Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

Marlboro, Prosastücke, 1981 Die Verwirrung des Gemüts, Roman, 1983 Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger, Lamento/Roman, 1986 Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, 1993, 2001 Wolpertinger oder Das Blau, Roman, 1993, 2000 Eine Sizillische Reise, Fantastischer Bericht, 1995, 1997 Der Arndt-Komplex, Novellen, 1997 Thetis. Anderswelt, Fantastischer Roman, 1998, (Erster Band der Anderswelt-Trilogie) In New York, Manhattan Roman, 2000 Buenos Aires. Anderswelt, Kybernetischer Roman, 2001, (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie) Inzest oder Die Entstehung der Welt, Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, 2002 Meere, Letzte Fassung 2007. Bei Volltext. Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen, Poetische Features, 2004 Die Niedertracht der Musik, Dreizehn Erzählungen, 2005 Dem Nahsten Orient / Très Proche Orient, Liebesgedichte, 2007 Meere, Letzte Fassung 2007 d e

 

POETIK-DOZENTUR-2007

Heidelberger Vorlesungen III (1). Kybernetischer Realismus.

Sehr verehrte Damen, sehr geehrte Herren,

was ich einen Kybernetischen Realismus nenne, löst die postmodernen Ästhetiken ab, indem er ihre poetischen Ergebnisse bündelt und mit (über)lebensfähigen Theoremen der Moderne vereinigt; zumindest ist dies das Ziel, auf das er bewußt zu­steuert: aus der Bewußtheit ergibt sich der Steuer-, eigentlich Steuerm a n n sbegriff und bezieht sich dabei als Poetik unter anderem auf einen Satz Ernst Haeckels>>>> 1, der die Evolution erstmals begrifflich als einen ökologischen Prozeß aufgefaßt hat; poe­tisch entscheidend ist dabei >>>> der Satz:

Keine Bewegung in dem einen Bereich ohne Spiegelung in anderen (Berei­chen).

Kybernetischer Realismus erzählt ökologisch, nicht ökonomisch; es handelt sich um eine Poetologie der Spiegelungen und Wechselwirkung. Das bedeutet, daß in jederlei denkbare Richtung erzählt wird, auch in der Vertikalen und nicht nur horizontal, also nicht-linear. Seine Werke sind prinzipiell unabgeschlossen und, wenn man von dem pessimistischen und menschenfernen Zustand der Entropie absieht, unabschließbar. Seine Grundstruktur sind >>>> Regelkreise, daher tendiert eine Erzählung des Kyberneti­schen Realismus zu Zyklen; diese aber, im Verhältnis zueinander, springen: Dabei führt der Erzählzyklus nicht, wie bei den aus der Science Fiction bekannten Zeitschlaufen, in seinen tatsächlichen Anfang zurück, sondern in etwas, das dem Erzählanfang oft zwar täuschend gleichsieht, aber doch etwas anderes ist: es ist immer ein neuer Anfang, der die Erfahrung des bislang durchlaufenen zyklischen Weges in sich trägt.

Nun schleppt schon der Begriff „Regelkreis“ Täuschendes mit sich; treffender ist es, von Regelspiralen zu sprechen. Der sich über sie herstellende Ein­druck ist genau der von >>>> Sprüngen - etwas das wir, zum Beispiel bei Mutationen, aus der Naturgeschichte und in der Atomphysik ken­nen. Der Kybernetische Realismus untergräbt die Linearität, als er nicht ste­tig ist: zwischen dem scheinbaren Wiederanfang und dem tatsächlichen Neuanfang klafft eine Lücke: ErzaehlspiraleEs findet eben gerade nicht eine Ewige Wiederkehr des Gleichen statt, sondern die Erzählung bildet geschichtliche Strukturen ab, die nach Mustern organisiert sind, welche sich zugleich irreversibel über fortlaufende Metaebenen auf dem Zeitstrahl voranbewegen. Hat man den Eindruck, ein Erzählzyklus sei wieder an seinem Anfang angekommen, so haben sich doch sämtliche Beteiligten und hat sich auch das grundle­gende Setting verändert. Es ist ungemein wichtig, sich das vor Augen zu halten.
Man kann sich das durch ein Gedankenspiel klarmachen, das die Spirale selbst sich in einer Vierten Dimension, nämlich der Zeit, auffalten läßt. Was wir sehen, ist gemeinhin d a s, weil wir aus unserer subjektiven Zeit, unserer, nennte Whitehead das, Epoche, und n u r aus ihr, auf die Prozesse sehen: RegelkreisDas ist die Draufsicht auf die Erzählung oder auch auf die „Erfahrung, daß alles wie­derkehre“ im zyklischen Naturdenken oder eben auch der Regelkreis-Gedanke, der über die Selbstrepräsentation zur ästhetischen Redundanz führte, sofern wir nicht das Gebilde in die Zeit kippen. Tun wir das, sehen wir den Strom der Erzählungen: stroeme-der-erzaehlungenNun setzt sich die scheinbare Stetigkeit dieses Stromes der Erzählungen (in Somade­vas um das Jahr 1000 herum entstandenen >>>> Kathasaritsagara war ein O z e a n, also Stetigkeit der Ströme der Erzählungen; vorgestellt) aus zahllosen, letztlich un­endlich vielen Erzählungen zusammen; das, addiert, ergibt dieses stetige Bild. Neh­men wir aber eine einzige Erzählung heraus, läßt sich die Spirale und lassen sich des­halb die Sprünge erkennen, die die „Anfänge“ und „Enden=Wiederanfänge“ der Re­gelspiralen vollziehen; man sieht jetzt deutlich, daß es sich n i c h t um Redun­danzen handelt. Dazu noch einmal der erste Graph: ErzaehlspiraleDiese Kippleistung vollbringt die poetische Inspiration. Letztlich ist ein Roman der Schatten, den ein vier- bzw. mehrdimensionaler Erzählkörper - d.h. die ihm zugrun­deliegende, aus seinen Gründen herauswirkende Wirklichkeit - auf die Buchseite wirft. Sie setzt die Muster in Bewegung. Dazu faßt sie sie allegorisch auf. Zwar kommt die Erzählung nun immer wieder auf ihre leitenden Motive zurück, aber, eben!, wenn sie zurückkommt, sind diese Motive längst verschoben.
Sie können sich das als einen Perspektivwechsel klarmachen. Sie können es sich aber auch musikalisch klar­machen: Ein Thema wird zwar wiederholt, aber als organische Entwicklung aus den vorhergegangenen Variationen. Doch selbst, würde es wörtlich/klanglich g e n a u wie­derholt, hörte der Hörer das Vorhergegangene als unmittelbare oder mittelbare neue Erfahrung, unter deren Wirkung er die Wiederholung nun a l s Wiederholung wahr­nimmt. Das ist etwas prinzipiell anderes, als wenn ein Thema/Motiv zum ersten Mal zu Gehör gebracht wird und gilt selbstverständlich erst recht, wenn wir ein- und das­selbe Musikstück-als-ganzes zum zweiten, dritten, n-ten Mal hören: Jedes Mal schaf­fen die Erfahrungen vormaligen Hörens eine neue, gewandelte Erfahrung, auch wenn wir erst einmal den Eindruck haben, dasselbe wiederzuhören>>>> 2. Es ist aber unmöglich, zum zweiten Mal einen ersten Eindruck zu machen: Dieses Axiom jeder sozialen Kommunikation gilt für die Poetik ganz genauso; im Kybernetischen Realismus wird es, um sein Bewußtsein angereichert, als Stilmittel eingesetzt.
Die scheinbaren Anfänge und scheinbaren Enden einer Erzählung sind also niemals identisch, aber, und das ist wichtig, ähnlich. Identität ist geschlossen, Ähnlichkeit hingegen offen, ohne daß sie chaotisch-inpraktikabel wäre. Aufgrund von Ähn­lichkeiten erlauben sich sogar Schlüsse, die etwas von Wahrheit haben: Analogien. Es sind aber keine festen Wahrheiten, sondern ihrerseits wie Allegorien flüssige, wandelbare. Dennoch kann man mit ihnen umgehen und kann mit ihnen Geschichten erzählen, moderne, zeitgenössische Geschichten, zum Beispiel diese, die mich, seit ich sie zum ersten Mal sah, nie wieder verlassen hat. Daß es sich dabei um phantastische Literatur handelt, ist, denke ich, deutlich. In diesem Fall sehen Sie die Ausdehnung der Eiszeit und diejenige, die das menschliche Gehirn in dieser Zeit annahm.: Eiszeit-GehirnDazu zitieren Negt & Kluge, deren epochalem >>>> „Geschichte und Eigensinn“ die Ab­bildung entnommen ist, wie folgt Gartmann:

If you turn the ice cap around like a mirror image you get the shape of the hu­man brain.
Tatsächlich hat sich die menschliche Intelligenz in den Nöten der Eiszeit sprunghaft entwickelt.

Analogien verschaffen wie die Allegorie, deren logischer Ausdruck sie sind, den Eindruck eines je schon Bekannten, ja oft Vertrauten, ohne daß doch tatsächliche Identität vorläge. Es gibt keine deduktive, monokausal notwendige und monokausal hinreichende Schließkette von der Eiszeit zum Gehirn, aber es gibt eine unmittelbare Evidenz. Sie ist etwas, derer sich Dichtung immer besinnt: sie wird in Form von In­spiration empfunden. Dabei wird der Identität – der Verführung, etwas als identisch auszugeben – sogar bewußt widerstanden und an ihre Stelle die Täuschung gesetzt. Der späte Louis Aragon hat dafür den Begriff des mentir vrai geprägt und >>>> eine Er­zählsammlung nach ihm benannt.

In der poetischen Täuschung und ihren Analogien liegt im übrigen auch die Chance eines Widerstands gegen das Tautologische des Marktes (also gegen die auf dem Satz vom Ausgeschlossenen Dritten konstruierte Äquivalenzform, die notwendiger­weise verdinglicht und deshalb Sprünge nicht wahrhaben kann). Zugleich braucht sie, die Dichtung, nicht auf wichtige Errungenschaften erzählerischer Empathie zu verzichtet. Sondern die erzählten Personen bleiben immer ganze; es sind tatsächlich Personen, die weiterhin im Leser Mitfreude und Mitleid auslösen können; doch wird nie vergessen, daß persona auch „Maske“ bedeutet. Anders als der herkömmli­che Realismus geht ein kybernetischer Realismus darum so wenig wie von linear-kausalem Geschehen von dem Konzept der autonomen Persönlichkeit aus. Daß ein von solcher Grundlage her schreibender auktorialer Erzähler ein zunehmend gebro­chener ist, scheint mir unmittelbar klarzusein. Die Grundbewegung des Kyber­netischen Realismus ist die Bewegung der Verwandlung und zugleich die sinnliche Repräsentanz der Nähe (der Ähnlichkeit) ineinander verwandelter Gestalten. Hiermit bereits schließt der Kybernetische Realismus, wie auch mit dem Tragik- und Schicksalsbegriff, an die antike Klassik an. Auch der moderne Bezug aufs Mythische findet hier einen Grund: an der Bewegung ganz verschiedener Mythen ineinander läßt sich sehr gut erleben, wie Metamophosen funktionieren und daß ein- und derselbe Mythos in völ­lig verschiedenen, einander logisch widersprechenden Erscheinungen auftreten kann, ohne daß auch nur eine dieser verschiedenen Erscheinungen in sich an evidenter Be­deutung verlöre. Ja, die Herleitung eines neuen Mythos aus einem alten nimmt weder dem neuen noch dem alten die Dignität und Identität-je-für-sich. Um dies erzähle­risch zu gestalten, habe ich immer wieder mit Überblendungen gearbeitet. So, wie auch hier Wissenschaft mit Dichtung, Dichtung mit Wissenschaft überblendet wird: Sie nehmen ebenso an einer akademischen Vorlesung teil, wie Sie zugleich eine Phantastische Erzählung hören. Daß beide einander, streng methodisch betrachtet, ausschließen, gehört zum poetologischen Verfahren.

