Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.
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Tagebuch

III, 291 - abseitig verwandert

Wattebauschig der Kopf mitten im Nachmittag. Arbeiten war nicht mehr möglich. Das Wort fand ich mal für einen Traum (sehr lange her, muß noch in Wolfsburg gewesen sein), in dem mir die Worte meines Vaters so vorkamen, der im Traum etwas sagte, dessen Inhalt in der Watte verlorenging. Später ähnliche Zustände, allerdings bei Tage. Eine adäquate Entsprechung fand ich dann in der Art, wie Laurie Anderson ihr >>>> ‘O Superman’ singt. Wo der Synchronismus mit dem, was einen umgibt, eine leichte Verschiebung erfährt. So wie bei Filmen, in denen die Stimme des Synchronsprechers nicht mit den Lippenbewegungen des Schauspielers übereinstimmen und ein Abseits entsteht, das dennoch parallel zur Welt abläuft. Und der Kopf tastet sich nur sehr langsam von einem Moment zum andern. Und mit Watte vollgestopft.
Entscheidungen lassen sich dann nicht mehr gefallen, getroffen zu werden. Man braucht schon einen Notar bzw. im vorliegenden Fall eine Notarin, um feststellen zu lassen, daß He der Nachname und Jun der Vorname, dito für Zhou und Guihong. Eine Notariatsurkunde, die hier grad herumliegt, um übersetzt zu werden. Zu beanstanden wäre daran, daß die Notarin Beijing einer Chinesischen Republik zuordnet…
e la >>>> ‘canzone popolare’?
”Ich habe zwei Arten von immerwiederkehrenden Schwellenträumen. Im ersten bin ich unbeschuht und rutsche in den Socken von der Schwelle ab, weil diese, ob aus Holz oder aus Stein, sehr glatt und noch dazu an den Kanten gerundet ist. Aber ich komme doch jedesmal unversehrt auf die andere Seite, und der Schreck ist heilsam: denn ich frage mich im Abrutschen: Wo bin ich? … (Handke, Der Chinese des Schmerzes).
Manchmal geschieht mir der Wunsch, mal wieder Fußballspiele zu sehen, die Zeit zu verdasseln, um dem Augenblick beizuwohnen, in dem der Ball über die Torlinie rollt oder ins rechte obere Toreck fliegt. Immerhin, Manchester führt jetzt gegen Ajax.
Ninno überschritt unterdessen die Schwelle, war einmal mehr zum Beichten aufgelegt. Es ging um seine “compagna”. Die habe nun eine Arbeit in einem Restaurant gefunden, und das könne am Wochenende durchaus auch mal mehr als acht Stunden bedeuten (neulich gar vierzehn!). Das Problem sei, sie habe fünf Schafe und sowieso Tauben und Kaninchen zu versorgen. Das müsse er nun besorgen. Er sei ja nun Rentner, habe vierzig Jahre als Arbeiter gearbeitet (ist allerdings etwas jünger als ich), und er wolle doch seine Zeit lieber selbst bestimmen. Und finde sich nun in dieser Stress-Situation, womit er nun gar nicht zurechtkäme. Ich ging darauf ein wie der Tormann in Handkes ‘Die Angst des Tormanns beim Elfmeter’: Der Schütze lief plötzlich an. Der Tormann, der einen grellgelben Pullover anhatte, blieb völlig unbeweglich stehen, und der Elfmeterschütze schoß ihm den Ball in die Hände. Dankend und sich gleichzeitig entschuldigend verabschiedete er sich.
Gestern erschien auf der Schwelle (die Tür steht nachmittags mittlerweile immer offen) l’ami belgique mit der Luna-Tochter Huckepack, heißt in einem Gestell samt Sonnenverdeck. Das erste Mal seit über einem Jahr, daß er spontan vorbeikam. Jupp, der graue Kater, die ex-Siope, leistete Gesellschaft. Zwei Briefumschlagausträger freuten sich über das kleine Ding mit Windelpopo. Was sie da bringen würden? Gasrechnungen. Sie zu öffnen, wartete ich, bis ich allein war. Ich schluckte.

