Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.
________________________________


 

Tagebuch

III, 329 - Querelle

Ich saß gestern wieder im Kino. Ansonsten am Schreibtisch in einer arbeitslastigen Woche, die mir nicht viel Zeit für anderes ließ. Da nur wenige Leute gekommen waren, konnte ich wählen. Und wählte den Platz, den neulich die Blonde mit dem Hündchen eingenommen. Also ziemlich vorne rechts mit niemandem zwischen mir und der Leinwand. Weder Stein noch Bein noch Kopf. Aber da war gleich Atmosphäre, sehr körperlich, sehr weich gezeichnet. Man sprach Englisch mit italienischen Untertiteln. Wer im Spiegel erschien, erschien in Schwarzweiß, nicht aber die mit ihm gespiegelte Umgebung. Alles im Zeichen einer männlichen Körperlichkeit. Die einzige Frau, Jeanne Moreau, erscheint nicht als Körper, sinnlich nur in ihren Gesten, etwa beim Tanzen. Was sie auf Englisch sagt, klingt nicht englisch, sondern wie das Rezitieren von Resümees. So auch ihr refrainhaftes Singen. ‘Männer töten, was sie lieben.’
Lektüre vom Nachmittag hallte nach. Brandig, der im zweiten Teil des Romans dem Ich-Erzähler einen Eulen-Spiegel vorhält beim Kneipengang in Paris, und ihm seine Geschichte mit der Guinetti erzählt, mit der der Roman beginnt, allerdings ist es in diesem Fall der Ich-Erzähler, der ihr im Moor einmal zufällig begegnet. Die merkwürdige Situation, sich an ein Lächeln zu erinnern.
Was nicht unbedingt abwegig ist. Weil ein Lächeln uns als uns zurückgibt.
Kurz, die Stellen am Nachmittag beim Lesen, die beschrieben, wie Brandig und die Guinetti ihre Körperlichkeit in allen möglichen Situationen und Positionen auslebten. Regelrechte Aufzählungen.
De Sade, dachte ich manchmal deswegen, den ich mir reingezogen, bevor ich es wagte, mir abermals >>>> ‘Salò o le 120 giornate di Salò’’ anzusehen. Das war noch in Fornole. Katalog der Perversionen. Click and buy. Schau dir verwandte Artikel an. Viele andere Kunden haben auch noch dies gewählt.
Kurz, ich haderte dann doch mit Eigner. Mir fehlt kurz vor dem Ende die Schlüssigkeit in diesem Spiegelsaal, den er da aufrichtet. Immerhin bin ich bis zur Hodenoperation gelangt, zu den Schlägen, die er ihr gibt, nachdem sie gesagt, seine Hoden seien nach der Operation nicht mehr wie vorher so groß.
Und dann tanzen da im Film zwei Brüder mit gezückten Messern choreographisch umeinander herum, die mitnichten wie Brüder aussehen. Die durchaus poetische Szene der analen Penetration. Männerküsse. Das aber zwischen Männern, die jeweils schon einmal Halsschlagadern durchschnitten haben. Halsabschneider. Unter sich.
Was ich sah, war >>>> ‘Querelle’’ von Fassbinder. Als ich und die anderen gingen, sagte ich noch zu Fulvio: “Ein Kunstwerk!” Das entwaffnet, wie es einem Kunstwerk zukummt. Er: “Das habe ich mir so auch nicht erwartet.” Ich auch nicht. Denn ich sah ihn das erste Mal.
Heute abend: alle halbe Stunde ein Stück Ziegenkäse, einen Tarallo und ein Glas Wein.
Unter der Woche auch viel bajuvarische Stimmen unterhalb der Fenster. Junge Menschen aus Odelzhausen (Kreis Dachau), der wahrscheinlich nächsten Partnerstadt Amelias. Untergebracht im Ostello gegenüber.

Jetzt bin ich doch verschollen im Schwundland, der Stuf-sprachen Tage, die morgenbaren, Herbst zog ein (Egger, Herde der Rede), ein Flämmlein entbrennt dem Gas der Flasche, der ersten nun für die Ember-, Ober-, Uar-Monate. Ärzene Prile nicht ganz ausgeschlossen.

