|
|
Reisen
albannikolaiherbst - Freitag, 21. August 2009, 13:13- Rubrik: Reisen
Nicht aber für Contributoren. Diese können weiterhin ihre Beiträge schreiben und auch kommentierend diskutieren, bzw. "sprechen". Das heißt, es wird in den kommenden zwei Wochen weiterhin diadorim zu lesen geben, Bruno Lampe, Paul Reichenbach und read An, Vergil und federweiss und jede, jeden weiteren, denen der entsprechende Status nach wie vor zukommt; dazu gehört auch, wenn sie mag, >>>> Cellini. Die Dschungel werden vorübergehend also nur etwas langsamer wachsen. Nach dem 15. August wird die allgemeine Kommentarmöglichkeit wieder geöffnet werden.
ANH.
Herbst & Deters Fiktionäre.
albannikolaiherbst - Samstag, 1. August 2009, 11:18- Rubrik: Reisen
- 222 mal gelesen
[Geschrieben für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.
Erschienen am 2. März 2008 in gekürzter Version.
Hier nun ungekürzt:]
Saturn Hansa, Haushaltsabteilung. Anruf übers Mobilchen: „Haben Sie Lust, unsere Spanientournee zu begleiten?“ fragte der Pressechef des Konzerthauses Berlin, mit dem ich in Kontakt gekommen war, als ich wegen der fulminanten Gluck-Inszenierung mit Lother Zagrosek, ihrem Dirigenten, hatte ein Gespräch führen wollen. Das zustandegekommen war, ziemlich lange dauerte und mit einer Verabredung zum Wein zuendeging. Das hatte sich das herumgesprochen. Zumal mich Zagrosek, nachdem er eine meiner Novellen gelesen, des Weines halber anrief, den dann private Gründe verschoben. So kam mir dieser Anruf zwischen lauter Toaster-Modellen, deren eines ich grad in der Hand hielt, gerade zurecht. Gleichsam fliegend sagte ich zu. Es werde schon interessieren, welche Widrigkeiten auf einer Tournee zu meistern seien, welche Niederlagen hinzunehmen, welche Erfolge zu befeiern. Dachte ich. Und stand im diesigsten Morgen fremd am Tegeler C-Gate herum.  Denn komisch war da mein Grundgefühl schon; mitunter gab es seltsam fragende Blicke. Der LKW, der die großen Instrumente transportierte, weil man sie den eisigen Temparaturen des Frachtraums nicht aussetzen darf, fuhr schon seit gestern voraus. In den Konzerthäusern standen sie dann, die Instrumente, in riesigen Koffern wie Schränke, und wie in Schränken hing in anderen Koffern die Abendgarderobe, die man aus ihnen vor den Konzerten herausnahm.  Nachdem die Eincheck-Knäuel passiert waren, zwängte sich Zagrosek mit uns in die enge Economy. „Das hat so noch keiner gemacht“, sagte später wer. Normale Dirigenten flögen Erster Klasse voraus.  Stauproblemchen mit dem Handinstrument. Ein Witz von aufblasbaren Geigen weht durch den Gang, während ein Steward, der exakt wie Burkhard Spinnen aussieht („Burkhard, was machst d u denn hier?!“), sich an den Sicherheitsanweisungen übte, wozu sein warnender Nachdruck das Unwahrscheinliche eines Druckverlusts in der Kabine betonte und daß dann Atemmasken aus den Abdeckleisten fielen. Eine Bratschistin stimmte das matt. Alle sechs Sekunden stürbe ein Raucher, ließ die Kompaktwelt vernehmen. Zagrosek schlug auf dem Schoß die Partitur auf und versank, als wir stiegen. Bilder fangen, vorüberhuschende Sätze. Immerhin stach auf Mallorca die Sonne.  Zagrosek saß, und er mustert die Truppe. Ein klarer, herrlicher Flug übers Meer, das spanische Festland indes albtraumartig gescheckt: als wäre über alle Felder ein Gips gestreut und zu leichenblassen Flächen verschmiert.  In Madrid harren drei Busse. Stückweise geht’s durch den Abendverkehr. Sechs Stunden Überlandfahrt nach Valladolid, nach vieren wird leise gemurrt. „Wer organisiert denn sowas.“ „Ich bin schon länger gefahren.“ „Aber nach Japan.“ Um Viertel nach sieben steht der westliche Himmel in Flammen.  „Wie in Afrika“, sagt eine Musikerin, „wie in Afrika“. Als wir nach insgesamt elf Stunden anlangen, ist's dunkel. Ich treff den Intendanten im Foyer. „Die sind alle in die Stadt.“ Tapfer war er mit busgefahren, indessen Zagrosek mit dem Wagen voraus.
„Jetzt aber bitte Konzentration!“ Ein hochmoderner Konzertsaal; seit der EU investiert das Land enorm in Kultur. Man hat den Eindruck, was wir uns ausdörren lassen, erstehe dortens wieder auf. Zagrosek will anderthalb Stunden durchproben lassen, man spürt die Anspannung, auch Spannung.  Noch immer nicht bin ich dem Orchester vorgestellt, ich komm mir wie ein IM vor und kommentier das hier und dort in halbironischen Honneurs. Werde mit Geschichten entgolten. „Wir waren nach dem Anschlag auf Atocha hier, um Mahler VI zu spielen, Sie wissen, die mit den Hammerschlägen im Endsatz. Das war unter Inbal. Keiner wußte, ob's überhaupt noch stattfinden kann. Wir warteten nervös. Es fand statt. Der Saal war proppevoll. Inbal dreht sich zum Publikum, spricht ein paar Worte, dreht sich zu uns und fängt zu dirigieren an. Ich bekomme noch jetzt einen Schauer. Wir spielten wie wahnsinnig. Da habe ich wieder gemerkt, was Musik ist.“ Heut aber Schubert. „Kennen Sie den Nachmarkt in Wien? Das ist, was in Berlin der Gendarmenmarkt ist. Auf dem wird exerziert. Auf dem Naschmarkt aber? Nun also! Naschen müssen'S Ihna bei dea Melodie!“  Schon nach Zaragoza weiter, wieder sechs Stunden Busfahrt. Die man sich mit Skatspielen kürzt. Ich sitz bei den Jungen. Nenn mir eine Stadt mit M. Bis einem keine mehr einfällt, der ist dann raus. Dichter Nebel, keine zehn Meter sieht man weit. Ein Fußball fliegt durch die Reihen. Auf der Puppe Klein Zaches wird Geige gespielt.  Dann auch Posaune. Wir singen eine Ursonate. Fotos von erigierten Raketen gehn um. Auch heiteres Dirigentenraten. Gielen sei immer auf Eins, und der alte Karajan scheint jeden Schlag erwürgt zu haben. „Wenn einer was mit dem Haar macht, ist das immer Muti.“ Wozu die Cellistin sospiert.
„Ich möchte mich für das wunderschöne erste Konzert bedanken. Aber heute haben wir Schumann, das ist poetische Prosa. Ich möcht Sie bitten, so auch zu spielen.“  Aber es klappt nicht. „Fagott!“ Dann ein wirklich scharfer Ton, als die Geigen falsch phrasieren. „Ich akzeptiere diese Opposition in gar keiner Weise.“ Zischend die Luft in die Zähne gezogen, Eis rollt übers Podium. Da schmilzt es. Verdunstet. Wird Musik. Noch 48 Minuten bis zur Aufführung. „Angst klingt gut“, wird mir hintertragen. Jedes Konzert steigert das nächste. Ein ununterbrochener Schaffensprozeß. „Wir hatten ja gestern unsere Generalprobe“, sagt Zagrosek nächtentags in Pamplona. Er will noch einmal den Haydn proben. Dreht und dreht die Schraube an, legt auf jede Note den Finger. „Keine Privatgespräche jetzt.“ Er läßt die Hände an den Pultseiten ruhen. Schweigt. Schweigt weiter. Schließlich präzise: „Dafür habe ich keine Zeit.“ Dirigiert ein paar Takte und bricht ab. „Ich wünsch uns ein gutes Konzert.“  So kommod es sich anhört, so dramatisch geht es nun zu. Es sind Menschen unterwegs, an die einhundert, nicht Maschinen. Der Orchestermanager ist quasi permanent im Einsatz. Bis zum Tournee-Ende wird das so bleiben. Auch wenn er überfallen wird, tags, auf offener Straße, mit paar Kopfnüssen aber davonkommt. „Warum haben Sie das nicht erzählt?“ „In Berlin passiert sowas auch, man darf die Leute nicht beunruhigen. Solch eine Nervosität können wir nicht auch noch brauchen.“ Im Supermarkt ist ein Geiger kollabiert; eine erkrankte Kollegin muß ausgeflogen werden; eines dritten Musikers Familie ruft ihn zu einem Trauerfall heim; der Hornist liegt an Fischvergiftung darnieder; zwei Kontrabässe kommen ins Rutschen... sie rutschten und rutschten, die Zargen reißen. Ein Stück Posaune droht abzubrechen, Materialermüdung, sowas kommt vor. Für drei der fünf Konzerte müssen immer Notinstrumente paratsein. Der Spieler telefoniert sich halb darum tot.  Er hat mit einem spanischen Kollegen in London studiert, den kennt er, der hilft. Zu alledem exerziert, nächtlich von draußen, die Müllabfuhr auf den Hirnsaiten rum und des Autobahnzubringers Rauschen von Lleida. Die selbstverschuldet langen Nächten will ich gar nicht betonen  (obwohl es sich lohnte, sie zu erzählen). Und ewig die Überlandfahrten. „Japan aber ist schlimmer gewesen, raus aus die Koffer, rein in die Koffer, 14 Konzerte in drei Wochen, oft mit Flügen dazwischen...“ - doch zieht sich das alles im Fokus des je nächsten Konzertes zusammen. Auf dieser Reise wird man zum Zeugen, wie hautnah höchste künstlerische Leistung und ein gelebtes, durchgelebtes Leben miteinander verbunden sind, wie einander nährend, einander tragend und haltend und zwingend.
Was dann in Lleida geschieht und zwei Tage drauf in Madrid, werden klingende Wunder. Erkämpfte. Denn immer sind da Säle, die man nicht kennt. „Nicht e i n Ton von den Geigen kam bei mir an!“ So spielt man in den leeren Klagraum, das Publikum aber hört ihn als vollen. „Wir waren hier nicht gemeinsam am Takt, da nicht... und Ortnit setzt immer zu früh ein.“ Donnernder Baulärm vorm Hotel.  Ein Horn übt Mahler III. Eine Geige läuft hinter Zimmertüren ihre Tonleitern rauf und wieder hinunter. Die junge Dame an der Rezeption will uns nicht nachts im Foyer sitzen haben, wo wir in kleinem Kreis Musikdetails besprechen wollen und die heikle Situation des Konzerthausorchesters in dem Berliner Kulturhickhack. „Also diese Musik lieben, das mußt du s c h o n,“ erzählt mir ein Orchesterwart, „bei den Aufbauten abends, da muß alles stimmen, alles muß da sein. Und manchmal ist man auch Psychologe ein bißchen und manchmal ein bißchen autoritär, damit alles dasitzt dann pünktlich.“ Zwei Stunden noch bis zur Anspielprobe, die Musiker sind auf ihre Zimmer entfleucht. Sie baden. Sie üben. Der Bus holt uns ab und verfährt sich, verfährt sich dreimal, fährt dreimal um Lleida herum. Zagrosek sitzt am Podiumsrand und lächelt bitter ergeben. Wartet. Erklimmt sein Pult. „So. Schubert!“ Und: „Das Licht! Das Licht ist schlecht! Bitte!“ Dirigiert weiter, während die Technik noch bastelt. - „Pause!“ - Es strömt das Publikum rein,  Massen, und alle wolln hören, und das, was in der Probe noch Stahl war, nichts als aggressiv Stahl, wird jetzt Seide... der Bruckner ersteht, und zwar, ohne daß nach dem Publikum mit den Schwarten bougeoiser Selbsterhöhung geworfen würde. Ich kann nicht anders, als die Backen zu blähen und leise „Boaah!“ auszustoßen. Der kleine Mozart noch hinterher, der nicht klang, sondern schwebte.  Einer, der aufsteht, um Bravo zu rufen, ein nächster, selbst Severin v. Eckardstein, der Solist am Klavier, steht auf, um zu klatschen... weitere stehen... ein nächstes Bravo. Über dem ganzen Orchester ein Lächeln, das sich selber nicht faßt. Am Dirigentenzimmer stehen Leute um Autogramme. Ich dräng mich an ihnen vorbei. „Sind Sie Musiker? Was spielen Sie?“ Ich schüttle den Kopf, weitre Autogrammjäger kommen, Programmheft und Stift in der Hand. Ich weise sie die Treppe hinab.
„Danke“, sag ich zur Hornistin, „ihr habt heute Menschen glücklich gemacht.“ Es bleibt nicht viel Zeit, das zu genießen. Weiter geht’s nach Madrid, abermals Busfahrt, sieben Stunden gewiß. Riesiges Tohubawohu dort im Foyer. Man hat die elektronischen Zimmerschlüssel unnumeriert aufeinandergelegt. Das dauert nun abermals Stunden.  Tränen waren im Bus geflossen, es ging um die Liebe... Und Amalia muß kurz nach Hof, hat ein Konzert da und wird für unsres übermorgen zurücksein. Sofern der Flieger das mitspielt. Doch ist ein Vertrag zu erfüllen. „Ich brenne trotz der arktischen Temperaturen darauf, wieder zu Euch zu stossen“, schreibt sie aus Deutschland in meinen Blog. Im letzten Moment wird noch der allerletzte Platz für eine Viruserkrankte erbucht. Dem Orchestermanager steht der Schweiß auf der Stirn. Abends aber, das wird ein Triumph, sitzt er müde neben mir und sagt nur noch leise: „Ich kann überhaupt nichts mehr hören.“  „Wie klingt das im Auditorium?“ fragt Zagrosek. „Großer Ton, aber im Baß viel zu schwer“, kommt zurück. Es geht um den Schumann. „Bruckner“, sagt Helge v. Niswandt, „ist Hantelstemmen, aber Schumann, das ist, als fädelst du Fädchen in Öre.“ Zagrosek: „Bitte... in diesem Saal... bei Piano wirklich piano sein, und locker, hier trägt das alles.“ Bisweilen sieht man das Lächeln von Lleida auf seinem Gesicht. „Bitte vor Otto im achten Takt jetzt noch mal... das war da ein bißchen langsam... - ja, nochmal... entspannt...“ Aus dem Orchester: „Können wir noch einmal ab Takt 43...?“ Zagrosek sieht nach, nickt, „natürlich“, überlegt in Sekundenbruchteilsschnelle, „ab Takt 41 besser“, unterbricht sich: „... diese Energie, die das hat...“ Und dann -  - das Nachtkonzert, 22.30 Uhr, die fetten Bissen schwer im Magen, die wir eine Stunde davor in der Tapasbar nahmen. Von der Decke tölte der Fußball und ging in Schreie erst von Begeisterung über, doch dann schon des Schreckens der Verlierer...  „Was ist denn hier los?“ fragte mein Nachbar, weil der Konzertsaal so brechend gefüllt war. „Wer geht denn um diese Zeit ins Konzert?“ Wer gegangen war, den, ganz, erhob es.
