einem Sonntagnachmittag) mal antwortete: “Sollen sich die jungen Leute etwa nicht mal vergnügen?” Seitdem grüße ich ihn nur noch auf eine sehr zugeknöpfte Weise.
Ich wünsche mir zuweilen Gewitter.

ein blitzstrahl
zuckte und meine
augen zehrten sich
in unruhiger
schlaflosigkeit

die ganze nacht
mit ihrem leuchten
zog aus scheiden
klingen heraus
vom abend- bis zum
morgenland

und pfeilen gleich
die flammend das kleid
der finsternis zerreißen

brandschatzend

abû al-qâsim ‘abd al-rahmân

(Poeti arabi di Sicilia)

III,294 <<<<

III, 294 - Tarock

Als ich am letzten Samstag den Palazzo Petrignani aufsuchte wegen Dr. Caligari, kam ich wie üblich ziemlich frühzeitig dorthin, und da erst eine Handvoll Leute entweder draußen oder am Kassiertisch standen, machte ich mir den Spaß, den leeren Freskensaal zu betreten und mit sachten Schritten und versonnen mich nach den Grotesken umsehend und im Grunde in diesem Schreiten lebend einen Moment des Enthobenseins zu zelebrieren. Langsam klang bei dieser Raumausfüllung, die ich vollführte, und knapp oberhalb der Hörschwelle mein Vorname ans Ohr, bis ich dann doch stutzte. Die Wand, die spricht? Bis ich mich umdrehte.
Da saß, unsichtbar für den, der vorwärts schauend den Saal betritt, die Sibylle an der hinteren Wand und hatte perfekt diesen Moment inszeniert, die mich gestern vorm Bioladen ziemlich zigeunerinnenhaft die Tarockkarten legen und ich mir dies gern gefallen ließ (sonst hätte sie es ja auch nicht gemacht (“dachte ich, während ich das Gasthaus betrat” - Bernhard, Der Untergeher, der ein ganzes Leben in diesen Moment des Gasthausbetretens zu legen scheint)). Und es war ja auch eine Art Gasthausbetreten gestern abend, denn ich nippte während des Aufdeckens der Karten an einer Pinte schwarzen ‘smokey’ Biers, daß sogenannte ‘handwerkliche’ (birra artigianale) Brauer anboten (sie, Italienerin, er, ein Franke und auch sonst ziemlich Frankie goes to Hollywood). Um sie herum ein Andrang von diesen schon erwähnten Tänzern und Tänzerinnen (es geht schlicht um dieses: >>>>).
Da ich weder Smartphone noch sonst etwas zum Fotografieren habe, wurde ein Bekannter gebeten, die aufgedeckten Karten zu fotografieren und an meine E-Mail zu schicken, die ich selber eingab, aber nichts ist angekommen. Und so tappe ich leider ein bißchen im Dunkeln.
Ich sprach mit einer Tänzerin über diesen Umstand, kein Smartphone oder sonst etwas zum Festhalten von etwas Bildlichem zu haben. Ich sagte, es sei manchmal ein Wunsch da, etwas abbildlich festzuhalten, dann sei der Skrupel dabei, es doch anders festhalten zu wollen, meinethalben als Wortbild oder wie immer man es nennen will. Denn es gebe tatsächlich Momente, die verdorben würden, wollte man sie so zack zack im Snapshot festhalten.
Sie verstand es durchaus, zumal sie selbst sich dauernd über ihr Smartphone beuge, seit sie es - wiewohl widerstrebend - habe.
Jedenfalls läßt sich im Nachhinein lediglich feststellen, daß die Tarockkarten mich in eine Welt der Leichtigkeit und Beherrschbarkeit versetzten (die Karte, die zeigen sollte, woher ich komme, zeigte sehr plausibel eine Frau, die einen Löwen zu bändigen versucht, daneben eine Burg auf einer Anhöhe (grad so, wie ich damals das eheliche Landhaus beim Psychologen zeichnete), nur daß am Ende die letzte Karte (“the mission”, wie sich die Sibylle auf Englisch ausdrückte) den vom Blitz getroffenen Turm zeigte. Tanto da invocare >>>> Santa Rita)!
Und noch dagesessen bis spät. Neben mir die Morgenröte (die versehentlich hingetippten Morgenräte auf den nächsten Morgen verschiebend: allemal schlechte Räte!). Fuhr mir einmal durchs Haar: was für weiche Haare er doch habe! Und ich, völlig unbewußt, fand zweimal meine linke Hand auf ihrem beschuhten rechten Fuß wieder. Rechtfüßig verlinkt.

