Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

Marlboro, Prosastücke, 1981 Die Verwirrung des Gemüts, Roman, 1983 Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger, Lamento/Roman, 1986 Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, 1993, 2001 Wolpertinger oder Das Blau, Roman, 1993, 2000 Eine Sizillische Reise, Fantastischer Bericht, 1995, 1997 Der Arndt-Komplex, Novellen, 1997 Thetis. Anderswelt, Fantastischer Roman, 1998, (Erster Band der Anderswelt-Trilogie) In New York, Manhattan Roman, 2000 Buenos Aires. Anderswelt, Kybernetischer Roman, 2001, (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie) Inzest oder Die Entstehung der Welt, Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, 2002 Meere, Letzte Fassung 2007. Bei Volltext. Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen, Poetische Features, 2004 Die Niedertracht der Musik, Dreizehn Erzählungen, 2005 Dem Nahsten Orient / Très Proche Orient, Liebesgedichte, 2007 Meere, Letzte Fassung 2007 Aeolia.Gesang / Stromboli. Mit den Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage, 2008 d e

 

Krieg

Embryohybriden. Stammzellenforschung als Anthropovolution.

A large dairy animal approached Zaphod Beeblebrox's table,
a large fat meaty quadruped of the bovine type with large watery eyes,
small horns and what might almost have been an ingratiating smile on its lips.
„Good evening,“ it lowed and sat back heavily on its haunches,
„I am the main Dish of the Day. May I interest you in parts of my body?
(...) Something off the shoulder perhaps? (...) Braised in a white wine sauce?“
„Er, your shoulder?" said Arthur in a horrified whisper. „But naturally
my shoulder, sir,“ mooed the animal contentedly, „nobody else's
is mine to offer. (...) Or a casserole of me perhaps?“ it added.
„You mean this animal actually wants us to eat it?" whispered Trillian to Ford.
(...) „That's absolutely horrible," exclaimed Arthur, "the most revolting thing
I've ever heard.“
Douglas Adams, The Restauerant at the End of the Universe.

Eine gewisse Regression liegt schon darin, Weiterentwickeltes mit Einfacherem zu verschneiden; der Sinn ist Praktikabilität, auch rettende. Wo aber Rettendes ist, wächst die Gefahr auch. Auf dem Designtisch der Labore liegt nun der Mensch, und eben nicht als Körper, sondern in seiner ganzen Anthropologie, die >>>> das britische neue Gesetz zur Stammzellenforschung immerhin noch mit gewohnter Natur kombiniert und so bis zu vierzehn Tagen Dauer leben lassen will. Danach wird getötet. Bei Knochenmark reichen vierzehn Tage aber nicht. Zehn Kilogramm solle, heißt es, ein Spender schon wiegen; da wär so ein Kind dann etwas älter als zwei Jahre.
Es geht um die Herstellung minderwertigen Lebens: um lebende Ersatzteillager, die für Ersatzteile gezeugt und deren Körper wie Geräte nach nutzbaren Modulen ausgeschlachtet werden. Welch hübsches Bild, in zweierlei Kleidchen, wenn die pubertierende Kranke ihr Schwesterchen zum Spielplatz führt, das ihre Zweitorgane trägt. Und wie wohl nennen's die Eltern? „Rückenmärkchen, magst ein Eis?“
Es geht um die Herstellung minderwertigen Lebens. Um die Frage nach dem Eis zu vermeiden, die zu ihrer gewiß auch so empfundenen Peinlichkeit vor allem eine nach der Zwischenlagerung ist, sollten nach Art von Farmen organisierte Heime eingerichtet werden, was wiederum nach deren Finanzierung fragen läßt. Es empfiehlt sich, die Eltern zu einer Kindersteuer beizuziehen, einem sozusagen umgedrehten Kindergeld, zu zahlen von denen, die sich gegen solche Krankheiten ihres Nachwuchses versichern lassen wollen, die organische Materialspenden erfordern.

