Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.
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Rezensionen

So düster wie grandios. Christopher Eckers Roman "Der Bahnhof von Plön".


[Geschrieben als Kurzrezension für amazon.de.
Dortseits nicht angenommen, weil sie gegen die
"Guidelines" verstoße. Es ist mir unklar, warum,
und nachfragen läßt sich's nicht.
ANH, Mai 2016]

Für mich gehört Christopher Ecker, vor allem seit seinem Roman >>>> Fahlmann, zu den herausragenden deutschsprachigen Romanschriftstellern der Gegenwart; möglicherweise steht er ganz vorne an der Front (ja, es ist eine) - wenn auch auf scheinbar verlorenem Posten, weil ihn weder die modischen politischen Correctnesse stören, noch daß er eine "Zielgruppe" im Auge hätte. Im Gegenteil ist er allein seinen Themen und einer modernen, dabei aber ausgesprochen erzählerischen Form verpflichtet, und er hat keine Scheu, Positionen einzunehmen, mit denen man sich ungern identifiziert. Die Texte können also durchaus unangenehm werden - darin ähnelt er dem berühmten Bret Easton Ellis geradezu extrem, der als deutscher Autor ebenso untergebügelt worden wäre, wie es derzeit Christopher Ecker geschieht. Spätere Generationen werden es, ich bin mir gewiß, korrigieren.
Deshalb kann ich nur dringend empfehlen, sich auf das Abenteuer Ecker einzulassen, ganz besonders mit diesem Buch, dem so harmlos klingenden "Bahnhof von Plön":


Unter diesem nämlich befindet sich eine Zwischenwelt, die jedes Gothic- und David-Lynch-Herz bangend höherschlagen läßt - eine Geschichte neben der Geschichte, quasi Urgeschichte neben der Neuzeit, parallel mit ihr laufend aber und in sie beklemmend eindringend. Dabei in einer klaren Sprache erzählt, zu der sich schnell Zugang finden läßt - auch wenn sie einen immer wieder foppt, dann überrascht und plötzlich schockiert, "man muß es sich als ein Haschen nach dem Winde peitschender und flatternder Möglichkeiten vorstellen" (S. 190), und auch, wenn sich die Erkenntnis darüber, was e i g e n t l i c h erzählt wird, erst sehr allmählich einstellt, sozusagen wider Willen der Leserin/des Lesers - worin auch "Widerwillen" mitschwingt. "Haben Sie je selbst erlebt, wie ein Fisch in Ihrer Hand zuckt, bevor Sie ihm den Griff des Messers über den Kopf ziehen? Metaphern sind nur brauchbar, wenn sie auf Erlebtem fußen" (S. 252).
Was mich an diesem Roman so erstaunt hat, ist, wie geradezu organisch und darum nachvollziehbar, selbst Ungeheuer - oder das, was wir für solche halten - philosophieren, wie um Wahrheit sie bemüht sind. Insofern läßt sich dieser Roman auch als ein politisch-moralischer Kommentar zu den derzeit, m i t, drängendsten Fragen unserer Zeit lesen: zum Aufeinanderprallen einander diametral entgegengesetzter Kulturen und Moralverständnisse. Unter diesem Blickwinkel betrachtet, ist der Bahnhof von Plön ein geradezu erschreckend politisches Buch und dennoch (oder gerade deshalb?) voll des Gefühls der Versagung, des Entsagens und der Sehnsucht.
Ecker gehört zu den sehr wenigen Romandichtern der deutschsprachigen Gegenwart, die sich etwas w a g e n - und sich selbst wagen. Wir sollten es ihm gleichtun --- und damit beginnen, indem wir ihn lesen.

Christopher Ecker
DER BAHNHOF VON PLÖN
Roman

Gebunden, 396 Seiten
22,95 EUR
Mitteldeutscher Verlag, Halle 2015
>>>> Bestellen

Zu Pascal Quignard, Sexualität und Schrecken:

>>>> Dort (im Kommentar).



Katharina Schultens‘ GORGOS PORTFOLIO


[Geschrieben für >>>> Volltext,
erschienen in 4/2014.]

wenn ich einen schlüssel hätte der öffentlich wäre und trotzdem geheim
nichts davon funktioniert. auch das hier hat es schließlich nicht

Zum ersten Mal begegnete ich dieser Lyrik im „ausland“ – einer der kleinen, beinah klandestinen Aufführungs- und ja, Uraufführungsorte neuer Dichtung, die wir in Berlin nicht sehr viele, aber doch bedeutend mehr als andere Städte haben. Das Wort „bedeutend“ ist dabei nicht immer, aber doch oft angemessen. >>>> Sabine Scho hatte mich, die dort ebenfalls las, quasi vorher„gewarnt“ und von der, erinner ich mich, „grandiosen Katharina Schultens“ geschrieben. Bei sowas, erstmal, bin ich skeptisch. Dann zog es mir die Schuhsohlen weg, also daß ich nackter Fußsohlen stehen blieb.
Schultens las ein paar der Gedichte, für die ihr im selben Jahr Leonce & Lena zugesprochen worden war, und dann – aus Manuskripten. Es waren sie, die mich derart benahmen, daß ich nahezu kritiklos nur zuhören konnte. So etwas widerfährt mir sonst nur bei großer Musik. Und jetzt sind diese - „Texte“ dazu zu sagen, wäre blasphemisch, ich sag besser gar nix als Zuordnung... - jetzt sind sie erschienen, und ich konnte nach„prüfen“: >>>> Katharina Schultens, gorgos portfolio, Gedichte, kookbooks Berlin, 2014. Und so geht das los:mein projektleiter stützt abends den kopf in die hände reibt
seine wimpern; er habe mich tagsüber verbrannt ohne not
worauf sie, Schultens, indirekt reimt, geschickt in – ecco! - dem Nichtreim auf lots weib. Damit ist dann schon geschehen, was viele dieser Gedichte wesenhaft auszeichnet: der Arbeitsalltag wird transzendiert, und zwar in einem Maß, daß das „verbrannt ohne not“ etwas Leibhaftiges jenseits allen Dahingesagten bekommt. Und über die „o“-Reihungen, die schon im Titel „projekt“ angeschlagen werden und sich über „losungen“ nach „definitionen“ fortsetzen, wird die Präsentation eines nahezzu beliebigen Projektes zur ontologischen Aussage, also einer über das Sein als solchem. Schultens poetisiert insgesamt die mal schicke, mal nüchterne Technokratie, in der telefonierend der Projektleiter leise meine stiefel streichelt. So daß die Poetisierung zugleich eine Sexualisierung ist, zumindest Erotisierung, und dies aber ständig. Zugleich bleibt sie entfremdet, es wird keine Versöhnung hergestellt: der index hat vergessen was sein ursprung ist. Sogar schlimmer: pandora ist ihm kein begriff.
Bei Schultens wiederfindet das poetische Geschehen allein über die perverse Bewegung auf seinen Meer-, damit „Ur“grund: ich trug die stiefel aus meinem büro