Es gibt Aufführungen, die ein Geheimnis haben, das niemand erklären kann; es bleibt ein schwingendes Ungefähres, das sich nicht auflösen läßt. Und doch hatte man's selbst in der Hand, da ist niemand von außen, es zu steuern. Dieser Abend war so, würde so werden. Bereits bei Stravinskis klang das an und brach in v. Eckardstein durch. Doch dann kam der Schumann, und dann kam der Jubel. An die acht Mal mußte Zagrosek wieder herein, es wurde geklatscht und geklatscht, und es wurde gerufen, und die Zugabe glomm vor solch mozartscher Leichtigkeit, unter der die mozartschen Wolken aus moll ferne grollten, daß man weinen hätte wollen, wäre nicht dieser Tanzschritt gewesen und nicht solch eine lächelnde Nähe über allesdas hin. 
Woran es lag? „Das sagt sich nicht.“ Man war gar nicht einig zu Anfang, war gar nicht ganz richtig im Takt. Aber hatte den Bruckner von Lleida noch voll gegenwärtig. Und Zagrosek reckte sich, reckte sich ins Orchester hinein, und dann nahm er es mit sich. Alle folgten. Sie gaben dieser Dritten die Wahrheit zurück. Wieder mußte Zagrosek vors Publikum treten, wieder sich das Konzerthausorchester erheben. Selten sah ich Menschen so strahlen, die so oft jetzt die Busse bestiegen, Tapas gegessen und Albernheiten gemacht hatten  , genervt gewesen waren, übermüdet vom Stress, die kleinen Augen an den Morgen, die auf halb durchzechte Nächte folgten oder sowieso schlaflos, weil die Zimmerwände so hellhörig sind, daß man nicht ruhn kann in dem Krawall von der Straße und sich nach einer Brust sehnt und seinen Kindern, und weil der Kaffee salzig... „Nachtkonzerte!“ rief Zagrosek später, von Gratulanten umdrängt, „die machen wir jetzt in Berlin!“
Das sollte man tun. Vielleicht daß dem Senat, wenn er auch lieber Rosenstolz hört, dann bewußt wird, welch eine Art von Orchester das ist, das in den Verteilungskämpfen zwischen Barenboims Staatskapelle, Rattles Philharmonie und vormals Naganos DSO nach und nach zerrieben wird, unerachtet seiner Tradition, der Qualität sowieso und unerachtet dieser klängewerdenden, drängenden Jugendlichkeit. Zagrosek, in der Tat, könnte das wenden, der, die nächsten Partituren unterm Arm, nächstentags wieder mit in die Economy einstieg, auf dem Sprung schon zur wiedernächsten Tournee. „Wir müssen noch den Wein trinken gehen.“ „Wann werden Sie zurücksein?“ Er studiert IL Prigoniero ein, in Paris. „Komm' Sie dahin? Schaun Sie sich's an?“ Dann Verabschiedungsszenen, bereits am Berliner Tegeler Rand. Und morgen wieder, für alle, der reguläre Dienst. 
albannikolaiherbst - Dienstag, 18. März 2008, 16:10- Rubrik: Reisen
 [Beim Bruckner von Lleida.] Ich schrieb >>>> meinen Bericht noch zu Ende, da war es dann doch halb zwölf Uhr mittags geworden. Anruf bei Helge. „Bin schon in der Bar.“ „Ah, Matthias dann auch.“ „Klar, komm nur.“ Da wir erst um 15 Uhr vom Bus für den Flughafen-Transfer abgeholt werden sollten, aber die Zimmer bis 12 Uhr geräumt sein mußten, hatte >>>> das Hotel fürs Gepäck (und für manche Instrumente) einen gepflegten Raum bereitgestellt, der abgeschlossen wurde; so konnte ich auch meine Arbeitsgeräte darin sicher verstauen. Das, wie ich schilderte, reichlich miese Frühstück ließ ich aus Selbstschutz sausen, um dann in der Bar ein süßes Stückchen zum Kaffee zu essen, wobei, nicht aus Selbstschutz, mein Blick noch einmal auf eine Flasche mit dem grünen Getränk fiel, das ich vorabends... ja ja: „genossen“. Spanischen Grappa hatte der Wirt das süße Zeug genannt, das nach wie vor in meinem Kopf herumunfugte.  Wir entschlossen uns, auch Amalia kam noch mit, zu einem Ausflug per Taxi ins >>>> Thyssen-Bornemisza-Museum, wo wir uns allerdings nur die Neue Kunst ansahen; sehr viele Bilder auf einmal füttern sehr ab, und 19. und 18. Jahrhundert interessierten mich eh nicht so. Immerhin hing ein wundervoller Max Ernst dort, und Matta finde ich ausgesprochen kräftig, hingegen Rothko an mich noch nie herangekommen ist. Insgesamt blieben wir vielleicht eine Stunde in den Räumen, dann hingen wir eine weitere im Museumsladen, um Mitbringsel zu kaufen, die sich zwar schnell fanden, nicht aber, der irren Schlangen  wegen vor den beiden Kassen, ebenso bezahlen ließen. Insgesamt war's ein ziemliches Gedränge, in dem denn auch das Ehepaar Schneider auftauchte und Intendant und ich noch mal zu einem schnellen Wortabtausch ansetzen konnten, einem müden, ich geb's zu, einem verkaterten; ich mochte auf sein „das find ich das beste Museum der Welt“ nicht mehr angemessen reagieren, aus Gründen einer melancholischen Kraftlosigkeit, die mehr mit dem „Spanischen Grappa“ als mit Schneiders spöttischer Provokationskraft zu tun hatte. Lustig war nur, daß er mich fragte, ob ich denn demnächst einmal in Berlin sein werde; und sowieso wünschten mir, als wir in Tegel sehr sehr spät unser Gepäck bekamen, einige einen „guten Weiterflug“. Auch mit Zagrosek kam es noch mal zu einem schnellen Geplauder. „Wir wollen noch Kaffee trinken gehen“, sagte er; ich nickte. „Wann werden Sie denn zurück sein?“ (Er fliegt heute morgen gleich weiter und geht mit der Jungen Deutschen Philharmonie auf die nächste Tournee.) „Anfang März, wir telefonieren dann. - Kommen Sie denn nach Paris?“ (Er wird dort, ich schrieb's schon, >>>> Dallapiccolas „Il prigioniero“ einstudieren.) „Wenn ich's irgendwie schaffe, gern.“ „Gut, wir sprechen uns vorher.“ Dann mit drei andren ins Taxi und heim. Kleine Verabschiedungsszenen am Rande. Verabredungen. Winken. Und aus. [Für vielleicht nur vorerst. Ich werde in den nächsten Tagen mal schriftlich fixieren, was ich so an Konzeptideen habe. Wenn man sie verwenden möchte, soll man das tun, ob ich dabei bin oder nicht. Es ist mir völlig klar, in welches Interessen-Hickhack man mit sowas gerät; auch sind mir Machtverhältnisse absolut bewußt. Anders aber als Leuten, die in festen, gar festen leitenden Positionen sind, war mir finanzielle Entgeltung immer nur in einem kleinen, dem unbedingt notwendigen Rahmen wichtig. Das soll auch so bleiben. Ökonomisch kommt man mit einer solchen Haltung nicht weit. Aber ästhetisch weiter als jederman sonst. Und ich bin eitel genug, um schon eine mögliche künstlerische Reralisierung für einen großen Gewinn zu halten – nämlich für den --- größten.] Zehnter Tag <<<<
>>>> Konzerthaus Berlin.
albannikolaiherbst - Montag, 18. Februar 2008, 09:15- Rubrik: Reisen
8.25 Uhr:
[Madrid, Hotel Praga. Erstes Kaffeekännchen] Es gibt Aufführungen, die haben ein Geheimnis, das wie das Geheimnis des Lebens selbst ist; was immer man erklären will und vielleicht auch wirklich erklärt, es bleibt da ein deutlich schwingender Rest an Ungefährem, an etwas, das sich n i c h t oder nur andeutungsweise auflösen läßt. Zugleich aber hat man selbst es voll in der Hand, nein, da ist niemand von außen, es zu steuern oder gar zu schaffen; man schuf selbst. Manche Sätze sind so, manche Formulierungen nicht nur in Gedichten, nein, auch in Romanen, und sogar in theoretischen Texten kommen sie vor. Man sieht sie dann an und ist ganz perplex; Jahre später stellt sich der Eindruck her, man habe sie gar nicht geschrieben, sondern etwas durch einen hindurch. Aber das täuscht, weil das Moment des Entstehens so lange zurückliegt, und die schöpferischen Momente sind nicht mehr spürbar. 
Gestern abend ist so ein Abend gewesen, im Stravinski kündigte er sich schon an und brach in Severin v. Eckardstein durch. Das hatte eine solche Stupendität, daß zwar gebravot wurde, aber man den Kopf schüttelte, als wollte man einer Halluzination ledig werden, die dennoch nicht wich. Deshalb wich man selbst, das Publikum ließ die zahlreichen Hände sinken und strömte in die wie in Spanien hier immer sehr kurze Pause. Kaum hast du deine Zigarette entzündet, ruft's dich schon wieder herein. Da wars ja bereits nahe halb zwölf Uhr nacht, als...
... als sie den Schumann b e g a n n e n, La Renana, die Rheinische, Dritte. Und als sie geendet hatten, brach der Jubel los. An die achtmal mußte Zagrosek wieder herein, Bravos schallten, es wurde geklatscht und geklatscht, und die Zugabe gedieh in einer solchen mozartschen Leichtigkeit, unter der die mozartschen Wolken aus moll so ferne glommen, wie Gewitter sich ferne ankündigen, die aus der Erde, nicht dem Himmel stammen – daß man weinen hätte wollen, wäre der Tanzschritt nicht gewesen, nicht eine solche lächelnde Nähe über alledem hin.
 Das Geheimnis aber lag in dem Schumann. Denn eben schon ganz der Beginn war nicht einig, immer wieder schwangen Spuren von Dissonanzen im Raum, von der die Partitur nichts weiß, sondern sie stehen zwischen den Zeilen, niemand hat sie notiert, sie geschehen – und es ist der Moment ihres Aufklangs, der nun entscheidet, ob alles daran kaputtgeht oder ob – ja, ob man sie n i m m t und faßt und sie trägt, und ob man sie schließlich versöhnt. Das hat ein wenig etwas von Lästerung. Ihr wollt wiederholen, >>>> was euch beim Bruckner gelang? Seid doch bescheiden! ruft's wie aus den Elementen... findet euch ab, begnügt euch! Menschen sind fehlbar..! Wir aber sind prometheisch, und anstelle uns nachts in die Ecke zu kauern und fröstelnd drauf zu warten, daß wieder Tag wird, nehmen wir das Feuer auf die Fackel und halten es ans Holz, das wir zusammenzutragen lernten.  So tat Lothar Zagrosek gestern abend, und so tat jeder einzelne Musiker mit. Kaum daß die erste Unstimmigkeit auch nur aufgeschallt war, ging ein Zittern durch den Mann, das ihn zugleich aufrichtete, vorbeugte und das Tempo anziehn ließ. Er nahm das Orchester, das hier hätte abstürzen können, und immer mal wieder, er nahm's und hob es und stürmte dann mit ihm voran, denn alle, alle folgten. Er nahm das Orchester, indem er ihm die scheinbar falschen Zusammenmomente nicht übelnahm, sondern merkte, welch eine Chance darin lag, diese Sicherheit übertrug sich, der Ton wurde enorm und gewaltig beharrend:  Hier sind w i r und sind e i n Orchester, und wir drehen das jetzt, so daß sich der ganze gemütliche Muff, den diese Sinfonie nun ja a u c h hat, verblies; da konnte keiner mehr sitzen und Gemütlichkeit stricken und wie ein Backfisch seufzen, weil er den Schönen, den er sah, ja doch nicht kriegen wird und sich abfindet drum, ich h a b halt diese Pickel... nein, eben nicht. Sondern ich will. Und werd ihn erstreiten. So erstritt sich das Konzerthausorchester Berlin seinen Schumann, und wir, die zuhören durften, erlebten eine Musik, wie sie sich selbst gebar, nicht eine, die sich im ersten Takt schon gealtert aufs Podest stellt, um ihr konserviertes Genie bewundern zu lassen und doch schon eigentlich tot ist.
Wenn ich so schwärme, Leser, so darf ich's, weil ich Schumanns Dritte imgrunde nie mochte in der verklemmten Jubelseligkeit ihres fanfarenden Heroen-Blechs und den gefädelten Zierratsgesten Höhere Töchter, die den tumben Heroen ihre geklöppelten Spitzenstrümpfe zeigen und noch rot werden dabei, obwohl's doch nur die Waden sind, was man(n) sieht... diese tönende Biedermeierverklemmtheit ist mir völlig zuwider. Man kann nur mit Sünde erwidern, mit Hoffart und Überhebung, wenn einer da frei atmen, sich freiatmen will. Deshalb sprach ich von Lästerung, guter, selbstbewußter, emanzipierter, und zwar ohne metaphysischen Schnickschnack, hinter dem doch immer ein Vatergott droht, wenn man nicht kuscht. Was Lothar Zagrosek und seinem - ja: seinem - Konzerthausorchester gestern abend gelang, ging über das Maß einer gelungenen, geschweige perfekten Aufführung ganz weit hinaus, und gerade die Momente des Unperfekten ermöglichten eine Schönheit, von der wir fälschlich meinen, daß das Perfekte sie habe. Gestern abend gaben Zagrosek und das Konzerthausorchester dieser Sinfonie ihre Wahrheit zurück. Sie nahmen ihr das ausgestellt Gute.
Und doch, es bleibt ein Geheimnis, wie jede Geburt ist.  Achtmal also mußte Zagrosek dann vors jubelnde Publikum treten, vielleicht waren's nur sieben, vielleicht waren's neun. Achtmal hieß er das Orchester sich erheben. Ich habe ihn selten so strahlen gesehen, und eben nicht nur beim Applaus, sondern lange vorher schon, lange bereits im Dirigat; der sonst so puristische, fast mönchige Mann hatte, was man nicht zwingen kann: Magie... i n d e m er sie erzwang. Da kam eine Sicherheit über die Musiker, die jeden kleinen Patzer ins Nun-erst-recht! überführte, und schürte: nämlich das Feuer, das in jedem von ihnen brannte, und wo's noch erstickt lag, lohte es auf. Mit einem Mal waren sie eines.  Da kam keiner davon mit Routine, da hatte jeder teil – jeder, von denen auf dieser Reise hier erzählt worden ist, in deren Gesichter Sie schauen können auf den kleinen Bildchen, wie sie lachen und Busse besteigen und Wein trinken, Tapas essen und Albernheiten machen oder genervt sind und übermüdet, mit den kleinen Augen an den Morgen nach halb durchgemachten Nächten oder sowieso schlaflos, weil die Zimmerwände so hellhörig sind, daß man nicht ruhen kann in dem Lärm der Müllabfuhr nachts, oder weil man erkältet ist, oder sich nach einer Brust sehnt, und weil da der Kaffee ganz salzig...
10.10 Uhr:
[Madrid, Hotel Praga. Zweites Kaffeekännchen.]
