Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.
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Tagebuch

III, 280 - Bei Äskulap

Gegen zwei löste ich mich kurzentschlossen vom Schreibtisch. Es war nichts mehr abzuliefern. Aber die Ballhörner setzten mir zu viele Tuten und ebenbildlich Blasen auf die gar nicht mal geometrisch abgebildete Körperfläche, sondern verkörperten sich im Schmerzraum, gumpten, hornbosselten, als wollten sie mir in den jeweiligen verrenkten Verzuckungen klar machen, wie vielleicht John Clarks Schneider es angestellt, “an seinem Leibe jede Verwachsung nachzuspielen und sich in jede einzuschießen” (Jean Paul, Museum - II).
Schon in den letzten beiden Nächten ließen mich diese Borstenzöpfe lange dem ‘in einem Fort’ entsagen und die Hand bzw. die Extremitäten der Finger maulschellig behandeln, auf dass sie keinen Blutacker auf all den Abschellerungen für die lenzliche Spiegelernte ziehen.
Es war eine Stunde vor der Sprechstunde, und ich lief stracks. Ich brauchte eine chemische Formel, zusammengezurrt in die Form einer per os, also durch die Gurgel-Schnute einzunehmenden Flachscheibe, genannt Pharmakon. Aber das Wartezimmer war schon voll.
Der einzige freie Stuhl stand im prallsten Sonnenschein nah der Tür. Die rechte Gesichtshälfte nahm die Form eines Sonnenpolsters ein, aber im unbesonnen vorbewussten Drängen erhaschte ich bald einen unbesonnten Platz, denn stur auch hätt’ ich gern an der Tür festgehalten, die offen stand.
So wie das Lesen in Eggers ‘Harlekinsmäntel & andere Bewandtnisse’ (hieraus die kursiven Wörter) zwar offene Eingangsohren fand, aber auch Ausgangsohren, aus denen sie ziemlich unverdaut wieder herauskamen. Doch fehlte es nicht zuweilen am Inkrement der Anverwandlung, trotz des dunklen Tappens im Geäst des unzuzweit. Es war schlicht das handliche Format, das ihn mich mitnehmen ließ.
“Deutsch.” So der neben mir, nachdem ich in den Schatten geflüchtet, aus der Nachbarschaft, der ins Buch hineingeschielt, sonst fanden wir bisher keine Distanzen zerstörenden Grußherzlichkeiten. Also dennoch Wiedererkennen. Er habe mal in Basel gearbeitet.
Aufgeschnappte Sätze: “Eh sì, siamo a fine marzo.” - “E quanti anni ha tu’ madre?” - “Ma quell’altra ne ha 106!”
Bis ich dann doch endlich fingern durfte an meinem freigemachten schwärigen Schalksnarrengewand: das sei neu, das an den Armen des Armen, und da am hinteren Oberschenkel sei auch was Neues. “Tip.” “This is a ttrinch. This is mistletropes.” (FW 9). Ziemlich geschundenes Dasein zur Zeit. Hier zwei Mal die Unterlippe an die obere Zahnreihe pressen und die Lippen einen U-O-Laut formen lassen. Und Äskulap verschrieb.
Es träumt sich allemal besser, wenn die Nacht keine Ungeheuer losläßt. Oder meinetwegen traumlos tief.
Und noch schnell zur Post, nach der schwarzen Katze der Neffen Ausschau halten, die aber nicht zu sehen gewesen. Denn deren Mutter bemuttert sie, die Neffen, wieder mal eine Woche in Rom. Und Lampe muß Katze füttern. Neffenmütter in Rente sind… das Gegenteil der “prästabilierten Harmonie”, “kraft welcher späterhin alles durch die in den Dingen angelegten Tendenzen hervorgeht”.