der schwelle
wand sein
dem auswill
den wellen
deren binnen
aus- und
ingewall-
-gewollt

abseitig
verwandert


III, 290 - Verschraubungen

Die Zwinger riechen nach Fibeln. Fiebernde Essenerzwingung. Text einer Mail als Antwort auf eine “dringende” Übersetzung: “Buon giorno. La ringrazio. Buona giornata.” Obwohl schon der Spätnachmittag heraufzog. Es ging darum, daß das Bordpersonal die Beförderung von Fahrrädern verweigern kann, wenn dies den Bahndienst beeinträchtigt. Wahrscheinlich, weil der Sommer naht. Im Arbeitszimmer aber noch 17 Grad. Ich fange an, mich daran zu gewöhnen. Ein Gang nach unten überbrückt Kühlegefühl allemal.
Samstagabend? Ostello-Graus? Eine Bagatelle, die um drei Uhr morgens endete, als ich mit Pink Floyd und Paul McCartney in Moskau durch war, und endlich das Monstrum gegenüber schwieg. Und ich zwar McCartney’s sich gleich gebliebene Stimme gern wieder hörte, aber ihrer Ubiquität nicht mehr glaube, weil sie dem Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit angehört und nur noch die Reproduktion beabsichtigt. Nicht die Interpretation. Da ist mir Joe Cocker’s ‘With a Little Help From My Friends” doch noch aussagekräftiger. Obwohl auch das Stück schon ewig lange her ist. Aber eben als nicht reproduzierte Singularität fortbesteht.
Kurz: Massenanfeuerung auf dem Roten Platz. Und ‘amaro’ in bocca. >>>> ‘amuri’ no.
Damit müsse ich wohl leben: öffentlicher Platz, öffentliche Stätte, meinte die Handanlegerin. Wenn man schon so eine Wohnung in einer solchen Position sich wählt.
Und mich verdacht in eine hypothetische Hütte als gelegentlichen Zufluchtsort mit nichts als Daunen für solche Nächte. In der Allschweigsamkeit. Es tauchen ab und zu Anzeigen für solche baufälligen Gebäude auf. Wäre zu eruieren. Oder ein kleines Grundstück mit einem Wohnwagen darauf. Als Zuflucht vor der Zuflucht.

die eine wurzel : dankbarer
atem : eines fauligen baums

ich wachs’ mir ein übel
im leben : das zu verwandeln
auch ein erdulden fürs fleisch

Salvatore Quasimodo


Von >>>>hier
Zu allem Überfluß geben jetzt die Verschraubungen des Stuhls nach: ein jähes Sinken. Es ist immer gut, scheint’s, gelegentlich die Schrauben zu kontrollieren.

III,289 <<<<

III, 289 - Huckeduster

Rasten in Verhöhnung etwelcher Ruhe, reden ununterbrochen. Nervengraus. Platzüberschreitend als Sich-Trauende, entern Vakuen. Etablieren Assembleen, nicken, denn Abend dämmert, Atropos mischt Szenarien. Fürchte Radau: Ostello mahnt.
Vielleicht aber doch keine Diskothek. Was auf dem Platz anströmt, gehört allen Altersgruppen an. The Wall. The Wall. The Wall. Eräugte auch meinen Friseur.
… swerve of shore
Ich werde ihn zur Rede stellen müssen in der nächsten Woche. Haare runter. Bart runter. Zwei Zähne raus. Aber das ist eine andere Geschichte. “Ciao a tutti!”.
… to bend of bay
Eine Hochzeit? Eine Kindtaufe? Eine Konfirmation? Ein Leichenbegängnis? Nach dem Essen Totentanz?
Am Nachmittag schon Bewegung. Es wurden Dinge ausgeladen, ins Ostello gebracht. Ich verfiel zeitweise in eine Depression. Ausgeliefertsein. Quantité négliageable. Aber unabhängig davon selbst beim Aufwachen das Gefühl: pufft der Meuchel, heuchelt nimmermehr des Daseins Puff. So stand ich dann uff. Lazarus, vom Himmel erweckt, in den morgendlichen Donner hinein sich erhebend.
Erschreckt auch von einer Roboterstimme am Telefon, die mechanisch meinen Namen und eine seit fünf Tagen unbezahlte Rechnung erwähnte. Ich solle das Geburtsjahr mit den beiden letzten Ziffern des Jahres eingeben, was ich tat, aber die Stimme bat mich erneut. Ich tippte die beiden Ziffern nochmals, da stand dann etwas Ähnliches wie 2525, so ein Hit von 1969 (Zager & Evans: In the Year 2525). Natürlich bin ich nicht 1925 geboren (Himmelswillen!), aber das muß ich ja niemandem aufbinden, wann genau. Da drückte ich auf den Ausknopf. Kurz danach fiel Internet aus.
Strafe für die nicht bezahlte Telefonrechnung? Abermals Depression. Es lähmte mich die Vorstellung, es handele sich um eine Strafe. Zugegeben auch der Umstand, offline zu sein. War nicht angenehm. Zwar hatte ich gestern versucht, die Rechnung übers Internet zu bezahlen, aber der Service war out of order. Und ohne Internet war es unmöglich, das nachzuholen.
Ich hätte es auch auf das Gewitter schieben können.
Auf den Treppenstufen, die zum oberen Ostello-Eingang führen, haben sie Lichter aufgestellt. Eine kurze Mikrophonstimme, ansonsten das Gemurmel der Stimmen.
Nach dem dritten Ein- und Ausschalten des Modems kam das Internet dann doch wieder. Und beklagte die Verlorenheit, die mich ohne es befallen. Als erstes bezahlte ich meine Telefonrechnung.
In all diesen Stimmungen kam ich um meinen gestrigen Beschluss herum, nach unten zu gehen. Was nun wirklich nicht mehr ging. Gegangen. Ganz. Von hinnen.
Commodius vicus! Indeed. Brunonis vicus. Hü, Lampus [eines von den vier Pferden der Sonne, [...] welches von Λάμπω, ich glänze, so viel als das glänzende heißt. Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon]! Auch in der Küche gäbe es doch einiges - und ganz zu schweigen vom Schreibtisch (zwei Dreiviertelausreden) - zu tun.
Jetzt eine Mikrophonansprache. Wird wohl ein langer Abend werden. Also Weißwein a go go und wahrscheinlich Pink Floyd als Gegenpart. Nur: bis wann? Ohrenstöpsel liegen parat.
Es gibt nichts Schlimmeres als sich versammelnde Menschen. Ich, sagte meine damalige Braunschweiger Freundin, sei ein Huckeduster.
Subscribed!