Dabei hatten die Zeichen gar nicht so gut gestanden. Nicht nur wegen der ausgefallenen Musiker, sondern zwischen Anspielprobe und der Aufführung nachts waren Arbeitern des Hauses zwei Kontrabässe umgefallen, die waren und sind es noch – kaputt. Das wird ein versicherungstechnisches Nachspiel haben, aber selbst, wenn wir's gewinnen - einer Aufführung hilft das ja nichts. Glücklicherweise hatte um 19.20 Uhr die spanische National-Philharmonie gespielt, so konnte man Bässe leihen. Für die Instrumentalisten ist sowas dennoch, weil unvertraut, unangenehm, ganz besonders den Fingern, die hören. Und fünf Minuten vor seinem Einsatz brach Helge v. Niswandt das Posaunenteil dann tatsächlich ab; es zahlte sich aus, daß er sich abermals vorher um ein Ersatzinstrument hatte bemüht. Dann war der Transferbus viel zu früh am Auditorio gewesen, da war so viel Zeit, die wir bei einiger Speise in einem Tapaslokal mit einem Volke verbrachten, das in dem unter der Decke montierten Fernsehgerät ein Fußballspiel verfolgte und enttäuscht worden ist. Aber sowieso: Um 22.30 Uhr ein solches Konzert zu geben, das war man ja gar nicht gewöhnt... „Es ist halb e l f – was i s t das?“ fragte neben mir der von diesem Tag gebeutelte Ulf Werner, als er die Mengen sah, die den Auditorio füllten. „Klasse“, sagte ich nur, im Genick die Erinnerung an Frankfurtmainer Nachtkonzerte... vor Jahren... „klasse“. Ein hungriges Publikum, hungrig auf Musik, besser kann es nicht gehen, ein Publikum, wie's schon in Lleida war. In der Pause wieder mein liebevolles Hickhack mit Schneider, der sich, wie ich, das >>>> Caixa Foro angesehen hatte und eher beödet war von der dort gezeigten Kunst, die e r in Häkchen setzen wollte. „Aber ich merk ja: Sie sind von allem begeistert...“ „Nicht von allem, aber g e r n e begeistert, ja.“ Worauf er mit einem Bonmot reagierte, dessen Einfall wirkliche Größe hat: „Alles nach Palestrina ist Niedergang in der Musik.“ Er grinste und fügte bei: „Na gut, es gab in Bach noch mal eine kurze Erhebung.“
Dann war das Konzert vorüber, Ulf Werner, das Ehepaar Schneider und ich gingen das Dirigentenzimmer suchen und fanden's; auch Frau Hoffmann war dabei. Zagrosek, allerbester, ja sprühender Laune, empfing uns mit etwas, das auch ich allezeit gedacht hatte und sowieso schon im Schwung war, ihm vorzuschlagen: „Das machen wir in Berlin a u c h!“ Er meinte Konzerte bei Nacht. „Ja!“ rief ich. „Ja!“ Worauf Frau Hoffmann: „Sie werden ihm da doch nicht etwas beispringen? Herr Herbst, wenn Sie das tun, kriegen Sie bei uns Hausverbot.“ Das geht: unwillig lächeln und doch zugleich amüsiert sein. Ich sofort: „Darf ich das zitieren?“ Sie: „Nein.“ Schneider zu Hoffmann: „Der zitiert sowieso alles, das hat keinen Sinn.“ Ich: „Au ja, Hausverbot finde ich prima.“ Zagrosek kam aus dem Glück gar nicht raus, das kleine Gehickhacke trug es nur noch. „Dieser Mozart! Ich könnte ihn jeden Tag dirigieren!“ Ich, jetzt ernst, zu Frau Hoffmann: „Nachtkonzerte, damals, in Frankfurt, was meinen Sie, was da für ein Publikum war...“ Wiederum Schneider: „Fahren wir mit Ihnen im Bus?“ Werner: „Es ist so voll alles.“ Ich: „Ach, ich stehe gerne während der Fahrt. Selbstverständlich kommen Sie mit, das wär ja gelacht.“ Werner: „Ich stehe auch.“ Man mußte die beiden fast ein bißchen überreden; noch draußen vorm Auditorio wälzten sie die Taxis hin, die U-Bahn her in den ereignismüden Köpfen.
Nachtfahrt durch Madrid; ich hatte den Eindruck, die Musiker wußten selbst nicht ganz genau, was ihnen heute widerfahren, was ihnen heut geschenkt worden war. Ihre Selbstkritik hatte etwas Irritiertes, weil sie merkten, daß sie zwar Grund hatte, aber nicht stimmte. Ich meinerseits probte im Kopf schon mal meine Formulierungen durch. „Sie müssen ja noch arbeiten“, sagte Schneider nicht ohne Süffisanz, als wir gegen halb zwei Uhr nachts am Hotel anlangten. „Nee“, machte ich, mit kurzem, ins apostrohierte „ä“ geöffnetem „e“: „Nä, jetzt trink ich erst mal was.“ Er: „Schlafen Sie n i e?“ Es gab da so etwas wie Freundschaft, als wir uns trennten, angetriggerte, mögliche, wie ein Zitat.
So zogen drei Musiker und ich in die nahstgelegene Tapasbar, die vom Abend zuvor, wo bereits andere Musiker waren und sich über die Nacht hin ein langes Gespräch entspann, mal nach hier, mal nach da... ich glaube, es war halb fünf, als ich ins Bett kam. Und seit acht Uhr bin ich dabei, dies hier zu schreiben. Eben kommt eine SMS herein: „Mojen Alban, wie ist's mit Museum?“ (:Helge v. Niswandt. - Kurz vorher Anruf Matthias Benkers: „Ich bin so weit, und du?“ „Ich brauch noch eine Stunde, bin beim Schreiben.)
Um 15 Uhr geht der Bus zum Flieger. Um 22.55 Uhr werden wir in Berlin zurücksein. Ich muß noch packen, wild sieht's hier aus in dem Zimmer. Und dann will ich tatsächlich noch hinaus nach Madrid und in die Museen. So daß wir uns, Leser, v o r Berlin kaum noch lesen werden. Von dem Flug erzähl ich dann morgen. Heute nacht ganz sicher nicht mehr. Denn wie wohl jeder hier, der solches hat, freu ich mich auf die Geliebte und meine Kinder. Und wer es nie gekonnt, der stehle weinend sich aus diesem Bund -
>>>> Ende der Reise.
Neunter Tag <<<< .
albannikolaiherbst - Sonntag, 17. Februar 2008, 09:40- Rubrik: Reisen
6.32 Uhr:
[Madrid, Hotel Praga.] „Bis später“, so schrieb ich gestern zuletzt. Aus dem Später wurde ein S e h r s p ä t (allerdings nicht: „früh“), und dazwischen lagen allein zweieinhalb Stunden Spazierens durch Kernmadrid, exklusiv der Aufnahme exklusiver Montaditos, welches eine Art Baguettebrötchen mit Tapas-Belag sind, den man wählt wie bei >>>> Trzesniewski in Wien den Paté-Belag der Schnittchen. Nur daß die >>>> Cerveceria 100 Montaditos nicht so einzigartig, sondern eine Kette ist. Was ihrer Beliebtheit (und Qualität!) gar keinen Abbruch tut. Cello und Oboe aßen, hatt ich den Eindruck, mindestens 37 dieser höchstlecker belegten Volksnähe – wohin, weiß ich nicht und auch nicht mehr, wie sie sich's teilten.  Ich selbst war meiner Natur gemäß bescheidener, jedenfalls bei den Montaditos, nicht bei dem Wein. Auch unser Orchestermanager, leis, doch unauffällig lächelnd, nahm permanente Biß um Bissen – bevor wir dann, zu zweit, weiterzogen und nach 23 Uhr unsere Bushaltestelle zu suchen begannen, was nicht ganz unkompliziert war, weil sie in einer Seitengasse neben der Plaza Mayor liegt. Schließlich ließen wie uns nahezu allein zurückkutschieren, stiegen an der Antonio Nolo aus und fanden in einer Tapasbar noch einige Kollegen beisammen, mit denen wir dann noch unseren Absacker nahmen. Immerhin, ich lag bereits um eins im Bett, hatte aber nicht die geringste Lust mehr, hier noch zu schreiben. Schlief wie ein Stein. Und hol mir aus dem Frühstücksraum jetzt erst mal einen Kaffee für diesen Morgenbericht.
7.18 Uhr:
Hab ihn. Daß ich hier morgens immer so lange auf welchen warten muß, macht es mir schwierig, meine 4.30-Uhr-Aufstehzeiten zu halten, und das späte zuBettgehen eh; doch zu meiner eigentlichen Arbeit komm ich auf dieser Reise sowieso nicht; ich schaue zuviel, rieche zuviel und höre den anderen zu gerne zu. Denn von Orchestermusikern erfahren Sie ständig Geschichten früherer Reisen, nach zwanzig davon sammeln die sich halt an, und man hat dann, werden sie in einem erzählt, den Eindruck permanenter Widrigkeiten, die alleine dafür geschehen, um hinterher großen Witz zu entfalten. Es sind doch d i e Reisen immer, auf denen etwas schiefgeht, an die man sich später erinnert, es sind immer die Abenteuer und ist nie oder selten nur das, was einen eigentlich wegreisen l i e ß - es sei denn, man war von Anfang an auf solche Abenteuer aus. Daß sie aber dann oft nicht geschehen, dem liegt eine starke Verführung inne, gläubig zu werden, weil man sich des Verdachts nämlich nicht mehr erwehren kann, da treibe einer seinen Spaß mir dir - einen göttlichen, mindestens aber Geister-Spaß... und amüsiere sich köstlich. Darin mag einer der Gründe dafür liegen, daß ich auf Reisen ausgesprochen gerne Kirchen betrete, was ich Zuhause doch meide; hier möcht ich wenigstens zurückgucken, wenn mich einer so stolpern sieht. Das ist dann also, s o gesehen, eine Frage des persönlichen Stolzes, daß man zumindest zurückguckt.
Amalia, stimmt, davon wollt' ich gestern noch erzählen, Amalia Aubert an der Viola. Sehen Sie, Orchestermusiker haben neben ihrem normalen „Dienst“ (so heißt das tatsächlich und bringt mich immer wieder auf meine militärische Terminologie zurück) allerlei Muggen, was eine abkürzende Verulkung von „Musikalisches Gelegenheitsgeschäft“ ist, die aber beileibe nicht ulkig sein muß. Je besser ein Musiker ist, so die Faustregel, (und je engagierter aber auch), desto mehr Muggen hat er, darunter nicht selten Solo-Auftritte. Das kann schon mal mit dem Dienst ins Gehege kommen, darf das aber nicht. Manchmal kann eine Mugge für die persönliche Karriere wichtiger sein als der eigentliche Dienst; dann gerät der Musiker in Konflikt. Bisweilen läßt der sich lösen, bisweilen nicht. In Amalias Fall war es bloß ein Reiseproblem. Sie hatte lange, bevor die Tournee angesetzt wurde, einen Vertrag in Hof über einen der Soloparts in der Sinfonia concertante, sprach dann mit Zagrosek, und der ließ sie fahren... das heißt: sie flog vorgestern via Nürnberg nach Hof, spielte und wird heute zum Abschlußabend wieder zurücksein. Das ist einiger Aufwand, wie Sie sich denken können, denn in solch einem Fall ist der Orchestermanager nicht mehr dafür zuständig, daß die Logistik auch klappt. Für den Fall, daß mehrere Musiker zur Zeit einer Tournee andere Muggen haben, wird auch das Risiko hoch; ob man sie dann zuzuläßt, ist eine reine Einschätzungsfrage und bedarf eines Gefühls, das nicht eigentlich mehr etwas mit der Musik zu tun hat.
À propos Muggen: Orchestermusiker tendieren dazu, Ensembles zu bilden: Quartette, Kammerensembles, Duos usw., die ihrerseits oft Bekanntheit, manchmal Berühmtheit erreichen. Diese außer„dienstlichen“ Engagements sind für ihre Entwicklung deshalb von großer Bedeutung, und zwar eben nicht nur und manchmal gar nicht von finanzieller; bei ihrer Gründung spielt musikalische, auch musikantische Lust die größere Rolle. Da hört alles scheinbare „Beamtentum“ entschieden auf. Schauen Sie mal auf >>>> d i e s e Site, und Sie bekommen einen Eindruck von dem Reichtum, der sich entfalten kann, wenn Musiker miteinander auch persönlich harmonieren. Das gilt selbstverständlich für nahezu alle Orchester. Ich hatte gestern nacht gerade dazu noch ein sehr schönes Gespräch über ein soeben neugegründetes Ensemble aus den Reihen des Konzerthauses... vielleicht kündige ich Ihnen das Gründungskonzert bald in Der Dschungel an oder schreibe auch später noch etwas im Rahmen dieses Reisejournales hinzu. Mir schwirren nur grad die vielen für mich ja neuen Musikernamen durcheinander; ich möchte keinen falschen nennen.
Eine Geschichte, die mir >>>> Burkhard Hilse (Flöte) erzählt hat, möchte ich gerne weitererzählen, weil sie einfach z u schön ist:
Noch zu DDR-Zeiten machte das Konzerthausorchester (damals noch Berliner Sinfonie-Orchester) eine Welttournee. Man bekam 35 DM Spesen und war sparsam, sparte und sparte; für die persönliche Verpflegung hatte man, um zu sparen (und sowieso wäre man mit den 35 Märkern nicht so arg satt geworden), Konservendosen mit. „Immer wieder während der Flüge konnte man das Schnalzen hören, wenn so eine Dose aufgerissen wurde, und dann fing's auch gleich sehr bekannt zu riechen an.“ Jedenfalls war nach fünf Wochen für jeden einiges Geld zur Seite gelegt; man erreichte Japan, und dann, in Technocity, Tokyo, zog der ganze Trupp los, um die ersten CD-Player zu kaufen, um Stereoanlagen zu kaufen usw. Das gekaufte Zeug kam in Container, man gab seine Japaner Konzerte weiter, reiste zurück in die Heimat... und irgendwann, nach fünfsechs Wochen, erhielt man einen Bescheid vom Rostocker Zoll, da sei ein Riesen-Container angeschifft worden. Also setzten sich die Leute in ihre Trabbis und, wenn es gutgegangen war, die Wartburgs (but even this was not a SONY) und öötete nach Norden. Auf einem Parkplatz, gut abseits von allgemeiner Einsicht, wurde der Container unter wahrscheinlich stirnrunzelnder Zollaufsicht geöffnet, und da waren dann die Paketchen und Pakete, die man nun irgendwie aufteilen und in die Trabbis und, wenn es gutgegangen war, die Wartburgs verladen mußte, um dann ganz besonders (it's not a SONY) heimzuööteten – der falsche Imperfekt reflektiere den Zustand des seinerzeitigen Straßenbelags. Nur falls mal wieder jemand meint, ich sei nicht sorgsam genug mit der Sprache.