Es liegt auf der Hand, daß ein Ausstieg aus der Stammzellen- und Hybridenforschung oder überhaupt der Verzicht auf sie unmöglich ist, wo sich Sozialitäten weder mehr nach Staaten noch gar Familienverbänden organisieren, geschweige von äußeren Einflüssen mehr abschirmen können. Da kann der Islamismus bomben, was er will. Es wird bei den vierzehn Tagen, schon gar den zwei Jahren nicht bleiben, denn schon für Anti-Terror-Zwecke entwickeln wir den Wolfssoldaten; kein Werwolf muß nun mehr erwachsen. Und auch der Mythos kommt zu sich, von dem wir den Halbgott klug subtrahieren, sonst wäre ein Ersatzteilleben ja m e h r als seinen Mehrwert wert.

Das ist nun insgesamt ein Rückfall, der zugleich die wichtigste Nachricht für die ganze Menschheit ist. Am Fuß jeden Fortschritts steht ein Regreß. Dem f o l g t erst das Hirn in Maschinen. Das >>>> Institut für Stammzellenforschung in Wolfsburg, fusioniert um >>>> Lion Bioscience.

Mal wieder Penny. (Penny-Markt 4).

Sie gibt mir den Bon, den ich nie will, so, daß ich ihn nehmen m u ß, nämlich das Restgeld darauf, in die Hand. Ich versuche, das Restgeld ohne den Bon in das Portomonnaie-Täschchen zu befördern, dabei rutscht ein Cent hinab, kullert auf die Ablage, kullert hinunter und kreiselt sich ganz nah an der Verkäuferin in Ruhe.
„Oh, er möchte bei Ihnen bleiben.“
„Das geht nicht. Ich muß ihn sonst einbuchen.“
„Einen Glücks-Cent? Der ist doch für S ie, für Ihren Tag. Lassen Sie ihn dafür hier.“
„Das darf ich nicht. Das ist verboten.“
„Gott, ist das albern!“
Empört sieht sie mich an.
[Kategorie: Menschenliebe.
Unterkategorie: Für wen schreiben Sie?]

Penny-Markt 3 <<<<

Ich, Hagen, ich! – Zur Ehre eines Henkers.

HAGEN
mit furchtbarem Trotze herantretend
Ja denn! Ich hab' ihn erschlagen!
Ich - Hagen - schlug ihn zu Tod.
Das wäre das Mindeste: daß der Delinquent seinem Henker ins Gesicht schauen kann, daß man ihn nicht zwingt, vor dem Tod den Blick zu senken. D i e s e n Stolz ihm zuzugestehen, wäre wahrlich ein Wenigstes… und zwar für den Henker. Daß e r sich hinstellt und sagt: Ja, ich tu’s! Sieh mich an, ich vollstrecke. (Wobei es f ü r die Todesstrafe ein kleines Moment gäbe: vollstreckte nämlich der Richter s e l b s t, der das Urteil sprach… und begleitete er und begleiteten all die, die es mitsprachen, den Delinquenten auf seinem – so weit wir wissen – letzten Weg: wenigstens eine Nacht die Todeszelle mit ihm und auch die Henkersmahlzeit teilen und einmal bei ihm schlafen, a l l e, die Richter, die Schöffen, die Staatsanwälte. Man würde, seien Sie sicher, mit solchen Urteilen sehr zurückhaltend werden. Das Problem hier ist nämlich ebenfalls eines der Entfremdung und keines des strafend jemanden-Umbringens-an-sich.)
Und umgekehrt desgleichen. Bei einer Erschießung wird dem Delinquenten eine Binde über die Augen gelegt, auch er soll nicht offenen Antlitzes sein – Verweigerung, daß er noch Stolz habe. Was nun, wenn er sich wehrt? Was nun, wenn ein zu Erschießender sich weigert, diese Binde zu nehmen? Ah, man wird sie ihm mit Gewalt aufpressen, wird ihn niederringen, ihn schlagen womöglich, damit er nicht mehr sehen , damit man sagen kann: Du bist n i c h t s! – In dieser Imagination von Gewaltsamkeit der Henker wird vollkommen klar, was die Todesstrafe in Wahrheit i s t. Sie wollen nicht angesehen werden, nicht die Henker, nicht die Richter. Es ist das geheime Symbol ihrer Scham. Es verbirgt, daß sie wissen.

Jeder weitere Beitrag "Pausenbrot"s wird fortan gelöscht.

Da diese Beiträge, ohne zu argumentieren, nur verunglimpfen. Ich habe Pausenbrot auf die Sperrliste gesetzt. Sollte dennoch ein weiterer - nicht-argumentierender - Beitrag von diesem Kommentator hier erscheinen, wird er ebenfalls gelöscht werden.

