Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Bis Okt. 2017 verboten)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Seit Okt. 2017 wieder frei)
________________________________


 

Rezensionen

Zu "Friedhof der Klaviere" von José Juís Peixoto.

>>>> Dort.

Novellenwunder bei FAUSTKULTUR: Millhausers Zaubernacht. Eine poetische Rezension.

>>>> Dort.
Novellenwunder Faust (Mai 2017)

Schönheit. (Gefunden eine Zaubernacht). Von Steven Millhauser und Sabrina Gmeiner.


Es juckt sie unter der Haut. Es juckt bis in die
Knochen. Nur, wie kratzt man seine Knochen?

Millhauser Zauberrnacht
Sein Rücken schmerzt. Seine Augen
brennen. Sein Leben schmerzt.
Wann habe ich zuletzt ein so schönes Buch gelesen, wann wurde ich zuletzt
von solch lyrischer Sprache geliebkost?
Von den Straßenlaternen auf dem Parkplatz fällt
dumpfes Licht auf die Bäume und hinterläßt
verlockende schwarze Schattenbüschel.
Auch wenn dieses schmale Buch bereits im vergangenen Herbst erschien, ist es meine Entdeckung der Leipziger Buchmesse 2017
seidenblusengrün, augenlidgrün... Wer es sich, nachdem dieses Annoncement gelesen wurde, nicht sofort kauft, ist masochistisch.
Sie sieht hoch zum Mond, dort oben am Himmel. Er ist bei-
nahe makellos rund, bis auf eine Seite, die etwas abgeflacht und
verwischt wirkt, als hätte jemand mit dem Daumen darüberge-
wischt; und plötzlich überkommt sie das Verlangen, dort zu sein, in
dieser weißen Glut, und unbemerkt auf die kleine Stadt hinabzusehen,
auf die Spielzeughäuser mit ihren beweglichen Schornsteinen, auf die
kleinen Ahornbäume und Straßenlaternen, auf die winzigen Menschen
mit ihren winzigen Sorgen.

Steven Millhauser
Zaubernacht
Novelle

Deutsch von Sabrina Gmeiner
SEPTIME
Wien 2016
>>>> Bestellen


So düster wie grandios. Christopher Eckers Roman "Der Bahnhof von Plön".


[Geschrieben als Kurzrezension für amazon.de.
Dortseits nicht angenommen, weil sie gegen die
"Guidelines" verstoße. Es ist mir unklar, warum,
und nachfragen läßt sich's nicht.
ANH, Mai 2016]

Für mich gehört Christopher Ecker, vor allem seit seinem Roman >>>> Fahlmann, zu den herausragenden deutschsprachigen Romanschriftstellern der Gegenwart; möglicherweise steht er ganz vorne an der Front (ja, es ist eine) - wenn auch auf scheinbar verlorenem Posten, weil ihn weder die modischen politischen Correctnesse stören, noch daß er eine "Zielgruppe" im Auge hätte. Im Gegenteil ist er allein seinen Themen und einer modernen, dabei aber ausgesprochen erzählerischen Form verpflichtet, und er hat keine Scheu, Positionen einzunehmen, mit denen man sich ungern identifiziert. Die Texte können also durchaus unangenehm werden - darin ähnelt er dem berühmten Bret Easton Ellis geradezu extrem, der als deutscher Autor ebenso untergebügelt worden wäre, wie es derzeit Christopher Ecker geschieht. Spätere Generationen werden es, ich bin mir gewiß, korrigieren.
Deshalb kann ich nur dringend empfehlen, sich auf das Abenteuer Ecker einzulassen, ganz besonders mit diesem Buch, dem so harmlos klingenden "Bahnhof von Plön":


Unter diesem nämlich befindet sich eine Zwischenwelt, die jedes Gothic- und David-Lynch-Herz bangend höherschlagen läßt - eine Geschichte neben der Geschichte, quasi Urgeschichte neben der Neuzeit, parallel mit ihr laufend aber und in sie beklemmend eindringend. Dabei in einer klaren Sprache erzählt, zu der sich schnell Zugang finden läßt - auch wenn sie einen immer wieder foppt, dann überrascht und plötzlich schockiert, "man muß es sich als ein Haschen nach dem Winde peitschender und flatternder Möglichkeiten vorstellen" (S. 190), und auch, wenn sich die Erkenntnis darüber, was e i g e n t l i c h erzählt wird, erst sehr allmählich einstellt, sozusagen wider Willen der Leserin/des Lesers - worin auch "Widerwillen" mitschwingt. "Haben Sie je selbst erlebt, wie ein Fisch in Ihrer Hand zuckt, bevor Sie ihm den Griff des Messers über den Kopf ziehen? Metaphern sind nur brauchbar, wenn sie auf Erlebtem fußen" (S. 252).
Was mich an diesem Roman so erstaunt hat, ist, wie geradezu organisch und darum nachvollziehbar, selbst Ungeheuer - oder das, was wir für solche halten - philosophieren, wie um Wahrheit sie bemüht sind. Insofern läßt sich dieser Roman auch als ein politisch-moralischer Kommentar zu den derzeit, m i t, drängendsten Fragen unserer Zeit lesen: zum Aufeinanderprallen einander diametral entgegengesetzter Kulturen und Moralverständnisse. Unter diesem Blickwinkel betrachtet, ist der Bahnhof von Plön ein geradezu erschreckend politisches Buch und dennoch (oder gerade deshalb?) voll des Gefühls der Versagung, des Entsagens und der Sehnsucht.
Ecker gehört zu den sehr wenigen Romandichtern der deutschsprachigen Gegenwart, die sich etwas w a g e n - und sich selbst wagen. Wir sollten es ihm gleichtun --- und damit beginnen, indem wir ihn lesen.