Eine erste Verwandlung findet statt, wenn jemand zum ersten Mal sein Spiegelbild erkennt. Es ist die Ur-Szene des narzisstischen, poetologisch gesprochen: autopoieti­schen Ichs, das sich nun ebenfalls nicht als ein redundantes erweist. Es ist nicht-tau­tologisch, sondern entäußert und als Entäußertes vervielfacht<>>>> 3. Nach Lacan ist der erste erkennende Blick in den Spiegel genau der Moment, in dem die Ich-Selbst­bewußtheit beginnt; bezeichnenderweise in einem enormen Moment der Trennung, nämlich des betrachtenden Ichs von dem betrachteten Ich (des Signifikanten vom Si­gnifikat), wobei dieses - das g a n z e Ich - immer nur ein Bild und i m Bild bleibt, also ein Imaginäres ist; jenes hingegen nimmt sich stets nur partial wahr; es wird erst durch seine Selbstbetrachtung ein ganzes Selbst und - weil d a s eben nur ein Bild ist oder, ausgedrückt in seiner herkömmlichen Kultursublimante: „das Wort“ - durch einen Mangel.
Im Kybernetische Realismus setzt sich diese erste Spaltung permanent fort; er reflek­tiert erzählerisch die Spaltungen, bzw. Verwandlungen, denen die er­zählten Personen im Laufe der Romanhandlung ebenso ausgesetzt sind wie Realper­sonen in den Bezügen ihrer jeweiligen Sozialsysteme. Es wird dabei keine homogene Einheit mehr hergestellt, das Imaginäre i s t nicht homogen, sondern Identität wird in der Wandlung gesucht: durch eben die prozessualen Allegorien, die den erzählten Wand­lungen gemeinsam sind. Um in der verwendeten grafischen Darstellung zu bleiben: ich spiele poetisch mit den Regelkreisen, führe immer wieder das Bild des Kreises vor; zugleich bewege ich aber die Erzählhandlung als Spirale deutlich voran. Das führt zu zwei einander widersprechenden Leseerfahrungen: die eine hat etwas von Redundanz („jetzt erzählt er ja s c h o n wieder von der Trennungsnacht“), die andere ergibt den Eindruck der Digression, wie >>>> Barthes sowie >>>> Deleuze und Guattari das genannt haben, der ständigen Abschweifung und De-Konzentration. Wenn zugleich auf der Zeitachse immer Neues geschieht, bricht einem Leser, der die Arbeit einer vorübergehenden, selber fließenden Vereinheitlichung nicht erbringt, die Ein­heitlichkeit der Romanerfahrung grundsätzlich auseinander. Um Leselust zu erfah­ren, muß man sich deshalb selber in den Roman hineinbegeben und selber die Leerstellen der Sprünge imaginativ füllen. Man kann für einen Roman des kybernetischen Realismus' nicht in der konsumierenden Haltung verbleiben. Um das zu mitzuteilen, habe ich den Leser als einen Angesprochenen, ganz ebenso wie mich selbst als den An­sprechenden, immer wieder in die Bücher mit hineingenommen und uns Rollen darin zugeschrieben. Das ist k e i n e iro­nische Anspielung auf die Leseransprachen der klassischen und romantischen Litera­tur, oder es ist n u r eine ironische Anspielung in Hinsicht auf ihren Zitatcharacter und in Hinsicht auf bereits vorhergegangenes Angesprochen-worden-sein.
Damit ich die Erzählhandlung noch voranführen kann und nicht narzisstisch bei der bloßen Spiegelung steckenbleibe, muß auf die Einheitlichkeit der Perspektive zugunsten des Prozesses verzichtet werden. Es wird auch hier gesprungen. Deshalb kann weder ein moderner Subjektivismus, also die ungebrochene Ich-Erzäh­lung, der Erzählung Grundlage sein, noch eben der auktoriale Erzähler, und zwar der auch und ganz besonders da nicht, wo er als imaginierter Ich-Erzähler getarnt ist. Indem ich eine Person erfinde und sie in einem Roman „ich“ sagen lasse, sage ja doch letztlich immer noch ich „ich“ - das hat Kühlmann in seiner kritischen Betrachtung des WOLPERTINGER-Romanes völlig richtig festgestellt. Er schreibt >>>> darin:

Auch das sich in erzählten Figuren multiplizierende, spiegelnde und kommentie­rende Ich ist jenseits des Textes angewiesen auf seinen schreibenden Regisseur, der zwar die freien Schaltungen seiner Werke simulieren kann, gleichwohl aber nur in der Logik der Fiktion, nicht als schreibender, lesender, auswählender und komponierender Autor mit seiner imaginären Textwirklichkeit verschmilzt. Das immer wieder bemerkte ,Sich-Einschreiben` des Autors in den Zusammenhang seiner Schriftwelt ist ein manieristischer Kunstgriff, etwas Unerwünschtes zum Verschwinden zu bringen, und sollte nicht unkritisch in wissenschaftliche Dia­gnosen übernommen werden. Die Frage nach dem Autor und dem Autorbewußt­sein des primären Kommunikationszusammenhangs, nach seinen Intentionen, Beeinflußungen, Strategien, Finten, bleibt legitim.

Nun ist das Ich des multisperspektivischen Erzählens etwas ganz anderes, als das Ich eines einzigen Romanhelden und als meines, des Autors, sowieso. Es tritt nämlich das Faktum hinzu, welches ich in der ersten Vorlesung „ausgraben“ genannt habe: sich auf etwas einzulassen, das aus einem aufsteigt, und es auch dann zu publizieren und mitzuformen, wenn es der eigenen bewußten Intenti­on zuwiderläuft. Erinnern Sie sich in diesem Zusammenhang der experimentel­len Traumanfälle, denen sich der Kreis um René Crevel und André Breton gewidmet hat. Dies ist vielleicht sogar das hauptsächliche Argument, daß wir eben k e i n e au­tonomen, sondern durch und durch bestimmte Individuen sind und daß das, was da aufsteigt, Spuren anderer Individuen sind, oftmals geradezu unterhäutige Tattoos, die möglicherweise mehr über diese anderen als über uns selbst aussagen, die wir sie mit meist begründeter Furcht hinunter- und weggedrückt haben. Es ist kaum verwun­derlich, daß genau das ein enormes Konfliktpotential entfaltet, indem unsere Arbeit sich derart un-autark über unsere Körpergrenzen hinaus bis in die völ­lig anderer Personen erstreckt, die das durchaus nicht immer schätzen. Es erklärt auch die oft sehr auffällige Abwehr traditioneller Leser, wenn sie mit solchen für sie unvermuteten Übergriffen konfrontiert werden.
Außerdem übersieht Kühlmanns Einwand die Tatsache, daß aufgrund der zeitlichen objektiven Geschehen im Leben des Autors, die zu einem miterzählten Erzählgegen­stand des Romanes werden, eine weitere ausgesprochene Unsicherheit das narrative Geschen nicht nur beeinflußt, sondern sogar nachdrücklich bestimmt - wobei es für den Autor selbst ganz offen ist, bis zu welchem Maß das geschieht und weitergeschehen wird. Er übernimmt die traditionelle, redigierende Arbeit des Autors erst dann wie­der, ist der Roman fertiggeworden und muß überarbeitet werden. Erst dann auch ist dieser, in Relation zum Romantyposkript, in dessen Entsstehungszeit er sich ja mitver­wandelt hat, sozusagen fertig. Aber auch dann noch bleiben die Türen zur Wirklich­keit offen, und was während dieses neuen Prozesses, der Überarbeitungsprozesses, geschieht, findet neuerlich Eingang in den Roman... was wiederum Folgen für das „eigentliche“ - das imaginäre - Romangeschehen hat. Aber auch das poetologische Geschehen wird mit Abschluß einer Arbeit oft bewußt und wird dann, als Reflektion über sie, die wiederum zu neuen erzählerischen Volten führt, in den Roman mit übernommen. Abermals sind wir, hierbei in der gewissermaßen Vertikalen, mit der prinzipiellen Unabschließbarkeit des kybernetisch kreativen Prozesses konfrontiert.

Für die „reine“ Form auktorialen Erzählens bleibt eigentlich nur die v ö l l i g e Täu­schung: wenn ich mir vornehme, eines Fremden Autobiografie zu schreiben, und zwar die einer realen Person, die ich zugleich Ich sagen lasse. Dann käme der Kyber­netische Realismus auch so in die Welt, aber im Verhältnis der Welt zur Fiktion. Also ich setze mich hin und schreibe, ohne das abzusprechen oder mir anderweitig irgend­wie in den Text reden zu lassen, die Autobiografie Gerhard, sagen wir:, Schröders. Diese Autobiografie gebe ich auch unter seinem Namen heraus. Nun schreibt er aber selbst ebenfalls eine Autobiografie (oder läßt sie nach seinen Anweisungen schrei­ben). Dann hätte der Leser am Markt zwei Autobiografien und wäre in seiner Ent­scheidung, welche richtig sei, auf seinen Glauben angewiesen. Ein solches >>>> re­alfiktionales Konstrukt entspräche der Perspektivenauffassung des Kybernetischen Realismus komplett, trüge aber die Perspektivsprünge nicht immanent aus; zu einem Roman des Kybernetischen Realismus wird ein Buch vielmehr erst in seiner Immanenz. Es spiegelt die Außensprünge in sich hinein.

Indem das Autoren-Ich in einer adäquaten nachpostmodernen Dichtung notwendiger­weise selber zum Gegenstand des Romanes wird, zu einer Figur, die sich von den an­deren Figuren nicht mehr strukturell unterscheidet, wird an eine der Grundforderungen der Mo­derne wieder angeschlossen, nämlich daß die Entstehung, bzw. die Entstehungspro­zesse des Romans selbst Teil des Kunstwerks sein müssen: Ich wird in actu zu einem narrativen historischen Prozeß, der das Gegenteil einer Historisierung, also einer ver­dinglichenden Festsetzung, darstellt. Indem ich einen Roman schreibe, schreibe ich, daß ich ihn schreibe, immer mit. Das betrifft auch „meine“ Intentionen. Ich setze „meine“ in Häkchen, weil ich mir ihrer fremdbestimmten Ursachen bewußt bin, seien sie sozialisiert und/oder vererbt worden, bzw. der Ausdruck reaktiver elektroche­mischer Prozesse in meinem Gehirn. Sozusagen gebiert sich ein Roman aus dem Mo­ment seines ersten Satzes selber und setzt mehrwertig gebundene Kausalketten - spä­ter werde ich sagen: die Wechselwirkung der Komponenten - in Gang, unter anderen:
-die traditionelle, eigentliche Romanhandlung
-die Beobachtung ihres Beschreibenden
-die Mithineinnahme dessen, was dem Autor während des Schreibens geschieht
-den Leser.

Die Selbstorganisation als wechselwirkendes Zusammenspiel begründet den Romanprozeß als zeitgenössisches Geschehen, und zwar, so­wieso, stärker als die Romanhandlung selbst: es vergeht in dem Roman die objektive Geschichtszeit des Autors - und des Lesers - m i t, nicht nur die imaginäre (subjektive) der Romanhand­lung. Solch einen Focus auf faktische Objektivität zu legen, garantiert das Herein­strömen von Gegenwart in den Romanraum. Insofern ist das autorenideale Konzept des Kybernetischen Realismus alles andere als eines des Rückzugs und der meditati­ven Zusammenschau, sondern eines des Mitströmens-selbst. Werke des Kyberneti­schen Realismus' sind deshalb vital und nicht kontemplativ. Statt der Konzentration auf ein Objekt-allein bedürfen sie des multi-taskings: Es kann nicht auf e i n Ende, wahrscheinlich auf Enden-überhaupt nicht hinauslaufen. Abermals: prinzipielle Un­abschließbarkeit. Musils Mann ohne Eigenschaften ist hier ein deutlicher Vorläufer, Hans Henny Jahnns Fluß ohne Ufer ebenfalls. Nur daß sich der Kybernetische Rea­lismus auch nicht als Fragment verdinglichen lassen will; einigen unter Ihnen wird die zeitweilige Fetischisierung des Fragments durch die moderne Germanistik nicht unbekannt sein. Sondern hier ist abermals eine eigentliche Unmöglichkeit zu avisieren: zugleich Fragment und abgeschlossen zu sein. Es geht wider den Satz vom Ausgeschlossenen Dritten.
Die ganze Tragweite dieser Kriegserklärung mag Ihnen deutlich werden, wenn Sie sich vor die Augen halten, daß meine ganze Grundhaltung empirisch-positivistisch gesonnen ist und ich alles andere als ein spiritueller Mensch bin; ich spüre ein instinktives und geradezu körperliches Unbehagen gegen jederlei Esoterik.

Als ich die Romanreihe begann, die von DIE VERWIRRUNG DES GEMÜTS über WOLPERTINGER zum ANDERSWELT-Projekt führte und von den letzten beiden noch nichts wußte, hatte ich vor, sie DIE KONSTRUKTION DES WIDERSINNS zu nennen. Der „Widersinn“ spielte bereits auf das Kalkül des Logischen Schließens an, hatte Adornos NichtIdentisches im Gepäck, wollte sich aber nicht dem Verstummen und dem pessimistischen Rückzug ergeben; die kreative Bewegung war vielmehr durch und durch „positiv“, war bejahend, wenn nicht lebenslüstern. Und das ist sie bis heu­te, hoff ich, geblieben.
Nämlich aus dieser Lüsternheit aufs Leben speist sich das barocke Element, stammt die F ü l l e. Auch ergibt sie sich daraus, daß ästhetisch aus der Mitbewegung gesteuert wird, im vollen Bewußtsein, selbst einer unausgesetzten Wandlung zu unterliegen und ihr auch unterliegen zu wollen und dabei die wirkenden Ursachen nicht in ihrer Gesamtheit erkennen zu können. Wir sind Teil der Matrix und übersehen sie deshalb nicht. Darum ist Auswahl an sich gar nicht möglich - oder erst im Nachhinein, wenn ein Roman fertiggeworden ist und einzelne Erzählfäden unangeknüpft herausstehen. Während der Arbeit – oder überhaupt – eine Stoffmasse auszudünnen, re­animiert den auktorialen Erzähler, dessen Form nach wie vor die des Sängers ist, der bei Hofe vorträgt.

