Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Bis Okt. 2017 verboten)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Seit Okt. 2017 wieder frei)
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Tagebuch

III, 343 - Ka

Um diese Zeit gibt es normalerweise keinen Insektenverkehr mehr, also etwa Brummfliegen, Bienen, Wespen, die sich an Fensterscheiben fast schon zerschmettern, hinter denen Sonnenlicht lockt, um sich in es als Freie zu begeben. Es geschah jetzt aber vor wenigen Minuten, daß etwas Käferbeiniges auf der Seite mit der peruanischen Hochzeit (sie 42, er 39, beide geschieden) sich krabbelnd zeigte. Zweimal überlebte es meinen Finger, nach dem dritten Mal blieb es neben dem Wort “decalcomania” liegen. Abziehbild. Obwohl wahrscheinlich Kopien gemeint sind. Mein steinernes Herz.
Wie es ja auch die Herzskarabäen sind, nämlich aus Stein bzw. bestenfalls aus grünem Jaspis. Und so liegt er nun, allerdings ziemlich ungrün, da bis wahrscheinlich morgen früh, denn ich bin umgezogen into the livingroom. Wenn ich den Rest der peruanischen Hochzeit amtlich ins Reine bringen muß.
Weg von dem Toten, das mich an meinen Tötefinger gemahnen könnte. O, ich begrub auch mal feierlich Marienkäfer als Kind, die durch mich ein solches Begräbnis erforderlich machten. Denn:
En général, on réserve le nom de scarabées de coeur aux gros scarabées porteurs du chapitre XXX B ou XXX (gemeint ist das ägyptische Totenbuch), adjurant le coeur de ne pas se montrer hostile envers le défunt lors de la psychostasie, et qui étaient placés plus ou moins dans la région cardiaque de la momie. Michel Malaise, Les scarabées de coeur dans l’Egypte ancienne (Bruxelles 1978).
Sterben sei schließlich nicht verboten, schrieb ich neulich, bevor mir die hawaiianische Hauptinsel auf dem Unterarm (ich schrieb neulich über diese dort sich insular gebärdenden Flecken) unversehens durch das zufällige Berühren einer Kruste eine Blutlava bescherte, “das Ziel schon ins Auge fassend, das Allem was Leben athmet gesteckt ist” (Kleist, Zweikampf). Nichts hatte darauf hingedeutet, denn aus der Wäsche gucken sonst nur Hände, Kopf und Füße (je nun gelegentlich auch die Beine und auch sonst die restliche Landkarte, aber vieles Reisen macht mich eigentlich überdrüssig).
Ich klebte drei Pflaster darauf, wand einen Seidenschal darum, den Ihre Hand mir mal beschert, aber so altherrlich aussieht, daß ich ihn fast nie meinem Hals anvertraut. Seitdem schläft er wie der Vesuv, den ungern ich weckte.
Denn Reisefaule unterliegen leicht den Vulkanen, die über ihnen sich erheben wie Finger, die einem Käferlein “durch einen voreiligen Sterb” (Jean Paul, Nachlese - Saturnalien) den Garaus machen. Es erfuhren so etwas die Pompejaner.
Auch fast so, wie das Heben und Senken der Finger auf der Tastatur, um in der Übersetzung den Originaltext mählich sterben zu lassen. Im Grunde versuchen wir immer, etwas totzuschlagen, und sei’s die Zeit. Somit wären auch für die Zeit Herzskarabäen vonnöten, um ihr zu zeigen, man sei ihr, der toten Zeit, nicht böse.
Was aber auch hieße, man könne durchaus der lebenden Zeit und überhaupt den Lebenden böse sein. Tatsächlich glaube ich, gestern lächelnd böse gewesen zu sein. Sogar zweimal. Weil ich etwas abwegig auf Einladungen reagierte, die eine für eine Ausstellung von Grottesken-Fotografien, die mir der dann wohl Vortragende machte und bei der ich dann auch nicht gewesen bin, die andere für ein immerhin noch ‘eventuelles’ Abendessen, dem Lust keine Blüte treiben wollte. In dem einen Fall sagte ich “vielleicht” und meinte “eher nein”, in dem anderen, sie möge mir eine Einladung per Einschreiben schicken und dito dasselbe.

o cör de ma meer, o cör de ma meer, o herzmusculus meiner wandlungen, zeuge nicht gegen mich, widersetz dich meiner nicht vor dem gericht, zeig nicht feindschaft wider mich vor dem wächter der waage, denn du bist mein ka ...