Christopher Ecker
DER BAHNHOF VON PLÖN
Roman

Gebunden, 396 Seiten
22,95 EUR
Mitteldeutscher Verlag, Halle 2015
>>>> Bestellen

Zu Pascal Quignard, Sexualität und Schrecken:

>>>> Dort (im Kommentar).



Katharina Schultens‘ GORGOS PORTFOLIO


[Geschrieben für >>>> Volltext,
erschienen in 4/2014.]

wenn ich einen schlüssel hätte der öffentlich wäre und trotzdem geheim
nichts davon funktioniert. auch das hier hat es schließlich nicht

Zum ersten Mal begegnete ich dieser Lyrik im „ausland“ – einer der kleinen, beinah klandestinen Aufführungs- und ja, Uraufführungsorte neuer Dichtung, die wir in Berlin nicht sehr viele, aber doch bedeutend mehr als andere Städte haben. Das Wort „bedeutend“ ist dabei nicht immer, aber doch oft angemessen. >>>> Sabine Scho hatte mich, die dort ebenfalls las, quasi vorher„gewarnt“ und von der, erinner ich mich, „grandiosen Katharina Schultens“ geschrieben. Bei sowas, erstmal, bin ich skeptisch. Dann zog es mir die Schuhsohlen weg, also daß ich nackter Fußsohlen stehen blieb.
Schultens las ein paar der Gedichte, für die ihr im selben Jahr Leonce & Lena zugesprochen worden war, und dann – aus Manuskripten. Es waren sie, die mich derart benahmen, daß ich nahezu kritiklos nur zuhören konnte. So etwas widerfährt mir sonst nur bei großer Musik. Und jetzt sind diese - „Texte“ dazu zu sagen, wäre blasphemisch, ich sag besser gar nix als Zuordnung... - jetzt sind sie erschienen, und ich konnte nach„prüfen“: >>>> Katharina Schultens, gorgos portfolio, Gedichte, kookbooks Berlin, 2014. Und so geht das los:mein projektleiter stützt abends den kopf in die hände reibt
seine wimpern; er habe mich tagsüber verbrannt ohne not
worauf sie, Schultens, indirekt reimt, geschickt in – ecco! - dem Nichtreim auf lots weib. Damit ist dann schon geschehen, was viele dieser Gedichte wesenhaft auszeichnet: der Arbeitsalltag wird transzendiert, und zwar in einem Maß, daß das „verbrannt ohne not“ etwas Leibhaftiges jenseits allen Dahingesagten bekommt. Und über die „o“-Reihungen, die schon im Titel „projekt“ angeschlagen werden und sich über „losungen“ nach „definitionen“ fortsetzen, wird die Präsentation eines nahezzu beliebigen Projektes zur ontologischen Aussage, also einer über das Sein als solchem. Schultens poetisiert insgesamt die mal schicke, mal nüchterne Technokratie, in der telefonierend der Projektleiter leise meine stiefel streichelt. So daß die Poetisierung zugleich eine Sexualisierung ist, zumindest Erotisierung, und dies aber ständig. Zugleich bleibt sie entfremdet, es wird keine Versöhnung hergestellt: der index hat vergessen was sein ursprung ist. Sogar schlimmer: pandora ist ihm kein begriff.
Bei Schultens wiederfindet das poetische Geschehen allein über die perverse Bewegung auf seinen Meer-, damit „Ur“grund: ich trug die stiefel aus meinem büro

