Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.
________________________________


 

G U R R E

Die erste Aufführung (Premiere). Gurre (14). Konzerthausorchester Berlin, Lothar Zagrosek. Arnold Schönberg, Gurrelieder. Mit Melanie Diener, Claudia Mahnke, Daniel Kirch, Daniel Ohlmann, Ralf Lukas und Udo Samel.

>>>> Jens Schubbes
>>>> Meine eigene Einführung in das Stück.Gurre4-13-Partitur

Nein, ich bin gewiß nicht der Mann, jetzt eine objektive Kritik zu schreiben: >>>> zu nahe war ich an den Geschehen, irgendwie ein Teil der Proben selbst, mitzitternd, mitbegeistert, manchmal skeptisch, manchmal erschrocken, auch schon mal verärgert, dann wieder getragen; wie >>>> Clara Grosz begriff ich, daß eine Musik in ihren Proben ersteht und darin manchmal vielleicht reiner ist als später in der Aufführung: weil der Prozeß solch eine Rolle spielt, weil viele Berufsmusiker, die immer zugleich auch in andere Projekte eingebunden sind, den Partituren selbst erst einmal nahkommen müssen: und je riesiger eine Partitur, desto mehr wird man ein einzelnes Geschöpfchen, das spielen muß, ohne eigentlich den musikalischen Zusammenhang zu haben, ja vielleicht bekommt man ihn nie, weil nur Publikum und Dirigent die Leinwand der Klänge ganz vor sich haben.. Aber vielleicht sollten wir den Begriff der objektiven Kritik, also ihren Anspruch, ohnedies kopfschüttelnd als etwas beiseitelegen, für das es gar keine wirkliche Basis gibt. Schon allein, wo wir in einem Konzertsaal sitzen, kann den Eindruck bestimmen. Da hatten wir nun Glück, der Profi, seine atemberaubend schöne Begleitung und ich. Und vielleicht komme ich genau deshalb und aus den genannten Widergründen einer Wahrheit näher, die aber nicht Objektivität ist, weil immer zugleich mein Herz dabei ist – es kommt mir nicht, n i e, bei Kunst, aufs „Urteilen” an; ich lasse mir nicht gern die Funktion zuschieben, an der Stelle von anderen den Daumen zu heben und/oder zu senken. Kritiker, immer, sind potentiell Henker und tragen überm Kopf die Kapuze der Distanz. Zwei Sehschlitze sind ihnen gelassen, nicht mehr. Ich aber trage meinen Schädel frei.

Also wir kamen an. Es hatte sich eingewölkt, die schwere Wärme der vergangenen Tage war, leider, einer Kühle gewichen, die allerdings ins Innere des Konzerthauses noch nicht gedrungen, und die vielen vielen Menschen, die mit uns gekommen waren, und die vielen vielen Musiker taten alleine körperlich genug hinzu, Schönbergs >>>> Treibhausmusik Treibhaus auch werden zu lassen. Wer aber im Publikum wußte denn, unter welchen Schwierigkeiten diese Aufführung zustandekam? und welche, ja, Überraschung plötzlich, wenn Lothar Zagrosek mit einer Handbewegung ganze Flächen stehenden Tones aus dem Orchester zog und wie er es hinabdrückte, sanft, Rundungen in die Klänge drückte, auf denen die Sänger ihre Stimmen betten konnten: nur selten noch die Momente, vor allem bei dem unfaßbar lyrischen Daniel Kirch, an denen der Klangrausch, an denen der Drohklang dann doch noch den Mann wie ein Wasser verschluckte, in dem er versank, und wir sehen ihn noch, sehen seinen Mund nach Atem schnappen – ganz selten nur. Immer war mein Bangen dabei und wurde doch von Klangglück fast durchweg beruhigt, so daß ich selber drin mitschwamm.
Ja, Zagrosek hatte sein Orchester, doch ist der Ausdruck falsch: „im Griff”: er war ein permanent präsenter sagen wir es s o: Steuermann. Und die See ging sehr hoch... Es gibt Stellen, in denen das Konzerthausochester da eine derartige Schönheit erreichte, daß uns allen die Luft wegblieb – diesmal war auch nichts mehr zu laut. Wo ich in den Proben bisweilen hatte zucken müssen, weil der Lärmpegel ein unerträgliches Momentmaß erreichte, klang es nun völlig ausbalanciert. Doch sicher, man braucht einigen räumlichen Abstand zwischen dem Orchester und sich, damit einem manche Töne nicht wie Querschläger um die Ohren flattern.
Neben uns die kleine Japanerin - wirklich klein, vielleicht 1.40 Körperhöhe - war glücklich. Sie hatte draußen am Eingang gestanden und ein selbstgemaltes Schildchen gehalten: FREIKARTE GESUCHT. Zu ihren Füßen lagen ein vollgeproppter Rucksack und eine Isomatte. Nun war ich ja, anders als gewollt, solo erschienen und hatte eine Karte zuviel gehabt. „Sie möchten eine Freikarte haben?” fragte ich sie. „Dann haben Sie jetzt eine.” So saß sie mit großen Augen auf dem besten Platz. Zuhause in Japan habe sie als Frau nie in Konzerte gehen dürfen, erzählte sie leise. Und hier, da darf sie zwar, allein das Geld... ach, ihre Augen! Ach, wie verwöhnt wir sind! „Diese Produktion war teuer genug”, sagte mir der künstlerische Leiter, als ich bedauerte, daß die Gurrelieder nach der ganzen Arbeit nur zweimal aufgeführt würden. Wir müssen solche Konzerte als Geschenke begreifen, die uns - auch - unser Sozialsystem macht, und für die kleine Japanerin war es ein doppeltes – vielleicht, daß auch wir, manchmal nur einmal wieder, Dankbarkeit spüren?
Bis in die Zehenspitzen gespannt saß ich da, das ließ nicht ab. Ich wußte ja um beinah jede Tücke, jede Falle, und elegant, leidenschaftlich, beseelt spielten die Musiker darüber, als wären sie nicht da, hinweg. Zweimal vertat sich sekundenbrucheslang ein Einsatz im Blech, das ist auch schon alles, was zu erzählen wäre, daß es nicht geklappt. Man zuckt dann, das sind gefährliche Momente, weil sie einen aus dem Fluß kechern können, und dann liegt man da am Trockenen, als Fisch, und s i e h t den Fluß kaum mehr, der weiterzieht. Einmal verschleppte sich der ganze Apparat, da zog Zagroseks rechter Arm an, während seine linke Hand das Tempo fing und in die Bahn zurücktat... oh aber das gefächerte, aufgefächerte Sirren, die Tupfen der Flöten, diese Klarinette dann immer, das Englischhorn...und völlig über allem erhaben die Klagestimme Claudia Mahnkes. Vielleicht, daß Melanie Dieners Sopran eine Spur zu füllig für eine Tove ist, eine Spur zu sehr Bauch, um für ein Mädchen zu gelten, das diese Tove doch ist... aber was erzähl ich... Unfug, Beckmesserei! Denn vor mir saß eine Kritikerin, die schon in der Haltung nichts als Abwehr war und dann auch folgerichtig die Unart der Rezensenten mitdemonstrierte, daß man als solcher Künstler nicht beklatsche... welch eine Anmaßung! Mit Wollust denk ich daran, wie Stockhausen vor Jahren eine Kritikerin des Großen Saales der Alten Oper Frankfurt verwies, ich weiß noch ihren Namen... Fantastisch, daß sie von ihrem Edelplatz aufstehen mußte, bevor Stockhausen anfangen ließ, und daß sie, allen zweitausend Leuten sichtbar, hinausschreiten mußte... Was für ein Gerumpel dann um die Pressefreiheit losging... - L i e b e n Sie, worüber Sie schreiben, oder bleiben Sie weg! Sò.

Es war stumm, als der erste Teil des Stückes verklungen, es war fast eine Minute lang still... Dann aber doch Applaus, und die Pause. An sich wäre sie unnötig gewesen, wenn auch gut für des Tenores schöne Stimme. Wir aßen Brezeln, tranken Wein. - Zweiter Teil.