(Sinngemäß schrieb 'pausenbrot' zu >>>> d i e s e m Komplex folgendes: "W i e d er ein Mißbrauch für Mißbrauchs-Literatur." Ohne daß dieser doch sehr scharfe Vorwurf begründet wurde. Wäre er das, es wäre darüber zu diskutieren gewesen. Ohne Argument aber nicht; sondern so ist es pure üble Nachrede - und im übrigen nicht nur mir, sondern vor allem den Kommentatorinnen gegenüber von ausgesprochenem Mangel an achtender Sensibilität.
Ergänzt nach der Lektüre einer intensiven Leserinnen-Email, die mich eben erreichte.
Und nachdem ich auf sie geantwortet habe. 15.43 Uhr.
)

Die politische Korrektheits-Suppe ODER Der kämpfende Dichter und das Primat der Introvertiertheit. Zur Gewalt. Zum Kriegs- und Kampfbegriff. Briefwechsel mit dem Verleger.

DIELMANN(…) Als ich vor paar Jahren >>>> das {4.55 Uhr, zweiter Absatz ff.} einmal jemandem zu erklären versuchte, und auf wüste Ablehnung stieß…ANH Wie sah diese Ablehnung denn aus, zumal wüst? Und Ablehnung wovon? Daß meine 'Martialität' Vorteile habe? Interessant in diesem Zusammenhang eine Erzählung LH’s: Er habe mit den XYZ-Leuten zusammengesessen, meinen Namen genannt - und folgendes dann zu hören bekommen: "Der Herbst ist ein verdammt guter Mann. Aber er macht zuviel Entertainment, er stellt sich zu sehr in die Öffentlichkeit." Es habe sich dann ein kleines Streitgespräch entfacht, worin Hesse darauf aufmerksam gemacht habe, welche Bedeutung meine Netzpräsenz habe und sie, die XYZ-Leute, hätten ja bei meiner Einlassung >>>> zu der Kafka-Angelegenheit deutlich zu merken bekommen, welche Kreise das a u c h wegen des Dschungelbeitrages gezogen habe. Hier spiele jemand auf den Saiten einer neuen Literatur-Strategie; das sei mir wohl kaum zu verübeln. Was bleibt: 1) Die haben offenbar vor meiner Literatur selbst hohe Achtung. 2) Es stört sie, daß ein Autor s e l b s t seine Literaturauffassung durchkämpft. Autoren sollten die Zurückhaltung Kurzecks und Genazinos zeigen. Das heißt, den Leuten ist ein nicht-introvertierter Autor verdächtig - vielleicht, weil er unbequem ist. DIELMANNDie Ablehnung zum Stichwort »martialisch« war zunächst eine Ablehnung der Sache: Vor diesem Kämpferisch-Sein, vor der, sagen wir: Kampf-Lust (wo es um was Entscheidendes geht), ist Angst. Ist ja nach wie vor verbreitet wie Milben, daß Leute sich in einer öffentlichen Veranstaltung mit regelrecht nassen Hosen fürchten, aufzustehen und etwas zu sagen, geschweige denn die Hand mal zur Faust zu rollen, wenns denn sein muß, die würden glatt den Daumen in die Hand einrollen und ihn sich brechen, boxten sie. Daumenhalten statt Faust (wenigstens) zeigen. – Das andere ist, daß bei denjenigen im Betrieb, die Deine Familiengeschichte kennen, gleich die Kette aufspringt: Kampf = Krieg = Faschisten – schwup, bist Du in der braunsten Schublade. Daß die Leute keine kalibrierten Begrifflichkeiten (und handhabbaren Vorstellungen) von Meinungsverschiedenheit – Auseinandersetzung – Streit – Kampf – Schlacht – Krieg (etc. und zig Zwischenstadien) haben, ist einerseits »natürlich« ideologisch bedingt, weil unisono an Gewalt gekoppelt, und inzwischen ist bei etlichen die Mitteilung einer Meinungsverschiedenheit bereits psychische Gewaltmaßnahme einem andern gegenüber … Ich überzeichne (geringfügig), aber der Kern gilt.