wenn ich mich drehte, bohrte ich den absatz
immer genau zwischen die zehen seiner tatzen
Nun ist es schrecklich banal, bei Lyrik von „tollen Bildern“ usw. zu schreiben oder sie gar noch zu loben. Denn abgesehen von den rhythmischen Strukturen wäre ein Gedicht gar nichtohne sie. Vielmehr sind sie überhaupt die Voraussetzung dafür, daß wir von Gedichten sprechen können; alleine gebrochene Zeilen machen es nicht. Sondern Schultens dreht ihre „guten Bilder“ in unversehene Konkretion herum. Ich möchte das ein inverses Abstrahieren nennen. Auch hier führt die Bewegung zum Grund zurück, die Hand auf den realen Tisch, und zwischen den Fingern rieselt die Erde:ein bündel roter trauben eine schale roter augen
die schale ist ein tal. den augen wachsen blicke
Genau hier hätten mindere Lyriker:innen aufgehört und die Claquers gejubelt. Schultens indessen nimmt ihr Bild konkret und setzt fort:sie staksen drauf bestürzt durchs grasDazu eine wie verlorene Absage an den Germanistenfetisch Ironie: –/--/- /- haben wir
als eigenkapitaleinlage mehr als ironie.
Das Fragezeichen freilich, es ist ein bitteres, müssen wir uns denken. Scneller noch erfühlen wir‘s aus der Satzmelodie: Dadurch überträgt sich die Bitternis erst. Das ist kein nur-rationaler Akt mehr. Erst recht handelt es sich nicht um pure Rhetorik; nur dann, wäre das Fragezeichen dahingesetzt worden, ließ sich das erwägen. Sondern hier ist überhaupt nichts rhetorisch, vielmehr alles auf eine kaum faßbare Weise „rein“. Das meint insbesondere die formale Durcharbeitung der Gedichte. Immer wieder war und bin ich versucht, Silben zu zählen, bzw. gegen die Hebungen zu halten. Immer wieder lese ich laut, als Klangstruktur. Immer wieder gerate ich dadurch in eine Spannungsverhältnis zu den hier angespielten und oft fast klassizistisch-streng durchgearbeiteten Semantiken, zum Beispiel in „crude“:sag: wer hat mir die liebe endgültig entschieden
auf die temperatur einer großkatze hochgepegelt
nicht schnurren bloß: ein prankenhieb dein kopf ist ab
ein biss: das war dein leib. du krümelst
Wer hat da nicht „Siehe, dies ist mein Leib“ im Kopf? Um so heftiger die Verbindungslinie: „Sexualität ist kein Spaziergang im Grünen“, schrieb Camille Paglia zurecht. Und auch hier wieder die Bewegung aus dem Bild in die Konkretion: die Krümel sind nicht „bildlich“, sondernich müßte dich mindestens eine stunde lang
in wasser legen, um mein kind einen tag zu ernähren (/ - / -)
Hier wird die Sehnsucht nach Erfüllung zu ihrer notwendigen, das ist entscheidend, nicht Enttäuschung, nein: zersetzenden Einvernahme. Sie wird verstoffwechselt, ist ihr eigenes Ende im selben Moment, als Nährstoff. Was Welt ist, findet bei Schultens ihren Ausdruck, und zwar dort, wo sie uns am entfremdetsten zu sein scheint.
Der, ich sag mal, „lyrische Skandal“, ohne den die Größe dieser Gedichte nicht wäre, besteht nun aber darin, daß jedes Gebilde für sich von enormer Schönheit ist. Zu der gehört, bis auf wenige Ausnahmen, ihre stilistische Vollkommenheit. In dieser Weise, für Kunstwerke der Gegenwart, ist mir das bisher allein bei Ligeti begegnet: Es wird, quasi, von Anfang an nicht mehr experimentiert. Das sind keine Versuche; selbst von hohem „Talent“ - nur! - zu sprechen, wäre eine Blasphemie. Und dabei haben wir es nicht etwa mit einer „hauptberuflichen“ Dichterin zu tun, sondern einer Frau, die ziemlich hart und entschieden nicht nur im „Alltags“beruf, dem einer Managerin, „ihren Mann“ „steht“ (:! ah! diese verräterischen Idiome!), sondern überdies alleinerziehende Mutter eines kleinen Kindes ist. Doch, das gehört hierher. Denn es sagt etwas über lebenswirkliche Widersprüche, die solche Lyrik wahrscheinlich erst möglich machen, ihre conditio sind: über persönlich harte, heftige Bedingungen:wer hat mein zittern mit nur einem schnitt
der quantenscharfen kante von mir abgetrennt
und war nicht seele darin die jetzt schwebt