Er ist der propblematischste, und zwar, weil der lyrische Tenor hier aggressiv werden muß, weil er anklagt und weil das Orchester diese Klage so expressiv hochdreht. Da ist unendlich viel Balance-Arbeit vonnöten, ich hatte, geb ich zu, Angst vor diesem Part: Immerhin, stellen Sie sich das vor, war >>>> die Generalprobe am Vormittag die erste Durchlaufprobe überhaupt gewesen. „Wie hätten wir anders können? Es war teuer genug!” Welche Realitäten! Aufschrei im Orchester, hundertfuffzich Leute. Zagrosek geht in die Knie, eine Ebene Brust und linke Hand, das Orchester folgt, und Daniel Kirch klagt an: „Herrgott, wußtest du, was du tatest!” Daß er hier jetzt manchmal versank, wieder auftauchte, wieder unterging und dann aus diesem Tosen seine Stimme wieder hervorbrach, war dann genau das, was diese Stelle b r a u c h t: Nein, das ist eben n i c h t der Held, der das Unglück bannen kann, nein, er ist ja ganz d a r i n... und es hebt ihn an, er schwimmt, krault, bekommt Luft in die Lungen, spuckt, läßt aber nicht von seiner Anklage ab. Schlußakkord.
Atempause.
Der dritte Teil des Abends, im dräuenden Wagner-Celloklang anhebend, hebend ist falsch, darüber Tschinellen, die schon das Ungefähre ahnen lassen, daß dann gleich herausbrechen wird. Das Todes- und Trauerthema im Horn, ganz musikalisch, ganz vorsichtig von der Pauke unterlaufen. Dann erneuter Klageaufruf... nein, noch der tote Waldemar hat sich nicht abgefunden, n i e wird er sich abfinden, niemals. Seine Wut, über die die Fanfaren gehen, ruft die toten Männer herbei, den Ritt gegen den Himmel zu wagen... egal, was unter den Hufen zerspritzt. Ruhe. Schroffes, doch leise, Gestikulieren der Bässe, die Posaune nimmt das auf, worüber Beckmanns Knochenxylophon spielt. Da geht schon ein Wind, der Sturm wird. Ein Bauer rafft sein Zeug zusammen, um sich zu verstecken. Kräftig warnt Ralf Lukas, die Eisenketten hört man rasseln, Vorjahrslaub fliegt auf, schon das – leider doch immer noch zu milde, leider noch immer nicht häßlich genug – Rufen der Toten. Da schlägt Lukas seine drei Kreuze und hinter sich die Tür zu. Wie ein Nachhall, wenn er dasitzt zusammengekauert, die Oboe: Fernruf. Das Xylophon wieder drüber, und die Wilde Jagd schießt heran. Jetzt, nach dem rhythmischen Chaos gestern abend bei der Hauptprobe, gaben die estnischen Lungen her, was nur ging: und dann, meine Güte, ihre B ä s s e – abgesehen davon, daß ich mich plötzlich mitten in Mahlers Klagendem Lied wähnte, dessen Faktur den Gurreliedern nicht gänzlich unähnlich ist. D a r a n jetzt, und nicht mehr an den Fliegenden Holländer, dachte ich... falsch: daran fühlte ich. Schon der nächste Sturmesstoß. Er legt sich. Liebesthema in Bratschen und Cello, breit, satt, im schweren Blech der Orgelpunkt drüber. Debussy’sches Glitzern dann, Dank an diese Flöten, schwebend die Geigen mit einem, ich sag Ihnen!, S a m t. In diesen Momenten war das Orchester Berliner Philhamonie. Und Kirchs jetzt wagnerscher Tenor, doch ohne die Tumbheit, die Wagner ihm gern beigibt... k e i n Pubertierender singt hier halbstark von einem Leid, für das man ihm dauernd Clearasil reichen möchte... Wagners Tenorfiguren sind ja immer ein bißchen unerträglich in ihrer geistigen Halbpotenz, die sie durch Muskelspiel auszugleichen meinen. Schon Daniel Ohlmanns gehässiges Couplet, Unterhaltungston, schief gewitzelt von einer Traurigkeit, die sich aus lauter Not zur Humoreske macht. Es ist einfach grandios, wie dieser Sänger das stimmlich darstellt und wie Schönberg da ausgerechnet die Meistersinger hineinnimmt und das in einem mahlerschen Bläsersatz ganz kurz, ganz entschieden, auflöst. Und abermals Meistersinger, worauf spielt Schönberg bedeutend, zeigend, bloß an?: „Denn er war immer höchst brutal.” Und Gott? Er mag sich selber gnaden... - Tanz der Bläser, schattenhaft, auftrumpfend, rumbaartig, gehässig. Ruhe. Die Pauke, ankündigend aber nur, von Ferne, allenfalls Grollen, schon das, schriebe man bei Tchaikowski, „Schicksalsmotiv” - und die letzte Klage Kirchs, über das die Trompeten gehen. Man faßt es nicht, wie bei diesem Untoten, diesem Liebes-Ahasver, doch immer eine Helligkeit bleibt, nicht nur über Kirchs wundervolle, nie quäkende, niemals gepreßte Stimme, nein über den S a t z auch... und nochmal das Motiv, ausgespielt, im Horn versinkend. Celli, Bässe, das Blech gedämpft im Hintergrund in einer aufsteigenden Linie zum Holz, und flüsternd bemerken die Wilden Jäger, daß es am Horinzont hell wird... noch ist’s nur eine Ahnung: Sie sehen vielleicht auf das Nordmeer hinaus, dessen Bleifläche ein erstes Schimmern ahnt. „Die Zeit ist um.” Da legen sie sich zurück in ihre Gräber, um im Dunkel ein Vergessen zu finden, das ihnen niemals werden wird. Hier waren die Chöre unglaublich: da, wo geflüstert wurde, wo erzählt wurde, wo die Toten menschlich wurden. - Pauke, immer noch leise, dann Aufbruch in den großen Choral – eine Melodielinie, die den Sonnenaufgang schon vorausnimmt, aber im menschlichen Maß bleibt: das macht diese Stelle derart berührend. Und genau da, „Ins Grab...”, wieder diese estnischen Bässe, über die Schönberg den Männerchor ganz hoch hinübersingen läßt; bisweilen klingt das schon nach den Frauen. Die Bläser rufen, die Kontrabässe beschließen die Sequenz, darüber eine Oboe... Glissando in den Bläsern, vorsichtig ein Harfentupfer und hoch die Flöten.
Wie ein kleiner Schock, daß Zagrosek an genau dieser Stelle eine ausgehaltene Fermate einfügt. Das habe ich auf keiner der Proben gehört. Mehr als überzeugend, daß vor allem die Bläser den thematisch fast wieder untergegangenen Sonnenaufgang wieder aufnehmen, nun aber schon licht... jetzt ganz ein Debuys von La mer, was da herklingt... und übers schattenhafte Spiel geht, während die Geigen vorandrängen, ein An- und Wegrolln von Wellen. Abermals Auflösung, die Trompete schallt hinein. Wieder wird alles fast zurückgenommen, fermiert, dann abermals, darunter immer fast unhörbar die Pauke, Bläser, Udo Samel beginnt seinen Vortrag. Ich habe den Eindruck, daß Zagrosek hier schneller dirigiert als in den Proben, so daß Samel schon sehr rennen muß, um das Tempo zu halten; hier war jetzt leider, im Gegensatz zu vormittags, wo das Mikro, über das der Sprecher spricht, deutlich zu laut eingestellt war, die Verstärkung um zwei Spuren zu gering... so daß Samel seine Sätze nicht eigentlich formen kann. Nach dem herzrührenden „Still! Was mag der Wind nur wollen?” und dem vorerlösenden „längst sind sie Staub” und „ach, war das licht und hell”, worin er wirklich einmal Zeit hat – danach also verläßt er sich geschwindigkeitshalber vor allem auf die Jamben und akzentiert sie etwas z u sehr, er hält sich an ihnen wie an einem Geländer fest. Die ganze Partie ist sauschwer, er soll ja nicht nur im Rhythmus sprechen, sondern bisweilen auch Tonhöhen andeuten, nicht singen, nein, aber eben doch die Tonhöhen in die Kehle bekommen, so daß er da ein wenig ins Pressen gerät und sein „Erwacht” nicht gänzlich mit dem plötzlich ganzen, aufbrechenden, aufblühenden Chor legiert.
Dieses Aufblühen ist schlichtweg phänomenal. Doch dann. Das aber geht die Orchestermusiker nichts an, nicht Zagrosek, nicht die Sänger oder die Chöre. Sondern.
Schönberg selbst.
Indem er den Chor nämlich immer noch weiter und weiter aufblühen läßt, ihn immer weiter hochtreiben will und dabei gar kein Ende findet, kommt die erkomponierte Erlösung, die eben gar keine ist, so klebrig daher wie je nur Wagners Blumenmädchen, deren Erotik auch keiner glaubt. Hier wird nun einfach behauptet Es ist nicht mehr der S c h e i n von Sonne, nicht mehr ihr tatsächlicher, physischer, Glanz, sondern, indem sich genau das selbst spürt, will Schönberg überreden. Das Gurrelieder-Ende ist behauptete Massenutopie, nämlich nicht Utopie, sondern Wahn - gegen das sich schon anbahnende Unheil der Weltkriege gesetzt und ignorant gegen den Zerfall des Individuums zugunsten vorgeblicher Kollektive. Hier, in diesen letzten Takten, sind die Gurrelieder allerpompöseste Gründerzeit mit verlogensten Säulen und Putten – ganz so in Wahrheit häßlich, wie der DDR-Saal des Konzerthauses ist: Fratze, nichts sonst. Nicht der Sonnenaufgang selbst ist verlogen und also nicht das Glück, daß diese wüste Nacht vorüber - aber die kompositorische Insistenz auf Erlösung, diese musikalisch verordnete Glückseligkeit von Mengen. Hier auch, nirgenwo sonst, wird Schönbergs großes Stück ganz seltsam historisch und reinster Kitsch, eben deshalb, zugleich. Hier streicht die Musik alle ihre Feinheiten, Innigkeiten und wahren Empfindungen rücksichtslos durch. Hören Sie die trauernden Bögen der Geigen im Ersten Teil, Sie werden sofort erfassen, was ich meine. Denn Erlösung w a r ja nicht, war Waldemar nicht, war nicht seinen Leuten. Und wird nicht. Sondern sie treiben weiter glücklos umher: verflucht in alle Ewigkeit. Ende-und-Applaus-120610

_______________________________________

Gurre 13 <<<< (Handlung und Deutung)


>>>> Die nächste Aufführung:
Heute, 13.06.10. 16 Uhr.
Karten 28 / 36 / 44 / 50 / 60 €

Gurre (13). Entr’Acte: HANDLUNG UND INTERPRETATION. Konzerthausorchester Berlin, Lothar Zagrosek. Arnold Schönberg, Gurrelieder. Vor den Aufführungen 12. und 13. Juni 2010. Heute nachmittag um 16 Uhr.

gurre3-tx

Erster Teil.
Der König Waldemar, verheiratet mit Helwig, hat sich in die junge Tove verliebt, die auf Burg Gurre lebt. Zu Beginn des Stückes reitet er durch den Wald am Nordmeer entlang zu ihr hin. Er ruft sie an dabei, vor Sehnsucht, und hört sie, in sich, wie sie vor Sehnsucht antwortet und steht auf der Burgmauer und schaut ihm entgegen. Die Nacht fällt über ihn, er bekommt es mit einer leisen Angst zu tun, so viele Schatten leben im Wald, die Liebessehnsucht verdüstert sich, auch wohl, weil diese Liebe nicht ganz gut ist, weil sie, auch, ein Betrug ist. Tove, in Waldemars Gedanken, beruhigt ihn aber, doch nimmt die Todesgedanken mit auf, umhüllt sie mit ihrer Liebe: wie auch immer, selbst aus dem Grab, wiederauferstünden sie und träfen sich, einander in die Arme schließend, wieder.
Das ist voll Vorahnung. Denn während Waldemar noch reitet, hat Königin Helwig ihren Vasallen – die Waldtaube nennt ihn ‚Helwigs Falke’ - ausgesandt, um die Nebenbuhlerin zu töten. Während sich das Geschehen begibt, oft schon im Orchester vorerzählt, lästert der gegen die Bedrohung durch Nacht und ihre Gespenster sich aufrichtende Waldmar Gott: Nicht einmal das Paradies sei so schön, wie Toves Umarmungen seien.