wenn ich mich drehte, bohrte ich den absatz
immer genau zwischen die zehen seiner tatzen
Nun ist es schrecklich banal, bei Lyrik von „tollen Bildern“ usw. zu schreiben oder sie gar noch zu loben. Denn abgesehen von den rhythmischen Strukturen wäre ein Gedicht gar nichtohne sie. Vielmehr sind sie überhaupt die Voraussetzung dafür, daß wir von Gedichten sprechen können; alleine gebrochene Zeilen machen es nicht. Sondern Schultens dreht ihre „guten Bilder“ in unversehene Konkretion herum. Ich möchte das ein inverses Abstrahieren nennen. Auch hier führt die Bewegung zum Grund zurück, die Hand auf den realen Tisch, und zwischen den Fingern rieselt die Erde:ein bündel roter trauben eine schale roter augen
die schale ist ein tal. den augen wachsen blicke
Genau hier hätten mindere Lyriker:innen aufgehört und die Claquers gejubelt. Schultens indessen nimmt ihr Bild konkret und setzt fort:sie staksen drauf bestürzt durchs grasDazu eine wie verlorene Absage an den Germanistenfetisch Ironie: –/--/- /- haben wir
als eigenkapitaleinlage mehr als ironie.
Das Fragezeichen freilich, es ist ein bitteres, müssen wir uns denken. Scneller noch erfühlen wir‘s aus der Satzmelodie: Dadurch überträgt sich die Bitternis erst. Das ist kein nur-rationaler Akt mehr. Erst recht handelt es sich nicht um pure Rhetorik; nur dann, wäre das Fragezeichen dahingesetzt worden, ließ sich das erwägen. Sondern hier ist überhaupt nichts rhetorisch, vielmehr alles auf eine kaum faßbare Weise „rein“. Das meint insbesondere die formale Durcharbeitung der Gedichte. Immer wieder war und bin ich versucht, Silben zu zählen, bzw. gegen die Hebungen zu halten. Immer wieder lese ich laut, als Klangstruktur. Immer wieder gerate ich dadurch in eine Spannungsverhältnis zu den hier angespielten und oft fast klassizistisch-streng durchgearbeiteten Semantiken, zum Beispiel in „crude“:sag: wer hat mir die liebe endgültig entschieden
auf die temperatur einer großkatze hochgepegelt
nicht schnurren bloß: ein prankenhieb dein kopf ist ab
ein biss: das war dein leib. du krümelst
Wer hat da nicht „Siehe, dies ist mein Leib“ im Kopf? Um so heftiger die Verbindungslinie: „Sexualität ist kein Spaziergang im Grünen“, schrieb Camille Paglia zurecht. Und auch hier wieder die Bewegung aus dem Bild in die Konkretion: die Krümel sind nicht „bildlich“, sondernich müßte dich mindestens eine stunde lang
in wasser legen, um mein kind einen tag zu ernähren (/ - / -)
Hier wird die Sehnsucht nach Erfüllung zu ihrer notwendigen, das ist entscheidend, nicht Enttäuschung, nein: zersetzenden Einvernahme. Sie wird verstoffwechselt, ist ihr eigenes Ende im selben Moment, als Nährstoff. Was Welt ist, findet bei Schultens ihren Ausdruck, und zwar dort, wo sie uns am entfremdetsten zu sein scheint.
Der, ich sag mal, „lyrische Skandal“, ohne den die Größe dieser Gedichte nicht wäre, besteht nun aber darin, daß jedes Gebilde für sich von enormer Schönheit ist. Zu der gehört, bis auf wenige Ausnahmen, ihre stilistische Vollkommenheit. In dieser Weise, für Kunstwerke der Gegenwart, ist mir das bisher allein bei Ligeti begegnet: Es wird, quasi, von Anfang an nicht mehr experimentiert. Das sind keine Versuche; selbst von hohem „Talent“ - nur! - zu sprechen, wäre eine Blasphemie. Und dabei haben wir es nicht etwa mit einer „hauptberuflichen“ Dichterin zu tun, sondern einer Frau, die ziemlich hart und entschieden nicht nur im „Alltags“beruf, dem einer Managerin, „ihren Mann“ „steht“ (:! ah! diese verräterischen Idiome!), sondern überdies alleinerziehende Mutter eines kleinen Kindes ist. Doch, das gehört hierher. Denn es sagt etwas über lebenswirkliche Widersprüche, die solche Lyrik wahrscheinlich erst möglich machen, ihre conditio sind: über persönlich harte, heftige Bedingungen:wer hat mein zittern mit nur einem schnitt
der quantenscharfen kante von mir abgetrennt
und war nicht seele darin die jetzt schwebt
Zumal „Alltags“- und „Arbeitswirklichkeit“ sehr viel mehr als banale Abläufe meint, sondern durchaus ein ganzes ökonomisch grundiertes Weltgeschehen im Blick hat; auch deshalb ist die Zuordnung „Managerin“ wichtig: Es wird gewußt, und zwar erfahren, wovon man schreibt. Indem Schultens das Persönliche nun aber darauf spiegelt und das global Wirkliche (Wirkende!) umgekehrt auf dieses, ergibt sich ein Prozeß der Wechselwirkung, der seine Transzendierung geradezu verlangt. Es ist eine in diesen Gedichten zugleich feingriffige, wie sehr oft im antiken Sinn tragische: Wonach ich mich sehne, ist das, was es letztlich zerstört. Daher wohl auch dieser ungemeine Eindruck kristalliner Reinheit; noch der Schmerz wird zum Werkstück an der Erfahrung. Nicht grundlos ist ein geradezu unheimliches Gedicht „fatum“ betitelt; ich mag nicht einen Ausschnitt zitieren, und als ganzes wär es hier zu lang. Aber um das Fatale zu bezeichnen, stelle ich wenigstens zwei Zeilen aus dem insgesamt titelgebenden „gorgo“ hier hin:trägt einer sein headset im schlaf
ziehn ihn die kabel zur schlangengrube
Sie können hier auch lesen (und sprechen Sie es bitte!), wie meisterhaft Schultens mit Verkürzungen umgeht, im Übergang von „ziehn“ zu „ihn“, was wiederum die Alliteration von „Schlaf“ auf „Schlange“ ausbalanziert. Oben war es „zittern“ zu „schnitt“, von „quant“ zu „kant“ gefolgt und „scharf“ über, ausgerechnet, „seele“ zu „schwebt“. Es gibt kaum einen Vers Schultens‘, schon gar keine Strophe, der solche Bewegungen nicht eingeschrieben würden. Dies sind die Innenverhältnisse. Die Außenverhältnisse sind sehr oft im ersten Blick die der sogenannten Realität, aber besonders auch der (positivistischen) Naturwissenschaften, mit fast immer gefolgter Transzendierung zugleich ins Persönliche und vor allem Mythische. Wobei es nicht etwa um Überhöhung geht, sondern es ist der Abzug des Konkreten aus einem Allegorischen. So daß, was quasi-analytisch „prism“ heißt, ein also auf ersten Blick technischer Term, bei Schultens zu sogar einem in diesem Fall konkret-religiösen Statthalter werden kann - hier der Sentenz und vergib uns unsere Schuld aus dem Glaubensbekenntnis, aber auf lateinisch, dimitte debita nostra, – um zu schließen:(nobis!) wenn ich niemandem das gerimgste vergebe
und laß mich dennoch nicht allein
Allein in den Gedichttiteln wird solch eine Synthese... nein, nicht bloß angestrebt, sondern erreicht: „projekt“, „massive attack“, „gorgo“, „prism“, „fatum“, „insider trading“, „dysprosium“ usw. Es lohnt sich, die Titelbegriffe nachzuschlagen, wenn man sie nicht zuzuordnen weiß. Etwa hysteresis, für mich ein Herzstück dieses Gedichtbandes, wobei Herz immer auch Kleist meint: „Küsse, Bisse, das reimt sich“... und Schultens versteht, wie Penthesilea, unter Bissen nicht nur Geknabber. Wobei aller Gedichte Frappierendstes ist, daß sie gar nicht spezialgebildet daherkommen, noch solch „Experten“wissen verlangen, um ihr radikales Glänzen zu verströmen. Es ist ein dunkles Irisieren in nur technisch hellem Verlangen. Denn dieses ist zugleich die Versagung des Verlangten. Deshalb können wir mit dieser Dichtung niemals gute Kumpels sein, sondern sie erfüllt uns zwar, gibt uns aber zugleich mit dem Lineal auf die Finger. So daß es oft ausgeführte Doublebind-Strukturen sind, die hier Poetik werden:missversteh meine bilder zu identität
finde mich: bitte finde mich nicht
Aber darin, in der ausgehaltenen Ambivalenz, bleibt es nicht balanziert – schon gar nicht im Sinn einer „harmonia mundi“. Das ist so wenig ein stabiler Orbit, wie die Welt stabiler Ort. Doch anstelle sich in Frustration zu erschöpfen, heizt der permanente, sagen wir, Interruptus das Begehren noch an. Das von Schultens in auch und gerade rhythmisch ständiger Nervösität gehalten wird, in einer nervhaften, sehnigen Spannung, die sich befrieden lassen gar nicht will. Es soll unterm Firmament des Ewiggleichen kein Stillstand sein, den die ersehnte Ruhe bedeuten würde, wär sie erreicht:wir sollten unsre suche in das mondhochland verlegen
wir sollten anerkennen: vor diesem feld kann man nur flüchten
- seltsame erden fürwahr!, in der nur Versagung die Lust erhält, ohne das aber zu betrauern, gar zu bejammern. Sondern mit einer lyrischen Radikalität sondergleichen Hohegesang und Analyse vereint. Daß es bei Katharina Schultens weder poetologisch noch poetisch, noch gar persönlich auch nur die Spur von Banalität gibt, wird sie bei zugleich dieser Formvollendung zu einer der wahrscheinlich bedeutendsten Lyriker:innen unserer Zeit machen, im deutschen Sprachraum jedenfalls unter denen ihrer Generation. Wenn sie es, trotz des bislang vergleichsweise schmalen Werkes dreier Gedichtbände, nicht bereits ist.