Zumal „Alltags“- und „Arbeitswirklichkeit“ sehr viel mehr als banale Abläufe meint, sondern durchaus ein ganzes ökonomisch grundiertes Weltgeschehen im Blick hat; auch deshalb ist die Zuordnung „Managerin“ wichtig: Es wird gewußt, und zwar erfahren, wovon man schreibt. Indem Schultens das Persönliche nun aber darauf spiegelt und das global Wirkliche (Wirkende!) umgekehrt auf dieses, ergibt sich ein Prozeß der Wechselwirkung, der seine Transzendierung geradezu verlangt. Es ist eine in diesen Gedichten zugleich feingriffige, wie sehr oft im antiken Sinn tragische: Wonach ich mich sehne, ist das, was es letztlich zerstört. Daher wohl auch dieser ungemeine Eindruck kristalliner Reinheit; noch der Schmerz wird zum Werkstück an der Erfahrung. Nicht grundlos ist ein geradezu unheimliches Gedicht „fatum“ betitelt; ich mag nicht einen Ausschnitt zitieren, und als ganzes wär es hier zu lang. Aber um das Fatale zu bezeichnen, stelle ich wenigstens zwei Zeilen aus dem insgesamt titelgebenden „gorgo“ hier hin:trägt einer sein headset im schlaf
ziehn ihn die kabel zur schlangengrube
Sie können hier auch lesen (und sprechen Sie es bitte!), wie meisterhaft Schultens mit Verkürzungen umgeht, im Übergang von „ziehn“ zu „ihn“, was wiederum die Alliteration von „Schlaf“ auf „Schlange“ ausbalanziert. Oben war es „zittern“ zu „schnitt“, von „quant“ zu „kant“ gefolgt und „scharf“ über, ausgerechnet, „seele“ zu „schwebt“. Es gibt kaum einen Vers Schultens‘, schon gar keine Strophe, der solche Bewegungen nicht eingeschrieben würden. Dies sind die Innenverhältnisse. Die Außenverhältnisse sind sehr oft im ersten Blick die der sogenannten Realität, aber besonders auch der (positivistischen) Naturwissenschaften, mit fast immer gefolgter Transzendierung zugleich ins Persönliche und vor allem Mythische. Wobei es nicht etwa um Überhöhung geht, sondern es ist der Abzug des Konkreten aus einem Allegorischen. So daß, was quasi-analytisch „prism“ heißt, ein also auf ersten Blick technischer Term, bei Schultens zu sogar einem in diesem Fall konkret-religiösen Statthalter werden kann - hier der Sentenz und vergib uns unsere Schuld aus dem Glaubensbekenntnis, aber auf lateinisch, dimitte debita nostra, – um zu schließen:(nobis!) wenn ich niemandem das gerimgste vergebe
und laß mich dennoch nicht allein
Allein in den Gedichttiteln wird solch eine Synthese... nein, nicht bloß angestrebt, sondern erreicht: „projekt“, „massive attack“, „gorgo“, „prism“, „fatum“, „insider trading“, „dysprosium“ usw. Es lohnt sich, die Titelbegriffe nachzuschlagen, wenn man sie nicht zuzuordnen weiß. Etwa hysteresis, für mich ein Herzstück dieses Gedichtbandes, wobei Herz immer auch Kleist meint: „Küsse, Bisse, das reimt sich“... und Schultens versteht, wie Penthesilea, unter Bissen nicht nur Geknabber. Wobei aller Gedichte Frappierendstes ist, daß sie gar nicht spezialgebildet daherkommen, noch solch „Experten“wissen verlangen, um ihr radikales Glänzen zu verströmen. Es ist ein dunkles Irisieren in nur technisch hellem Verlangen. Denn dieses ist zugleich die Versagung des Verlangten. Deshalb können wir mit dieser Dichtung niemals gute Kumpels sein, sondern sie erfüllt uns zwar, gibt uns aber zugleich mit dem Lineal auf die Finger. So daß es oft ausgeführte Doublebind-Strukturen sind, die hier Poetik werden:missversteh meine bilder zu identität
finde mich: bitte finde mich nicht
Aber darin, in der ausgehaltenen Ambivalenz, bleibt es nicht balanziert – schon gar nicht im Sinn einer „harmonia mundi“. Das ist so wenig ein stabiler Orbit, wie die Welt stabiler Ort. Doch anstelle sich in Frustration zu erschöpfen, heizt der permanente, sagen wir, Interruptus das Begehren noch an. Das von Schultens in auch und gerade rhythmisch ständiger Nervösität gehalten wird, in einer nervhaften, sehnigen Spannung, die sich befrieden lassen gar nicht will. Es soll unterm Firmament des Ewiggleichen kein Stillstand sein, den die ersehnte Ruhe bedeuten würde, wär sie erreicht:wir sollten unsre suche in das mondhochland verlegen
wir sollten anerkennen: vor diesem feld kann man nur flüchten
- seltsame erden fürwahr!, in der nur Versagung die Lust erhält, ohne das aber zu betrauern, gar zu bejammern. Sondern mit einer lyrischen Radikalität sondergleichen Hohegesang und Analyse vereint. Daß es bei Katharina Schultens weder poetologisch noch poetisch, noch gar persönlich auch nur die Spur von Banalität gibt, wird sie bei zugleich dieser Formvollendung zu einer der wahrscheinlich bedeutendsten Lyriker:innen unserer Zeit machen, im deutschen Sprachraum jedenfalls unter denen ihrer Generation. Wenn sie es, trotz des bislang vergleichsweise schmalen Werkes dreier Gedichtbände, nicht bereits ist.