Nun ist - außerhalb des Fragmentarischen - für prinzipielle Unabschließbarkeit zwi­schen abschließenden Buchdeckeln kein Platz; die Seiten eines Buches können ihr al­lenfalls metaphorisch - auf sie verweisend - gerecht werden, etwa so, wie Borges Un­endlichkeit in kleine Erzählungen überführt hat - also vermittels der Verfahren Phan­tastischer Literatur. Konkret, das bedeutet: als Realismus, ist der neuen Ästhetik die Buchform nicht mehr angemessen. Meine Zuneigung für die neuen Technologien hat hier ihren Grund und nicht etwa im technophilen Steckenpferd; sie ist struktu­rell erzwungen. Was mir überhaupt nicht recht ist und weshalb speziell m e i n e Arbeit immer nach einem Weg gesucht hat, die neuen ästhetischen Erfordernisse mit den al­ten Techniken zu vermitteln. Ich will erklären, warum:

Buchdruck i s t eine Technik, auch wenn wir sie unterdessen quasireligiös fetischisie­ren. Sie ist faktisch überhaupt nichts darüber hinaus, ihre Mythologien täuschen, denn sie finden ganz außerhalb der Bücher-selbst statt: Das Buch der Bücher, das Geheime Buch, das Buch des Lebens usw. sind alles verschlossene Bundesladen, für die Wittgensteins Käfer in der Schachtel gilt<>>>> 4. Solche Mythologien selber sind meist ihrerseits Wandlungen älterer, die den Stein, den Gral usw. im Blick hatten. Das waren Dinge, die wie „das Buch“, mit Seele besetzt wurden. Es waren Körper.
Körper sind die neuen Medien nicht mehr. Und hier setzt mein Beharren auf dem Buch an; es ist ein heidnisches Beharren. Denn ein entscheidender, lebenabgewand­ter, also unvitaler und letztlich pessimistischer Nachteil der neuen Medien i s t genau diese Körper- und Materiallosigkeit. Da l ä ß t sich nichts mehr besetzen, sondern son­dern kommt schon als Seele-selbst - als Geist - daher, wo doch imgrunde die reine Äquiva­lenzform herrscht, die reine Identität, die von der Verschiedenheit auf ein Einziges al­les hinabreduziert: jene Ideologie, die das Wort dem Leib vorzieht.
Es gibt seit Ari­stoteles eine abendländische Bewegung ins Körperlose, historisch bald flankiert von der monotheistischen Präferenz eines Geistes, der letztlich auf die Herstellung eines körperlosen Endzustandes ausgerichtet ist, welche vorgibt, Erlösung zu sein; Paralle­len finden sich dazu in vielen anderen Religionen, etwa im Buddhismus; unter Abse­hung davon, daß Körper Träger erfahrener Lust und vor allem von Entwicklung sind, werden sie nahezu ausschließlich als Träger von Leiden betrachtet; jede Krankheit zählt hier mehr als ein Orgasmus, dem überdies etwas „Unsittliches“ anhängt und dem man sehr übelnimmt, daß er der Menschwerdung notwendig vorausgehen muß. Letzten Endes ist diese Perspektive nur lebensfeindlich; sie wird von einer Technolo­gie bestätigt, die die Artenvielfalt monotheistisch-anthropomorph zunehmend redu­ziert, man kann auch sagen: ausrottet und die schließlich das Öksystem selber - es ist eine Ökomatrix - permanent attackiert. Schon der juridische Umstand, daß Tiere als Sachen behandelt wer­den, ist hierfür mehr als ein Indiz. Wer sich als Dichter in die neuen Technologien begibt, muß sich darüber klarsein, daß sie genau daran mittragen.
Das tat aber auch, weil es eben Technik i s t, das Buch, und zwar, weil es als Träger des Wortes davon zu abstrahieren verführt, daß es Millionen Bücher gibt. Das Buch als Ideologie hat das Buch als technischen Gegenstand längst so sehr abgelöst, daß wir seinen parallel schon stattgehabten Wertverfall gar nicht richtig realisie­ren. Dabei würde es reichen, sich nur einen Tag lang bewußt bei WELTBILD und WOHLTAT's umzusehen: wie verschleudet Bücher dort werden, deren Inhalte zu­sammengenommen die Inhalte Hunderter Menschenleben, ja ganzer Kulturen und ih­rer Erfahrungen und Künste sind. Es kann dort den, der drüber nachdenkt, ein Schau­der überkommen, der finster metaphysisch ist. So sehr ist zu fühlen, wie das Wort verkommt. Es ist aber notwendig verkommen, weil das Wort selber die Wörter durch­gestrichen hat, weil es das Leben desavouiert und festgesetzt hat in der Unterstellung, es gebe ein Wesentliches, und alles andere sei akzidentiell. Wie sehr eine solche Zen­tralperspektive ökologisch-vernetzten Systemen feindlich ist, wird immer dann spür­bar, wenn sie praktisch eingreift und mit der Veränderung, bzw. Kultivierung einer einzigen Komponente zahllose andere mitbestimmt, über deren Wirkkraft sie sich zuvor nicht bewußt sein konnte. Auch deshalb, in seiner Gegenbewegung zu einem Sub­stantiellen, setzt der Kybernetische Realismus auf Fülle und damit auf Auflösung. Und a u c h deshalb, nicht: nur deshalb, setzt er auf die neuen Technologien, und hält doch zugleich an den Körpern der Bücher fest, weil die Publikationsmodi der Neuen Medien die Doktrin literarischer Ausdünnung unterlaufen können - können, nicht müssen -, die als Forderung auf Konzentration auf ein vorgeblich Wesentliches ge­tarnt ist. Man kann etwas locker sagen, daß hinter dem Buch immer ein einziger Gott steckt, hinter den Neuen Medien aber stecken die Götter. Um mit einer weiteren Ana­logie zu spielen, sind die neuheidnischen Bewegungen, ob nun in ihrer unangenehm rechten oder ihrer naiv-esoterisch linken und oft rührend sentimentalen, emanzipa­tiven Ausprägung, nicht grundlos parallel zur Entwicklung der neuen Technologien in Gang gekommen. Völlig zu recht weist >>>> Dery darauf hin, daß Hacker ihre Com­puterviren gern nach alten Dämonen benamsen. Auch diese Bewegung werden sie in meinen und den Romanen anderer wiederfinden, die ich ins Umfeld eines Kybernetischen Realismus' stelle.

Wir finden nun auch hier einen Regelzirkel, kommen auch hier scheinbar, aber eben auf höherem Niveau, das heißt: auf einer mit historischer Erfahrung angefüllter Me­taebene, wieder am Anfang an – diesmal am Anfang der bestimmenden abendländi­schen Bewegung, die, Aristoteles und der Monotheismus schulterschlüssig, das Wort favorisiert hat.
Im Monotheismus ist das Wort von Anfang an als entkörperter Fetisch gedacht; nur blieb das Buch als Ding sein Leib. Man kann sagen, daß sich das Buch selbst abschafft, weil die Konzentration von den Dingen weg auf das Wort ging, weil das Wort G e i s t sein soll und das Buch es daran hindert, es also am Material festhält und seine Himmelfahrt nicht erlaubt. Genau deshalb halte ich, neben meiner Netzarbeit, an dem Buch fest. Überhaupt jetzt erst, da er zu zerfallen droht, wird dieser Leib deutlich. Denn das Wort selbst erfüllt sich ja viel mehr im Netz als im Buch, auch wenn das Buch symbolisch fürs Wort nach wie vor mehr als das Netz zu stehen scheint. Denn noch hat das Netz kein Ideologem, das sich für einen Tempel eignete. Es ist eine wohltuende naive Schwäche des Wortes, daß es sich lieber noch am Vertrauten festhält, als in die ihm viel mehr entsprechende Sphä­re einzugehen, und daß deshalb Leute wie ich eine Chance haben, sie vorher mit den Dämonen anzufüllen, die der Monotheismus längst besiegt zu haben glaubte. „Dich­ter und Hackers sind Komplizen“, heißt es in BUENOS AIRES. ANDERSWELT. Doch gibt es auch schon Entwicklungen in der Cybersphäre, die >>>> eine deutlich andere Sprache sprechen.

Am Anfang stand das Wort. Es will keinen Körper. Deshalb das Bilderverbot. Inso­fern ein Buch als Körper Bild ist, steht es dem Wort entgegen und bewahrt etwas von Heiligen Steinen und Bäumen, die von Naturgeistern belebt sind. Nimmt man den Wort-Gedanken ernst, stimmt das auch für die kalligraphischen Künste des Islams, der im übrigen mit einigem Recht genau deshalb den Klangcharacter des Wortes favorisiert. Nahezu alle Bekehrungsgeschichten des Islams sind solche des Hö­rens. Das Wort-selber „Quran“ heißt sogar „Rezitation“, das ist seine Übersetzung. Sie entspricht auffällig dem, was in der griechischen Rhetorik unter λόγος verstan­den wurde: Inhalt der gesprochenen Rede. Allerdings, anders als ein Bild, trägt der Klang etwas in sich, das ebenfalls der kontinuierlichen, d.h. „ewigen“ Auffassung des Einzigen widerstrebt: Zeitlichkeit nämlich. Klänge vergehen. Hingegen wurde das Buch von den Naiven lange etwas Bleibendes genannt.
Am Anfang war der Logos. Der abendländischen Bewegung zur Konzentration auf ein Wesentliches, hinter dem letztlich immer der Gottesgedanke steht (auch hinter der Physikersuche nach der großen Vereinheitlichenden Theorie steht er; Stephen Hawkin spricht, wenn auch ironisch, davon, „die Sprache Gottes“ verstehen zu wol­len), hat das Wort immer als deutlicher Vorschub gedient. „D a s Wort“ sagt Luthers Bibel. Im Netz wird es heißen: >>>> „Am Anfang war die Information“. Übersetzt wurde aus dem Griechischen: λόγος , ein Begriff, der über „Vernunft“ zu „Sinn“ ein weites Bedeutungsfeld und Goethe sogar dazu geführt hat, es tautologisch mit „Tat“ zu übersetzen>>>> 5. Womit man, anders als bei „Information“, nun wirklich keinen Schritt weiter ist. Viel spannender wäre, „das Wort“ als ein vorgegebenes Regelwerk aufzu­fassen, so, wie Hawkin das anscheinend tut, und eben so, wie das menschliche Ge­hirn bereits, wenn es wahrzunehmen, also zu arbeiten, anfängt, physische Axiome verwendet, die es nicht gelernt haben kann, sondern es wurde von ihnen genetisch ge­prägt; bei Kant wären das die Grundkategorien der Anschauung. Tatsächlich faßt das Wort „Information“, besser als jede Tat, geschweige als „das Wort“, die Polymorphie sehr viel besser zusammen, die polyphormen Einträge, bzw. Komponenten der matri­schen Termen, bzw. d e s matrischen Terms, der „am Anfang“ stand. Am Anfang stand die Matrix.

Sehen Sie mir diesen kleinen religionstheoretischen Ausflug nicht nach, nein, genie­ßen Sie ihn. Wir betreiben noch immer Poetologie: Cyberrealism. Denn tatsächlich, sofern ein einziger Autor einen Roman schreibt, bleibt, wie Kühlmann angemerkt hat, die Tür zum auktorialen Erzähler immer noch wenigstens spaltbreit geöffnet; das aber liegt am Medium Buch. In dem Moment, in dem ich meine Erfindungen öffne und andere an ihnen mitschreiben lasse, ändert sich das. In meiner Netzpräsenz DIE DSCHUNGEL. ANDERSWELT habe ich mit einer solchen Öffnung begonnen. Ob also Kühlmanns Meinung, der auktoriale Erzähler werde prinzipiell immer einer bleiben, ebenso prinzipiell recht behalten wird, steht deshalb auf einem Blatt, das die Zukunft, es zu beschreiben, gerade erst dabeiist.

In einer >>>> Matrix entsteht, was wird; sie zeichnet sich dabei durch mehrwertig gebun­dene Komponenten aus, und genau das und diese werden im Kybernetischen Realis­mus erzählerisch gestaltet. Mit übrigens durchaus traditionellen Mitteln; das ist gera­de das Spannende an einer solchen Konzeption, daß sie das Erzählerische nicht auf­geben muß, um der modernen Wirklichkeit entsprechen zu können. Aber sie braucht das Buch nicht mehr oder braucht es nur noch aus Gründen beharrender flankierender Maß­nahmen. Machen wir uns einfach klar, daß das Buch ursprünglich lediglich als ein Medium der Vervielfältigung gedacht war. Der Moment seiner drucktechnischen Re­produzierbarkeit war also ein profanierender; deshalb steht das Buch, etwa mit den Enzyklopädisten, neben seinen religiösen Implikationen auch für die ganz gegenposi­tionierte Aufklärung, die später freilich ihrerseits einer mythischen Dialektik unter­lag>>>> 6.
Wenn nun „das Wort“ die Information ist und sie ganz in ihm ist, ist das Medium sei­ner Vermittlung um so angemessener, je schneller und allgemeiner auf es zugegriffen werden kann und je variabler und direkter es das Rezeptionszentrum erreicht, also das lesende Gehirn. Die Erfahrungen, die jederman in Chats machen kann, zeigen, wie direkt das Wort hier wirkt und wie unnötig seine und sogar des Gesprächspart­ners materiale Erscheinung ist. Auch aus diesem Grund halte ich mit einer Hand das Buch noch fest. Es endgültig loszulassen, bedeutete, die Vergeistigung des Körperlichen mitzuspielen, der schließlich nur noch als Empfänger von Konsumnachrichten bzw. von Befehlen dient, nicht aber mehr Wirklichkeit in ihrem ganzen Ausmaß erfassen will noch kann, das eben auch sinnliche Komponenten hat. Diese verstehe ich selber als Komponenten der Matrix und halte genau deshalb wie am Buch so auch mit Nachdruck an Sexualität als einer erkenntnistheoretischen Wirkursache fest; das begründet die Rolle der mir oft als Pornographie angekreideten erotischen Passagen in meinem Werk. Die im übrigen, selbstverständlich, gelebte sind.

Dennoch muß ich erkennen, daß das eigentliche Spielfeld nachpostmoderner Dich­tung das Buch nicht mehr sein kann. Möglicherweise muß man, um den Komponen­ten der Wirklichkeit weitgehend zu entsprechen, mit Hybriden arbeiten aus Buch und Netz. Nicht von ungefähr habe ich meiner meistfrequentierten Netzpräsenz den Mit­titel ANDERSWELT ganz ebenso beigegeben, wie den drei Romanen, die das AN­DERSWELT-Projekt als Bücher materialisieren.