Eine Taube fliegt über Land, Zeugin des Geschehens: Zeugin, daß Tove schon tot sei. Davon erzählt sie uns:

Weit flog ich, Klage sucht' ich,
fand gar viel!
Wollt' ein Mönch am Seile ziehn,
Abendsegen läuten;
doch er sah den Wagenlenker
und vernahm die Trauerbotschaft:
Sonne sank, indes die Glocke
Grabgeläute tönte.
Weit flog ich, Klage sucht' ich
und den Tod!
Helwigs Falke war's, der grausam
Gurres Taube zerriß.

Zweiter Teil.
Waldemars Klage und Anklage, sowie seine zweite Lästerung Gottes:

Falsche Wege schlägst du ein:
Das heißt wohl Tyrann,
nicht Herrscher sein!

Gern wolle er Gottes Narr sein fortan, der ihm, wie der Narr eines Königs, fortwährend die wirklichen Wahrheiten sagte.
Das kurze Stück endet in einer Verzweiflung, die Verdammung bereits i s t.

Dritter Teil.
Die Wilde Jagd beginnt: Waldemar wurde zu jenen toten Göttern und Helden verdammt, die für ewig, wenn der Wind geht und Sturm wird, a u f diesem Sturm suchend umherirren müssen – so, wie der Fliegende Holländer auf dem Meer umherirren mußte, dem immerhin e i n e Erlösung versprochen war, sofern er die eine Frau denn finde, die ihn liebte bis in den Tod. Jacobsen, der Textdichter, kennt diese Erlösung aber nicht, so wenig wie Schönberg: Verdammnis b l e i b t, nächtlich, denen, die so fehlten.
Das Stück beginnt damit, daß Waldemar aus seinem Grab heraus all die anderen Versammten herruft, zur Jagd ruft. Das ist für die Menschen schon in der gefährlichen Windstille zu hören, die den Stürmen vorausgeht; da verstecken sie sich in ihren Häusern und schlagen das Kreuz: der Bauer beschwört sein Apage! - Aber selbst die Kirche fürchtet sich noch, eine wirkliche Zuflucht ist auch sie wohl noch nicht:

Sperber sausen
vom Turm und schrein,
auf und zu fliegt's Kirchentor!

Da antworten Waldemars tote Mannen, es antwortet die gesamte untergegangene vorchristliche Mythologie. Ein Gespensterchor ist’s, abermals den Gespenstermatrosen des Holländers nicht unähnlich. Das muß mit gewaltigem Schrecken gesungen werden hier, ist voller Not und zugleich voller Sehnsucht. Hier ist zu spüren, wie Angst in Aggression umschlägt, hier ist die völlige Verlorenheit fühlbar solcher, die nicht einmal mehr gehen, die ihre Not nicht enden dürfen. Ihre Verzweiflung dreht sich in den Wahn einstiger Macht:

Lokes Hafer gebt den Mähren,
wir wollen vom alten Ruhme zehren.

Loke, Loki, das ist der Gott des Feuers, der bereits im Ring des Nibelungen seine hochgradig ambivalente Rolle spielt. Sein Hafer i s t das Feuer. Hier wittert sicher Prometheus nach, aber vor allem geht es um, das ist richtiggehend modern, Feuer & Flamme, nur eben als Gegenwehr derer, die weg„missioniert” worden sind, als deren Djihad – jedenfalls: Z e r s t ö r u n g kündet dieser Sturm an – dem obendrein noch GOtt den Narren schickt: Klaus-Narr, der, das eigene Elend verulkend, der Wilden Jagd voranreitet, doch umgekehrt auf dem Pferd: so, daß ihn die Verdammten auch vernehmen können, die er in seinem Couplet verhöhnt wie sich selbst. Interpretativ ist dies die spannendste, nämlich eine hochgradig ambivalente Erzählung. Indem Klaus-Narr am Ende seines Monologs GOtt nämlich zurückhöhnt und damit dann d o c h zeigt, zu wem er gehört: zu den Verdammten selber nämlich. Klaus-Narr, das ist poetologisch berauschend, höhnt, indem er den Reim höhnt, also der harmonia caelestis:

Ja, wenn es noch Gerechtigkeit gibt,
Dann muß ich eingehn im Himmels Gnaden...
Na, und dann mag Gott sich selber gnaden.

Wenn Du mir, heißt das, Du GOtt, wenn Du mir endlich d o c h Erlösung schenken solltest, werde ich mich rächen: Gnade Dir, GOtt, Gott! heißt das. Und Waldemar, dem ganz entsprechend, kündigt an, er werde mit Feuer und Schwert den Himmel erstürmen...
Doch es wird Tag, der Sturm legt sich, die ersten Tautropfen blitzen, und die Wilden Jäger müssen zurück in ihr Grab. Friede wird, man hört die ersten Türen quietschen, Rolläden werden geöffnet, und das Blinken und Surren, das frühe Vogelzwitschern, die ersten summenden Bienen – all das aufersteht nun wieder: der Tag. Der Sprecher tritt auf und erzählt, erzählt in hüpfenden märchenhaften, auch komischen Worten, erzählt persiflierend, erzählt menschlich berauscht... wie die Not abfällt:

Welch Ringen und Singen!
In die Ähren schlägt der Wind in leidigem Sinne.
Daß das Kornfeld tönend bebt.
Mit den langen Beinen fiedelt die Spinne,
und es reißt, was sie mühsam gewebt.
Tönend rieselt der Tau zu Tal,
Sterne schießen und schwinden zumal;
flüchtend durchraschelt der Falter die Hecken,
springen die Frösche nach feuchten Verstecken.
Still! Was mag der Wind nur wollen?

Der Wind, ja, in dem die Klagen der Nacht noch wie Echos verflirren... als sich die Sonne über den Horizont hebt, langsam, gewaltig, strahlend – Mit einem Sonnen-Hymnos endet das Stück.

*******

Um zu verstehen, was alles in Schönbergs Gurreliedern mitschwingt, ja mitverhandelt wird, hilft es, neben der erzählten Geschichte-selbst, ein paar der alten Mythen zu kennen, die zur Zeit der Erzählung immer noch wirksam waren im Volk und es teils heute noch sind – bis hinein in den Genre-Spielfilm und viele der heutigen Computerspiele. Vorbei ist das nicht.
In den Rauhnächten, jenen, die auf Weihnachten folgten, hieß es, daß die eisigen Stürme in Wirklichkeit Wotans Mannen waren. Seine zwei Raben flogen meistens voraus. Weihnachten ist ursprünglich ja kein christliches Fest, es ist das Fest der Wintersonnwende, von dem an die Tage länger werden – aber ungewisse Tage erst einmal, verdrängte Tage, da das vorchristliche Jahr Mondjahr, nicht Sonnenjahr war und mit zwölf Mal 28 Tagen, zwölf Mal dem weiblichen Zyklus, genau 360 Tage hatte. Daraus ergaben sich Zwischentage - witzigerweise auch im französischen Revolutionskalender, der fast die selben Tage Sansculottiden nannte -, die von „Zwischenvölkern” bewohnt waren – so, wie die anderen beiden markanten Punkte des Jahres Walpurgis und Samhain, das christlich zu Allerseelen wurde und als unheimliches Datum heute noch in Halloween weiterwirkt („Hallo”, englisch gesprochen, kommt von „Hulda” her, nämlich von Wotans, bzw. Odins Gemahlin). Übrigens gibt es eine starke mythologische Verbindung auch von Rabe zu Taube, auch hier „übernahm” das Christentum, eben nicht nur Feste, sondern auch Symbole. Ich habe jetzt nicht die Zeit, Ihnen die Verbindungslinien zu erläutern, aber ich möchte gerne, daß Sie ein wenig den Bedeutungshof verstehen, worin sich die Gurrelieder abspielen. Daß die Wilde Jagd, schließlich, von den Rauhnächten auch auf andere Sturmnächte überging, ja zur Verlebendigung gefürchteter Naturerscheinungenn generell wurde, ist eine Folge der, aus heidnischer Perspektive, Säkularisierung des alten Glaubens (wobei der alte Glaube imgrunde schon falsch, nämlich monotheistisch gedacht ist).
Noch ist die Christianisierung, die durchaus nicht gewaltfrei ablief, nicht völlig verankert: die neuen Machthaber müssen noch A n g s t vor dem Alten haben - und machen sie also dem Volk. So kehrt sich Wotans Wilde Jagd in eine von Verdammten herum, und wer sie sieht, wird von ihr bestraft: als Abfälliger nämlich, als ein Verräter. Doch nur im Sturm läßt sich diese alte Macht, die zu fürchten ist, momentlang wiedererstehen, und wer immer vor der neuen Religion die Knie gebeugt hat - allein, weil er nicht gefoltert werden wollte, zum Beispiel -, tut gut daran, sich zu verstecken. Dies verdeutlich in den Gurreliedern ausgesprochen gut der Part des Bauern. Er weiß wirklich nicht, was tun, wird zwischen den Mächten einfach zerrieben. Denn es ist ja nicht so, daß die alten Mächte besonders mild mit ihm umgesprungen wären. Grausam., so oder so, ist es für den einfachen Menschen immer geblieben. Er muß sich zwischen Erhängen und Köpfen entscheiden. Was er nicht kann. Niemand kann das, wenn er überleben möchte. Also versteckt er sich und macht die Türen zu. - Zur Rolle des Narren habe ich oben schon genügend gesagt. Dann aber die Sonne. Eben nicht mehr der Mond, nicht mehr das ungewisse Licht der „Zwischenvölker”, sondern die klare Strukturiertheit, die Überwältigung durch Aton bricht sich ins Leben. Sigmund Freud, in seinem großen Moses-Aufsatz, beschreibt dies so:

In den zwei Hymnen an den Aton, die uns durch die Inschriften in den Felsgräbern erhal­ten geblieben sind und wahrscheinlich von ihm selbst gedichtet wurden, preist er die Sonne als Schöpfer und Erhal­ter alles Le­benden in und außerhalb Ägyptens mit einer Inbrunst, wie sie erst viele Jahrhunderte später in den Psalmen zu Ehren des jüdi­schen Gottes Jahve wieder­kehrt.

Damit möchte ich denn meinen kleinen Interpretationsaufsatz beenden: ich denke, er gibt Ihnen genügend an die Hand, um Schönbergs großes Stück auch in einigen Details heute abend ganz zu begreifen: Liebe >>>>MelusineB, ist dies gut so?

fragt und grüßt von Herzen:

ANH.
>>>> Herbst & Deters Fktionäre.

P.S.: Auf die vielen sprachlichen Spiele mit den Bedeutungen von Gurre, gurren, Taube, Tove - man kann dem >>>> quer durch den vertonten Text nachspüren - und damit auf die Verwischungen und, sic!, Assonanzen, nämlich semantischen Anklänge habe ich während meiner Proben-Erzählungen schon immer wieder hingewiesen. Das lese dann, wer mag, dort nach.
_______________________________________

>>>> Gurre 14 (Premiere)
Gurre 12 (Generalprobe) <<<<
logo_konzerthausorchester
>>>> Aufführungen:
12.06.10
13.06.10
Karten 28 / 36 / 44 / 50 / 60 €

Gurre (12): GENERALPROBE. Konzerthausorchester Berlin, Lothar Zagrosek. Arnold Schönberg, Gurrelieder. Sonnabend, der Vormittag des 12. Junis 2010.

Gurre8-1

10.28 Uhr:
[Konzerthaus Berlin, Großer Saal.]
So, das Haus füllt sich, auch bereits der Publikumsraum, auch wenn das auf dem etwas früher als jetzt aufgenommenen Bild noch nicht so aussieht. Auch in den Rängen sitzen Leute. Wobei d i e s e Generalprobe höchst widerborstig ist: nicht nur, daß es ungewöhnlich ist, morgens eine Generalprobe zu haben, die eigentlich vollen Einsatz bedeutet, wenn bereits am Abend die Premiere stattfindet; nein, aus demselben Grund, werden die Sänger ihre Stimmen kaum über DrittelKraft nutzen; Daniel Kirch fragte mich eben: "Was meinst du, soll ich vielleicht besser ins Orchester singen, damit man mich da überhaupt versteht?" Das will er, logisch, mit Zagrosek kurz abgleichen. Dann: Diese Generalprobe ist die erste Probe überhaupt, in der sämtliche Mitwirkenden das erste Mal richtig aufeinandertreffen; es hat in der Kürze der Zeit auch nie eine andere Durchlaufprobe gegeben. Hunderte Tücken sind hier jetzt versteckt, fünfhundert Fallen; dazu kommt das nach wie vor bestehende Problem der Dynamik, sowohl der Binnendynamik als auch der des Stücks insgesamt...

Ah.... Zagrosek kommt eben herein, verschränkt die Arme, schaut ins Orchester.... e i n Ton... Stille.
"Also einen schönen guten Morgen. Meine Damen und Herren, die Sänger werden jetzt nicht aussingen, das ist eigentlich selbstverständlich, deshalb müssen wir ganz genau achten..." Und wer weiß, vielleicht ist es ja sogar besonders gut so, weil, wenn die Sänger sich extrem zurücknehmen, Gurre8-2das Orchester es vielleicht ebenfalls tut... Das hellglitzernde Vorspiel... oh das läuft aber schön jetzt! Kirch erhebt sich... noch einmal das bettende Thema, das eher Akkordfolge als wirlich Melodie ist... eine schwingende, ganz langsam schwingende Geste, in der wir den Wind schon ahnen, auf dieses Stück hinauswill. Noch ist er Brise, über Schilf gehaucht. Und im Parsifal-,muß man sagen,-klang: Nun dämpft die Dämm'rung
jeden Ton von Meer und Land
- Ja! Das verhaltene, nach wie vor wunderschöne Singen läßt das Orchester lauschen.... wie eigenartig, nun ist, trotz des gedämpften Singens, der Text völlig verständlich... Kirch singt übrigens d o c h in die Publikumsreihen und nicht ins Ochester... An vielen Stellen merkt man, daß Schönberg selbst Cellist war...

und es treibt mich zu mir
selbst zurück

Melanie Diener, ebenfalls verhalten, wodurch ihre Stimme jetzt wie e i n Instrument unter allen anderen klingt, völlig legiert, und darüber dann wird zum eigentlichen Solo die erste Geige. (Zagrosek, seh ich, lächelt). Stimmungswechsel, das Orchester dreht auf, riesiges Forte, Knall fast, dann Stille, keinen Augenblick lang und - Tempo! Die Reiterstelle, bis zu dem großen Glissando einige Takte später geht Kirch hier unter, das ist nun schwer zu entscheiden, ob weil das Orchester noch zu laut, ob, weil Kirch die Sanglinie nur andeutet... Melanie Diener. Über die Kilometer hinweg, die die Liebenden trennen, führt sie das beschwörende Zwiegespräch weiter... Hier dann auch ein, ich sag mal: thematischer Klang der ganz zur Jahrhundertwende von IX auf XX gehört und sie vor allem auch in der seinerzeitigen Unterhaltungsmusik findet, die in den meisten Fällen da noch Tanzmusik war. Darüber Wogen des Sentimentalen, die aus den Konzertsälen geradezu direkt in die Filmstudios schlugen...
Die erste Lästerung Waldemars: "So tanzen die Engel/ vor Gottes Thron nicht,/ wie die Welt nun tanzt vor mir" für die er mit der zweiten dann zur Wilden Jagd verdammt werden wird, in die paradiesische Erlösung nicht eingelassen, sondern zurückgeworfen ins Vorchristentum und seine, aus christlicher Sicht, dunklen Mächte... seine zweite Lästerung, im Zweiten Teil des Stücks, ist, daß er Gott für den Tod seiner Liebsten anklagt (Falsche Wege schlägst du ein:/Das heißt wohl Tyrann,/nicht Herrscher sein!) und ihn im Drtten Teil sogar bedroht: "zertrümmre deiner Engel Wacht/ und sprenge mit meiner wilden Jagd/ ins Himmelreich ein"

Denn all meine Rosen küßt' ich zu Tod,
dieweil ich deiner gedacht

Währenddem sich Helwigs, der Königin, Vasall schon einschleicht, der geliebten Tove das Messer ins Herz zu stechen... im Orchester geht das schon vor, während noch Waldemar reitet. Es ist, als gäbe es ihm die dunklen Gedanken überhaupt erst ein, die ihn erfassen. Es ist die Natur um ihn her, die es ihm eingibt; sie spricht von einem Verrat an ihr, und sie holt sich zurück, wen sie will.

das Leichenlaken ziehn
wider die kalten Winde
und weiter mich schleichen

Doch Melanie Diener beruhigt ihn, wir auferstehn ja doch und auferstehn in L i e b e. Daß hier zugleich ein Verrat an der Ehe im Gang ist, realisiert sie nicht; beide, Waldemar und sie, denken so wenig politisch wie der Tristan Straßburgs. Und hinter mit tritt Claudia Mahnke durch die Tür, lächelt, grüßt, schaut mir beim Tippen zu und fängt wie abewesend an, leise zwar, das Orchester mitzusingen. Ich dreh mich z ihr, lache leise, sie legt zwei Finger auf ihre Lippen, lächelt ebenfalls. Lyrisch sinkt sein Herz zur Gurre8-3Ruh'... Von welch einer Schönheit die Geigen hier sind! Aber Unruhe, Aufbruch, der Mord. Schon sitzt Mahnkes Waldtaube auf dem Podium, "dann wolln wir mal", flüsterte sie mir eben noch zu und Fortissmo, Gehetze, Rennen, man sieht die ganze Burg in Unruhe und Entsetzen, während Waldemar doch noch immer auf seinem Pferd durch die Nacht... Dann beruhigen sich die Spiegel in den Elementen, das Grundthema schwingt sich süffig und türmt sich zum Choral auf... Eglischhorn, dann die erzählerische Gestik in der Bratsche, Knall. Englischhorn, Tristans Hirtenflöte, glissierende Auflösung durch hellste Bläser, die Waldtaube, irgendwo, gurrt:

Kommet! Lauschet!