ANH
Katharina Schultens
gorgos portfolio
64 Seiten
>>>> kookbooks 2014
>>>> Bestellen.

Zu: José Luís Peixoto, Das Haus im Dunkel, Roman.

>>>> Dort.Peixoto-Haus-im-Dunkel

Zu Nikolitschs/Mariakrons Irrer von Giraudoux

siehe >>>> dort im Untriest 42.

Lars Popps „Haus der Halluzinationen“.


[Geschrieben für >>>> Volltext,
erschienen in der Ausgabe 3/2014.]
„Éternel, là à’l Montagne magique. Et possible partout.“
Jean Pascal Tijbner, Memoires.


Es ist >>>> dies nicht nur das erste Buch, das ich als eBook gelesen, obwohl es als solches noch gar nicht erschien, sondern eines, das ich selbst geschrieben habe, doch anders, völlig anders, geradezu nicht vergleichbar. In einem anderen, möcht ich fast sagen, Zeitalter, einem, das sich unterdessen so normiert hat, daß nicht damit zu rechnen war, es würden sich die Gestalten noch einmal zusammenfinden, geschweige öffentlich zeigen, die mich damals zu ihm führten, bzw. nicht mich selbst als das, was Ich in seinem zweiten Vornamen ist, sondern das Er darin, bevor Hans Erich Deters fast unmittelbar – denn es war ja nur eine einzige, wenngleich zehn Jahre währende Woche – in die Anderswelt einging. Und in ihr.
Nein, damit war nicht zu rechnen, daß all die folleti, dames vertes, Vampire, Leprechauns sich abermals für ein Stelldichein zusammenraufen würden, um an die fünfundzwanzig Jahre später eine Zwischenbilanz zu ziehen, bzw. sie von einem Autor, mit dem weder ich selbst noch Deters jemals etwas zu schaffen hatten, ziehen zu lassen; erst recht aber nicht, mit welch einer Eleganz und welchem Reichtum an perspektivischen Tricks er dies tun würde. Ich spreche (und tue das schreibend) von Lars Popp und seinem in diesem Jahr bei >>>> Hablizel http://www.hablizel-verlag.de/ in Lohmar (beides Namen, die mir ebenfalls vorher nicht bekannt gewesen) erschienenen Roman „Haus der Halluzinationen“, der allerdings den bereits deutlich warnenden Untertitel „Umwelts Heimkehr“ trägt. Ich überlas ihn, als stünde er nicht da. Vielleicht wäre ich andernfalls weniger überrascht gewesen.
Überrascht worden zu sein, ist ein Euphemismus. Sowieso hatte der Autor selbst mich gewarnt, über Facebook.
Die Sprache der Geister hat sich gewandelt; ihr Reflex auf den Zauberberg ist kaum noch zu spüren, wenngleich da; sie reden modern, auch im Jargon, und wechseln dabei ständig unsre Perspektive. Es kann sein, daß sie ihren Autor manipuliert haben, immer wieder, ohne daß er das merkte, der ganz bewußt nüchtern beginnt, wenn auch nach einer anderen Warnung, die er doch selber vor den Anfang des Buches gestellt haben muß. Sie stammt von Jean Cocteau und lautet, frei übersetzt: „Wir müssen uns ihnen in einer Gestalt zeigen, in der sie selbst uns schufen; andernfalls sähen sie nichts als Leere.“ Das spricht eine Mythe zur Mythe. Schon stecken wir tief in der Kunst-, aber eben auch der Erkentnnistheorie, die ihr zugrundeliegt, jene aber liegt ihr zu Füßen. Verzeihen Sie die Paradoxien, wir kommen für dieses Buch um sie nicht herum. Genau das macht es zu einem großen.
„Stellt euch vor: die Erde +++ Europa, die Alpen +++ Stellt sie euch vor, die Schweizer Alpen +++ Dort stell euch ein abgelegenes Seitental vor (…) +++ (…) stellt euch auf dem Schattenhang zu eurer Rechten ein Hotel inmitten der eisigen Witterung vor, in seinem Rücken von Fichten und Lärchen umstellt, einige kleine Chalets an seiner steinernen Seite +++ GRAND HOTEL PARAMONTANA steht auf einem Schild überm Eingang“ - und die – nun schon dritte – Warnung sogleich: „So riefen es noch alle Wesen, als jene Woche begann +++“