III,278 <<<<

III, 279 - Oder auch nicht

Kühler Nordwind. Die Sicht ging bis zu Sant’Angelo Romano weit unten im Latium. Jedenfalls vermute ich es, daß dessen kleiner Kegel, den ich irgendwann auch einmal besucht (wahrscheinlich mit dem damaligen Fiat 500), demjenigen entspricht, den ich am Horizont gesehen. Könnte auch Montecelio sein, das dicht dabei liegt. Sich aufkegelnde Orte wie die Gemeinde Orte, der Absender der “atti giudiziari”, die ich, den Horizont beim Hinuntergehen absuchend, während der Nordwind kühl fächelte, von der Post abholte. Das falsch geparkte Auto.
Hatte mich auch nur deshalb hingetraut, weil auf einem weiteren Zustellzettel von vorgestern eben von der Gemeinde Orte die Rede war. Da wußte ich Bescheid. War sogar erleichtert, denn es handelte sich ja nun nicht mehr um die alte Steuergeschichte, die schlimmstenfalls auch sehr aufkegelnde Wirkungen zeitigen könnte.
Nicht wirklich im Sinne des Kegelbaus wie in der Bernhardschen Korrektur, wo alles gegen Ende in ein Tragisches transferiert wird, das in eine nimmer enden wollende Beklemmung hineingeboren wird. Bernhardsche Texte sind in diesem Sinne eine Hebammenkunst: sie verhelfen der Tragik zu einer ins sinnhaft Sinnlose sich steigernden Geburt oder umgekehrt und verhallen im ständigen eintönigen Rauschen wilder Bäche, in die in verzweifelten Momenten hinabgeschaut wird unter Hintansetzung aller zielgerichteten Gedanken. Denn die einzigen zielgerichteten Gedanken sind auf Fetische, auf Kalkwerke, auf zu errichtende Wohnkegel gerichtete Gedanken.
Von zehn Seiten Bernhard am Tage, genauer am Nachmittag, bin ich jetzt auf sechs Seiten am Tage, genauer am Nachmittag herabgesunken, was ohne weiteres naturgemäß geschieht, sofern sich ein solches Herabsenken der täglich gelesenen Bernhardseiten (wohlgemerkt am Nachmittag, wenn meinetwegen auch die Sonne hereinscheint durch das Arbeitszimmerfenster >>>> linkerhand (wie ja auch tatsächlich beim Hinuntergehen der ganze Horizont linkerhand lag), womit ich aber dennoch dem alten Trick aufgesessen bin, daß der Daumen da links ist, wo die Hand rechts ist, aber der Link und der Gang geben mir indes wieder mein Recht zurück, denn sonst stimmte es nicht, und ich täte der Reminiszenz des ‘linkerhand’ sowieso damit unrecht) - wie soll ich sagen - von selbst als Selbstverteidigung versteht oder auch nicht, es könnte auch eine Verweigerung der Selbstverteidigung sein, die sich nicht schon beim Lesen einstellt, sondern erst beim Nachwirkenlassen des Gelesenen oder vielmehr vor dem Öffnen des Buches am nächsten Nachmittag.
Ansonsten verfolgen mich Handelsregister, in denen Tätigkeiten zur Erbringung von Dienstleistungen zur Ausübung von Handlungen ausgeübt werden, die auf die Dienstleistungen der Beratung usw. hinauslaufen bzw. abzielen. Und oftmals kann es sich um das und das handeln, aber im selben Moment auch wieder nicht.
Und/oder-Mentalitäten. Womit auch Bernhard gemeint ist. Da lob’ ich mir Sankt Kierkegaard und sein Entweder Oder.

III,278 <<<<

III, 278 - Einäugigkeiten und Niemande

Ein Auge fiel heraus, abends beim Zähneputzen. Es machte ‘klack’, und der Zyklop sah nur noch verschwommen. Das Auge war flach und breit genug, um nicht den Gang allen Wassers ins Abflussrohr zu nehmen. Das Glasauge. Und die Verwünschungen mochten auch nur Wortbrocken einem davonsegelnden Niemand nachwerfen. Statt der Felsbrocken, wie es neulich der Ätna, der ebenfalls Einäugige, getan und einen Trupp Niemande zum Laufen anspornte. Zum Schlafen brauchte ich das Auge allerdings nicht. Das Problem stellte sich erst am nächsten Morgen. Und nun habe ich zwei Brillen, eine neue, dies gestern der erste Gang, und eine reparierte, die ich mir heute abholte.
Im Rucksäckel der Abholschein für die postlagernden “atti giudiziari”. Ich fand, wie gestern schon, Ausflüchte genug, nicht hinzugehen. Die Vorstellung baut Fürchten vor dem Schreck auf, hinter dem Schrecken auf der Lauer liegt. Oder auch nicht. Die sieben Schwaben vor dem Hasen.
So darf ich mir wie zu Beginn meiner ‘Krankheit’ wieder einmal das Schlimmste vorstellen. Kann sein, daß ich gerade daran Gefallen finde. Sich dann in die Arbeit flüchten und auf den Niemand warten, der einem Wein einflößt. Und am frühen Morgen, im Schlaf noch, das Schaffell des Rückens malträtieren, das einem unter den Fingernägeln den Niemand in den Tag entführt, weil man nichts sieht als den eigenen Balken im Auge. Ganz unabhängig vom Verlust eines Auges.
Es muß wohl dies die Erschöpfung sein, die den Zyklopen überkommt: es wimmeln ihm vor dem Auge immer nur Fliegen, die er in der Not frißt, bis die eine doch noch, einer Tarantel gleich, zusticht.
Neulich am Vormittag, ich hatte einen Termin, entdeckte ich ihn dann doch einmal, den ami belgique, ganz für sich und ohne einjährige Tochter, mit einer Schachtel Zigaretten, einem Heft, in dem Notizen eingetragen waren, am hinteren Tisch einer Kaffeebar-Terrasse. Er bemerkte mich nicht. So nahm ich erst meinen Termin wahr, allerdings umsonst, denn alle Türen waren verrammelt. Kein Klingeln fruchtete. Bis über einen Hinweis an der Tür klar wurde, daß an jenem Tag eine nationale obligatorische Weiterbildung für das Personal auf dem Programm stehe und somit alles seinen üblichen Gang gehe: Tut uns leid. Trotz der hinterlassenen Telefonnummern keine Absage. Die gefundene verlorene Zeit.
Ich setzte mich dann zu ihm. Stockendes Gespräch, wie üblich mit ihm. Gewann Zeit, indem ich mir einen Cappuccino holte. Was ich mitbekam: er habe so seine Zufluchtsorte, normalerweise sitze er woanders mit seinem Heft. Die Schachtel Zigaretten vor ihm war leer geraucht. Er schreibe an seiner Biographie. Jedenfalls so seine Idee zur Zeit.
Ich ging dann. Ein Fürsichsein sollte man vielleicht doch nicht stören. Merken fürs nächste Mal. Auch Paul Gurk schrieb an irgendwelchen Tischen in öffentlichen Lokalen, die er wechselte, sobald jemand ihn dort erkannte. Heute war ich wieder dort, aber der ami belgique war nicht zu sehen. And this is me belchum, mind your heads goan in (FW 9 bzw. 8).

