Rueckbauten
Möglicherweise >>>> deswegen erreichte die Fiktionäre soeben >>>> auf dem Wege ihres Kontaktformulars die folgende Anfrage:
Email: Sonja.HeinrichH@web.de
Betreff: Postsendung
Nachricht: Sehr geehrter Herr Herbst,
vielleicht bin ich bei Ihnen richtig, ich weiß es nicht. Ich habe immer jährlich von Marlboro ein Päckchen bekommen, mit meist schönen Geschenke drin. Ich bin letztes Jahr umgezogen und seit dem bekomme ich leider kein Päckchen mehr, was ich sehr schade finde. Können Sie mir weiterhelfen? Wäre ja schön, vielleicht haben Sie eine Kontaktadressen an die ich mich wenden kann. Vielen Dank
Grüße
Sonja Heinrich
Es gibt für das, was fällt, einfach keinen Boden. Nun könnte ich der Dame selbstverständlich antworten, daß sich – theoretisch betrachtet – auch Bücher rauchen ließen, und ich könnte ihr diesbehufs s c h o n ein Bändchen Marlboro zukommen lassen; nur würde, in solcher Form genossen, auch ein Rilke kaum schmecken, um von den Zeitgenossen, sagen wir: Ulf Stolterfoht, besser und sowieso von m i r zu schweigen. Andererseits wird literarischer Geschmack so mehr zur Frage des bei der Bindung verwendeten Leims als der Gedanken, Absichten und poetischen Fähigkeiten, die ein Buch entstehen ließen. Nur wer weiß?: Vielleicht ist Frau Heinrich unserer Zeit ja voraus und hat deutlicher als wir ihre Zeichen erkannt; weshalb sie nun darüber nachdenkt, wozu sich Restbestände vor 25 Jahren erschienener Bücher zur allgemeinen wenn zwar sicher nicht Wohlfahrt, so doch Nutzung verwenden ließen - schon um verbraucherfernere Entsorgungsmodi abzuwenden.
Email: Sonja.HeinrichH@web.de
Betreff: Postsendung
Nachricht: Sehr geehrter Herr Herbst,
vielleicht bin ich bei Ihnen richtig, ich weiß es nicht. Ich habe immer jährlich von Marlboro ein Päckchen bekommen, mit meist schönen Geschenke drin. Ich bin letztes Jahr umgezogen und seit dem bekomme ich leider kein Päckchen mehr, was ich sehr schade finde. Können Sie mir weiterhelfen? Wäre ja schön, vielleicht haben Sie eine Kontaktadressen an die ich mich wenden kann. Vielen Dank
Grüße
Sonja Heinrich
Es gibt für das, was fällt, einfach keinen Boden. Nun könnte ich der Dame selbstverständlich antworten, daß sich – theoretisch betrachtet – auch Bücher rauchen ließen, und ich könnte ihr diesbehufs s c h o n ein Bändchen Marlboro zukommen lassen; nur würde, in solcher Form genossen, auch ein Rilke kaum schmecken, um von den Zeitgenossen, sagen wir: Ulf Stolterfoht, besser und sowieso von m i r zu schweigen. Andererseits wird literarischer Geschmack so mehr zur Frage des bei der Bindung verwendeten Leims als der Gedanken, Absichten und poetischen Fähigkeiten, die ein Buch entstehen ließen. Nur wer weiß?: Vielleicht ist Frau Heinrich unserer Zeit ja voraus und hat deutlicher als wir ihre Zeichen erkannt; weshalb sie nun darüber nachdenkt, wozu sich Restbestände vor 25 Jahren erschienener Bücher zur allgemeinen wenn zwar sicher nicht Wohlfahrt, so doch Nutzung verwenden ließen - schon um verbraucherfernere Entsorgungsmodi abzuwenden.
albannikolaiherbst - am Dienstag, 9. Oktober 2007, 08:54 - Rubrik: Rueckbauten
„Was?! 50 Euro kostet der Reisepaß? Wieso das denn?“
„Wegen der neuen biometrischen Technologie.“
„Und wenn jemand kein Geld hat, was macht d e r dann?“
„Er mu ß ja nicht verreisen.“
„Und wenn er eingeladen wird aus dem außereuropäischen Ausland?“
„Dann d a r f er halt nicht reisen. Oder er bringt das Geld b e i.“
(Sozialstaat nach Schröder: Keine Arme, keine Kekse.)
