Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.
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Tagebuch

III, 267 - Messina

Von Messina habe ich überhaupt kein Bild im Kopf, nur die unangenehme Erinnerung an den Beginn einer Nachtfahrt im Zug nach Rom. Wir kamen am Ende unserer Hochzeitsreise dort irgendwann (am Nachmittag? am Abend?) an, waren auf der Fahrt von Palermo noch ein bißchen in Cefalù herumgelaufen. Da war noch alles normal. Dann begann aber eine ihrer schmerzhaften Monatsblutungen. Und die Nachtfahrt wurde zur Qual. Auch die habe ich verdrängt. Aber warum Messina?
Am Vormittag las ich in den >>>> ‘Frauen von Messina’ (Elio Vittorini, nicht wirklich spannend, mir kommen dauernd S/W-Bilder à la Neorealismus beim Lesen, sehr lange Einstellungen). Aber Messina kommt darin außer als Herkunftsort einiger Frauen dort aus dem Apennin so wenig vor wie in der Aussage des Mädchens, das in >>>> Paul Gurks ‘Berlin’ am Büchertisch des Buchhändlers Eckenpenn sich wünscht, ‘Die Braut von Messina’ zu finden:
”Es ist ja Torheit - Ich kann nichts kaufen. Es ist wenig diese Woche herausgekommen. Wenn man alles abzieht … Nur - ich bleibe manchmal stehen - und suche die Braut von Messina. Das rollt so - anders als meine Singer - Entschuldigen Sie!”.


Näherinnen usw., “lebendige Maschinen”. Vor einer Stunde mich hineingelesen. Wird jetzt wohl eine Zeitlang den Bernhard ersetzen. Allerdings stimmt die Verlagsanzeige nicht, was das Nachwort betrifft. Es ist ‘nur’ von Magnus Chrapkowski, und ihm, Michael Chrapkowski ‘nur’ gewidmet. Fill i pare. Immerhin dieses. Den Namen des Freundes, den ich einst in der Rostlaube in einem Seminar zu >>>> ‘Perrudja’ kennengelernt, gedruckt wiederzusehen: es ging im Grunde darum. Es haben sich über den Nexus Gurk im letzten Sommer merkwürdige Zusammenhänge ergeben, auf die ich hier nicht näher eingehen will und wohl auch nicht sollte. Eine Art geheimes Netz, das, als es da war, nicht umhin konnte, da zu sein.
Und darum wurde das Buch plötzlich so wichtig für mich.
Wer weiß, ob ich nicht nach Erledigung des Bücherberges doch noch ‘Perrudja’ bestelle. Damals hatte ich ein Exemplar aus der Amerika-Gedenkbibliothek. Neulich war ich schon drauf und dran. Nabelschnuren.
Und so kam ich auf Messina. Auf die in Messina beginnende Monatsblutungspanik am Ende der Hochzeitsreise.
Ich könnt’ auch von Auroren reden, die am Morgen am Himmel verbluten, um dann im Blau ein Denkmal sich zu setzen. Von der im Abendlicht leuchtenden Fassade der Kirche Sant’Agostino und ihres Campanile mit der schmuddeligen Dachziegelhaube, um dann im Schwarz mit einem Memento sich zu schmücken. Vom Ofenloch, aus dem es riecht nach: Bohnen. Und daß ich heute nur draußen war, um Holz hereinzuholen. Ganz zu schweigen von dem Brief gestern, den mir die Steuereintreibungsstelle geschickt, und die knapp eintausenddreihundert Euro von mir will. Eine Art Weihnachtsüberraschung so zwischen Heilje Drei Körnige und Karneval...
>>>> Und wie in die Ohren gebohrt, begleitet uns unser Vokabular.