III,277 <<<<

III, 277 - Die Hühner picken

Irgendwas ist schiefgelaufen seit dem 9. März. Man könnte es so formulieren: die Verweigerung der Worte für etwas, das auf einer rein physiologischen Ebene ‘an-ästhetisierte’, wo das ‘an’ sich als Privativum geriert. Aber es würde auch ‘ästhetisieren’ reichen, um aus dem Bereich der Narkose herauszukommen, obwohl mir Narkotika zuweilen ganz recht gewesen wären. Gut, daß es Bekleidung gibt, so etwas zu kaschieren. Auch sich selbst gegenüber. Zumindest tagsüber. Genauere Beschreibungen unterlasse ich lieber. Ich mag keine pathologischen Begleitschreiben. Mache lieber blauen Dunst und sage es mit dem, was ich nicht sage.
Denn es, dessen Ansehen unerwünscht, affiziert weder den Strom der Gedanken noch den Blick auf Sonstiges. Meinetwegen auf den Slip der jungen Dame, der genau den Blick dorthin lenkt, wo alle Pornographie vermuten, wo aber nur ein schwarzer Strich ist, der zwar provoziert wie das Sagen mit dem, was man nicht sagt, aber dennoch eine Funktion auf den Beschauer ausübt wie das alte Spiel: Drück mal die Lippen zusammen (meinetwegen so, wie man Schtrump jetzt oft darstellt) und sag mal: “Die Hühner picken”! Oder man lese einfach nur Rühmkorfs ‘Über das Volksvermögen’.
Denn auch das schwebte mir während meine Ästhetisierung (siehe oben) in diesen Tagen immer wieder vor, daß man einer Werbung von Yves Saint-Laurent den Garaus gemacht, weil dort ein allzu mageres Model (das Vordergründige! zu wenig Fleisch!) im Pelz mit Rollschuhen an den Füßen so in der festgehaltenen Hinfallgeste sieht, daß die Beine auseinandergehen und ein schwarzer Slip-Strich erscheint. Hübsch! Dacht’ich. Da ist das, was da ist, eben doch nicht da.
La esibizione (in genere) è l’atto fondamentale della psicosi narcissica. La trasposizione dell’atto esibitivo primo in atto esibitivo a contenuto sublimato si determina con una procedura che la è simbolistica ed analogica; avendo cioè ricorso a due delle principali funzioni del meccanismo psichico o addirittura mentale nostro: la funzione simbolistica, la analogica. Tu hai sostituito la esibizione dell’opera buona alla esibizione del genitale e della bella persona: quest’opera è il simbolo inconscio di quello, e il publicarla è operazione “analoga” al publicar quello. (Gadda, Eros e Priapo)
Die Hühner picken. Und so kam’s mit moralisch verkniffenen Lippen aus aller Munde. Statt Porno- eher Phonographie. Aber auf der anderen >>>> Seite.
Eine Assoziation zum letzten Tango in Paris war da. Allerdings hat sie, Maria Schneider, unter diesem Film gelitten. Man leidet unter dem, was man lieber verbergen möchte. Wäre ich ihr Jahrgang, ich wäre auch schon tot. Scheißgeschichten.
Wie heute im Briefkasten. Ein Zettel zum Abholen von “atti giudiziari”. Ein halbes Stündchen Herzklopfen: Gerichtsakten! Das wäre morgen unbedingt der Neugier zu entreißen.
Mich rettete der Stadtdezernent für die amerinischen Kulturgüter. Der hatte auf Umwegen über Kolumbien darum gebeten, die Kapelle sehen zu dürfen mit den paar Fresken, die dort noch zu sehen sind. Und so ging über Kolumbien meine Handynummer zu ihm. Machte Fotos mit seinem Smartphone von der Madonna und den vier Ovalen mit Heiligen. 16. Jahrhundert, schätzte er.
Was ich so mache? Am Schreibtisch sitzen und übersetzen. Kurz, die Andeutung, es seien neue Prospekte geplant und die entsprechenden Übersetzungen. Obwohl ich eher einen Zustand wünschte, in dem keiner etwas von mir will, mir aber dennoch all das zukommen läßt, was ich brauche.
Grad so ein Unort, wie der nebenhin gemachte - nunja - Vorschlag der Ex-Schwägerin: wenn ich Lust hätte, könne man ja manchmal gemeinsam zu Mittag oder zu Abend essen, sie sei ja nun allein. Unort, aber mitnichten Utopie. Kurz: es ist alles ein entsetzlicher Unsinn.