So also ein Vierteljahrhundert nach „Wolpertinger oder Das Blau“ das „Haus der Halluzinationen“. Alles Wesentliche wiederholt sich, aber - weil Zeit irreversibel ist - in ständig neuer Form; es sind Zyklen, schrieb ich anderswo, deren Spiralen sich durch die Zeit vorandrehen: Zukunfts-Bohrer. Deshalb ist nichts abgeschrieben, ja der Begriff Plagiat für sich schon Absurdität, die sich nur Menschen ausdenken können, die ihr doch ohnehin nur scheinbares Eigentum für ihre Substanz halten. Weshalb sie ganz substanzlos sind. Ich nicht allein, deshalb, war überrascht, der Autor des hier weniger „besprochenen“ (schließlich sind wir keine Schamanen) als gedanklich umkreisten Romanes war‘s ganz genauso.
Geister erschrecken einen gern, sie stehen hinter der Tür und rufen dann „Buh!“ in unsere Rücken. Und kommen aus ihrem teils Kichern, teils dröhnenden Lachen gar nicht mehr raus, wenn ihnen ihr witziger Horror wieder gelang. Freilich kann man nicht sagen, daß er immer, wie in diesem Fall, gutartig ist.
„Welche der beiden Treppen hinab wirst du nehmen: die rechte oder die linke? Du tastest dich die linke hinab im Bemühen, leise zu sein; die Stufenabstände sind ein wenig zu groß für deine Beine, immer muß erst der andere Fuß hinterher, bevor du den nächsten Schritt setzen kannst“: hier ist von einem Kind die Rede. Daß es in der Erzählung angesprochen wird, ist System; eine jede Figur wird immer zugleich angesprochen, wenn und bevor sie erzählt wird. Dieses, das anfangs wie eine Manier wirkt, führt schließlich zu einer fast magischen Nähe mit jeder Figur. So daß wir Leser:innen uns wirklich mit einer jeden identifizieren, aber stets nur für das jeweilige Kapitel, schon wechseln wir nicht nur die Perspektive, sondern das gesamte Sein. So etwas habe ich zuvor noch nirgendwo gelesen. Popps Roman vereint die Vorzüge des auktorialen mit dem subjektiven Erzählen über die zweite Person Singular. Das ist schlichtweg grandios.
„Das Portal schwingt trotz der späten Stunde ohne Widerstand auf, als du=Marwin dagegen drückst. Außer Atem stürzt du ins Warme, direkt auf den Empfangstresen zu, hinter dem ---- ‚Anatol, ich muß dringend mit Ihnen reden. Ich habe etwas Unglaubliches herausgefunden, wir müssen -‘ ---- “ Und einhundert Seiten zuvor: „Diese Therapietussi hat gestern also Geburtstag gehabt, nickst du dir=Fritzi zu. Die gesamte Belegschaft, flankiert vom Hausherren-im-Rollstuhl, steht darum nun auf der Matte und versucht sich brav klatschend an einem HAPPY-BIRTHDAY-Karaoke. (…) Was die Leute nur mit diesen Tag haben. Man wird geboren, man lebt und man stirbt. So laufen die Dinge.“ Doch sie laufen darüber hinaus. Und darunter. Weshalb der Kater des Hauses Settembre heißt, was ganz gewiß nicht ohne Absicht den großen Gegenredner Naphtas anspielt. Denn ob „Wolpertinger“ oder „Haus der Halluzinationen“: beide Bücher kamen nicht umhin, über einen Teppich zu schreiten, den Thomas Mann ihnen ausgerollt hat (bei Popp findet sich sogar, oh Fülle des Wohlklangs, ein Schneekapitel), aber vor dem schon ihm ein andrer und wieder einer diesem zuvor: so tief ist der, wie Sie wissen, Vergangenheit Brunnen. Immer neues Wasser schöpft sich herauf: bei Popp die neuste Gegenwart. Der Computer, bei ihm, ist Literatur schon geworden, er schaut von weit später auf sie zurück und auf ihn als auf deren neuen Beginn: Imaginations-Realismus:
„Du blickst auf dein Arsenal aus Silizium und Kunststoff. Diese so seltsam benamten Gegenstände: das GSM-900-Handy, das ATARI ST Book, der plastikvergilbte POWER MAC, mit dem du viele Stunden in den COMPUSERVE-MUDs verbracht hast und dessen Tastatur du eigens auf die meistgebrauchten Befehle deiner selbstentwickelten Programmiersprache ALKALABETH angepaßt hast (…)“,
- kurz: Es geht um nicht weniger in diesem Buch als um eine Maschine der exakten Zukunftsprognose. Die Geister indessen, erneut, ringen um Freiheit. Doch alles dies nicht ohne, und zwar einen ziemlich großen, halluzinogenen Witz. Nämlich, so Jean Pascal Tijbner auf der Seite 76, „Descartes glaubte nicht an Wunder, wissen Sie. Das ist das große Problem.“

