Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

Marlboro, Prosastücke, 1981 Die Verwirrung des Gemüts, Roman, 1983 Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger, Lamento/Roman, 1986 Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, 1993, 2001 Wolpertinger oder Das Blau, Roman, 1993, 2000 Eine Sizillische Reise, Fantastischer Bericht, 1995, 1997 Der Arndt-Komplex, Novellen, 1997 Thetis. Anderswelt, Fantastischer Roman, 1998, (Erster Band der Anderswelt-Trilogie) In New York, Manhattan Roman, 2000 Buenos Aires. Anderswelt, Kybernetischer Roman, 2001, (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie) Inzest oder Die Entstehung der Welt, Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, 2002 Meere, Letzte Fassung 2007. Bei Volltext. Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen, Poetische Features, 2004 Die Niedertracht der Musik, Dreizehn Erzählungen, 2005 Dem Nahsten Orient / Très Proche Orient, Liebesgedichte, 2007 Meere, Letzte Fassung 2007 d e

 

HOERSTUECKE

An >>>> Fritzpunkt.
buero@fritzpunkt.at
Wien
UND ALSO ES GESCHAH. Näherungen an Marianne Fritz. WDR 3, 22. Mai, 22 Uhr.
Sehr verehrte Damen,
sehr geehrte Herren,
am 22. Mai wird der WDR 3 um 22 Uhr mein Hörstück UND ALSO ES GESCHAH ausstrahlen. Falls Ihnen möglich, wär's fein, Sie kommunizierten das ein bisserl herum.
Es grüßt aus Berlin nach Wien:
ANH
www.albannikolaiherbst.de


NACHTRAG (am 10.5.):142Nun ist auch diese Produktion im Kasten; es war ja im Vorfeld eine schwierige Geburt, bis ich also einen Produktionstermin bekam; 3 ½ Jahre (!!!) hat das gedauert – die Produktion selbst aber gehört sicher zu den gezieltesten, bei der ich je Regie geführt habe; es gab rein gar kein Suchen und kaum mal ein Ausprobieren; alles stand, nachdem ich ein paar Tage vor dem und am letzten Wochenende selbst die Ustvolskaja-Musiken, und daß es n u r solche würden, festgelegt und geschnitten hatte, imgrunde schon fest: wir mußten nur noch ausführen, sauberschneiden; da war das Ohr des Toningenieurs Meinetsberger maßgeblich. Neben der Interpretationsleistung meiner Sprecher, selbstverständlich; ich selbst hatte ein bißchen was zu dirigieren, das war es dann aber auch schon... gut gut, ein wenig „Inspiration“ war s c h o n vonnöten, aber die ergibt sich immer aus der Kenntnis und der Erfahrung. Es ging diesmal vor allem um – Sorgfalt; sie war es, worauf wir unsere Zeit verwenden mußten. Maßgeblich war zu Marianne Fritzens Dichtung, dem Klang dieser Dichtung, vor allem Ustvolskajas Musik. Weshalb ich zu einem leisen Schrecken meiner Regieassistentin, die ganz hervorragend gearbeitet hat, mit einem on fait des WDRs brach, - verwendete Musik nämlich nur dann zu nennen, wenn sie eigens für ein Stück komponiert wurde, und es ansonsten bei der genauen GEMA-Meldung zu belassen. Es so zu halten, widerstrebte mir sehr; daß mein Hörstück jetzt diese Kraft entfaltet, liegt zu ganz großen Teilen an der Musik; also gehört sie an besonders herausgehobener Stelle auch genannt. Ich hab ja sogar noch ins Stück selbst eine Passage hinzugeschrieben, die sich auf die Musik bezieht; einen Brief Leukerts zitiert, in dem er sich für Ustvlskaja ausspricht. Es wäre absolut unlauter, eine solche Kondition zu verschweigen. Meine Arbeit beschränkte sich rein auf die Montage, ich mußte die Musiken genau kennen (manchmal geht es nur um Zehntelsekunden), um ihnen die richtigen Einsätze unter, zu und nach den Textpassagen zuordnen und sie genau, auf die Viertelnote, plazieren zu können. Und ich mußte, das ist aber, meine ich, für einen Regisseur ganz selbstverständlich, mein Team von meinem Typoskript überzeugen, und zwar nicht, indem ich bequassel und argumentiere, sondern indem ich zeige, indem ich sinnlich erfahrbar mache. Für die Arbeit mit den Sprechern, die ja unsichtbare Schauspieler, nämlich solche sind, die ihre, bzw. die Präsenz der Dichtung, rein in die Stimme legen und über die Stimme kommunizieren müssen, kann es auch nichts schaden, wenn man als Regisseur vorzumachen, sogar vorzus p r e c h e n versteht. Das muß und kann nicht die Klasse der dann lebendig werdenden Interpretation haben, aber deren Aura schon einmal vorwegzitieren.152Gut, ich bin zufrieden. Alles weitere werden wir sehen. Die Sendung wird am 22. Mai um 22 Uhr vom WDR ausgestrahlt werden. Ich werd sie in Der Dschungel einzwei Tage vorher noch eigens annoncieren und auch den Link auf den „Teaser“ legen, den der WDR als Hörprobe >>>> auf seine Website stellen will.CD-Cover