Bon. Hunderterlei fällt mir ein. Derweil wird Helge v. Niswandt (Posaune) schon wieder herumtelefonieren, um sein Instrumentenproblem zu lösen – damit heute abend alles auch klappt. Amalia Aubert dürfte am Nürnberger Flughafen sein, um sich auf Waffenfreiheit checken zu lassen, Ulf Werner (Manager) hängt die Schilder für die Musiker aus, wann uns der Bus für die Anspielprobe abholt, wann wieder zurückbringt, wann wieder abholt für das Konzert – denn, sehen Sie, heute ist ein ziemich bizarrer Aufführungstag. Da an selber Stelle >>>> schon um 19.30 Uhr ein Konzert gegeben wird (ich habe eine starke Tendenz, es mir ebenfalls anzuhören) und wir erst um 22.30 Uhr (!!!!) dransind, findet unsere Anspielprobe bereits um 14 Uhr statt, und dann sind siebeneinhalb Stunden Pause. Für die Musiker ist das eine irre Belastung; imgrunde können Sie kaum etwas tun in der Zeit, wenn sie ausgeruht sein wollen. Zu schlafen wäre möglich, aber wie, wenn der Körper das nicht gewöhnt ist? Also wird man vielleicht meditierend durch die Straßen spazieren, ich weiß das alles noch nicht, bin nur ziemlich gespannt. Zack wiederum wird auf seinem Zimmer sitzen und seine Partituren studieren, er tut ja kaum etwas andres. Ein bißchen schade ist's, daß wir fast durchweg in verschiedenen Hotels untergebracht waren und sind; ich hätte gerne auch von der Dirigentenseite aus erzählt. Jedenfalls, n a c h dem Konzert... je nun, geht man da noch essen um eins? Immerhin werden wir morgen zu Heimreise und also Flug erst um 15 Uhr abgeholt, das hat aber schon jetzt den Geschmack einer Vertschiebung, die man im Reise„deutsch“ time lag nennt. 9.40 Uhr:
Das Frühstück war nix. Das Rührei mit irgend einer Hafergrütze gestreckt, keinen Jamón, nix Spanisches, alles auf europäische Durchschnittsmitte. Dafür wieder ein Gespräch mit Schneider, mir fehlte gestern unser ironisches Pingpong. Er wollte nun wissen, wir das denn rechtlich sei, wenn ich hier einfach Leute zitierte. „Kann man das auch löschen? Und wenn einem nicht paßt, was Sie schreiben... einfach weil Sie, logischerweise eigentlich, aus dem Zusammenhang herausnehmen und in einen anderen stellen?“ Man spreche ja auch gar nicht mehr frei, wenn man wisse, man laufe Gefahr, zitiert zu werden... undsow.... --------- Anruf von Ulf Werner: ob ich bitte mal bei Air Berlin auf die Site gehen könne, man brauche dringend einen Rückflug für die erkrankte Musikerin, heute noch, ganz unbedingt. Ich schau dann auch noch bei Easy Jet nach, aber der Flug w a r schon (6.35 Uhr, nächste Möglichkeit wäre morgen um 7.05 Uhr)... „Buch' am besten hier über meinen Laptop, dann bleibe ich jetzt im Hotel.“ - Wahrscheinlich werde ich meinen Besuch >>>> des neuen Caixa-Forums auf morgen oder auf den Nachmittag legen. - Weiteres nachher. 11.10 Uhr:
Der Rückflug für die erkrankte Musikerin ist gebucht, es war der letzte freie Platz überhaupt. Jetzt muß sie jemand zum Flughafen begleiten, was eine dröge Aufgabe ist, weil man ja zwei Stunden vorher dasein muß, plus Hinfahrt, dann wieder zurück; Frau Hoffmann übernimmt das; ich erbot mich ebenfalls an, das wollte man nicht. Ist auch zu verstehen, viele Musiker sind sensibel auch in Belangen der Betreuung & Vertrautheit; hinzukommt, daß man sich krank ja nun wirklich nicht wohlfühlt. Jedenfalls ist über das auch m e i n Vormittag aus dem Gleis gerutscht, um 13 Uhr werden wir zur Anspielprobe ins Auditorio gefahren; da er weit im Norden Madrids liegt, hat man eine ¾ Stunde für die Busfahrt vorhergerechnet. Die Probe soll bis 15 Uhr gehen, dann wird man zurück zum Hotel gefahren. Da werde ich „aussteigen“, denke ich, mich bis zur Mitte Madrids mitnehmen lassen und dann von dort zum neuen Caixa Foro. Von dort dann direkt wieder zum Auditorio vermittels U-Bahn, wenn möglich. Sollte ich nachher eine Karte ergattern, werd ich mir vor unserem Konzert noch das andere der Spanischen Nationalphilharmonie anhören, Schostakovitsch nämlich und Straussens von mir eigentlich nicht sehr geschätztes Heldenleben, das mir musikalisch zu selbstheldig ist – Pantoffelpathos, um's böse zu sagen. Doch sei's drum.
Ich werd die Restzeit dieses Vormittags für die Dusche nutzen und vielleicht dann noch etwas hinausgehn, um fern der Touristenorte zu beobachten; vielleicht daß ich dann auch endlich mein Sterbgedichtchen zuwege bringe. Ich könnte auch die Korrekturen an der fünften >>>> Elegie übertragen oder einfach, was hier ja meine Aufgabe ist, mich zu paar Musikern setzen. Im übrigen hat die Programmvorschau des Auditorios den Strawinski vergessen.
[UF mailt mir, ich möge doch bitte eine neue Rubrik in Der Dschungel eröffnen, die den Reisen vorbehalten sei. Das wäre viel Arbeit, ich müßte die ganzen alten Berichte seit erstem Dschungelwuchs heraussuchen, mit Links verlegen und neu zuordnen, wobei ich mir nicht recht sicher bin, ob's den Aufwand denn lohnt. Die beiden Sizilienreisen etwa, die Reise auf den Stromboli, die Reise nach San Michele, d i e Reise jetzt... was meinen, Leser, S i e?]
14 Uhr:
[Auditorio Nacionales, Madrid.] Pünktlicher Probebeginn mit Stravinski (dem hier versehntlich nicht angekündigten). Ja, der Bus war so pünktlich, daß der ein wenig desolat wirkende Helge und ich eben noch losschießen können, um ein paar Tapas zu nehmen, er Tortilla, ich Pulpo in eigener Tinte, vom Haus wird ein Tellerchen Meeresfrüchte-Paella dazusspendiert; dazu noch Wasser.  Das alles in knapp 8 Minuten hinuntergegessen. Es ist ein wenig knapp, weil heute im Frack geprobt wird, denn die vorgestern angereiste Fotografin will für das entstehende Magazin Fotos aufnehmen, aber nicht die Vorstellung am Abend stören. Helge rennt dann vor, um nicht bei der Probe zu spät zu sein, ich schlendere hinterher.
14.19 Uhr: Umbau zum Schumann. Vor der Probe hielt einer der Sprecher des Orchestervorstandes eine kleine Dankeansprache für die Veranstalter und den Dirigenten, ein Buch wurde überreicht, es fiel auch eine Bemerkung wegen dieses Reisejournals.  „Ich weiß, daß ANHs Blog sehr kontrovers diskutiert wird unter den Musikern.“ So erhalte ich denn einen recht ambivalenten Dank, was ich als angemessen empfinde, da Polarisierung meine Arbeit seit jeher begleitet hat – indes ja nicht nur meine. Da gibt es ganz andere Namen. Es stehen jedenfalls einige Zeichen darauf, daß die Diskussion auch nach der Reise noch lange ihr Ende nicht gefunden haben wird; vielleicht geht sie dann überhaupt erst los.
Also Schumann jetzt, das Kernstück des heutigen Abschlußabends.  Nach kurzem Abbruch des ersten Anspiels geht ein großer T o n Ton durch den Saal. Dennoch erneuter Abbruch, „bei mir kam das eben zu laut an...“ wendet sich um: „Wie ist das im Auditorium?“ Ulf Werner: „Großer Tron, aber es ist sehr baßlastig hier.“ Weitere Revision, wie anzulegen sei, alles in sehr schnellen Direktiven. Helge eben in der Tapasbar: „Bruckner ist wie Haltenstemmen, Schumann, als müßte man einen Faden einfädeln.“ Das sind so Sätze, die bleiben. Zagrosek: „Und bitte... dieser Saal klingt so toll... wenn Piano ist, dann können wir ruhig ganz piano s e i n, ganz gelockert sein, hier trägt das alles.“ Bisweilen sieht man jetzt ein Lächeln auf seinem meist strengen Gesicht; mir kommt dies nun selbst wie ein anderer Schumann vor... es ist eingefädelt, wirklich eingefädelt, nun darf der Faden halt nicht mehr hinten hindurch. „Wir fangen bitte vor Otto im achten Takt jetzt noch mal... das war da ein bißchen langsam... 8 Otto bitte.... machen wir 12 vor, bitte... sehr schön, sehr schön... Zweiter Satz, bitt'schön.“  Unterdessen sind wir zum dritten Satz vorgedrungen, mit dreimaligen Klein-Revisonen, dann ist bereits der vierte dran. Die letzten fünf Takte des Satzes, zugleich der Sinfonie werden geprobt, „noch einmal bitte“...“ ja, und n o c h einmal, ganz entspannt...“ 14.56 Uhr:
„Jetzt ein bißchen Haydn.“
„Bißchen stärker, nicht z u weich.“
sds [> Das gar eben im Vorbeigehen Burkhard Hilse eingetippt.]
„Für mein Gefühl lassen Sie sich ein bißchen viel Zeit für den Einsatz... Bitte noch einmal.“
„Ja hier, bitte noch einmal.“
„Noch einmal.“
„Ja hier... Das war jetzt perfekt.“
.
.
.
„Danke schön, letzter Satz... So, bitteschön!“
Kurze Diskussion. „Also Schluß vom Trio bitte, kein Ritardando... 68... also achten Sie drauf, beim Piano absolut im Tempo bleiben... im Trio... So bitte, letzer Satz...“ Süffig: „Ticken.“
„Leiser.“
„Das war jetzt zu schnell... das ist hier immer gefährlich... Machen wir mit dem Takt 74...“
Aus dem Orchester: „Können wir noch einmal... ab Takt 43...?“
Zagrosek sieht nach, nickt, ja, „natürlich“, überlegt in Sekundenbruchteilsschnelle, „ab Takt 41...“ unterbricht sich: „Was ich hier schön finde, ist die Energie, die das hat, das habe ich eigentlich so empfunden... Also 41...“ Sie spielen. „Dann war eine zweite Stelle...“ „Bei der 107...“ „Richtig... also Takt 107.“ Sie spielen, Zagrosek bricht ab. „Okay? Dann toitoitoi für das letzte Konzert.“  Den Rest des Nachmittags über dann ---- d a s:
  
__________________________________________
22.30 Uhr.
D A S K O N Z E R T V O N M A D R I D
>>>> Zehnter Tag.
Achter Tag <<<< .
albannikolaiherbst - Samstag, 16. Februar 2008, 07:03- Rubrik: Reisen
6.34 Uhr:
[Lleida, Hotel Conde de Urgel, Zimmer 627.]
>>>> Das war nun ein enormes Konzert!  Trotz des akustisch erst so widrig wirkenden Raumes mit seinen stahlscharfen Violinen, dem Matsch aus den Bässen, dem knallenden, einem die Ohren zur Seite reißenden Blech – der vorher fast unaushaltbar aggressive Klang kippte völlig, als Publikum dawar, wurde nahezu ausgeglichen, statt des Stahls war da Seide, rund und voll war der Baß, und Durchsichtigkeit, überall Durchsichtigkeit und – Kraft. Ja, und das Publikum! Was für eines, das da herbeiströmte,  als hätte es ge wußt, was man zu hören bekäme, wie innig das Orchester, wie traumwandlerisch ausdrucksvoll, wie beisammen es war... mit sich selbst und mit dem Dirigenten und mit der Musik...  mit allen d r e i Musiken, vor allem aber mit diesem Buckner, seiner Sechsten, die wenigstens beim ersten Hören eher sperrig, jedenfalls nicht süffig ist. Nun w a r sie es, und sie war es ohne einen Abstrich am Ausdruck, ohne etwas von der Melancholie wegzunehmen und ohne mit den Schwarten nach dem Publikum zu werfen und ohne die Blöcke zu leugnen, aus denen sie clusterartig zusammengesetzt ist. Schon während der ersten paar Takte sahen Ulf Werner und ich, die wir zusammensaßen (und zwar „lateral“, also in den Längsstühlen seitlich), uns mit geradezu benommenen Blicken an, und als der erste Satz vorüber, konnt ich nicht anders als die Backen zu blähen und von mir leise „Boaah!“ zu geben. „Ich hab doch gesagt“, sagte er, „- : Lleida.“ Das war dann unser Zauber- und Bestätigungswort. LLEIDA!  Hier, wo kaum etwas für den Touristen gemacht ist, sondern die Stadt ist für die Städter, ist für ihr Leben gebaut und wird ausgebaut und mit immer weiterem Leben gefüllt, hier war man offen und neugierig und hörwillig und... - ach was, hier war man einfach da, und in dem Moment war das Orchester es gänzlich auch. Der kleine Mozart, den „wir“ (möchte ich schreiben und tu es drum auch... also:) den „wir“ gaben, schwebte, der klang nicht, zum Abschluß ironisch wie in den Batschen, unvermittelt, mit einem leisen Schauer ganz melancholisch in den Raum... Klug, sehr klug gewählt, das zeigte sich jetzt, war diese Zugabe von Zagrosek gewählt... nein, dem Brucknerpathos setzt man nicht noch eines drauf, sondern läßt es, wenn es sich legt, sich in vorsichtig schmerzende Abklärung legen.  Jubel. Einer, der aufsteht, um Bravo zu rufen, ein nächster, selbst Severin v. Eckardstein, um zu klatschen, steht auf, weitere stehen auf, ein nächstes Bravo. Über dem ganzen Orchester liegt ein Lächeln, das sich beinahe selber nicht faßt. So auch, als wir, Ulf Werner und Intendant Schneider und ich, uns zu den engen Künstlerräumen drängen, um zu gratulieren, zu beklatschen, wer immer noch vom Podium kommt, um Zack zu gratulieren, der in seiner Garderobe noch in halben Hosen sitzt und selber rein nur lächelt... „Bitte, bitte... ich hab noch gar keine Hosen an.“ Wir wieder hinaus, da stehen junge Leute da, das Programheft in der Hand, „sind Sie Musiker? Was spielen Sie?“ und möchten ein Autogramm. Ich schüttle den Kopf, sie drängen sich an mir vorbei, ich dränge mich an ihnen vorbei und die Treppe hoch und aus der Tür ins Freie, da steht gleich noch wer um Autogramme an, „wo?“, „wohin?“, ich zeig nur die Treppe hinab. 
Lleida. „Danke“, sag ich zu einem der Bratschisten, „ihr habt heute Menschen glücklich gemacht.“ Und bin sowas von froh, auch wieder dieses Konzert mitgeschnitten zu haben. Und bis nach zwei, wobei ich >>>> Navajas planchas aß, saßen wir alle dann zusammen, um dieses Musikfest zu feiern. Und zweie, sehr kurz vor mir gehend, feierten es dann auf ihre Art, nämlich die schönste. Dazu war die Diskretion der Versammelten von dezentester... hm... tja: „Enormität“.   
(In acht Minuten wird der Frühstücksraum öffnen, dann hol ich mir erst mal einen Kaffee. War eben schon unten, da war noch alles zu, um sieben Uhr erst wird geöffnet. Nun gut, dann hab ich meiner Freude längst den Ausdruck verliehen, und Sie können schon l e s e n (und es sehen, in den Gesichtern), was gestern abend geschah. Aus gegebenem Anlaß allerdings noch eine Bemerkung, die ich sehr ernst meine. Ich hatte mich ja wegen der Templer geirrt, also >>>> am Mittwoch oben auf dem Castello, hatte ja auch soeben erst grade gelesen, „hier“ seien die Templer wichtig gewesen und präsent, aber von einer zweiten Burg, >>>> der ihren, noch nichts gewußt... ja überhaupt nichts über Lleida gewußt... und Schneider hatte mich weggespottet: „Templer? Hier? Nie! Von den Templern weiß ich alles, die Templer hab ich vor Jahren schon durch...“ Wie auch immer, hatten wir uns unterm Strich eben beide geirrt... nun kam er, noch v o r dem Konzert, auf mich zu: „Da lagen Sie falsch, da oben war keine Spur von den Templern. Das sollten Sie a u c h einmal schreiben, daß Sie einen Fehler machen... und nicht immer nur gegens Orchester schreiben.“ Das machte mich einen Moment lang baff. Aus Berlin war ja die künstlerische Leiterin des Konzerthauses angereist und hatte offenbar entsprechende Nachricht mitgebracht aus der Heimat; schon Ulf Werner hatte mir eine halbe Stunde vorher gesagt, daß mein Reisejournal im Haus ziemlich kontrovers diskutiert werde. „Der kann doch nicht einfach die Leute zitieren...“ - Doch, kann er. Und macht er. Er ist ja nicht als Agent für öffentliches Styling bestellt, um Profile zu schönen, sondern, so Ulf Werners Wort vor dem Orchester, als Chronist. Und wenn man sich so einen holt, einen wie mich, muß man sich klarsein darüber, wer das denn ist, der ich bin. Mal abgesehen davon, daß noch keiner der Musiker bislang – und einige haben nun schon in Der Dschungel meine Notizen gelesen – auf diesen mir so vorgehaltenen Gedanken verfallen wäre, im Gegenteil eher... und tatsächlich bin ich, so gut es einer versteht, der nicht eigentlich dazugehört, bei den Musikern, atme und esse mit ihnen, ziehe mit ihnen umher, höre mir an, was sie sagen, was sie beklagen, was ihnen gefällt, wofür sie selber dankbar sind und, teils, wovon sie träumen. Das möcht ich hier klargestellt wissen. Ich nehme sie ernst. Das täte ich gerade nicht, verpaßte ich ihnen eine Coiffur, die sie rein auf PR zurechtschneiden will. Nein. Eben das werd ich nicht. Ich bin nicht >>>> J. Walter Thompson und werde Niederlagen nicht Triumphe, aber auch Triumphe nicht Niederlagen nennen. Wenn jemand etwas anderes will, darf er das gern als Kritik kommentieren; ich würde, gewiß, nichts davon löschen. Sondern, wie jetzt auch hier auf ein Gerücht, entsprechend reagieren.)