Jetzt kommt folgendes dazu: Sicher hat man (nicht nur bei den XYZlern) viel Achtung vor Deiner Arbeit und schätzt Deine Literatur. Und sicher stört es viele Leute des Betriebes, daß ein Autor s e l b s t seine Literaturauffassung durchkämpft – den Leuten IST ein nicht-introvertierter Autor verdächtig, aber nicht, weil er unbequem im landläufigen Sinne ist. Sondern, weil er sie selbst darauf verweist, was sie eigentlich tun müßten: Antreten! Nun ist das bei einem wie Z. sicher kein Problem, der tritt ja gerne, an und aus und überhaupt (ich halte ihn da nachgerade für ein Vorbild), aber er weiß dabei auch, daß ein selbst-antretender Autor ALLE darauf verweist, daß sie antreten müßten. Es aber nicht tun: die Lektoren, die Verleger, die Feuilletonisten, die Buchhändler, ja, letztlich dann sogar die Leser, beim Weiterempfehlen nämlich dessen, was wichtig ist, Wucht hat, eben: die Auseinandersetzung lohnte. Und damit forderst Du implizit alle heraus, eintreterisch, bewußt, entschieden zu sein. Was sie eben nicht sind, sich nicht trauen, oft einfach zu müde sind, obwohl das sicher zu den meisten Selbstbildern dazugehört: sich zu trauen, entschieden aufzutreten, bewußt zu sein – und damit bist Du / ist der selbst-durchkämpfende Autor / Künstler / Mensch dann generell eine doppelte Provokation.
ANHDie spinnen, mit ihrem "Braun"... hat nicht das demokratische Deutschland jetzt selbst Soldaten im Krieg? Also solch ein Unfug. Außerdem sollten die alle mal Bloch lesen, dessen Aufsatzsammlung "Kampf, nicht Krieg" es wahrlich lohnt. Und darüber hinaus: was ist das für ein unrealistisches Weltbild... als w ü r d e nicht das meiste eben durch Kampf entschieden...
Impotenz, wohin man blickt...
Und natürlich, wenn keiner selbst für die eigene Sache kämpft, dann m u ß man's doch tun, selber. Oder man geht unter. So einfach ist das.
P.S.: Diesen Briefwechsel, vor allem die Kriegs-Partien, stellte ich gern in Die Dschungel ein... entsprechend zurechtformuliert. Einverstanden?
DIELMANN... ja, Du hast völlig recht, und ja, stelle das ruhig in den Blog ein. – Ich glaube übrigens, daß diese »Braun«-Vorwürfe mehr eine fadenscheinige Ausrede sind, meistens jedenfalls, weil's angenehmer ist, auf die Nazi-Gräuel anzuspielen, als sich einzugestehen, daß man lieber die Klappe hält, wo man sie auftun müßte. Persönlich will ich da aber auch nicht den ersten Stein ... in beiderlei Sinn – weiß nämlich, welcher bittere Lehrstoff das ist, sich aus den zugeklebten und vernähten Mäulern rauszustottern und mählich in geraden Gang zu kommen, wenn Du's nie und nirgends zu sehen bekommen hast! – – Herrn Z. rausnehmen, bitte.