Wirklichkeit meint im Kybernetischen Realismus den lebenswirkenden Prozeß sämt­licher wechselwirkender äußerer und innerer Einflüsse, die während des Schreibpro­zesses mitlaufen: das, zusammengenommen mit der gestalteten Imaginationswelt, ist im Kybernetischen Realismus der ästhetische Raum. Ich bin darauf in meiner ersten Vorlesung eingegangen. Wirklichkeit ist im Wortsinn ein Fluß ohne Ufer. Die von der bisherigen vermeintlich realistischen Literatur ge­staltete Realität ist dagegen vergleichsweise schmal, in jedem Fall begradigt, und karg ist sie sowieso, insofern sie sich - meist unter Ausklammerung, ja furchtsamer Meidung der Naturwissenschaften - auf die Wahrnehmung von Erscheinungen als Zi­vilsationsprodukten beschränkt; letztlich ist sie vollumfänglich als Ware darstellbar. Sie hat nahezu immer ein definiertes Ziel, wird weder in ihren Phänomenen mehr­fach gebunden, noch spielen solche Mehrfachbindungen überhaupt eine Rolle; im Gegenteil: erscheinen solche, wird von „überdeterminiert“ gesprochen, was in Wahr­heit ü b e r h a u p t determiniert meint. Ich komme etwas später darauf noch zu spre­chen. Tatsächlich steht hinter der sog. realistischen Literatur nichts anderes als nach wie vor eine teleologische Vorstellung, - nämlich die eines objektiven Geschichts- und Evolutionszieles, das moralischen Präpositionen entstammt. Sie spiegelt uns dieses Ziel als ein verläßliches dar, und zwar gleich, ob in gutem oder schlechtem Sinn, optimistisch oder pessimistisch; der realistische Pessimismus trägt den Optimismus seiner Verläßlichkeit in sich. Verläßlichkeit ist aber eine reine Erfahrung der kulturellen Zurichtung; tatsächlich gibt es für ihre Annahme keinen Grund. Jede Familiengeschichte zeigt das, und unsere Doppelleben, die in Wirklichkeit simultan geführte Mehrleben sind, zeigen es erst recht.
Trotz aller zivilisatorischen Absicherung sind unsere Leben prinzipiell offen, offen als erlebter Prozeß, nicht möglicherweise de facto. Aber die wirkenden Determinan­ten sind derart unüberschaubar, daß sich der Eindruck von Freiheit herstellt – ihre /i>Empfindung. Au­ßerdem läßt sich, bei einer gegen unendlich gehenden Zahl möglicher Wirkgrößen zwar von Ursachen auf Folgen, nicht jedoch umgekehrt von den Folgen auf ihre Ur­sachen hinreichend zurückschließen. Genau das ist wiederum einer der Gründe für die stupende Modernität des antiken Schicksalsbegriffes, den ich für eine nach-post­moderne Literatur wieder herbeiziehe. Wir sind aufgrund der Unüberschau­barkeit erneut bei ihm angekommen, aber, siehe Regelspirale, auf einem anderen als dem früheren Niveau. Daß der Umstand-an-sich der Grundlage jeder Demokratie, dem autonomen Ich, ebenso deutlich Hohn spricht wie es die Ergebnisse der moder­nen Hirnforschung tun, hat mich bei der Betrachtung phnatastischer Literaturen in meiner letzten Vorlesung sagen lassen, die Phantastische Literatur nehme die Aufklä­rung zurück. Sie ist der Narr, der dem siegreichen Feldherrn im Triumphzug vorher­läuft und ihn verspottet. Insofern bislang keine andere Literatur so sehr Sprache der Seele war wie die phantastische, steht sie neben den Naturwissenschaften als eine der Säulen zeitgenössischer Ästhetik da; sie prägt ja auch deutlich den Beginn dessen, was dann moderne Literatur geworden ist. In Teilen kann selbst eine der Grundfesten der poetischen Moderne, der Ulisses, als phantastisch, nämlich auf der Folie eines wiederwirkenden Mythos geschrie­ben, angesehen werden; nachdrücklich belebte auch er schon die Allegorie und damit die Vorstellung, es gebe währende Muster, die sich durch die Individuen hindurch im Wortsinn realisieren. Darüber gibt es keine Freiheit, man wird von dem Muster als Träger erkannt und verwendet. Nur daß der Kybernetische Realismus sich des Um­stands bewußt ist, daß es sich bei solchen Mustern nie um identische, sondern eben immer nur um ähnliche handelt, die sich in ihrer individuellen Ausprägung von Träger zu Träger wandeln.

Schon hier, wenn Sie diesem Instinkt folgen, wird deutlich, worin sich die personale Konzeption einer kybernetischen Erzähl-Ästhetik von der dinglich-sachlichen Konzeption des herkömmlichen Realismus unterscheidet: nach-postmoderne Personen einer Er­zählung vereinen in sich den Widerspruch einer personalen und einer akausalen Ge­samtheit (letztere nennen wir Autonomie) mit dem Umstand, daß sie Träger von Informationen, der Muster nämlich, und als solche Hüllen sind. Hätten sie nicht Ge­fühle und überhaupt ein Innenleben, man müßte sie für leer halten. In einer Erzäh­lung des kybernetischen Realismus begründet sich ihre Existenz - das heißt die Tatsa­che, daß Leser solche Personen emphatisch mitleben können - nicht länger aus der Annahme von Autonomie, sondern aus den Konflikten, die diese Annahme austrägt, wird sie mit den gegenläufigen, wirkenden Mustern konfrontiert. Walter Benjamins im >>>> Ursprung des Deutschen Trauerspiels entwickeltes Allegorie-Konzept steht nicht grundlos eben­falls am Beginn der Literarischen Moderne, Seite an Seite mit der Entwicklung des Konzepts des Unbewußten, das von der Phantastischen Kunst sinnlich ausgestaltet wurde (und bisweilen immer noch wird). Dazu halten in nahezu derselben Epoche die ökologischen Konzepte Ernst Haeckels in die moderne Wissenschaft Einzug: Kon­zepte vernetzter Systeme. So alt ist der moderne Begriff der Kybernetik, der seiner­seits letztlich einer aus der Antike ist. Darauf hat >>>> in einem Dschungel-Kommentar einer meiner Leser völlig zu recht hingewiesen.
Führen Sie sich allein nur diese drei Momente der modernen theoretischen Erfassung von Wirklichkeit simultan vor Augen, wird Ihnen mit fühlbarer Evidenz klarwerden, was ich mit zirkulärem Erzählen meine: daß solche Zirkel eben keine ewigen Wie­derkünfte, sondern sich durch die Geschichtszeit weiterbewegende Spiralen sind, die nicht, wie es ein Zirkel täte, an ihrem tatsächlichen Ausgangspunkt wieder ankom­men, sondern an einem Ausgangspunkt, der sich immer schon verändert hat. Kein an­derer als der kybernetische ästhetische Ansatz trägt diesem Umstand Rechnung. Zu­gleich legt kein anderer ästhetischer Ansatz so entschieden sein Veto gegen den Satz ein, letztlich verändere sich nichts, und wir lebten, >>>> wie Kästner schrieb, imgrunde weiter auf den Bäumen. Gerade indem der Kybernetische Realismus auf antike Modelle wie etwa das eines Schicksals zurückgreift, dem es sich nicht entkommen läßt, gebe ich der Geschichtlichkeit ihren Stellenwert zurück. Dieses Schicksal ist nicht länger eines, das Götter bestimmen, sondern ein quasi selbstbewirktes Bewegtes: Autopoeisis - in ihr wechselwirken scheinautnomer, d.h. der als autonom wahrgenommene Autorenwille und die äußeren Komponenten der Matrix i n ein- und derselben Matrix. Wobei es von enormer Bedeutung ist, ob sich der Autor als autonom empfindet oder nicht; da dies selbst Komponente der Matrix ist, verändert, ob ja, ob nein das Ergebnis der poetischen, sagen wir, Rechenvorgänge: Es wirkt direkt und je verschieden auf die Inspiration. Die Frage, ob es eine persönliche Freiheit denn tatsächlich gebe, wird ästhetisch darüber nicht minder obsolet, als es die erkenntnistheoretische Frage geworden ist, wieviele Engel auf einer Messerspitze Platz fänden. Ihre Antwort spielt für das weitere ästhetische Geschehen absolut keine Rolle, wohl allerdings für die alltägliche und juridische Realität. Nur ist diese nicht Gegenstand meiner Vorlesung. Und daß ich von Rechenvorgängen spreche, hat etwas mit der Bescheidenheit vor der Inspiration zu tun. Solange ich nicht weiß, was sie tatsächlich ist, erzähle ich, w a s ich weiß und was mir als ausreichend begründet vorkommt, um damit theoretisch und poetisch arbeiten zu können. Sollte Inspiration, die ich persönlich gern einen poetischen Instinkt nenne, über die matrisch-kausale Wechselbeziehung nfach gebundener Komponenten hinausgehen, um so schöner. Das jedoch einfach so zu behaupten, bedeutete, einen Glauben als Wissen auszugeben; ein Wissen aber ohne Gründe gibt es nicht, und zwar einfach deshalb, weil Wissen als Erkenntnis ursächlich wirkender Zusammenhänge definiert ist, die hinreichend, notwendig und/oder hinreichend u n d notwendig sein können.

[Fortsetzung >>>> dort.]

Heidelberger Vorlesungen III (2). Kybernetischer Realismus, ff.

[Fortsetzung von >>>> hier.]

In der Matrix des Kybernetische Realismus stehen nicht nur faktische Er/Kenntnisse als Komponenten, sondern auch Möglichkeiten; insofern ist er kein ausschließendes, sondern ein integratives poetisches Verfahren, das kausale Zusammenhänge eben n i c h t festfährt. Für einen Roman bedeutet das, daß dieselben Erzählstränge sich ebenso spalten können wie die erzählten Subjekte und daß diese gespaltenen Erzähl­stränge jeder zu anderen Weiterhandlungen führen, die parallel miterzählt werden, ohne daß es einen Akzent auf eine bestimmte Weiterhandlung, bzw. ihre Bevorzu­gung gäbe. Schon deshalb ist es unmöglich, einen die Gegebenheiten der nachpost­modernen Gegenwart nicht ignorierenden Roman so zu planen, daß von Anfang an ein Ziel feststeht, auf das dann hingeschrieben wird. Zwar mag ein Ziel intendiert sein, es wird aber praktisch nie oder nur in einem von vielen möglichen Erzählungen über denselben Handlungsgegenstand erreicht.

Immer wieder, während ich an dem dritten ANDERSWELT-Band arbeitete, wovon ich über drei Jahre lang täglich Textproben in das Literarische Weblog stellte, sind diese von Lesern Der Dschungel kommentiert, teils kritisiert, teils ergänzt und weiterfantasiert worden. Vieles davon habe ich meinerseits in meine laufende Arbeit hineingenommen und weiterverarbeitet. Kommentatoren wurden sogar zu Figuren des Romanes selbst, etwa Brem, der sich schließlich zu einer der tragenden Figuren ausgeformt hat; ohne ihn wäre der Roman heute gar nicht mehr denkbar. Das war anfangs durchaus nicht abzusehen, geschweige geplant. Eine wieder andere Person ersteigerte sich bei ebay das Recht, Romanfigur zu werden; das ging seinerzeit heftig, auch mit Häme, durch die Presse. Anders, als mancher meiner Kriti­ker das will, handelt es sich bei so etwas nicht um ästhetische Marketing-Mätzchen, sondern um eine von mir bewußt umgesetzte Strategie, Wirklichkeit und wirkliche Menschen in die Texte hineinzubekommen und sie auf diese Weise mit der Imaginationswelt interagieren, das heißt auch umgekehrt: von dieser die Realität verändern zu lassen.
Und als wäre er nach einer Berlinreise aus dem ARGO-Roman nach Winterthur heimgekehrt, schrieb der völlig reale Schweizer Schriftsteller >>>> Markus A. Hediger >>>> am 2. Dezember 2005 in Der Dschungel:

Romanfigur Hediger (3). Als diese sehe ich mich selbst spätestens seit ich der Romanfigur Herbst in Berlin begegnete. Und bin ausserordentlich verwirrt deshalb, weil ich nun den Verdacht nicht loswerde, Herbst habe mich tatsächlich erfunden. Nun bin ich Romanfigur, die sich in Variationen selber liest.

Ich hatte nämlich aus ihm und einer imaginierten Romanfigur einen weiblichen Hybriden synkretisiert, der allein über ihren Namen („Judith Hediger“) mit dem Schriftsteller-Kollegen verbandelt war; dennoch war der nun immer wieder auf sie angesprochen worden; man war sich offenbar nicht sicher, ob ich nicht eine mögliche Schwester oder sonstige Verwandte Hedigers portraitiert hatte. Diese Mischung ist für den Kybernetischen Realismus maßgeblich. Sie spiegelt unsere medial vermittelte Weltwahrnehmung sehr viel exakter und ist deren künstlerischem Ausdruck sehr viel angemessener als jegliche Ästhetik, die es auf Dokumentation eines vermeintlich Wirklichen anlegt, das wir letztlich doch glauben müssen, weil wir die Angaben nicht selbst überprüfen können. In jedem Fall gelangen Sie auf diese Weise zu einem Romanmodell, das sich jeglicher Eineindeutigkeit verweigert und dennoch, je im Hinblick auf einen bestimmten Erzählstrang, sinnlich evident und auf sich bezogen den Gesetzen der Kausalität verpflichtet bleibt. Prinzipiell gilt, daß der Eingriff in ein Geschehen Auswirkungen auf jedes Einzelelement des gesamten ökologischen Systems hat, also auf jede Komponente der narrativen Matrix. Insofern der Kybernetische Realismus sich wie alle vorgängigen Ästhetiken zur Wirklichkeit mimetisch verhält, so eben hier zu einer prozessual verstandenen, also immer in Bewegung befindlichen Wirklichkeit.
Daraus ergibt sich abermals, daß ein nach-postmoderner Roman, der nicht regressiv ist, kein bestimmtes Ende haben kann, sondern immer nur verschiedene bestimmte Enden. In WOLPERTINGER ODER DAS BLAU finden Sie diesen Ansatz in den drei einander widersprechenden Epilogen, die das Buch abschließen und geradezu notwendigerweise in ein nächstes Buch hineingeführt haben: in den ersten Band der Anderswelt-Triologie nämlich, in THETIS. ANDERSWELT. Es handelt sich insge­samt n i c h t um ein hermetisches Erzählprinzip, sondern gerade um das Gegenteil. Daß dennoch oft eine starke Hermetik empfunden wird, liegt daran, daß wir es ge­wohnt sind, gewohnt gemacht worden sind, die Abschließbarkeit von Handlungsvor­gängen vorauszusetzen und sie in einem Roman deshalb zu erwarten, ja sie von ihm zu fordern. Hiergegen steht meine Arbeit und steht der Kybernetische Realis­mus völlig quer.