III,266 <<<<

III, 266 - Eitel

Endlich den Weihnachtsmann, der ich geworden, vom Kinn und von den Backen und von den Schläfen genommen. Ich hatte so nicht die Apotheke betreten wollen, bei deren letztem Besuch vor einem Monat die Erde bebte. Ein Monatsbluten, dieser sich wie ein Vollmond bemerkbar machende plötzliche Ordnungssinn. Und weil Sinn nicht so sehr Sinn Féin (auch wenn ich immer mal wieder recht “stupefiziert” (Raabe, Christoph Pechlin. Eine internationale Liebesgeschichte) in irisch-gälische (Gaeilge) Gesänge hineinhöre), sondern sich eher säxisch ein ‘sin’ angelt, könnte man auch von Ordnungssünde sprechen.
Insofern wäre die Unterteilung der Welt in Unter- und Oberstadt umgekehrt als in >>>> Degenhardts Schmuddelkinderlied. Hier gehört anders als dort die Oberstadt den Schmuddelkindern, nicht umgekehrt. Dieser mein Schmuddelfreiraum betrifft die kurzen Wege zum Tabaccaio und zum Bioladen Pianeta Verde, wo ich Sachen kaufe, die nicht von dieser Welt sind. Mein Lieblingsrohrzucker stammt von den Philippinen, wo jetzt ein Mörder Präsident ist. Einst sprach man von Tyrannen, dann von Diktatoren, jetzt heißen sie alle Präsidenten. Auch weil meine Greisinnen mich vor der Eigenscham beschützen. Wahrscheinlich ist das ihre eigentliche Funktion.
Dies auch der Grund, weshalb ich den Ort dessen, an dem alles Wissen um die beschränkte Allwissenheit sich in wohlbekannte Regale hineinschrumpft, nämlich den Coop-Supermarkt, vermeide und stattdessen einen etwas verborgenen und schmuddligeren Supermarkt aufsuche, der allerdings auch Coop-Produkte führt. So daß es dann doch wieder nicht soooo traumatisch wirkt. Oder sollte ich doch lieber öfter den Discounter aufsuchen? Um mich den Coop-Produkten zu entfremden? Um sie mir dann durch das Angewöhnen falscher Gewohnheiten noch begehrlicher zu machen.
Ich weiß, es ist die blöde Geste an der Kasse, sich einen Euro in die Hand zu schmuggeln, die dann in die Hand dessen wandert, der EWIG dort steht und IMMER ‘my friend’ sagt.
Immerhin entdeckte ich an dem bis heute wachsenden Bart, daß da immer noch ein rötlicher Schimmer im weißen Gewölk unter der Nase haust. Ich bin so eitel, wie alles eitel ist.