III,328 <<<<

III, 328 - Mouches

Was ich neulich aus Eigners ‘Brandig’ über die Verwahrlosung zitiert, war nicht wirklich etwas, was ich mir bewußt vornehme, es geschieht zuweilen. Das ja. Ich empfand die Verwahrlosungsepisode als den Versuch einer Beschreibung von Glück. Eine griechische Remiszenz, ein Matala hallte nach, auch wenn keine Namen genannt werden. Dennoch die sofortige Assoziation: Kreta. Leserverhängnisse. Aber das auch wieder nur: Deine Stiefel? Meine Stiefel.
Mittlerweile hat sich alles geändert. Und es stiefelt weiter. Wie meinethalben im >>>> ‘Tagebuch einer Kammerzofe’ da muß sie, die Kammerzofe, sich hohe Lederschuhe anziehen, auf das Geheiß des alten Patrons und vor diesem auf und ab gehen. Man findet ihn dann tot in seinem Bett mit diesen hohen Lederstiefeln, als umarmte er sie, die sie getragen. Wen? Sie oder sie?
Und wieder eine Dame mit Hündchen. Ich saß während des Films mit ihr allein in einer Reihe vor der Leinwand (die anderen Reihen nicht mitzählend). Was schon aufregend genug war. Eine mit hoher Gestalt, die ihr Gesicht verbarg hinter einer Riesenbrille und aufgebauschtem blondem Haar. Im oberen Gang vor dem Saal über dem Chiostro drehte sie mit ihrem Kommunikationsgerät eine nie enden wollende langsame vollständige Runde, während ich den Versuch eines Small Talks unternahm, der dann an falschverstandenen Wikipedia-Artikeln scheiterte. So ein Quatsch, insomma. Sie aber saß außen rechts. Ich außen links. So daß der Ausgang mir näher war, ich auch einen Vorschlag ausschlug (einen Ausschlag vorschlagen), zu Valda zu gehen. Und schaffte es, den Chiostro zu verlassen, noch bevor Peter Stein aus ihm hervorstürmte, der ebenfalls außen rechts, aber in der ersten Reihe saß, diesmal in Begleitung eines jüngeren Mannes, der eine hübsche Stirn hatte.
Es war auch noch einer weiterer Minihund unter den Zuschauern am Freitag. Der gehörte einem Paar. Im Film begann es zu bellen, und man hörte das Knurren der anwesenden Hündchen. Sie rechts hielt ihres beschwichtigend in ihren Armen.
Es wäre ein hübscher Übergang zum sabbernden Hündchen, daß Eigners Ich-Erzähler bei sich hat, als er da sitzt auf dem Giordano-Bruno-Denkmal auf dem Campo de’ Fiori.
Entre le deux coup de feu qui décidèrent de son destin, il eut le temps d’appeler une mouche: “Madame”. (René Char: Feuillets d’Hypnos)
Auch nur aufgeschlagen wegen “Hypnos”. Fiel mir grad so ein. Dieses Wort.
Denn seiner, des Hypnos vel Brandig, den er, der Ich-Erzähler, nicht erkennt, was sein Aussehen betrifft, wohl aber seine Stimme, wird er da ansichtig, weil von diesem angesprochen. Ich bin noch nicht am Ende. Es beginnt ein unbestimmbares Zugfahren, auf die er, der Ich-Erzähler, auf Brandigs Einladung sich eingelassen. Im Liegewagen. Paris? Immerhin geht’s an Civitavecchia vorbei. Wie aus dem Nichts ein ‘Rouge et Noire’.
Ich wollte auch heute ins Kino gehen. Es gab ‘Die Braut trug schwarz’ von Truffaut (nunja Moreau-Retrospektive, nächste Woche ist sogar Fassbinder dabei), aber schon um achtzehn Uhr, die Arbeit hinkte ihn statt ins Hinab lediglich ans Spülbecken in der Kochecke. Es war schon zu spät. Und auch gar nicht wirklich wichtig.
Morgen weiter in ‘Brandig’. Es ist diese merkwürdige Beziehung, die mich beschäftigt. Die eher als Vorwand dient, doch eigentlich über etwas anderes zu reden als über Brandig. Bei der Wiederbegegnung mit diesem hat er, der Ich-Erzähler auf dem Giordano-Bruno-Denkmal, Bücher unter einem Armen, von denen Brandig erst einen Bruno-Band, dann den Zarathustra hervorfischt und blätternd daraus vorliest.

Brandig hüstelte, er stützte sich mit der freien Hand auf dem Sockelabsatz ab, auf dem ich saß.
Die Zukunft,
fuhr er fort,

und das Fernste sei dir die Ursache deines Heute: in deinem Freunde sollst du den Übermenschen als deine Ursache lieben.
Das muß man sich mal vorstellen! Sowas betete Brandig mir vor.


Im Grunde aber suche ich selber nach Worten, die aber nicht hier, sondern ihm zu schreiben und dennoch an mich gerichtet wären. Ich türme Gebäude und schaue in die Luft, bis sich wieder alles verquickt. Es geht, Sie geht, Er aber steht in der Tür, wenn das kurze Gewitter sein strömendes Naß herniederläßt und komische Handlungen bewirkt. Wie gestern abend. Hinterher war ihm wohl.
Und er gedachte der Schwalben, die immer noch hier sind und flatternd den Kirchturm von Sant’Agostino, wahrscheinlich Insekten fressend, haufenweis’ anbeteten.

Wie die Erde, so die Rede --- Ein Homotop von Namen (Egger, Herde der Rede, 143)