Tatsächlich versteht der Kybernetische Realismus Realität als eine Spielform - einen prozessualen Aspekt - von Dich­tung und Dichtung als eine Spielart der Realität. Damit ist n i c h t gemeint, daß die Welt ein Text sei, wohl aber, daß unsere Art, sie bewußt, d.h. begrifflich, wahrzuneh­men, immer schon semantisches Feld ist, das von a priori vorhandenen Kategorien der Anschauung gesteuert wird. Das direkte, sinnliche Moment von Lust und Schmerz ist selbstverständlich etwas anderes, ist reagens, doch sowie wir uns darüber verständigen, haben wir es mit dem semantischen, vorgegebenen Feld zu tun. Man kann deshalb sagen: wir nehmen Welt, wenn wir sie begrifflich-bewußt wahrnehmen und darstellen, als eine Dichtung wahr. Beide sind, da haben die monotheistischen Religionen recht, im Wort verknüpft. Hingegen ist Unmittelbarkeit nur im Bild zu haben. An die Präsenz eines Glases Wasser, sagte ich einmal, reiche kein Satz heran.

Die kybernetische Erzählweise ähnelt biologischen, bzw. gesellschaftlichen Matrices: diese, als sublimierte Natur, stellen die Vorlagen für die literarisch-mimetische Organisation nachpostmoderner Texte. Deshalb wird Selbstreferentialität als weiteres Form-Erbe der Moderne in den Kybernetischen Realismus übernommen; das erste ist die Seelen-, d.h. Wahrnehmungsdichtung der Phantastik. Dazu kommen die Collage so­wie das Unternehmen einer Aufhebung der strikten Trennung von poetischer und geisteswissenschaftlicher Arbeit. Nietzsche war noch den umgekehrten Weg gegan­gen und hat aus spekulativer Wissenschaft Kunst gemacht; davon ist Adorno sehr beeinflußt. Musil drehte das wieder um und kam damit Borges' nicht nur iro­nischer Bemerkung nahe, die Metaphysik sei ein Zweig der Phantastischen Literatur. So lautete denn auch das Motto meiner Zweiten Vorlesung. Der Kybernetische Realismus versucht, die Positionen zusammenzudenken und dabei auch die Positiven Wissenschaften, Physik, Chemie und ihre derivaten Disziplinen mitzupoetisieren. Immerhin haben sie die mächtigsten Wirkdynamiken unserer letzten beiden Jahrhunderte gestellt, und zwar in zunehmend schneller aufeinanderfolgenden Zeiteinheiten – ein Prozeß, der ganz sicher noch lange kein Ende finden wird. Die Entwicklung vollzieht sich exponentiell. Hingegen läuft Dichtung nur träge, ihr Formenkanon ist konservativ und scheint müde zu sein, ermüdet. Das hat sie zurückbleiben und noch nicht einmal eine befriedigende Ausdrucksform finden lassen, die den Wahrnehmungen einer schnellen Autofahrt gerecht wird. Von einigen wenigen, die Schnittechniken des Films in die Dichtung übertrugen, sitzen die meisten Dichter noch immer in einer Kutsche und stoßen, wie Goethe es tat, mit dem formalen Gehstock gegen die Decke, wobei sie dem Kutscher zurufen: „Fahre Er langsamer! Ich kann ja gar nichts erkennen!“ Wofür man Verständnis aufbringen kann, nur daß das Auto sich deshalb nicht in eine Kutsche zurückverwandelt, sondern längst sehr viel schnellere Techniken des Ortswechsels in der Entwicklung sind.

Es ist diese Haltung freilich auch eine deutschsprachige Spezialität; in anderen Idiomen verhält man sich gegenüber zum Beispiel sogenannter Science Fiction ganz an­ders. Daran hat auch nichts geändert, daß sowohl Döblin wie Ernst Jünger und Arno Schmidt hier grundsätzlich Eigenes dem Kulturschatz beigelegt haben. Da verwundert es wenig, wenn der negativen Voreingenommenheit gegenüber der Technik und also der Science Fiction eine Vor­eingenommenheit gegenüber dem Internet und überhaupt gegen Moderne und Fortschritt entspricht. Doch der von der sogenannten Linken aus freilich guten moralischen Gründen sozialpolitisch ge­steuerte Überhang drückt selbst herausragende Arbeiten in den Schutt der Literaturgeschichte. Weiß wohl jemand unter Ihnen mit dem Namen >>>> Heinrich Schirmbecks etwas anzufangen? Wahrscheinlich nicht. Es ist für unseren Kulturraum bezeichnend, daß selbst die Literatur der Unterhaltungsgenres vergleichsweise wenig zu den modernen Wissenschaften zu sagen hat, wiederum anders als im vor al­lem englischsprachigen Raum, aus dem deshalb die einschlägigen Romane permanent ins Deutsche übersetzt worden sind. Ich möchte noch einmal auf William Gibson ver­weisen. Nicht ästhetisch, wohl aber prophetisch ist nicht weniges aus seinen Roma­nen ausschlaggebend für reale kybernetische Entwicklungen geworden; ganz ähnlich sind die Quarks der subatomaren Physik ausgerechnet nach einer Bemerkung aus Joyce's Finnegan's Wake benannt.>>>> 7. Sehr wahrscheinlich gibt es hier eine Verbin­dung zu der Unterhaltungs-Ferengi-Figur Quark aus Deep Space Nine. Aus dieser Perspektive kann die proklamierte Ununterschiedenheit von U und E sogar als das notwen­dige Ergebnis eines Realitätsversäumnisses begriffen werden, nämlich eines mangelnden Wirklichkeitssinns der deutschsprachigen E-Literaturen nach 1945.
Jedenfalls ist der deutsche sozialbetonte E-Roman in seiner Moralität kleinmütig; ge­nau das läßt ihn die Provinz so favorisieren, an der die Gobalisierung ziemlich kalt­schultrig vorbeiläuft, um nicht zu sagen: über die sie mit Strahlenfliegern hinwegdüst. Daß sich die in meinem THETIS-Roman erzählte, von einer fundamentalislamischen Befreiuungsorganisation durchgeführte Sprengung des World Trade Centers drei Jahre nach Erscheinen meines Buches auch noch verwirklicht hat, macht das Mißtrauen gegenüber technischen und technolo­gischen Fantasien deshalb nur um so nachdrücklicher. Dabei ist das Geschehen, äs­thetisch betrachtet, nicht erst seitdem ein Thema gewesen. Es hat sich zugleich, siehe Allegorie, aber eben w i e d e r in einem Unterhaltungswerk, von Ro­land Emmerich ausdrücken lassen.
Insgesamt hat speziell die deutschsprachige Dichtung ihren alten Zug in die Projekti­on verloren und sich mit ihrem Realismus in die Klage zurückgezogen; sie ist rund­weg retrospektiv geworden. Man kann sagen, sie schaut trauernd auf ihre verlorene Bedeutung zurück, die sich genau deshalb nicht wiederherstellen kann, son­dern sich, wenn überhaupt noch an Literatur, an die U-Literatur delegiert. Hans-Ulrich Treichel, der zugleich Ro­manautor und Literaturpädagoge ist, >>>> sagt es deutlich genug: „Der Romanau­tor ist jemand, der immer zurückblickt. Egal, wohin er sich wendet. Der Romanautor ist, auf seine Weise, immer schon tot.“ Daß jemand mit einer solchen Perspektive auf Zukunft eines der maßgeblichen deutschen Literaturinstitute leitet, dessen Aufga­be vor allem die Ausbildung junger Schriftsteller ist, ist an sich skandalös. Der Mann sollte mehr vögeln, als solchen Quatsch zu äußern. Allerdings verschmilzt die rückgewandte Dauer-Trauer semantisch oft mit einer, die ihren Gegenständen tatsächlich angemessen, eben weil sie der Ausdruck eines Geschichtstraumas ist. Nur hat es die deutschsprachige Dichtung fetischisiert, anstelle wirklich etwas aufzuarbeiten, und Fetische sind Lust-Gegenstände. Die halten die Dichter an der doch Göttinseidank verlorenen und ja auch beklagten Welt fest, anstelle daß sie einer kommenden als Pfadfinder, meinethalben auch als Aufklärer, vorauszulie­fen. Aufklärung, im übrigen, ist >>>> auch ein militärischer Begriff.
Wir leben in einer Zeit direkter aufeinandertreffender Widersprüche und A-Historizi­täten, als das jemals zuvor der Fall gewesen ist. Man könnte allenfalls, aber selbst da sind die historischen Ungleichzeitigkeiten vergleichsweise lächerlich, das 16. Jahrhundert und den Einfall der technologisch überlegenen Spanier in die mittel- und südamerikanischen Kulturen zum Vergleich herbeiziehen. Den Prozeß aufeinan­derrückender Ungleichzeitigkeiten nennen wir Globalisierung. Es scheint mir, um eine literarische Leitbedeutung wiederzuerringen, unabdingbar zu sein, daß die poetische Ästhetik sich nicht nur den Globalisierungsprozessen, sondern den von ih­nen betroffenen Seelen anzunähern und ihnen zu entsprechen versucht. Das geht nicht ohne ein spürbares und oft schmerzhaftes Knirschen im Gefüge der Konstruk­tionen ab. Denn schon der Begriff-von-Seele selbst scheint zutiefst unzeitgemäß, un­modern, zu sein. Er begründet ebenfalls die Wiederaufnahme traditioneller Erzählmodelle, allerdings bereichert um - oder, je nach Perspektive, versäuert mit - den Erkennt­nissen der Moderne. Für mich hat das einen ungemeinen Reiz. Es ist die Erzählung, oder eine Erzählung, aus dem Erzählstrom der Gleichzeitigkeit. Simultanität ist also der nächste Poller, um dem der Kybernetische Realismus seine Leinen wirft.
Stellen Sie sich einen letztlich in mittelalterlichen, ja vormittelalterlich-tribalen Sozi­alstrukturen lebenden gläubigen Islami vor, über den die volle Flut der westlichen... ich bin mir nicht sicher, ob ich „Freizügigkeit“ schreiben darf... über den jedenfalls so etwas mit vollen Pranken hinüberschwappt. Und stellen Sie sich vor, daß derselbe Mann Waffen an die Hand bekommt, die dem historischen Stand seiner Entwicklung in gar keiner Weise entsprechen>>>> 8, schon allein, weil er die bewußte Erfahrung von Ab­schreckung und Kaltem Krieg nicht in einer Weise hat mitmachen können, wie sie uns geradezu schon in die Genetik gerutscht ist. Stellen Sie sich also sein Recht vor, und stellen Sie sich gleichzeitig unser Recht vor mitsamt den Errungenschaften eines Gesellschaftsvertrages und überhaupt der Entwicklung imaginärer autonomer Sub­jekte. Beide Rechte s i n d Rechte, aber sie schließen einander praktisch aus. Das gilt insgesamt für verschieden geerdete Moralsysteme, die sich nun alle aufeinanderschieben wie gegeneinandergestoßene Schollen des Erdmantels. Das tragödische Material, das Gebirge, das diese Situation auffaltet, ist unübersehbar.
Griffe uns eine außerirdische, uns technisch weit überlegene Zivilisation an und verlangte, wir möchten, weil wir noch unentwi­ckelt seien, auf unsere moralischen Errungenschaften, etwa die Menschenrechte, ver­zichten - gar kein Zweifel, wir betrachteten das als feindliche Intervention und würden uns mit allen Mitteln, auch kriegerischen, zur Wehr set­zen würden. Zugleich hätte die uns überlegene Zivilisation aber möglicherweise recht; in jedem Fall hat sie es in Bezug auf ihr eigenes, ebenfalls internalisiertes Moralsystem. Nicht anders haben wir recht, wenn wir uns gegen die Verletzung der Menschenrechte in außereuropäische Kulturzusammenhänge einmischen. Da es der Ethik bis­lang nicht gelungen ist, die ihr eigene Letztbegründungsproblematik zu lösen, stehen hier verschiedene Rechte als mit gleichem Recht empfundene einander feindlich gegen­über. Allein, um einer solchen Situation erzählerisch gerecht zu werden, bedarf es eines mehrper­spektivischen Ansatzes, ohne daß wieder dieser auf die Seite der so und/oder so par­teiischen Autorenintention ein besonderes Gewicht legt. Imgrunde müssen Sie das Recht beider - und mehrerer - Seiten gleich nachempfindbar gestalten. Schon hier ist zu erkennen, von welcher Strahlkraft der antike Tragik-Begriff selbst für unsere Ge­genwart ist. Es gibt bloß keine Einheitsperspektive mehr, die ihn gestaltet; er geht nicht länger von einem Gott aus, sondern ist Struktur selber – und damit Prozeß, nicht etwa steuernder Wille.

Daß sich dieses Prozeßhafte auch in die Erzählunghandlungen spiegelt, dürfte klar sein. Sie sind in die Regelkreise mindestens doppelt rückgebunden; überhaupt hat der Ky­bernetische Realismus eine Tendenz zur mehrfachen Determination; Kritiker haben bei meinen Arbeiten bisweilen, ich deutete das oben schon an, von überdeterminiert gesprochen. Nun ist das ein ganz unlauterer Ausdruck, weil er letztlich nicht wahrha­ben will, daß etwas so und nicht anders aus einer Vielzahl von Gründen geschieht, weil er, mit anderen Worten, einen Begriff von Freiheit an die Dichtung legt, dessen Gemeintes diese Dichtung-selbst gerade bestreitet. Ich behaupte sogar, daß etwas vorgeblich Überdeter­miniertes sich der tatsächlich wirkenden Determination überhaupt erst nähert: näm­lich über matrische Mehrfachbindung an die letztlich unabsehbar zahlreichen Komponenten der, sagen wir, Lebensmatrix. Dies mag Ihnen erklären, weshalb ich ein entschiedener Gegner der Vorstellung bin, letztlich sei alles einfach. Ebenfalls deswe­gen bin ich ein Gegener anorektischer Ausdünnung (Ursula Krechel sagte einmal über den Text einer Nachwuchsautorin, da sei „zuviel Erzählfleisch“, das müsse alles weg). Im Gegenteil, Weltzusammenhänge sind kompliziert, sind hochkomplex - dieser Komplexität hat sich eine Dichtung, die unserer Zeit noch einigermaßen entsprechen will, zu stellen - - ihr muß sie einen Ausdruck verleihen, der zugleich sinnlich fühlbar ist. Das kann s i e viel besser als die Unterhaltungsliteratur, auch als der Unterhaltungs-Spielfilm, weil der ihr zur Verfügung stehende Formenkanon ein sehr viel umfassenderer und weil er nicht darauf angewiesen ist, industrielle Normen zu erfüllen, um Kassenerfolge zu produzieren. Zugleich steht im Kybernetischen Realismus für diese sinnliche Fühl­barmachung der bewußte Verzicht auf empathieferne „konkrete“ Sprachexperimente; genau deshalb wird statt dessen an das traditionelle Erzählen angeschlossen.