Um halb zehn am Studio gewesen, da stand der kleine BMW des Toningenieurs noch vorn an der Schranke. Wir grüßten winkend, ich radelte – es war bereits warm – übers Gelände, sommerlich floß die Spree. „An sich könnte man da einen guten Anleger montieren“, sagte ich mit Blick auf den Fluß. „Ja“, sagte er. Und wie immer, auf die Minute pünktlich, eine Minute vor zehn Tina Schimanski, unsere Regie-Assistentin, von deren Professionalität Meinetsberger mit Recht nur so schwärmt.
Kleines Gespräch am Anfang, ich kau noch mein mitgebrachtes Brötchen zuende, wie rauchen, dann geht es los: Wieder ganz von Beginn, Minute für Minute, von >>>> der Morgenarbeit hab ich meine Anmerkungen in grüner Schrift ins Typoskript geschrieben, „hier bitte Take 29, kann ich da bitte mal reinhören“; insgesamt sind bis zum Abend viereinhalb Minuten dazugewonnen, wir liegen jetzt bei 55'03''; das ist fast perfekt. Mehr will ich aber nicht hineinnehmen, sonst zerdehnt sich die Dynamik des Hörstücks. Wir werden morgen früh hören, ob nicht auch das jetzt schon zu viel war. Meint die Assistentin allerdings nicht. „Wann immer ich denke, das klingt jetzt ausgezeichnet, stellen Sie beide n o c h feiner ein...“ Meinetsberger, unterdessen sind wir denn d o c h beim Du, bessert bisweilen klammheimlich aus, wir hören, er stoppt den Lauf und richtet irgend etwas, hört, nimmt die Kopfhörer, hört abermals; dann wieder ich, will hier noch mal, da noch mal; nachmittags wird die Stimmung angespannt, unser beider, Meinetsbergers und meine, Nerven sind ein wenig bloß; aber wir haben's im Griff; jeder hält an sich; „jetzt wird’s aber Zeit für eine Zigarette“, aber es fällt ihm was ein, und er schiebt weitere fünfzehn Minuten zwischen die Zigarette und sich. So im Stück ist auch er. Ganz nah. Ganz daran. Immer Ustvolskaja, immer Fritz. Es stellt sich eine enorme Balance zwischen Musik und Sprache her: was ich seit je intendiert hab. Ich gehe unterdessen dazu über, schon mal nur einen einzigen Ton in das Hörstück einzumontieren – aus dem Zusammenhang eines ganzen Stückes genommen und, im Sinn dieses Stückes, dann wieder aufgenommen. Und ich merke: ich bin jetzt da, wo ich von allem Hörstück-Anfang an hinwollte:: Musik und Dichtung verschmelzen. Einen ersten Höhepunkt hatte das in dem >>>> San-Michele-Stück, jetzt aber bin ich n o c h einen Schritt weiter, auch (oder vielleicht: vor allem), weil ich mich auf eine einzige Komponistin konzentriere, es also kein Ausweichen gibt. Bei San Michele konnte ich noch zwischen Dallapiccola, Mascagni und Schubert „springen“, hier hingegen beharre ich auf einer einzigen Musikästhetik. Man kann in einer solchen Situation kaum noch schummeln. Und schon gar nicht bei Ustvolskaja, und schon gar nicht bei Fritz.

Und also es geschah 6 <<<<

[Arbeitswohnung, Ustvolskaja: Trio für Violine, Klarinette und Klavier.]
Die Fuge spielt gerade, die ich unter die beiden Sprechfugen des Stückes legen, mit der ich sie überhaupt erst bauen will. Das wird die erste Aufgabe für heute sein, erst einmal mit den Sprechern, später dann die musikalische Anlage; vielleicht werden wir genaue Positionen auch für die Musikeinsätze hörbar machen müssen. Und wir werden anfangs wieder mit dem Metronom arbeiten, uns dann davon lösen, aber den Grundschlag im Herzen der Ohren behalten.123
Jedenfalls: die beiden Fugen zuerst, ab 11 Uhr. Vorher, von zehn bis elf, das Stück im vorgesehenen Ablauf weiter- und vielleicht zuendeschneiden. Wär fein, wenn das klappte. Danach will ich, daß sich alle Sprecher einen ganzen Durchgang einmal anhören und von sich aus sagen, wo sie gerne etwas noch einmal sprechen möchten; sie brauchen dazu aber diese Übersicht; an sich möchte ich verstärkt dazu übergehen, „meine“ Sprecher in die künstlerische Arbeit mit einzubinden, die Identifikation mit dem künstlerischen Konzept festziehen, dann reagieren, um die Funken zu nutzen und ins Stück zu binden, die aus der Interaktion geschlagen werden. Das ist insofern heikel, als mir mit dem Voranschreiten des Hörstücks zunehmend klarwird, welch eine Depression Antrieb des fritzschen Welt-Kosmos gewesen ist; wir sitzen ja nicht etwa am Lagerfeuer und singen gemeinsam aufhellende Gospels...
Abends sollte das Hörstück dann einmal komplett „angelegt“ sein, so daß ab morgen die Feinarbeit losgehen kann. Mit etwas Glück gibt es heute um 17 Uhr schon mal einen Durchlauf, bei dem ich - logischerweise noch vor der Mischung - ein DAT-Band mitlaufen lassen kann, um das morgen früh hier über die Kopfhörer vorbereitend zweimal hintereinander abzuhören.

NACHTRÄGE (8.5.):132
Fugen sprechen.