III,327 <<<<

III, 327 - Verwahrlosung

Nein, ---> Absprachen gab es keine. Ich wartete einfach auf ANH. Und erteilte mir dadurch die Erlaubnis, mal nichts aus meinen Fingern zu saugen, aus denen nichts zu saugen, aber von denen immerhin zuweilen etwas abzusaugen. Und seien es Knoblauchrückstände. Pfefferrückstände spüle ich lieber gleich ab, man reibt sich sonst damit die Augen. Jedenfalls solange die Hundstagswärme anhielt, bekam ich vorm Bildschirm dauernd feuchte Augen, als weinte ich. Zwar ist einem zuweilen zu heulen zumut’, wenn man meinetwegen wegen einer Arbeit auf >>>> ‘Fahrstuhl zum Schafott’ verzichten muß, den ich tatsächlich gern gesehen hätte (ich meine natürlich den Film und nicht den Fahrstuhl). Und kam somit zu nichts Wirklichem außerhalb der Arbeit, unbeschadet der Lektüre, aber ZT muß wieder leiden und die ganze Badeteichangelegenheit, bei der ich gerade war. In der Verwahrlosungszeit zu augusteischen Zeiten kam ich noch auf fünf Seiten, schraubte es dann runter vier, dann auf zwei, um beim derzeitigen Nullpunkt zu verharren. Während ich mir vorm Bildschirm ständig die Augen trocknen mußte.
Gestern eine unheimliche Nervosität. Vor zwei-drei Wochen ward über die üblichen Amelia-Seiten bei FB ein kostenloser Japanisch-Kurs angekündigt. Da war ich gleich spontan begeistert und kontaktierte die Ankündigende. Die mir allerdings beschied, daß wegen der Kostenlosigkeit die verfügbaren Plätze ruckzuck in Beschlag genommen worden seien. Die Neugier halt. Hängt zusammen mit meinen Überlegungen damals, was ich studieren sollte. Japanisch gehörte dazu. Aber daraus wurde dann nichts. Mein Nervössein entstand dann durch die Nachricht der Ankündigerin, es sei ein Platz frei geworden. Hilfe! Jeden Donnerstag, hieß es im beiliegenden Anmeldeformular, zwei Stunden von Oktober bis Juni. Schriftzeichen malen. Und wenn dann eine Arbeit abzuliefern ist? Ich dachte an den verpaßten Film. Auch an Unpäßlichkeiten wie die Hautgeschichte im Spätwinter und Frühling. Ich habe also abgesagt. Gut, daß ich die Ankündigerin nicht persönlich kenne. Aber plötzlich stellte ich mir dann doch Schulsituationen vor, in die ich nicht unbedingt hineingehöre: “Hey teacher, leave us kids alone!”
Und sie, die Ankündigerin, sieht man auf ihrem FB-Foto schwerbusig auf einem Pferd reiten. Was, bitte, hätte mich da erwartet? Jeder Schreibfehler ein ‘kuce, kuce’ ohne die Möglichkeit einer Retourkutsche.
Lassen wir’s also: mir möge genügen Barthes’ ‘Im Reich der Zeichen’. Und meinetwegen >>>> ‘Genji Monogatari’ (tolles Buch, las es auf Italienisch (die Anschaffung beruhte darauf, daß ich zu meinem 40. von ihr eine Swatch mit japanischen Ziffern geschenkt bekam, die sinnigerweise unter dem Namen ‘Genji’ vertrieben wurde, sowie darauf, daß ziemlich gleichzeitig dieser Roman auf Italienisch erschien)).
Soweit sogut sohalb und viertelsmäßig. Denn in derselben Zeit plagte mich die Vorstellung, zur Post gehen zu müssen wegen eines Briefes, den ich geschrieben, weil mir jemand ein Buch von sich geschickt, worüber ich mich gefreut. Aber die Post liegt unten und bedeutet einen mühseligen Rückweg hügelauf. Ich erledigte das dann mit dem Auto. So!
Mir aus meiner Nervosität herauszuhelfen, eilte dann Eigner mit seinem >>>> ‘Brandig’ herzu. Eigentlich wollte ich meinen Eintrag zunächst auf diese Hymne auf die Verwahrlosung beschränken, in deren Strudel ich hineingeriet, ohne mich im geringsten zu wehren, anzi! Zunächst hatte ich mir notiert: “Ging in die Steine. Nach oben.” Das bezog sich auf die Aufwärtspflaster auf dem Weg von der Post zu mir. Aber dann kam’s gleich ein paar Zeilen weiter:

Es ist nicht zu glauben, wie heilsam Verwahrlosung, vor allem gezielte, tätig strebsame, auf eigene Faust betriebene Verwahrlosung ist. Ich kann sie jedermann nur wärmstens ans Herz legen - und auf die Haut. Auch solchen, die nicht gerade unter spezifischen krankhaften Veränderungen der Epidermis leiden wie ich. Verwahrlosung hilft jedem. Ich weiß, wovon ich spreche. Nichtsdestoweniger weiß ich, wie schwer - wenn nicht schier unmöglich - es ist, sich die einmal erkämpfte Verwahrlosung zu erhalten. Einmal glücklich die alten Regeln und Gewohnheiten überkrustende Verwahrlosung ist keine Garantie. Nicht einmal die Einverleibung der Verwahrlosung ist eine Garantie. Früher oder später kehrt ein jeder zu den unausrottbar in die Bodenlosigkeit seiner zartesten Anfänge gepflanzten Tugenden zurück. Umso nötiger ist Verwahrlosung. Auch wenn sie alles andere ist als ein Geschenk. Verwahrlosung ist ein Geheimnis. Ein Geheimnis doppelten Glanzes. Eines, in das es einzudringen gilt, und eines, das es gilt, eindringen zu lassen in sich. Was auf der Hand liegt. Denn es geht sowohl um äußere als auch um innere Verwahrlosung. - Eigner, Brandig, 178 f.
Dies aber erst das Präludium zur Hymne auf die Verwahrlosung.

III,326 <<<<

III, 326 - Der Sommer, schreibt Paul ...