Das bedeutet nun aber eben nicht, es könne weiterhin ungebrochen linear erzählt werden, jedenfalls nicht prinzipiell. Daß es immer wieder einzelne, auch sehr gute Erzählungen, mei­nethalben auch Romane geben wird, die es dennoch tun, ist davon unbenommen; al­lerdings kann ihnen dann kaum eine umfassende Modernität zugesprochen werden. Muß es auch nicht. Doch im Rahmen einer zeitgenössischen Ästhetik sind gerade diejenigen Erzählmodelle von Interesse, die eine solche Modernität im Auge haben und ganz bewußt zeitgenössische Dichtung in einem Sinn sein wollen, der sich den Veränderungen der inneren und äußeren Lebenswelten adäquat machen will; den anderen Dichtungen - das betrifft auch einige meiner eigenen Arbeiten - werden im­mer ein wenig der Eskapismus anhängen und eine gewisse spürbare Sentimentalität, die sich in das sogenannte Einfache hineinschmiegt und es sich darin ästhetisch wohlergehen läßt. Hier finden sich die Übergänge in den Pop. Wobei ein Konzept wie das des Kybernetischen Realismus schon der eigenen Grundtheoreme wegen nicht von einer „reinen“ Form ausgehen kann; Reinheit ist geradezu zu meiden. Deshalb kann es vorkommen, daß auch ein Roman aus dem Pop-Literatur-Umfeld, gewissermaßen unwillentlich, eher einem Kybernetischen Realismus entspricht, als eine Arbeit, die dessen Theoreme Punkt für Punkt verfolgt. Notwendigerweise sind die - wohlgemerkt: - Übergänge zwischen E und U fließende, ungefähre. Auch hier gilt eine prinzipielle Unabschließbarkeit. Überdies besteht zeitgenössische Dichtung ja nicht aus nur einem einzelnen Werk oder einer Reihe einzelner Texte, sondern eine ästhetische Epoche bezieht ihre Konturen gerade aus der Vielzahl von Werken, die nicht selten interagieren, zudem sich der Blick auf sie mit zunehmendem zeitlichen Abstand verändert, so daß ganz andere Arbeiten und anders weiterwirken, als es Arbeiten in ihrer jeweiligen Entstehungszeit taten. Von dieser Erfahrung haben wir heute ein Bewußtsein (man muß sich nur klarmachen, daß Johann Sebastian Bach zu seiner Zeit und lange Zeit nachher nichts als ein Komponist gewesen ist, der nebenher mitlief), und dieses Bewußtsein zieht der poetische Kybernetiker mit in konstruierenden Betracht. Einerseits ist er sich ständig seiner Relativität bewußt, anderseits muß er sich um so nachdrücklicher ästhetisch positionieren. Dieser innere Zickzack ist dem Kurs des Schiffes eingeschrieben: es kreuzt vor dem Wind durch ein Realitätsgewässer voller Untiefen, wechselnder Strömungen und Klippen: es kreuzt durch die a-lineare Welt. Tausende Komponenten schlagen hier quer und spleißen die Handlungsstränge in neue und aberneue auf. Dabei spiegelt der Anspielungsreichtum, spiegeln die Links, den matrischen Komponentenreichtum; es b l e i b t insofern bei Mimesis, nur wird nicht mehr eine feste Natur nachgebildet, sondern eben er. Wie ich bereits in der letzten Vorlesung sagte, wird dabei nicht mehr zwischen natürlichen, technischen und imaginären Komponenten unterschieden, ja die Bedeutung verschiebt sich - wenigstens im Rahmen der westlichen Industriegesellschaften - auf das Technische, das längst als ein seelisches wahrgenommen wird. Die gewohnten Hierarchien eines vorgängigen Natürlichen hinauf zu seinen technischen Ableitungen lösen sich auf, die Interdependenzen bekommen etwas flächig Gleichwertiges; damit fällt auch die personale Bindung an Landschaften; Welt insgesamt wird zunehmend Stadt, und kommunikative Infrastrukturen, nicht etwa mehr jahreszeitliche Zirkel, bestimmen die sozialen Verhältnisse. Dieser Prozeß reflektiert (man könnte fast sagen: verdoppelt) sich noch einmal im Netz, wirkt indes aus dem Netz auf Individuen und Gruppen zurück. Entfremdung wird zur existentiellen Grundbedingung, an die sich die Seelen zunehmend assimilieren. Fehlt das so entfremdete Umfeld, wird genau das als Entfremdung wahrgenommen. Ein wie von kleinen Gruppen proklamiertes Zurück zur Natur führte, würde ihm allgemeingesellschaftlich gefolgt werden, zu unabsehbarem Massenelend. Dem kann ein herkömmlicher Realismus, der sich auf naive Formen stützt, die bereits dem 19. Jahrhundert nicht mehr ganz angemessen waren, nicht mehr nahekommen. Der Realismus, >>>> schrieb ich andernorts, ist unrealistisch. Das lineare Erzählen ist es genauso. Soweit es sich auf ein sogenannt Einfaches konzentrieren will, das es damit fetischisiert, trägt es mehr Eskapismus in sich als irgend ein Science-Fiction-Roman der C-Ebene. (Allerdings ist auch die sog. SF meistens auf nichts anderem als einem ins Später verschobenen Realismus aufgebaut; das fällt vor allem in den Bereichen der rein auf Unterhaltung hin verfaßten Romane auf; ich habe darauf ebenfalls >>>> schon an anderer Stelle hingewiesen).

Nun führt eine gerade wie immer auch traditionell erzählte A-Linearität bei heutigen Lesern nach wie vor zur Irritation, viel mehr, als ein auf den ersten Blick sprachexpe­rimenteller Text das täte, von dem man dergleichen erwartet. Menschen denken in Gewohnheiten, die ihnen wie zu Kategorien werden. Zumal gibt es im Kyberneti­schen Realismus ja keinen Vergil mehr, der sie verläßlich bei der Hand nähme, so sehr vertraut Grammatik und Syntax ihnen auch vorkommen mögen. Dieses Unver­traute im Vertrauten ist aus der Phantastischen Literatur entnommen und spiegelt das untergründige Mißtrauen gegen die Selbstentmächtigung durch Technik, der man zugleich bereitwilligst folgt, wenn es um Fragen des Wohllebens geht. Wie sie, die Leser, in die Technik, so ist auch der auktorial erscheinende Erzähler immer selbst schon mit in das strudelnde Gefüge eingebunden, er steht nicht länger darüber. Dem entspricht der Schreibprozeß, sein prinzipiell Dissoziierendes. Nur daß es sich bei Texten des Kybernetischen Realismus eben um letztlich realistische handelt, da mag wie auch immer ins Phantasmagorische weggesurft werden.
Ich habe das Verfahren nach ersten Versuchen in der VERWIRRUNG DES GEMÜTS im zehn Jahre nachher erschienenen WOLPERTINGER-Roman zu perfektionieren versucht; hier wurde die Perspektivenfrage ohne äußere Zutat zentral, also ohne daß ein Erzähler hinzukam, der sich noch als festes Ich, sei es einer imaginierten Figur wie bei Thomas Mann (Zeitblohm etwa), sei des Autors selbst erkennen ließ. Auch da führte mich der Weg in die Spiegelungen, die schließlich einen Kreis aus Wechselwirkungen ergaben. Das war aber nicht von Anfang an intendiert, es war keine vorgängige Konstruktion, sondern entstand rein aus der Schreibhaltung, das heißt, indem ich, wenn auch auf traditionell-sprachlichem Weg, dem Handlungsverlauf gleichsam hinterherschrieb.
Im Endergebnis gibt es drei Haupt-Erzähler des Romanes, die alle Ich sagen können; dazu addieren sich noch kleine Nebenerzähler, die auf die weitere Dissoziation als Möglichkeit hinweisen. Die Grunderzähler sind der Erzähler A, der eine Person B er­zählt, die wiederum als Erzähler einer Person C fungiert; und diese, etwa ab der Mitte des Romans, gibt sich als der Erzähler von A aus; wobei alle drei Erzähler aus verschiedenen Zeiten heraus erzählen: A von 1981 aus, B von 1985, C von 1989. Diese Erzählerursachen wirken auch rückläufig, was deshalb funktio­niert, weil der Roman innerhalb eines überschaubaren Zeitrahmens von sieben Tagen spielt und von daher ein Kontinuum herstellen kann, das ich später mit ANDERS­WELT gänzlich verlassen habe.
Das Grundmodell der Erzählerverhältnisse sieht s o aus: Erzaehlmodell-WolpertingerSie können sich vorstellen, daß daraus diagonale Verbindun­gen der Zeitebenen folgten. Diese führten zu Überlappungen, denen in der Erzählung-selbst die mythischen Überblendungen der handelnden Personen und so­wieso die mythischen Themen entsprachen, die ich seinerzeit zum ersten Mal ange­schlagen hatte. Die Schnittmenge aller drei Zeitebenen ergab den absoluten imagi­nären, mythischen Raum. Um ihn, wie es im WOLPERTINGER-Roman heißt, hatte sich die Zeit herumgebogen; er war das Kontinuum, war die Falle, in der Hans De­ters sieben Tage lang festsaß, bis er, mit einem großen Zeitsprung, das Buenos Aires genannte Berlin der ANDERSWELT betrat:Erzaehlraeume-WolpertingerAuf den Character eines Kontinuums weist übrigens schon der bei über 800 Seiten Umfang irr anmutende Kapitelteil „Intermezzo“ deutlich hin: Hier wird etwas in et­was Begonnenes (das eine Reise ist, eine Transition) hineingeschoben. Am schließ­lich offenen Ende des insgesamt über 1000seitigen Geschehens - offen wegen der einander widersprechenden Epiloge, die das Buch abschließen - haben Sie ein komplettes selbstreferentielles System, das allerdings noch k e i n e Matrix ist, aus dem aber diese drei Ebenen in drei möglichen Fortsetzungen des Zeitstrahls hinaus­führen; der Zeitstrahl selbst spaltet sich auf. Im ersten ANDERSWELT-Roman THETIS wird dann fünf Realjahre später noch ein vierter Epilog hinzugeschrieben. Darin erst wird das System zu einer Matrix, die auch mich selber als eine Figur mit hineinnahm - als eine sich mit allen übrigen Figuren permanent wandelnde Figur. Im Roman MEERE von 2003 habe ich das mit meiner Autobiografie und derjenigen anderer Menschen weitergetrieben; das hat zu dem bekannten juristischen Konflikt geführt. Hergestellt wurde aber eben k e i n e Autobiografie, sondern eine mögliche andere Welt, die ununterscheidbar reale und imaginierte Fakten mischt. Diese Vermischung bildet unsere medial vermittelte Wahrnehmung von Welt ab, also unsere Form von „Wahrheits“findung, und gibt ihr die Form von Kunst.

Ich will hier noch einmal auf das Motto der ersten Vorlesung zurückkommen und betonen, daß sich allesdies nicht absichtlich vollzogen hat; vielmehr hat es sich als eine und vielleicht d i e logische Konsequenz eines Ansatzes ergeben, den ich be­reits 1983 mit dem Roman DIE VERWIRRUNG DES GEMÜTS entwickelt habe, worin es allerdings auch schon um die Frage ging, was denn Realität eigentlich sei. Damals bezog ich mich unter anderem auf >>>> Paul Watzlawick und fing an, mich mit Geheimdiensten und ihrer Kunst der Desinformation zu beschäftigen. Desinformati­on, Täuschung, Wahn sind seitdem Grundkategorien meiner Arbeit. In all den Jahren seither bin ich eigentlich nur dieser Spur gefolgt.
Als ich, im WOL­PERTINGER, zum ersten Mal einen Computer - also sein Innengeschehen als ein ge­schlossenes System - in mein Konzept mit aufnahm, hatte ich übrigens noch gar kei­nen; da eines der Hauptthemen des Wolpertingerromanes ein mythologisches - oder phantastisches - ist und Mythen sich durch enorme Wandlungsfähigkeit auszeichnen, lag es allerdings nahe, nicht mit einem kausallogischen, sondern gleich mit einem biologischen zu spielen - - es ist wohl das gewesen, was mich narrativ in die au­topoietische Matrix geführt hat. Interessanterweise entstanden in nahezu derselben Zeit thematisch ganz ähnlich gelagerte Werke wie >>>> Cronenbergs eXistenZe (1999). Wirkende Themen liegen wie Auren in der Luft. Allerdings finden sie ihren ersten Ausdruck unterdessen viel häufiger in Filmen und Büchern der Unterhaltungsbran­chen als in der Dichtung. Das war einmal anders. Mit ihrem Bedeutungsverlust scheint sie den Kontakt zu den momentan wirkkräftigsten Geschehen mitverloren zu haben.