III,265 <<<<

III, 265 - Im Neunerquersummenklub

Dreimal der Greisin begegnet, die oft durch die Gassen schlurft, über den Platz, sich auch mal hinsetzt in die Sonne. “Die Sonne scheint.” sagte sie, als ich zum Auto ging. Setzte sich in die Sonne und schaute mir beim Manövrieren zu. Daß die Sonne scheine, sagte ich auch zur Tabaccaia, als sie sich die Hand vor den Kopf schlug, weil sie vergessen, außer den panisch gesuchten Geldscheinen zum Wechseln, die sie sich aus ihrem eigenen Portemonnaie fischen mußte, wobei sie ständig im Kopf rechnete, auch noch die Wechselmünzen hinzulegen. “La testa!”
Gestern hatte ich mehr Gedanken als heute. So eine Art Abendsterne vor einem noch kobaltblauen Himmel kurz vor der Düsternis. Sah auch einen, als ich neulich am Fenster stand mit dem Telefonhörer in der Hand. Man muß immer irgendwo hinschauen oder hin und her gehen, wenn man einen Telefonhörer in der Hand hat, um auch beschreiben zu können, was man sieht, weil das Hören der anderen Stimme, die plötzlich lebendig geworden, immer auch ein “Wegholen” ist. Darum schaute ich gebannt auf den einen Abendstern. Auch wenn der unbestimmte Artikel unangebracht ist. Es ist ja immer derselbe. Auch liegen genug weiße Zettel herum, um etwas darauf zu notieren.
Auf dieselbe Weise begegnete ich dem Mond: heute ein Mond, gestern ein Mond. Und je mehr ich zurückgehe in der Zeit, desto voller wird er. Wie ja auch die vergangenen Tage voll gewesen sind. Gestern ging die Konzentration bis an den Rand ihrer Möglichkeiten. Vorgestern erreichte die Kommunikation den Rand ihrer Möglichkeiten. Nämlich den Rand der Welt, in der einer aufgehoben. So am Ende die Empfindung. Nachdem ich am Morgen noch die Schultern gezuckt wegen der neuen Quersumme der Jahre, die lautlich einem “Nein” sehr nahe stand. Auch das steht auf keinem Zettel.
Tullias Besuch von vorvorgestern (ihr Sohn wahr dabei) kommt mir in den Sinn. Ob ich eine Putzfrau brauche. “Theoretisch ja.” Antwortete ich. Und sie fing an, ihre Tochter wegen ihres Ordnungssinns zu loben, und daß sie ja doch mal anfangen könne, sich etwas dazu zu verdienen. Was ich sehr merkwürdig fand. Nie könnte ich mir die noch nicht mal erwachsene Tochter als Putzfrau vorstellen. Die solle lieber schreiben, meinte ich. Denn neulich las ich einen feurigen Text von ihr, der ein Plädoyer für die Jugend gewesen.
Und so kommt die Greisin zum Mädchen, ganz ungewollt:
Wie es mir mit der Unsterblichkeit ergeht, so ergeht es mir mit der Ehe: Ich brauche sie augenblicklich nicht, aber der Tag wird kommen - falls ich alt werde -, da ich sie brauchen werde, und ich will mich nicht der Gefahr aussetzen, dass ich in dem Alter, da ich unsterblich sein will, ohne die Liebe einer Frau dastehe, so dass ich mich in ein Mädchen - oder eine Greisin - verlieben müsste, die die Ruhe gefährden würde, die mir in meinen letzten Tagen wohl bliebe. >>>> Pujols, Der Herbst in Barcelona
Es stimmt, daß ich sie augenblicklich nicht brauche, aber nicht, daß ich sie brauchen werde. (Und dauernd ist auch vom Tibidabo in Barcelona die Rede, ich aber wohne auf dem Tibidedi). Außer dem Mädchen und der Greisin stimmt nichts an dem Satz. Denn beide sind Chimären des Neunerquersummenklubs. Ich könnte dem Erzähler höchstens darin zustimmen, daß es ganz hübsch ist, über Selbstmord nachzudenken. Aber weil es so hübsch ist, daran zu denken, sollte man es nicht tun. Es sei denn, man tut es, um es hinterher (!) zu beschreiben, wie in diesem bzw. jenem Text. Man lese ansonsten Montaigne zu diesen Thematiken.

III,264 <<<<

III, 264 - Erbsen zählen

Er telefonierte. Wahrscheinlich mit seinem Sohn, denn gelegentlich sitzt dort ein heranwachsender Mensch wie en famille. Man hörte auch des vermeintlichen Sohnes Stimme. In der Zwischenzeit legte ich mein Kleingeld für die zwei Schachteln rote YES auf den Tresen. “Che vuoi?” Aber da meinte er gar nicht mehr seinen vermeintlichen Sohn, sondern mein vermeintliches Ich.
Von Vermeintlichkeit kann gut die Rede sein, da sich die Unvermeintlichkeit und Unvermeidlichkeit dessen, was ich tatsächlich mache, in einer Welt der vermeintlichen Realitäten bewegt, die nicht wirklich einem “vermeidbar!” huldigen, sondern vielmehr einer Gleichsetzung von Denken und Tun.
Und so läuft alles seinen herkömmlichen Gang, in dieser Ausbalancierung von Wille und Unvorstellbarkeit, Unwillen und Vorstellbarkeit. Denn, wie Bernhard mich lehrt: es kann auch immer das Gegenteil dessen richtig sein, was gerade zuvor behauptet wurde. (Er ist so nahe dabei, weil, wenn ich denn hier schreibe, meist immer das Bernhard-Pensum hinter mir liegt, das, wie gesagt, eine finstere Höhle ist, in der Worte wachsen, die nur wegen ihrer Länge an gewisse ungarische oder walisische Bahnhofsnamen erinnern, denen man vergeblich versucht, mit der Zunge hinterherzurennen, und etwa so lauten: Selbstverletzungsstrategie. Katastrophalcephalökonomie. (Kalkwerk).
Er vernichtet in einer gewissen Weise das davor liegende Montaigne-Pensum, aus dem ich aber “naturgemäß” (ein Bernhard-Wort) wegen der Zeitspanne und seiner Situiertheit kein wirkliches Spiegelbild zu mir herzustellen weiß, sofern man Sympathie nicht mit einem Spiegel gleichsetzen will, denn Sympathie gilt dem, den man gern sich gegenüber im Spiegel sehen wollte.
Aber auch das ist nicht der Fall. Ginge es nach meinem Bart, ist bald Weihnachten. Oder Ostern. Egal. Auf jeden Fall kann ich den hundertjährigen Kirk Douglas verstehen, daß er nämlich mit seinem Alter hadert. Aber ich las nur die Überschrift. Und überhaupt nur Kurzabsätze jetzt beim Blättern, in denen einmal sogar ich vorkomme:
Einen Löffel für Bruno. Einen Löffel für Pepito. Na, noch einen, noch einen für Caco. Nein, ich mag meine Suppe nicht: das macht groß.
(René de Obaldia: Der Hundertjährige).
Auch bei den komplizierten Tabellen (meint jetzt das andere, das Arbeitspensum) muß ich immer den Schriftgrad herunterstellen, sonst paßt der ganze Quatsch nicht mehr hinein, den beispielsweise Spiegelreparaturkosten-Kalkulatoren berücksichtigen, um herauszufinden, wie viel Unglaube auf das Konto des Glaubenden als Entschädigung dafür zu überweisen ist, daß ihn beim Erbsenzählen immer wieder die eine Sekunde entrückt sein und vergessen läßt, wo er gerade beim Zählen war, und er wieder von vorne anfangen muß.