III,288 <<<<

III, 288 - piazza bella piazza

Gestern. Stimmen. Heute. Laute Musikgeneralprobe. Drei Minuten. Gefühlte Unruhe. Gestern. >>>> Der Transporter “Tutto per la musica” hatte sein Heck nach hinten bewegt. Junge Männer erreichten ihre Autos (zwei), während sie miteinander sprachen, fuhren davon. Ein junger Mann stieg aus dem Geisterschiff, das er zuvor wieder ein wenig in den unteren Ostello-Eingang hineingeschoben. Heute. Sonst rührt sich nichts. Gestern. L’ami belgique tauchte auf. Stand wie verloren auf dem Platz, zog hastig an einer Zigarette. Zuhause bei ihm geht das nicht mehr. Seine einjährige Tochter. Sah sich selbst diese Manöver an. Während er hastig an seiner Zigarette zog. Bevor er selbst in sein Auto stieg, tauschte er ein paar Worte mit der Widergängerin des Platzes, die immer hin und her geistert. Mal eine Minute sich hinsetzt, wo’s gerade paßt, um dann gleich wieder aufzustehen. Manchmal bewegen sich ihre Lippen. Dann geht sie scheinbar nach Hause, ist aber bald wieder zu sehen, erreicht ihren Sitzplatz. Und so immer wieder von vorn. Als ich vom Tabaccaio zurückkam, saß sie unter den Bäumen, die gestern Nachmittag verwaist standen. Keine Kartenspielerinnen. Ich fragte sie danach. Sie antwortete mir mit einem “Morgen”. Heute sitzen sie wieder am Tisch.
piazza bella piazza
sulla quale soleggiato
il brutto fa domenica
seduto come chiazza
variando portamento
e cercando di mandare
in tilt la fame – pazza
mi sento dentro cavo
recipiente, come in
attesa di caffé la tazza

(13/8/07)
… als Ulpia noch ein gewisses Appeal auf mich ausübte. Ein Poemchen von damals benutzte den hübschen Ausdruck “circa il massimo”, heißt “cerca”, meint aber auch, daß man am Circus Maximus vorbeikam, wenn er sich die Mühe gab, den ganzen Weg zu ihr vom Collosseum aus zu Fuß zurückzulegen. Das Poemchen aber scheint verloren zu sein. Man kommt auch am römischen Sitz der FAO (was mich daran erinnert, daß ich Hunger habe), am Denkmal für Skanderbeg vorbei, bis die Cestius-Pyramide sich zeigt.
Nein, bitte jetzt keine Rom-Nostalgie.
Heute zum dritten Mal die Handanlegerin, Anspielungen auf Staubablagerungen, war auch schon fast dabei, die beiden dunklen Rosen, die nun seit Anfang Januar vor sich hin welken, aus der Flasche zu ziehen, die mitten auf dem Tisch in der ‘Küche’ steht (vielleicht eher schon das Wasser in der Flasche wegkippen). Ich verbot es ihr! Italienerinnen sind überhaupt zuvörderst bemutternde Mütter. Auch Tullia bewies diese These neulich, als sie mir einen netten Besuch abstattete: du solltest, du müßtest, du könntest… Ich wußte nicht mehr, wohin ich laufen sollte, um es aus den Ohren und in den Wind zu schlagen.