Quante lingue eloquenti legò il vino,
quante ne seppe sciogliere di mute!

Muhammad Ibn Al-Qattâ’

Wie viele Sprachen schlug nicht in Fesseln der Wein
wie viele jedoch, die stumm, vermocht’ er zu lösen!

(Lektüre: Poeti arabi di Sicilia)

III,293 <<<<

III, 293 - Villa Torlonia

Es mag ja ein ideales Rom geben, fatto di pergole e alberi pizzuti (der Ausdruck “andare agli alberi pizzuti”, also zu den spitzen Bäumen gehen, meint: auf dem von Zypressen bestandenen Friedhof enden), wo im Blau die noch höheren Pinien ihre Schirme spannen. Irgendwo müßte es einen Text geben, in dem ganz sicher von diesen Pinien die Rede ist, die in der >>>> Villa Torlonia (gegenüber liegt Villa Paganini, man erging sich dort nach dem Hochzeitsschmaus) stehen, wo ich am Rande eines Turnierplatzes saß bei einer “Roman quaero”-Flucht aus dem Hause, das der “Fort von Rom”-Flucht (auch wenn das eher Südtirolgeschichten sind) gedient hatte, aber der Strom der Dinge, das Stromern (Stroma, das Hyphengeflecht bei Schlauchpilzen, Bindegewebsgerüst (Bund bedeute das Wort Ehe (ein Wort, das aus zwei e’s hintereinander besteht (denn was will das h sagen?) (Jean Paul, Über die deutschen Doppelwörter)) in entgegengesetzte Richtungen. Eh und je.
Darum ist es müßig, über Rom nachzusinnen. Man kann es, wie bei mir auch Deutschland (das sich für mich seit einem Vierteljahrhundert auf eine Handvoll Orte beschränkte) nur in die Füße packen, Schritt für Schritt im Augenblick erstehen lassen und dann wieder ab durch die Mitte. What written is, is written. Und sich dann meinetwegen an verlegte Texte erinnern, von denen man nicht sicher ist, ob sie überhaupt geschrieben wurden. Aber ich weiß, daß ich dort saß in der Villa Torlonia. Diesem zusammengewürfelten Sammelsurium architektonischer Spitzfindigkeiten. Und ginge ich weiter, ich landete unterm Kirschbaum hoch oben über dem von den Grafen Torlonia trockengelegten Fucino.
Es reichen Stichworte, und ehe (appunto) man sich’s versieht…
Auf dem Platz eine Verquickung von immer noch Karten spielenden Hexen (aber Hexenmeister sind zugelassen, der schmale Tisch wird am Nachmittag aus einer Garage geholt, die gegenüber meinem Küchenfenster liegt, Heimat eines weißlackierten Autos, das gelegentlich bei der Heimkunft in der Zeit zwischen dem Aussteigen des Fahrers und dem Öffnen des Tors zwei Minuten lang das Autoradio in voller Lautstärke hören läßt) und sogenannten Tänzern, die seit dem Wochenende im Ostello untergebracht sind und in einer entweihten Kirche ihre Bewegungen üben, aber sonst keinen Lärm machen. Man kann sie lachen hören. Das typische Lachen junger Menschen. Hexen und ich sind dazu nicht mehr so richtig in der Lage (worüber habe ich z.B. das letzte Mal gelacht?), genauso wie: Es ist nicht meine Art, mit einem fremden Menschen von einem Augenblick auf den andern ein Gespräch anzufangen, dafür fehlen mir alle Voraussetzungen… (Bernhard, Beton). Denn natürlich habe ich keine Bekanntschaften geschlossen bzw. gemacht. Ich schau’ sie mir lediglich vom Fenster aus an, bevor ich mit der Zigarette meine Hofrunde drehe. Einmal sagte ich “Cheers” zu drei Bier trinkenden jungen Tänzerinnen, die sich auch prompt von ihrem chthonischen Sitzplatz und ihre Bierflasche in der Hand erhoben, als ich den Dunkelgang zur Hoftreppe einschlug, die man dann schon jenseits in der Sonne und unkrautbewachsen sieht.
Und wenn morgen dann auf dem Platz die Abschlussfeier stattfindet mit viel Getöse und - für mich sowieso - Platzzwang (denn das Getöse draußen ist auch ein Getöse drinnen), will ich zumindest versuchen, mal nicht dem Tanzdrang nachzugeben, sondern mich lieber am Bierchen vorm Bioladen festzuhalten, der einen Hobby-Brauer engagiert hat für diese Gelegenheit. Aber es kommt auf den Moment an. Es ist das Gefühl der Lächerlichkeit zu verlieren, die mir zumindest die Vorstellung automatisch (naturgemäß (Bernhard, passim) (so treffen sich wie selbstverständlich zwei völlig fremde Welten in einer quasi Synonymität)) eingibt.
Und war, nachdem er staunend einen der Tänzer über den Platz gehen sah mit unheimlich gerader Wirbelsäule, so einfach zu finden, heißt, er weiß nicht wirklich, was er alles hat (appunto: ‘Villa Torlonia’):