Hallo, meine Freunde, schreibt Paul, der Sommer gehe ja nun tatsächlich vorüber. Er habe begonnen mit der pünktlichen Nachtigall. Er lebt auf dem Lande. Dann seien es zwei geworden, die die heiße Junisonne mit dem Kuckuck dann zusammengeschmolzen. Es seien daraufhin die Glühwürmchen gekommen. Wenige in diesem Jahr, aber beharrlich. Das letzte habe er Mitte Juli gesehen, und er habe es bellen hören, das Glühwürmchen, schreibt Paul. Wie das geht, ist indes uneinsichtig. Dachse seien dann aufgetaucht, hätten sich über die Maulbeeren hergemacht. Ihnen seien “kilogrammweise” Schnecken gefolgt, kilometerlange Regenwurmkolonnen (sic! wo es doch so trocken war), schreibt Paul, obwohl ich eher glaube, es müsse sich um Passionsraupen gehandelt haben, denn Paul wohnt auf dem Lande, wie ich schon sagte, und als ich auf dem Lande wohnte, gab es kilometerlange Schlangen von Passionsraupen mit ihrer nicht enden wollenden Prozession (also auf jeden Fall tagelang eine Raupe hinter der anderen: merkwürdiges Schauspiel), die der einen Eiche, die dann, als ich dort nicht mehr wohnte, von einem Sturm niedergerissen worden, entsprangen waren, schreibe jetzt ich. Aber Paul meint, das ganze Unterholz sei nichts als Salat (?) gewesen, und die Kröte, nachdem sie einen Rülpser getan, sei der Katze ins - nunja - Gesicht gesprungen, die auf der Flucht zweiunddreißig Löcher im “Schwimmbecken” hinterlassen. Er meinte wohl auf der Plastikplane, die darüber lag. Sicher, man kann auch Löcher im Wasser hinterlassen, aber hier schweigt Paul sich aus. Das Krötenvieh habe sich auch einem Igel gewidmet und sich seinerseits zweiunddreißig Löcher in seinen - wie er, Paul, sich ausdrückt - Wangen eingehandelt. Und wenn er, Paul, sagt, man hätte, umsichtig vorgehend, diese löchrigen Wangen als Okarina benutzen können, bin ich doch eher geneigt, ihm etwas abstruse Vorstellungen zu unterstellen. Auch hinsichtlich der Zahl 32.
Dieser Sommer sei so warm gewesen, schreibt Paul, daß die Mücken sich darauf beschränkt hätten, nur kaltblütige Tiere anzustechen, und die Wildschweine, wie er, Paul, übertreibend, schreibt, hätten sich von allein und quicklebendig in die Kühlschränke verkrochen.
Nun also, resümiert Paul, sei der September gekommen, er sitze nun in seinem Arbeitszimmer in Gesellschaft eines irre gewordenen Stechmückenschwarms und der üblichen Spinne, die aus einer Nische an der Decke ihn anschaue und trostlos zwei ihrer Beinchen anhebe.
Herr, schrieb ich Paul, der Sommer sei sehr groß gewesen, mit einem Undsoweiter.

will ich ein Komet sein? ich glaube. Oswald Egger, Herde der Rede, 133

III,325 <<<<

III, 325 - Aghast Beneath the Moon

Der Septemberanfang brachte einen Regen- und Gewittertag und einen Temperatursturz, so daß es nachts wieder notwendig ist, sich zuzudecken. Zumindest für solche Eventualitäten etwas dafür in Reichweite zu haben. Was indes nicht gegen paranoische Wahnvorstellungen hilft.
Ob sie schon im Traum begannen, kann ich jetzt naturgemäß nicht mehr beurteilen. Als ich irgendwann in der Nacht die Augen öffnete, wußte ich ziemlich genau, warum dies geschah: gleich würde der blendende Lichtfleck des Mondes in der offenen Spalte der Fensterläden erscheinen. Ich brauchte mich nur ein wenig nach rechts verlagern, da hatte ich ihn schon im Blick. Ein merkwürdiges Taubsein im rechten Bein.
Der Versuch, mich auf die andere Seite zu drehen, fruchtete nichts gegen die Bilderflut, die ich da inszenierte. Es ging um ‘Neger’ (heute bzw. gestern zweimal dieser Ausdruck: bei Eigner und bei Schmidt), um junge Männer aus Afrika. Ich begegne ihnen ständig vor allem vor den Supermärkten. Besonders neulich der eine, der da fast schon provozierend vor dem Eingang stand und dich fixierte, dir bis zum Auto folgte, dort stehen blieb während des Einladens und dich weiter fixierte.
Hinzu kam das vielleicht schon einmal beschriebene Bild im Chiostro Boccarini während des Samstagsmarktes. Der nunmehr in ein von einem Onkel direkt am Lago Maggiore geerbtes Haus umgezogene Gay unterhielt sich auf Englisch mit einem Almosen heischenden jungen Afrikaner und erklärte, daß ich, der Dazugekommene, immer arbeite und somit Geld habe. So er, der nicht arbeitete und nicht arbeitet und es wahrscheinlich auch nicht muß. Aber solche Gemeinheiten war ich von seinem Gay-Gehabe ja schon gewohnt. Das Herausprokeln einer metapersönlichen ‘Eigenschaft’, um coram publico (dies ist allemal Voraussetzung, unter vier Augen passierte das nie) diese zur Zielscheibe zu machen (sei’s ‘Deutscher’, sei’s ‘Arbeiten’) und die Lacher auf seine Seite zu bringen.
Was letztlich auch mein Verhältnis zu ihm abkühlen ließ.
So entwickelte ich mitten in der Nacht auch diese Szenarien, während der Mond beim abermaligen Seitenwechsel tatsächlich die Pupillen blendete mit seinem “Negertief”.
Um mich dagegen zu wehren, stand ich auf. Zunächst ohne Brille. Die Uhrzeit indes so nicht entzifferbar. Zurück. Halb drei. Ein Glas rotes Blubberwasser. Eine Zigarette. Zurück.
Langsam bevölkerten sie dann den Hof, klopften an meine Tür. Einer setzte sich frech an meinen Küchen-PC, weil die Tür offen stand. Er müsse doch ins Internet. Aber mein höllisches Passwort ließ ich mir nicht entlocken. Ich überlegte auch, die Carabinieri anzurufen, aber kam wohl doch zu der Einsicht, es sei besser, wieder einzuschlafen.
Denn ich wachte dann ziemlich ausgeschlafen zwei Minuten vorm Weckerklingeln auf. Mit einem Blinzeln in die Blaupause des sich schon hellenden Morgens. Da es aber nur den südwestlichen Teil hereinläßt, sind vorerst Auroren nicht mit inbegriffen. Zuletzt sah ich die zumindest zweibeinige Morgenröte vor genau einer Woche wieder.
Vollmond. Noch nicht ganz, der soll erst übermorgen kommen, aber einmal im Monat erscheint er kurz davor mitten in der Nacht im Fenster.
Ruhiges Arbeiten, dennoch immer wieder die Szenen der Nacht.