Ribbentrop.

In dem Moment, in dem sich einer meines Namens „outet“, gerät die gesamte mit diesem Namen verbundene Geschichte in Bewegung, und also auch Privates. Das unterscheidet einen historisch belasteten Namen wie den der Ribbentrops prinzipiell von jedem Schulze. Man muß das nicht wollen, aber es k o m m t; und da Schuldverhängnisse keine Allgemeinen sind, sondern immer Private, zumal wenn sie ein Nachgeborener rein objektiv nicht zu vertreten hat, gerät selbstverständlich das Private rigoros ins „Spiel“. Es i s t nämlich – in solch öffentlichen Familien-Geschichts-Verhältnissen nicht mehr privat. Das haben einige >>>> dieser Kommentatoren nicht begriffen, und vielleicht können sie das auch gar nicht. Es ist etwas anderes, ob man einen SS-Schergen in Auschwitz als Ahnen hatte, der Meyer hieß wie Tausende, oder einen Außenminister des Dritten Reichs in der nominal nächsten Ahnenliste, der für das Unheil-als-Ganzes stand, und der deshalb noch späteren Generationen auffällt, weil nur noch zehn Leute so heißen, von denen drei in der Öffentlichkeit stehen. Sein Name ist Stigma – und keines des verkündeten Heils. Das ist bei jedem ‚Schulze’ anders, oder ‚Bäcker’, oder ‚Goebbels’ – sogar ‚Eichmann’ ist von einem solchen Verhängnis nahezu frei.
Die Angelegenheit ist höchst ambivalent. Nämlich die Hoffnung, eines Tages sei der Name von seiner speziellen Schuld rein, weil ihn keiner mehr zuzuordnen wisse - bei vielen jungen Leuten bereits heute der Fall und für meinen Jungen wahrscheinlich ein Segen -, ist zugleich mit Geschichtsvergessenheit verbunden; und das wiederum kann nicht gut sein. Wer also gesellschaftsmoralisch mit diesem Namen umgehen will, muß zugleich die Erinnerung an die Schuld aufrechterhalten - aber individualisierend. Es haben nicht ‚die Ribbentrops’ Anteil an der Schuld, sondern eine ganze bestimmte Person aus dieser Familie hat es, und n u r sie. Insofern ein Name aber ungewöhnlich und selten ist und zu einer einzigen Familie gehört, hat er mehr als nur die Tendenz, zum Label zu werden; über dieses strahlt die Schuld dann auf die Nachkommen aus, die schuldhaft mit etwas konfrontiert werden, das sie persönlich gar nicht vertreten können. Dennoch werden sie zu Trägern. Dieser Prozeß scheint mir einer zu sein, der sehr deutlich macht, was ein Verhängnis eigentlich i s t.
(Ein wieder-anderes ist, daß derselbe Name - in kulturellen Zusammenhängen wie ein schlimmes Mal – in Zusammenhängen des Wirtschaftslebens durchaus förderlich ist. Das ist bei dem Namen Ribbentrop entschieden der Fall. Und sagt a u c h viel über Deutschland.)

Die Dschungel und "die Nazis".

Ihnen >>>> schlüge Euka-pirates sie gern zu. Oder gar mich persönlich. Es mag sein, daß, jedenfalls für m e i n e n 'Fall', >>>> seiner Vorstellung von "Erbe" auch eine von Schuldvererbung über den Namen, also eine genetische, unbewußt unterknüpft ist. Ich habe >>>> so reagiert. Immerhin liest er Lobo Antunes; da müßt' er's doch eigentlich besser wissen...

[Man möchte s c h o n gern erfahren, wer dieser Hansel i st. Aber er gibt nur seine EmailAdresse - eukapirates@web.de - und eine Art copyright-Vermerk für sein Weblog an.]

Zu Gewalt, Pornografie und „Unmoral“.