Jetzt hol ich mir meinen ersten Kaffee. Und in Lleida w a r e n die Templer.)
7.19 Uhr:
Nun steht der Kaffee da. Im Frühstücksraum saßen erst ein Musiker und der spanische Agent der Tournee. Ich zapfte mehrere Espressi nacheinander in ein Kännchen, gab heiße Leche (katalanisch: Lau) dazu und schob wieder ab. 8.22 Uhr:
Eine lange Reise haben wir jetzt vor uns nach Madrid; für die Busfahrt sind sechs Stunden angesetzt, aber sie kann durchaus auch länger dauern. Dabei sind die Umstände dann noch verzwickt: drei erste Violinen fielen aus, ein Musiker kollabierte im Supermarkt, eine Musikerin wurde so krank, daß sie ebenfalls ausfällt, und eine hat einen Trauerfall in der Familie, so daß sie gestern heimreisen wollte und das herzensgemäß dann auch tat. Das Posaunenproblem muß nun auch für Madrid wieder neu gelöst werden, zwei Ausflüglern nach Barcelona wurde die Kamera geklaut („plötzlich riß jemand am Schulterhalfter, riß die Kamera weg, wir waren völlig überrascht, nur einer von uns sprintete hinter den Dieben her, aber da war keine Chance in den Gassen“)... und und und. Hier liegt mein Rucksack völlig entpackt, das muß gleich alles wieder zusammen, bevor ich ruhig ans Frühstück kann, und die Fotos für >>>> die Konzerthaus-Site sind noch zu formatieren. Und dann ist Abschied zu nehmen. Von Lleida. Lleida 'ollah! Vor dem späten Nachmittag lesen Sie nun nichts mehr von uns.
17.45 Uhr:
[>>>> Hotel Praga, Madrid.]
Man darf unsere Fahrt eine ruhige nennen, und ruhig hat sie auch erwartungsgemäß länger dauern dürfen, als geschätzt war; zwei Pausen gab es darin, eine von 20 Minuten, eine von einer dreiviertel Stunde, bei der ich mich, anstatt mir rechtzeitig mein Essen zu holen, mit Ulf Werner verplauderte,  mitten auf dem Parkplatz, das war wahrscheinlich ein absurdes Bild, so aus den deutschen Verhältnissen heraus betrachtet und bemeditiert. Plötzlich hatte ich dann wieder nur zwanzig Minuten, stürmte in die sehr sehr alte Imbißhalle hinein, überall standen Automaten für Süßigkeiten herum und für Cola und Spielzeug und für Gewinne, die man nicht macht; es gab extrem guten Caffe, der extremistisch preiswert war usw. usw. - aufregend wurde das Land selbst schließlich nur da, wo Gebirge sich auftat; sonst alles Agrarland, wenn man Glück hat als Bauer... in der Ferne sichtbar, immer näher herankommend dann und schließlich riesig ein einsamer schwarzer Stier im Zeichen von >>>> Osborne... mit Helge v. Niswandt gesprochen, geschlafen etwas, versucht zu lesen... hatte mir endlich meines Freundes Wolfgang Schlüters >>>> Anmut und Gnade vorgenommen, nicht ahnend, daß des Dichters Roman mit dem Aufbruch eines Kammerensembles zu einer Tournee beginnt, eine Liebesgeschichte auf der ersten Seite begonnen und schon auf der zweiten beendet wird, weil das Flugzeug – abstürzt. Großartig gemacht, mit Grandezza und Mut, wie ich das von Schlüter kenne... aber eben zur falschen Minute aufgeschlagen, weil mich aus Berlin ein Anruf erreichte: „Sagen Sie mal, schlafen Sie nie? Wieviel Zeit brauchen Sie, um zu ruhen?“ Ich hatte den Eindruck, er wolle mir den Rücken stärken wegen dieser ulkigen Berliner Kritik, ich stärkte zurück, indem ich fast „ diese“ gesagt hätte und die Busfahrt gemeint, das aber eben unterließ, um meinerseits rückenstärkend und in anderer Namen die Umprogrammierung der Konzerthaus-Site zu versprechen, frames in dynamisch... aber wissen Sie, Leser, so richtig Ahnung hab ich selbst davon nicht. Ich bin allein Experte bei Templern. Doch gibt es Katanga, der wird hier in letzter Zeit viel zu oft vergessen, verzeih mir, Freund.
Gut, Einfahrt nach Madrid. „Die Fahrer haben alle ein elektronisches Leitsystem vorne an der Armatur, aber keiner richtet sich danach. Wie gestern abend. Statt dessen diskutieren sie untereinander nach einer mehrfachen Fehlfahrt >>>> wie gestern (im Link um 19.22 Uhr) die Sache untereinander heftig aus...“ Diesmal kann ich nicht entscheiden, ob's eine Fehlfahrt/Einfahrt war. Doch unsern Spaß hatten wir dennoch. Wissen Sie, wenn das Hotelmanagement sowas um 120 elektronische Schlüssel vergibt, auf denen aus Sicherheitsgründen auch die Zimmernummer nicht steht, und wenn sie dann all diese Schlüssel, also Kärtchen, vor der Ausgabe mischt und einfach aufeinanderlegt wie einen Stoß Karten ohne Bild, dann kann man was erleben.   Ein riesiges >>>> Tohubawohu an der Rezeption nämlich, das normale Genöle der Dauernöler draußen vor der Tür („gegens Orchester“, meinethalben, aber wenn so ein Nöler dann sein Instrument nimmt und anfängt zu spielen... ich s a g Ihnen, da vergeben Sie alles! und sag Ihnen alleine deshalb nicht, welches, das ist doch nun mal klar... wenn einer so wunderbar spielt, darf er auch gern in Kaffeekannen pinkeln, wenn ihn etwas fuchst, ob der Fuchs recht hat oder ob nicht. Meine Meinung.)
Jedenfalls verging eine nette BeineinbauchstandsZeit; außerdem mögen die drei Fahrstühle immer nur auf e i n e Ruftaste reagieren, und man darf auf keinen Fall dadraufdrücken, während ein Fahrstuhl unten ist. Der fährt nämlich sonst nicht hoch. Außerdem darf man sich vorm Türenschließen um Göttinswillen nicht bewegen, weil er sich dann auch nicht bewegt. Sowas lernt man hier alles. Hübsch auch: „Große Stadt, schlechtes Hotel“, was mir *** bereits zehn Minuten vor der Ankunft zugeraunt hat. Schlecht ist es nun nicht, aber groß. Und die Zimmer sind schlicht, was okay ist, solange es eine Toilettenbürste gibt. Selbstverständlich gibt es keine, aber ich habe diesbezüglich während unserer Reise einiges Geschick erlernt und schau ja sowieso immer dankbar gen Bidet, wenn ich sitze. Ein Virtuose-selber, wenigstens diesbehufes, bin ich auf der Reise geworden. 
Wenn Sie die Website des Hotels öffnen, muß ich Ihnen über die Lage nichts mehr schildern. Das ist in solch einer Riesenstadt auch okay, wir nehmen die Metro um halb sieben. Dann ist ein Trupp von uns verabredet nämlich. Silvia will Schuhe kaufen, das find ich für Frauen ein unabdingbares Engagement, für das ich Templerritter würde, zumal Nerina vortags in Sachen Blusen unfündig blieb. Immerhin gibt’s hier vom Vortag ein Bild.  Die Liebe war ein Thema während der Fahrt. Dazu mag ich später etwas erzählen, diskret, aber ernst, weil es nicht falsch ist, wenn Musikliebhaber verstehen, was dieser Beruf ebenfalls kostet. „Er soll meine Sprache sprechen, wie können wir sonst reden?“ Ja und dann sei dort mal im Ausland und lebe und arbeite dort... Es flossen sogar Tränen... und dann, wie sich diese Menschen gegenseitig auffangen, sich halten, welche Zärtlichkeit mitunter alleine in den Sätzen ist... Meine Leser kennen meinen Kunstdarwinismus, der mich leise hineinsagen ließ: „Weißt du, weil du so fühlen kannst und weil du weinen kannst – darum hast du diesen Ton.“ Wir, immer, bezahlen für das, was wir tun, nur daß das keine Rechnung ist, die gestellt wird, sondern das, was Saint-Exépury „sich austauschen gegen etwas“ genannt hat. Künstler zahlen mit Seele, und was sie bekommen, Leser, bekommen nicht sie, sondern Sie.
So vergeht über die Causerie die Zeit... Ich stell das eben ein, stelle die Bilder hinzu, und dann mach ich mich auf. Bis später. (Ich habe das hier eben alles eilig in meinen Laptop getippt; es wird Fehler im Text geben, die ich mir nachzusehen Sie bitte. Will mich nicht verspäten, will aber auch Sie auf dem laufenden halten. Ich korrigiere den Text später noch durch. Versprochen. Und zu >>>> Amalia erzähl ich nachher auch noch etwas, das eben a u c h zu diesem Beruf gehört..)
>>>> Neunter Tag.
Siebenter Tag <<<< .
albannikolaiherbst - Freitag, 15. Februar 2008, 07:24- Rubrik: Reisen
8.38 Uhr:
[Lleida, Hotel Conde de Urgell.]
Ich geh erstmal frühstücken.
(Der Abend gestern, der ebenfalls Nacht wurde, was metaphorisch gemeint ist, war lange nahezu musikerfrei; mit dem Orchestermanager war ich essen, und es ist schon eigenartig, daß wir viele Jahre nebeneinanderher gelebt haben, und zwar direkt: in Bremen erst, dann in Frankfurt und nun, bis vor so kurzem, in Berlin... mit bisweilen denselben Bekannten, in denselben „Fächern“, aber man hat gegenseitig voneinander gar nichts gehört. Und jetzt aßen wir gut, ich viel zuviel, darunter Schnecken und Polüpiges... als wir dann „heim“kehrten aus dieser spannenden Stadt, saßen noch drei Orchestervorständler im Foyer, so daß ans Bett nur zu denken, aber auch wirklich nur zu denken war. Wir dürften hier im Foyer nichts trinken, wir hätten auf unsere Zimmer zu gehen, sagte die mis (t)(s)gelaunte junge Dame am Foyer; die Bar hatte nämlich geschlossen. Dabei saßen wir abseits und waren ganz ruhig, vollkommen zivilisiert, ich versicher es Ihnen... Sie wurde immer ärgerlicher, weil *** eine Flasche Wein aus seinem Zimmer herunterbesorgte und ich den Rest Brandy, den ich noch hatte. Ich nahm mein Glas, nahm den Brandy, ging an die Rezeption und schenkte mir vor ihren Augen ein und nippte vom Glas. „Holen Sie jetzt die Polizei?“ fragte ich. Sauer war sie dann auch, weil sie mir immer wieder die Tür elektronisch öffnen mußte, wenn ich in die Nacht treten wollte, um zu rauchen, was ich im Foyer ebenfalls nicht durfte und das ganz einsichtig akzeptierte. Ansonsten haben wir wirklich nur gesprochen, und wieder war Thema das Verhältnis von Leitung und Orchester; unterdessen ist ja auch hier einiges von dem, was ich bislang schrieb und meinte, gelesen worden, unterdessen wird es diskutiert, und nicht immer ist man mit mir einig. „Es m u ß Distanz zwischen den Orchestermusikern und dem Dirigenten sein, nein, ich wollte das gar nicht, daß er sich nach jedem Konzert mit uns trifft,“ „Darauf kommt es nicht an. Wäre ich Dirigent, ich würde das setzen, nur für ein paar Minuten, eine halbe Stunde, mehr nicht.“ Ulf Werner und ich hatten eine Idee gehabt während des Essens, von der wir nun erzählten, die wir in die Runde warfen: eine Programm-Idee. Sehen Sie mir nach, daß ich sie hier nicht verpetze... allein, weil sie Realität werden könnte, ja, das ist drin – und ich möchte ihr ungern die Ausstrahlung nehmen. Da muß Überraschung her. Seien Sie gewiß, es wäre eine. Und nicht nur Berlin, und zwar ganz, schaute auf das Konzerthaus. Für Jahre.)