III,263 <<<<

III, 263 - Hänselklein

Che famo? Ach, rutsch mir, Bernhard, den Buckel runter (“Allein die Tatsache, daß ich in dem riesigen Hochgobernitz das kleinste Zimmer bewohne, ist unheimlich.” Verstörung (wohinter sich die Tatsache verbirgt, daß das im einstigen Landhaus für mich tatsächlich der Fall war, das kleinste Zimmer für mich zu haben, und die Erwähnung des “kleinsten Zimmers” war Grund genug, auf! zu schrecken))). Oder dem Gewinner von >>>> Sanremo (der vorherige RAI-Link funktioniert nicht, also eine andere Interpretation) applaudieren, jedenfalls einen Moment lang, weil eher dem Meridione verhaftet mit seinen Intonationen und nicht den üblichen Kadenzen der ital. Schlagerindustrie. Ich glaub’, ich sitz grad neben meiner Mutter und guck’ mir Eiskunstlauf an. Denn sonst hab’ ich ja nichts verolkt von dem Schlagerwettbewerb. Und mich auch nicht vervolken lassen. Außer jetzt. Aber das war gestern, was oberhalb dieses Satzes steht. Ich hätte auch sagen können: neben meiner Ex und schau’ mir Sanremo an. Oft genug getan. Und meinetwegen gemeinsam essen vorm Fernseh’, weil wieder mal die eine Talkshow angesagt war.
Ob ich gehört hätte, was in Australien passiert ist. Gestern beim Gasflaschenhändler. Und was der Papst dazu gesagt. Sowas also beschäftigte ihn, nämlich Priester-Pädophilie. Fing gar an, es sich auszumalen. Mir fiel keine Replik dazu ein. Tatsächlich immer ein wohlfeiles Thema. Vor vielen Jahren hörte ich eine Neujahrsansprache der Immernochkanzlerin (das einzige Mal, daß ich sie hörte), weil ich gerade im ‘Dorf’ war, die genau mit diesem Thema anhub. Da war sie dann unten durch bei mir. Billige und unreflektierte Münze. Auch wenn ich jetzt nicht in der Lage bin, darüber etwas Besseres als eine instinktive innere Abwehr dagegen zu formulieren.
Kann auch daran liegen, daß ich in der Pubertät einmal nackt im Bett (autosexueller Anwandlungen halber) lag und meine Mutter mich morgens mit einem Zeitungsartikel in der Hand weckte, in dem von einem meiner Onkel, der einst aus der DDR geflohen und auf einem Bauernhof irgendwo im Landkreis Arbeit gefunden, die Rede war, der ein kleines Mädchen berührt (?) habe. Was mir tatsächlich auch noch Hänseleien eintrug. Meine Mutter schritt prompt bei der Mutter des Hänselnden ein. Der Onkel aber landete tatsächlich im Knast. Und was macht man dort? Man fertigt für den Neffen (mich) ein Briefmarkenalbum (ein Riesending und ziemlich sorgfältig, aber doch etwas protzig gearbeitet), dessen Ende mir jetzt entgeht und dessen Nichtmehrvorhandensein gewiß ist. Führte dann noch ein tristes Dasein im Emsland. Und die paar Mal, die ich ihn dann noch sah, erschien er mir immer bar jeder Intelligenz.
Und so vermischt sich immer alles.
Stattdessen suchte ich dann gestern lieber nach den Bedeutungsfacetten des englischen Reimworts “lump”.
And I will show you something different from either
Your shadow at morning striding behind you
Or your shadow at evening rising to meet you;
I will show you fear in a handful of dust.