III,287 <<<<

III, 287 - Das tote Fleisch lebt wieder auf

TUTTO PER LA MUSICA SERVICE AUDIO E LUCI PER CONCERTI & EVENTI steht auf dem riesigen Transporter, dessen Vorderfront gleichsam ins immer mal wieder Ahndungen hervorrufende Ostello hineinragt. Verlassen wie ein Geisterschiff. Es rührt sich trotz der Klamaukaufschrift: nichts. Also immer mal wieder aufstehen. Versuchen zu dechiffrieren: Interpretationen sind sinnvoller als Panikattacken, selbst wenn sie Unsinn projizieren. Eine Disco-Nacht gab es schon in diesem Frühjahr.
Weiter vorn unter den beiden Bäumen des Platzes stellen nunmehr die Oberstadthexen bei gutem Wetter ein Tischlein auf, um das sie sich, Karten in der Hand, versammeln, auch Zuschauerhexen gesellen sich dazu.
Sie begannen damit am 1. Mai. Da stand der Tisch noch vor der rosafarbenen Mauer des Ostello. Der Tisch wurde zu meinem Rücken. Die aus der Hand auf den Tisch gelegten Karten entschuppten mich, wie es ja in der Walpurgisnacht davor tatsächlich geschehen war. Müßte ich mir also wünschen, daß sie weiterhin Karten spielen. Aber ließ auch schon wirkliche Hände an meinen Rücken. Ich konzentrierte mich auf den kühlen Tropfen Gel, der auf die Haut aufgetragen wurde.
Dabei sitzen die Oberstadthexen ganz unaufgeregt an ihrem Tischchen. Konzentriert, könnte man sagen. Aber sie haben ja auch keinen Kasten Bier neben sich stehen. Wichtiger Umstand das, weil ich gerade an die Zeit zurückdenke, in der ich selber noch Karten spielte im Braunen Hirschen. Zumindest gelegentlich. Eher Doppelkopf als Skat, was ich erst später lernte. Aber es ging laut zu: “Hose runter!”
Nun sind sie verschwunden. Und die Hosen (hoses!) so heruntergelassen: werden zu Sansculotten. Der Platz ist leer. Die Guillotine der Dämmerung, der Jubel der Mauersegler. Und der Druck-er schalt’ sich aus: Timeout.

DIE AHNUNGSLOSE
... cupiditates velut mala ulcera eruperunt.

Wie aus Verwesungssaft die neuen Leben
aufwachsen bis zum wimmelnd-Überreichen
und finstre Pflanzen aus der Tiefe streben,
genährt vom flüssigen Ferment von Leichen,

Kelche sich öffnen, welche Wunden gleichen,
aus deren Blut sich gelb die Stempel heben,
wie Puppen platzen, welche in den Weichen
des fleischig-carneolnen Blattwerks kleben,

so keimen aus dem Herzen mir Gedichte
von einer bösen Art. Die Blätter hauchen
menschlichen Brodem, der wie Trauer trifft.

Und angelockt vom blutigroten Lichte
bückt sich die Ahnungslose; und es tauchen
die Finger in ein ätzendscharfes Gift.



III, 286 - Stets heißt’s: “Sie kommen.”