ins blaue sich
tellernde kiefern
als gabelten sie
sich den himmel
während hinauf
zur schlanken palme
die krähe sich schwingt
und zwischen bauzäunen
schwitzende jogger
mit dem grün
kontrastieren

um den platz herum
an dem ich sitze
zwei im lichte
- im schatten
einer und ich
schräg hinter mir
berührt sich liebe
(so möchte es und
will es mir scheinen)

vor mir die krähe
so nah, daß ich die
schwarzen augen
funkeln seh’


III, 292 - why more?

Zum ersten Mal in diesem Jahr ausgegangen am Abend, gleich zweimal hintereinander. Filmische und beim zweiten Mal auch musikalische Vorwände. >>>> Freitag wurde dieser Film gezeigt im Original, aber leider nie Kracauer gelesen, auf den Vieles in dem Film zurückging. Schwer zu sagen, ob das noch nachzuholen ist. Zumindest die ja spontan zurückgebildet sich habenden Schuppen woanders wieder vergegenwärtigen gekonnt in einer hypnotischen gar nicht mal mehr Selbstüberwindung, verschränkt die ‘beideseinander’ gemeinsame Schnittfläche - das ungegenständige Innengewände in einem “einzelig” aufreimenden Rain, die Elemente und deren Einbettung in “Etwas” (Eggers, Harlekinsmäntel).
Weimar. Vine-mare. Why more? It goeth a schill out of it, you ought to lear & lure, learn it! Und kratz’ mir den Handrücken tulpenrot.
Ein Leichter im Schlepptau irgendwie, Tauworte spinnend. Der Gang hinunter weniger leicht als sonst, weil Lampe-Fieber, aber es ging an und sogar ihn an.
Gestern dann >>>> Caligari selbst im >>>> Palazzo Petrignani (Sala dello Zodiaco). Am Klavier wie schon andere Male bei Stummfilmen >>>> Arturo Annecchino: Empathie nannte ich es hinterher ihm gegenüber, aber der stille Mensch lächelt vielleicht, aber in dem Bewußtsein, was er gemacht: was soll er dazu noch sagen, wo es nichts zu sagen gibt, sofern man es “gemacht”.
Es war in gewissem Sinne auch eine Verabredung mit dem jungen amerinischen Dichter Luca Succhiarelli. Es passierte über FB, wo er einen neuen Privatdruck angekündigt hatte. Wo man das finden könne. Beim Verleger, nämlich ihm selbst, er habe Lust, mit mir über Poesie zu reden. Ob er zum Film am Samstag käme, ‘Caligari’ nämlich. Und bat mich noch, youtubes von seinen Gedichten anzuhören. Hier >>>> ein Beispiel: ittero, Italia, itterizia inezia idiozia!. Ich erklärte mich gern bereit. Dann auf die direkte Frage, was ich davon halte: Es sei eine Menge Zorn in den Gedichtzeilen, die glücklicherweise mit dem gesprochenen Text mitlaufen, aber die Stimme, die den Zorn vorträgt, vergesse in der Stimme den Zorn, der in den Zeilen steckt. Schade, den neuen Privatdruck hatte er indes nicht mitgebracht. Es ist aber immer ein Glück, sich auf dieser Ebene verständigen zu können. Ohne, setzte ich gern hinzu, irgendetwas rechtfertigen zu müssen.
Im Lichtdämmer davor auf der Schwelle sitzend ein Sesshafter, ins Himmelsvieleck hinauf äugend wie später vor dem Filmviereck und dem Kulissenvieleck des Films (direkt auf die Wand projiziert, also nicht einmal Leinwand), viel zu hoch die Mauersegler…