ANH
Katharina Schultens
gorgos portfolio
64 Seiten
>>>> kookbooks 2014
>>>> Bestellen.

Zu: José Luís Peixoto, Das Haus im Dunkel, Roman.

>>>> Dort.Peixoto-Haus-im-Dunkel

Zu Nikolitschs/Mariakrons Irrer von Giraudoux

siehe >>>> dort im Untriest 42.

Lars Popps „Haus der Halluzinationen“.


[Geschrieben für >>>> Volltext,
erschienen in der Ausgabe 3/2014.]
„Éternel, là à’l Montagne magique. Et possible partout.“
Jean Pascal Tijbner, Memoires.


Es ist >>>> dies nicht nur das erste Buch, das ich als eBook gelesen, obwohl es als solches noch gar nicht erschien, sondern eines, das ich selbst geschrieben habe, doch anders, völlig anders, geradezu nicht vergleichbar. In einem anderen, möcht ich fast sagen, Zeitalter, einem, das sich unterdessen so normiert hat, daß nicht damit zu rechnen war, es würden sich die Gestalten noch einmal zusammenfinden, geschweige öffentlich zeigen, die mich damals zu ihm führten, bzw. nicht mich selbst als das, was Ich in seinem zweiten Vornamen ist, sondern das Er darin, bevor Hans Erich Deters fast unmittelbar – denn es war ja nur eine einzige, wenngleich zehn Jahre währende Woche – in die Anderswelt einging. Und in ihr.
Nein, damit war nicht zu rechnen, daß all die folleti, dames vertes, Vampire, Leprechauns sich abermals für ein Stelldichein zusammenraufen würden, um an die fünfundzwanzig Jahre später eine Zwischenbilanz zu ziehen, bzw. sie von einem Autor, mit dem weder ich selbst noch Deters jemals etwas zu schaffen hatten, ziehen zu lassen; erst recht aber nicht, mit welch einer Eleganz und welchem Reichtum an perspektivischen Tricks er dies tun würde. Ich spreche (und tue das schreibend) von Lars Popp und seinem in diesem Jahr bei >>>> Hablizel http://www.hablizel-verlag.de/ in Lohmar (beides Namen, die mir ebenfalls vorher nicht bekannt gewesen) erschienenen Roman „Haus der Halluzinationen“, der allerdings den bereits deutlich warnenden Untertitel „Umwelts Heimkehr“ trägt. Ich überlas ihn, als stünde er nicht da. Vielleicht wäre ich andernfalls weniger überrascht gewesen.
Überrascht worden zu sein, ist ein Euphemismus. Sowieso hatte der Autor selbst mich gewarnt, über Facebook.
Die Sprache der Geister hat sich gewandelt; ihr Reflex auf den Zauberberg ist kaum noch zu spüren, wenngleich da; sie reden modern, auch im Jargon, und wechseln dabei ständig unsre Perspektive. Es kann sein, daß sie ihren Autor manipuliert haben, immer wieder, ohne daß er das merkte, der ganz bewußt nüchtern beginnt, wenn auch nach einer anderen Warnung, die er doch selber vor den Anfang des Buches gestellt haben muß. Sie stammt von Jean Cocteau und lautet, frei übersetzt: „Wir müssen uns ihnen in einer Gestalt zeigen, in der sie selbst uns schufen; andernfalls sähen sie nichts als Leere.“ Das spricht eine Mythe zur Mythe. Schon stecken wir tief in der Kunst-, aber eben auch der Erkentnnistheorie, die ihr zugrundeliegt, jene aber liegt ihr zu Füßen. Verzeihen Sie die Paradoxien, wir kommen für dieses Buch um sie nicht herum. Genau das macht es zu einem großen.
„Stellt euch vor: die Erde +++ Europa, die Alpen +++ Stellt sie euch vor, die Schweizer Alpen +++ Dort stell euch ein abgelegenes Seitental vor (…) +++ (…) stellt euch auf dem Schattenhang zu eurer Rechten ein Hotel inmitten der eisigen Witterung vor, in seinem Rücken von Fichten und Lärchen umstellt, einige kleine Chalets an seiner steinernen Seite +++ GRAND HOTEL PARAMONTANA steht auf einem Schild überm Eingang“ - und die – nun schon dritte – Warnung sogleich: „So riefen es noch alle Wesen, als jene Woche begann +++“
So also ein Vierteljahrhundert nach „Wolpertinger oder Das Blau“ das „Haus der Halluzinationen“. Alles Wesentliche wiederholt sich, aber - weil Zeit irreversibel ist - in ständig neuer Form; es sind Zyklen, schrieb ich anderswo, deren Spiralen sich durch die Zeit vorandrehen: Zukunfts-Bohrer. Deshalb ist nichts abgeschrieben, ja der Begriff Plagiat für sich schon Absurdität, die sich nur Menschen ausdenken können, die ihr doch ohnehin nur scheinbares Eigentum für ihre Substanz halten. Weshalb sie ganz substanzlos sind. Ich nicht allein, deshalb, war überrascht, der Autor des hier weniger „besprochenen“ (schließlich sind wir keine Schamanen) als gedanklich umkreisten Romanes war‘s ganz genauso.
Geister erschrecken einen gern, sie stehen hinter der Tür und rufen dann „Buh!“ in unsere Rücken. Und kommen aus ihrem teils Kichern, teils dröhnenden Lachen gar nicht mehr raus, wenn ihnen ihr witziger Horror wieder gelang. Freilich kann man nicht sagen, daß er immer, wie in diesem Fall, gutartig ist.
„Welche der beiden Treppen hinab wirst du nehmen: die rechte oder die linke? Du tastest dich die linke hinab im Bemühen, leise zu sein; die Stufenabstände sind ein wenig zu groß für deine Beine, immer muß erst der andere Fuß hinterher, bevor du den nächsten Schritt setzen kannst“: hier ist von einem Kind die Rede. Daß es in der Erzählung angesprochen wird, ist System; eine jede Figur wird immer zugleich angesprochen, wenn und bevor sie erzählt wird. Dieses, das anfangs wie eine Manier wirkt, führt schließlich zu einer fast magischen Nähe mit jeder Figur. So daß wir Leser:innen uns wirklich mit einer jeden identifizieren, aber stets nur für das jeweilige Kapitel, schon wechseln wir nicht nur die Perspektive, sondern das gesamte Sein. So etwas habe ich zuvor noch nirgendwo gelesen. Popps Roman vereint die Vorzüge des auktorialen mit dem subjektiven Erzählen über die zweite Person Singular. Das ist schlichtweg grandios.
„Das Portal schwingt trotz der späten Stunde ohne Widerstand auf, als du=Marwin dagegen drückst. Außer Atem stürzt du ins Warme, direkt auf den Empfangstresen zu, hinter dem ---- ‚Anatol, ich muß dringend mit Ihnen reden. Ich habe etwas Unglaubliches herausgefunden, wir müssen -‘ ---- “ Und einhundert Seiten zuvor: „Diese Therapietussi hat gestern also Geburtstag gehabt, nickst du dir=Fritzi zu. Die gesamte Belegschaft, flankiert vom Hausherren-im-Rollstuhl, steht darum nun auf der Matte und versucht sich brav klatschend an einem HAPPY-BIRTHDAY-Karaoke. (…) Was die Leute nur mit diesen Tag haben. Man wird geboren, man lebt und man stirbt. So laufen die Dinge.“ Doch sie laufen darüber hinaus. Und darunter. Weshalb der Kater des Hauses Settembre heißt, was ganz gewiß nicht ohne Absicht den großen Gegenredner Naphtas anspielt. Denn ob „Wolpertinger“ oder „Haus der Halluzinationen“: beide Bücher kamen nicht umhin, über einen Teppich zu schreiten, den Thomas Mann ihnen ausgerollt hat (bei Popp findet sich sogar, oh Fülle des Wohlklangs, ein Schneekapitel), aber vor dem schon ihm ein andrer und wieder einer diesem zuvor: so tief ist der, wie Sie wissen, Vergangenheit Brunnen. Immer neues Wasser schöpft sich herauf: bei Popp die neuste Gegenwart. Der Computer, bei ihm, ist Literatur schon geworden, er schaut von weit später auf sie zurück und auf ihn als auf deren neuen Beginn: Imaginations-Realismus:
„Du blickst auf dein Arsenal aus Silizium und Kunststoff. Diese so seltsam benamten Gegenstände: das GSM-900-Handy, das ATARI ST Book, der plastikvergilbte POWER MAC, mit dem du viele Stunden in den COMPUSERVE-MUDs verbracht hast und dessen Tastatur du eigens auf die meistgebrauchten Befehle deiner selbstentwickelten Programmiersprache ALKALABETH angepaßt hast (…)“,
- kurz: Es geht um nicht weniger in diesem Buch als um eine Maschine der exakten Zukunftsprognose. Die Geister indessen, erneut, ringen um Freiheit. Doch alles dies nicht ohne, und zwar einen ziemlich großen, halluzinogenen Witz. Nämlich, so Jean Pascal Tijbner auf der Seite 76, „Descartes glaubte nicht an Wunder, wissen Sie. Das ist das große Problem.“