„Wegen der neuen biometrischen Technologie.“
„Und wenn jemand kein Geld hat, was macht d e r dann?“
„Er mu ß ja nicht verreisen.“
„Und wenn er eingeladen wird aus dem außereuropäischen Ausland?“
„Dann d a r f er halt nicht reisen. Oder er bringt das Geld b e i.“
(Sozialstaat nach Schröder: Keine Arme, keine Kekse.)
albannikolaiherbst - am Mittwoch, 11. April 2007, 12:49 - Rubrik: Rueckbauten
[für >>>> daniel.]
Holger Bultmann war Lebensmittel besorgen gegangen und hatte, was sich nicht selten bei ihm begibt, keine Münze für den Einkaufswagen dabei. Also nahm er ein leeres Kartonchen von dem Milchturm Tetrapack und füllte seinen Bedarf darin ein: ein Stück Butter, zwei Flaschen alkoholfreien Bieres, Krabbensalat, einen Handkäs, drei Joghurtbecher, vier Tafeln Schokolade, ein paar Nüsse. Damit ging er zur Kasse und packte seine wenigen Waren auf das Förderband. Als dieses die Lebensmittel an die Kassiererin und ihr Scan-Feld herantransportiert hatte, sah die Frau auf, leicht unwirsch, und fragte auf preußisch-berlinische Art: „HattenSe nich ’n Karton?“ „Ja“, antwortete Holger, „den hatte ich tatsächlich.“ „Und wo isser jetz?“ „Na da vorn, wo schon der andere auf der leeren Stellfläche steht.“ „Da gehört er aber nich hin!“ „Je nun, aber da ist doch Platz.“ „Interessiert mich nicht. I c h krieg den Anpfiff.“ „Na ja, Pardon, aber da hat schon jemand anderes...“ „HörnSe maa, ich kann nich j e d e n erwischen!“ „Was heißt hier erwischen?“ „Das wissenSe genau! HolnSe den Karton gefälligst da weg und bringenSe’n da hinten hin!“ Die halbe Schlange lacht bereits. Holger: „Ja gerne, aber ich meine, wozu dieser Aufwand?“ Jedenfalls tut er’s.
Die Kassierin scannt. Dann sagt sie: „4,99.“ Holger gibt einen Fünf-Euro-Schein. „Lassen Sie den einen cent hier“, sagte er, „das bringt Glück.“ „Das“, ruft sie, „geht nicht!“ „Wieso nicht?“ „Weil ich das bonnen muß.“ „Wieso müssen Sie das?“ „Weil es Vorschrift ist!“ „Aber ich kann doch I h n e n den cent schenken... rein für I h r Glück....“ „Das ist gegen die Vorschrift!“ „Ihr Glück ist gegen die Vorschrift?“ „Interessiert mich nicht. Nehmen Sie diesen cent, damit ich ihn nicht bonnen mußt.“ „Na, dann bonnen Sie ihn halt.“ „Ich hab dafür aber keine Ware. Wenn ich den bonne, kriege ich Ärger.“ Jetzt lacht die ganze Schlange. ‚Ein Roboter’, denkt Holger. ‚Das ist ein Roboter.’ Und in einer Mischung aus Furcht und dem Gefühl, in einer seelischen Schlacht um die Freiheit geschlagen worden zu sein, verläßt er den Pennymarkt wieder. Bedrückt.
>>>> 2 1/2 Jahre später.