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III, 276 - Aus der Heia in die Penne

Aus der Heia in die Penne. Strategien der Verweigerung. Schulgänge einst. Ich schlurfe… stand auf dem Zettel, der vorm Spiegel stramm steht, es steht noch mehr drauf, aber das paßte jetzt nicht. Aus der Heia in die Penne: denn ich bemerkte einmal auf der Hälfte des Weges zur Schule, daß ich ja noch die Puschen anhatte.
Es waren überhaupt abenteuerliche Wege zur Schule. Der eine ging durch eine Riesenscheune, die zu nichts mehr diente. Manchmal standen darin Autos mit den Kennzeichen DO und WI, die gehörten den Söhnen der benachbarten Familie, die mal grad zu Besuch da waren. Natürlich kombinierte ich mir einen DOWI daraus. Für deren Kinder war ich irgendwie Schmuddelkind, wenn ich mich dazusetzte, wurde ich weggeschickt. Weil ich zuhören wollte. Bekam aber deren abgetragene Klamotten, was mir höchst peinlich war. Erst waren sie zu groß (es gibt tatsächlich noch ein Bild von einer solchen Peinlichkeit), dann zu eng. Besonders in der Pubertät die Hosen des einen Sprößlings. Wenn ich, vom Kartenzimmer kommend, wo ich ‘ehrenhalber’ ‘Dienst’ tat (immerhin bekam ich dafür vom Klassenlehrer, von dem ich gelernt, daß Kriegsheimkehrer - er sprach aus eigener Erfahrung - eben alles andere als bejubelt werden, einen Band mit deutschen Erzählungen (von Aichinger bis Walser): “Dir, lieber B., als Anerkennung und Dank für die Hilfe im Kartenzimmer”, datiert: 14.3.1969), über die langen Flure des riesigen Schulgebäudes zu meiner Klasse am anderen Ende zurückkehrte, war immer das ebenso peinliche Gefühl des sich fürchterlich beulenden Hosenlatzes da. Und das Enge dem Iste in der Bewegung fatal. Besonders, wenn einem Mädchen begegneten.
Der andere Weg war ein schmaler Gang zwischen dieser Scheune und dem angrenzenden Hof. Hoch oben über ihm entdeckte ich im schmalen Himmelsspalt erstmals den Mann im Mond mit seiner Kiepe auf dem Rücken.
Noch einer führte über den Hof des benachbarten Bauern, wo ein fürchterlicher Hund angekettet lag, der auch sofort wild anfing zu bellen und an der Kette zu reißen. Daraufhin ging es durch den süßlichen Geruch des Kuhstalls.
Eine andere Strategie bestand darin, den Weg über den Hof des Gasthauses zu benutzen, der einen etwas weiteren Umweg bedeutete. Dort gab es einen Tordurchgang, bei dessen Betreten ich immer anfing zu singen, weil ich mich fürchtete. Ich weiß nicht mehr wovor.
Den Dorfkern zu umrunden wäre ein zu weiter Umweg gewesen.
Auf die andere Seite kommen.
Einmal versteckte ich mich, weil ich nicht wollte. Aber es fehlte mir dann doch an Durchhaltevermögen.
Einmal im Winter rieb ich mich nachts auf dem Weg zum Plumpsklo an einem Schneemann in der Hoffnung, daß mich dann eine fürchterliche Krankheit befällt, und ich folglich der Schule ledig, in der ich sowieso der einzige war, der die Planeten in der richtigen Reihenfolge hersagen konnte. Aber das war vor der Pubertät. Es war kein sexuelles Verlangen nach dem Schneemann dabei.
Wie komm’ ich jetzt auf den ganzen Mist? Richtig: ich las ein kurzes Interview mit Marianne Rosenberg. Die sei 1970 in Rio bei einem Gesangswettbewerb gewesen. In der Jury habe auch Paul Simon gesessen. Der soll ihr gesagt haben, sie würde keine Stimme von ihm bekommen, weil sie aus Deutschland komme.
Da fielen mir gleich die beiden New Yorker Juden in der Brüsseler Jugendherberge ein, die mich und meinen Freund im selben Jahr schmähten. Hitler hier und Hitler dort.
Sie, Marianne Rosenberg, habe sich damals nicht getraut zu sagen, daß sie die Tochter eines Auschwitz-Überlebenden sei.
So daß mir spontan meine Kuhdorf-Atmosphäre ge...
Kafka: Ein Käfer kroch über den Bildschirm.
In echt.
Rechts vom Text von unten nach oben.
Graustufenalarm. Ausgeutscht!

III,275 <<<<

III, 275 - “Da quale dove a noi quel chiasso arriva?”