(ANH, 28.5.2014.
Paris.)

Lars Popp,
Haus der Halluzinationen oder Umwelts Heimkehr
Hablizel Verlag, Lohmar 2014
272 Seiten, 16,90 Euro

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Der ω-Mensch ODER Odd Walaker als fast schon junger Mann. Jan Kjærstads beseelender Roman „Ich bin die Walker-Brüder“.

[Geschrieben für >>>> Volltext.
Erschienen in Nummer 1/2014.
(Hier leicht ergänzt.)]


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Der Minister Walaker, Odd Marius Walaker, ist mit einer der schlimmsten Bedrohungen konfrontiert, die sein Land jemals gewärtigen mußte. Der Krisenstab erwartet seine Entscheidung. In einigen Stunden wird er vor einem Dickicht aus Mikrofonen stehen, um sie zu verkünden. Nur er kann Norwegen noch retten.
Wir ahnen, es geht um einen Terroranschlag. Wir ahnen, daß biologische Waffen eine Rolle spielen. Indessen haben wir keinerlei Ahnung, und wir bekommen sie auch nicht, wie solch ein Anschlag abgewendet werden könne. Darin sind wir wie Walaker selbst. Denn zwar befriedigt es nicht, wenn eine Geschichte nicht bis zur (Er)Lösung auserzählt wird, andererseits versetzt uns gerade das in Walakers Grundzweifel. Und zum Dritten ist die Bedrohung gar nicht das eigentliche Thema des Buches. Sondern die „W-Potenz“, die Walaker, als er fast noch Junge war, der aber soeben zum Mann reift, in die Lage versetzte, in alle komplizierten Dinge Einsicht zu mehmen, in alle Religionen, alle Gesellschaftsfragen, alle Theorien über den Menschen, und daß die Wörter, die es beschreiben konnten, irgendwo lagen und auf mich warteten, in der Zukunft.
So beschreibt es dieser Junge selbst, in Jan Kjærstads Roman „Ich bin die Walker Brüder“, auf das sensibelste übersetzt von Bernhard Strobel und erschienen bei >>>> Septime in Wien. Der norwegische Romancier läßt seinen Helden in diesen Zustand einer geradezu allumfassenden Einsicht - einem randunscharfen Gemenge aus Instinkt, Gefühlswahrheit, Wollen und globalem wie menschlichem Wissen, das auch Irrtümer einschließt und, sowie sie als solche erkannt sind, Wege zu ihrer Auflösung findet - in einer Situation höchster Demütigung fallen. Das Mädchen Mia, in das dieser Junge derart furchtbar verliebt ist, daß seine Aufzeichnungen ihren Namen nur fett, gesperrt und/oder in Versalien nennen und oft mit Ausrufezeichen dahinter, - dieses Mädchen also lehnt ihn nämlich nicht nur ab, sondern mit Freundinnen macht sie sich, auf grausliche Weise körperlich, über ihn lustig – Schlimmeres kann einem Pubertierenden kaum widerfahren:
Ich spürte Finger, die nach meinem Hosenbund griffen und mir langsam die Unterhose herunterzogen (…). Ich war ängstlich, aber auch gespannt. Ist es nicht ein bißchen schlaff? sagte die Lange. Ich hätte erwartet, daß es straffer ist, sagte die mit den Sommersprossen. Jedenfalls riecht es ein bißchen wie im Briskeby Wild & Fich, sagte die Hübsche. Gelächter. (…) Riecht es hier nach Käse? sagte Mia. (…) Hast du eine stinkende Socke gebumst? sagte die mit den Sommersprossen.
Statt aber Pein zu empfinden, statt sich von dem Geschehen ein- für allemal traumatisieren zu lassen, gerät der Junge in eine Art Erleuchtungszustand, von dem es in anderem Zusammenhang heißt, als ob ich mich in ein Ich und ein Ich aufspaltete, auf dieselbe Weise, wie wir es in der Biologie gelernt haben, daß die Zelle sich zweiteilen kann, und dieses Ich und Ich hielten sich zeitgleich sozusagen in zwei genetischen Räumen auf, (…) um sich anschließend erneut zu teilen und zu verzweigen und zu Bäumen aus Vorstellungen zu werden, mit dem Ergebnis, daß mein Bewußtsein am Ende von einem Wald von Möglichkeiten umgeben zu sein schien. (…) Trotz des Schmerzes beim Anblick von Mias schadenfrohem Gesicht, trotz der johlenden Begleitung der cortex-armen Arschlöcher ringsherum, lag ich da und genoß es, und es hatte, das möchte ich unterstreichen, nichts zu tun mit Masochismus, sondern es war ein Behagen, das von der Stärke des Erlebten, von der Komplexität des ganzen Ereignisses herrührte.
Es ist diese Kraft, auf die sich der ältere Walaker schließlich besinnt, – besinnen muß, darauf, wie ich, schreibt der Junge, auf erstaunlich viele Fragen antworten kann, die mir die Leute stellen – etwa wo die Insel Khark liegt oder wer Kaiser Ashoka ist oder welcher Komponist die Metamorphosen für 23 Streicher geschrieben hat -, ohne daß ich weiß, woher ich es habe. So daß Kjærstads Roman, der schon ein Entwicklungsroman in die Abgestumpftheit des pragmatischen Erwachsenseins wurde, ein wirklicher Entwicklungsroman erst werden kann, einer in die Reife, die ohne mitgespürte Kindheit und Jugend nicht möglich ist. Vielleicht haben alle etwas Magisches in sich. Aber bevor wir wissen, wie uns geschieht, ist es verschwunden.
Es ist eben weniger der „Plot“, was Kjærstads ungewöhnliches Buch auszeichnet, sondern vor allem, und darum ist es Dichtung, die Sprache. Nämlich ahmt er nicht etwa eine Jugendlichensprache nach, die dann allenfalls Erwachsene für Jugendsprache halten, sondern er erdichtet eine, findet ständig neue Wörter nach der spöttischen Art von Jugendslangs (echt kobra nigricollis, voll Chaplin); er arbeitet mit Hervorhebungen, Blaßschriftpartien, ja mit Durchstreichungen, die nicht selten höchst witzig sind, weil der Junge zum Beispiel Fremdwörter erst falsch schreibt, dann korrigiert (AuEau de Cologne), und je freier er in seinen Darstellungen wird, desto weiter wird er, bis er erkennt, daß die Wirklichkeit nicht linear ist, sondern spiralförmig - ein Gedanke, dem auch ich >>>> sogar ausführlich nachgegangen bin. Egal, was die weltliche Gesetzgebung behauptet, haben wir kein Urheberrecht auf Ideen und also nicht auf Wahrheit; sondern sie wird uns gegeben.Entweder erfassen oder erspüren wir sie, oder nicht.
„Ausweitung“ ist denn tatsächlich das Leitmotiv des Romans, aber auch der Schmerz schwingt ständig mit, die Ahnung, die umfassende Freiheit eines Tages wieder verlieren zu müssen: Werde auch ich, der ich gerade diese ottomanische und vielversprechende Ausweitung erlebe, voller Hippocampus-Gedanken und mit Zugang zu ungeahnten, wilden und ausufernden Reisen in mir, eines Tages sagen, daß das nicht ich bin – und dann bewußt entscheiden, jemand anders zu werden, mehr gobi? Fast hätte ich gesagt: seichter?
Selbstverständlich für einen Pubertierenden dreht sich sehr vieles um Sexualität. Sie wird bis zum Bersten aufgeladen von der gröbsten unteren Zote zu den feinsten Zweigen platonischen Begehrens; sie will, aber sie schwärmt auch, etwa von der zu einer geradezu Verführungsgöttin hochfantasierten Nachbarin, diesem flamboyanten Geschöpf, das allein durch seine Erscheinung die allerumfassendsten, nahezu epischen Fantasievorstellungen in Gang setzen konnte. Zugleich steht der Junge zwischen seinen ausgesprochen liebevollen Eltern, die indes zueinander den Kontakt verloren haben; steht vor vielen ottomanischen Herausforderungen, und die Gestalt im Sofa erinnerte mich an eine der schwierigsten: Vaters und Mutters Ehe zu retten. Was ihm gelingt, indem er beide.überhaupt erst zu sehen lernt, und er begreift, daß die Totgeburt eines noch fötalen Schwesterchens den Beginn der Entfremdung markierte. Vater lacht fast nie. Es ist wegen Congo. Wegen Ada. Adas Abwesenheit. Dunkle Materie.
Indirekt gibt dieses Schwesterchen dem Buch seinen Titel. Es macht psychologisch aus dem Jungen ein Doppel. Daher das „Ich bin die Walker Brüder“. Die aber spalten sich abermals auf: während ich und ich und ich und ich ruhig stehen blieben und die Dicke Bertha anstarrten, bevor wir, das heißt ich, mit einer Stimme, die ich kaum wiedererkannte, zur Tür zeigte und sagte: Glotzen Sie nicht so dämlich. Und der Junge wird eins zu zweien mit seinem Vater und bald auch mit der Mutter – was zu einer ungeheuren Innigkeit aller Beteiligten führt.
Doch noch darüber hinaus verleihen die Selbstspaltungen dem Jungen eben jene Poliperspektivität, die ganz dringend der ältere Walaker braucht: Irgendwo muß eine ungebrauchte Möglichkeit liegen. Vorher schon hatte der Junge von seiner Verachtung für alle cortexarmen Vereinfachungen geschrieben, für all die altmodischen Amöben-Theorien. Ich kenne keinen zweiten Roman, der die menschlichen Möglichkeiten sich auszuweiten mit zugleich allen Zweifeln jemals derart sinnlich dargestellt und der „W-Potenz“ solch ein poetisches, nämlich konkretes Leben gegeben hätte. Keinen außer diesem. Und selbstverständlich schmiegt sich an das sexuelle Erleben ein religiöses (der Ma-Ma-Charakter des Seins) – auch dies ein Kennzeichen pubertären Entwicklungsphasen. Doch gehen bei Kjærstad/Walaker die Geschehen in ihrer Erklärung nicht auf, sondern sind immer auch vieles über ihre konkreten Gründe hinaus: Wenn ich gerade im Begriff bin, eine Ausweitung zu erfahren, eine Art doppelte Spannbreite, eine W-Potenz zu bekommen, so hat dies nichts mit einem doofen, zwanzig Zentimeter langen Zwilling zu tun. Das schreiben die Walker Brüder völlig zu recht. Dennoch müssen die Gründe genannt sein: weil sie nämlich erden.
Es bleibt bezüglich der poliperspektivischen Spaltungen auch nicht beim puren Innenbild, sondern in Interviews, die er mit Zufallsbekanntschaften führt und auf Band aufnimmt, holt sich der Junge zusätzliche Gesichtsfelder herein; literarisch ist daran berauschend, wie großartig Kjærstad auch hier die Stillagen variiert. Alleine technisch ist das meisterhaft. Und der Junge, mit seiner älteren Freundin Gudrun, die eine sehr eigene Rolle im Buch spielt, eine ethisch/politisch durchaus prekäre, antwortet auf Leserbriefe, die um Rat bitten, als ein Kummeronkel, der sich frei an Bob-Dylan-Zeilen bedient und mit „Lady Orakel“ unterzeichnet. Bisweilen läßt ihn das sich hochpoetisch aufschwingen, etwa wenn er jemandem seiner Freundin zu sagen rät, daß Sie zwölf Berge durch den Nebel hinaufgestolpert und sechs verwinkelte Landstraßen entlang gekrochen sind, sich in sieben traurigen Wäldern verlaufen und vor einem Dutzend toter Meere gestanden haben, und daß ein schwerer Regen fallen wird – ja, daß sich der Regen anfühlen wird wie Blei. An solchen Stellen transzendiert Kjærstad jegliches Entwicklungsalter ins weit Überpersönliche, so daß der Entwicklungsroman unmittelbar zu einem phantastischen wird, weil man gar nicht auf die Idee kommt, so evident ist das alles, hier habe ein Autor die angemessene Tonlage verfehlt. Im Gegenteil, hier hat er sie völlig erfaßt. So daß wir Leserinnen und Leser nichts mehr als staunen können, offnen Mundes zugleich wie offener Herzen. Daß schließlich die „Moral“ des Buches vielleicht ein wenig dünn ist - „Werdet wie die Kinder wieder“, bzw. wie ein Jugendlicher -, tut all dem keinen Abbruch. Es hängt an dem notwendigerweise, siehe oben, nicht völlig „aufgehobenen“ Plot: an der im Kopfraum stehenden Frage, die dort auch stehen bleibt.