III,324 <<<<

III, 324 - Bucheckern

Im letzten Satz von Bernhards ‘Auslöschung’ bekam ich eine Art kabbalistischen Schreck, da es in einer Parenthese heißt, Murau, der sonst nicht beim Namen genannte Ich-Erzähler (er sei, wie ich bei weitergehenden Lektüren erfuhr, auch am Anfang einmal genannt, woran ich mich aber selbstredend nicht mehr erinnert habe) sei 1954 in Wolfsegg geboren und 1985 in Rom gestorben. Das Geburtsjahr stimmt ja überein, auch wenn der Geburtsort nur W. gemeinsam hat, allerdings reimt sich der Ort, in dem ich letztlich aufgewachsen mit seinem ‘eck’ auf ‘egg’. So ab ovo gesprochen. Woraus sich nichts anderes herleiten läßt, als daß bloß die Zahl stimmt und somit nichts. Ein bissel Gänsehaut bereiten aber die beiden Angaben ‘1985’ und ‘Rom’. Zu dem ein Sterben hinzukommt. Da ich aber genau in jenem Jahr nach Rom gezogen bin, kommt mir die Sterbebedeutung dieses Umzugs nicht aus dem Sinn. In einem gewissen Sinne ließe sich sagen, daß damals etwas in mir gestorben ist. Denn was bis dahin gewesen war, beging in dem Moment eine Art Suizid. Der Versuch einer letztendlich dann aber doch nicht gelungenen Auslöschung.
Wie ich ja auch versuche, mich zuweilen in die Zeit vor dieser Art Suizid zurückzuschreiben. Die dadurch tatsächlich an Lebendigkeit wiedergewinnt, ohne dadurch Leben selbst wiedererstehen zu lassen. Was sich von selbst versteht. Während die zwei Jahrzehnte, die auf diese Art Suizid folgten, eher den immer wieder hinausgeschobenen Niederschriften gleichen, die Bernhard in seinen Romanen so oft thematisiert. Alles ist Vorwand, das Blatt unbeschrieben zu lassen, was diese zwei Jahrzehnte Suizid und sozusagen Anpassungsanstrengung betrifft. Die ja letztendlich auch gescheitert ist. Zumindest in dem engen Rahmen, in dem dies “a tu per tu” und en famille geschah.
Nach knapp 1800 Seiten Bernhard werde ich mich von ihm wohl verabschieden für wahrscheinlich eine lange Zeit. Ich bin mir sicher, daß hinter seinen Werken eine musikalische Struktur steckt. Aber ich verstehe zu wenig von Musik, weiß auch gar nicht, ob ich mich deshalb in Sekundärliteratur verbeißen soll. Wahrscheinlich nicht. Es wäre so unsinnig wie damals dem ‘Fimmel’ (ohne deshalb respektlos zu sein) des Freundes zu folgen, über Filmmusik zu schwadronieren anläßlich des damals x-mal gemeinsam gesehenen ‘Shining’. Dieses tatsächlich öftesten Films meines Lebens.
Auch eine Art Auslöschung, auch eine Art Wolfsegg.
Lustig, wie der Tabaccaio mich immer anblafft, wenn ich am Frühabend auftauche, und er sich grad draußen unterhalten will oder sich tatsächlich unterhält. Gestern - die Kartenhexen hatten gerade ihren Kartennachmittag beendet und standen vor schon verschlossener Garage - war er dabei, sich zu dem vorerwähnten Alexander, der eine Bierdose in sich hineinkippte, auf die Schaufensterbank zu setzen, guckte mich an, zeigte auf die Uhr, verzog sein Gesicht: unrechte Zeit, ich hätte vorher oder nachher kommen sollen. Fluchte vor sich hin, während er wieder in den Laden ging. Im Gegenzug bot ich ihm an, bei ihm vorher telefonisch anzufragen, ob ich kommen dürfe. Prompt druckte er mir seine Telefonnummer aus.
Ackerwinden Birkensaum Roggenmuhme Wachtelberg hümmeln in der Ferne, als zu rauchen ich begann und sann und dann tatsächlich mich besann auf mein Gesinggesang.