wo wer am wegrand
die erde berührt

das rund der welt
ein bequemes gesäß

der ich
auch nicht gern fahr’

dreißig sagte sie
tage - die fraktur
zu entziffern

die e i n e ungeduld
die platte welt
zu umarmen


III, 291 - abseitig verwandert

Wattebauschig der Kopf mitten im Nachmittag. Arbeiten war nicht mehr möglich. Das Wort fand ich mal für einen Traum (sehr lange her, muß noch in Wolfsburg gewesen sein), in dem mir die Worte meines Vaters so vorkamen, der im Traum etwas sagte, dessen Inhalt in der Watte verlorenging. Später ähnliche Zustände, allerdings bei Tage. Eine adäquate Entsprechung fand ich dann in der Art, wie Laurie Anderson ihr >>>> ‘O Superman’ singt. Wo der Synchronismus mit dem, was einen umgibt, eine leichte Verschiebung erfährt. So wie bei Filmen, in denen die Stimme des Synchronsprechers nicht mit den Lippenbewegungen des Schauspielers übereinstimmen und ein Abseits entsteht, das dennoch parallel zur Welt abläuft. Und der Kopf tastet sich nur sehr langsam von einem Moment zum andern. Und mit Watte vollgestopft.
Entscheidungen lassen sich dann nicht mehr gefallen, getroffen zu werden. Man braucht schon einen Notar bzw. im vorliegenden Fall eine Notarin, um feststellen zu lassen, daß He der Nachname und Jun der Vorname, dito für Zhou und Guihong. Eine Notariatsurkunde, die hier grad herumliegt, um übersetzt zu werden. Zu beanstanden wäre daran, daß die Notarin Beijing einer Chinesischen Republik zuordnet…
e la >>>> ‘canzone popolare’?
”Ich habe zwei Arten von immerwiederkehrenden Schwellenträumen. Im ersten bin ich unbeschuht und rutsche in den Socken von der Schwelle ab, weil diese, ob aus Holz oder aus Stein, sehr glatt und noch dazu an den Kanten gerundet ist. Aber ich komme doch jedesmal unversehrt auf die andere Seite, und der Schreck ist heilsam: denn ich frage mich im Abrutschen: Wo bin ich? … (Handke, Der Chinese des Schmerzes).
Manchmal geschieht mir der Wunsch, mal wieder Fußballspiele zu sehen, die Zeit zu verdasseln, um dem Augenblick beizuwohnen, in dem der Ball über die Torlinie rollt oder ins rechte obere Toreck fliegt. Immerhin, Manchester führt jetzt gegen Ajax.
Ninno überschritt unterdessen die Schwelle, war einmal mehr zum Beichten aufgelegt. Es ging um seine “compagna”. Die habe nun eine Arbeit in einem Restaurant gefunden, und das könne am Wochenende durchaus auch mal mehr als acht Stunden bedeuten (neulich gar vierzehn!). Das Problem sei, sie habe fünf Schafe und sowieso Tauben und Kaninchen zu versorgen. Das müsse er nun besorgen. Er sei ja nun Rentner, habe vierzig Jahre als Arbeiter gearbeitet (ist allerdings etwas jünger als ich), und er wolle doch seine Zeit lieber selbst bestimmen. Und finde sich nun in dieser Stress-Situation, womit er nun gar nicht zurechtkäme. Ich ging darauf ein wie der Tormann in Handkes ‘Die Angst des Tormanns beim Elfmeter’: Der Schütze lief plötzlich an. Der Tormann, der einen grellgelben Pullover anhatte, blieb völlig unbeweglich stehen, und der Elfmeterschütze schoß ihm den Ball in die Hände. Dankend und sich gleichzeitig entschuldigend verabschiedete er sich.
Gestern erschien auf der Schwelle (die Tür steht nachmittags mittlerweile immer offen) l’ami belgique mit der Luna-Tochter Huckepack, heißt in einem Gestell samt Sonnenverdeck. Das erste Mal seit über einem Jahr, daß er spontan vorbeikam. Jupp, der graue Kater, die ex-Siope, leistete Gesellschaft. Zwei Briefumschlagausträger freuten sich über das kleine Ding mit Windelpopo. Was sie da bringen würden? Gasrechnungen. Sie zu öffnen, wartete ich, bis ich allein war. Ich schluckte.