Hingegen spricht der Kybernetische Realismus deutlich vom Hier und Jetzt und vom Morgen, und zwar von einem, das den Vorhang der scheinselbstverständlichen Si­cherheiten gehoben hat und in das Spiel aus Informationen und Desinformationen mit eintaucht, das er als ein ästhetisches begreift. Deshalb ist Ästhetisierung auch ei­ner seiner grundlegenden Bewegungen. Denken Sie bitte in diesem Zusammenhang an die Auslassungen zur Perversion in meiner zweiten Vorlesung und denken Sie sie mit. Ästhetisierung ist immer eine bewußte Entscheidung für künstlerische Perversi­on. So lautet ja auch der Vorwurf des Moralisten an sie. Aber diese Bewußtheit ist es, die den geradezu monströsen Unterschied zur Unterhaltungsliteratur be­stimmt. Anders als in einem Krimi oder im Landser-Groschenheft wird auch an den brutalen Stellen nie so getan, vor allem: formal nie so getan, als erzählte sich eine Welt, deren Tücken wir genießen können, weil wir von ihnen freigestellt sind. Das uns scheinbar Ferne wird eben nicht als ein eigentlich nicht Existierendes ausgeklam­mert („Das ist ja nur ein Film“); die Bewegung des Kybernetischen Realismus ist vielmehr, anders als im Unterhaltungsmedium, eine der Aufdeckung. Wirklichkeit klammert nicht aus.
Der Kybernetische Realismus, indem er zugleich von Alltagssorgen u n d vom Krieg erzählt, von den Feinheiten intimster Verliebtheit und von den Verstümmelungen, die in den zugleich geführten Kriegen geschehen, rechnet die Klammertermen in den Alltag zurück, und er rechnet uns vor, nach welchen nahezu unausweichlichen Mus­tern wir persönlich gestrickt und wie wir in sie verstrickt sind. Daraus läßt es sich immer nur mit Teilaspekten unserer Ichs lösen, wozu wir diese Ichs wirklich mehrere sein lassen müssen – im bürgerlichen Sinn bedeutet das: indem wir Doppel- und Dreifachleben leben und das so akzeptieren. Auch das entspricht der allgemeinen Realität nicht-festgesetzter - sexuell gesprochen: nicht-verklemmter - Subjekte, auch wenn das dieselben Subjekte offiziell - aus moralischen nämlich, bzw. aus sozialnor­mierten Gründen - nicht zugeben möchten. Der kybernetisch realistische Text erzählt all das - oder doch möglichst viel davon - immer mit. Das ist eine der Ursachen für seine Eignung zu Skandalen, obwohl er doch alles andere als leseerwartungsfreundlich ist und sogar die Idee einer geschlossenen Ganzheitlichkeit-in-sich-selbst auseinanderfällt. Ich ist zahllose andere. Es gibt nicht einmal dasjenige Ich, das die zahllosen anderen einheitlich zusammenfassen und ich-ideal beobachten und werten könnte. Jedes Ich hat ein ebensolches Recht hat wie jedes andere der zahllosen anderen. Dem trägt die Spaltungsästhetik des Ky­bernetischen Realismus Rechnung. Dem trägt die a-Linearität der Handlung Rech­nung. Dem tragen die permanent aneinanderreibenden Ungleichzeitigkeiten, so­wohl persönliche wie historische, Rechnung.
Eigentlich könnte man denken, aufgehobene Linearität führe zu einem Still­stand der Handlung, etwa nach Art der Entropie, bzw. indem sie sich, wodurch eben die Fließgeschwindigkeit verringert wird, delta-artig ausbreitet. Doch wird zwar der Ro­mantext zunehmend breit, aber indem die einzelnen Motive immer gleich ernst ge­nommen und deshalb ihrerseits ständig mit neuen und aberneuen Komponenten syn­aptisch verbunden werden, gewinnt er an Tiefe. Das reißt den nunmehr sehr breiten Erzählfluß mit einer viel größeren Gewalt weiter, als sie anfangs überhaupt auf die Motive gewirkt haben kann. Zugleich nimmt das Disgressive immer weiter zu und betont die Unabschließbarkeit der erzählten Motive. Zwar können sie sich durch­aus, gewissermaßen lebensepochal, in einem alten Sinn erfüllen, also in kleineren Sinneinheiten abgeschlossen und die Erzählfäden traditionell verknüpft werden, aber jedes Ergebnis ist wieder nur ein deutlicher Ausgangspunkt der je nächsten Entwick­lung. In extremem Gegensatz zur Matrix-Trilogie der Brüder Wachowski hat Cronenbergs eXistenZe vorgeführt, wie so etwas aussieht. Die Tendenz zu offenen Enden hatte freilich schon Godard, während Pynchon die Spiralen anhält, indem er am Ende des Regenbogens eine Rakete in das Kino der Handlung einschlagen läßt. Was ein Erzähltrick ist, der sein eigenes Vorhaben endlich zuendebekommen will und deshalb entropisch zerstreut: es dem Wärmetod aussetzt, der einer von Kälte, nämlich stillgesetzter Interaktion ist. In ARGO. ANDERSWELT geht es hingegen nach dem zum zweiten Mal scheinbar endgültigen Kollaps der westlichen Zivilistion zurück in eine Zukunft des Hexameters auf dem Thetismeer, aber eben mit dem Bewußtsein des zuvor durch Generationen Erlebten. Es ist also kein Regreß, sondern ein Rück-Sprung, der sämtliche Energien für erneuerte, wenigstens weitere Zukunft mit im Gepäck hat. Schon Jules Verne wußte von der existentiellen Überlegenheit technisch Erfahrener zu berichten, die es wider Willen in die „reine Natur“ zurückverschlug. Wobei wir uns darüber einmal im klaren sein sollten, daß das, was wir um uns herum erleben, auch auf dem Lande mit Erster Natur schon seit Jahrhunderten nichts mehr zu tun hat, sondern das bewußt gestaltete Ergebnis unausgesetzter technischer Eingriffe ist. Über den deutschen Wald heißt es denn auch im WOLPERTINGER-Roman: „Jeder Weg hindurch führt zu einer Brauerei.“ Ein wirkliches Naturerleben kann man allenfalls noch auf hoher See, an den Kratern tätiger Vulkane, in Wüsten und in den wenigen Gebieten für sich belassener Regenwälder haben; doch wenn Sie >>>> Google's Earth ein wenig an die Hand nimmt, werden Sie sehen, daß auch dort bereits der Kataster die letzte Zurichtung vorbereitet. Rückkehrer zur Natur sollten sich deshalb auf die interplanetarische Raumfahrt vorbereiten. Nur daß die Milch, die dort im All die Naturbrüste geben, vereist ist. Weshalb sie nicht fließt.

Thomas Pynchon hat den Weg der abendländischen, letztlich westlichen Zivilisatio­nen romanpessimistisch als einen Weg zunehmender Verdinglichung beschrie­ben, deren Dinge sich schließlich atomisieren; V., seine Göttin der Geschichte, zerfällt schließlich in von Kindern hinweggetragene Dingstücke. Zusammen mit dem düsteren Prognostizismus einer männlichen Erbschaft permanenten weiteren Todes hält er seinen Lesern einen kommenden Wärmetod vor Augen: Entropie. „Wärme“ heißt das, weil eine Durchschnittstemperatur gemeint ist, die zwar weit über 0 Grad Kelvin liegt, aber eben immer zugleich weit unter jedem lebenserhaltenden Celsius: die Partikel sind so weit auseinandergeschleudert, daß sie nicht mehr kommunizieren können, sich also die für jedes Leben nötigen Wechselwir­kungen nicht mehr vollziehen können. Das ist, abgesehen von dem Kinderzitat, Zivilisationspessimismus pur und spiegelt die Kälte des technischen Environments in den Leser zurück. Bei Cronenberg finden wir dagegen, vermittelt über Ballards Roman, erste freilich unangenehm anmuten­de Ansätze dazu, sich in dem von Donna Harraway so genannten Cyborgism einen Platz zu erhalten. Bei dieser Affirmation geht allerdings erst einmal das meiste dessen verloren, was wir unter dem höchst unscharfen Begriff „menschlich“ verstehen. Dagegen ist es die Zielrichtung eines Kybernetischen Realismus', soviel wie nur möglich dieses Menschlichen - von dem, was für uns bislang die Seele der Dichtung aus­gemacht hat - in die neuen technischen Welten, die ganz zweifelsfrei kommen wer­den, hinüberzuretten. Das kann, in der medialen Vermittlung, nur eine Aufgabe der Künste sein, und zwar jener, die bislang für E galten und für E wieder gelten müssen. Denn wie verdinglicht wir bereits sind, ohne daß wir das merkten, das zeigt kaum eine andere Unterhaltungsform so deutlich wie der Pop, der durch den Vorschein ei­ner Unmittelbarkeit, die doch von höchstem industriellen Kalkül ist, die verdinglich­ten Sachverhalte mehr oder minder verkitscht verschleiert; das eben ist seine Aufga­be. Eine grundlegende Analyse davon haben Adorno und Horkheimer geleistet. In­dem der Kitsch seinen nach Unmittelbarkeit sehnsuchtsvollen Rezipienten eine erreichte Un­mittelbarkeit vorspielt und sie dadurch beruhigt, können sich die technischen Welten nahezu unbemerkt an die Stelle der humanen schleichen. Darüber ist mit Pop-Anhän­gern aber kaum Klarheit zu gewinnen; beispielhaft soll hier ein kleines Streitge­spräch erzählt sein, das ich, der Opernliebhaber, vor einiger Zeit mit einem Chart-Jünger führte: „Ich will den natürlichen Klang der menschlichen Stimme“, hielt er mir vor, „nicht die künstlich hochgezüchteten Artifitialitäten von Opernsängern.“ Er be­griff nicht, daß dieser vorgeblich natürliche Klang nur noch über ein Höchstmaß an Technik aus Verstärkern, Mikrofonen usw. zu haben ist, wogegen der ebenso Gesang eines Opernsängers nach wie vor rein aus der menschli­chen Kehle kommt und keiner technischen Verstärkung be­darf. Genau das hören wir offenbar nicht mehr mit. Verdinglichter können wir gar nicht mehr sein. „Vergnügen heißt allemal: nicht daran denken müssen, das Leiden vergessen, noch wo es gezeigt wird. Es ist in der Tat Flucht, aber nicht, wie es behauptet, Flucht vor der schlechten Realität, sondern vor dem letzten Gedanken an Widerstand, den jene noch übriggelassen hat.“>>>> 9.
Damit, daß diese Entwicklung nicht rückgängig zu machen ist - wäre sie es aber, die Katastrophe wäre ganz besonders barbarisch -, werden wir leben müssen wie mit den Umwälzungen der nahenden Gentechno­logie und einem zunehmenden technischen Morphing der Körper wie einer zuneh­mend feingriffigen Fremdsteuerung der Seelen. Für das, was dieser Begriff immer gemeint hat, ist in den künstlichen Welten der Technologie, von denen wir existenti­ell abhängen, künstlerisch ein Raum zu schaffen. Wenn es uns darauf denn ankommt. Kybernetischer Realismus heißt, es genau hiermit ästhetisch aufzunehmen, und zwar nicht, wie man meinen könnte, in der technischen Kälte, sondern indem wir i h r tun, was sie u n s tun will: sie vereinnahmen und ihr ein Organisches geben, für das unsere Körper - wie die der Tiere und Pflanzen - einstehen. Und unsere Seelen.

Fußnoten zur Dritten Heidelberger Vorlesung.

1
Ich muß mich hier hoffentlich nicht eigens von anderen Vorstellungen Haeckels distanzieren, die dem Nationalsozialismus Futter gegeben haben; >>>> sein Verständnis von „Politik als angewandter Biologie“ ist hochproblematisch, und seine Ideen einer Rassenhygiene sind indiskutabel. Auf Haeckel wie auf andere Intellektuelle ihrer Epoche kann immer nur relative Zustimmung gelten; man vergleiche Luthers Antisemitismus.
2
Aus genau diesem Grund ist es so sinnvoll und genußreich, ein „gutes“ Buch mehrmals zu lesen.
3
Aber es ist nicht verdinglich. Denn schauen wir vom Spiegel weg, bleibt es allenfalls noch als ein ungefähres Innenbild erhalten, dem nicht einmal mehr ein Gefühl völlig entspricht. Daher auch die Fremdheit, die wir, wenn wir uns auf Fotos sehen, empfinden: w i r nehmen uns, wenn wir uns sehen, als spiegelverkehrte Ganzheit wahr.
4
„(...) Angenommen, es hätte Jeder eine Schachtel, darin wäre etwas, was wir ”Käfer” nennen. Niemand kann je in die Schachtel des Andern schaun; und Jeder sagt, er wisse nur vom Anblick seines Käfers, was ein Käfer ist. – Da könnte es ja sein, dass jeder ein anderes Ding in seiner Schachtel hätte. Ja, man könnte sich vorstellen, dass sich ein solches Ding fortwährend veränderte.“ >>>> Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, § 295.
5
„Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!“
>>>> Goethe, Faust I, Studierzimmer.
6
Adorno/Horkheimer, >>>> Dialektik der Aufklärung: „Die mythologisierende Gleichsetzung der Ideen mit den Zahlen in Platons letzten Schriften spricht die Sehnsucht aller Entmythologisierung aus: die Zahl wurde zum Kanon der Aufklärung. Dieselben Gleichungen beherrschen die bürgerliche Gerechtigkeit und den Warenaustausch. (...) Die bürgerliche Gesellschaft ist beherrscht vom Äquivalent. Sie macht Ungleichnamiges komparabel, indem sie es auf abstrakte Größen reduziert.“ Begriff der Aufklärung, S.10/11, FFM 1971.
7
>>>> „Three quarks for Muster Mark”.
8
Auf die Problematik einer solch eurozentristischen Auslegung hat mich Renate Giacomuzzi aufmerksam gemacht. Ich lasse sie dennoch hier stehen, weil ihr Modellcharakter geeignet ist, die Situation angemessen zu veranschaulichen. Tatsächlich befinden sich auch islamische Länder der Dritten Welt n i c h t in einer Situation, die der unseres Mittelalters ohne weiteres vergleichbar wäre, schon gar nicht ist sie mit ihr zu identifizieren – und zwar aus den matrischen Gründen der realen Ungleichzeitigkeit und des Bewußtseins um sie.
9
Adorno/Horkheimer, DdA, a.a.O., S. 130.