III,323 <<<<

III, 323 - Vom Unterholz der Namen

Très chaud le vent, merkte es vorhin in der Windkanalgasse, die dann gleich an den Kartenspielerinnen in ihrer Garagengruft vorbeiführt, die ihre Gewohnheit nach einer Mittaugustpause wieder aufgenommen. Gewiß, ich ging Zigaretten hummeln, ohne zu summeln, obschon es brummelte: schon wieder die Schuhe anziehen (der état c’est moi in mir erlaubt kein Barfüßiges)! Wie ich das aushalte, meinte die fast schon unbekleidet wirkende Tullia neulich nun schon zum zweiten Mal: Jeans, geschlossene Schuhe??! Ein “verschmidtst” als Antwort zu erklären, wäre indes zu kompliziert gewesen. Ich könnte insofern Tullia auch “Fränzl” nenn’n. Mutatis mutandis.
Es schluffte sich der Gang in ein “Ecco!”, als ich den Laden betrat. Hingefläzt wie sonst vor der Bar schon wieder dem krückenbewehrten Wieheißterdochgleich (mich befällt zuweilen ein Namen-Tumor) begegnet, der einem/einer Trans zuliebe, wie ich hörte, die Philippinen aufgesucht, die/den er nur übers Internet kannte, von der/dem er mir immer vorgeschwärmt, als wir noch näheren Kontakt hatten, der spätestens dann aufhörte, als er mich ein zweites Mal um Geld anpumpte. Woran er sich nie wieder erinnert hat. Insofern ist es nur recht, daß ich mich jetzt nicht an seinen Namen erinnere. Und bin zu stolz, ihn darauf anzusprechen. Liegt eh’ 2-3 Jahre zurück. Hilft immerhin, die mittlerweile als unangenehm empfundene Bekanntschaft in ein Kühles zu verkehren. Kühleborn.
Vielleicht liegt dahinter sogar eine gewisse Eifersucht. Vom Arbeitszimmer, vor dessen Fenster sich unten auf dem Platz eine Begegnungs- und Konversationskonzentration entwickelt, zumindest in den zentralen Stunden des Tages, hör’ ich ihn oft jovial die Leute ansprechen, und er weiß stets den Namen der Leute, die er mit den jeweiligen Namen tatsächlich auch anspricht. Ich hab’ von all diesen Namen nicht die geringste Ahnung, erinner mich bloß an bloß Gesichter.
Genauso ging’s mir, als ich den Tabakladen verließ. In ihrem Suzuki fuhr vorbei die Pferdeschwänzige, die bei der Mondwanderung neulich (im Juli?) mit einem anderen Ziel als ich den Weg hinunterging, den ich eingeschlagen, aber schneller als ich, und die ich nach ihrem Namen fragte, bevor sie mich überholte. Nada. Ok, “nada” war das rechte Wort: Nadia. Erst jetzt fiel er mir ein.
Er heiße also fortan der Namenlose. Er wäre der Typ durchaus hierfür. Das Stapfen seiner Krücken (irgendeine Deformation seiner Beine), das sein Vorbeigehen signalisiert.
Genau, Bernhard als Krücke:
Auf das Blatt schrieb ich in Versalien ALEXANDER, MEIN PHANTAST genau in die Mitte des Blattes, ohne zu wissen, warum überhaupt ich das Wort ALEXANDER auf das Blatt schreibe. Grundlos, wie mir schien. (Auslöschung)
So heißt er denn auch tatsächlich, zumindest in der italienischen Version, und es kam mir erst über diesen Umweg in den Sinn…
Der Taufname Scander bedeutet abgekürzt, wie der ebenfalls vorkommende Sander, Sandy, Sanny nichts als Alexander… (Jean Paul, Selbertrauung des schottischen Pfarrers Scander-Y mit Miss Sucky-Z, Herbst-Blumine, Zweites Bändchen, VI).
Nach Namen zu suchen, kommt einem Botanisieren im Unterholz der eigenen Synapsen gleich!
Er sei, sagte der Vater des Ich-Erzählers der ‘Auslöschung’, eigentlich ein Waldmensch...