Die Sprecher kamen teils vorpünktlich, besonders Schaale, der schon um zehn erschien und seines Geburtstages wegen Kuchen und Rotkäppchen-Sekt mitbrachte, dem dann erst keiner zusprechen mochte, weil man ja sprechen mußte, dem man aber schließlich einigermaßen d o c h zusprach, vor allem ich, nachdem wir einen ganzen Durchlauf des Rohschnitts gemeinsam angehört hatten und sich unter den Beteiligten eine Art Betroffenheit ausgebreitet hatte, Berührtheit, „das ist ja richtig ergreifend!“ sagte Peggy Lukac und wollte überhaupt keine Kritik lautwerden lassen; Mellies: „Das hätte ich nie geglaubt, daß das so dicht wird, daß das so berührt...“ Und, nachdem wir gehört hatten, fragte er mich auf dem Weg zum Gang, wo man rauchen darf: „Wer hat denn diese Musik ausgesucht?“ Heidrun Bartolomäus hatte einige kleine, sehr fachprofessionelle Einwürfe, dazu Mellies immer wieder: „Nein! Nein!“ Dennoch hat sie in zweidrei Punkten recht; wir hörten dann abermals zusammen hinein, überprüften, schmeckten ab.
Der Morgen b e g a n n aber schon gut: die beiden Fugen flutschten geradezu, wir brauchten kaum ein Anprechen und überhaupt keine Probe mehr; das Ganze hatte sich über den einen freien Tag in den Sprechern gesetzt und wurde mit Engagement, vor allem aber einer Energie vorgetragen, die einem jetzt, im Stück, wie vor den Kopf schlägt, ohne daß irgendwie überzogen wird. Tatsächlich behält alles die Ausstrahlung höchster Konzentration. Daß ich soviel Wert darauf lege, für dieAufnahmen immer alle Sprecher dabeizuhaben (das ist unüblich geworden, es wird unterdessen meist in Modulen gerabeitet, die dann am Schneidetisch zusammengesetzt werden), hat sich abermals enorm bezahlt gemacht: Die Schauspieler untereinander, egal, ob Star, ob Sternchen, hochkollegial, ja freundschaftlich, viel wird gelacht, viel wird erzählt, von früher, aus DDR-Zeiten, von jetzt; gegenseitige Achtung beherrscht das Feld – und so sprechen sie denn auch völlig gleichberechtigt, bei einigen muß man etwas heben, bei anderen etwas wegdämpfen oder umleiten, etwa, daß Mellies' Baß naturgemäß schnell in die Führungsrolle läuft, was hier aber nicht sein darf, zumal es das Stück über eine Frau ist... und sie ließen sich auch lenken, locker, wobei... als ich die Schnitte hörte, als wir schnitten, und dann mich selbst hörte, wie ich übers Mikro Sprachregie-Anweisungen gab, da zuckte ich denn doch zusammen, weil es ungemein autoritär klang. Das wurde akzeptiert, zu meiner nachträglichen Überaschung, und nachdem wir gemeinsam den Rohschnitt gehört hatte, wurde es auch berechtigt, bekam Grund, Erde, Sinn. Mellies, mit einer leisen Ironie, nannte mich hinterher ein paarmal „unsren Principalen“ und nannte das Stück einmal ein „Requiem“. Woran etwas ist, und nun ist es mein >>>> zweites, das ich für Künstler geschrieben, deren Konsequenz ich, ja: verehre..
Hübsch ist noch d i e s e Geschichte: Ein weiteres Mal verdanke ich mein herrliches Sprecher-Team dem Einsatz Antje von der Ahes: „Rufen Sie Heidrun Bartolomäus an, rufen Sie Peggy Lukac an... aber ich ruf vorher an und erzähle von Ihnen.“ Und dann kommt heraus, daß Sie letzterer erzählt hat, da sei ein ganz toller jüdischer Regisseur.... Also erzählte ich die Ribbentrop-Geschichte noch. Lukac: „Das stimmt, das ist wahr, als ein Ribbentrop hätten Sie nie etwas veröffentlichen können...“ „Ich hab wirklich gedacht, daß Sie jüdisch sind“, so von der Ahe, die jetzt ganz ganz leicht von den Socken war. Woraufhin dann das Thema nahelag, wie einen der Name in bestimmten sozialen Zusammenhängen tatsächlich bestimme, der Schein das Sein verbiege... sie hat selbst zu DDR-Zeiten einiges mit ihrem Namen zu tun gehabt, dieses - und sei es vorgebliche - Aristokratentum in einem Kleinbürgerstaat... entsprechend die Sanktionen.
Wir trennten uns am Nachmittag schon, ich gab von der Ahe meine „Undine“ mit und den beiden anderen Damen, die vortags geklagt hatten, daß es kaum Rollen für Schauspielerinnen um die 50 gebe, mein Nicht-Sirius Stück; dieses ebenso Otto Mellies.
Schimanski, die sich als Regie-Assistentin mehr als nur bewährt, die wirklich perfekt ist, sowohl in der Organisation als auch vor allem beim Schnitt (sie hat nicht nur jeden einzelnen protokolliert, sondern hört ihn, innerlich, wenn ich nach Versionen frage), sowie Andreas Meinetsberger und ich blieben noch dort, um ein paar Kleinigkeiten zu revidieren – aber imgrunde war die Luft jetzt erstmal raus. So ließen wir denn nochmal einen Durchlauf starten, aber nur, damit ich mein DAT-Band für >>>> die heutige Früharbeit bekommen konnte. Danach ging's heim, und bei mir gab es Am Terrarium einen Riesenberg Spargel.