Die Annahme, es werde Gewalt durch diejenigen ausgelöst, die öffentlich über sie nachdenken oder ihre Erscheinungsformen gestalten, verschiebt die Gründe von Gewalt auf ihre Darstellung: Sie soll verheimlicht bleiben, Gewalt selbst, vor allem aber sollen es jene. Dabei ist es letztlich sehr ungesichert, ob ein gewaltverherrlichender Film auch nur die Bereitschaft zur Gewaltausübung lockert oder ob nicht vielmehr umgekehrt die Bereitschaft immer schon da und einerseits (Aggressivität) über die Art vererbt ist, die sich erhalten will, und andererseits aus erlittener Erfahrung scharfgemacht wurde – und unscharf, eben in der Rezeption etwa „gewaltverherrlichender“ Medien, seinen Ausgleich sucht, nämlich je nach persönlicher Bildung (die wiederum nicht vom Individuum verschuldet ist*) in Action und/oder Horror und/oder harter Pornografie oder (und/oder auch hier!) in der Kunst. Hinzu kommt, daß ein solcher Ausgleich von gewaltkritischer Darstellung, indem sie dennoch gestaltet wird, ebenso erreicht wird wie von gewaltaffimativer. In Hinsicht auf das, was wir sehen (empfinden), spielt die Absicht der Darstellung gar keine Rolle. Wer also gewaltverherrlichende Filme verbieten lassen will, weil sie vorgeblich die aktive Gewaltbereitschaft erhöhen, muß im selben Moment j e d e Form der Gewaltdarstellung verbieten, also auch die kritische und solche, die eindeutig der Kunst zugehören. Es wird dann ein internalisiertes Schweigetabu zur gesellschaftsmoralischen und möglicherweise strafjustiziablen Norm. Dasselbe gilt für pornografische oder sonstwie an Sexualität gebundene Darstellungsformen. Der (sehr gute) von mir bereits besprochene Spielfilm >>>> „Irreversible“ ist dafür ein exquisites Beispiel. Die darin ausführlich inszenierte Vergewaltigungsszene ist zugleich erschreckend, wie sie doch eine bereite Gewaltlust befriedigen und, sollten die Verdränger recht haben, >>>> „geistig labile Menschen“ dazu bringen kann, ein solches Verbrechen zu begehen. S o gelesen, wären aber auch dezidierte Anti-Kriegsfilme letztlich Kriege befördernde Filme. Graduell abgestrichen, gälte das dann für die entsprechende Dichtung ganz genau so, zumal die der antiken Klassik, aber auch für die Bibel, die von Gewalt- und Ausrottungsfantasien gerade im Alten Teil viel weitergehender strotzt als etwa der Koran, der sich allerdings auf das Alte Testament immer wieder deutlich bezieht.
Die Alten hatten zu alledem ein klügeres Verhältnis: Sie wußten sehr wohl, daß der Schrecken „reinigend“ (kathartisch) auf den Betrachter wirkt, daß gerade die Konfrontation mit ihm es ist, was zivilisiert. Die political correctness will das absichtsvoll vergessen machen, weil sie letztlich in j e d e r ihrer Ausformungen (das heißt auch in derjenigen einer „gender correctness“) absolut unterm Diktat eines demokratischen Kapitalismus’ steht, dem es um Mehrwertschaffung und n u r um Mehrwertschaffung geht. Wir wissen etwa unterdessen von Hans Christian Andersen und Lewis Carroll, daß sie starke pädophile Neigungen hatten; beide würden heute mit großer Sicherheit an den Publikationen ihrer Erzählungen gehindert werden, die gleichwohl zu den tiefen poetischen Schätzen der Weltliteratur gehören. Der Einwand des unmoralischen Einflusses beträfe übrigens ebenso Nabokovs berühmtes Lolita-Buch, das s o, anders auffälligerweise als in der McCarthy-Ära, heute nicht mehr erscheinen könnte. Insgesamt wirkt jetzt ein auf verteufelte Weise sich für ‚human’ erklärendes Reaktionäres in den Menschen, insbesondere in der privaten Zensur und Selbstzensur. Dem geht global die Tendenz zu Glaubenskriegen völlig parallel, sowohl hie wie da.
Insoweit eine öffentliche Auseinandersetzung mit geschädigten Moralnormen (etwa anhand von BDSM, von aggressiven/submissiven Tendenzen im Sexualleben oder zum Beispiel weiterwirkenden Instinkten und deren Bejahung) für „kinderverdebend“ erklärt wird, begibt der Kritiker sich in die Rolle eines Zahnarztes, der nicht etwa heilend eingreift, sondern der Karies moralisch v e r b i e t e t zu sein und, ist Karies ausgebrochen, den Patienten dafür vor Gericht zerrt. Die Suche nach Gründen wird durch das moralische Verdikt ersetzt, wodurch dann letztlich das objektiv begründete erst richtig, nun aber verborgen, durchgreifen kann. Dahinter steht letztlich magisches Denken: wenn ich etwas beschwöre, daß es nicht sei, dann werde es auch nicht. Und schaffe sich gleichsam religiös ab.

[*) Und zwar weder, wenn man an angeborene „Begabung“ glaubt, noch wenn man das nicht tut oder meint, b e i d e s wirke hier: Sozialisation u n d Genetik; der Genetik entspräche für Sexualität die testosteronale Verteilung, die unter Männern selbst signifikant unterschiedlich ist, ihrerseits auf eine gedämmte oder befeuerte Aggressionsbereitschaft wirkt und besonders bei jungen Männern hohe Konzentrationen aufweist: aus diesem Grund werden besonders ‚gerne’ Soldaten eingezogen und eingesetzt, die sich an der Schwelle einer beginnenden Männlichkeit befinden, zu der schließlich das Vaterwerden gehört. Dieses darf noch nicht faktisch erreicht sein, muß aber biologisch auf der Schwelle stehen; den ‚Halbstarken’ wird dann vermittels eines sie scharf kanalisierenden militärischen Apparats – verstärkt von der lebensbedrohenden Situation, in der sich aktive Kämpfer befinden – Sexualenergie in Mordbereitschaft, ja Mordwille herumgedreht. D a s ist - dieses Wort im banalen Allgemeinverständnis und nicht im erkenntnis- und kunsttheoretischen Sinn verwendet - pervers, nicht hingegen der durch pornografischen oder Action-Konsum erstrebte, wahrscheinlich sogar mildernde Versuch, die inneren Kräfte zu beruhigen. Geschweige denn die Anstrengung, sich gestalterisch und denkend den in uns wirkenden Kräften zu nähern und uns ihnen zu stellen, sowie sie dadurch zuzugeben.]