Noch ein Wort zur Edition. Der Norweger Jan Kjærstad gehört spätestens seit seiner >>>> Wergeland-Trilogie zu den wichtigsten Erzählern der Welt und war bislang auch in deutscher Sprache durchweg von Großverlagen betreut. Daß sich nun dieser Roman in einem äußerst kleinen Haus befindet, könnte ein Zeichen dafür sein, wie sich die Hoheiten verschieben oder schon längst verschoben haben; in jedem Fall ist‘s ein Fanal. Oder ein Zeichen dafür, daß bestimmte Themen „nicht sein“ sollen, weil sie den ruhigen Konsens gefährden. Dann wäre es – Skandal.

Jan Kjærstad, Ich bin die Walker Brüder.
Roman.

Septime Verlag, Wien 2013.
Gebundenes Hardcover, 652 Seiten, 23.30 Euro.
ISBN-10: 3902711116
ISBN-13: 978-3902711113
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Zu Kraggerud & Wesseltoft: Last Spring.

>>>> D o r t.

Zu: Christopher Ecker, Die letzte Kränkung.


Siehe >>>> dort .

Christopher Eckers unheimlicher Großroman F a h l m a n n.

(Geschrieben für >>>> Volltext.
Dort erschienen in 4/13.)

Jede Pfütze Ozean.
>>>> Thetis.Anderswelt.
Bis hierher haben sich die Roman-
schriftsteller damit begnügt, die Welt
zu parodieren. Jetzt handelt es sich darum,
sie zu ersinnen.

>>>> Blanche oder Das Vergessen.
Man muß nur wollen. Und können.
>>>> Fahlmann.