III, 342 - Were Wereld

Einen Aufhänger suchte ich für den heutigen Tag nach der langen Pause, die wegen der ‘Überstunden’ beim Anfertigen von Gebrauchstexten wenig Zeit für anderes ließ, auch die Lektüre litt. Dunkel entsann ich mich einer Tieck-Novelle: Der 15. November. Beim Herausholen aus dem Regal riß fast ganz der Rücken des Pappbandes ab. Rütten & Loening Verlag, Potsdam, ohne Jahreszahl, aus der Reihe ‘Trösteinsamkeit. Eine Sammlung deutscher Meistererzählungen’. Aus ihm heraus fiel sogleich ein Fünf-Mark-Schein (Staatsbank der DDR, 1975, Seriennummer JI 620623) mit dem Porträt des Thomas Müntzer.
Es stieg herauf ein Nachmittag bei der einen, sagen wir mal zweitärmsten Familie des Dorfes, gleich dahinter folgte gleich die sehr viel kleinere Behausung der ärmsten Familie, man nannte sie wohl auch die Fußballmannschaft, denn die hatten elf Kinder und lebten auf engstem Raum, so sehr, daß einmal einer von ihnen in einer Dorfschulpause versuchte, an mir, also an meinem Körper vorzumachen, wie der Alte auf die Alte steigt.
Wie man später hörte, hatte er es dann tatsächlich bei einer Frau nachmachen wollen, ohne allerdings groß zu fragen. Eine Art Dorfgespräch zu seiner Zeit. Was tatsächlich daraus geworden, habe ich nie erfahren. Ingwald hieß er. Man sah ihn nie wieder. Auch bekamen die Kinder aus der Familie die meisten Rohrstockschläge in der Dorfschule.
Jedenfalls war ich da einmal hängengeblieben als Knabe bei der zweitärmsten Familie. Die hatten einen Fernseher. Und da lief ein Film über Thomas Müntzer, wahrscheinlich DDR-Fernsehen. Eine vage Erinnerung, daß mich der Film rührte.
Gerd hieß der Sohn, mit dem mich etwas verband: wir saßen nebeneinander in der Dorfschule. Es gibt ein gestelltes Foto davon: beide lächeln, haben ein Heft vor sich und einen zugeschraubten Füllfederhalter in der Hand, die nur so tut als ob sie schriebe, dahinter die Tafel. Es gibt ein weiteres Bild, wo ich als junger Parademarschbegeisterter ihn parademarschierend hinter mir her ziehe beim Schützenfest, zum Amüsement vor allem der Zuschauerinnen.
Ihn, den Gerd, rief man irgendwann aus der Schule heraus, seine Mutter sei gestorben. Sie hatte mit Tabletten Selbstmord begangen.
Beide Familien verschwanden irgendwann. Und der ganze Echoraum, den das jetzt hervorruft, reicht hinab bis zu einem gewissen Bubi und seinem Sprachfehler, d.h. ihm gelangen keine D- und T-Laute (er sei, hieß es, als Kind auf den Kopf gefallen), der ebenfalls zu dieser zweitärmsten Familie gehörte.
Gleichviel, Tiecks ‘15. November’ erzählt von einer Sturmflut. Der Name, der zuerst auftaucht, wird nicht umsonst “van der Winden” sein. Ein solches regnerisches und windiges Wetter verleitete mich auch am Nachmittag hier, wo all dies sehr unwahrscheinlich ist, was Sturmflut betrifft, dazu, den vor zwei Tagen gereinigten Ofen doch mal wieder zu heizen.
Die Erzählung allerdings beginnt mit Tulpen und Hyazinthen.
Aber sie endet in einer Katastrophe: Begebenheiten, Rettungen, seltsame Anblicke, Wracks, Licht und Finsternis, Sturm und Brandung, alles wechselte so schnell, das Boot schoß mit Eile dahin, immer neuen Gegenständen vorüber, neue Gegenstände ihnen vorbei, so daß die so wunderbar Erhaltenen nicht zur Besinnung kommen konnten.
Daß mich der Tabaccaio wieder mal mit ‘Auschwitz’ begrüßt und daß gestern wieder mal auf einen Post von mir, der einem Kommentar zum Debakel der italienischen Fußballnationalmannschaft des Sinnes, daß dies sein Analoges in der politischen Lage der Nation habe (Berlusconi nun auch schon wieder! um Himmels willen!) und so auch in deutschen Zeitungen zum Ausdruck kam, in diesem Sinne recht gab, aber eben doch wieder einen Kommentar einheimste, daß nämlich ihm, dem Kommentator, die Deutschen eh schon immer unsympathisch gewesen, stell’ ich mal so hintan.
Der willkommene Raum der Nichtargumentation, die sich festhält am Nichtdenken und einfach nur botanisiert. Allerdings: Rassismus, der gegen Rassismus nonchalant aufbegehrt. A rose is a rose is rose.
Es klopfte an der Tür, nachdem ich mein Süppchen gelöffelt. Herein stürmte V., der Ukrainer, fing an, von Fußball zu reden, vom Trainer der italienischen Nationalmannschaft, dessen Namen ich heute zum ersten Mal gesehen und gleich wieder vergessen habe. Von Hintergründen, politischen und überhaupt allen Komplotten offenen Argumenten. Ich verstand überhaupt nichts mehr.
Bis er auf sein Hauptanliegen kam, er habe sein Auto in der Werkstatt und müsse morgen seinen Sohn nach Narni bringen, wofür, weiß ich nicht mehr. Wir verabschiedeten uns, er mit meinem Autoschlüssel in der Hand und ich mit einem Wunsch für eine Stuhlreparatur.
Wirre Welt.

III,341 <<<<

III, 341 - der spitzfünd’ge Lehrbegriff der Freiheit

Nachrichten aus der Welt. Vorvorgestern. Um 17.54 sei geboren Eva Marie. So kommt nach dem Großneffen auch die Großnichte. Und der Großonkel doppelt sich und überlegt, ob er nicht doch mal wieder nach R. fahren sollte. Und es rührte doch irgendwie. Der Name selbst ein Echoraum.
Einen solchen gab’s auch vorgestern, ein Tag, der sich zumindest tagsüber gewittrig gebar und dem Tag die Hänge vorzog. Einen Moment das Gefühl, ich müsse das Modem vom Netz nehmen, aber das Zählen der Sekunden zwischen Blitz und Donner verschob die Gefahr in sichere Ferne.
Am Tag davor noch rief mich F. an, der Römer, der halb im norwegischen Bergen, halb hier in Amelia lebt. Sonntag abend seien Freunde von ihm hier bei Valda, um Jazz zu spielen. Es regnete nicht mehr, es blitzte nicht mehr, die Welt war trocken genug. So daß ich hinunter ging. Das Betreten der Pizzeria kam dem Verlassen meiner Behausung gleich. Ich hatte Pink Floyd gehört, und hörte beim Betreten Pink Floyd. The Allhologlobesounds der derzeit Allabende. Aber in diesen Compilations wird Ummagumma ziemlich verschwiegen zugunsten des Erlauschbareren. Des in seinen gängigen Rhythmen sich Ergehenden.
Rhythmen. Das waren auch diese drei aus Rom gekommenen Freunde des F. (er habe, deutete er mal an, gar irgendwann das Dante-Institut in Norwegen geleitet (mittlerweile schreibt er Artikel auf Norwegisch fürs Lokalblatt)), die er von seiner römischen Jugend noch kenne, als sie noch 14 oder wer weiß wie alt waren. Auf jeden Fall die Generation der kurz vor dem Ende des WK II oder kurz danach Geborenen.
Und die spielten den Jazz der 20-30-40er Jahre. Schlagzeug, Keyboard, Klarinette. Und begriffen sich tatsächlich als eine Art Konservatorium dieser Art von Rhythmen. War im recht intimen Kreis sehr angenehm. Bewirkte unwillkürliches Lächeln. Eine Art Klangmuseum. Bei einem der letzten Stücke sagte ich zu F., es fehle hier nur noch die Stimme von Armstrong.