Oft erscheint der Wald der Welt, der einen immer mehr umzingelt, nicht wie einst auf der Wiese hoch überm See, die aus dem Wald die Hände kommen sah, die ihn empfingen, während unten der See die Fischlein hervorbrachte, die Lattarini, denen man meinethalben in Marta ein Fressfest widmet, wie allerorten im Sommer solche Fressfeste stattfinden, hie Schnecken, dort Hasen, hie Wildschwein, dort ad libitum, Gemüse und bestimmte Nudelsorten sind auch erlaubt. Ein Kartoffelfest ist mir bislang nicht untergekommen. Also bereite ich mir selber eins vor.
Da ich immer lache, wenn in einem Text zur Beförderung des Fremdenverkehrs die Etrusker erwähnt werden (“Schon die Etrusker…”), müßte ich jetzt selbst über mich lachen, wenn in diesem Text zur Beförderung des Befremdens auch plötzlich von solchen die Rede wäre, obwohl sie ante portas sind. Aber zum Glück weiß man nicht genau, wo sie sich regelmäßig da am See trafen, ihre sozusagen Generalstaaten. Aber ich lache nicht. Und beschränke mich auf den Wald, der nunmehr gleichsam handlos mich scheinbar zu empfangen sich anheischig macht, aber noch wartet mit seinem Näherkommen, vielleicht auf den Augenblick, daß die Rückzahlung des Bafög fällig wird.
Ist zwar längst gegessen, aber als Metapher immerhin so schräg wie der sich nähern wollende Wald bzw. das ja eigentlich gewünschte Näherkommen des Waldes. Aber vielleicht “in jedem Fall nicht mehr auf der Erde” (Bernhard 911), wie die eine Hälfte des Doppel-Hasen “in Geutschens Garten bei Ulm”:
Beide Hasen waren so mit ihren Rücken ineinander eingewachsen, daß der eine Haupt und Läufe gegen den Himmel strecken mußte, wenn der andere, auf dem er lag, mit allem diesem über die Felder setzte und abfraß; und so umgekehrt, weil sie sich wechselseitig umkehrten; denn war der eine Hase des Laufens und der Ätzung satt, so stülpte er sich mit allen Vieren gegen den Himmel, und nun konnte auch der Ferien-Hase auf der Erde laufen und äsen. Ein solcher Doppelhase [...] ist nun der gute Jetzo-Mensch von Bildung: immer kehrt er vier Läufe und zwei Löffel nach oben, um seinen Wandel im Himmel zu führen, indes er mit den entgegenstehenden auf der Erde umhersetzt und satt wird. (Jean Paul, Museum X)
… oder mit der Sonne auf dem Rücken (der nun endlich Ferien-Hase, der lange genug meine Nerven geäst) unterwegs zum Markt, sich Saubohnen mit den vorderen Gliedern zu grabschen, die gerade Hochsaison haben. Gilt sowohl für die Saubohnen als für die vordersten Glieder des Daktylographen. Das Bild mit der Sonne auf dem Rücken hinkte, wenn ich nicht hinzufügte, ich sei den Hügel rückwärts hinabgegangen. Rückwärts wieder in die Welt hinein. Wäre Schreiben etwas Anderes? Gegen den Wald, der im To-morrow, and to-morrow, and to-morrow” (Macbeth, V, 5) sein eigentliches Movens zum Umzingeln bekommt.
Und stand einmal mit ihr vor einer abgelegenen etruskischen Nekropole (kompliziertes Manöver, auf dem engen Weg das Auto wieder in die Rückfahrposition zu bringen): in den Fels gegrabene Totengemächer, in die man besser nicht hineinging wegen der nunmehr Fledermauspopulation, die einem plötzlich entgegenflattern konnte. Was vom Tode zu denken, darüber sei zwischen uns ein andernmal die Rede, nicht jetzt, nicht hier.
Er unterschriebe indes keineswegs die beiden Schlußsätze von Vonneguts Erzählung ‘Morgen … morgen … morgen’: “Das Leben war gut. Er konnte kaum erwarten zu sehen, wie es weiterging.” Selbst wenn er, nicht Vonnegut indes, zugeben wollte, er habe am Samstag sich den gesamten European Song Contest angeschaut, bloß weil er darauf aus war, den Portugiesen gewinnen zu sehen, dem Einheitsbrei zum Tort. Müedekeit? Möglich.