10.30 Uhr:
Zwar wollt' ich längst schon lossein, aber Helge v. Niswandt möchte nun mit zu den Templern, muß und will indes vorher üben, nicht für diese, sondern für das Konzert; also haben wir uns auf halb zwölf verabredet, und mir bleibt etwas Zeit, Ihnen ein wenig was nachzutragen --- etwa: daß diese Tournee zu den eher gemütlichen Unternehmen gehört; als das Orchester in Japan war, gab es 15 Konzerte in drei Wochen, da hieß es dann raus aus den Koffern und spielen und schlafen und rein in die Koffer und weiter und raus aus den Koffern... mitunter lagen Flüge dazwischen, nicht nur Busfahrten; sowas macht Stress - nicht zuletzt auch den drei Orchesterwarten, mit deren einem ich gestern an der Autobahnraststätte ein Gesprächchen führte, zum Beispiel darüber, wie man so etwas w e r d e. „Also diese Musik lieben, das mußt du s c h o n, und du mußt alles unter Kontrolle haben, besonders, wenn die Instrumente von der Spedition befördert werden... daß da nichts schiefgeht... und dann bei den Aufbauten abends, da muß ja alles stimmen, und die Musiker müssen ihre vorbereiteten Garderobenräume beziehen können, die Pulte müssen stimmen, die Stühle... all das kontrollieren wir... und manchmal sind die Musiker nervös... weißt du, das hat auch etwas von einem Psychologen...“ er lacht auf „... Orchesterpsychologen, was wir da tun... Manchmal muß man auch etwas durchgreifen, muß ein bißchen autoritär sein, damit sich niemand verschwatzt, damit alles pünktlich dasitzt und vorbereitet ist. Bei ganz dichten Tourneen fahren wir deshalb immer schon vor, also wenn ein Konzert zuende ist und die Leute essen gehen oder schon schlafen, sind wir zum nächsten Ort unterwegs... manchmal muß man den Spediteuren auf die Finger hauen...“ Es ist so etwas wie ein basales Controlling. Ähnlich der Orchestermanager, Ulf Werner, der selber Geige studiert hat, also Musiker i s t, aber auch Kulturmanagement studiert hat, einst ein Festival gegründet hat, das Furore machte, dann zum >>>> Ensemble Modern als Manager ging, danach zur >>>> Jungen Deutschen Philharmonie, mit der wiederum Zagrosek gleich am Tag nach unserer Rückkehr aus Spanien auf Tournee gehen wird, und nach einem knappen Umweg über Köln vor zwei Jahren von Zagrosek selbst ans Konzerthaus geholt worden ist. Er kennt sich, schon wegen des Ensembles Modern, gut aus in der Neuen Musik, kennt wiederum meinen Freund Leukert, sowieso, aus der Frankfurter Zeit, und sehr wahrscheinlich saß er damals, 1976, bei Stockhausen mit mir am Tisch... - Von Pamplona hat er nichts mitbekommen, weil er einer Musikerin helfen mußte, einen Arzt aufzusuchen, niemand sprach Englisch, „das war ein ziemliches Hin und Her“. In Zaragoza wurde er, das erfuhr ich ebenfalls erst gestern, von zwei Männern überfallen, auf offener Straße, man bettelte ihn um einen Euro an, er gab, man wollte zwei, drängte ihn gegen die Wand, wollte mehr, noch mehr, man puffte ihn, schon setzte es die erste Kopfnuß... und er, langsam weichend, seitlich weichend, schob sich, vor den Schlägen der beiden Räuber immer geduckt, langsam an eine entfernt stehende Frau heran, die Ticketts verkaufte. Dann rief er „Polizia!“ In Minutenschnelle war die da. Die Räuber gaben Fersengeld und verschwanden in den Gassen. - „Warum hast du mir das nicht erzählt? Mensch, das ist doch prima für meine Erzählung!“ Und jetzt typisch, jetzt ganz Verantwortung: „Das hätte auch in Berlin passieren können, und ich wollte einfach niemanden aus meiner Truppe beunruhigen. Es ist besser, man behält sowas für sich, damit nicht Nervosität ausbricht, wo wir sie nicht gebrauchen können.“
11.20 Uhr:
Einerseits. Es macht mich rein fuchsig, daß es bislang in keinem der eigentlich durchweg guten Hotels eine Toilettenbürste gab. Das führt, ist man, wie es Orientalen sind, sauber, jedes Mal zu einer ziemlichen Schweinerei aus zerklitschendem Klopapier und Geschmiere. Andererseits. Für persönliche Sauberkeit gar nicht genügend zu rühmen sind die hierorts völlig normalen Bidets. Sie ersparen es einem, ständig darauf zu achten, daß man eine leere Flasche dabeihat, die man mit Wasser gefüllt nebens Klo stellen kann, um sich angemessen zu säubern. Wie man's halt lernte im Orient. (Japaner und Inder gehen nicht unbegründet davon aus, daß wir „Westeners“ schmutzig seien. Insgesamt ist ja Toilettenpapier eine hygienehalber ziemlich peinliche Erfindung.)
16.51 Uhr: Der vielleicht witzigste Satz heute, geäußert charmentest von ***: „Heut hab ich Zeit, ich spiele nur Bruckner.“ Allgemeines Lachen. Helge v. N.: „Neenee, ist schon so. Man muß auf den Bruckner nur L u s t haben und Kraft haben, aber richtig zisselig ist das bei Schumann, da fällt immer alles auf.“ Jedenfalls zogen wir zu den Templern los, an deren Tisch ich mich hierüber setzte; wir, das sind das LaptopQuartett Nerina Mancini (Cello), Burkhard Hilse (Flöte), Helge v. Niswandt (trombona malata) und ich am Lapboard; Msre Hilse übernahm später die Predigt  , indes Signora Mancini kurzfristig die Reiseführung einer Gruppe Katalanen besorgte. Danach, zur Belohnung, gab Herr v. Niswandt Frau Mancini Flugunterricht  ; all das ist nun hier dokumentiert. In der Tat schob man uns sichtbare 850 Jahre zurück erst ins „befreite“ Jerusalem, dann nach Rom und bald schon Nordspanien; wir nahmen an recht heftigen Kämpfen teil, verloren Arme, Beine, siechten (sächsisch für „siegten“) dahin und wurden schließlich sämtlichst ermeuchelt, so daß sich unsere vier Seelen zur >>>> Seu Vella hinweg- und hinauffleuchten... nein, dreie nur, denn die Flöte verklang (nach einem kleinen Mittagsessen) in Richtung aufs Üben und Hotel;  dafür harrte im Kreuzgang >>>> Severin v. Eckardstein unsrer. Doch sprach er nicht viel. Schritt uns voran in den Turm, kam indes nach halber Stufenlage (238) zurück und redete leise also: „Das wird zu eng, ich habe da Angst. So bin ich eben.“ Also nahmen wir drei Restseelen die letzte Levitation in die Attacke und hofften an beiden Zwischenhochgeschossen nur, daß nicht die riesigen Glocken zu läuten begännen. Taten sie nicht. Von oben Aussicht über die Stadt und das weiteste Land und nach Gardeny zum Templerfelsen. (Nerina, die zwischenzeitlich meinen Pullover trug, will mir bis jetzt nicht glauben, daß Lleida (Lerida) eine großartige Stadt ist... „das findest du schön???!“ „Nein, lebendig. Quirlend. Bizarr. Phantastisch.“ Einig wurden wir, bevor wir uns an den Abstieg machten und zu den Lebenden wiederrückerstanden, für Genova und Napoli; nicht einige blieben wir, die Fiorentinerin und ich, auch bei der Tatsache, daß Florenz und die Toscana noch nicht Italien sind, sondern daß Italien erst südlich Roms beginnt. Alles darüber (ausgenommen Genova und Venezia) ist Schweiz. Diskussionen darüber werden von meiner Seite aus nicht weiter geführt. Punkt.)  Noch etwas weniger als zwei Stunden bis zur Anspielprobe, die Musiker sind auf ihre Zimmer entfleucht, um zu baden und zu üben; erstres tu nun auch ich. Wenn danach noch etwas Zeit ist, oder halt morgen, erzähle ich Ihnen Anekdoten von anderen Reisen des Konzerthausorchesters, etwa aus New York City, von U-Bahnen, die ins Dunkel führen (zwei Geiger fuhren mit) und dann stehenblieben. Und blieben. Und immer noch blieben. Und das Geigerpärchen war ganz allein, weil alle anderen vorher ausgestiegen waren. Sie hatten die Ansagen nicht verstanden, denn konnten kein Wort Englisch, dafür freilich Russisch, nur daß das in NYC alein in Little Odessa, Brooklyn, von lebensrettendem Sinn ist. Aber zu sowas dann wirklich erst später. Schön auch die Geschichte eines allgemeinen Konzerthausorchestergroßeinkaufs in Cybercity, Tokyo, zu DDR-Zeiten noch... nein nein nein. Später.
19.22 Uhr:
[Lleida, Auditori Enric Granados, Sala I.]
Nach einer unfreiwilligen mehrfachen Stadtumrundung in den Bussen sind wir nahezu zwanzig Minuten zu spät zur Anspielprobe erschienen. Soeben beginnt die Haydn-Probe. Es istz ein diesmal eher kleiner, recht halliger Saal, aber die Laune ist ziemlich gut bei allen; Zagrosek strahlte mir gleich entgegen. Neben ihm saß die künstlerische Direktorin des Konzerthauses, die für heute und wohl die nächsten Tage eingeflogen ist. „Kennen Sie einander schon?“ (Zack). Wir: „Jetzt.“ Sie, vorher: „Ich habe schon viel von Ihnen gelesen.“ „Das Wichtigste überhört er“ (Zack). „Nö, er geht nur nicht drauf ein“ (Hoffmann). „Sie haben schon viel von mir gelesen“ (ich).
Die Geigen klängen sehr hart, moniert jemand aus dem Auditorium, das jetzt, zur Haydn-Probe, voller Musiker sitzt, die erst beim Bruckner „dransein“ werden. Der Klang ist in der Tat hallig, aber ausgesprochen präsent, ich möchte das nah nennen, ganz eng an den Ohren, man sitzt quasi mittendrin.
19.32 Uhr:
Zagrosek: „So. Schubert!“ Musikerwechsel zur Dritten. Da stellt sich heraus, daß die erste Klarinette fehlt. Gerade kommt sie herein, Zagrosek sauer, „ich kann doch nicht für jeden einzelnen einen Butler aufstellen... das geht nicht!“
Sie spielen den ersten Satz an; für meine Ohren klingt der Saal, sowie es etwas lauter wird, nach einer nassen Pappe; spielen die Musiker leise, ist der Hall überdeutlich. Man wird sehen müssen, wie der Bruckner das verträgt. Zack bricht ab: „Denken Sie daran, daß dieser Raum unglaublich hallig ist... Sie können ruhig pianissimo spielen, das trägt hier.“ „Können wir ein anderes Licht bekommen?“ Zack: „Das Licht! Das Licht ist schlecht! Bitte!“ und dirigiert bereits weiter, während die Technik mehr Helligkeit zur Bühne gibt.
„Sò... letzter Satz.“
19.43 Uhr: Bruckner nunmehr. Tutti. Ich setz mich mal etwas weiter nach hinten, um d e n Klangeindruck zu haben.
20.08 Uhr:
Der Bruckner ist, wenn er laut wird, geradezu irrsinnig laut... und es wird ganz sicher die aggressivste aller Aufführungen werden.
21 Uhr.
DAS KONZERT VON LLEIDA.
>>>> Achter Tag.
Sechster Tag <<<<.
albannikolaiherbst - Donnerstag, 14. Februar 2008, 08:52- Rubrik: Reisen
7.52 Uhr:
[Hotel Tres Reyes, Pamplona.]
Das ist gestern ein a u s g e s p r o c h e n schönes Konzert gewesen, klanglich, auch wenn einige Musiker nölten; denn auf dem Podium selbst, wo sie saßen, habe man einander kaum hören können in dem Kasten; Ferenc Gabor (Bratsche): „Nicht e i n Ton kam von den Geigen bei mir an!“ Und von Helges Posaune hatte sich ein Stückchen so gelöst, daß es in der Gefahr war abzubrechen; also wurde schon während der Busfahrt telefoniert und dann weiter hier in Pamplona, bis sich zwei Jungens fanden, die ihm eine andere Posaune brachten. „Sowas kommt vor, es ist ein altes Instrument, und das kann auch noch halten ein Jahr, aber vielleicht hält es auch nur noch drei Stunden... und dann, wenn das bei dem Bruckner...“ Weiters war ein Hornist ausgefallen, der am Vorabend verdorbene Muscheln gegessen hatte: er schlief im Bus, erwachte, der Drang kam – seither liegt er. Ich erfuhr davon, da es in einem anderen Bus geschehen, erst abends. Mit Fischvergiftung ist nicht zu spaßen; man hat klugerweise einen Arzt geholt. Also einiges Widrige, das auf Reisen halt geschieht, und dann muß man handeln. Wegen des Instrumentes: Jemand weiß einen Freund in dem Ort, der weiß einen Freund in dem nahen Orchester, der ist zwar gerad unterwegs, weiß aber seinerseits jemanden.
Und so, lassen Sie's mich burschikos ausdrücken, „kacke“ es auf dem Podium auch tönte – im Auditorium hörte man herrlich; für meinen Geschmack war es der durchsichtigste Klang aller drei bisherigen Häuser. Vielleicht auch deshalb die gesammelte Selbstkritik hinterher: „Wir waren hier nicht gemeinsam am Takt, da nicht... und *** setzt immer eine Spur zu früh ein.“ Das Publikum, wie es nun sei, war's hochzufrieden, und der große Saal war voll. Mir gefiel diesmal auch Severin v. Eckardstein. Nur Intendant Schneider meckerte leise, wobei er gleichzeitig neben mir schwärmte: „Ich habe den Franck noch mit Emil Gilels gehört. D a s war was!“ Darauf ich: „Sie sind vielleicht ein Meckerpott!“ Er, jetzt auflachend: „Gar nicht wahr!“ Und nahm den rechten Arm und dessen Hand als Schaufel, die er gleich tief in der Kiste seiner Erinn'rung versenkte, um ihn dann voller Schätze herauszuziehn. Das war insgesamt ein kompliziertes Unternehmen, weil der Mann zugleich dabei klatschte – das ist, gewiß, a u c h Virtuosität.
Treffen schließlich, nachher, im Hotelfoyer, Ferenc wußte ein besonderes Restaurant... da war man aber nicht auf uns-in-solchen-Mengen eingestellt, hatte für zwölf Vorbestellte gedeckt, wir aber kamen zu achtzehnt, ja ein neunzehnter kam nach (der vier von uns rettete, nein, nicht uns selber, wohl aber unsren Kontostand). Es war ein fast privater Ort; man richtete zu Füßen des eigentlichen Tisches einen weiteren Tisch für sechse her – zu Füßen, weil der Raum zwei Ebenen hatte. Geleitet wird er von einer alten Vampirin, so mein Eindruck, „sie schläft bei Tage im Sarg und steht mit Sonnuntergang wieder auf; dann wartet sie auf Gäste, bedient sie wie in alten Zeiten, aber keiner kommt unausgesogen da wieder weg.“ Jedenfalls kleckerte, wir zwölf saßen bereits oben und wie viere unten, Helge nach, wirkte ponsaunig zerknittert, sah in die Karte (Beluga-Kaviar, 30 Gramm, 130 Euro), zerknitterte noch mehr und sagte dann: „Mir ist so nach Tapas, ich wollte nur Tapas und ein Bier.“ Amelia, neben mir: sie ja eigentlich auch. „Dann gehen wir halt“, so ich. Teresa schaute ratlos-traurig, dabei ging es ihr eigentlich gut, von Edelglas zu Edelteller; man spürte, wie es auch sie hinwegzog. Nur der schöne Cellist, und hatte recht, bemerkte: „Das ist jetzt aber peinlich.“ Über unseren Köpfen die Füße lachten bereits.  Das war der reinste Galgenhumor, auch wenn sie es nicht merkten. „Die merken auch nicht, wenn wir gehen“, sagte ich. Der Cellist: „Wir müssen aber wenigstens etwas erklären.“ Da ich mich meines Jungen halber mit Vampiren gut auskenne  (als er eingeschult wurde, erzählte er in der Schule zum Schrecken seiner Kameraden gern, nachts, wenn der Papa schlafe, fliege er durchs Zimmer in die Nacht), übernahm ich die Begründung unsrer Selbst-Exkommunizierung als Gourmets. Was nicht leicht war, ich sprech ja keinen Ton Spanisch, und spanische Vampire sind ihrerseits zu stolz, um polyglott zu sein, anders, g a n z anders als italienische etwa. Der Blick der Alten war auch durchdringend; er schauderte mich, da warn die andern vier schon hinaus. Ich mußte mich dringend stärken, Leser, mein ganzes Blut hatte solch einen Andrang zu meiner linken Schlagader am Hals, die den ganzen Weg über pulste und sich erst durch eine Creme beruhigen ließ, die aus dem Inneren von Seeigeln geschlagen... jaja, sowas aßen wir dann: Seeigel, Krebsmousse, Bacalao in mit Lachskaviar verschlagenem Ei, worüber eine Sahne gegeben; letztres wird in einem Eierbecher serviert... in einer Tapasbar, die sehr klein und vor allem von zwei dicken Wirten, von dem Wirt und der Wirtin, belebt wird, von denen man annehmen konnte, sie seien der Vampirin kulinarische Erstlieferanten. Wir tranken Bier, die Damen Wein, und hatten einen prima Abend, der jeden soviel kostete wie die Opfer der Vampirin die Vorspeise-allein, die dazu dient, Süße in ihr Blut zu bringen.  Der Abend wurde lang, wurde deutliche Nacht, als wir am Hotel ankamen, aber sofort von ebenfalls eben heimgekommenen Freunden wieder abgeschleppt wurden: schließlich hatte abermals einer der Musiker Geburtstag... überhaupt nimmt es der geburtstagigen Fanfaren vorm Probenbeginn gar kein Ende; man könnte Absicht wittern, daß die Tournee ausgerechnet über solche Daten gespannt ist. Außerdem war ich eben verdammt ungerecht; denn von den zwölfen, die bei der Vampirin zurückgeblieben waren, waren nun hier auch schon wieder drei, und die erzählten von einem herrlichen Essen und hatten am Hals nicht die Spur einer Bißnarbe. Nein nein, sie trugen keine Schals, es war zu warm und zu stickig und zu verraucht, und sie tanzten, und die Spanier, die dawarn, tanzten auch und spielten tanzend Torero und Stierin und sprangen über ausgestreckt ineinandergreifende Hände als Seile... Mich überkam dann schnell wieder mein leidiges Fremdheitsgefühl; ich hielt es erst etwas aus, dann verzog ich mich langsam. Aber das ist m e i n Ding, nicht Ihres und nicht deren.