Und das Todesthema der Gurrelieder, unterstützt in der Pauke. Das funktioniert jetzt aufs beklemmendste... Wie sehr mich doch Claudia Mahnkes Stimme an Christa Ludwig erinnert... Immer mehr und mehr Leute füllen die Ränge, dauernd kommen welche hinzu... Und die ersten Chormitglieder, auf der Empore, nehmen vorsichtigstill ihre Plätze ein. Oh und jetzt dieses Erzählungs-Thema... baut sich auf, noch mal zurücknehmen... wieder aufbauen... Und welch Doppelsinn! Helwigs Falke war's, der grausam/ Gurres Taube zerriß heißt es... und ist nicht "taube sein" a u c h ein Wort dafür, nicht gehört zu haben, metaphorisch: n a i v gewesen zu sein..? Ach Tove! Und Waldemar, wenigstens S i e... Sie doch hätten das Risiko kennen müssen... Auf wessen Schutz haben Sie vertraut? Ah! Und die Mahnke haut ihre letzten Akkorde nun doch voll hinaus...
Zagrosek verbeugt sich knapp gegens Publikum. "Pause. Nach der Pause Zweiter Teil." Das lief jedenfalls ziemlich prächtig.

*******
ZWEITER und DRITTER TEIL
Gurre8-4

11.58 Uhr:
Vor dem Bühneneingang latte macchiato getrunken, mit Friedemann, dem ersten Cellisten, über Schönberg und Mahler IX gesprochen, dabei einen Cigarillo geraucht, jetzt wieder am Laptop, die Chöre sitzen auf der Empore, Zagrosek geht ans Pult, geht aber herum, geht durchs Orchester zu den Kontrabässen, spricht mit ihnen, kehrt um, ersteigt sein Pult, jemand klatscht laut, Stille kehrt ein, der grandiose Chorleiter Fink und Zagrosek sprechen, Ohlmann erscheint, gibt Zag die Hand, Zag hebt den Taktstock. Stille. Fink erklärt den Chören die Auftrittsordnung für heute abend und morgen, erklärt es in Deutsch und in Englisch... leichtes Murmeln, Zag: "Sò, bitteschön. Jetzt überall Ruhe! Können wir bitte alle Platz nehmen? Vielen Dank. Jetzt kommen die beiden schwierigsten Nummern in der Balance... Haben Sie Acht. - :" Das Thema der Geste. Tuba, Posaunen. Kirch erhebt sich. Klage, nein: A n klage. Das Orchester gibt sie bereits vor, schreit. "Herrgott weißt du, was du tatest? Und schon ist die Klage vorüber, wir setzen mit der Verdammnis Erstem Teil ein, dem dritten des Gurrestückes Schönbergs. Die Wilde Jagd ist gerufen, und die Bauern ducken sich, drängen sich aneinander, lauschen ängstlich dem Sturm, der sich erst noch ankündigt, Stille liegt, blitzende, über dem Wasser, Natur hält den Atem an: "Schwer kommt's her/durch die Nacht getrabt" Gurre8-5Der Bauer hat sich versteckt, hat sein Kreuz geschlagen, so kann ihm, meint er, nichts geschehen. Als schon die Gespenster rufen, den toten Mannen nicht ungleich des Fliegenden Holländers, der ganz in denselben Hof der irrenden, verirrten Großen gehört.... Und wie das hier jetzt brodelt und wühlt, und wie es sich plötzlich setzt, ins Holz der Bläser, momentlang Atem schöpfen, wie um sich schauend, blinzelnd, wo man sei, und dann dreht es bereits wieder auf, gibt sich die Sporen und j a g t..! Wir haben es 12.17 Uhr, und dieses Stück, unter den aneinanderrasselnden Ketten, die Schönberg fürs Schlagwerk hier vorgesehen, r a s t vorüber, es gibt überhapt keine Länge bislang... Kirch, zum mildegewordenen Wiegen, aua, Verspieler in den Hörnern, aufgewiegt schon wieder in sattestem Streichersatz: "Mit Toves Stimme flüstert der Wald," die Linie kurz allein im Orchester fortgesetzt, "mit Toves Augen schaut der See"... "Tove! Tove!" woran Taube doch ebenso assoniert, wie es das Gurren beschreibt... Dieses Spiel von Bedeutungen und Klängen durchzieht Schönbergs gesamte Komposition imgrunde auch technisch: sich b e z i e h e n. Der Narr, Daniel Ohlmann nun, "hast du Fotos gemacht, bekomm ich ein paar?" fragte er in der Pause, nun steht er da, Satyr wieder, die bitterkomische Version jenes Narren Gottes, der zu werden Waldemar dem GOtt angedroht hatte...Gurre8-6 Aber Jacobsen/Schönberg drehen das um: GOtt schickt dem toten, durch die Nacht jagenden König zu seiner Verzweiflung den eigenen Narren noch dazu:

auch dieser hat's verdient
und muß von Rechtes wegen jagen.
Denn er war immer höchst brutal
GOtt, mit anderen Worten tritt, er ist ein Nietzscheaner, n a c h. Wer fällt, den wollen wir noch... - egal: dsenn ganz so einfach stehen die Dinge n i c h t, nimmt man die Perspektive des einfachen Volkes an. "Na, und dann mag Gott sich selber gnaden, worauf Kirch ihn nun wieder selber anspricht mit der Macht der Hörner und der hellsten Trompete hinter sich, und mit deren Wahrheit. Ah, ein ganz kurzer Hänger im Orchester, vorsicht, bitte! hier nicht schleppen. Aufatmen: à tempo. Ich lebe sowas immer mit, immer mit d u r c h. Nachher brauch ich 'ne Dusche. Beruhigung, Celli, die Geister spüren den sich hebenden Tag: Der Hahn erhebt den Kopf zur Kraht......Gurre8-7 G a n z großer aufleuchtender Choral... Noch einmal das Dunkel, Dämmrn erst, "ins Grab, ins Grab, Dunkel dann... und... schlafen, schlafen... Tiefster Orgelpunkt, dann blitzt etwas, ein Tautropfen auf einer Blüte? noch einer? ein nächster? aber noch die Tuba... FERMATE. Samel erhebt sich, er legt seine Partitur beiseite, er will frei sprechen. Glissandi überm Horizont, Mahlerklang, dort, wo von Ferne Erlösung ausgerufen wurde, daß Schönberg für die Erlösung eine Burleske wählt, ist ganz ganz, Leserinnen, wunderbar...einen Buffo: tutto nel mondo è burla... Falstaffs Weisheit, aber hört mal! Wie j u n g ist Schönberg denn gewesen, da er das schrieb?Gurre8-8

"Herr Gänsefuß, Frau Gänsekraut, nun duckt euch nur geschwind!"... Sechsundzwanzig war er, als er sie begann... Zag, plötzlich sauer, unterbricht, dreht sich zur Regie hoch: "Was ist denn mit der Verstüärkung los? Das ist doch viel zu laut! Horen Sie das denn nicht? Ist denn da niemand d a?!" Jemand läuft durch den Saal. Zag: "Wir machen weiter hier..." Ach schade. Wie schade! - Sie nehmen die Stelle wieder auf. Und dann... dann

ERWACHT! ERWACHT IHR BLUMEN ZU WONNE!
Chöre: "Zur Sonne!..." Dann dieser unfaßbare Sonnenaufgang der Musik.... Erblühen! Bühen!
Ardet et floret.
***

"So, erstmal herzlchen Dank für alle: große Leistng, großartige Leistung. Vor allem, weil wir das heute gleich zweimal spielen, das ist schon eine enorme Anstrengung. Aber wir müssen das mit der Klangregie lösen. Und dann bitte noch zwei Stelle jetzt. Wir machen einmal noch die Ziffer 78. Bitte setzen Sie sich. - Wir machen einmal eine Sprechprobe bitte." - Samel spricht den Anfang. "Wie ist das?" "Zu laut noch." Jemand der Zuhörer steht auf: "Herr Samel macht das so toll, er hat auch die Stimme, er kann das auch ohne Mikro machen." Nee, kann er nicht. "Nein", sagte Zag, "das haben wir probiert. Udo, bitte nochmal." Zum Orchester: "78 -:" - Dann: "Stop. Ist das jetzt gut? Dreht sich zur Klangregie, hält seine Hände als Trichter vor den Mund, ruft hinauf: "Bitte, heute abend genauso. Ich beschwöre Sie. Bitte das Publikum nicht alleinlassen, regeln Sie mit Fingerspitzen." Zum Orchester: "Nochmal Vierter nach 36. Das geht total durch. Machen wir nochmal, ab eins vor 34, bitte -:" - "Meine Damen und Herren vom Chor: Dieses erste 'Holla!' muß ein Schrei sein, der durch Mark und Bein geht... wie wenn Wikinger in einen Ort einfielen... Bitte, denken Sie daran. Das machen wir jetzt nicht, damit Sie heute abend singen können... aber dann, bitte. Wir gehn zurück auf Ziffer 77, Erster Teil 77. Und zwar, bitte, wir machen vor 77 sechs Takte bitte. Ritardando: -:" Bricht ab. "Okay. Nächste Stelle, 104, eins vor mit Auftakt, die Trommel da... machen wir das eben mal -:" - "Okay, prima. Das darf da noch ein bißchen leiser sein, sie haben da ein Subitopiano eingebaut. Nächste Stelle. Wir müssen noch einmal den Anfang des Dritten Teils machen, sechs vor 2 mit dem Auftakt... bitte schön -:" - "Bitte nochmal. Er schlägt den Takt auf der Handoberfläche: vier-fünf-sechs-bàbà/vier-fünf-sechs-bàbà - Bitte -:" - "Danke schön, danke schön. Fünf vor 4 haben wir besprochen: mezzoforte und kein forte, sonst hat der Sänger keiner Chance. So, dann wünsche ich uns jetzt viel Glück!"