Es paßt zu gut. Der Libanon und der Terrorismus in Deutschland, sowie in Europa: "hierzulande" also.

„Bombenattentäter gefaßt!“ titelt die BZ. Und: „Die Spur führt in den Libanon.“ Es geht um den vereitelten Kölner Anschlag auf die Bahn. Kurz vorher, wegen des terroristischen Londoner Attentats, blickte gerade in Boulevardzeitungen ebenfalls „die Spur in den Libanon“ fingerweisend durch. Pünktlich wird danach der „libanesischen“ Versuchsattentäter von Köln gefaßt, den man so lange nicht aufspüren konnte, als noch nicht klarwar, was man politisch mit ihm anfangen könne. Diese Wähnung ist bizarr, Die Dschungel wissen’s, aber sie können immer nur denken: Ist ein Roman gut gebaut? – und: Wie würde ich, um eine solche Erzählung glaubhaft zu machen, sie konstruieren? Hier sagt die Konstruktion: das paßt wie auf dem Reißbrett. Es ist z u sehr Reißbrett, ja sieht fast wie die heutige Landkarte des Nahen Ostens aus: mit dem intentionalen Lineal gezogen. Als sollte, wie seinerzeit die Mandaturen des Völkerbunds befriedigt, nunmehr eine breite Bevölkerung bereitgemacht werden, einen speziellen Kriegseinsatz im Ausland zu wollen. Daß das gelingt, ist um so wahrscheinlicher, als im Londoner Fall Bestialischstes aufgefahren wird: Mütter, die ihre Säuglinge als Bombenfutterale nutzen.
Wohlgemerkt, es k a n n so sein, daß libanesische, bzw. fundamentalislamistische Interessen hinter den Anschlägen und versuchten Anschlägen wirkten und wirken, aber es m u ß nicht so sein. Es gehört zu den unmittelbaren Characteristica des nach-aufgeklärten, weil sich medial vollendenden Kapitalismus, daß der Einzelne öffentliche Angaben nicht nachprüfen kann: daß er sie glauben muß oder eben n i c h t glaubt. Da die Medien ihrerseits interessenstrukturiert sind und ihre Verbreitungsmacht nicht nur behalten, sondern bis in die hintersten Haushaltungen perfektioniert haben, kippt Wissen vollends in Meinen und Aufklärung in Mythos – und zwar selbst bei kritischen Geistern, die eine ständige Wiederholung von Meinungen und vorgeblich recherchierten Angaben stumpft und die durch Wiederholung unbewußt umgestimmt werden. Eine nach-postmoderne Ästhetik muß das spiegeln und Formen der Kunst entwickeln, die dem Vorgang, der längst Zustand ist, adäquat sind. Auch ihre Aussagen lauten deshalb immer „als ob“ und „wie, wenn es wäre?“.
[Kybernetischer Realismus.
Poetologie.]

Nun doch mal ein Wort zur Zeit. Fußball-Weltmeisterschaft 2006.

Daß im Augenblick alles in einem solchen Fußballwahn schäumt, zusammen mit Nationalhymnen-Gesinge und einer schon peinlichen und politisch unangenehmen Deutschlandfahnerei, möchte ich lieber als etwas Vorübergehendes begreifen, das den Gesetzen der Massenpsychologie gehorcht – von dem ganzen ungeheuren Merchandising-Markt und der Mediendiktatur einmal abgesehen. Wir hätten wieder einen positiven Patriotismus, hat DIE WELT heute getitelt. Das find ich deutlich genug.

[In Polen wurden die rückkehrenden Verlierer angespuckt. Hier bin ich ganz offensichtlich einer Fehlinformation aufgesessen, die sich allerdings noch verwirklichen könnte.]