Erwiderung auf Benjamin Stein. Die Erste Heidelberger Vorlesung und der Turmsegler.

>>>> H i e r .


[Weitere bisherige Diskussionen der ersten beiden Vorlesungen finden Sie unter anderem >>>> da und >>>> dort.]

Heidelberger Vorlesungen II (1). Der poetische Raum ist immer phantastisch.

Die Metaphysiker auf Tlön suchen nicht die Wahrheit,
ja nicht einmal die Wahrschein-lichkeit: sie suchen das Erstaunen.
Sie sind der Auffassung, daß die Metaphysik
ein Zweig der phantastischen Literatur sei.1)
Borges.

Sehr verehrte Damen, sehr geehrte Herren,

für diese meine zweite Heidelberger Poetik-Vorlesung beziehe ich mich nicht nur auf einen Vortrag, den ich vor dreieinhalb Jahren >>>> anläßlich eines Symposions zur Phantastischen Kunst in Linz gehalten habe, nein, ich mache ihn zu ihrer Grundlage. Das ist an sich unlau­ter. Aber die Positionen, die ich Ihnen während meiner Poetik-Dozentur darstellen möchte, fußen derartig darauf, daß ich entweder dauernd zitieren oder den damaligen Vortrag als be­kannt voraussetzen müßte. Andererseits ist er, zöge ich ihn textgleich heran, nicht umfassend genug. Mir geht es hier ja um eine Neufindung des Realismus-Begriffes und eben nicht nur um Definition und Ableitung dessen, was phantastische Literatur sei. Meine Frage ist: Wie muß eine zeitgenössische Dichtung aussehen, wenn sie unserer Zeit entsprechen und ihr dabei nicht nur ein Spiegel sein, sondern sie auch maßgeblich mitformen will? Dazu komme ich nicht umhin, als einen Raum unter anderen Räumen von Zeitgenossenschaft das Internet zu begreifen. Es handelt sich nicht um ein marginales oder sehr spezielles Segment der neuen Realität und auch nicht um einen, was er aber zugleich ist, Sonderfall phantastischer, näm­lich imaginärer Räume. Aus diesem Grund interessiert es mich, den Cyberraum metaphy­sisch aufzuladen, damit in ihm der Seele dessen, was Dichtung war und vielleicht noch ist, ein Platz reserviert bleibt oder überhaupt erst hinzugestellt wird. Denn ich bin davon über­zeugt, daß das Internet innerhalb weniger Jahrzehnte die vorherrschende weltweite Kommuni­kationsplattform und also kulturbestimmend sein wird. Spätestens dann werden Publikatio­nen im Netz, auch solche von poetischer Natur, eine größere Rolle spielen als sol­che in Buchform, die fast allein ihr Fetischcharacter noch am Leben hält; Disser­tationen aus dem naturwissenschaftlichen Bereich werden bereits heute zunehmend nur noch im Netz publiziert; ihre gedruckte Form ist begründet ins Marginale abgesunken. Ein neuer literarischer Realismus, wie er mir vorschwebt, erfaßt solche Bewegungen mit; er ist anspie­lungs- und bezugsreich, zugleich für die Rezeptionsseite frei, weil den Links, die er vorgibt, nicht gefolgt werden muß, aber kann.
Um Ihnen eine Vorstellung davon zu geben, wie ich Links verstehe, setze ich sie hier Anspielungen gleich. Der neue Realismus, den ich einen kybernetischen nenne, ist anspielungs- und bezugsreich. Da Anspielungen nicht mehr auf der Grundlage einer ir­gend gearteten Universalbildung verstanden werden können, müssen sie ins Konkrete gehen, d.h. auf was sie anspielen, immer schon gleich mitliefern. Diese Funktion übernehmen, bzw. übernähmen in einer Dichtung des Kybernetischen Realismus' die Links. Das Internet selber - eigentlich sind es ja d i e Internets - wird, bzw. werden als der Raum einer ungeheuren Bi­bliothek verstanden, deren Vorstellung innerhalb der Buchwelt wahrscheinlich >>>> Borges am nächsten gekommen ist und für die er die exegetischen Strategien etwa der >>>> Kabbala poetisch fruchtbar gemacht hat. Was ich unter raumlosem Raum verstehe, läßt sich als ein kyberneti­sierter Borges lesen. Folgt man diesem Gedanken, wird, denke ich, deutlich, weshalb sich ein Kybernetischer Realismus stärker auf die >>>> Phantastische Literatur bezieht und, damit zu­sammenhängend, auf den >>>> Magischen Realismus als auf die nachkriegseuropäischen, an der Alltagswirklichkeit orientierten, aufklärerisch profanierenden und dabei deutlich morali­schen >>>> Realismus-Konzeptionen.
Das Gefäß des herkömmlichen Realismus' ist für die Wirklichkeitserfassung zu klein, das ei­nes phantastischen Realismus' aber nicht. Dessen Bezüge und Bezüglichkeiten lassen sich nämlich quasi infinit erweitern. Die Raumlosigkeit des kybernetischen Raums führt über die Be­stimmungslosigkeit (es gibt keine definierten Vektoren, deshalb auch keine festlegbaren Ko­ordinaten) zwar einerseits ins Haltlose (ins Beliebige, werden Kritiker sagen), andererseits aber nimmt sie Potentialitäten auf, Möglichkeiten, die sich erst aus den geschilderten Dyna­miken ergeben oder eben nicht ergeben. Beides hat strategisch erst einmal den gleichen Wert. Eine solche >>>> Möglichkeitenpoetik zieht dem >>>> Satz vom Ausgeschlossenen Dritten den Boden unter den Füßen ganz ebenso weg, wie ihn die Konzepte fester, autonomer Identität verloren haben. „Ich, das ist die Person, die mein Gehirn sich denkt“, lautet die Visitenkarte einer Mitspielerin in >>>> sadomaso-chat.de - von der selbstverständlich auch erst einmal nicht klar ist, ob es sich nicht um einen Mitspieler handelt. Die >>>> Gender-Frage nach festgeschriebenen Geschlechtsidentitäten geht ebenso wie Morphings und >>>> Body-Mutilations nicht von ungefähr mit der kybernetischen Revolution einher, möglicherweise mit Folgen, die bis in die praktische Anwendung der „humanen“ Genforschung reichen werden. Was noch vor einhundert Jahren reine Ausgeburt von Phantastik war, ist realitätsfähig geworden.
Man mag das bedauern, erschreckend finden oder sogar bekämpfen, aus der Welt ist es nicht mehr fortzubekommen, allenfalls ethisch normierend an die Kandare zu nehmen. Indes habe ich auch da meine Zweifel: zu unterschiedlich in einer dennoch globalisierten Welt sind die Einzelinteressen allein der Nationen. Es ist schlichtweg Unfug, Stammzellenforschung in ei­nem Land zu verbieten, während ein anderes sie mit juristischem Recht und gestaltender Ab­sicht radikal vorantreibt. Man holt sich imgrunde nur existentielle Nachteile ein.
Wie flüssig moralische Normen werden, läßt sich im Internet vorzüglich beobachten, und zwar dort an einer der beiden Hauptsäulen seiner Finanzierung: in der Pornographie. (Die andere Säule ist nach wie vor die militärische Zweckforschung, >>>> aus der das Internet hervorgegangen ist). Wir kennen von Nation zu Nation rigoros unterschiedliche Normen für das, was gezeigt und getan und nicht gezeigt und nicht getan werden darf. In Japan gibt es ein Verbot, primäre Geschlechtsorgane abzubilden; das Verbot ist unterdessen völlig sinnlos, weil die globale Vernetzung es unterläuft. Ähnliches gilt für das deutsche Sodomie-Verbot, das bereits in Italien keine juristische Basis mehr hat. Daß aufgrund solcher Grundumstände gerade auch religiöse Normen nicht nur relativiert, sondern massiv attackiert werden, dafür ist, in seinen militanten Widerstandsformen, der dogmatische Islamismus ein Beispiel, der sich genau dagegen auflehnt. Für >>>> die radikalen Christen, die von den USA her allmählich zu uns rüberschwappen, gilt das fast noch mehr. Übrigens wäre auch der siegreiche >>>> Ein­zug des BDSM in die großstädtischen Moden ohne das Internet völlig unmöglich gewesen. Von der Bedeutung, die unterdessen Kontaktforen für die Paarfindung und -bildung haben, sprach ich bereits >>>> in meiner letzten Vorlesung. Der erste bereits sexualisierte Flirt wird von 12- bis 14jährigen mittlerweile weniger in der sog. Realität erlebt als in den raumlosen Ima­ginationsräumen von >>>> knuddels.de oder >>>> habbo-hotel. Schon hier ist zu beobachten, wie eng sich die Raumlosigkeit des imaginären Technischen an die alltägliche dingliche Realität ge­bunden hat. Insofern Imaginationen per se phantastisch sind, mag Ihnen auch von daher deutlich werden, weshalb ich für die Entwicklung einer nach-postmodernen Poetik entschieden stärker auf phantastische Modelle zurückgreife als auf sogenannte realistische.

Tatsächlich ist das Internet ein Gegenwart gewordener phantastischer Raum und faßt die In­gredenzien phantastischer Räume fast völlig in sich zusammen... zieht sie zusammen, focus­siert sie und, eben, läßt sie praktisch werden. Obwohl diesem Umstand eine materialistische, nämlich technologische und damit streng funktionale Entwicklung voranging und immer noch parallelgeht, stehen wir im wahrgenommenen Ergebnis einerseits vor einem Sieg des Idealismus' über die Materialität, andererseits - und ihn genau verstärkend - sind wir auf­grund der neuen Unüberschaubarkeit von Wirkfaktoren auf mythische Verhaltensweisen zu­rückgeworfen, um uns Zusammenhänge noch einigermaßen praktikabel erklären zu können. Das liegt sicher unter anderem an der Schnelligkeit der Entwicklung, die manches von einer Mutation hat, obwohl ihre Grundlagen banaler nicht sein können, als sie es sind. Sie sind aber aufgrund ihrer Quantität nicht banal. Quanität schlägt hier in Qualität um und zieht den Grundlagen selbst völlig ferne Mythologeme nach sich. Darauf hat meines Wissens zuerst Lévi-Strauss hingewiesen. Es ist nicht unbezeichnend, daß mit der Revolution der Computer­technologie gerade esoterische Welterklärungsmodelle wieder en vogue gehoben wurden und neuerdings auch der Glaube weltweite, teils radikale Renaissancen erlebt; und dies eben nicht nur in den sog. zurückgebliebenen Ländern der ebenso sog. Dritten Welt, sondern in technisch vorauslaufenden wie den USA. Die Revolution des Technischen ins All­bestimmende und die Esoteriken entwickeln sich parallel, weil sie sich gleichermaßen dem menschlichen Zugriff entziehen, das Esoterische aber Absichten vertritt, anthropomorph ist, hingegen sich das Technische als ein fühlloser, ja an persönlichen Schicksalen desinteres­sierter Prozeß darstellt. Hierin bebildert es Thomas Mann: >>>> (...) wenn man von „Drohung“ sprechen kann in Hinsicht auf blinde und unwissende Elemente, die es nicht darauf abgese­hen haben, uns zu vernichten, was vergleichsweise anheimelnd wäre, sondern denen es auf die ungeheuerste Weise gleichgültig ist, wenn das nebenbei mit unterläuft.
Gegen dieses sind das Esoterische und Religiöse Einsprüche der Selbstbehauptung, unabhän­gig davon, daß sie das Subjekt nicht minder ausliefern. Doch ihr Klang ist menschlich-warm. Deshalb sind sie eben nicht eine Form psychischer Abwehr, d.h. von Verdrängung, sondern Be- und Verarbeitungsmodi: nicht Eskapismus, sondern eine aufstampfende, trotzi­ge Anwort auf die Entmächtigung des Individuums. Auch ihr entspricht eher als der her­kömmliche, der Aufklärung verpflichtete Realismus die Phantastik. Das läßt sich aus dem ebenfalls parallelen Siegeszug der Unterhaltungs-Fantasy lesen.
Nun kann man einwenden, >>>> die Übertragung einer klassisch/herkömmlichen Kategorie wie derjenigen des Raumes auf Computer und Monitor sei illegitim; ich meine hingegen, daß sie geradezu notwendig ist, weil es um Poetisierung geht, deren Grundlage nichts ande­res sein kann, als etwas, das der gefühlten Wirklichkeit so nahe kommt, daß sich literarische Bilder daraus gewinnen lassen. In diesem Sinn ist der erste Satz von >>>> William Gibsons Ne­w-romancer-Trilogie mit völligem Recht stilbildend gewesen, der die Färbung des Himmels mit dem eines Fernsehbildschirms vergleicht. Hier kehrt sich Mimesis um: Technik, nicht mehr die ihr vorgängige Natur ist nun das Original, mit dem sie, >>>> Natur jetzt als Nachgän­giges, verglichen wird.

Der Himmel über dem Hafen hatte die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal eingestellt ist.


Zum Raumbegriff des Virtuellen hat sich eingehend hier >>>> der dem Fraunhofer-Institut zugehörige Peter Zoche geäußert. Auch das sei den Einwänden erst einmal entgegengehal­ten, wohl wissend, daß es eine Differenz zwischen realem und virtuellem Raum nach wie vor gibt; im Erleben wird sie aber irrelevant. Deswegen habe ich in meiner ersten Vorlesung auf die in ihrer Intensität mit der dinglichen Realität völlig vergleichbare Möglichkeit hingewie­sen, sich innerhalb virtueller Räume schwer zu verlieben, und zwar auch dann, wenn die Per­son der Zuneigung möglicherweise avatarer Natur ist. Dies läßt übrigens einen Rückschluß auf reale Verliebtheiten und Lieben zu, der uns wenig angenehm sein kann, den auszuführen es hier allerdings auch nicht der passende Platz ist. Ziehen Sie Ihre Schlußfolgerungen erst einmal selbst.

Der phan