Dieses Buch - so äußerte sich einer der derzeit wichtigsten, aber auch kenntnisreich-s­ten deutschen Kritiker der Gegenwart - sei eines der großen Lebensabenteuer der letzten zehn Jahre. Doch für den deutschen Buchpreis eigne es sich nicht, weil es sich nicht verkaufen werde. Der Buchpreis werde nur an potentielle Bestseller verge­ben.
Abgesehen von dem Armutszeugnis, das sich der Mann damit ausgestellt hat – eine Verbeugung bis zu den Knien vor dem Markt – gibt die erhellende Äußerung nicht nur Einblick in die heutige Praxis des Feuilletons, sondern leuchtet überaus scharf das Verhältnis von Markt und Wirkung aus. Das eigentlich zu Betrachtende bleibt hingegen im Schatten, also das Sprachkunstwerk selbst: Alle jene, die auf die öffentliche Stellungnahmen von Kritikern angewiesen sind, erfahren gar nicht mehr von seiner Existenz. Sondern ihnen nahegebracht wird nur noch, was sie sowieso schon kennen. Es geht, kurz gesagt, nicht mehr um Qualitäten, auch nicht einmal mehr um den Konsum, sondern allein noch um Umsatz. So werden Bücher selbst von den Experten zur Ware reduziert. Kaufgrund ist >>>> nicht mehr das, was Kunst eigentlich ausmacht, sondern ihre Erscheinung als „Plot“. Der schließt immer schon seine Ver­filmbarkeit ein, ja sie wird geradezu eine Voraussetzung für ihren Absatz.
Für manche Bücher – die besten – ist das fatal. So auch für Christopher Eckers Ro­man „Fahlmann“, der vor anderthalb Jahren im >>>> Mitteldeutschen Verlag erschienen, aber, wiewohl ein Riesenbuch von über 1000 Seiten, geradezu geheim geblieben ist; die Leute, die es kennen, sind an fünf Händen abzuzählen. Das ist schon deshalb skandalös, weil davon ausgegangen werden muß, daß sehr bewußt verschwiegen wurde und weiterhin wird – möglicherweise aus Angst, es könne dem so bequem in klingende Münze und unterdessen internationalen Einfluß umtauschbaren sogenannten Realismus ein empfindlicher Riß beigebracht werden.
Tatsächlich >>>> widerstrebt Verfilmbarkeit der poetischen Grundbewegung dieses Buches. Doch nicht nur deshalb gehört es zu den bedeutendsten deutschsprachigen Ro­manen der letzten Jahre, sondern weil es ihm gelingt, gleichzeitig die Gebote des Realismus zu beherzigen wie eben auch sie auszuhebeln. Ecker, gleichsam, „über­zieht“ den Realismus sogar; ich möchte sagen, er transzendiert ihn bis ins Verschwin­den. Und zwar, indem sein Erzähler, Georg Fahlmann, aus seinen Geschichten im­mer wieder herausspringt, oft mitten im Satz, und sie in inneren Monologen mit Ar­beitsanweisungen kommentiert: Wieso mache ich eigentlich kaum noch Absätze? Wann hat das angefangen? Und warum? Wird das wieder aufhören? Und wenn ja, wie? Absatz. Ebenso verspottet er gern die Lesererwartung: Aber als Fahlmann den Linienbus verläßt (...), findet er zur Erleichterung des geplagten Lesers zum traditio­nellen Erzählen zurück. Wobei er allesdies immer wieder in die Erzählung zurück­bindet, ja, den „Plot“ daran aufhängt. Was zu einer Verwischung von Erzähltem und Erzähler führt. Doch Eckers eigentliche Kunst besteht darin, daß er das Übergreifen der Fiktion auf die Realität fast allein aus dem Stil seines Buches entwickelt: Er be­hauptet nicht, sondern läßt passieren, bis Georg Fahlmann endlich nicht mehr anders kann als dem Umstand ins Auge zu sehen, daß sich meine Notizen selbständig mach­ten. Da ist es für ihn aber längst zu spät und für die Leser sowieso.
Fahlmann ist ein, sagen wir mal, ergrauender Student, der Anerkennung als Schrift­steller sucht, als solcher auch viel arbeitet, mal inspirierter, mal verkrampfter, seinen Unterhalt aber als Aushilfe in einem von seinem Onkel geleiteten und von seinem ver­storbenen Vater mitgegründeten Bestattungsunternehmen bestreitet. Mit dem grotes­ken Unfalltod des Vaters fängt das Buch auch an. Auffällig teilnahmslos sieht Georg Fahlmann dem Geschehen zu. „Mein Vater ist tot“, sagte ich tonlos zur Fenster­scheibe. (...) Weder empfand ich Trauer noch ein Gefühl der Leere, bzw. hat ihn Lee­re schon lange gefüllt, schleichend drang sie in ihn, zum einen als Entfremung von seiner eigenen kleinen Familie, zum anderen, weil seine schriftstellerischen Impulse so völlig ohne anerken­nenden Reflex bleiben – das heißt: Anerkennung hat er durchaus gefunden, sogar in einem „großen Frankfurter Verlag“, doch dummerweise für Gedichte, die er im Totalsuff mit seinem Freund Achim zusammengeulkt hatte. Die werden nun regelrecht nicht etwa als Nonsense, sondern als Avantgarde abgefeiert, ja, schlimmer: Der Verlag will noch Nachschub, und wenn Fahlmann Lesungen wahrnehmen muß, sitzt er mit schiefem Lächeln entgeistert vor dem Publikum und fragt sich, wo das denn seinen Kopf gelassen habe oder ob es überhaupt je über einen verfügte.
Es ist eine Stärke des Romans, daß solche Szenen nicht satirisch angelegt sind, son­dern etwas durchweg Existentielles haben: Ontologie einer Gesellschaft, die – man muß fürchten: bewußt – dem falschen Schein huldigt. Vor dessen Zumutungen Fahl­mann sich auf den Dachboden geflüchtet hat, in seinen von ihm „Spitzbergen“ ge­nannten Elfenbeinturm, worin er an einem >>>> 1910 in Ostafrika spielenden Roman schreibt. Anfangs nach Kapiteln gesondert, bestimmt dieser Roman-im-Roman einen großen Teil des Buches und fängt schleichend, sich einschleichend, an, mit den realistischen Szenen zu verschmilzen, bis sich Zeiten und Orte unablösbar übereinandergelegt haben. Deren Nahtstelle ist Paris, wo Fahlmann als noch sehr junger Mann seine heutige Frau kennen und auf Anhieb zu lieben gelernt hat. Damit hat es auch gar nicht aufgehört, aber das Begehren ist schal geworden, vom Alltag gefressen, durch Gewohnheit ermüdet. Weshalb Fahlmann halb verzweifelt, halb ge­trieben geradezu wahllos Frauenbekanntschaften pflegt oder sie bis knapp vors Stalking überhaupt erst zu machen versucht. Dabei entspricht seiner durchaus machistischen Perspektive eine gewisse Neigung zur halben Impotenz, die er auch immer wieder formuliert – darin, wie in vielem anderen, durchaus „nachvollziehbar“ realistisch, auch wenn man sich mit sowas nur ungern identifiziert.
Georg Fahlmann ist insgesamt ein nicht wirklich angenehmer Held. Doch genau hier liegt eine nächste Stärke des Buchs, daß es nirgends zur Verschönung neigt, sondern physiologische und die deutlichen Schwächen des Charakters nahezu immer auf den Punkt bringt – ihn bringen läßt, muß das heißen, weil der „Held“ ja selber schreibt –, – bis er gegen Ende des Romans den ungeheuren Eindruck bekommt, selbst geschrie­ben zu werden, also selbst eine Romanfigur zu sein. Wobei er, Fahlmann, nicht sei­nen „wirklichen“ Autor, Christopher Ecker, im Auge hat, von dem er tatsächlich nichts weiß – insoweit bleibt das „klassische“ Verhältnis von Autor und Erzähler un­angetastet – , sondern seinen konkurrenten Freund Winkler. Ist er, Fahlmann, wohl selbst Bestandteil des „Großen Planes“, an dem jener arbeitet? Dies bleibt so notwendiger- wie verzweifelnderweise ebenso im Dunklen wie der Auftrag, mit dem Fahlmanns Romanheld Bahlow nach Afrika entstandt worden ist – ein Reflex, könnte sein, auf Pynchons berühmte Verschwörungsnovelle >>>> The Crying of Lot 49:
Noch manches andere Motiv Eckers legt nahe, bei wem er in die poetische Schule gegangen ist. Dazu passen auch die im Roman direkt genannten Bezüge von >>>> Sherlock Holmes über Treasury Island bis zu den Schlümpfen, die dem Buch eine der zugleich hellsichtigsten wie witzigsten Partien bescheren, und zwar ausgerechnet in erkenntnistheoretischer Hinsicht und obendrein als Reflektion über Thomas Manns Praxis der Namensgebung: Durch den Akt des Benennens nimmt der Benenner nämlich Platz auf dem Thron und vermenschlicht, vielleicht ohne es zu wollen, die göttliche Schöpfung. Nicht von ungefähr erinnert Linnés Akt der Aneignung der Welt durch das Wort an die Schlümpfe und ihre monosyllabisch-omnivalente Sprache. [….] „Schlumpf mir mal einen Kuchen!“, sagt der Brillenschlumpf und schlumpft sich so hinein in eine begriffene, beherrschte, durch das Schlumpfen vertraut gemacht Welt. Nicht anders menscht der Mensch die nackte Andromeda ins Punktechaos des Sternhimmels und menscht so das bedrohliche Durceinander mit Struktur und Bedeutung auf. Bei dem „Zauberer“ klang das noch so: Auch die Tiere schämen sich und kneifen den Schwanz ein, weil wir sie wissen und über ihren Namen verfügen und die brüllende Gegenwart ihres Einzeltums entkräften, indem wir ihn ihr entgegenhalten (>>>> Joseph und seine Brüder, I). Genau das wird Georg Fahlmann zum Verhängnis, wenn seine Wähnung denn richtig ist, daß er selbst erfunden – hier also: benannt – wurde. Und so benennt denn er seinerseits die Welt, das heißt: erfindet sie. Es bleibt ihm imgrunde gar nichts anderes übrig. Wie Christopher Ecker seinen Helden uns das vorführen läßt, ist das poetologische, ja philosophische Zentrum des Buches. Aus der gescheiterten und eigentlich unsympathischen Hauptfigur wird so tatsächlich ein, und wahrscheinlich großer, Künstler. Aber dieses Zentrum ist kein Zustand, sondern Alles ist Bewegung. Alles ist gleitender Prozeß.
Dennoch ist Eckers Roman nicht nur ein theoretisches Manifest der Nach-Postmo­derne, ja, das vielleicht am wenigsten. Es geht nicht darum, noch einmal die auch schon nicht mehr neusten Thesen der DieWeltIstEinText-Verfassung wie auch immer spielerisch durchzudeklinieren, sondern „Fahlmann“ lebt eben recht eigentlich von den Anleihen oder sagen wir: von der Referenz, die es dem zugleich infrage gestellten sogenannten Realismus erweist. Ecker tut das durch eine sinnlich-erzählerische Prallheit, die in unserer Ggenwartsliteratur ihresgleichen sucht. Das fängt bei der irrwitzigen Szene, in der Hunderte Urnen heimlich in einem See versenkt werden sollen, nicht erst an: Fahlmanns Onkel hat sich die in Auftrag gegebenen Seebestattungen aus, sagen wir, ökonomischen Erwägungen erspart, muß aber nun die vielen zu Asche zerstampfen irdischen Überreste irgendwie loswerden. Leider gehen ihre Behältnisse, was man sich freilich hätte vorherdenken können, nicht unter, sondern schwimmen schließlich Tonleib eng an Tonleib auf der Wasseroberfläche... und es hört in dem Pariser Empire-Hotel nicht auf, in dessen einem Zimmer eine gewisse Madame Chabas, frecher Anklang an Chauchat, ausgerechnet Hühner hält, die ihr immer wieder auf den Hotelgang entwischen.
Doch überhaupt dieses Paris! Weil Fahlmann Stadtplan und Weltkarte übereinanderprojiziert – übrigens tatsächlich: so, unter anderem, ist Christopher Ecker seinen Recherchen nachgegangen – ist es möglich, die berühmte Stadt auch auf dem Seeweg zu durchreisen, doch es braucht nur eine kleine Drehung des Kopfes, um aus Hammerfest die Rue du Potau zu machen und aus dem Boulevard Ney das Nordkap; wiederum der Nordpol ist das für den Stiel eines Sonnenschirms gefertigte Loch in einem Plastiktisch auf einer Verkehrsinsel.
Nachdem Fahlmann nämlich sein Elternhaus, Sitz des väterlich/onkligen Bestat­tungsungternehmens, verlassen mußte, umziehen also, und deshalb sein Spitzbergen verloren hat, absentiert er sich von seiner Frau, auch von seinem Jungen, nun gerade­zu restlos und kehrt in die Stadt seiner jungen Liebe zurück. Dort will er endlich den Ro­man fertigstellen, dessen Held, der 1910er Bahlow, von Ostafrika allerdings ebenfalls nach Paris gereist ist. So daß es nicht Wunder nimmt, wenn sich die beiden über sämtliche Zeitschranken hin­weg begegnen. Im selben Maß, in dem teils Fahlmann-selbst Züge von Bahlow be­kommt, teils seines Freundes Achim, verwandeln sich die Romanhelden flirrend zu­rück in ihre Urbilder – Palimpseste, aus denen ein früheres Fresko herausschimmert: eben die Menschen aus Georg Fahlmanns „realem“ Um­gang als Ehemann, Vater und gescheitertem Studenten. Doch ist das eben nie sicher und fixiert, fließt seinerseits. Das funktioniert wegen der ständigen Vermischung von Erzählung und Selbstkommentar geradezu organisch und ist alles andere als ein tro­ckenes, abstraktes Verfahren, sondern von einem kräftigen, manchmal bis ins Ka­lauern schäumenden Humor getragen, und zwar auch dann, wenn der durchaus mög­lichen Lesart dieses Buches als eines grandiosen Schelmenromanes eine Verzweif­lung widerspricht, von der sich Fahlmann unbedingt ablenken will. Er ist eben kein Eulenspiegel, der über seine Streiche frei verfügt, sondern bleibt bis zum Schluß, in dem er versinkt, eine verlorene Person: und als meine Augen nicht mehr tränten, blickte ich auf die Uhr, in der ein unbarmherziger Wind blies. Eingewoben dazu finden sich einige durchaus nicht latente Bemerkungen zum Literaturbetrieb und seinen Schiebe- und Schlampereien, die Ecker ganz sicher auch nicht beliebter machen. Mit etwas Glück kann ich die Rezension sogar beim Rundfunk unterbringen. Das ist eine feine Sache. Man nimmt den fertigen Text und streut minutenlang Zitate hinein. Und dann kann man auch die Miete bezahlen. Oder die Leasingraten des Jaguars. Ecker hat immerhin selbst einige Jahre für wichtige Zeitungen als Kritiker gearbeitet und weiß, wovon er spricht. Über die Vergab von Literaturpreisen zum weiteren Beispiel heißt es: Marsitzky – das ist der Lektor des „großen Frankfurter Verlagshauses“ - hat es versprochen. Er verfügte über gute Kontakte. Er zog an allen Strippen. Viele Leute waren ihm einen Gefallen schuldig. Dies aber sind nur Nebenschauplätze, auf denen, weil es sich grad anbietet, abgewatscht wird, was abgewatscht auch gehört.
Wichtiger ist der Umschlag von Stil in psychisches Geschehen, bzw., für Fahlmann, umgekehrt. Es geben sich in die­sem Roman, >>>> Ronald D. Laing hat es vorformuliert, Poetik und Psychose die Hand:

