Es trägt - ähnlich dem ‚Schicksal’ - die Dichtung, und zwar gerade durch eine ambivalente Zusammenlegung, die recht eigentlich
Verschiebung ist. Aus dem germanischen
wæno zu
wān, beides „Hoffnung, Erwartung“, geworden, legt es sich mit dem mittelhochdeutschen
wan, „leer, unvollständig“, zusammen und l e e r t die Hoffnung. Dennoch bleibt im sprachlichen Untergrund, den ich dem menschlichen Unbewußten analogisiere, der Lebenswille erhalten, und zwar über das S p i e l e r i s c h e: das
illūdere, „täuschen, verspotten“, in „Illusion“ treibt nämlich
lūdere, „spielen, täuschen“ an und schließt zugleich den Bedeutungshof zum Schein der Ästhetik: demjenigen, das wahrgenommen wird,
aisthánisthai. So bleibt aller Wahn, zumal dem Ästhetischen eingeformt, an eine Bewegung gebunden, die hoffend w i l l. Sie allein widersteht dem Pragmatismus, der mit dem Realismus schulterschließt und
prinzipiell resignativen Characters ist.
Deshalb trägt gerade das Wahnhafte der (erzählten) Dichtung ihre Größe, nicht etwa eine auf die Frage, wie man ‚richtig’ leben könne, zielende Moral. Die ist ihr - letzten Endes - bei aller Menschlichkeit abträglich. Denn sie harmonisiert
außerhalb der Kunstbewegung, will nämlich nicht
wahr, sondern
gut sein. Es war ein willentliches Mißverständnis der Klassik, dieses beides zusammenzulegen und gar noch das
schön hinzuzutun. Sozusagen wiederholte sich
wān und
wan. Die a l t e Klassik, die Antike, war da weiter.
[Poetologie.]
albannikolaiherbst - 25. Okt, 15:45- Rubrik: Sprache