     Frisch weht der Wind
     Der Heimat zu ...
T. S. Eliot, The Wasted Land

III,262 <<<<

III, 262 - Ausblenden

Das vage Gesicht einer Frau in Schwarzweißkonturen im Sonnenfleck auf dem Fußboden in der Küche vor dem noch kalten Stampfer am Nachmittag, und doch nur Schuhspur von neulich, als ich in den Regen hinausstapfen mußte, um Holz hereinzuholen, und das Nasse des Regens an den Sohlen, das dann dort geblieben, um sich in das vage Gesicht einer Frau zu verwandeln, das man einen Moment lang wahrnimmt, ohne das Wie-lange? zu erkunden. Es dreht sich der Körper im Fortgehen, ohne das Gefühl zu haben, in seinen Rücken bohrten sich Blicke.
Immerhin ein Indiz dafür, daß ich mich nicht verfolgt fühle. Denn es passiert mir auch sonst nicht, das Gefühl zu haben, daß Blicke mich von hinten aufspießen. Was im Rücken rumort sind allemal Worte, aber nicht im Weggehen. Nur in der Vorstellung während der Abwesenheit. Wenn es dennoch geschieht, ist es mir so fern wie die Gezeiten des Meeres, des so fernen.
Alles kommt immer von vorn. Mit Ausnahme des Windes und dessen, was er mit sich bringt, zuweilen.
Der Rücken erzeugt nur Abwesenheit dessen, was hinter ihm geschieht. Ausblenden.

da beißet ihm
im gegenwinde
dem bühel
entsteigend
das wort „lotta“
die zähne auf
und reißet ihm
den schirm hoch
ihm, seinem
entgegen
ein „haha“
zu entlocken

um dann
aus dem regen
kommend
beim wirte
ein lächeln
einzuheimsen

und eine schachtel
zigaretten

[קרן

an den rand
geschrieben
eines gehürneten
moses

women come and go]