Und also es geschah 5 <<<<

102Kurz nach halb zehn Uhr morgens war ich bereits wieder am Studio; Meinetsberger saß bereits vor der offenstehenden Studiotür, trank einen Kaffee, rauchte und sah durch die Scheiben auf das kleine Rasenstück mit dem außer Betrieb genommenen Springbrunnen, der es einmal geziert hatte, bis jemand das Männeken Piß zur Anzeige brachte, das dort aufgestellt gewesen war; das war dann fortgeschafft worden, dann legte man den Brunnen still. Hübsch auch die Geschichte von den beiden Interims-Intendanten zur Wendezeit, als der DDR-Rundfunk abgewickelt wurde. Man produzierte ein Hörspiel über jugendlichen Rechtsradikalismus und hatte dafür eine ganze Menge Kleindarsteller engagiert, die draußen „Deutschland den Deutschen! Deutschland den Deutschen!“ skandieren sollten, was sie denn auch taten. Das drang bis hoch in den „Turm“, worin ganz oben die Intendanz sah. Die zuckte nun zusammen und kam überhaupt nicht auf den Gedanken, sich vielleicht mal einen Produktionsplan anzuschauen... nein, man zuckte zusammen und wählte 110. Woraufhin sich das Rundfunkgelände mit einer ganzen Flotte von Polizeiwagen flutete, die Kleindarsteller verhaftet wurden und und und. Der Regisseur des Stücks und Meinetsberger hätten den Teufel getan, da was richtig zu stellen, sondern nur noch gelacht. Und gelacht. Und gelacht.
Man muß wohl nicht eigens erwähnen, daß es sich bei den beiden Zwischenintendanten um Westdeutsche gehandelt hat; einen von beiden fand man mit einer Million ab, damit er seinen Posten klaglos verließ. Ob es dem anderen ähnlich dreckig erging, und was aus den verhafteten Kleindarstellern geworden, entzieht sich meiner Kenntnis; ich hab allerdings auch nicht nachgefragt.

Ab zehn saßen wir dann an den Schnitten. Ich wollte an sich bis zum Ende kommen, >>>> wie ich heute morgen schrieb, die Sprechfugen ausgenommen, und auch nur grob. Aber wir gelangten nur zur TS-Seite 21 – womit wir, unterm Strich gesehen, immer noch gut in der Zeit liegen, sehr gut sogar; ich hätte halt bloß gern gehabt, daß die Sprecher, wenn sie morgen um elf Uhr wieder kommen, das Bisherige einmal auch selbst durchhören können. Mal sehen, was wir von zehn bis elf erreichen...
Die Ustvolskaja-Musiken zu verwenden, war der beste Einfall, den ich haben konnte, und sehr gut, daß Leukert mich darin besonders bestärkt hat. Sie dienen teils für die Legati der Szenen, teils aber, und das ist ein Vor/allem, geben sie einiges von der gedrückten Zähigkeit wieder, mit der die Fritz ihr Werk durchgedrückt hat, auch einiges von dem Leid, das ganz sicher dahinterstand.
Nachsprechen müssen wir morgen kaum etwas. Um 17.50 Uhr schloß ich die Sitzung; Meinetsberger fuhr noch den Backup.
Vor der Tür saß rauchend >>>> Dieter Mann und wartete geduldig, daß das Studio freiwürde, damit er sein Hörbuch weitersprechen könne; mit ihm saß, wohl, die Regisseurin. Grüße, Viel Spaß, und ab ging's heimwärts.117Und also es geschah 4 <<<<

92Das HörfunkStudio II befindet sich auf dem alten Rundfunkgelände des aufgelassenen Rundfunks der DDR ganz am Anfang Köpenicks: ein riesiger Komplex direkt an der Spree, so gut wie kaum genutzt, vieles zerfällt, ein paar kleine Privatstudios sind vorhanden, einzwei große Hörspielstudios, die bisweilen die ARD-Anstalten nutzen; ansonsten leerer Raum, verlassene Gebäude, die Rasen zu Wiesen, ungemähten, geworden, verwunschen stehen die Bäume.82Alles voll der Poesie, die eine Verlassenheit gibt, die wächst, wo Biotope gedeihen und wieder Elfen im Halbschatten spielen, während außen herum Replikanten sprießen. Die Privatstudios sind bisweilen von Stars heimgesucht, die schattig aus den Gängen treten; Sting war vorgestern da, man treffe, erzählte mein Toningenieur Meinetsberger, schon mal Roman Polanski; bis vor kurzem wurde der große Musiksaal, der nun ebenfalls allmählich verwaist, vom Filmorchester Babelsbergs bespielt.73
Gerade mal eine halbe Fahrradstunde von der Arbeitswohnung entfernt... man findet dergleichen im Westen nicht, und Berlin dürfte die einzige Großstadt Deutschlands sein, die solch einen Schatz noch birgt – eben weil man ihn ebenso mißwirtschaftend brachliegend läßt, wie uns Bausubstanzen alleine deshalb erhalten blieben, weil die DDR kein Geld hatte, sie abzureißen.116Hier nun, in Block B - dem „Künstlerblock“, sagt Meinetsberger -, dieses Studio, in dem – und in dem gleich nebenan gelegenen größeren Hörspielstudio >>>> Otto Mellies manche Nacht durchproduziert hat... hier nun treffen wir uns; um 10 Uhr bereits >>>> Gerald Schaale, mit dem die Kaffeehaus-Szenen vor-aufgenommen werden, und um 11 Uhr kommen die anderen hinzu: >>>> Antje von der Ahe, >>>> Heidrun Bartholomeus, >>>> Peggy Lukac; Tina Schimansky, die Regieassistentin, und Meinetsberger sind selbstverständlich schon vorher da. Schaale klagt erst ein wenig, das tat er schon bei der >>>> San-Michele-Produktion, „das schaff ich nicht, das zu sprechen“, ich beruhige ihn, lächelnd, und dann wird er auch wirklich gut; es geht gerade bei meinen Texten oft nur erst einmal darum, in ihren Ton zu finden; bei Marianne Fritz gilt das nur um so mehr.53Die Schauspieler kennen einander, haben manchen Topf zusammen aus den Bretterfeuern geholt, das hilft. Schnell ist man sowieso, auch unter Unbekannten, per Du; ich halte auf Distanz, sehr freundlich, sehr verbindlich, so fühle ich auch, aber per Sie. Und tatsächlich läuft das Stück ganz wunderbar, ich muß selten trietzen, lasse die Sprecher ganz zu Anfang in die Musik hineinhören, damit sie einen Eindruck haben, damit ihr Stimmduktus ihn aufnimmt. 63Was tadellos, ja fast zu reibungslos funktioniert, so daß ich sie wieder etwas lockern, etwas agiler sein lassen muß. Es geht um sehr genaues Hören, es geht darum, Passagen abzuhorchen, gerade bei der Fritz muß aus dem Sprachklang heraus gefunden werden, was sie eigentlich erzählt.
Wir arbeiten mit ein paar, aber immer nur sehr kurzen Pausen, fast die ganzen acht Stunden durch; mal muß ein Brot gegessen werden, aber imgrunde wollen alle immer nur weitermachen.43Auch das kenn ich von meiner Arbeit nun, daß so gut wie alle immer hoch engagiert sind, so gut wie nie war einer genervt – unter der Voraussetzung, daß ich die Sprecher selbst zusammengesucht und ihnen vor allem habe das Typoskript rechtzeitig zukommen lassen. Manchmal gelingt ein Satz, der mir einen Schauer über den Unterarm jagt, manchmal gelingt es, fast weinen zu können, obwohl ich dieses Stück ja nun aus dem ff kenne. Gegen 16 Uhr sind wir mit dem gesamten Typoskript durch, wie können sogar schon mit den beiden Sprechfugen beginnen... sie einzustudieren beginnen. Um 17.20 Uhr entlasse ich die Sprecher bis zum Mittwoch morgen um elf. Schimansky, Meinetsberger und ich bleiben noch und legen für die ersten fünfsechs Minuten bereits den Ton an... nur die Kaffeehaus-O-Töne werden wir morgen tauschen müssen, weil ich eine CD in der Arbeitswohnung vergessen hatte.212