Im Verhallen der Echos, von welchem Wo kommt uns der Lärm? Oder: Wenn Echo in Echo verhallt, von welchem Wo aber kommt uns der Klamauk… Neulich abends auf einem Zettel, dieser minimale Tanzboden, beim Lesen zweier Zeilen, die in mir nachhallten, von Ungaretti.
Über den Platz bis zu mir klingt leis’ Musik, wahrscheinlich aus dem Bioladen, ein Vogel zwitschert lauter, aber leiser als die Glocke davor die halbe Stunde läutete. Heute nach der Demo aus Anlaß des Frauentags (es würden auch Männer dabei sein mit einem Transparent) ein Aperitif dort, im Bioladen, ich seh’ schon die Tische vorbereiten gegenüber.
In der Zwischenzeit kommt Trommelschlagen näher. Demo mit Trommelschlagen also. Folklore der X-Beliebigkeit. Na, ich weiß nicht, ob ich mich aufraffe trotz Einladung, zum Aperitif zu gehen. Ha!, Fanfaren. Völlige Zusammenhanglosigkeit. Ich muß mich gleich mal ans Fenster stellen…
Nichts zu sehen. Oder sie sind alle schon vorm Rathaus gelandet. Statt des Trommelns meldete sich ein Vollgas gebendes Moped jetzt. Und im Jetzt erklang kurz eine Hupe.
Es ist tatsächlich nicht immer leicht, in den Gassen das Wo einer Klamaukquelle ausfindig zu machen. Immerhin absurd, den sogenannten Frauentag zu betrommeln. Einen anderen Anlaß zu diesem Trommeln als diesen Tag kann ich mir aber auch nicht vorstellen. Wahrscheinlich eine Idee der Bürgermeisterin, die die Demo dann auch empfangen wollte. Wie es hieß.
Der Aperitif beginnt in vier Minuten. Aber meine ungewaschenen Haare stehen zu Berge, das rechte Knie meiner ungewaschenen Jeans hat einen Rußstrich. Der kommt vom Stampfer, den ich heute noch einmal in Gang gesetzt habe. Für morgen wäre vielleicht doch noch etwas Holz übrig. Dann aber definitiv das letzte.
Die Haare kann man waschen, die anderen Jeans sind gewaschen. Das Gehirn, verstaubt wie es ist, mit seinen abstrusen Projektionen, kann sich jedennoch nicht einseifen, es bleibt eine staubige Kammer des Abstrusen. Wie die Haut. Die ihn, den Staub, hervorbringt. Und rote Rosen treibt, die nicht sehr lebendig aussehen. Aber auch nicht verschwinden. Sie grüßen des Morgens, des Abends, des Nachts. Und den Tag übertagen sie. Unlust, den Doktor aufzusuchen, Unlust, die Pillen zu nehmen, Unlust, weiterhin Vollkornbrot zu essen.
Jetzt erklingt wieder die Musik von gegenüber. Etwas Hymnisches. Von der Art eines Halleluja. Wie eine Art gemeinschaftliches Singen. Es wird mir unmöglich sein, dorthin zu gehen. Auch die Glocke klingt wieder.

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Je suis allé. Denn der Tabaccaio war fällig. Faute de mieux. Man wunderte sich, daß ich den Prosecco pur wollte, statt mit Orangensaft. Die Frage nach den Trommeln wurde dahingehend beantwortet, daß die Demo sonst auf einen tristen Schweigemarsch hinausgelaufen wäre. Was in einer Zwölftausendeinwohnerstadt Sinn ergibt, wo Megaphone Unsinn stiften. Immerhin: Unsinn stiftet Unsinn. (Meine letzte Demo, an der ich überzeugt teilnahm: irgendwann in den Neunzigern zu Beginn der Berlusconi-Ära: eine hübsche Menschenmenge!) Und überhaupt: mehr Männer als Frauen im Bioladen.
Ein letztes zu Gurk noch. Wer sich mit ihm beschäftigen wollte, käme um die biographische Skizze im Anhang zu Gurks ‘Berlin’-Text (bewußt jetzt ‘Text’, es wird gleich klar werden) von Magnus Chrapkowski nicht herum.
Sehr gegen meinen Wunsch erschienen meine Bücher, wenn sie die gehörige Länge haben, als Romane. Ich schreibe keine Romane. Mir ist das viel zu langweilig, wenigstens soweit das in der heute üblichen Technik geschieht. Ich kann diese Technik gut und habe ihr für meinen Privatgebrauch manche scherzhafte [...] Bezeichnung gegeben: die Gänsemarschtechnik, die Zopfflechttechnik, die Kreuzworttechnik, die Auflösetechnik (Kriminalromane z.B. sind gewöhnlich in dieser Technik geschrieben. Vom Ende aus ist rückwärts komponiert, man könnte sie auch Rösselsprungtechnik nennen). Ich halte diese Techniken alle für Posthorntechniken, gut in einer Zeit des Posthorns. Ich aber arbeite mit Visionen und habe demgemäß die Blitzlichtaufnahme, die Röntgenaufnahme. Die übliche “Füllung” lasse ich fort, das Putzen des Wachsdochtes, die allseitig herumgehende Petroleumlampe. Gurk in einem Brief an R. Möbius, zitiert in der biographischen Skizze.