*******


>>>> Gurre 13 (Entr'Acte)
Gurre 11 (Die siebente Probe) <<<<
logo_konzerthausorchester
>>>> Aufführungen:
12.06.10
13.06.10
Karten 28 / 36 / 44 / 50 / 60 €

Gurre (11): Nun auch der Chor. Der wohl härteste aller Probetage. Konzerthausorchester Berlin, Lothar Zagrosek. Arnold Schönberg, Gurrelieder. Freitag, der 11. Juni 2010: Die siebente Probe. Mit, zu Beginn, einer kleinen Verbeugung vor Ulrich Holbein.

8.28 Uhr:
[Arbeitswohnung.]
Vergessen Sie bloß nicht, sich Karten reservieren zu lassen. Sofern es noch welche gibt.

Die Probe beginnt heute um zehn mit der Chorübernahmeprobe. Gestern abend trafen alle drei Chöre zum ersten Mal aufeinander, im Haus des Rundfunks am Rosenthal-Platz. Da hörte ich >>>> Ulrich Holbein zu, der zu den nicht vielen Dichtern der Gegenwart gehört, die von der E-Musik ähnlich berührt sind wie ich. Er las auf einer kleinen Bühne im Prenzlauer Berg, und Menschen kamen, um seinem leisen Humor, der Genie ist, zu lauschen.Ausland-Prenzlauer-Berg-Holbein-100610Gurre7-19.58 Uhr:
[Konzerthaus Berlin, Großer Saal.]
Soeben eilt Zagrosek auf die Bühne, erspringt sein Podium, legt die Partitur ab, Beratung mit seinem Assistenten zur Aufstellung der Chöre, deren Sämgerinnen und Sänger allmählich die Emporen füllen. Das Klavier wird hereingeschoben, da das Orchester erst ab mittags hiersein wird.
"Schscht!" - "Ich wünsche Ihnen allen einen schönen guten Morgen und danke Ihnen", sagt Zag, "daß Sie so viel Sonne mitgebracht haben. Wir beginnen mit dem Ende des Stückes und fangen an direkt vor Ziffer 91." Die Leiter der Chöre sind selbstverständlich da, durch die Reihen verstreut Gurre7-2sitzen sie und folgen dem Gesang in den Partitute. "Kann ich bitte vom Tenor im sechsten Takt mehr Kraft haben..." Jemand steht dabei, übersetzt ins Englische, Zagrosek selbst fällt ins Englische. "Einmal nur alle Damen, bitte.... gleiche Stelle. Und -:" Bricht ab. "Geht da nicht mehr Crescendo? Bißchen mehr. Und beim Sopran: mehr Diminuendo. - Bitte mal nur die Männer." Gurre7-3"Jetzt kommt das sehr schön, ja. Tutti, einen Takt davor -:" - "Ich hätte gern an der Stelle, bei diesem Text, daß das sehr klar herauskommt, deswegen die anderen bitte: nehmen Sie sich da zurück." Ein Chorsänger ruft herunter: "Herr Zagrosekt, das Problem ist, daß wir Sie zwar gut verstehen, aber die Kollegen sprechen kein Deutsch." Sofort der Übersetzer: "Please, who's singing this very special part: be strong there, but all the others are calm, calm, calm please." - "Die 101 here, onehundredone, ist fast, very fast, ich brauche da... letz's start with two to 97... 'farbenfroh"..." Blick zum Übersetzer. "'Farbenfroh'." - "Yes, 'farbenfroh' -:" -"farbenfroh am Himmelssaum..." - "Tenöre! A bit late, bit late there... Please again, same part, three bars for.." - "For the ladies, the part after 101, Crescendo and Diminuendo... can we start in 'Nacht", Gurre7-4four bars to 101. And think that we can hear you n o w, but not later, when the orchestra is playing. Again please -: - Stop, once more -:" - "Okay that's very could. I could think, ich könnte mir denken, that the tenors all could be a bit clearer there. Let's do it again, 'sehet die Sonne', one bar before 91." - "That's too late, too late!" - "Gut jetzt. Wnderbar. Eine ganze Kleinigkeit am Anfang, bitte, at the very beginning of this part, I don't understand it very goog, bitte nochmal von 'Sonne' -:" "Second bar on page 103..." "Please, it's a C in all voices." - "Laydies, thank you!! Er entläßt sie bereits. Besprechung mit dem Übersetzer, er wendet sich an die Partitur zurück. "Sò. PLease! Let's start with 'gegrüßt'. Everybody ready? Two bars before 17." - "Stop. Can I have once a capella?" - "Denken Sie dran, that is here a shock, that's definitely important. And -:" - "More! More crescendo. The last one is really a shouting, not da singing. Imagine, we are soldiers here... dead soldiers..."

Vom stranglosen Bogen Pfeile zu senden,
mit hohlen Augen und Knochenhänden,
zu treffen des Hirsches Schattengebild,
daß Wiesentau aus der Wunde quillt.

"Again... from 'vom stranglosen'... -:" - "Please not too late and always with accent..." - "Yor are fare behind me! Please come w i t h me... one...two -:" - "In 19, you lose time... don't slow down there... two bars before 19..." - "Stop. Again - :" - "Okay, it's better now, but I am not really convinced..." - "Let's do again." - "Give away your music, look only to me, only to me... we're not together..." - "Second choir... from 18..." Der zweite Chor erhebt sich, singt. "Prima! Tutti! Bitte alle zusammen, von 18." - "Ja. Only basses from all three choirs... "

So jagen wir nach gemeiner Sag'
eine jede Nacht bis zum jüngsten Tag.

"Das geht schon ganz gut, wir brauchen jetzt nur mal die Tenöre. Eins - zwei -:" - "Sehr gut. Bitte einmal nur zweiter und dritter Chor." "We start at page 120 at the last bar." - "Der Walzer! - Ist der Chorleiter da? - Do they understand what I want?" Ich versteh hier unten die Antwort nicht, die Akustik ist zu zerflattert. "You're behind me..." Er singt vor, gestikuliert.Geht vom Pult herunter, schaut in die Partitur des Übersetzers, der mit den Einsätzen assistiert, die beiden diskutieren ihre Partituren. Wieder zu den Chören: "Okay! I think, we make a break now, twenty minutes... we have to clear here something..."

*******

Das Problem ist, daß zwei der Chöre auf ein erheblich langsameres Tempo einstudiert sind, als die Partitur das vorsieht. Das ist insbesondere da problematisch, wo die Wilde Jagd herbeisaust, mit Schreien, Ungeheurem, der ganzen entfesselten Metapher wilder Natur.; der Rundfunkchor wiederum ist perfekt, aber, so mein Eindruck, noch zu weich, sozusagen da kultiviert, wo alle Kultur längst verloren hat und in der kalten Unendlichkeit irrt. Zagrosek will Kraft hier nicht allein durch die Masse, sondern durch Gestaltung haben, der Schauer soll wirklich durch den Saal gehen: er nur machte ja auch die Arie des Bauern, die Ausdruck seiner Angst ist, glaubhaft.

*******

11.21 Uhr:
"Aber kräftig jetzt! Strong. Do not be afraid of ugly sounds..." - "Sò. Into the next place, 66, ohne bar before."

Der Hahn erhebt den Kopf zur Kraht,
hat den Tag schon im Schnabel,
und von unsern Schwertern trieft
rostgerötet der Morgentau.

"HAT DEN TAG- HAT DEN TAG..." "We seperate 'hat-den'..." "Sorry, sorry, sorry... again..." "Der Hahn-erhebt-den Kopf-zu Tag"... Jetzt w i r d es. Schlägt aber ab. "Das war zuviel... Bitte -:" - "Please: Absolut no crescendo! Only this voices 'Mit-off-nem-Mund-ruft das-Grab'... Und -:" - Bricht ab. "Let's have a big big big choral, very very legato..." Und er d r ü c k t die Töne geradezu mit seinen Händen und dem Taktstock aus den Sängern heraus. "Meine Herren, es gibt Verständigungsprobleme mit der Partitur, wir möchten das auf 4 haben, nicht auf 3. What we did yesterday, we have to relative..." Denn das Problem ist, unter anderem, daß aus verschiedenen Partiturausgaben gesungen wird, die neue Ausgabe zählt um eine Ziffer versetzt.... "all diminuendo..! -:" "Zur träumeschwangern Ruh'..." - "And now please, we just had Diminuendos and Crescendi, now, at this end, we need more importance..." - "Okay, thank you für der Rundfunkchor. The others two choirs, we work sone more minutes with Mr. Fink.." Fink: "You are ready for another rehearsal, we will have late in Mozartsaal upstairs. But now here, page ... you have notived, there is a big problem with distance, you always are too far away from the score. What you need is, only to follow the bars... please only follow my hands, don't look in your scores. Please -:" - "Please be absolute sure, that you are with the beat of the conductor..." - "Second choir, you are singing wunderfull, but there still is the problem of time, of beat... Please again, and you habe to f o r m your score -:" - "Stop! You don't habe any contact with my hands. Please again, stay apart from your scores...please make absolute sure, that you are in time..." "No, that's still wrong. If we are not on the beat, all the voices are indifferent here, and this ist absolutely wrong." - "Ah, I see, the only problem is the absolute beginning, if you are there in time, all will work, of not, nothing." - "Now the beginning was correct, but then you lost time. Once more: You have to watch the conductor, please o n l y the conductor... The conductor hat the choice to be sudenly slower or faster, it's h i s choice, and we have to be flexible to follow. - Please watch me -:" - "No, no, your're too late." - Jetzt läßt er sie nur sprechen, nicht singen, auf den Schlag seiner Hände. Und immer noch das Problem, noch immer wird in die Noten gesehen und nicht auf den Schlag des Dirigenten. Abermals Sprechprobe. Imgrunde hätte d a s vorgeprobt sein müssen, ganz unbedingt, bei der Enge in der Zeit.
Uiuiui. Pause.