Und also es geschah 3 <<<<

Ustvolskaya ... ist keine Musik, die einem was zulieb tun will, sehr schwer verdaulich, und man kann sie auch nicht oft hören... Ich finde sie aber mit dieser fast sturen Beharrlichkeit, der bis ins Extreme getriebenen Kraft und Energie, einzigartig ..., mit diesen wuchtigen Schlägen auf den Holzblock ...
... versteinerte Vorgeschichte und eingeschlossene Erzlager; die Geschichte der Festung selbst wie die Geschichte ihrer Verteidiger und Belagerer; vor allem natürlich die nicht endende Abfolge von Haß und Krieg, von Tod und Gewalt. Nicht zuletzt stecken in den Sedimentschichten der Festung die verlorenen Geschichten jener Dörfer, die „vom Militär ausgehoben (...) und zum Verschwinden gebracht worden sind“.


Und also es geschah 2 <<<<

Ustvolskaja-FritzThe music of Galina Ustvolskaya is not 'avantgarde' in the commonly accepted sense of the word and for this reason was not openly censured in the USSR. However, she was accused of being unwilling to communicate and of ‘narrowness’ and ‘obstinacy’. It is only in the recent past that her critics have begun to realize that these supposed deficiencies are in fact the distinguishing qualities of her music. The composer Boris Tishchenko has aptly compared the ‘narrowness’ of her style with the concentrated light of a laser beam that is able to pierce through metal.
Galina Ustvolskaya’s works of the 1940s and 1950s sometimes sound as if they had been written today. Her specific idealism is informed by an almost fanatical determination; this should be construed not only as a typically Russian trait, but also – in terms of Dostoyevsky – as a 'St. Petersburgian' one. Shostakovich wrote to her. „It is not you who are influenced by me; rather, it is I who am influenced by you.“ People quote Ustvolskaya; she does not quote them.
<<<<

Sprecher 1 Ähm, Sie... Sie verfolgen, denke ich, eine bestimmte Strategie. Würden Sie unseren Hörern etwas dazu sagen?
Marianne Fritz (schweigt).

Kaffeehaus-O-Ton weg. Tzigane bleibt stehen, etwas in der Präsenz angehoben. Aber Vorsicht.
___________________
Und also es geschah 1 <<<<

Sprecher 2 Bisweilen stehen noch Fragmentreste hoch, bisweilen finden sich Trümmer, doch ein ursprünglicher Zustand, was immer das nun sei, ist kaum wiederherzustellen. Deshalb bleibt von den Romanen ein Ungefähres Flüchtiges, etwas nicht Definiertes und Definierbares. Jede Figur ist zugleich sie selbst wie ein Vertreter von anderen und unabgeschlossen - und wie das Romanprojekt als solches unabschließbar.
Sprecherin 1 Denn wäre nicht im Abgeschlossenen bereits alles wieder – zu?
Sprecher 1 Und die Ableitungen der Personen auseinander! Die unzählbaren Namen! Die Ableitungen der Zeiten! Die mit Fantastik vermischte Realität.
Sprecherin 2 Damit tat sich die Kritik am schwersten.
Sprecher 2 (zitiert:) Mit einer “steinbeißenden Frau” und anderen Fabelwesen ist der Roman eine Mischung aus der Märchenwelt Tolkiens (“Der Herr der Ringe”) und einer gewissen Art der Literatur von Frauen, in der Ökonomie des Erzählens geringer geschätzt wird als ungehemmt strömendes Erzählen.
Sprecherin 2 …einer gewissen Art der Literatur von Frauen…
Sprecher 1 So Rolf Michaelis. In der ZEIT.
Sprecher 1 (zitiert:) …jene pandämonische Märchen-Welt, in der Maikäfer Menschen sind, Steine geweint werden und die Amme vom Grund des Teiches herauf spricht. Solche phantasievollen Mythisierungen sind derzeit en vogue – aber was beweisen sie? - So Wolfgang Nagel. Im SPIEGEL.
Sprecherin 2 ...eine gewisse Art der Mißhandlung von Frauen…

>>>> Und also es geschah 2.
MF für VOLLTEXT <<<<

[Fortsetzung von >>>> hier.]