III, 274 - Wenn Rosen das Gegenteil von Rasen, rutscht er vom Hocker

Eine große Heuschrecke lag auf den Stufen, die zum Hof hinaufführen. Leblos. Nach dem großen Regen gestern war sie fortgespült. Wer weiß wohin. Sciroccoregen brachte sie wohl neulich. Auf der Windschutzscheibe feine Sandpartikel dann immer. Einmal ebenfalls so ein Riesending an der nach Süden gehenden Hauswand. Organisches inmitten des Anorganischen. Der Minibalkon, den wir hatten, war eher ein Proforma. Ganz zu Anfang, als wir dort in diese erste Wohnung einzogen, diente er immerhin als Loge für eine Polizeiszene unten auf der Straße. Ein Polizist fuchtelte rechtfertigend mit einem Beutel in der Hand in die Runde: Ecco! Wohl ein Drogeneinsatz. Damals.
Die Rosen, die Hosen, die Chosen. Sie, die Rosen, halten steif an ihren Hosen fest und wollen nichts fallen lassen. Sie trinken aber auch kein Wasser mehr. Der Pegel in der Prosecco-Flasche (“La Gioiosa” - Valdobbiadene (ich liebe dieses Wort: alle sprechen es in meiner Vorstellung falsch aus, so daß ich mir vorkomme als der Hüter der Aussprache (der Akzent liegt auf dem O (woraus sich auf Umwegen diverse Schlüsse ableiten ließen, denen ich aber kein A mehr geben mag))) senkt sich nämlich auch nicht.
Ich würde aber auch nicht wollen, daß es ihnen, den Rosen, wie dem Sägewerker in Bernhards ‘Kalkwerk’ ergeht, der schon auf dem Traktor sitzend seine Frau in den Schuppen schickt, um die Ketten zu holen für das Abschleppen der gefällten Bäume im Wald, und dann, als die Frau nach zwei-drei Minuten zurückkommt, tot neben dem Traktorsitz hängt. Sauggprosa.
Grad so wie im elften Kapitel, dem vorletzten, in Gurks Berlin-Roman. Wenngleich toute autre chose. Pure Saugprosa. Dichtung passiert, sonst nichts. Keine Alltagsepisoden mehr, nur Visionen.
Eine Karbidlampe stand fest an der Erde. Durch einen Schirm abgeblendet, schoß sie einen scharfen Strahl in eine einzige Richtung. In allen Winkeln saß prahlend die Dunkelheit. Zwei Gnome hockten am Boden. Die Schattenbewegungen ihrer langen Arme huschten gleich Fledermausflügeln durch den Lichtkegel der Lampe. Ein technisches Geschöpf fuhr auf und nieder, fast lautlos. Riesig, ein Dämon, stand die aufgereckte Gestalt eines Mannes.


gläserklirren, mir selbst fiel ungeschickterweise die kippe auf den fußboden, so daß ich kurz vom hocker rutschen mußte, um die glut zwischen schuhsohle und fliesen zu zerreiben. er selbst nickte kurz dem wirt zu und ließ dazu ein meckerndes „ja-a-a“ hören, als wollte er damit ein bonmot des kneipiers quittieren, das mir beim abwärtsrutschen entgangen war.


Von >>>>hier, mehr jedoch gibt’s nicht von Franz Gutbier.

III,273 <<<<

III, 273 - “deutsch scheißt”

Das Schreiben sei auch und vor allem das Hintersichbringen einer Spannung, heißt also der adäquate Umgang damit, ein Besprechen. Selbst wenn es sich um Banales handeln mag, was sich aber erst im Nachhinein beurteilen läßt. Der Moment, der die Spannung erzeugt, ist weiter nicht verhandelbar, sie baut sich plötzlich auf.
Extrem empfindlich reagiere ich immer auf ‘nationale’ Verallgemeinerungen und meine den Tabaccaio, der mich mit ‘Ciao Auschwitz’ begrüßt, meinetwegen auch Ninno, der hier die ‘Bundesbank’ betritt, oder der Gay aus der Nachbarschaft, der mir einmal einen Sanremo-Schlager mit deutschen Untertiteln postet und auch sonst keine Gelegenheit ausläßt, mich in den größeren Zusammenhang von etwas zu stellen, was auf ein scheinbar geographisches Nebelwesen namens Utschland hinausläuft, dessen Geschichte ihnen allen so völlig aus den Medien stammt, daß ich mich irritiert abwende.
Ich laufe auch zornig davon, sobald jemand (ein bekannter Idiot aus der Oberstadt) einen Satz mit den Worten beginnt: “Posso capire Hitler, quando…”. Wo das ‘quando’ für ein ‘als’ steht.
Und so stieß ich beim Blättern im Web (und meine FB, wo ich einmal am Tag blättere, um zu sehen, wie die Leute ticken und um meintwegen etwas davon zu hinterlassen, wie ich ticke) auf den Titel “deutsch scheißt”.
Es ging um das eine italienische Opfer des Attentats auf den Berliner Weihnachtsmarkt. Link auf einen Artikel des ‘Corriere della sera’, der eigentlich alles erklärt, auch den Umstand, daß es sich gesetzlich um einen ‘Verkehrsunfall’ handelte, also keine Terroropferentschädigung vorgesehen ist.
Zurrendes Fazit: kein Respekt für das italienische Opfer.
Worauf ich einging. Und auf das, was man gemeinhin Bürokratie nennt. Ein hübscher Schimmel auch hierzulande. Es ging ins Emotionale in der sich entspinnenden Polemik, die ich angetreten. Ich solle das mal dem Vater der Italienerin erzählen. Dies zweimal. Und zweimal auch die Entgegnung: ‘l’avete fatta grossa stavolta’ - da habt ihr aber wirklich ein dickes Ding hingedreht dieses Mal. Das ‘da habt ihr’ irritierte mich zutiefst.
Ich habe den, der’s schrieb, kennengelernt. Ein wunderbarer Rezitator mit seiner aus tiefen emotionalen Höhlen hervortretenden Stimme. Einmal wirkte er nach einer Rezitation wie erschlagen und schwieg eine ganze Weile völlig in sich zusammengesunken. Am selben Abend hatte ich selber auch Gedichte rezitiert, und es entstand eine gewisse gegenseitige Achtung.
Ich fürchte, das hat jetzt einen Riß bekommen.
Der Fake der unreflektierten Vaterländerei.
Die letzten beiden Abende mit Tullia, dem Schönwetterbauern und einem fünffachen Vater aus Staufen im Breisgau. Das letzte Holz in die Wohnung gebracht: noch zwei-drei Abende mit dem Stampfer und warten auf den Frühlingsbeginn. Immerhin: für nächsten Freitag sind 18 Grad angesagt.
Man kann auch mit 18 Jahren nach Armenien abgeschoben werden, selbst wenn man in Utschland geboren ist und nicht mal armenisch spricht. Behördentechnisch scheinbar alles ok.