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Fra i clandestini nel locale di Valda
>>>> Foto (c.): Valda Coco; Bruno Lampe sitzt ganz links.

Unwillkürlich kam mir jetzt (aber jetzt war gestern) Pavese dazwischen wegen R. und der neuen Großnichte, deretwegen mich sogar die nunmehr Doppeloma, also meine Schwester, vorgestern anrief. Es ging um seinen Heimatbegriff und seine, in dessen Zusammenhang, Auffassung von Mythos. Damals an der FU hätte es schon eine Arbeit werden können, wäre nicht das Unbehagen gewesen, mich in einer Umgebung zu bewegen, in der Selbstverständlichkeit herrschte, wo bei mir nur ein Fremdsein wie ein Tu-More dem Tu-Wat sich entgegenstellte.
Beim Blättern in Paveses ‘Handwerk des Lebens’ diese dick unterstrichene Stelle gefunden (mit Bleistift daneben ein Hinweis auf Stifter, wahrscheinlich - während der Olympischen TV-Spiele in Moskau geschrieben - aus der Zeit einer Seminarbeit über ihn, für die ich bloß eine ‘vier’ bekam, hatte mich aber auch allzusehr an Schmidt dabei verbissen (man erinnere sich seiner Landschaftszeichnungen im stifterschen Sinne: links ein Schenkelchen, rechts ein Schenkelchen, und dazwischen strömt der Bach hervor))):
“Der mythische Ort ist nicht der individuell einzigartige, vom Typ des Heiligtums oder ähnlichem [....], sondern vielmehr der mit gewöhnlichem, allgemeinen Namen, die Wiese, der Wald, die Grotte, der Strand, die Lichtung, der in seiner Unbestimmtheit alle Wiesen, Wälder usw. beschwört und alle mit einem Symbol-Schauer belebt.”
Solange ein Wort wie ‘Zissen’ nicht eingebracht werden kann, weil dieser Flurname für mich nicht mehr genau zu verorten ist, bleibt es bei solchen Worthülsen. Oder der ‘Malloh’, die Fahrt einmal auf verschlungenen Waldwegen von R. nach Knesebeck. Das Wissen um diese Waldwege. Als Kind begleitete ich meine Eltern zu verwunschenen Stellen im Wald, an denen haufenweise Bickbeeren wuchsen. Die blaue Zunge, die man herausstreckte.
Die Vorderen wußten sich damit noch verwachsen.
>>>> Eggers Arbeit, dessen ‘Val di Non’ ich nun auch gelesen, geht in diese Richtung, aber ungeheuer weit darüber hinaus.
Dieweil auch weiter im Kleist, dem eine gewisse Komik selbst in den desperatesten Situationen nicht abzusprechen ist, in der Herrmannschlacht, im Prinzen von Homburg, im vor einer Stunde ausgelesenen Michael Kohlhaas, subsumiert meinetwegen darin:
“der spitzfünd’ge Lehrbegriff der Freiheit” (Prinz von Homburg).
Oktoberrevolution: das Ding an Sich wird zum Centenaire. Um jetzt festzustellen, daß der ‘Hundertjährige’ von Obaldia sich nicht unter O in der Bibliothek zeigen will. Mögte eventuell dem Zettel gleichzusetzen sein, den der Kohlhaas im Angesicht des Kurfürsten von Sachsen verschlingt. Was sind schon Weissagungen einer Oktoberrevolution. Klar, es begeistert allemal, den Chor der Roten Armee singen zu hören. Pathos. Keine Ahnung, wo der Obaldia gelandet ist. Wahrscheinlich in irgendeinem Haufen, der wahllos um sich schießt, um mich von ihm abzuhalten, weil es der Hundertjährige möglicherweise verboten hat, ihn an einem solchen Tag zu zitieren. Soweit ich mich an den Text erinnere, wäre es ihm wahrscheinlich lieber, sich zum hundertsten Geburtstag der Monroe zu äußern. Hm, das wäre in neun Jahren der Fall. Erleb’ ich vielleicht noch. Aber bis dahin ist unbedingt der ‘Centenaire’ wiederzufinden.
“der spitzfünd’ge Lehrbegriff der Freiheit” (Prinz von Homburg).