III, 261 - Eingeweide

Gestern schon das zweite Mal, das jemand von den hiesigen nachfragte, ob alles in Ordnung sei, man mich gar nicht mehr sehe. Die eine konnte ich heute persönlich beruhigen: so noch Licht brenne hinterm Fenster, sei ich alles andere als mausetot. Dem anderen, Di Dio, gab ich gestern Bescheid (und verlinkte ihm >>>> “Under Milk Wood”, den ich vorvorgestern, glaube ich wenigstens, gesehen, da hatte ich einen Richard-Burton-Abend, wobei ich zunächst bei “Look Back in Anger” landete (bei beiden Filmen die Hybris, ich hätte die beiden Texte in meiner Bibliothek, und beide Male erlag ich einer Selbsttäuschung)), es liege auch an den Selbstaufgaben (“autocompiti”), was im Deutschen hart an der Klippe zur Selbstaufgabe sich bewegt (obwohl bei so steilen Klippen wie den Cliffs of Mohor habe ich es vorgezogen, mich platt auf den Boden zu legen und gaaanz langsam mein Gesicht über den Rand zu schieben - von wegen bewegen!).
Steht vielleicht wie der ‘gelesene’ Satz zum ‘geschriebenen’ Satz. Etwa ‘Ich höre, wie vollkommen Eingeweide über mich bedeutungsvoll reden, mir ihre Angst vormachen.’ Wo statt der Eingeweide nichts anderes steht als ‘Eingeweihte’, nur daß es anders angelesen wurde. Beides funktioniert, und der Verleser birgt vielleicht die Wahrheit, mit der ich den neulich mich verunsichernden Satz wahrnahm, daß nämlich er, ANH, sich >>>> nicht überlebe.
Tatsächlich machte ich mir Sorgen. Denn ‘überleben’ meint ja doch immer das Überleben einer Katastrophe, eines traumatischen Ereignisses, Erlebens. Somit verwandelte er sich in eine Katastrophe. Und sich als Katastrophe zu empfinden, ist nicht wirklich etwas Vonderhandzuweisendes, zumal, wenn man dazu neigt, Eingeweide zu lesen, wo Eingeweihte gemeint sind. Also die entgegen aller Welt sich dann doch wieder In-Pose-Versetzten. Was einen erleichtert. Eingefangene Posen. Nicht >>>> Poznan. Andersaugen.
Per il resto:
Lavoro tutto il giorno come un monaco
e la notte in giro, come un gattaccio
in cerca d’amore… Farò proposta
alla Curia d’esser fatto santo.

>>>> Pasolini, Poesie mondane
Auch wenn ich stattdessen wieder mal eine Nach hatte, die von einer vergessenen Arbeit träumte und ich sie im Traum erledigte: Üb Ersetzen! Üb Versetzen! Üb Entsetzen! Das Rattern wieder der Worte. Die ganze Nacht.

III,260 <<<<

III, 260 - Ins Dunkle sich erhellend

Aufwachen mit sich selbst, mitten in die Nacht hinein. Und denken: Hi, bro! Ich weigerte mich, auf die Uhr zu schauen. Es hätte einer störenden Verrenkung und Verengerung des Engerlinggefühls bedurft. Und doch auch kein Vegetieren, ein Wort, in dem sich Pflanzen- und Tierwelt zusammenfinden. Neinnein, ich formulierte Lyrisches, wovon ich aber nichts mehr weiß. In die Nacht hinein gesprochen. Der Platz noch im Lampendunkel. Der Himmel absentminded. Auch kein Regengeprassel.
Ich glaube nicht, daß Ich dahinter steckt. Denn das, wie die Gesetze schlafen (Montaigne), schlief. Es war zu müde geworden gestern abend unter der Last des Über-Ichs, heißt der Arbeit. “God kann sich nicht selbst löschen”, war so ein Satz in der Arbeit. Aber es ging um eine ellenlange Liste von all dem, was einem am PC angezeigt wird.
Heißt mithin: Gott ist nicht selbstmordfähig. Und ödipal gesehen, geht nur die Richtung: Sohn erliegt seines Vaters wegen, der ihm die Mutter untergeschoben. Beim Fürsten Saurau war alles ganz anders. Aber Bernhard ist nun mal ein Selbstmordträchtiger, den ich mir antue, scheint’s. Man soll seinem eigenen (nicht Bernhards) Wollen nicht widersprechen. Sonst fällt das Gerüst vor der eigenen Fassade in sich zusammen. Die armen Bauarbeiter! Obwohl, auf dem Gerüst vor der Fassade der Kirche Sant’Agostino sah ich schon lange keine mehr.
Es ging gestern abend sogar so weit mit der Arbeit, daß ich es nicht mehr schaffte, nicht mehr die Lust hatte, es zu schaffen, die eingeweichten Steinpilze zu verarbeiten, so daß ich mir eine Packung bereits vorgekochter Bohnen aufriß, Ketchup dazugab und Brot dazu aß. War eine ferne Reminiszenz zu meiner England-Reise. Da gab’s mal Ähnliches.
Auf die Reise wiederum kam ich über Deep Purple. Jemand hatte etwas eingestellt. Mußt’ ich mir natürlich anhören. Und der Freund, mit dem ich damals nach England ‘trampte’, der hatte alle Platten von denen und noch manch anderen Gruppen. Die besorgte er sich nämlich bei Woolworth in Wolfsburg, indem er die Sonderpreisschilder von den Platten ablöste, die ihn nicht interessierten, und sie auf die Platten klebte, die ihn interessierten. Oft stand ich dabei Schmiere.
Nur in London klappte das nicht. Bei den Zeitungsauslagen, die freiwilliges Bezahlen heischten, bezahlte er einmal nicht. Ein älterer Engländer sah’s und hielt ihm zurecht eine Strafpredigt. Mir war’s peinlich.
Die andere Geschichte, die dabei aufwaberte, bleibt mir nach wie vor und weiterhin so präsent und entfernt wie das Wachen in der letzten Nacht. Über etliche Kilometer auf wenig befahrenen Straßen war ich quer durch den Landkreis nach Wesendorf gelangt (Daumen raus). Dort gab es eine Diskothek. Hieß “Wiesengrund”. Aber noch bevor ich sie betrat, muß mir jemand etwas zu rauchen gegeben haben, so daß ich in der Hinsicht tatsächlich einen Filmriß habe. Wie ich wieder in mein Dorf kam, und was da sonst passiert ist: schleierhaft.
Ich denke tatsächlich immer noch: wäre ich in einer größeren Stadt aufgewachsen, ich fürchte, die Drogen hätten mich recht in die Kralle genommen. Besonders in den Jahren zwischen Pubertät und “Halbstarksein”. Eine sehr labile Zeit.
Im Endeffekt war dann Arno Schmidt der Seelsorger nach Irrungen und Wirrungen (heißt “Transzendentale Meditation” und “Kommunistischer Bund Westdeutschlands”). Ihm sei Dank!