III,285 <<<<

III, 285 - pe-cu-liar

Zu den Wenigen, denen ich meine Peripetie recht dramatisch vortrug vor nunmehr Wochen schon (wann diese Wochenwerke begannen, vermag ich nicht mehr zu sagen, sie stellen sich jetzt eher als ein Kontinuum dar, dessen Entstehung im Dunkeln liegt (es war Nacht, aber davon, ob ein Mond schien, weiß er auch nichts mehr (die Fingernägel sprachen: es sei! und es ward. Und so schieden sie ein Davor von einem Danach.))), zählte auch Ulpia. Natürlich ein erfundener Name. Sie verhält sich eher wie eine getreue Faustina, sofern sie es denn tut. Dann aber ganz so, daß einem unbehaglich wird.
Da ihr Ähnliches mit der Haut geschehen, und wir uns schon lange kennen (auch sehr nah schon kannten), nahm sie sich’s - wie man so schön sagt - zu Herzen.
Fing an zu insistieren mit Dingen, die sie betroffen hatten, die sie aber nun auf mich projizierte hinsichtlich der Verhaltensweisen, drohte gar, mir eine Putzfrau zu besorgen (nachdem sie’s überstanden, fand mithilfe von Freundinnen bei ihr sofort eine Generalreinigung statt (also eine Art Ersatzhandlung)), bot mir an, mich zu beherbergen, um rechtzeitig morgens um 7 bei einer renommierten dermatologischen Klinik in Rom mein Nümmerchen für eine Untersuchung zu ziehen. Und ich solle überhaupt den Hautarzt wechseln.
Eine für meine Begriffe fürchterliche Einmischung. Wie froh ich doch sei, sagte ich mir, daß das Übel in der Walpurgisnacht nicht grad ins Juchhei der Besen sich verfangen, aber doch ein wenglein geläutert worden. Gelöst ist damit noch gar nichts. Bald soll es warm werden. Charon heißt das sich nähernde Hochdruckgebiet. Zwei Gewitter in den letzten beiden Tagen gaben ihm schon seinen Segen und meiner Sorge ums Modem den Rat, den Stecker herauszuziehen. Ich sollte meine Arme intensiver eincremen, um nicht dauernd zu einer Maximalbedeckung gezwungen zu sein. Zig (natürlich übertrieben) verstaubte, zum Teil aus dem vorigen Jahrhundert stammende und sowieso ungebügelte Hemden, weil ohne Schrank, aber nischt anzuziehen. Quod erat demonstrandum.
Mein Körper sei eine Rostlaube, und der Name Ulpia ist eh nicht belegt. Es gab einen römischen Juristen namens Ulpian.
Nicht zu vergessen Diarrhea Dee-lite (Pynchon, Gravity’s Rainbow - er wurde gestern 80) at Eastertide left aside. Ah, ich hab’s gefunden: Ul-pia / Would you think me mea cul-pia (im Original bei Pynchon: Ju-lia / Would you think me pe-cu-liar / If I should fool ya, / In-to givin’ me-just-a-little-kiss?, paßt irjndwie bezogen auf eine ganz bestimmte Situation, sofern man den Namen und den Situationen ihr jeweiliges Recht einräumen will. Dann bleibt vielleicht ein Übeltreter auf unsicherer Schwelle im Ungleichgewicht, Le miel que nul été / Ne peut mûrir. (Bonnefoy, Dans le leurre du seuil).
Mittlerweile aber weiß ich, warum ich damals zu Beginn des Studiums (mit meiner heutigen Rostlaube in der damaligen Rostlaube) keine Geschichtsveranstaltung besucht habe, obwohl ich mich fürs erste Semester dafür eingeschrieben als Nebenfach. Erst jetzt lese ich in der einbrechenden Senilità ein Geschichtswerk, Gibbons ‘Verfall und Untergang des römischen Imperiums’ in der neu erschienenen Ü von Michael Walter. Es liest sich leicht und man staunt über die Vielfalt der Quellen, zuweilen entspricht einer Seite Text eine Zweidrittelseite Fußnoten. Aber es bleibt die Aktenkundigkeit des Seins. Ihr entschwebt kein Geist. ‘Krieg und Frieden’ bleibt doch immer noch die bessere Geschichtsschreibung. Eine Frage der Authentizität.
Und nichts ist authentischer als der Mythos, und wenn man so will, auch die Bibel, sofern man sie als solchen auffassen will. Und natürlich Grimms Märchen. Usw. (I.e.: Ulpia singt weiter, was sie ja auch tatsächlich tut).

III,284 <<<<

III, 284 - aképhalos

Putten sind eben doch ein bißchen ‘putt, als ihnen die Flügel gleichsam aus dem Zwischenreich herauswachsen und zwischen Kopf und Himmelblau emporsprießen, als wäre die blaue Trauer der Türken (“Die Türken trauern blau” - Jean Paul, Museum IX) ihnen himmelfahrig genug (im Dom zu Amelia zwei von den Türken erbeutete Flaggen), d.h. dem Nichts, dem gern verhaßten, dem gern geschaßten, dem Leib zumal, so daß plötzlich eine Enthauptung sich wie eine Befreiung des Kopfes vom Leib anhört. Selten aber werde ein halber Teufel gezeichnet: “der Satan tritt immer ganz auf” (ebd.).
Das war am Vorabend des ersten Mais. In der Nacht hatten mir die Hexen auf dem Flug zum Blocksberg die roten dicken Schuppen vom Rücken weggemopst. Geblieben war am Morgen nur noch eine dünne kaum fühlbare Schicht. Womit zumindest in der Hinsicht Erträglichkeit einzog. Ganz ohne die von Hippokrates verschriebene Salbe, die ich anderen Händen hätte anvertrauen sollen. Wahrscheinlich lag es auch daran: keine anderen Hände an meinen Rücken heranlassen zu wollen. Und so unterließ ich es, nach zwei gescheiterten Versuchen (einmal zu voll, einmal zu spät) Äskulap wegen des hausärztlichen Rezeptes aufzusuchen. Zum Teil Arbeit vorschiebend, zum Teil den Unterleib, was sich in einer metaphorischen Aufgehobenheit von selbst aufhebt.
Weil der eben auch ins Erträgliche ein Un hineingepfuscht. Und der abermalige fromme Wunsch “Ich war ganz Kopf” (Jean Paul, Museum X) beschreibt bei ihm, Jean Paul, auch nur das Anfangsstadium als Fötus im Mutterleib, “als ich schon aus einem entschiedenen Nichts ein großer Kopf geworden war”, im Alter von zwölf Stunden, d.h. ein Verhältnis von ungefähr 46000 Halbtagen zu 1, ein genügend langer Zeitraum, um unterwegs in den Tag wie die Aurora in einer Erzählung von Alberto Savinio auf der römischen Via Flaminia nach und nach die Gliedmaßen zu verlieren (hatt’ ich mal übersetzt, weiß aber jetzt nicht, wo der Text liegt), um wieder ganz Himmelblau zu werden.