III,340 <<<<

III, 340 - Er gesellt sich nicht und findet eine leere Mitte

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal zu einer Veranstaltung statt zu Fuß gegangen mit dem Auto gefahren bin. Die Uhrzeit gestern aber war günstig, mit zwei bis drei Gläsern Wein läßt sich noch gut fahren. Da die Anfangszeit schon mit der Dämmerung zusammenfiel, fuhr ich absichtlich direkt in den Sonnenuntergang, bei Tageslicht also noch, und zwar zwei Ortschaften weiter Richtung Orvieto. An der zweiten dann vorbei auf der Provinzstraße, bis es nach etwa vier Kilometern rechts auf eine unbefestigte Straße gehen sollte, die zum Landhaus des >>>> Arturo Annecchino führt. Zwar war ich schon einmal dort, aber es blieb eine Unsicherheit, über die mir das Noch-Tageslicht hinweghelfen sollte. Natürlich fand ich’s: sie hatten ein Schild an der Abzweigung aufgebaut.
So war ich eine Dreiviertelstunde zu früh. Fulvio war natürlich schon da hinter seinem Tisch mit Kasse für die Eintrittskarten. Zog einfach meine Kreise ums Haus herum mit Ausflügen und Stillständen vor der Landschaft, einem Siebenachtelmond voll ins Gesicht schauend. Herbstliche Farbtupfer auf einem Hang gegenüber. Mitten auf dem Land. Und nur erst eine Handvoll Leute. Noch kein Landunter. Nur sich keinem Redezwang aussetzen mit wildfremden Leuten. Wovor ich mich immer am meisten fürchte. Sie wissen die Steine, dein Murmeln, nicht anders als Murmeln einzuordnen. Und wenden sich lieber dem Nächsten zu. Altbekannte Situation.
Ich fragte R. ein bißchen nach der Aufführung, die ich aber kenne. Denn sie hatte schon sechs Proben miterlebt, wollte aber nichts verraten, was ich natürlich verstehen konnte. Indes machte sie sich Sorgen (Sorgen!) um mich, weil ich doch so früh gekommen sei. Und eilte zum Autor des ‘Librettos’, der, wie sie sagte, einige Exemplare davon mitgebracht habe. Tatsächlich tauchte der nach zehn Minuten mit R. wieder auf und kramte die extra für den Abend gedruckten 50 Exemplare heraus (“in occasione della prima prova aperta di Offelia Suite, opera musicale per pianoforte voce e suoni in olofonia di Arturo Annecchino in Lugnano in Teverina, 1 novembre 2017”).
Reichte vollkommen. Weitere Leute kamen, ich las und brauchte nicht zu reden. Bzw. tat es nur, wenn ein triftiger Grund dafür sich ergab bzw. ich mich ihm, dem triftigen Grund ergab. Eine Bekannte erschien. Sie kam nicht zu mir, ich ging nicht zu ihr. Schaute nur ab und zu zu ihr hin, in ihr gesprächsverflochtenes Gegenüber. Irgendwann trafen sich unsere Blicke, ich zwinkerte, sie ahmte meine Stellung nach, die des mit einem aufgeschlagenen Text Dastehenden, und so verstand ich sie gut. Sie hatte mich nicht stören wollen. Heißt wohl auch, es muß etwas ostentativ ausgesehen haben. Was es vielleicht auch war.
Wie viele Leute denn nun kommen würden, hatte ich Fulvio anfangs gefragt. Etwa vierzig Leute, sagte er. Er habe am Ende Nachzügler abwiegeln müssen, denn mehr Platz sei nicht verfügbar gewesen.
Es hatten sich die Leute mittlerweile angesammelt, und so ging es durch die Küche in den großen Raum (living room fällt mir ein) mit dem Flügel am anderen Ende. Ich wählte mir einen Platz auf der gepolsterten Sitzbank fast in der Ecke neben dem Kamin am entgegengesetzten Ende, in dem aber kein Feuer brannte. Vor mir Bänke, und davor Kissen auf dem Fußboden. Eine setzte mich neben mich, die mich gleich darüber informierte, daß sie nicht sicher gewesen sei, es zu schaffen, denn sie habe bei einer Olivenernte geholfen. Schon die Oliven? fragte ich. Alle, sagte sie, alle ernten jetzt Oliven. Es gab eine Zeit… und das Auge aufwerfen, der Bruchteil einer Sekunde einer “aufbegehrenden Aufmerksamkeit”, ein unausgesprochen Ich mir selbst gegenüber. Nein, kein “otra vez”.
Es füllte sich. Ein Klotz von Mann verbarg mir endgültig das Mikrophon, d.h. den Platz der Stimme. Aber das dauerte noch. Eine andere Bekannte kam, nannte meinen Namen, drückte mir die Hand und saß dann schräg rechts vor mir. Auf die Leute schauen. Reden und Nichtreden. Etwas weiter links ein zurückgelehnter Kopf und zwei geschlossene Augen. Oben an den Balken ein paar halbverborgene Spinnweben. Meine sind’s weniger.
Schließlich ging es nur noch darum, auf zwei Leute zu warten, die den Weg nicht gefunden hatten und per Handy dirigiert werden mußten.
Dann ging’s los.
Instrumental war nur das Klavier (links: Arturo), den zentralen und immanenten Teil hatte Ophelia mit ihrer Stimme, rechts die Maschinerie mit den >>>> Off(elia)-Klängen, die aus Geräuschen und dem, was außerhalb der Hamlet- und Ophelia-Sphäre gesprochen wird in der fünften bis siebten Szene von Hamlets Akt vier laut Librettist (hab’ es erst knapp zur Hälfte wiedergelesen, er, der Librettist, erfindet auch eigenes dazu). Auf Englisch zumal statt auf Italienisch wie im Libretto. Ophelia ergreifend, eigentlich perfektes Monologisieren, das in sich spricht und zuweilen die Stimme hebt, auch wenn sie oft nur murmelt. Zunächst sah ich sie nicht wegen des mächtigen Rückens vor mir, bis aus seinem linken Schulterblatt eine Hand in die Höhe fuhr. Da beugte ich mich dann doch öfter nach links. Die perfekte Darstellung einer Hilflosigkeit.
Sie rezitierte (es war kein Singen, sondern ein Auf- und Abschwellen der Stimme bis zum Stummsein) teils auf Italienisch, teils auf Englisch, ein paar erratische Brocken auf Französisch dazwischen. Die Off-Maschine rechts flocht ein Fädchen amerikanisches Englisch mit ein.
In der Mitte des Stücks eine Leere. Es gibt eine Art Telefongespräch mit der “Mama”: die typischen Antworten auf etwas, was man nicht hört am anderen Ende des Telefons. Eine Spieluhr wird vom Flügel genommen und aufgezogen, Arturo-Hamlet läßt sich am Klavier auf einige Töne ein, aber mehr auch nicht. Hamlet. Stille dann. Ich beuge mich nach links. Seh’ sie sprechen, aber nur für sich, stimmlos, die Lippen bewegen sich. Dann ein fortwährendes ‘Mama’. Ein weiteres Requisit eine Schreibmaschine (hatte Arturo schon mal eingesetzt, also eher ein runing gag seinerseits), schreibt irgendwas, verwirrt sich aber und besinnt sich erst am Ende, sich darauf zu besinnen, die Anschläge doch auch hören zu lassen. Ein Brief an die Mama. Wirft das Blatt fort, wie auch schon vorher verschiedene Blätter von ihrem Lesepult. Hamlet-Arturo tut’s ihr diesmal nach.
Nach dieser leeren Mitte intensiviert es sich wieder. Bis zum Schluß alles in einem riesigen Wasserrauschen untergeht und das Stück vorbei war. Im Zurückdenken an dieses fürchterliche Rauschen am Ende bin ich mir nicht sicher, ob sie da das richtige Ende gefunden haben.
Keine Ahnung, ob die “paar Zeilen”, um die mich hinterher Arturo bat (wörtlich: “m’aspetto due righe”), schreiben werde. Was mich störte, ist die leere Mitte und das Wasserrauschen. Der Rest hatte eine wunderbare Intensität. Wahrscheinlich ist dies heute ein dafür Vorgeschriebenes.
Hinterher Gratis-Biowein (der Höflichkeit halber ein halbes Glas). Mochte mich nach einigen Gesprächen und einem “Grazie” an die Stimme und an Arturo nicht weiter aufhalten. Mein Auto stand neben einem dicken Baum, den, geschäftshalber, ich, der’s schon während der Aufführung bemerkte, benutzte, es, das Geschäft, abzuwickeln.
Lag aber nicht an den abschließenden Wassergeräuschen, was naheliegend wäre in der Erinnerung an die Tauglichkeitsprüfung für die Bundeswehr damals, wo eine Offizierin sehr wohl wußte, wie man Urinproben bekommt, indem der Wasserhahn aufgedreht wird.
Außerdem fiel mir gestern dauernd das Wort Palimpsest und die Beatles-Bravour ‘Revolution n. 9’ ein, was ich jetzt aber nicht verlinke, weil es nur eine Assoziation war, und als Illustration, wie ich mich hinterher versicherte, nicht unbedingt taugte, obgleich kein Ohr in mir nach wie vor sich dagegen wehrt. Anzi.