Die sehr bewußten Spaltungen Fahlmanns unterstreichen das noch. Etwa teilt er sich in Fahlmann und Fahlmann auf (im Buch „GF“ und „GF“), deren einer den an­deren interviewt, teils unangenehme Frage stellt, auf die der andere die Antwort bisweilen ver­weigert. Zudem wird mehrfach eine Perspektive eingenommen, in der Protago­nisten des Buches zu Schauspielern auf einer Bühne werden. Da liest man plötzlich ein Drehbuch, in dem es Stimmen aus dem Off und auch Regieanweisungen gibt. Alle erdenklichen literarischen Formen prallen bei Ecker aufeinander, ja es gibt Pas­sagen, die in einer Geheimschrift steht, dem sogenannten „Walgnastanzieni­schen“. Deshalb kann der Leser so wenig wie Fahlmann wirklich auf der Höhe des Textes sein. So daß dessen „Geworfenheit“ sich auf uns überträgt: nicht nur, aber auch ein böses Ziehen an der Nase des sich partout identifizieren Wollens, auf das das „realistische Erzählen“ so unbedingt abzielt.
Wen so etwas düpieren sollte, aber, der wird mit vollen Händen gleich merhfach ent­schädigt: Allein die Bild- und Spracheinfälle Eckers sind schlichtweg fulminant. Nicht nur, daß Mohnbrötchen „rasierte Brötchen“ genannt werden und Pferde selbst­verständlich „schnobern“; auch sind die Stühle einer Gaststätte aus Angst vor dem Besen auf die Tische gesprungen und in dem unversehens zu Afrika gewordenen Paris hän­gen Zweifel (…) über dem Bett wie ein Moskitonetz. Hunderte solcher Einfälle gibt es, vor staunender Achtung kriegt man gar nicht mehr den Mund zu. Trat er auf den meterbreiten Balkon, den es nur gab, wenn sein Zimmer im vierten Stock festgemacht hatte, sah er über sich dunkle Dachgauben […], hohe abweisende und sich doch lückenlos aneinanderdrängende Gebäude, die Köpfe in den Nacken gelegt, und die Zähne mit den Zinkplompen nagen am weichen Himmel. Dieses Zimmer nämlich, es trägt die Nummer fünf, bewegt sich in quasi permanenter Rotation durch das Hotel.
Je weiter der Roman voranschreitet, auf desto weniger ist insgesamt Verlaß. Schon ein anderer großer Romancier, Kazuo Ishiguro, hat in seinem wahrscheinlich bedeu­tendsten Roman damit gespielt: in >>>> The Unconsoled von 1995, einem der für mich grundlegenden Bücher des letzten Jahrhundertendes:

So steht Christopher Eckers „Fahlmann“ in einer breiten, doch im allenfalls geheimen kanonisierten Tradition der großen Menschheitserzählungen. Die hat er inhaliert und führt sie, mit in Deutschland nicht sehr vie­len Kollegen, entschieden fort. Wahrscheinlich ist ihm, weil er eben nicht ganz alleine steht, das Risiko durchaus bewußt, zu Lebzeiten genau so ignoriert zu werden, wie es dem Buch bislang auch geschehen ist. Womit ich zu dem eingangs erwähnten Groß­kritiker zurückkomme, der schon deshalb nicht benannt werden muß, weil er völlig austauschbar ist. Hingegen Autoren wie Christopher Ecker stehen solitär da, eignen sich nicht dafür, daß man sie „entdeckt“, sondern mit allem Recht selbstbewußt zei­gen sie auf sich. Man kann sie so wenig „machen“ wie im darauffolgenden Jahr wie­der entthronen, wenn wieder Platz für das nächste Jahrhundertwerk freigeräumt werden muß. Sie haben auch kein momentan opportunes oder aus historischen Gründen dauerhofiertes The­ma, gehören weder einem „Mainstream“ an, noch kümmern sie sich um marktgängi­ge Jubiläen, sondern schreiben unbeirrbar an der einen großen Literatur fort, die sich korrumpieren nicht läßt. Das, genau das, ist an Christopher Eckers „Fahlmann“ der­art provozierend, daß schon aus Sicherheitsgründen so getan wird, als wäre dieser Roman nie erschienen.
Aber er ist es. Und es liegt nun an Ihnen, ob ihn schon heute viele Menschen lesen werden oder ob er, still und Jahrzehnt um Jahrzehnt, nur von einer Handvoll Einge­weihter weitergereicht werden wird, Generation für Generation. Soferne sie denn eine Rolle noch spielen, die Bücher. Darauf, freilich, die Antwort steht aus.

Christopher Ecker
Fahlmann
Roman
Mitteldeutscher Verlag, Halle
Gebunden mit zwei Lesebändchen,
1025 Seiten, 39,95 EUR
ISBN 978-3-89812-877-3
>>>> Bestellen.


 



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