III,322 <<<<

III, 322 - Pasithea

Die langsame Verdichtung des Tages, die so nicht vorgesehen war, aber immer imminenter wurde, je mehr ich mich am Nachmittag in die nach Mitternacht eingetroffenen “Fahnen” vertiefte und mir die Zeit zwar nicht davonlaufen, aber doch sich verjüngen sah, denn es war im Hinterkopf noch ein harmloses Filmchen zum Ausklang des Urlaubsmodus vorgesehen, denn es war klar geworden, daß ich ab heute mich brotarbeitmäßig wieder würde organisieren müssen.
Nach der Korrektur der “Fahnen” überfiel mich ein Heißhunger. So kam es zu einer abermaligen Verdichtung, nämlich zur “mantecazione” eines Risotto, was seine Zeit brauchte und ich diesen Risotto. Auch das Hineinschaufeln brauchte seine Zeit. Der gastrische Reizkern, die haptischen Einwendungen der Gabel, die Augenstiele dabei bildschirmwärts, die in den Fingern juckenden Hinterhältigkeiten, die einem beim Lesen zwiespaltig wie Paarhufer hinterköpfisch entfallen wollen. Und muß nun unwillkürlich an Kuhfladen denken. Hinterher immer: verkneifen, verkneifen, verkneifen! Ohrenkneifer sind’s.
So heißen sie zwar, aber es ist mir nie passiert, daß sie mich ins Ohr gekniffen hätten. Harmlose Tierchen, die im Verborgenen leben. Ich habe schon lange keinen mehr gesehen. Ich fürchte, ich vermisse sogar die Kuhfladen. Dies Weidegesprengsel. Fliegenreich.
Die Abende davor sah ich mir diverse WKII-Dokumentationen an, hauptsächlich Stalingrad, letzte Tage in Berlin. War schon so vollgelesen, brauchte lebende Bilder. Störsender. Als ob Bernhards “Auslöschung” nicht schon Verstörsender genug wäre, die nunmehr Sogwirkung sprießen läßt. Dennoch ist zuzugeben, daß dahinter sich auch Pasithea verbirgt (als ich gestern diesen Namen bei Egger las, war ich plötzlich der Meinung, er sei mir auch in den anderen Büchern gestern begegnet und somit ein ALLbekannter Name, aber das ist eher hypnothetisch einzustufen), als die zu allen laufende, und die Allgemeinheit und das Annehmliche des Schlafes bezeichnende, denn der ganze Stalingrad-Wahnsinn war - zynisch - nichts Anderes als Schlafvorbereitung.
Gleichviel, ich hatte noch die Chance, mir zumindest eine Stunde des Films anzutun, der unten im Chiostro Boccarini lief. Mir war danach, d.h. nach Leuten und Sentimentalität: Dublin, 80er-Jahre-Musik, wahrscheinlich Kitsch. Tatsächlich lief er schon. Und tatsächlich: beautiful blossoming talent and love mit den dazugehörigen dramatischen Fallenstellereien. Eine Art Tristan- und Isolde-Finale: Überfahrt nach England in einer “Nußschale”. ”Have you got any Sterlings?” - “No.” mit dem hypnotischen Ziel: London. >>>> Sing Street.
Ziemlich dreist fragte ich hinterher Gleichaltrige, denn es war ziemlich voll von solchen: “Na, jünger geworden?” (Gestern mußte ich sogar mein ZT-Pensum aussetzen, heute durft’ ich wieder um den Badeteich dort herumgehen: “100 %ijes PuddingGetue”).
Es kam der Vorschlag, noch ein Bier bei Valda zu trinken. Gegen zwei Uhr nachts wieder hier bei mir.

III,321 <<<<

III, 321 - Fallobst

Da ich mir vor kurzem damit geschmeichelt, nach Knoblauch riechende Fingerspitzen zu haben, stellte ich mir vor, ich sagte, nachdem ich mir etwas zugeknöpft (nu, meinetwegen die Hose oder einen Mantel): “Meine Finger riechen nach Knopfloch.” Jetzt, wo ich’s niederschreibe, klingt’s schon wieder schal und wäre eines Onocephalus würdig (vgl. Wieland, Aristipp: Eselskopf). Um dann gestern denselben Witz in ZT wiederzufinden. (begann Sie nicht schon nach Knoblauch zu riechen?!) (520 Mitte rechts im Typoskript) mit der Randglosse: (‘Knopploch’! = ‘Auge’!!-). So daß man füglich behaupten kann, Schmidt sei mein Epigone. Bzw., es spricht sich im Kopf herum, daß ich zum Nachtwächter der Kalauer geworden, weil ich wegen der Etyms jetzt nachsitzen muß (mein halbes Stündchen Entre-Chien-et-Loup-Gymnasium derzeit (‘lüpfen’!)).
Mit um so mehr Lust bescherte ich mir dann gestern Abend abermals aberwitzig nach Ablauch duftende Lingerfitzen. Und ich fürchte dasselbe Rituale fürs Danach in der dämmerösigen Zeit.
Komische Ideen (Urlaubsideen?) zur Zeit. Mir fiel das Wort “Turmalin” ein, dem über Knopfloch der Satz “Im Sprechen wird das Sagen erstickt.” voraufging. “Gott aber sprach…”. Aber sagte er etwas? Was sagt mir das? “Sprach der Rabe ‘Nimmermehr’”, aber sagte er das? Aber wie gesagt, Turmalin. Hinzu kam ein “eingemacht”, ein “gesammelt in spalieren”. Ziemlich würfelgeworfen: “Un coup de dés” (Mallarmé). “s’agite et mêle” (ebd.): er SAGET’s und meliert. Also mich auf Edensteine (daß es solche sind, bedachte nicht der l-lastige Kopf, sondern der Kompaßfinger, dem scheinbar das N lieber gewesen) konzentrieren oder vielmehr ihnen im Hinterstübchen auflauern.
Abgesehen von Hol-ihn-der-Döbel (Berge, Meere und Giganten) gibt’s da noch den Stifter mit seinen Bunten Steinen und bin arg versucht, mir sie trotz Bernhard anzutun: noch ein Österreicher (dieses “katholisch-nationalsozialistische Volk” (aber er hat, den ich ja auch noch weiterlese, schon seine Grandiosität in der Monumentalisierung des Negativen (wahrscheinlich ist es übertrieben, ihn als einen Erdogan der Verunglimpfung dessen zu definieren, was Prinz Eugen, der edle Ritter, den Türken einst verwehrt (die schiefen Schieferdächer der Wereld-Geschicht’, dies Geschiebe und Geschacher (nein, Bernhard gehört auch zu denen, die sagen)))! Bestellen? Hier steht ‘eigentlich’ nur der ‘Nachsommer’, und wahrscheinlich liegt wohlverborgen noch meine entsetzliche Seminararbeit darüber herum, die in einem vertrödelten Braunschweiger Sommer während der Olympiade in Moskau ‘entstand’ (der Herr Professor gab mir eine wohlwollende Vier).
Es scheint, wie dann beim Recherchieren herauskam, daß es im November einen neuen Handke-Roman geben wird: >>>> Die Obstdiebin. Noch ein Obstreicher.