Barfuß aus Mondsand hervorschreitend,
Siedelst du, Aurora und Freude und Liebe,
Mit deinem Echo im irrenden All, und läßt hinter dir
Im Fleisch der Tage
Den ewigen Schleier einer Wunde wehen.


Von >>>>hier
Und es ist eine Art zu finden, all das zu “besprechen”. Ein Wort, daß man, ich weiß nicht ob heute noch, benutzte für die Praktiken einer mir verwandten Person von damals, die dafür bekannt war, die “Gürtelrose” durch “Besprechen” zu heilen. Geerbt habe diese Praxis meine ehemalige Nachbarin, mit der ich in der Pubertät oft und gern Monopoly spielte und die dann den Enkel besagter Verwandter geheiratet, der mein Couscousin ist, sich aber auf den letzten beiden Schützenfesten so verhielt, als ob er mich ignorierte.
Gestern beim Schließen der Fensterläden in der Küche schaute oben ein halber Mond vom Himmel. Ich hatte mir vorher eine Dokumentation über den Korea-Krieg angeschaut, natürlich very US. Auf den Landkarten erschienen die Stellungen der Amerikaner mit der UN-Flagge. Im Film sah man nur Stars and Stripes. Es sei doch aber gar nicht so verkehrt, meinen Körper mit dem Korea-Krieg zu vergleichen. Zuweilen fühlt man sich in die untere rechte Ecke von Pusan zurückgedrängt, zuweilen fordert man gar die Chinesen heraus, um dann wieder zurückgedrängt zu werden. Ich sollte mir eine koreanische Version dieser Geschichte heraussuchen. Denn was weiß man schon vom Korea-Krieg?
So auf der inneren Landkarte zum Halbmond zu finden, dem verlorenen Gleichgewicht des Körpers, der nicht mehr so funktioniert, wie er noch vor drei Monaten funktioniert hat.
Seit zwei Tagen sieht man den Tabaccaio wieder. Zwei-drei Wochen lang war nur seine Frau im Laden. Eine Erkundigung ward vage mit “Krankheit” beantwortet. Nun trägt er einen ‘jungen’ Bart, auf den ich ihn ansprach. Seiner sei schöner und ließ die Finger kurz an meinem streichen. Meiner aber, sagte ich, sei weißer.

III,283 <<<<

III, 283 - Röcke

Die sich übereinander stülpenden Röcke, weit ausladend. Nicht einladend, die Blöße findet im Kopf statt oder vor Äskulap. Der aber heischt Hände für tägliche Abreibungen da, wo manchmal das Gefühl herrscht, Dinge hinter einem wahrzunehmen, die man nicht sieht, sondern nur spürt, aber eben nicht auf der Haut, wie etwa Hände einer anderen Person. Und alles so gar nicht wie hinter bzw. sieben Röcken bzw. Bergen, d.h. in unbestimmter und nur ins Blaue hineingedachter Ferne und meinetwegen auch aus ihm herausgedacht mit Unter-Dach-Und-Fach-Funktion (unwillkürlich fiel mir heute der einstige Spruch wieder ein: “Das kannst du halten wie ein Dachdecker.” (Und so bekommt auch das seinen Rock bzw. Dachstuhl, als wär’ er bzw. er Hose wie Jacke)).
Vor wem aber die Röcke heben? Und heranlassen an die dunklen Inseln auf einem eingeschränkten hellen Meer. Es gibt Tage, da läßt sich auf ihnen wohnen. Sogar Nächte. Die halbe Welt käme in Frage: von der Elfenbeinküste bis Usbekistan.
War auch schon drauf und dran, meine Röcke beim Lumpensammler Hippokrates zu verpfänden, weil die Abreibung dessen formeller Verschreibung bedurfte, aber vor dem ebenerdigen und gut einsehbaren Wartezimmer angekommen, nahmen die Röcke gleich wieder Reißaus und gingen sich weiden am Gras, das über die Dinge wächst. Bis dann der Mai dem abhanden gekommenen April ein “apriti!” wie der Aperitif den Magen speisewilliger, den Rücken handsamer und den Röcken doch noch den Garaus macht. May it happen. Happen it must. Maybe.
Auf der Rückfahrt durch die Gassen erwischte ich dort, wo die Landschaft sich öffnet, Ibrahim, der prompt zustieg, um Schritte zu sparen. Ich staunte, nachdem ich ihn gebeten hatte, mir beim Schleppen der auch noch besorgten Gasflasche zu helfen (die Wettervorhersage will noch nichts von Temperaturen wissen, die ohne alles Heizen erträglich wären), daß er sie sich mir nichts dir nichts auf den Nacken lud. Wo ich sonst zu einem schief gebauten Skelett werde, meist rechtslastig der Erde zugeneigt.