(ANH, 28.5.2014.
Paris.)

Lars Popp,
Haus der Halluzinationen oder Umwelts Heimkehr
Hablizel Verlag, Lohmar 2014
272 Seiten, 16,90 Euro

>>>> Bestellen.


Der ω-Mensch ODER Odd Walaker als fast schon junger Mann. Jan Kjærstads beseelender Roman „Ich bin die Walker-Brüder“.

[Geschrieben für >>>> Volltext.
Erschienen in Nummer 1/2014.
(Hier leicht ergänzt.)]


>>>> Bestellen.

Der Minister Walaker, Odd Marius Walaker, ist mit einer der schlimmsten Bedrohungen konfrontiert, die sein Land jemals gewärtigen mußte. Der Krisenstab erwartet seine Entscheidung. In einigen Stunden wird er vor einem Dickicht aus Mikrofonen stehen, um sie zu verkünden. Nur er kann Norwegen noch retten.
Wir ahnen, es geht um einen Terroranschlag. Wir ahnen, daß biologische Waffen eine Rolle spielen. Indessen haben wir keinerlei Ahnung, und wir bekommen sie auch nicht, wie solch ein Anschlag abgewendet werden könne. Darin sind wir wie Walaker selbst. Denn zwar befriedigt es nicht, wenn eine Geschichte nicht bis zur (Er)Lösung auserzählt wird, andererseits versetzt uns gerade das in Walakers Grundzweifel. Und zum Dritten ist die Bedrohung gar nicht das eigentliche Thema des Buches. Sondern die „W-Potenz“, die Walaker, als er fast noch Junge war, der aber soeben zum Mann reift, in die Lage versetzte, in alle komplizierten Dinge Einsicht zu mehmen, in alle Religionen, alle Gesellschaftsfragen, alle Theorien über den Menschen, und daß die Wörter, die es beschreiben konnten, irgendwo lagen und auf mich warteten, in der Zukunft.
So beschreibt es dieser Junge selbst, in Jan Kjærstads Roman „Ich bin die Walker Brüder“, auf das sensibelste übersetzt von Bernhard Strobel und erschienen bei >>>> Septime in Wien. Der norwegische Romancier läßt seinen Helden in diesen Zustand einer geradezu allumfassenden Einsicht - einem randunscharfen Gemenge aus Instinkt, Gefühlswahrheit, Wollen und globalem wie menschlichem Wissen, das auch Irrtümer einschließt und, sowie sie als solche erkannt sind, Wege zu ihrer Auflösung findet - in einer Situation höchster Demütigung fallen. Das Mädchen Mia, in das dieser Junge derart furchtbar verliebt ist, daß seine Aufzeichnungen ihren Namen nur fett, gesperrt und/oder in Versalien nennen und oft mit Ausrufezeichen dahinter, - dieses Mädchen also lehnt ihn nämlich nicht nur ab, sondern mit Freundinnen macht sie sich, auf grausliche Weise körperlich, über ihn lustig – Schlimmeres kann einem Pubertierenden kaum widerfahren:
Ich spürte Finger, die nach meinem Hosenbund griffen und mir langsam die Unterhose herunterzogen (…). Ich war ängstlich, aber auch gespannt. Ist es nicht ein bißchen schlaff? sagte die Lange. Ich hätte erwartet, daß es straffer ist, sagte die mit den Sommersprossen. Jedenfalls riecht es ein bißchen wie im Briskeby Wild & Fich, sagte die Hübsche. Gelächter. (…) Riecht es hier nach Käse? sagte Mia. (…) Hast du eine stinkende Socke gebumst? sagte die mit den Sommersprossen.
Statt aber Pein zu empfinden, statt sich von dem Geschehen ein- für allemal traumatisieren zu lassen, gerät der Junge in eine Art Erleuchtungszustand, von dem es in anderem Zusammenhang heißt, als ob ich mich in ein Ich und ein Ich aufspaltete, auf dieselbe Weise, wie wir es in der Biologie gelernt haben, daß die Zelle sich zweiteilen kann, und dieses Ich und Ich hielten sich zeitgleich sozusagen in zwei genetischen Räumen auf, (…) um sich anschließend erneut zu teilen und zu verzweigen und zu Bäumen aus Vorstellungen zu werden, mit dem Ergebnis, daß mein Bewußtsein am Ende von einem Wald von Möglichkeiten umgeben zu sein schien. (…) Trotz des Schmerzes beim Anblick von Mias schadenfrohem Gesicht, trotz der johlenden Begleitung der cortex-armen Arschlöcher ringsherum, lag ich da und genoß es, und es hatte, das möchte ich unterstreichen, nichts zu tun mit Masochismus, sondern es war ein Behagen, das von der Stärke des Erlebten, von der Komplexität des ganzen Ereignisses herrührte.
Es ist diese Kraft, auf die sich der ältere Walaker schließlich besinnt, – besinnen muß, darauf, wie ich, schreibt der Junge, auf erstaunlich viele Fragen antworten kann, die mir die Leute stellen – etwa wo die Insel Khark liegt oder wer Kaiser Ashoka ist oder welcher Komponist die Metamorphosen für 23 Streicher geschrieben hat -, ohne daß ich weiß, woher ich es habe. So daß Kjærstads Roman, der schon ein Entwicklungsroman in die Abgestumpftheit des pragmatischen Erwachsenseins wurde, ein wirklicher Entwicklungsroman erst werden kann, einer in die Reife, die ohne mitgespürte Kindheit und Jugend nicht möglich ist. Vielleicht haben alle etwas Magisches in sich. Aber bevor wir wissen, wie uns geschieht, ist es verschwunden.
Es ist eben weniger der „Plot“, was Kjærstads ungewöhnliches Buch auszeichnet, sondern vor allem, und darum ist es Dichtung, die Sprache. Nämlich ahmt er nicht etwa eine Jugendlichensprache nach, die dann allenfalls Erwachsene für Jugendsprache halten, sondern er erdichtet eine, findet ständig neue Wörter nach der spöttischen Art von Jugendslangs (echt kobra nigricollis, voll Chaplin); er arbeitet mit Hervorhebungen, Blaßschriftpartien, ja mit Durchstreichungen, die nicht selten höchst witzig sind, weil der Junge zum Beispiel Fremdwörter erst falsch schreibt, dann korrigiert (AuEau de Cologne), und je freier er in seinen Darstellungen wird, desto weiter wird er, bis er erkennt, daß die Wirklichkeit nicht linear ist, sondern spiralförmig - ein Gedanke, dem auch ich >>>> sogar ausführlich nachgegangen bin. Egal, was die weltliche Gesetzgebung behauptet, haben wir kein Urheberrecht auf Ideen und also nicht auf Wahrheit; sondern sie wird uns gegeben.Entweder erfassen oder erspüren wir sie, oder nicht.