der schwelle
wand sein
dem auswill
den wellen
deren binnen
aus- und
ingewall-
-gewollt

abseitig
verwandert


III, 290 - Verschraubungen

Die Zwinger riechen nach Fibeln. Fiebernde Essenerzwingung. Text einer Mail als Antwort auf eine “dringende” Übersetzung: “Buon giorno. La ringrazio. Buona giornata.” Obwohl schon der Spätnachmittag heraufzog. Es ging darum, daß das Bordpersonal die Beförderung von Fahrrädern verweigern kann, wenn dies den Bahndienst beeinträchtigt. Wahrscheinlich, weil der Sommer naht. Im Arbeitszimmer aber noch 17 Grad. Ich fange an, mich daran zu gewöhnen. Ein Gang nach unten überbrückt Kühlegefühl allemal.
Samstagabend? Ostello-Graus? Eine Bagatelle, die um drei Uhr morgens endete, als ich mit Pink Floyd und Paul McCartney in Moskau durch war, und endlich das Monstrum gegenüber schwieg. Und ich zwar McCartney’s sich gleich gebliebene Stimme gern wieder hörte, aber ihrer Ubiquität nicht mehr glaube, weil sie dem Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit angehört und nur noch die Reproduktion beabsichtigt. Nicht die Interpretation. Da ist mir Joe Cocker’s ‘With a Little Help From My Friends” doch noch aussagekräftiger. Obwohl auch das Stück schon ewig lange her ist. Aber eben als nicht reproduzierte Singularität fortbesteht.
Kurz: Massenanfeuerung auf dem Roten Platz. Und ‘amaro’ in bocca. >>>> ‘amuri’ no.
Damit müsse ich wohl leben: öffentlicher Platz, öffentliche Stätte, meinte die Handanlegerin. Wenn man schon so eine Wohnung in einer solchen Position sich wählt.
Und mich verdacht in eine hypothetische Hütte als gelegentlichen Zufluchtsort mit nichts als Daunen für solche Nächte. In der Allschweigsamkeit. Es tauchen ab und zu Anzeigen für solche baufälligen Gebäude auf. Wäre zu eruieren. Oder ein kleines Grundstück mit einem Wohnwagen darauf. Als Zuflucht vor der Zuflucht.

die eine wurzel : dankbarer
atem : eines fauligen baums

ich wachs’ mir ein übel
im leben : das zu verwandeln
auch ein erdulden fürs fleisch

Salvatore Quasimodo


Von >>>>hier
Zu allem Überfluß geben jetzt die Verschraubungen des Stuhls nach: ein jähes Sinken. Es ist immer gut, scheint’s, gelegentlich die Schrauben zu kontrollieren.

III,289 <<<<
 



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