sein name sei Franz Gutbier, ob es mir gut gehe. was ich mit einem kurzen rucken des kopfes halbwegs affirmativ begrunzte. ich solle nur immer gut zuhören, meinte er und blickte unter angewinkelten brauen fragend auf mein fragendes dito. er wischte die situation mit einem "zwei bier" vom tresen.


III, 272 - Er verzettelt sich auch ohne Zettel

Drei Kreuze die Unterschrift des Analphabeten, aber hier nur zwei Pappen mit jeweils oben einem Andreaskreuz, wie man es nennt. Es fehlt das dritte Kreuz, um auch nur irgendetwas zu unterschreiben und einzugehen (immerhin gelingt es mir, in einem Doppelsinn mich zu bewegen, ohne deshalb Lust zu haben, die ständig sich aneinander reihenden Infinitive zu verlassen: aber sei’s:). Die fertige Suppe trägt meine Unterschrift: schälen, schnippeln, rühren, streuen. sminzo verdurame…, B.L.
Kreuze waren nicht notwendig. Der Pakt wird dann mit dem Magen abzuschließen sein.
Am Wein dazu würde es mir, wollt’ ich pantagruelisch bzw. gargantuisch sein, nicht mangeln. Ninno heute beidarmig mit je einer Dama bewehrt. Er fahre in die Berge zum Skifahren. Und sei nächste Woche nicht hier. ‘Settimana bianca’, wie man das hier nennt, die weiße Woche, der kurze Skiurlaub. Auch wenn ich immer weniger von einer solchen Praxis reden höre. Früher in Rom war das gang und gäbe, irgendjemand fuhr immer. Er, irgendwo in den Bergen an der Grenze zwischen den Provinzen Brescia und Trient. “Buona Polenta!” wünschte ich ihm. Und riet ihm, mal den Teroldego zu probieren, einen Rotwein aus dem Trentino.
Weiße Blüten schon, auch vor der Einfahrt zum Krankenhaus. Die Mimosen eh’ schon knallegelb. Es nähert sich der achte März. Der Tag der Frauen. Wozu ruft mein Bioladen auf?: natürlich zu einer Demo am Tag der Frauen. Von unten herauf bis vors Rathaus. Empfang der Bürgermeisterin. Ich werd’ nur kurz aus dem Fenster lugen.
Damals (‘wenn der Senator erzählt’ - Degenhardt) in Rom kamen alle Außerirdischen (also Muslims, Polacken, Pakistani usw., irgendwie alles dasselbe) aus ihren Kaschemmen, plünderten die Mimosenbäume und boten Mimosensträußchen feil. Gut, daß meine damalige Frau den Frauentag ebenso als abscheulich empfand wie ich.
Eigentlich wollte ich das Stichwort ‘Krankenhaus’ aufgreifen, aber es ist nicht leicht, nicht abzuschweifen. Und zu Eckenpenn zurückzukehren, um mich dann vielleicht hier, allerdings nicht im Buch von ihm zu verabschieden (ich weiß auch nicht, ob es etwas zu verraten gibt, mir fehlen noch mehr als hundert Seiten, aber die will ich dann für mich behalten (vielleicht)).
September nunmehr, der August nach der mißlungenen Stadtflucht vergeht in Gesprächen mit dem Mephistopheles der Geschichte, einem Fox Arnolfini, der mal Musike macht, mal Flugblätter für die Rechtsradikalen, mal für die Linksradikalen verteilt, jeweils ‘ne Mark Verdienst, mal sein Geld als Clown verdient, neben ihm das kluge Schwein Martha. Hinken tut er auch. Eckenpenns Gedanken kreisen weiterhin um den Untertitel des Romans: “Ein Buch vom Sterben der Seele”.
Im September die rote Fassade eines Krankenhauses in der Nähe seiner Schlafstelle (ein Ort, an dem sich nur schlafenshalber aufhalten darf, am Tage hat man abwesend zu sein), immerhin noch vom Grün der Büsche und Bäume gerahmt, ein Ort, in den er sich hineinprojiziert als einen, an dem man erlischt unter Leuten, mit denen man nicht hätte zusammenleben wollen. (Mich beschleicht zuweilen eine ähnliche Furcht).
Jemand wird auf das nahe Gelände geschoben in einem “Liegestuhl”, es ist die NÄHErin.
”Ich sehe Sie endlich noch einmal”, flüsterte sie scharf.
“Bin ich daran schuld?” fragte der Buchtrödler.
“Nein… Ich hätte Ihre Gedichte oder etwas anderes, ähnliches, zehn - fünf Jahre eher lesen sollen. Nun war es zu spät. Ich habe erst um elf Uhr, in der Stunde vor Mitternacht, es gemerkt, daß man nicht bloß zum Pflegen und Nähen da ist, zum Umschlägemachen, Tropfengeben, Gekeife Anhören und Nähen. Maschine treten… Maschine treten…