Holger Bultmann war Lebensmittel besorgen gegangen und hatte, was sich nicht selten bei ihm begibt, keine Münze für den Einkaufswagen dabei. Also nahm er ein leeres Kartonchen von dem Milchturm Tetrapack und füllte seinen Bedarf darin ein: ein Stück Butter, zwei Flaschen alkoholfreien Bieres, Krabbensalat, einen Handkäs, drei Joghurtbecher, vier Tafeln Schokolade, ein paar Nüsse. Damit ging er zur Kasse und packte seine wenigen Waren auf das Förderband. Als dieses die Lebensmittel an die Kassiererin und ihr Scan-Feld herantransportiert hatte, sah die Frau auf, leicht unwirsch, und fragte auf preußisch-berlinische Art: „HattenSe nich ’n Karton?“ „Ja“, antwortete Holger, „den hatte ich tatsächlich.“ „Und wo isser jetz?“ „Na da vorn, wo schon der andere auf der leeren Stellfläche steht.“ „Da gehört er aber nich hin!“ „Je nun, aber da ist doch Platz.“ „Interessiert mich nicht. I c h krieg den Anpfiff.“ „Na ja, Pardon, aber da hat schon jemand anderes...“ „HörnSe maa, ich kann nich j e d e n erwischen!“ „Was heißt hier erwischen?“ „Das wissenSe genau! HolnSe den Karton gefälligst da weg und bringenSe’n da hinten hin!“ Die halbe Schlange lacht bereits. Holger: „Ja gerne, aber ich meine, wozu dieser Aufwand?“ Jedenfalls tut er’s.
Die Kassierin scannt. Dann sagt sie: „4,99.“ Holger gibt einen Fünf-Euro-Schein. „Lassen Sie den einen cent hier“, sagte er, „das bringt Glück.“ „Das“, ruft sie, „geht nicht!“ „Wieso nicht?“ „Weil ich das bonnen muß.“ „Wieso müssen Sie das?“ „Weil es Vorschrift ist!“ „Aber ich kann doch I h n e n den cent schenken... rein für I h r Glück....“ „Das ist gegen die Vorschrift!“ „Ihr Glück ist gegen die Vorschrift?“ „Interessiert mich nicht. Nehmen Sie diesen cent, damit ich ihn nicht bonnen mußt.“ „Na, dann bonnen Sie ihn halt.“ „Ich hab dafür aber keine Ware. Wenn ich den bonne, kriege ich Ärger.“ Jetzt lacht die ganze Schlange. ‚Ein Roboter’, denkt Holger. ‚Das ist ein Roboter.’ Und in einer Mischung aus Furcht und dem Gefühl, in einer seelischen Schlacht um die Freiheit geschlagen worden zu sein, verläßt er den Pennymarkt wieder. Bedrückt.
>>>> 2 1/2 Jahre später.
albannikolaiherbst - am Freitag, 23. September 2005, 14:44 - Rubrik: Rueckbauten
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Der Berliner Dom.
Die Siegessäule. (Hat T h e t i s schon erledigt. Riesige Trümmer auf dem STERN.)
Nicht um Geschichte zu leugnen. Sondern um sie nicht zu feiern. Gründerzeitschmock und erigierte Kanonen.
herbst & deters fiktionäre
Die Siegessäule. (Hat T h e t i s schon erledigt. Riesige Trümmer auf dem STERN.)
Nicht um Geschichte zu leugnen. Sondern um sie nicht zu feiern. Gründerzeitschmock und erigierte Kanonen.
herbst & deters fiktionäre
albannikolaiherbst - am Samstag, 10. Juli 2004, 15:18 - Rubrik: Rueckbauten
Wir liefen über Görings Grundstück. G. hatte vorher, noch im Auto, gefragt: „Hast Du den Nerv für einen schlechten Witz?“ Ich: „Na dann!“ Er: „Ribbentrop war auch da.“ [Mein berüchtigter Großonkel erschuf mir zu meinem Schaden öffentliche Identität: Obwohl ich mit dem Mann gerade siebten Grades verwandt bin, wirft sein Name noch jetzt mit Schuld nach mir. Ich habe darüber geschrieben, aber das Buch ist verboten worden. Egal.]