FRAU flink zurückkommend, sehr frisch und herzlich: Sie müssen sich wirklich nicht beunruhigen. Ein Steinchen nur...
ASHE Steinchen?
FRAU immer munter: Ich habe einen Zettel damit festgemacht... wissen Sie, damit er nicht wegfliegt.
FERRI Sie kennt die Sitte! Sie legt Steine auf das Grab.
QUAIN Der Stein Jakobs.
FRAU munter weiterplaudernd: Ja sicher. Er war jüdischen Ursprungs, also, nicht wahr?, mütterlicherseits. Ein Acevedo... das hat ihn stolz gemacht.
ASHE Lieben Sie ihn?
FRAU Kennen Sie seine Geschichte „Das Aleph“?
FERRI Nach dem ersten Buchstaben des hebräischen Alphabete?
FRAU immer weiter im Plauderton: Ein Punkt, in dem alles enthalten ist: das ganze Universum, alle Zeiten, Sie und ich.
FERRI spöttisch ungläubig: In einem Buchstaben?
FRAU In einem Punkt.
ASHE Auch Straßenbahnen?
FRAU immer munter weiter: Die Autos, die Bäume...
FERRI Eiben wie die hier?
FRAU Sicher. auch Eiben. Alle Eiben. Und die Computer, das Internet.
QUAIN Die Ewigkeit? Die Ewigkeit ist auch darin?
FRAU lachend: Gewiß. Vor allem die Ewigkeit. Sie sieht zur Uhr: Oh, es ist spät!
ASHE Spät? Das ist eine seltsame Bemerkung angesichts der Ewigkeit.
FRAU Ich hab den Punkt ja nicht gesehen... Muß zur Uni, wirklich...
FERRI summend: Den Fluß, der Zeit und Wasser ist, betrachten...
FRAU Es war nett, mit Ihnen... Was sage ich da?!: Es war seltsam, mit Ihnen zu sprechen. Indem sie auf das Grab weist: Und da, mein Herr, liegt kein Señhor Otárola, sondern Borges begraben... Jorge Luis Borges. Merken Sie sich den Namen!
ASHE Borges.
FERRI Borges.
QUAIN Borges.
FRAU Au’voir und einen schönen Tag noch... sozusagen selber strahlend: ... bei diesem herrlichen Wetter! Sie geht, gleichsam hüpfend, davon.
FERRI Warten Sie! Seufzt, wie zurückfallend. Nein. Es ist besser, wenn sie geht.
ASHE Da geht sie.
QUAIN Ich muß sie gehen lassen. Sie heißt nur Ariadne.
FERRI Und wenn ich ihr gesagt hätten, daß das Grab leer ist? Dann hätte sie ihr Aleph ganz umsonst darauf gelegt.
QUAIN Nun wird ihr Aleph wirken.
ASHE Wenn es für sie real ist, dann ist es real.
Momentlang stumm. Nur die Friedhofsgeräusche.
FERRI summt einen Tango.
ASHE leise: Sólo en la tarde gris la historia trunca...
QUAIN sich erinnernd: Das Café Richmond del Sur..!
Stumm. Nur die Friedhofsgeräusche.
QUAIN Vielleicht trügen mich Alter und Ängstlichkeit, aber ich vermute, daß die Bibliothek fortdauern wird: erleuchtet, einsam, unendlich, vollkommen unbeweglich, gewappnet mit kostbaren Bänden, überflüssig, unverweslich, geheim.
ASHE Ich würde gerne diesen Zettel sehen. Aber ich kann nichts sehen.
FERRI Ich könnte den Zettel herholen. Man hört, wie er sich erhebt.
ASHE Besser, ich bleibe sitzen.
FERRI Ich hole ihn. Man hört ihn hinschlurfen. Das Tappen seines Gehstocks.
QUAIN Ich denke gar nicht daran, mich zu bewegen.
ASHE Buenos Aires. Immer bin ich in Buenos Aires.
QUAIN Horch! Ich höre wieder etwas.
Stumm. Nur die Friedhofsgeräusche.
ASHE Ich höre doch nichts.
FERRI tätigt vom Grab her einen siegreich-leisen Ausruf.
ASHE Habe ich etwas gefunden?
FERRI vom Grab her: Ich habe etwas gefunden!
Stumm. Die Friedhofsgeräusche, durch die FERRI wieder heranschlurft. Das Tappen seines Blindenstocks.
QUAIN So lesen Sie vor!
FERRI Ich kann nicht lesen. Das wissen Sie. Lesen Sie selber vor.
QUAIN grantelnd: Ich bin doch blind!
ASHE ärgerlich herumrufend: Ist hier jemand, der lesen kann? Hallo?
FERRI noch ärgerlicher: Hallo!
QUAIN wütend, stößt mit seinem Gehstock auf: Hört uns jemand?!
Stumm. Nur die Friedhofsgeräusche.
ASHE leise: Sie haben „uns“ gesagt. Wir haben miteinander gesprochen.
QUAIN abwehrend grob: Ach was! Ruft erneut: Hallo!!?
Stumm. Nur die Friedhofsgeräusche.

Ein verfremdeter Ruf aus der Kindheit ins Jenseits:

FRAU Georgie! Georgie!
Stumm. Nur die Friedhofsgeräusche.