III,339 <<<<

III, 339 - kokoro

Vielbeinig bzw. vierbeinig ist nur das Pferd auf Japanisch, 馬 (uma (auch als chinesisches Schriftzeichen: [ma] mit einem aufwärts gerichteten Zirkonflex auf dem a)), nicht, wie ich gestern auf einen Zettel schrieb, der jetzt oben auf den gerade linkerhand zusammengesuchten thront, nicht indes das Herz, von dem ich schlicht für mich behauptete, es sei ein Pferd mit vielen Beinen, dieses ‘kokoro’ (心), das eher einer blutspritzenden Fontäne gleicht (auch der >>>> Trevi-Brunnen ward nach einem ersten Mal vor zehn Jahren wieder rot gefärbt), als ich’s jetzt kontrollierte. Immerhin ist mir das silbige Japanisch lieber als die chinesische Einsilbigkeit, die mit ‘xhin’ dasselbe meint mit demselben Schriftzeichen. Wahrscheinlich hatte ich beides in Erinnerung, und Herzpferd wollte unreflektiert Behauptung gelten lassen. Es klang so hübsch: “il kokoro è un cavallo con molte gambe”. Besser noch: “dalle molte gambe”. Und nach dem chinesischen Horoskop sei ich im Jahr des Pferdes geboren. Sei’s.
Ich trau’ mich nicht, die Zettel weiter durchzugehen bzw. zu rekapitulieren, wie sinngemäß auf dem nächsten At-Random-Zettel ich mir eingestehe. Heißt ein Sich-Nicht-Trauen, denn der endet mit 22-le-v’là, die sie herbeirief damals, als ich als Kind eines gefallenen Adams durch das Wort ‘Dieb’ zum Teufel wurde, das heißt einem gefallenen Engel, und tatsächlich den Deubel rausließ. Es hieße, mich selbst zu mimetisieren bzw. mimikrieren. Wiedergefunden den Auslöser: ein fallender Adam gibt nur Menschen, ein fallender Engel Teufel - Jean Paul, Springbrief eines Nachtwandlers.
Es ist ja auch in der Mimikry steht’s ein Leuchten (Lampe im Japanischen ‘ranpu’ (ランプ) wohl ein westliches Lehnwort, wegen r/l und möglicherweise die Lautanpassung n/m) uneigentlicher Identität, die sich zwar klaubt, aber nicht glaubt, es sei da eine, weil da keine ist. Weil ja der andere, dem mimetisch sich etwas entflicht bzw. der mimetisch sich einflicht, ein Flicken ist, um den herum sich Gespinste eindröseln.
>>>> Sagmale allzumal. Wie Hirschgeweihe ohne heiligen Eustach aufsteigen aus Töpfen auf dem einen Zettel neben dem mit nur dem Kreuz im Geweih bzw. im Kopf. Dies aber nur ein Andreaskreuz, also ein X für ein U. Wild odours, wild fires, steht da auch noch, Hölzer knicken. Nachlegen.
So weiß ich auch immer nicht, was sagen, wenn der schwadronierende Tabaccaio seinem mitschwadronierenden Gast weismacht, ich sei Deutscher. Schneckworte nur meinerseits: es käme auf die Tage an, heute hier, morgen dort. Also die Negierung alles Identitären, dieser neuen Richtung von Volksgesundheit.
Im Supermarkt D., l’ami belgique, mit Tochter, die mir tatsächlich ein Lächeln schenkte und dabei in die Hände klatschte.
Am Vormittag auf dem Wochenmarkt. Ausschau halten nach Schuhen, nach einer Jacke, aber alles nur Panzer- und Jägertarnware. Mimikry-Muster. Also nur Socken und Porchetta.
>>>> Übermorgen dann dieses, was zuvor noch nachzulesen wäre. Bin gespannt.