Jedenfalls ist es nicht ohne zynischen Geschichtswitz, daß ich nun mit G. bisweilen hierherfahre und mich – wohlfühle. Görings Anwesen, an der schmalen Ostseite des Sees, indes G.’s Häuschen am Westzipfel liegt, wurde dreimal gesprengt: von ihm selbst, als die militärische Niederlage absehbar war, von der Sowjetarmee, die das Gebiet überlief, und ein drittes Mal von der NVA. Nun liegen durch den Wald verstreute, von Kletterpflanzen überwachsene oder aus Bennesselbüschen hervorleuchtende, knochenweiß verwunschene Steinbrocken herum, bisweilen läuft man über einen breiten Treppensims, die Wandreste eines Swimmingpools schimmern wie blaue Türen unter dem Laubwerk durch, alles macht den Eindruck verfallener Geschichte und duftet: Oh ja, dahin möcht man zurück. Nur die stumpfen Steinsäulen, die zu Seiten der Einfahrt auf das Anwesen erhalten geblieben sind, lassen die brutale, ignorante Grausamkeit ahnen, die hier Bauherr gewesen ist. Genau das haben die Sprengungen vernichtet: architektonische Erinnerung, die sich durch eine falsch-emotionale ersetzt... so, wie man über Trümmerstücke des SPQR geht, berührt vom Finger einer idealisierten Geschichte, die wie für das vom Humanismus reklamierte Griechenland völlig vergessen läßt, daß es sich um Sklaven- und Vasellenreiche handelte. An die Stätte eines Mannes, der dem Teufel jedes schwere Wasser reichte, ist heute der Vorschein heiler Natur getreten, durch die die Reste einer märchenhaften Kultur, versteckt in moosige Steinstumpen, locken.
Sprengung als ein Verdrängungsakt. Palast der Republik.
Jedenfalls ist es nicht ohne zynischen Geschichtswitz, daß ich nun mit G. bisweilen hierherfahre und mich – wohlfühle. Görings Anwesen, an der schmalen Ostseite des Sees, indes G.’s Häuschen am Westzipfel liegt, wurde dreimal gesprengt: von ihm selbst, als die militärische Niederlage absehbar war, von der Sowjetarmee, die das Gebiet überlief, und ein drittes Mal von der NVA. Nun liegen durch den Wald verstreute, von Kletterpflanzen überwachsene oder aus Bennesselbüschen hervorleuchtende, knochenweiß verwunschene Steinbrocken herum, bisweilen läuft man über einen breiten Treppensims, die Wandreste eines Swimmingpools schimmern wie blaue Türen unter dem Laubwerk durch, alles macht den Eindruck verfallener Geschichte und duftet: Oh ja, dahin möcht man zurück. Nur die stumpfen Steinsäulen, die zu Seiten der Einfahrt auf das Anwesen erhalten geblieben sind, lassen die brutale, ignorante Grausamkeit ahnen, die hier Bauherr gewesen ist. Genau das haben die Sprengungen vernichtet: architektonische Erinnerung, die sich durch eine falsch-emotionale ersetzt... so, wie man über Trümmerstücke des SPQR geht, berührt vom Finger einer idealisierten Geschichte, die wie für das vom Humanismus reklamierte Griechenland völlig vergessen läßt, daß es sich um Sklaven- und Vasellenreiche handelte. An die Stätte eines Mannes, der dem Teufel jedes schwere Wasser reichte, ist heute der Vorschein heiler Natur getreten, durch die die Reste einer märchenhaften Kultur, versteckt in moosige Steinstumpen, locken.
Sprengung als ein Verdrängungsakt. Palast der Republik.
albannikolaiherbst - am Donnerstag, 8. Juli 2004, 15:46 - Rubrik: Rueckbauten
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