III,259 <<<<

III, 259 - van de vos

Immer wieder die Füchsin. Wenn das Genitale sich leicht bäumt. Und man denkt: doch auch wieder. Tauchte einfach so auf vor zweieinhalb Jahren, nachdem ich ihr hier in dieser Wohnung schon einmal begegnet, ich aber noch nicht der Mieter war. Mir ist das alles nach wie vor nicht begreiflich, daß man einfach aus Utrecht hierherkommt wegen meiner. Tanzten wohl auch - damals -, und der Schönwetterbauer, der hier der Mieter noch war, machte eine Flasche Champagner auf. Und kam dann, vor zweieinhalb Jahren, beinah’ täglich, brachte auch ein Gedicht auf Niederländisch. Das sie für mich verfertigt. Eine flaumige (Etyms, Etyms!) Taubenfeder war auf das handgeschriebene Blatt geklebt. “De veer kracht”. Und hatte immer noch diese riesigen - wie sagt man doch gleich - Titten. Aber man verstand sich nicht. Ihr Italienisch war ein absolut defektes Italienisch. Auch wüßte ich nicht, was ich hätte verstehen sollen. Im direkten Kontakt empfand ich sie als dumm und als einfach nur alt. In die Sperrnis kam noch hinzu, daß sie den Vornamen meiner Mutter trägt.
Auch waren mir damals etliche Zähne gezogen worden, und ich kommunizierte in der Erwartung des Zahnersatzes mit einer Hand vorm Mund. Beeindruckte sie überhaupt nicht. Unverständlich auch dies.
Fotos bekam ich dann nach ihrer Abreise von der langweiligen Landschaft, die Utrecht umgibt. Überhaupt kein Vergleich zu hier. Gelegentlich rief sie an. Kannitverstan. Schließlich die Einladung, die Weihnachtszeit in Utrecht bei ihr zu verbringen. Mein Platz sei hier, sagt’ ich. Was soll ich in Utrecht? dacht’ ich.
Diese Weigerung verletzte sie. Seitdem hörte ich nichts mehr von ihr. Die E-Mail-Adresse gelöscht. Geistert aber dennoch immer noch in gewissen Momenten im Kopf herum, wenn er mal wieder Körperkofferpacken spielt.
Wie der Regen, der gestern abend draußen die Geräuschkulisse bildete, derer ich mir erst bewußt wurde, als dieses Klatschen des Regens plötzlich in einen Rhythmus überging, so daß ich mir letztendlich auch dessen bewußt wurde, daß ich ja eigentlich auch Keith Jarrett hörte, denn es war tatsächlich das Klatschen am Ende eines Konzerts (Tokyo 1984). So daß auch bald der Regen aufhörte zu klatschen. Und bald auch wieder Passanten ihre Stimme hören ließen.