Es wird eine lange Fahrt heute werden, um zehn geht es los; an die vier Stunden sind angegeben, aus denen, fürcht' ich, wieder sechs werden könnten. Zeit genug, um Ihnen zu erzählen, denn das vergaß ich bislang allezeit, daß auf dem Programmheft von Valladolid nicht etwa das Konzerthausorchester abgebildet ist, das >>>> den Abend bestritt, sondern das Basler Kammerorchester. So auch auf den Plakaten. Auf diese Weise darf man sich spöttisch erklären, weshalb das Konzert des ersten Abends so wenig besucht war, die Konzerte der beiden folgenden Abende aber so angenehm proppevoll warn.
11.04 Uhr:
[Bus Pamplona-Lleida. Haydn, Sinfonie Nr. 88] Also jetzt auf der langen Fahrt. Diesmal deutlich ruhiger, stiller, auch etwas müde. Busmittig wird wieder Skat gespielt; die Nachttänzerinnen sprechen leise immer dicht an ihrem neuen Schlaf vorbei. Helge hat sein Posaunenproblem für Lleida bereits telefonisch gelöst. Zack saß bereits beim Frühstück in anderer Runde, als ich herunterkam; er werde noch etwas in Pamplona bleiben, erzählte er mir, bevor er aus dem Speiseraum schritt;  mein vorsichtiger Versuch verfing nicht, der ohnedies mehr als ein solcher bloß Andeutung war, nämlich, man könne doch vielleicht morgen früh einen Wagen mieten, um einen Abstecher nach >>>> Vostells Anwesen und Museum in Malperbida de Caceres zu machen. Ein paar von uns wollen die 1 ½ Stunden Fahrt nach Barcelona auf sich nehmen, das eben nicht weit von Lleida weg ist. Andererseits soll Lleida selbst sehr schön sein, hörte ich.  Ich habe gestern den Neusatz der AEOLIA per Mail bekommen; den seh ich mir jetzt, während der Fahrt, erst einmal an, bevor ich etwaige Korrekturen anbringen werde. [Das "Hommer ist bitter, ich weiß.]15.29 Uhr:
[Lleida, Hotel >>>> Conde de Urgel.] Angekommen. Von den komischen Situationen unserer Fahrt durch die nach Halbwüste wirkende Landschaft („ach, d e s halb haben die Mauren sich in Spanien so wohl gefühlt...“ „...deshalb entdeckte Columbus Amerika... einfach weil er hier wegwollte...) erzähle ich später. Erst einmal ist von dem Schock zu erzählen, den fast alle Musiker haben, als sie Gegend und das Hotel gesehen haben, das in ihr liegt. Tatsächlich sind die Zimmer sehr schön, allerdings riecht es penetrant nach einem Desinfektionsmittel, das ich aus den alten Pornokinos kenne, denen mit den Kabinen. Daran gewöhnt man sich sicher ebenso schwer wie an den unentwegten Baulärm von draußen. Das Zimmerfenster zu öffnen, verbietet sich hier. Und dann, wirklich, die S t a d t: kilometerweit Mietskasernen und Baustellen; alles sieht aus, als hätte Gott in einen Zementsack gegriffen und das trockene Zeug über alles drüberrieseln lassen, mit einem gehässigen Grinsen im Antlitz, vor dem allein die Flucht in Depressionen hilft. Hier könnte ein neuer >>>> Edward Hopper sich bestens inspirieren.
Der Schock ging in vorsichtige Wogen des Protestes über, deren mächtigster der Drang ist, nach Barcelona weiterzufahren, bzw. bei mir: zu Wolf Vostell. Aber dann kehrte in mich die Lust auf Abenteuer zurück und: etwas zu sehen, zu hören, zu riechen, das man sonst meidet und das aber vielleicht a u c h eine Poesie hat. So werde ich in jedem Fall bleiben, und wenn man nachts mit den Armeen Bauarbeitern, die diese Gegend bevölkern müssen, seine Tapas einnimmt.  Doch schon, als ich an der Rezeption etwas herumschaue (und vorher schon, als ich die Burg sah), war da ein Verdacht, es möchte doch u m diese Burg etwas ganz anderes sein. Außerdem soll es hier ein enormes Museum geben. Und die Templer waren offenbar hier. Also ist Geschichte angesagt. Ich mach mich gleich einmal bei >>>> wikipedia schlau. Danach wird der erste Spaziergang gewagt und hernach von dem Spaziergang berichtet. [Blick aus dem außen zementbestäubten Fenster meines Zimmers, Raum 627. Es läßt sich anders als vermittels einer Kippe nicht öffnen und ist zudem mit einer schweren Kette gesichtert ; wahrscheinlich, damit nicht die Selbstmordgedanken, die einen hier nach zwei Stunden befallen, in die spontane Momente eines fallendes Glückes - kippen. Nicht einmal dies, nicht mal Erlösung, ist einem vergönnt.](P.S.: Zu Lleida und den Templern lesen Sie besser >>>> hier.)
19.39 Uhr: Was für eine Stadt! Man muß nur erst durch den zementigen Produktionswulst hindurch und durch das Mietskasernenviertel, das aber von unten, auf der Straße, dann eigentlich ganz annehmbar wirkt... vor allem, anders als Pamplona, ja selbst Zaragoza: u r b a n.  Und das heißt eben n i c h t: heimelig, das ist n i c h t für den Touristen auf gemütlich-historisch gemacht, sondern l e b e n d i g, lebend, l e b t, lebt in Prachtstraße und Prachtgassen und  in Elendsgassen mit Hunderten Schwarzen, und lebt in den kräftigen, starren Gebäuden und einer glatten, enormen, phantastischen Architektur.... ebene Treppen, die von mittelalterlichen Kirchen,  die wie riesige Klötze stehen, ab- und in die Höhe gehen, dann wieder Boutique an Boutique, und vor von Repräsentationskitsch geblähten Jugendstilhäusern mit Türmchen für das Innre der Seele... da gibt es Ramblas, Rampen – all das berghinauf...  auch öffentliche Aufzüge, ja eine Rolltreppe, mitten von der Plaza Sant Joan, geht hoch zur Feste, einer riesigen, ursprünglich maurischen Anlage, die das christliche Mittelalter überrannte und dann weiter ausgebaut hat... als Ulf Werner und ich oben ankamen und unsren Intendentan trafen, der grad hinabwollte, wurde der Zugang geschlossen, doch blieb gute Zeit für Cafe solo und Geplauder und Schneiders, der mir nie was glaubt, Ironie bezüglich „meiner“ Entdeckung der Tempelritter...  aber ich hab ja >>>> „meine“ Site als Beweis, sie ist insgesamt toll; klicken Sie sich einfach durch. Die modernistischen Gebäude, mit denen Lleidas Netzreiseführer die frühe Moderne meint, imgrunde den fin de siècle, ergänzt sich hier durch permanenten Neubau; kaum irgendwo außer noch in Berlin habe ich derart viele Kräne gesehen, und kaum irgendwo sonst wird so renoviert und gehämmert und Schutt weggefahren und neu gestrichen; kaum irgendwo auch mit solch einer schroffen Phantastik... überhaupt mag „der“ Spanier das Eckige, Kantige, aber plötzlich fällt „ihm“ ein, man könne doch das Dach eines sehr sehr langen Gebäudes in Form einer ewigen Welle errichten...  Überall hat man den Eindruck eines wirklichen Aufbaues Ost in diesem spanischen Westen. Ganz sicher kommt dem die Europäische Union zugute, man kann da nur frohsein, was sich dadurch als kulturelles Erbe erhält. Überhaupt wirkt in Nordspanien insgesamt ganz offenbar ein kulturelles Aufbruchsbewußtsein, das wir in Deutschland für die Künste so allmählich wegsickern lassen für Poppups und andren Kommerz. Man muß sich ja nur anschauen, was bei uns in den öffentlichen Rundfunkanstalten los ist, die meines Wissens noch immer einen Bildungsauftrag haben, wofür – und n u r dafür – sie ja ihre Gebühren einziehen dürfen. Na egal. Jetzt bin ich hier.  Morgen wird also, bis zur Anspielprobe um 19 Uhr, flanierender Kulturtag sein; selten hatte ich mal so sehr Lust darauf, wie hier in dieser borstigen, n i c h t bequemen, in dieser eigenwilligen, sperrigen Stadt. Und freu mich nachher aufs Abendessen. Nur meinen Eintrag möcht ich vorher eingestellt haben.
Ah ja, und wissen'S, Pamplona ist für den Tourismus gemacht. Da fährt man hin, das fläzt sich einem zu als Besucher, der sein Geld dalassen soll – hier aber, ist mein Eindruck, muß man sich, was man sehn will, erobern und wie ich selbst durch sein erstes Vorurteil durch. So etwas mag ich. Daß unser Hotel ein wenig außerhalb liegt (das andere liegt zentral)... je nun, es sind zehn Minuten zu gehen, nicht mehr, dann ist man bereits übern Fluß und eigentlich mitten schon drin im historischen und ebenfalls in dem modernen Kern. Gemessen an Berliner Dimensionen ist das ein Witz, der als Grund für Gemecker nicht taugt. Hab ich eigentlich schon erzählt, daß in den Bäumen des Parks Tausende Vögel schlafen, die bei einem knappen Klatschen mit irrem Rauschen hinaufstieben, bis sich sich beruhigt haben und sich wieder "setzen"? Und daß die Stadt von Störchen überflogen wird, die ganz oben auf den Baukränen landen und dort klappern?
Ich mochte Ihnen, neben den hierüber eingestreuten Stadtimpressionen dieses Bild nicht vorenthalten, das den Intendanten des Konzerthauses dabei zeigt, wie er Tatar zu kaufen versucht, ohne ein Wort Spanisch zu sprechen. Das ging schief, aber er warf in enorm charmanter Geste der Verkäuferin einen Handkuß zum Abschied zu. Hat mich beeindruckt. (Er suchte nach Wein; wäre er uns weiter gefolgt, er wäre nicht nur damit, sondern auch für sein Gehacktes hoch fündig geworden; allein, er hat sich getrennt... Werner und ich hingegen standen dann zwei Gäßchen weiter vor einem L a d en... ich sag Ihnen: Laden... Und die Weinhandlung gab es gleich nebenan.)
Wieder im Hotel. Der Baulärm ist übrigens versiegt; der raunende Krawall von der Autobahn freilich geblieben; darein mischen sich Töne einer Posaune, die Mahlers Dritte übt. Dasselbe – nicht das Gleiche, ecco! - hör ich allmorgendlich ab sieben an meinem Berliner Arbeitswohnungs-Schreibtisch. Ich kenne den Posaunisten jetzt, und es wäre doch eine Geschichte, die keinesfalls der Zufall schriebe, wenn... ja... w e n n... Und wirklich, dieser Musiker lebt auf dem - - - Prenzlauer Berg. ( Erfinde ich diese Geschichte, oder frage ich nach? Nein. Ich erfinde. Le mentir vraie.)
>>>> Siebenter Tag.
Fünfter Tag <<<<.
albannikolaiherbst - Mittwoch, 13. Februar 2008, 08:35- Rubrik: Reisen
Nachts noch, 2.23 Uhr:
Zweites Lehrstück: Bindung und Auflösung. Was mir zu begreifen so schwerfällt. Man muß es aber wohl können. Und höre meinen Mitschnitt von >>>> eben, heute abend, was jetzt längst der vergangene Tag ist.
8.59 Uhr:
[Zaragoza, Hotel Goya. Haydn, Sinfonie Nr. 88.]
Drei Euro pro Viertelstunde verlangt man hier seit heute morgen für den Netzzugang; man scheint gewittert zu haben, mit uns ließe sich noch ein feines Geschäft machen, und hat quasi über Nacht ein extra Tischchen mit zwei Computern aufgestellt; ich habe einen zu dicken Kopf, um wirklich irritiert, aber auch, um drüber amüsiert zu sein. Der dicke Kopf hängt mit meiner hierüberstehenden, dann abgebrochenen Bemerkung zusammen. Wir waren nach dem sehr sehr schönen Konzert noch in einem recht edlen Restaurante essen, dann zog es ein paar, mich mit, in einen Pub, wo andere Musiker einen Geburtstag, glaube ich, feierten. Da stand ich dann aber nur noch anschlußlos herum; es war einfach z u privat. So nahm ich meine Jacke und schritt, es war gegen zwei Uhr, in die hellgelb erleuchtete Zaragozer Nacht. Bindung und Auflösung. Es ist mir einfach unklar... je nun, wie immer, krieg ich die Lust am Pop, der ja doch eine Art Schlager ist, nicht auf die Reihe; ich versteh's einfach nicht, gerade bei Musikern. Wiederum verstehe ich nicht, weshalb nicht der Dirigent zum Essen mit seinen Musikern mitgeht; ein Feldherr gehört zu seiner Truppe, nicht permanent, sicher nicht, aber nach Aufführungen wie nach Schlachten, und wenn es nur für eine halbe Stunde auf ein Glas Wein ist – wenn etwas schiefgelaufen ist, sowieso, um zu stützen, aber auch nach so geglückten Abenden wie gestern. Danach dann läßt man sie allein, damit die Leute nicht nur feiern, sondern auch, wenn sie mögen, nach Herzenslust ablästern können; man hat sie schließlich auch getriezt. Jedenfalls hielte i c h das so, Introvertiertheit nun hin und Fremdheit nun her. <Stravinski, Capriccio.] Bin spät aufgewacht, irgendwie hör ich jetzt morgens den Wecker nicht mehr. Aber kann ja eh noch nicht ins Netz. So müssen Sie warten wie >>>> die Konzerthaus-Page, deren Webmaster ich eigentlich abends oder sehr frühmorgens je ein paar Auswahlfotos schicken soll und bisher auch geschickt habe. Doch gestern, Sie werden's nicht glauben... ich hatte ja alle Zeit einen freien Netzzugang im Auditorio gehabt, und als nun die Aufführung vorüber war, spurtete ich los, um draußen >>>> das schöne Schlußbild (im Link ganz unten) zum Konzert in Die Dschungel zu stellen. Noch zeigt mein Wlan eine bestehenden Verbindung an, ich lade das Foto hoch, will's einstellen... in dem Moment schaltet jemand das Netz a b. Ich war vielleicht was von perplex. Wahrscheinlich hat die Technik des Hauses nach Schluß des Konzerts alles runtergefahren. Und weil es sehr spät war (wir kamen erst kurz nach 23 Uhr in den Transferbus zum Hotel), waren die Internet Points bereits geschlossen.