III,338 <<<<

III, 338 - Neunerprobe

Ein Hin- und Herschauen, es spannet sich nicht wirklich der Bogen, des Sehne ein wenglein nur straff, fast so wie neulich der Mittwoch (der, einer damaligen Sagerei zufolg’, der Feiertag der Berliner sei, da an ihm dort die Woche geteilt werde), aber heute ist einfach nur Freitag (nach der Abgabe am Morgen) mit Betonung auf der ersten Silbe und es kam fast nichts für die nächste Woche. Und die nächste wird tatsächlich durch einen Feiertag geteilt, den 1. November. So daß mir außer dem Ausstellen von Rechnungen am Einunddreißigsten zum Klang eines “Ein feste Burg…” wohl nicht viel mehr bleiben wird. Und das Schwerherz muß sich zum Brandbrief wegen nicht bezahlter Rechnungen und zum Öffnen des Eingemachten entschließen.
Es handelt sich, wollt’ ich gestern noch schreiben, aber ich kam nicht weiter, doch immerhin, sag’ ich heute, nachdem ich es grad nachgerechnet, schon um eine fünfstellige Summe, die einfach so aussteht, wo der Fiskus mit seinen vierstelligen Sümmchen ansteht. Es heißt bzw. es hieß (fragen kann man niemanden mehr), meine Mutter habe die Wehen um meinethalben beim Melken bekommen, und sei es auch nur meinethalben. Quann’isso te clamava / e “Mate!” te vocava - Jacopone da Todi.
Da kommt die Doppelzeile aus Ibn Hamdîs ziemlich recht, an der ich heute saß:
Du glaubst, sie, die Hand, und ihre Schwester spielten
mit den Fingern auf dem Rechenbrett und übergäben dem Ohr das, was zählt.

Es geht um ein Zupfinstrument. Ist aber noch nicht eingestellt. Insofern kein Link. Klinglink aber zu diesem: >>>> “Eulenklugheit starrt aus ihren Augen, die sich bei ihrer Summa gegen die Heiden ganz auf die Neunerprobe verlassen.”
Doch weder Schwert- noch Schwesterherz lassen sich dagegen ziehen. Es bleibt ein Geschiedenes. Ein Eingescheidetes. Ein einwärts Gebogenes. Im Rechnen verkieselt sich das Wasser, das die Mühle antreibt. Und murmelt immer dazwischen.
Der Gedanke selbst schon erniedrigt, daß einen das in utopischen Vorstellungen von Reichtum erniedrigt zum pseudohedonistischen Tagträumer. Es sei schon Humbug genug, sagt er sich, daß er dem ganzen Humbug bisher dennoch widerstanden. Man kommt da auch immer leicht durcheinander, wie meinetwegen M., die mir neulich sagte, wir seien darum allein, weil wir grantelten, und per Mail anfragte, ob ich sie einlüde zum Oltre-il-Visibile-Event. Gern, schrieb ich. Nur meinte sie heute abend, und ich den Mittwoch.
So traf es sich nicht. Sie habe, schrieb sie, mit den Daten sich etwas vertan. O Vérgen plu ca fèmena - Jacopone da Todi.
Straft um den Wunderbau der Welt ihn nicht,
Der ihn, auf einen Augenblick, verwirrt.

Kleist, Das Käthchen von Heilbronn, V,1

III,337 <<<<

III, 337 - Waldaus taumelnd

Im Wald, dachtest du, als du lasest (oder sollte ich schreiben: als du lestest?), da gebe es Geräusche, die man nicht sieht. Denn wenn man die Straße, den Platz oder sonst einen öffentlichen Raum betritt, ist Ohr auch schon Auge. Im Wald knickt es und knattert es, es hümpft in den Wipfeln, wenn’s klopft, weiß man allen (Callcenter-Anrufen um diese Uhrzeit (20:52) auch abrupt und fast schon beleidigend zu antworten) Erfahrungen zum Trotz, daß es sich nicht um die Tür handelt, über deren nicht funktionierendem Klingelknopf ein “Bussare!” steht, sondern um Picus, den Waldspecht, was einem aus dem Nachbardorf Plastau immer so aus dem Munde kam beim Kartenspielen in der Dorfkneipe. Er meinte natürlich eine Kartenfarbe.
Der Wald wäre insofern ein privater Raum. Der ihn betritt, verläßt die üblichen Konnotationen. Schon Pilzesammeln verlangt eine Art Gespür für (W)Orte, die zunächst im Auge wohnen, eine Art Gewöhr. Es zimmelt sich im “Hier” und würdelt im “Weiter”. Die Ganglien, einmal ersport, sind nicht spröde. Galt immer vor allem für Pfifferlinge.
Und baut zimmernd sich aus den Bau, den er sich in den Boden bohrend sieht. Es höret ihm aber kein Inwohner, ihm ist, so klein sich zu machen, nicht gegeben. So denkt er sich sein Teil. Es fruchtet ihm. Und blickt ins Körbchen mit den Pilzen.
Atom-, denkt er gleich hinzu, Atompilze. Schüttelt aber gleich den Kopf, auch über den neulich bei YouTube gesehenen SciFi-Film, dessen Lächerlichkeit darin bestand, einen Menschen zu einem Alien-Planeten zu schicken, der sich als ein England nach einer atomaren Katastrophe herausstellte. Woher kam nun dieser Mensch?
Es kommt der Fragestellung gleich, warum Egger starke Verben schwach konjugiert?
Kommt es daher, daß starke Bäume im Wind schach werden? Denn ich weiß ja schon längst von ihrem Geraschel. Besonders die Birken am Wegrand, sobald man den Wald verläßt unter dräuenden Regenwolken, die dann plötzlich sich öffnen dem Schirmlosen.
Weniger als “urwald”, wie ich ihn neulich definiert fand, paßte eher schlicht “wald” zu ihm, denn ich glaube nicht, daß Wald noch ein Sein sei außer im Grune- oder Schwarzwald (obwohl hier immer anderes gemeint ist als Wald), nicht aber im Seinswald, dem die Begriffe zugleich zuhanden und abhanden und sich gegenseitig ihr Abhanden- und Zuhandensein stehlen. Soviel zum ‘Herrn der Rede’ von Egger, gestern aus- und auch laut mir vorgelesen auf den letzten Seiten. Es funktioniert, wenn man sich dem Wald überläßt.
Pasithea, [...] eine der jüngern Gratien, welche den Schlaf zum Liebhaber hatte, dem sie Juno auch zur Ehe geben wollte. [...] (Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon), den (bzw. die, die ständig im Buch Angerufene) ich gern jetzt konkretisierte, den Schlaf, das Blatt, den Oktober, den Herbst, den Wald, seinen Geruch, sein Stromern im Bein-vor-Bein. Vorbei.