Man hört Vogelgezwitscher, bisweilen etwas Wind in Geäst, dann wieder entfernte Stimmen. Einmal zieht ein kleiner Trupp Trauernder vorüber; dann wieder weint jemand. Das ist aber alles sehr undeutlich. In der Ferne vielleicht auch ein gelegentliches Autogeräusch.
___________


Verzweigende Pfade 3 <<<<


[Fortsetzung von >>>> hier.]

FERRI Es war natürlich nicht ich. Es war Gustavo, mein Enkel. Gusta v o Ferri.
QUAIN Den haben ich n i c h t erfunden.
ASHE Der Name sagt mir nichts. Murmelt: Gustavo, Gustavo.
QUAIN Alles ist viele Male da, vierzehn Male, aber zwei Dinge in der Welt scheint es nur einmal zu geben: dort oben die festverschanzte Sonne; hier unten Asterion. Vielleicht habe ich die Sterne und die Sonne und das ungeheure Haus geschaffen; doch entsinne ich mich dessen nicht mehr.
Ein verfremdeter Ruf aus der Kindheit ins Jenseits:
FRAU Georgie! Georgie! (englisch ausgesprochen)
ASHE Da! Da war es erneut!
FERRI Ein Ruf, ganz deutlich.
Stumm. Nur die Friedhofsgeräusche.
QUAIN abwiegelnd grantig: N i emand ruft!
Stumm. Nur die Friedhofsgeräusche.
FRAU auf die drei zutretend, überaus frisch und jugendlich: Pardonnez-mois, Monsieur : Vous croyez où on peut trouver le tombe de Borges?
QUAIN zu den beiden anderen: Was möchte sie ?
FRAU Ich hätte gern gewußt...
ASHE Borges (franz. ausgesprochen)?
FRAU Borges (spanisch ausgesprochen). So spricht man ihn aus.
FERRI spöttisch zu der jungen Dame: Wer ist Borges2?
FRAU Ein argentinischer Dichter. Jorge Luis Borges. Er ist 1986 gestorben.
QUAIN Kenne ich einen Borges?
ASHE man weiß nicht, ob ironisch oder senil: Borges... Borges...
FERRI etwas forscher: Ich kenne nur Herrn Asterion...
FRAU Aber er ist berühmt!
ASHE murmelnd: De la Diana triforme Apolodoro/Me dejó divisar la sombra magica
FRAU Er hätte fast den Nobelpreis gekriegt!
QUAIN überrascht: Caramba! Sie heißen Diana?
FRAU Wie kommen Sie darauf? Nein nein... Ariadne... lacht: ...dafür kann ich ja nichts.
FERRI Sie sind sich sicher?
QUAIN Jedenfalls kann ihr Señhor Borges so berühmt nicht gewesen sein, wenn er den Nobelpreis nur f a s t gekriegt hätte.
ASHE Warum hat er ihn nur „fast“ gekriegt?
FRAU Er war politisch nicht klug.
FERRI Spielt das eine Rolle bei einem Dichter? Jetzt bin ich erstaunt.
FRAU Er hat einen Orden von Pinochet angenommen und die Militärjunta in Argentinien unterstützt...
ASHE Immer habe ich Frauen geliebt.
FRAU Und er war feige...
QUAIN Ach Frauen...
ASHE sich erinnernd: Alterslos strömt die Liebe im Dunkel...
FRAU spielerisch entrüstet, alles immer im Plauderton: Allein die Art, in der er Elsa verlassen hat... hat sie gebeten, ihm eine Suppe zu kochen... und dann! Stelln Sie sich das vor! Welch großer Mann und so erbärmlich feige!
FERRI murmelnd: Deine leichte Schwere ist Dunst in der Luft.
FRAU Dann schickt er seine Freunde und den Anwalt hin, seine Sachen abzuholen! K n e i f t!!
ASHE abwehrend: Was wissen schon Sie von der Beschwerlichkeit des Atmens?! Zitierend: ... denn es gibt Gründe, schrecklicher als Tiger...
QUAIN Ich bin blind und weiß nichts, aber ich sehe/voraus, daß es mehr Wege gibt...
Stumm. Nur die Friedhofsgeräusche.
FRAU Helfen Sie mir nun?
ASHE abwesend: Jedes Ding ist unzählige Dinge.
FERRI Du bist Musik,/Firmamente...
FRAU He Sie! In sich: Was hat er denn?
QUAIN vorwurfsvoll: Ich habe gedacht, Sie seien geschickt, mich zu erlösen... Dann erlösen Sie mich auch.
FERRI Schicken Sie endlich Ihren Freund!
FRAU Meinen Freund?
QUAIN Ja sehen Sie nicht, wie ich ihn erwarte?
FRAU Sie sind sehr komisch.
ASHE Seufzt. Schon gut. Gut. Ich werde den Gedanken wieder vergessen...
QUAIN ...und dann ganz überrascht sein, wie wundervoll die neue Morgensonne auf der bronzenen Schwertklinge funkelt.
QUAIN in sich: Aber ich glaube ja nicht mehr an meinen Erlöser.
FRAU Wo ist nur dieses Grab? Es muß hier doch irgendwo sein! Vorhalt: fragendes Schweigen. Aber Borges‘ Grab doch!
ASHE murmelt: Möchte er mich doch an eine Stätte bringen, wo nicht so viele Galerien und so viele Türen sind.
QUAIN Ich würde mich nicht wehren. Nicht s e h r. Das können Sie ihm ausrichten.
FERRI Nur so, daß Ihr Freund sich nicht beleidigt fühlen muß.
FRAU Was hat mein Freund mit Ihnen zu tun? Kennen Sie René?
(Gleichzeitig sprechen:)