Dieser Stravinski, übrigens, ist ein tolles Stück!
Ich höre meinen Mitschnitt von gestern abend durch, während ich dies tippe und bis ich zum Internetcafé losschieße, damit Sie noch was von der Spanientournee zu lesen bekommen, bevor wir nach Pamplona weiterfahren. Es wird heute ein etwas härterer Tag; um 12 Uhr geht der Bus ab, für die 180 km Fahrt sind zwei Stunden veranschlagt, was mir ein wenig kurz vorkommt. Jedenfalls wird es dann gleich am Abend das nächste Konzert geben; erst morgen ist wieder ein Ruhetag, der aber auch wieder einer längeren Fahrt dient, nämlich nach Lleida. In Pamplona sind wir also nur heute, was ein wenig schade ist, weil die Stadt ausgesprochen schön sein soll. Gespielt wird heute dasselbe wie gestern, insofern ist man entspannt.
Selten habe ich Schumann so schön gehört wie gestern abend, die Sinfonie eigentlich da erst zu verstehen begonnen; der Schlüssel war Zagroseks Äußerung, es handle sich bei ihr um eine poetische Prosa. Was allerdings >>>> Herrn v. Eckardstein anbelangt, meine ich in meiner kunstdarwinistischen Art, da müsse noch ein gehöriges Maß an Leid in die Seele, bevor sein Klavierspiel richtig gut werden wird. Technisch spielt er perfekt, aber irgend etwas fehlt, irgend eine lebendige Obsession, die ihn beutelt oder gebeutelt haben wird. Ich erinner mich an „Für Elise“, ich war ein ganz junger Mann, ein Junge eigentlich noch, als eine mütterliche Freundin ihrem mir gleichaltrigen Sohn, der am Klavier herumspielte, ironisch riet, gerade dieses Stück doch besser n i c h t zu proben. „Das versteht erst, wer einmal wirklich geliebt hat.“ Es war eine Musikerfamilie, und Renate Wucher hieß die Frau. Sie hatte zwei hochmusikalische Söhne, deren einer mit zwanzig Dvoraks Cellokonzert aufführte; das mit dem Klavier war der andere, Andreas, der später Atomphysiker wurde und in die USA ging; seither habe ich diese Freunde, der andere Junge wurde Arzt, aus den Augen verloren, aber nie den Satz aus dem Herzen: von einer solchen Evidenz ist er gewesen.
So. Ich werde jetzt zum Internet Point spazieren und schauen, ob da schon geöffnet ist. Dann mag ich noch Zagroseks Ratschlag folgen, einmal zum Ebro-Ufer zu flanieren. Nachdem ich gepackt haben werde. Das Frühstück mußte heute dieses Textes halber entfallen. Ich nehm mir auf dem Weg dann ein Stückchen. Wir lesen uns aus Pamplona wieder.
(A u c h hübsch: Einer der jungen Musiker gestern, als ich mit den anderen in den Pub hinzustoße, kommt zu mir und sagt: „Meine Eltern lesen das... also keine Namen bitte.“ Das beschreibt ganz trefflich eine Form des Mißtrauens, die unter Aufgaben wie der meinen immer mitschwingt, auch wenn man sonst mittlerweile angenommen ist.)
Ach ja, e i n Bild fuer heute frueh mag ich Ihnen nicht vorenthalten, ich nahm es gestern in einer Kirche auf:  Und denken Sie es mit d e m hier zusammen:  ... und d a m i t:  ... und ( >>>> Formklammer) damit:
15.22 Uhr:
[Pamplona, >>>> Hotel Tres Reyes.]
Angekommen, auch die Internetverbindung steht bereits; ich schreibe dies aus dem Hotelzimmer. Wieder 12 Euro für 24 Stunden; insgesamt liege ich jetzt bei etwa 40 Euro bislang; ein annehmbarer Schnitt, da ich ja insgesamt unter 100/120 Euro bleiben soll. Das Internetcafé hat meine mittleren Internetkosten angenehm hinuntergedrückt. Nun darf es mal wieder kommod werden.
Kurz vor Pamplona hatten wie eine... man könnte sagen: Gütepause, weil einer Geigerin schlechtgeworden war.  Hätte grad für einen Caffe solo gereicht, aber ich kam mit Schneider ins Gespräch und blieb vor dem Autobahnimbiß draußen in der Sonne stehen. Erst Kommentare zu dem, was ich hier tue, krieg ich jetzt rein: "Wir haben viel von Barenboim gelesen, aber bekommen das nicht mit u n s zusammen."  Oder Schneider: "Das ist eine nette Schwindelei mit den 16000 Abonnenten... tatsächlich sind es jetzt um die 13/14000... und Abonnements, nicht Abonnenten." Die Tendenz sei aber rückläufig, "imgrunde ist das Abonnement ein Auslaufmodell; statt dessen steigen bei uns die Verkaufzahlen an den Abendkassen an."
Diesmal war die Fahrt insgesamt ernster; v.N. und ich sprachen über Politik und Kunstpolitik und darüber, daß gestern, als Zagrosek einmal so scharf geworden war, eigentlich eine Woge der Erleichterung durch die Reihen gegangen sei. "Das war Führung." Und: "Angst klingt gut, hat mir ein älterer Kollege einmal gesagt... man möchte nicht der nächste sein, den's trifft, da wird man ganz konzentriert..." Vom selben Kollegen stamme der Satz, es brauche einen einzigen Ton, damit sich ein Musiker restlos blamiere.
Ich möchte Ihnen gern noch weiteres, auch für mich Neues erzählen, aber das Wetter ist grad so schön, ich mag einzwei Tapas nehmen in der nahen Altstadt, kenne Pamplona ja nicht. Und um 18 Uhr steht die Anspielprobe an, das nächste Konzert gibt's um acht. Ungewiß, ob ich mich vorher noch melde, eher unwahrscheinlich. Danach aber, weil ich vom Zimmer aus einstellen kann, gewiß. Ich werd auch ein paar Bilder für sie knipsen, die ich dann später auch hier in den Text mit einstreuen werde. Haben Sie also einen so schönen Nachmittag, wie ich selbst ihn mir jetzt machen möchte.
17.12 Uhr:
Einmal abgesehen davon, daß wegen der hiesigen langen Siesta fast alles noch geschlossen hatte (Tapas gibt's erst am Abend, und noch einer vollen warmen Mahlzeit war mir noch nicht), fällt in Pamplona zweierlei sofort in den Blick: der oft indioartige Gesichtsschnitt der Menschen und daß die auffällige Kleidereleganz der Leute von Vallaloid und Zaragoza hier einer eher nachlassigen Erscheinungsform gewichen ist; nun mag das aber auch daran noch liegen, daß die Leute grad erst aus den Mittagsbetten kamen, w e n n man denn welche sah. Die Altstadt mit den Lädchen an Lädchen, engen hohen Gassen, die Häuser oft seltsam bauchig - seltsam, weil auch hier, wie in Nordspanien nahezu überall, eine architektische Liebe zu schroffen glatten Kanten vorherrscht, teil in den Repräsentanzgebäuden , die immer ein wenig nach Mussolini wirken, ob in der historisch steinernen Form, ob in ihrer postmodernen Reinlichkeitsvariante. Dazwischen dann immer wieder verträumte, bisweilen bizarre Häuser, die an englische Mittelmeervillen des 19. Jahrhunderts denken lassen: Castellchen oft. Die Kirchen waren leider sämtlichst verschlossen, bei >>>> San Ignazio hätt ich s c h o n gerne hineingeschaut. Dafür trat ich dann vor der städtischen Schule auf einen Platz voller schreiender, jubelnder, rennender Kinder; ein Lebensmittel-Emmachen-Laden schmierte Baguettes, also: belegte sie mit enormen Schichten Schinkens. So kam mein Magen zu seinem Recht. Es war g u t e r Jamón - und derart preiswert, daß ich mich beinahe schämte. Jedenfalls geh ich morgen da noch einmal hin und verproviantier mich für die Reise. Jetzt allerdings werde ich mal mein DAT-Gerät scharfmachen, auch den Laptop einpacken, falls es wieder ein freien Netz im Konzertsaal gibt und pünktlich um sechs Uhr, sind hier die Bilder eingestellt, losmarschieren. Man gehe, heißt es, zwei Minuten zu Fuß.       
Meine Frau hat sich über Skype gemeldet, und ich war nicht da. Sehn Sie's mir deshalb bitte nach: Ich winke mal eben nachhause::  
So, Schuhe an und los.
18.05 Uhr:
Vom Hotel zum Konzertsaal.     
18.34 Uhr:
[Pamplona, Auditorio Baluarte.] Mit Stravinski hat die Probe pünktlich begonnen und läuft gerade. Ich sitz in der ersten Reihe, hab für Sie nach einem Netzzugang gesucht, und zwar gibt es einen, aber man braucht ein Passwort.  Das zu bekommen, sich darum zu bemühen, brächte heute nicht viel, weil nur eine halbe Stunde lang geprobt werden soll; „wir hatten ja gestern unsere Generalprobe“, sagt Zagrosek bei der Begrüßung der Musiker. Er will vor allem noch einmal an den Haydn heran, den er möglicherwiese als bereits zu routiniert erlebt haben wird (nicht das Cellokonzert, sondern die Sinfonie, die das Orchester bereits mehrmals aufgeführt hatte). 
Wechsel zu Schumann. „Was hat man in einem Orchester für Aufstiegsmöglichkeiten? Wenige. Wer sich für einen vorderen Platz in seinem eigenen Orchester bewirbt, muß es immer wieder mit allen anderen Bewerbern im Rahmen des Vorspielens aufnehmen, das können schon mal 200 sein.. Ob man schon lange in diesem Orchester spielt, spielt keine Rolle... nein, sich 'hinaufsitzen' durch Zeit, das gibt es für uns nicht.“  Zagrosek: „Was? Bitte? Nein, keine Privatgespräche jetzt.“ Schweigt, sieht ruhig ins Orchester, legt die Hände an die Seite des Pults, schweigt immer noch; es sind Sekunden, aber kommt einem wie eine Minute vor. Dann, scharf und leise: „Ich habe dafür nämlich keine Zeit.“ Schon geht’s. Präsent. Signifikant präsenter noch als gestern abend.. „Spielen wir noch einmal den Fünften Satz an, den Anfang?“ Tun sie. Zack dirigiert ein paar Takte, dann bricht er ab: „Ich wünsche Ihnen ein gutes Konzert. - Jetzt noch etwas den Haydn.“ Das Orchester schrumpft zur kleineren Besetzung, die anderen gehen durch die je seitlichen Bühnentüren ab. Badamm-damm...badamm.damm...  „Das funktioniert jetzt sehr schön. - Zweiter Satz, das ist jetzt wichtig, weil's...“ [Vernuschelt sich, denn die Hände dirigieren bereits, sind dem Gedanken vorausgeeilt.]s  „Dritter Satz. Und bitte vorisichtig, immer auf dem Schlag, nie vorher... ist das angekommen? Manchmal vergißt man das nämlich...“  „Letzter Satz. Übrigens: Wunderbar getickt gestern!“ Und jetzt geht ein Lachen durchs Orchester, auch Zagrosek lächelt. Es nähert sich dem, was es sein soll. Musik.  „Frau ***, ist alles in Ordnung, oder brauchen Sie noch etwas?“ Eine Musikerin war kurz vor der Reise krankgeworden und hält sich über die Reise nun mit Medikamenten an ihrem Instrument. „So, bitteschön, die letzten sechs Takte vor der Neun.“
________________________________________________________________
D A S K O N Z E R T V O N P A M P L O N A
>>>> Sechster Tag.
Vierter Tag <<<< .
albannikolaiherbst - Dienstag, 12. Februar 2008, 10:42- Rubrik: Reisen
|
|
Für Adrian Ranjit Singh v. Ribbentrop,
meinen Sohn.
Achtung Archive!
DIE DSCHUNGEL. ANDERSWELT wird im Rahmen eines Projektes der Universität Innsbruck beforscht und über >>>> DILIMAG, sowie durch das >>>> deutsche literatur archiv Marbach archiviert und der Öffentlichkeit auch andernorts zugänglich gemacht. Mitschreiber Der Dschungel erklären, indem sie sie mitschreiben, ihr Einverständnis.
Kontakt zu Alban Nikolai Herbst:
fiktionaere At gmx DOT de.
Herbst & Deters - Fiktionäre
Neu erschienen OKtober 2008
November 2009
Mo |
Di |
Mi |
Do |
Fr |
Sa |
So |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
4 |
|
6 |
|
|
9 |
10 |
11 |
12 |
13 |
14 |
15 |
16 |
17 |
18 |
19 |
20 |
21 |
22 |
23 |
24 |
25 |
26 |
27 |
28 |
29 |
30 |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
NEUES
@M. Erp System.
Die Grundfrage, Herr Erp, ist, denke ich, eine n o...
albannikolaiherbst - 2009/11/08 09:12
albannikolaiherbst - 2009/11/08 09:03
Arbeitsjournal. Sonntag, der 8. November ...
9.39 Uhr:
[Tschaikowski, b-moll.]
Seit halb sieben hoch, mein Bub schläft noch auf seinem Vulkanlager; ... albannikolaiherbst - 2009/11/08 08:58
Fast immer etwas von Liebe. Kleine ...
[Geschrieben für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.
Erschien en am 6. September 2009.]
Mit ... moral
Ich stimme dir komplett zu, dass wir unser Leben moralischen...
M. Erp System (Gast) - 2009/11/08 08:30
albannikolaiherbst - 2009/11/08 08:08
„Durch die Nähe zur Technik und Industrie ...
Hier liegen Treminen. Denn darunter liegt >>>> die Frage nach Gott, die eine danach ist, ...
DIE DSCHUNGEL.ANDERSWELT
ist seit 1974 Tagen online,
zuletzt aktualisiert am 2009/11/08 10:07
IMPRESSUM
Die Dschungel. Anderswelt
Herbst & Deters Fiktionäre
Redaktion:
Hessisches Literaturforum im Mousonturm
Waldschmidtstraße 4
60316 Frankfurt am Main
ViSdP: Alban Nikolai Herbst
Technische Betreuung: Michael Geiger.
HAFTUNGSAUSSCHLUSS
Der Autor diese Weblogs erklärt hiermit
ausdrücklich, dass zum Zeitpunkt der Linksetzung keine illegalen
Inhalte auf den zu verlinkenden Seiten erkennbar waren. Auf die aktuelle
und zukünftige Gestaltung, die Inhalte oder die Urheberschaft
der gelinkten/verknüpften Seiten hat der Autor keinerlei Einfluss.
Deshalb distanziert er sich hiermit ausdrücklich von allen Inhalten
aller gelinkten /verknüpften Seiten, die nach der Linksetzung
verändert wurden. Diese Feststellung gilt für alle innerhalb
des eigenen Internetangebotes gesetzten Links und Verweise sowie für
Fremdeinträge in vom Autor eingerichteten Gästebüchern,
Diskussionsforen und Mailinglisten, insbesondere für Fremdeinträge
innerhalb dieses Weblogs. Für illegale, fehlerhafte oder unvollständige
Inhalte und insbesondere für Schäden, die aus der Nutzung
oder Nichtnutzung solcherart dargebotener Informationen entstehen,
haftet allein der Anbieter der Seite, auf welche verwiesen wurde,
nicht derjenige, der über Links auf die jeweilige Veröffentlichung
lediglich verweist.
|