III,320 <<<<

III, 320 - Auch eine Art Hutablage

Jetzt, da alles vorbei, auch die Beruhigungspille, daß am Nachmittag die Massengrill-Utensilien unten auf dem Platz fortgeschafft worden sind, schrieb ich gestern. Heißt: zwei Parkplätze mehr. Die ich zwar nicht brauche im Moment, denn den einen Ferrari (für den Fall der Fälle) trage ich in der Tasche mit mir herum, und der Rolls Royce liegt eh’ unterm Kissen, damit ich besser schlafen kann, aber man kann nie wissen. Eher ein Auf-der-Hut-sein, als ein Hut-auf! (Nee, such’ ich jetzt nich’, die Hut-auf-Hut-ab-Parodie bei Jean Paul. Ich wüßte nicht mal, wo anfangen. (Ick werd’ ma hüten)).
Er einst in Epidauros da mal
Die Sonne schien: es war eine Qual
Kauft’ sich ‘n Strohhut
Und sie: “Steht dir gut.”
Verdarb ihm so, verbibscht!, seine Wahl.
Überhaupt sehr eingezwängt in Fragnischen, deren Antwortnischen noch auf ihren Architekten warten: vorsichtich - jednfalls - wenichst(e)ns (ZT-Wörter). Liegt daran, daß ich die Beginnisse meines Schreibens hier in diesem Tagebuch derzeit formatiere, dabei zwangsläufig im Schneckentempo gegen den Strich, der ich bin, wi(e)derlese, eventuell korrigierend bzw. streichend (wobei ich noch zu zaghaft bin) aufarbeite. Einen Link setze ich nicht. Es ist selbst für mich eine Zumutung, diese Eheelendsendbeschreibung, schrieb ich gestern. Und wobei mich ständig dieses Wort “Zumutung” verfolgt.
In die Tage selbst schlich sich nun tatsächlich Ruhe, derer Herr zu werden ich abermals üben muß. So Kleinigkeiten. Das Essen beispielsweise. Seit zwei Tagen nichts auf dem Herd zubereitet. Brotfresser. Wortfresser. Und endlich heute das Römische Imperium zum Untergang gebracht. Thanks to Mister Gibbon.
Dennoch gestern ein Loch mitten im frühen Abend (die Fü(h)r-Abende). Und mochte dann doch mehr hier am Küchentisch sitzen zwischen Egger (“... Auen // (die zuen Augen) // (wachsen”) und Ibn Hamdis (“Aber als ich mich durch einen Schluck daran laben wollte, flatterte, ein umsichtig Vögelchen, sie hinfort. Nun sag’ mir einer von einer Sonne, die untergeht, wo sie aufzugehen pflegt”) und ging mir anschauen im Chiostro Boccarini >>>> diesen Film. Ein fiktiver Ort, meinetwegen in Kampanien, das Verweben antiker Riten mit Platzkonzerten und Hochzeitsklamauk. Eine Art anthropologischer Film auf dem Drahtseil einer gewissen Musik, in die sich zuweilen die Tarantella einwob. Es gab Momente, da mußt’ ich breit lächeln. Wahrscheinlich dann, als der Dorftenor auftrat und herzhafte Arien schmetterte. Das war grandios. Weil er nur sich meinte und sein Dorfpublikum.
Begegnungen auch, die sich heute wiederholten. Heißt: ein Wiedererkennen von Gesichtszügen, ohne daß man sich kennt, und dennoch ein freundliches Grüßen.
Und werde mich wieder mal an einer Aubergine versuchen, die ich in Scheiben geschnitten und gut mit Salz bestreut.

III,319 <<<<

 



twoday.net AGB

xml version of this page

xml version of this page (summary)

xml version of this page (with comments)

xml version of this topic

powered by Antville powered by Helma

kostenloser Counter

blogoscoop Who links to my website? Backlinks to my website?

>>>> CCleaner