ASHE Das Gesicht hat sich verwischt/und von dem Söldner, dessen herbes Amt/
QUAIN der Mut war, ist nichts anderes geblieben/als nur ein Schatten und ein Blitz von Stahl.
FERRI La Cara se ha corrado/Y de aquel mercenario cvuyo austero/
ASHE Oficio era del coraje, no ha quedado/Más que una sombra y un fulgor de acero.
FRAU Sie machen sich einen Scherz mit mir?
(Nicht mehr gleichzeitig:)
FRAU scherzend: Das ist nicht nett, ein kokett: „Mädchen“ so auf die Rolle zu nehmen!
QUAIN Wie meinen Sie das? Resigniert: Sie verstehen nicht... In sich: Sie versteht nicht.
FRAU Sie w o l l e n mir nicht helfen. Dann frag ich halt woanders...
QUAIN Nein, bleiben Sie! In sich: Wirklich, sie soll bleiben...
FERRI Ich liebe doch die Stimmen der Frauen. Ich habe sie immer geliebt.
ASHE Als ich noch sehen konnte, habe ich Frauen auch gerne angesehen.
QUAIN Zu der Frau: Ihr Señhor Borges... stockt.
FRAU Borges? Ja?
QUAIN Hat er schöne Romane geschrieben?
ASHE plötzlich freudig belebt: Oh ja, ja! Ich erinnere mich! Hundert Jahre Einsamkeit...
FRAU lacht. Aber nein! Das ist von Garcia Márquez!
QUAIN Wer ist Garcia Márquez?
ASHE Dann Rayuela...
FRAU lachend: Das ist Cortázar! Borges hat n i e einen Roman geschrieben.
FERRI Oh, glauben Sie mir: Ich wäre der letzte, das nicht zu verstehen!
ASHE Ich habe, außer dem Quijotte von... wie hieß der Autor?
FERRI tastend: Menard? Pierre Menard? Abwehrend: Aber nein! Das ist wieder eine Erfindung von ihm!
ASHE Jedenfalls habe ich außer diesem Buch keinen Roman je zu Ende gelesen. Ich fand Romanverf i l mungen interessant.
FRAU Wie furchtbar!
ASHE Eisensteins Arbeiten... ich bitte Sie, junge Frau!
QUAIN Man muß die Übersicht behalten. In Romanen muß einer die Übersicht verlieren.
FRAU Verfilmungen sind immer daneben!
FERRI Es wäre entsetzlich, die Übersicht zu verlieren.
QUAIN Ich habe mich vor Kontrollverlust i m m e r entsetzt.
ASHE Da man doch bereits zwischen den Tausendundein Galerien nicht unterscheiden kann.
QUAIN ...du tiefe, grenzenlose, innige Rose.....
FERRI zur Frau: Sagen Sie einmal, was wollen Sie eigentlich von Ihrem Borges..?, wenn er doch, wie Sie sagten... Sie h a b e n doch „feige“ gesagt..?
FERRI Sie hat feige gesagt.
ASHE Ich habe es deutlich gehört.
ASHE Zur Frau: ... so feige war..?
FRAU Er hat die Bibliothek von Babel erfunden. Er war blind. Er war ein Genie.
FERRI Soso, ein Genie. Weiß er davon?
ASHE Ein Genie darf feige sein?
FERRI Das ist ein beruhigender Gedanke.
FRAU Heiz hält eine Vorlesung über die „Fiktionen“. Kennen Sie Heiz? André Vladimir?
QUAIN Und hier liegt er begraben?
FRAU Irgendwo in der Nähe offenbar. Sehen Sie? Man hört einen Plan rascheln. Da steht es: liest vor: Borges Jorg-Luis 735D/G6.
QUAIN Ja dann tut es mir leid.
ASHE Da sind Sie ganz falsch.
QUAIN Hier liegt Javier Otálora begraben.
FRAU Otárola? So heißt die Hauptperson in Borges‘ Ulrike-Geschichte.
QUAIN Jetzt fängt Sie a u c h noch mit Ulrike an!
FERRI Ulrike würde niemals einen Kindernamen verwenden!
FRAU Ulrike steht für seine letzte Frau, María Kodama...
ASHE Sie sind sich sehr gewiß.
FRAU Und Sie? Wer sind Sie, der Sie am Grab von Borges sitzen und so wenig von ihm wissen?
ASHE Ich weiß kaum etwas über mich...
QUAIN ...wie soll ich mich da in jemandem anderes auskennen?
FRAU Sehr witzig.
FERRI Das ist kein Witz. Wirklich nicht.
FRAU Sie entschuldigen mich...
QUAIN murmelnd: In ihm war niemand; hinter seinem Gesicht und hinter seinen Wörtern gab es nicht mehr als ein wenig Kälte, einen von niemandem geträumten Traum.
Man hört Schritte, wahrscheinlich der jungen Frau, die an das Grab herantritt. Irgend etwas tut sie dort.
ASHE Sie versteht nicht.
FERRI Sie ist noch jung. Vielleicht sollte ich ihr erklären...
ASHE Aber das laß ich besser sein.
FERRI Für einen Moment habe ich geglaubt, es sei Norah.
QUAIN Niemals wäre das Norah gewesen! Doch ich hoffte: Norah neu.
FERRI Die zyklisch nächste Norah.
QUAIN Was tut sie da? Ich kann nichts sehen. Ruft: Was tun Sie da?
FERRI Hallo Sie, was tun Sie da an dem Grab..?
QUAIN Sie legt etwas darauf.
ASHE Ich bin blind. Aber ich kann es hören.
Stumm. Nur die Friedhofsgeräusche.
[Auf Halde.
Entstanden um 1980.
Wird fortgesetzt.]
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