Und dann die Stellen zuweilen, bei denen ich unwillkürlich dachte: Döblin.
Alle anderen Zettel sind verarbeitet. Bis auf diesen:

[...]
eins blickt immer zuerst
in ein ganz anderes blau


III, 271 - Peau de chagrin

Im Moment spiegelt sich nichts als die eigene Haut vorm inneren Spiegel, sie dorthin zu bannen, ohne sie noch auf dem Leibe zu tragen. Anders als Eckenpenn, der zwar auch ‘nur’ Spiegel ist, aber einer, der das wuselige Unlebendige reflektiert, er selbst ist der Spiegel, den das alles nicht wirklich angeht. Man liest zwar, er gehe durch einen frostigen Morgen, aber man spürt es nicht als Leser, es steht dort so geschrieben.
Ein solcher Blick gelingt mir im Moment nicht. Ich bin nicht der Spiegel, sondern sehe mich im Spiegel dessen, was außen seine Blicke auf mich wirft. Haut, in der ich bin, die zu verschwinden droht. Selbstverständlich bildlich gesprochen, aber doch auch wieder spiegelbildlich. Einzelne mich betreffende Episoden erscheinen mir kaum beschreibenswert. Etwa die Geste der Neffen-Mutter, die gestern Abend Karnevalsgebäck vorbeibrachte, um daran im Nachhinein die Bitte zu knüpfen, in den nächsten beiden Tagen nach der Katze zu schauen. Denn sie fahre mit ihren Söhnen wieder nach Rom, wo sie ja nun studieren und dort in der ihr gehörenden Wohnung leben. Das geht schon einen Monat so, daß sie immer mitfährt und dort ist. Dieses Kümmern.
Seit über einer Woche liegt auch die Forderung, 1200 Euro an Steuern für das Jahr 2012 nachzuzahlen, hier, ohne daß ich mich darum gekümmert hätte. Am Samstag verschob ich den Kauf einer neuen Gasflasche. Prompt gab die alte gestern vormittag ihren Geist auf, so daß der Stampfer schon ab zwölf Uhr herhalten mußte.
Spiegel und Spiel und Mißbrauch. Ein Motiv in den ersten Monaten (die Kapitel in Gurks Roman entsprechen den Monaten, die dort dahinfließen) ist ein blaues Heftchen mit Gedichten, auch die NÄHErin nahm’s damals mit. Am nächsten Tag brachte es eine Göre zurück, die NÄHErin sei abgehauen. Gedichte von ihm darin. Ein Schriftsteller-Beau bekommt’s in die Hände. Benutzt eines der Gedichte für eine eigene Publikation. Und dunkle Geschichten mit einem “Dorian Gray”. Gigolo. Glatt, glatter, am Glattesten.
Kurz, Eckenpenn wird gegen gute Bezahlung von letzteren gebeten, das blaue Heftchen mit seinen Gedichten zu einer reichen Bankierstochter zu bringen. Visitenkarte zwischen Seite 17 und 18. Man versteht nicht wirklich warum, aber das Fräulein versteht das Wort “Rauchen” auf der Visitenkarte und frißt die Seite auf. Und stirbt. Gewisse Hinweise darauf, es könne sich um Arsen gehandelt haben.
Eckenpenns Ekel vor der Stadt. Der Entschluß, wieder zur Natur zurückzufinden. Erinnerungen an die schlesische Kindheit. Raus aus der Stadt. Natur. Tippelt einfach los. Aber es gelingt ihm nicht. Sie, die Stadt, verfolgt ihn mit Jungvolk und Musike, ratternden Fahrzeugen, und als er sich dennoch ganz darin wähnt, wird ihm unheimlich, und er fährt zurück in die Stadt.
Der Buchtrödler fühlte beschämt, daß [ich merke erst jetzt, daß das Buch keine normalisierte Rechtschreibung hat: gut!] er der großen Mutter Landschaft verloren sei. Er, der ausgezogen war, um die Stille zu suchen und die einsame Seele der menschenlosen Natur klopfen zu fühlen, konnte das eingeborene Schweigen mit seinen tausend Tiefen, seinen dröhnend unhörbaren Geräuschen nicht mehr ertragen.
Pessimistische Melancholie. Wahrnehmen, um zu registrieren, ohne wirkliche Teilnahme, und wenn, dann eher zufällig. Es sei denn, es handelt sich um NÄHErinnen. Oder um einen NÄHer, einen junger Maler, den schon seit drei Morgen inmitten der Landschaft immer wieder eine Wolke in dem Moment stört, die einzig wahre Horizontlinie mit der aufgehenden Sonne einzufangen.


Eine zumindest für heutige Zeiten schwer vorstellbare Figur. Wie bei jedem Lesen: man muß sich darauf einlassen. Alle Sätze sind Spiegel, die sich mit jedem Satz anders verwinkeln.
Nur das Umdrehen ist schwierig. Die Rückenschau. Man verliert die Eurydike, die geliebte Vorstellung vom eigenen Körper, und verdammt ihn zum Hades. Pardon, zum Hadern mit sich selbst.

III,270 <<<<
 



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