III,336 <<<<

III, 336 - Straffelaugen harrend

Weckergebell des Morgens. Eher Ritual, als daß es mich wirklich aufstehen ließe. Es hört irgendwann von selbst auf. Und erst die Blase zwingt mich. Und die (gar nicht mal Wünschel-) Ruten auslegen, mich von ihnen bis zum ersten Glas Wein knuten zu lassen. Denn der eine freie Tag neulich war und bleibt Ausnahme. Ein seltenes in der Leere in die Lehre gehen. Es gab Momente, wo ich einfach nur dastand. Und vor mich hin blickte. So wie Aufgabe sich als Aufgabe geriert, wenn sie sich transitiv aufgibt, sich intransitiv aufzugeben. Und beides im Reflexivum. Dennoch reflexlos. So dieses vor sich hin Starren. Ein im Starren Verharrendes. Nur noch zu Untaten fähig, was der allgemeine Sprachgebrauch aber als ‘Untätigkeit’ bezeichnet.
Es geschieht einem in der Welt des Seins. Fast fiele mir ein Terminus wie Käthchen-von-Heilbronn-Syndrom ein, aber ich bin da erst am Anfang. Staune indes über diesen Kleist, an den ich mich sonst nie herangemacht. Den ich mir hervorgekramt, nachdem Eigner ihm die Staffel übergeben. Und kein schlechter Staffellauf. Die ‘Penthesilea’ fast schon verschlungen. Ihr Gebäch ein starr im Elysium stehender Pfeil vor dem Herzen des im Unwetter unbarmherzig vorschnellenden Baches in dann eisig zubeißender Kelter. Und gebieret einen starken Wein. “Achill das Vieh” (Christa Wolf, Kassandra (Kssandra, diese Aussprache vorziehend mit einem sehr plosiven K à la Miriam Makeba)).
Verschüttelt sonst kaum im draußen. Und jedes Hinausgehen belagert von den unlustigen, aber alles beobachtenden oder immer noch kartenspielenden Altweibern, denen Oktobersonnen nachmittäglich sehr laue Temperaturen noch bescheren. Diese Gruß-Kerker. Auch wenn die Kartenspielerinnen wieder einmal umgezogen sind und nicht sooo direkt in mein Gesichtsfeld fallen, ich auch mal grußlos vorbeiwitschen kann.
Und bevor ich heute am Nachmittag, es war tatsächlich warm, losfuhr, um den Weinkeller aufzusuchen und dann noch Kartoffeln zu kaufen (und, man denke es nur, ich googelte heute nach Leberwurst online, aber in Dosen, denn darin hält sie sich länger), machte ich mich tatsächlich (tatsächlich, denn nur, das, was man dreimal sagt, ist wahr (vgl. irgendwo Carroll, Hunting of the Snark)) daran, mit einer Visitenkarte die schwarzen Kommata von der Motorhaube zu witschen, die mir Tauben mit ihren Exkrementen darauf gesetzt, ohne daß ihnen andere Worte als Flüche dazwischengesetzt, als solche, die so flüchtig wie die-die Wörter, die uns in Wirklichkeit genausowenig kennen wie sich selbst (Egger, paraphrasiert).

III,335 <<<<

III, 335 - Balenopteren

Den Wecker gestellt, zwei frühe Abgaben. Und dann nichts mehr (seltene Momente dies, so ohne Arbeit), was gleichbedeutend mit lesen, Gedichte abschreiben (die italienischen, entschied ich mich, um die Zusammenstellung doch wieder voranzutreiben), im Hinterkopf immer den Fiskus, der im nächsten Monat wieder zuschlagen wird, und Praktiken einer gewissen Agentur, die zwar viel Arbeit gibt, mich aber auch mal über Monate am ausgestreckten Arm ‘verhungern’ läßt. Es wird mal wieder ein Schreiben fällig sein, es wäre nicht das erste Mal. Zwar konnte ich bisher sicher sein, daß sie zahlen, wenn auch nach anderthalb Jahren in einem Fall, aber ich muß tatsächlich überlegen, ob ich mir nicht Erspartes aufs Konto fließen lassen soll.
So das leise Lesen abholder Realitäten. Die immer mitrattern. Wie die üblichen Briefe, die er nicht schreibt und schrieb, aber dennoch ständig schreibt. An wen auch immer.
Anders das laute Lesen immer klöppelnder und den Geist, der sie versucht zu imaginieren, herausfordernder Texte, bis die Stimme zuhilfe kommt. “Ein Bindsel feiner Verfrorenheiten.” “Tollende Schwirrfiguren” - Egger, Herr der Rede. Schon klar. Es führte dabei das laute Lesen seine Betonungssilben immer an das jeweilige Ufer, ohne zu erschrecken darüber, was sich unter dem Wasserspiegel des Textes ereignet.
Da geht es ein bißchen so zu wie in Vernes ‘Kapitän Hatteras’:
Tauchte der Blick nun von der Oberfläche in das durchsichtige Wasser hinab, so war das Bild des von Tausenden von Tieren durchfurchten Wassers nicht minder übernatürlich; (es zagt ihm sein Schau’n) bald gingen diese Tiere schnell in die größten Tiefen des flüssigen Elements (wie Texte so sind), und das Auge sah sie nach und nach kleiner und weniger sichtbar werden und zuletzt nach Art der Phantasmagorien verschwinden; bald stiegen sie von unten auf und wuchsen (“Die Würfelverdoppelung des Aleatorischen”, Egger), je nachdem sie sich der Oberfläche des Ozeans näherten.
Es geht noch ein paar Absätze so weiter mit dieser Schau unter die Meeresoberfläche in den Polargegenden, eine Art Halluzination, wie ich sie nach wie vor empfinde. Es handelt sich um das 21. Kapitel mit dem Titel ‘Das offene Meer’.
Der völlige Gewahrsam ist nur das eingefachtere Gewahre als ein-und-ein Dreh der Rede, der allein mit seinen ein-malenden (Fichte?) Augen der Diskontinuität die Weite der Welt umschränkt, und die Absichten dieses eilenden Überschreitens der Zeit aufs Einmal vom Einwand her stellten sich auf der Netzhaut meiner Augen - dar. (Egger, Herr der Rede, 258)