III,258 <<<<

III, 258 - Millionenschaden

Stabiles Welksein der Rosen, nach wie vor kein Entblättern. Kein Abfall der Haare vom Knochen wie bei der Hasenpfote. Unendlich lange Prozesse, dann scheinbar aber unaufhaltsam in ihrer Plötzlichkeit, ihrer Haltlosigkeit. Einen “Millionenschaden”, so der Saurausche von der Burg Hochgobernitz, habe ihm das Hochwasser verursacht. Zu Lire-Zeiten hätte das noch einen Sinn gehabt, sofern es auf meine Person zu beziehen wäre, die dennoch nie einen Hochwasserschaden erlitten. Eher einen Hochzeitsschaden. Als man selber mit lauter Ja’s über die Ufer trat. Gut, daß meine Ex die ganzen Fotos bei sich hat, ich käme von Unglauben zu Unglauben nicht mehr dazu, Luft zu holen, und begäbe mich in Gedanken (Gedankentäter) augenblicklich zum Brunnen auf dem Kapitol, dessen Figuren angeblich den Nil und den Tiber darstellen, um mich darin zu ersäufen, denn vor ihm hatte sich die ganze Anverwandtschaft zusammen mit mir, dem Angetrauten, fotografieren lassen, sofern mich mein Bildgedächtnis nicht täuscht.
Ja, ja, ich hatte schon behauptet, die Bernhard-Lektüre würde mich nicht im Mindesten beeinflussen. Er ist auch nicht der einzige, den ich lese. Montaigne lobt seine Faulheit, sein unzuverlässiges Gedächtnis, denkt oft darüber nach, daß es besser sei, ohne viel Aufhebens irgendwo zu sterben, das spiele alles keine Rolle. Und meint eine Freiheit, von der ich mich nicht wirklich weit entfernt sehe. Nämlich die Freiheit auch im Nicht-Handeln.
Gadda ein Auslöser zuweilen für lautes Lesen. Eine Art Gewitter, wo Verständnis die Strecke zwischen Blitz und Donner. Jenseits der römischen Definition von ‘Augenblick’, ‘momentum’, nämlich die Dauer zwischen dem Grün der Ampel und dem Hupen des Hintermanns. In eine Luthersprache müßte man es übersetzen.
Man könnte mich derzeit als soziophob einstufen. Der Kinoklub zieht mich nicht an. Das vegane Essen mit seinen zwanzig Gängen morgen im Pianeta Verde gegenüber zieht mich nicht an. Wem ich begegne, den grüße ich, bleibe aber nicht stehen. Es gibt keine gemeinsamen Themen mit Niemandem. Vertrackte Verneinung. Es gibt keine Themen, die sich mit wem auch immer teilen ließen.
Was für eine Qual neulich Ninno wieder, als er mir Wein brachte: Cafébar-Weisheiten, aufgeschnappt im Fernseh’. Schrecklichste Vereinfachungen. Und jede Einladung zum Reflektieren gebiert weitere Scheinheiligkeiten. Icke, meine Eltern, ehrliche Leut’. Jede Dauer reimt dann auf ein ‘Aua’. Es sagt es das Achselzucken, das Verschweigen der Relativierungen. Bewußt nicht: Meinungen.
Meinung ist ein übles Wort. Und öffentliche Meinung ist so schlimm wie medizinische ‘Wissenschaft’. Es gilt immer die je einzelne Empfindung im Verhältnis zu dem, was einen umgibt, einen triezt, einen auch mal aus SICH (!) selbst herausgehen läßt, im Positiven wie im Negativen.
Ich war, als er weg war, erleichtert, weil ‘froh’ auch so ein falsches Wort ist, denn es hält der Schwere der Erwartung nicht die Waage, sondern will immer egoman mehr wiegen, als das, was so ein Holzscheit hergibt, den man gerade in den Stampfer geworfen.
Finis.

III,257 <<<<

 




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