eine links-herum-rührung
oder
eine rechts-herum-rührung
ändert nichts daran
daß es sich
um ein rührstück handelt
in das hinein sätze
verrührt werden
die eher nach
pantomimik heischen
denn nach wieder-worten


III, 282 - Vor sechs Tagen

Musik braucht er jetzt nicht, der Echsenpanzer, der ihm wächst, nicht jetzt. Der Körper selbst in einer Woche auf das Tara-Gewicht herabgesunken. Aber man weiß es nicht, man hat keine Waage. Daß er tagelang nur Flüssiges zu sich genommen, steht schon mal fest. Das blanke Schwert, auf dem er ruhte, der feste St(r)ahl, den die Nacht gezückt, während das Anwachsen des Panzers vergessen gewesen, und er schlafen konnte. Aber dann das Schwert. Das ihm dann dräute, plötzlich wieder aufzuzucken. Schneller als seine Beine es geschafft hätten, Reißaus zu nehmen. So entsteht Furcht. So entzückt Demut sich in Furcht. Und wandelt sich zum Gekreuzigten. Es ist sehr einfach. Zumal einem ein Panzer wächst.
Wovon man dann lebt, ist unerheblich. Zuvörderst von der Schwäche, die man verhätschelt. Der man zu trinken gibt. Mehr Körper ist kaum möglich als im Gefühl der Schwäche des Körpers. Nur der Kopf bleibt ausgenommen, dem die Schienen aber doch manchmal zuwachsen von Körpergestrüpp. Noch ist es nicht so undurchdringlich wie die seit Jahrzehnten brachliegenden Bahnschienen der Osthannoverschen Eisenbahn mitten durch die Felder, die Wälder, freigehalten nur die Bahnübergänge, auf denen nicht mehr die Gefahr besteht, von einem Zug überfahren zu werden. Fahrschüler, bade, was an Brust Dir noch geblieben, im Gestrüpp der Nacht, dem Beileibesein. Schlaf, der an Gaunerzinken hängenbleibt.
Folglich - eine Frage der Flüssigkeiten - kam ich wenigstens am Karsamstag wieder auf die Idee, mir Simon Rattles’ Matthäus-Passion-Aufführung anzusehen. Das war aber gleichgültig. Ich meine, die Wahl des Tages. Wichtig war, ich durfte mich gehen lassen - eine Frage der Flüssigkeiten. Es war nicht die Versöhnung (merkwürdiges Sohn-Etym (die zwei-drei Fotos, die ich als Jugendlicher von Ihm geschossen, zeigen lediglich eine Karikatur eines nicht ernst genommenen Menschen (das Wort trifft’s, so empfand ich ihn, als zu kurz gekommenen Menschen, als Vater nie))) in der Musik, sondern in den Gesten. Ein ähnliche Wirkung übt nur noch Pasolinis Evangelium auf mich aus. Kein religiöses Gefühl, obwohl man das Religiöse spürt. Da steckt es, sagt man sich. Und alles in einem sehr unschriftlichen Sinn.
(Zitatausklang von heute, dem 24.4.:
Weil diese Küchlein nicht gekaut, sondern geschluckt werden müssen, gleich denjenigen, so die Cosmische Familie zu Florenz in ihr Wapen aufnahm [Anm.: Die Medici in Florenz, von denen mehrere den Namen Cosimo trugen, hatten in ihrem Wappen Kugeln oder - dem Geschlechtsnamen entsprechend - Pillen.]; so sind sie nicht für den Geschmack gemacht. Was ihre Wirkungen anbetrift; so lernte bey einem ähnlichen Gefühl derselben Vespasian zuerst das Glück Deines Namens erkennen, und soll auf einem Stuhl, der nicht sein Thron war, ausgeruffen haben: VTI PVTO, DEVS FIO! [Anm.: Wie ich glaube, werde ich ein Gott. Ironischer Ausruf Vespasians, als er an einer Darmerkrankung starb.] - Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten)

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