III,334 <<<<

III, 334 - Behold yon mountain’s hoary height *)

Kommt mir schon ganz recht: Ummagumma jetzt. Irgendwas lief verquer gestern. Vorgestern hatte ich meinen Sylvia-Plath-Text rausgeschickt an Fulvio, der gestern den Sylvia-Film projizierte, für den er mich gebeten hatte, eine Einführung zum besten zu halten. Ich habe zwar die Tagebücher mit einem Vorwort von Ted Hughes. Hatte mich indes geweigert, mich in es hineinzuknien, was zumindest das Vorwort betraf. Tat es aber dann. Und ließ plötzlich ihn sprechen. Ratterte das auf deutsch vorhandene Vorwort mit einigen Auslassungen in die italienische Sprache. Er, der andere Protagonist, hatte so sein Wort. Es war kein schlechtes.
Es war da wohl eine gewisse Eifersucht bei mir. Er, der Tagebuch-Vernichter, der Zensierer, so geisterte er immer in meinem Kopf. Sie, Sankta Sylvia. Im Gegenteil kam heraus, er habe doch etwas begriffen.
Nervös dann hinunter mit dem neuen Text und viel zu früh. Das wußte ich. Ging auch bewußt langsam. Nervöse Langsamkeit. Junge Leute und Kinder vor der neuen Pizzeria am Largo Cristofero Colombo. Die’s machen, wurden von Einheimischen bei FB als mutig bezeichnet. Ich hab’ zwei Schultern, die ich heben kann. [Dies war gestern noch, kam nicht weiter.]
Zusammen mit zehn anderen Zuschauern dann noch einmal - dieses Mal mit Untertiteln - dieses im Grunde Eifersuchtsdrama gesehen, denn im Vordergrund wird die Eifersucht bedient und gar nicht mal schlecht dramatisiert. Sylvia Plath als Dichterin hat kein Format im Film. Geschichte, wo Geschichte nicht ist, die leicht nachvollziehbare Eifersuchtsperspektive. Aber kein subjektiver Blick durch die Brille ihrer Texte. Nicht einmal der Versuch. Also künftig lieber keine Pseudo-Porträts. War auch gestern nicht dort. Es wurde ein Film über Leopardi gegeben.
Kurz, ein Text ist nicht die Biographie und umgekehrt, woran all das krankt, was meinetwegen auch über ‘Meere’ gesagt wird.
Heute nochmal Lyrik. Vorstellung eines Gedichtbändchens. Eine aus Orvieto. Im oberen Gang des Kreuzgangs aufgehängte Ausdrucke einzelner Gedichte. Ein Karton mit Kopfhörer, der, wenn man ihn sich aufsetzte, die Gedichte rezitierte. “Peter Steins” Pianist kam ebenfalls. Arturo (unausgepackt hier immer noch eine CD mit dem Titel ‘Faust’, Musik von Arturo Annecchino, Rezitation Peter Stein, am Klavier Giovanni Vitaletti (klar, Goethe)). In seiner Begleitung eine, die dann einige der Gedichte coram publico vorlas. Sie, wieder einmal, eine Dame mit Hündchen. Und saß, wieder einmal, in derselben Reihe mit einer Dame mit Hündchen. Es haben Damen mit Hündchen etwas Apartes, und dreimal schon stellt’ ich es fest in diesem Jahr.
Es folgte ein etwas fades Interview mit der Autorin. Danach ging ich. Das Büchlein lag zwar aus, aber es lohnte nicht die zehn Euro, die es kosten sollte. Wenn ich mich selbst lese, lese ich Besseres. Nicht Lampe sei ich, sondern Lampone (hier: Augmentativsuffix), aber auch eine Him-Himmelbeere, sagte Lampe zu mir. Bzw. zu sich selbst.
Aber dennoch knöternd wieder hinauf. Und auch auf dem Platz, wo M. sich an ihrem Auto zu schaffen machte, war es ihm nicht möglich, anders als schnutend von all dem Zeugs zu reden. Darum, sagte sie schließlich, seien wir allein. Klar, Quasimodo. Ed è subito sera.
Vor alledem Wiederbegegnung mit dem Soratte, gar nicht mal visuell, nur evoziert in diesem:
UNGEHEUER HORAZ. Siehst du, wie hoch die bleichen Berge im Schnee stehen und klamm die Wälder ihre Bedeutung noch zu ~tragen vermögen und die Bäche unter Sternen ihren Punkt erreichen? (Egger, Herde der Rede). Ganz eindeutig das Vides ut alta stet nive candidum / Soracte, nec iam sustineant onus / silvae laborantes, geluque / flumina constiterint acuto? (Horaz, Oden, I, 9).
Nie aber lag je Schnee, in den Zeiten, die meinen Augen gegeben, auf dem Haupte mir, noch auf ihm, nur sie sitzt immer noch dort auf dem Gipfel. Dieser eine Schnappschuß auf dem Gipfel, als noch der Safran blühte. Und Regen uns zwang, der von weitem schon die Landschaft schraffierte.
Der eine kurze Ausblick dann auf ihn beim Hinuntergehen, nachdem ich zuvor noch den Vater des Tabaccaio geweckt, der auf seinem Stuhl mitten im Laden während seines Sonntagsdienstes eingenickt war. “Non c’è anima viva in giro.” Sagte er.

*) Dryden’s version of Horace I,9

III,332 <<<<

 



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