„Ausweitung“ ist denn tatsächlich das Leitmotiv des Romans, aber auch der Schmerz schwingt ständig mit, die Ahnung, die umfassende Freiheit eines Tages wieder verlieren zu müssen: Werde auch ich, der ich gerade diese ottomanische und vielversprechende Ausweitung erlebe, voller Hippocampus-Gedanken und mit Zugang zu ungeahnten, wilden und ausufernden Reisen in mir, eines Tages sagen, daß das nicht ich bin – und dann bewußt entscheiden, jemand anders zu werden, mehr gobi? Fast hätte ich gesagt: seichter?
Selbstverständlich für einen Pubertierenden dreht sich sehr vieles um Sexualität. Sie wird bis zum Bersten aufgeladen von der gröbsten unteren Zote zu den feinsten Zweigen platonischen Begehrens; sie will, aber sie schwärmt auch, etwa von der zu einer geradezu Verführungsgöttin hochfantasierten Nachbarin, diesem flamboyanten Geschöpf, das allein durch seine Erscheinung die allerumfassendsten, nahezu epischen Fantasievorstellungen in Gang setzen konnte. Zugleich steht der Junge zwischen seinen ausgesprochen liebevollen Eltern, die indes zueinander den Kontakt verloren haben; steht vor vielen ottomanischen Herausforderungen, und die Gestalt im Sofa erinnerte mich an eine der schwierigsten: Vaters und Mutters Ehe zu retten. Was ihm gelingt, indem er beide.überhaupt erst zu sehen lernt, und er begreift, daß die Totgeburt eines noch fötalen Schwesterchens den Beginn der Entfremdung markierte. Vater lacht fast nie. Es ist wegen Congo. Wegen Ada. Adas Abwesenheit. Dunkle Materie.
Indirekt gibt dieses Schwesterchen dem Buch seinen Titel. Es macht psychologisch aus dem Jungen ein Doppel. Daher das „Ich bin die Walker Brüder“. Die aber spalten sich abermals auf: während ich und ich und ich und ich ruhig stehen blieben und die Dicke Bertha anstarrten, bevor wir, das heißt ich, mit einer Stimme, die ich kaum wiedererkannte, zur Tür zeigte und sagte: Glotzen Sie nicht so dämlich. Und der Junge wird eins zu zweien mit seinem Vater und bald auch mit der Mutter – was zu einer ungeheuren Innigkeit aller Beteiligten führt.
Doch noch darüber hinaus verleihen die Selbstspaltungen dem Jungen eben jene Poliperspektivität, die ganz dringend der ältere Walaker braucht: Irgendwo muß eine ungebrauchte Möglichkeit liegen. Vorher schon hatte der Junge von seiner Verachtung für alle cortexarmen Vereinfachungen geschrieben, für all die altmodischen Amöben-Theorien. Ich kenne keinen zweiten Roman, der die menschlichen Möglichkeiten sich auszuweiten mit zugleich allen Zweifeln jemals derart sinnlich dargestellt und der „W-Potenz“ solch ein poetisches, nämlich konkretes Leben gegeben hätte. Keinen außer diesem. Und selbstverständlich schmiegt sich an das sexuelle Erleben ein religiöses (der Ma-Ma-Charakter des Seins) – auch dies ein Kennzeichen pubertären Entwicklungsphasen. Doch gehen bei Kjærstad/Walaker die Geschehen in ihrer Erklärung nicht auf, sondern sind immer auch vieles über ihre konkreten Gründe hinaus: Wenn ich gerade im Begriff bin, eine Ausweitung zu erfahren, eine Art doppelte Spannbreite, eine W-Potenz zu bekommen, so hat dies nichts mit einem doofen, zwanzig Zentimeter langen Zwilling zu tun. Das schreiben die Walker Brüder völlig zu recht. Dennoch müssen die Gründe genannt sein: weil sie nämlich erden.
Es bleibt bezüglich der poliperspektivischen Spaltungen auch nicht beim puren Innenbild, sondern in Interviews, die er mit Zufallsbekanntschaften führt und auf Band aufnimmt, holt sich der Junge zusätzliche Gesichtsfelder herein; literarisch ist daran berauschend, wie großartig Kjærstad auch hier die Stillagen variiert. Alleine technisch ist das meisterhaft. Und der Junge, mit seiner älteren Freundin Gudrun, die eine sehr eigene Rolle im Buch spielt, eine ethisch/politisch durchaus prekäre, antwortet auf Leserbriefe, die um Rat bitten, als ein Kummeronkel, der sich frei an Bob-Dylan-Zeilen bedient und mit „Lady Orakel“ unterzeichnet. Bisweilen läßt ihn das sich hochpoetisch aufschwingen, etwa wenn er jemandem seiner Freundin zu sagen rät, daß Sie zwölf Berge durch den Nebel hinaufgestolpert und sechs verwinkelte Landstraßen entlang gekrochen sind, sich in sieben traurigen Wäldern verlaufen und vor einem Dutzend toter Meere gestanden haben, und daß ein schwerer Regen fallen wird – ja, daß sich der Regen anfühlen wird wie Blei. An solchen Stellen transzendiert Kjærstad jegliches Entwicklungsalter ins weit Überpersönliche, so daß der Entwicklungsroman unmittelbar zu einem phantastischen wird, weil man gar nicht auf die Idee kommt, so evident ist das alles, hier habe ein Autor die angemessene Tonlage verfehlt. Im Gegenteil, hier hat er sie völlig erfaßt. So daß wir Leserinnen und Leser nichts mehr als staunen können, offnen Mundes zugleich wie offener Herzen. Daß schließlich die „Moral“ des Buches vielleicht ein wenig dünn ist - „Werdet wie die Kinder wieder“, bzw. wie ein Jugendlicher -, tut all dem keinen Abbruch. Es hängt an dem notwendigerweise, siehe oben, nicht völlig „aufgehobenen“ Plot: an der im Kopfraum stehenden Frage, die dort auch stehen bleibt.

Noch ein Wort zur Edition. Der Norweger Jan Kjærstad gehört spätestens seit seiner >>>> Wergeland-Trilogie zu den wichtigsten Erzählern der Welt und war bislang auch in deutscher Sprache durchweg von Großverlagen betreut. Daß sich nun dieser Roman in einem äußerst kleinen Haus befindet, könnte ein Zeichen dafür sein, wie sich die Hoheiten verschieben oder schon längst verschoben haben; in jedem Fall ist‘s ein Fanal. Oder ein Zeichen dafür, daß bestimmte Themen „nicht sein“ sollen, weil sie den ruhigen Konsens gefährden. Dann wäre es – Skandal.

Jan Kjærstad, Ich bin die Walker Brüder.
Roman.

Septime Verlag, Wien 2013.
Gebundenes Hardcover, 652 Seiten, 23.30 Euro.
ISBN-10: 3902711116
ISBN-13: 978-3902711113
>>>> Bestellen.
 



twoday.net AGB

xml version of this page

xml version of this page (summary)

xml version of this page (with comments)

xml version of this topic

powered by Antville powered by Helma

kostenloser Counter

blogoscoop Who links to my website? Backlinks to my website?

>>>> CCleaner