*******

Nun ist es aber nicht selten so, daß solche unerwarteten Kleinkatastrophen zu einer Anspannung führen, die überhaupt erst, indem sie sich plötzlich löst, die erstaunlichsten, berückendsten, auch beklemmendsten, je nach Werk, Aufführungen möglich macht. Es wird alles zum Reißen gespannt, künstlerische Arbeit ist n i c h t harmonisch, so gut wie nie jedenfalls, wenn sehr viele Menschen daran beteiligt sind, Nervositäten gegeneinander bisweilen hartes Wort, auch ohne Aggression geht das nicht immer aus, aber um alles herum ist das Werk gebunden und zwingt letztlich zur Form. Dazukommt, ich plauderte in der Kantine mit zwei Musikern, daß dieses ja nicht das einzige Stück ist, das für die einzwei Wochen auf dem Programm steht, sondern quasi simultan wir Brahms I geprobt, Sibelius' Violinkonzert, Schostakowitschs 15. war gerade dran, und dann kommt noch Mahler IX - alles in dreieinhalb Wochen. Es ist wichtig, daß Sie sich auch dieses mit vergegenwärtigen, um einschätzen zu können, was eigentlich vorgeht, wo auch die Empfindlichkeiten liegen aller, je, Beteiligten.
Es ist zwölf vor eins, die ersten Orchestermusiker kommen aufs Podium, die Stimmerin, die an der Harfe saß, hat die letzten Töne gerichtet, in den Gängen draußen wird geräumt und gerückt, und ans Glas der hinteren Tür zum Glas - die Freitreppe draußen und die Eingänge sind dem Sommer geöffnet - drücken Touristen ihre Nasen platt. Ich selbst muß mich für eine kleine Moderation vorbereiten, die ich heute abend für die >>>> Bar am Lützowplatz ab 22 Uhr zu spielen habe; aber ich find gerade die Zeit nicht - schon gar heute, wo die Proben bis 19.30 Uhr durchgehen.
Zagrosek wirkte ruhig unten in der Kantine. "Mal sehn", sag ich, "ob der Chor das noch hinkriegt." "Er m u ß", sagte Zagrosek, "und w i r d." Fink tritt hinzu: ob er während der Probe, wenn es mit dem Chor noch mal Verständnisschwierigkeiten gebe, ruhigsein oder etwas sagen solle. "Unbedingt!" ruft Zagrosek aus. "Unbedingt! Mischen Sie sich da mit ein, bitte." Und langsam schlendre ich die zwei Stockwerke zu meinem Laptop hinauf.

*******

Gurre7-513.02 Uhr:
Zagrosek kommt, frisches, diesmal knallerotes Polo-Shirt, gleich hinter/unter ihm sitzt in der ersten Reihe der ausgezeichnete Chorleiter Fink, der heiße Kartoffeln anfaßte und hielt... "Scht!" die erste Geigerin steht und schaut übers Orchester, setzt sich, das A wird. Zag den Kopf im Nacken, hebt die linke Hand, Ruhe. "So, ich wünsche Ihnen allen einen schönen Nachmittag. Ich begrüße sehr herzlich bei uns..." stellt die Chöre vor. "Und wir nennen uns Konzerthausorchester Berlin." Applaus von den Chören. "Wir beginnen mit dem Ende des Stückes, und zwar in der Ziffer 19, six bars before 91 -:" - der Walzer... und der Schlußchor. SONNE! "Scht! - Bitte!!! Piano! Piano! Lieber Pianissimo... auch im Orchester. - Es reicht wenn wir jetzt einsteigen one bar before 91 -:" SONNE! - Er läßt durchspielen und - singen; ich denke: es ist zwischenzeitlicht immer noch zu flächig-laut, da muß nopch kalibriert werden wie gestern auch zwischen Orchester und Soli. "Sò, also. Paar Dinge. Wir sind im Orchester in der Pauke zu laut, und wir sind manchmal im Blech zu laut. Den CHoral in der 92 etwas zurücknehmen, damit der Chor wirklich zu hören ist. Das gilt auch für das Crescendo dort. Lieber nur andeuten, nicht ausspielen. Ebenso sechster nach 95, die hohe Stelle, da brauch ich einfach, daß Sie richtig einen Akzent auf die 3 setzen, daß0 man das auch richtig gut hört. - Jetzt ist nach 98 der achte Takt in den Trompeten ein bißchen zu viel, auch die zweite Stelle, bißchen weniger. Und dann bitte: im gesamten Orchester müssen wir an einer Stelle unbedingt leiser werden, warten Sie.. wo war das jetzt? Ah, find ich grad nicht, aber das können wir später machen, das kommt bestimmt wieder. Und die Streicher bei den Pizzicati, bitte mit dem Atem des Chors atmen, das ist an sich ganz leicht, Sie müssen nur darauf achtren." Fink kommt nach vorne. "Darf ich..?" - Zag zum Orchester: "Das ist Her Fink, der Chorleiter... eine Stelle noch, drei vor 92, wenn wir das wirklich piano beginninen, es heißt ja auch fortepiano... sonst kriegen wir den Baß nicht mit. Da wirklich leise." Fink und er sprechen noch eine weitere Stelle ab, Fink klettert wieder vom Podium, setzt sich in die Sitzreihen. "Wir beginnen wieder 91, one bar before 91 -:" Bricht ab. "Bitte nehmen Sie alle Platz. Nur das Orchester bitte. Fünf vor 92, und -:" Bricht ab. "Also, das war jetzt glaube ich nicht zu laut. Also gemäßigt der vierte Takt mit Auftakt, diese Linie brauchen wir ein bißchen mehr. So. Tutti, eins vor -:" Bricht ab. "Also, die Trompeten bitte wegnehmen, die ausgehaltenen Töne, 98, nur mezzoforte. Was ich mehr brauche, sind die Alttrompete und die Baßposaune in 98. Wir steigen ein, bitte, zwei vor 97, two bars before 97. So bitte -:" "Meine Damen und Herren, das ist eine Stelle, die will die ganze Welt überwältigen... das heißt: dieses Crescendo muß überwältigend sein! Vier vor 100 -:"Gurre7-6 "So. Die Damen sind jetzt fertig." Geschnatter & Aufbruch auf der Empore, die Blechbläser trompeten und posaunen vor sich hin, die zweite erste Geige probt. "Scht." - "Weiter bitte im dritten Akt, Ziffer 16: 'Gegrüßt, gegrüßt, gegrüßt' - diese Stelle da. Wir beginnen drei Takte vor 16, Allegro -:" "Stop! Wichtig ist Holzbläser dà-dà-dà-dà, nochmal, drei vor 16 -:" NUN JAGEN WIR ÜBER DAS INSELLAND! "Jetzt schon à tempo, den nächsten Takt schon à tempo", wobei er durchdirigiert. Da braust sie aber was dahin, die Wilde Jagd! Na, funktioniert doch... dank des Chorleiters Fink. "Gut, dankeschön. Wir machen jetzt ein paar Stellen im Orchester vorweg, und zwar steigen wir ein fünf vor 21, tempo primo nach 21. Die Triolen sind mir da noch etwas zu schwer. Bitte schön -:" - "Stop. Bitte einmal nur das Blech. Was ein bißchen zu laut ist, sind die tiefen Posaunen." - "Danke schön, die Tuba ist noch ein bißchen zu laut. Noch mal, dann haben wir den richtigen Klang." - "Danke schön, danke schön. Bitte dieselbe Dynamik bei Ziffer 18, nur das Blech -:" Fink will etwas sagen, Zag: "Später. Später bitte. Gleich." Zum Orchester: "Wir müssen hier eine Balance finden nur für den Chor." - "Ja, Trompeten, das ist eine totale gesunde Lage für Sie, aber bitte nur mezzoforte. Ja. Herr Fink?" "Das war es eigentlich." "Okay." Zurückgedreht: "Und die Pauke. Auch das war zuviel. Wir steigen bitte nochmal ein drei vor 16. Und -:" "Stop!" Dreht sich um: "Herr Fink, wie war das? Ah, ja. Dachte ich mir." Zum Orchester: "Bitte nur mezzoforte, sonst hört man den Chor nicht. Bitte. Wir machen aber jetzt gleich zwei vor 17 -:" "Meine Herren Chor: bitte mitkommen, die Stelle ist ein bißchen schneller." Fink ruft von unten hinauf dem Chor zu: "Be carefull, please follow: this part is più mosso!" "Und -:" "Das war jetzt sehr gut, aber noch etwas zurückdrehen, sonst deckt das alles zu. - 18 -:" "Bitte. Ich glaube doch, daß Sie schon mal das Wort mezzoforte gehört haben... Wenn Sie da so zulangen, hat kein Chor eine Chance. Also bitte. Eins vor 20 mit Auftakt bitte: 'Holla!' Bitte -:" - "Danke schön, danke schön, es wird immer besser. Aber es ist im Schlagwerk immer noch zu schwer, keine Wucht hier, die Wucht macht der Chor. Bitteschön, 21 -:" - "Drei nach 22, das ist alles zu laut, man hört nichts vom Chor... wir machen dann erst fünf nach fortissimo, aber die zwei Takte davor nur forte. Nach 21, vier bars after 21." - "Zwei Stellen. Kann ich bitte einmal nur die Streicher haben, 25? Und -:" "Celli, Bässe, ba-damdam, aufpassen, daß wir da nicht zu schnell kommen. Drei vor 26 -:" - "Einmal ohne Streicher bitte, sieben vor 35, nur begleiten -:" - "Das müssen wir noch ein bißchen koordinieren, das schleppt manchmal noch ein bißchen." - "Alles bitte ohne Chor, sieben vor 25 -:" - "Fein, prima. Bitte jetzt dieses alles mit allen zusammen. Eins vor 25. Und bitte: was wir eben gemacht haben, davon n o c h mal 10 % wegnehmen. Bitte -:" Bricht ab, der Klang verbröckelt. "Undsoweiter. Ja. Nächste Stelle. 66, Ziffer 66. Einen Takt vor 66, one bar for 66. Schscht. -:

Der Hahn erhebt den Kopf zur Kraht,
hat den Tag schon im Schnabel,
und von unsern Schwertern trieft
rostgerötet der Morgentau.
VERSINKET

Sonnenaufgang. "Okay, dann ein Auftakt im Chor..." - "Das war jetzt schön. Da haben Sie Ihre Pause verdient, finde ich, also die Streicher. Die anderen brauche ich noch hier, also alle Bläser und vor allem den Chor. Eins vor 66 -:" - "Sehr schön ist das. Der Chor: Quasi s t i m m l o s da!" "Er hat den Tag schon im Schnabel, darauf kommt dieses Kiek-rie-kie... das kann bei Ihnen ruhig ein bißchen übertriebenen Character haben..." - "Sehr schön!" Dirigiert weiter. Oh, das legiert aber jetzt schön bei dem Sonnaufgang, Bläser und Chor! "Genau, dieses letzte Crescendo ist sehr wichtig... Bißchen mehr, nich mehr... Sie dort auch, ja..." - "Bässe crescendo!" - "Ab jetzt die Zwei, ganz ruhige Zwei -:" Das ist jetzt der Übergang zu dem Sprechermonolog, toll, wie das jetzt allein aus den Klängen zu merken ist. "Das habt ihr super gelöst! Das habt ihr ja ganz super gelöst. Also, Pause dann auch für euch." Schön, wie er, wenn er zufrieden ist, für kurze Momente ins Du fällt... sehr selten, sehr selten, aber es kommt vor.
Momentlang Unklarheit: haben jetzt a l l e Pause? Udo Samel kommt grad, Zag und er umarmen sich, jetzt plätschern die letzten Musiker hinaus... Und das Podium ist leer.

******

14.33 Uhr:
Gurre7-7Gurre7-8So, nun tröpfeln wir also alle wieder ein, auch die Solisten, Samel steht eh schon bereit, er hat die Pause für den Soudcheck genutzt. "Meine Damen und Herren", beginnt Zag, "ganz wichtig: MOrgen um 10.30 Uhr" statt der vorgesehenen 10 Uhr "Generalprobe, einmal durch, Sie wissen schon. - Wir beginnen 78 -:" Ensatz. "Herr Gänsekraut, Frau Gänsekrau..." bricht lachend ab. Zag: "Kohlkopf." Samel: "Aber der Einsatz hat gestimmt." Und der Sprecher ist nun wirklich gut zu verstehen. Zum Orchester: "Viel zu leise... Achtung... erst wieder, wenn der Sprecher..." dirigiert weiter. Samel: "Also diese Pause, da hänge ich immer noch." "Drei vor 85 bitte..."Gurre7-9

Still! Was mag der Wind nur wollen?

"'Wonne': da war ich zu kurz, nicht wahr?" "Drei vor 85 -:" Abermals wird unterbrochen, Zagrosek steigt vom Pult, beugt sich mit Samel über dessen Partitur, sie flüstern, ich höre: "Da muß ich auf Punkt..." Zag klettert aufs Pult zurück. "Bitte, drei vor 95 -:" - "Ah, jetzt war ich zu schnell. Da schon tanzen..." "Schau einfach auf mich, nur auf mich da, ich gebe dir den Einsatz." Zum Orchester: "Bitte ein letztes Mal -:" Samel: "Ich bin zu spät. Zu früh. Jaja, bin zu spät." Lacht. "Das kriege ich hin." "Aber jetzt erstmal Danke, Udo." Bogenapplaus des Orchesters, Daniel Kirch klettert aufs Podium, legère, rote Hose, Hemd loser drübergeworfen, Sneakers... Dräuen im Orchester, die Geste einer Drohung, aufgelöst übersanglichstes Moll. Steigert sich, Posaunen, rapider Streichersatz, aufstampfend, darüber Blumengeigen, aber nur kurz, der Wind ist fast schon Sturm, Naturlyrik. Und Waldemars Klage, die ihm die Verdammnis bringen wird:

Herrgott, weißt du, was du tatest,
als klein Tove mir verstarb?
Triebst mich aus der letzten Freistatt,
die ich meinem Glück erwarb!
"Sehr schön, aber noch etwas zurücknehmen, wenn der Tenor einsetzt." Ich meine, der Mann war verheiratet, und seine Frau, Herrin ihrerseits, löste das Problem mit seiner Geliebten auf geradezu männliche Weise, allerdings unter Zuhilfenahme eines meuchelnden Mannes... worum geht es, ging es vor allem d a, wenn nicht auch um Landsicherung und also Thronfolge..? Von "Eifersucht" zu reden, ist wahrscheinlich viel zu kurz gesprochen, viel zu wenig politisch gesprochen. "Jetzt waren wir wieder viel zu laut, viel zu laut..!" Kirch ist grandios, wirklich grandios, er kommt strahlend hell selbst durchs Allertösendste. Und das schreibe ich nicht, um seinem Agenten den Bauchnabel zu pinseln, schon weil mir männliche Bauchnäbel eher egal sind. Abbruch, kurz. Kirch und Zag am Pult, eine Stelle durchsprechend. "Sò, meine Damen und Herren, bevor wir das nächste angehen: das ist eigentlich das Heikelste überhaupt. 6/8, da gleich... Wie bitte?" - "Okay. Fünfter nach Ziffer 1, Dritter Teil, ja. Bitte schön -:" - "Bitte!Ich mach das jetzt ein bißchen schneller als in den Proben... aufpassen deshalb. Und die Hörner etwas zurücknehmen -:" Tolles Tempo jetzt, da ist gar keine Schlepperei mehr, sondern motivisches Wühlen, das nun hochplastisch hervortritt. "tschuldigung. Bitte alle, nach 3, sechster Takt mezzoforte, und k e i n Crescendo... das m u ß funktioniwren, sonst hört man den Sänger nicht, dann sieht man ihn nur, hört ihn aber nicht. Zwei vor 3 -:" - "Also das eine Horn da... Sie werden von der Trompete dominiert an der Stelle, das ist wichtig. Noch mal, mit dem Sänger, Beginn Dritter Teil. - Schscht! - Ùnd -:" - "Bißchen mehr legato..." - "Da ist bei mir kein Crescendo beim ersten Mal" dirigiert durch... ganz ruhig, darüber das Blech mit dem Hauptthema, ziemlich s e h r wagnersch hier, "das war ein bißchen hoch... zwei vor 1, nur die Celli erstmal, dann... -:" - "Jà, gut. Viel besser. Können wir mal vierte Tuba und Baßtuba, damit die mal aufeinander hören..." - "Vorsichtig: zu hoch..." - "Ja, das wird schön. Jetzt die Stelle von allen, mit Auftakt bitte -:" - "Ja, vielen Dank: das ist sehr schön geworden." Und voll gibt er den Einsatz zum Klagebeginn des Sängers. "Auch dann bitte, da ist eine Stele im Holz viel zu laut, zweiter nach 3, da bitte sehr zurückgehen. Sò, 4 im 6/4-Takt -:" - "Gut, ja gut. Kontrabässe: eigentlich ist das jetzt dreifaches Pensum. Das ist jetzt so deutlich geworden, daß wir da nun zurückgehen können, so ist das gar nicht gemeint, aber das haben Sie jetzt total drauf. Hier gehen wir nachher mit dem zweiten Sänger weiter, jetzt machen wir erstmal die zweite Geschichte. Wir gehen weitger auf 31. Beginnen wir die Szene ab Ziffer 29 - bitteschön -:" - "Jaaaaa! Und da jetzt ganz still werden... das D etwas mehr... und verschwinden..." Tempowechsel, Geigen, hohe Bläser... "tschldigung, ist alles ein bißchen zu laut... - Ich brauche bitte alle. Von vorne da -:" - "Konrabässe dazu... jetzt zurück..." Hab ich schpn erzählt, daß der eine Chor jetzt noch eine Zusatzprobe, die parallel stattfindet, draufgedonnert bekommen hat? "Die Todesstille..." Bröckel. Zag läßt die Hände fallen, kurze Verständigung mit Friedemann, erster Cellist. "Kann ich den letzten Ton nochmal haben? -:" "Die Todesstille..."... Abbruch. "Wir müssen da zrückgehen, vor allem die Celli. So schön Sie das auch spielen, Sie spielen das irre schön, ja... aber wir decken den Sänger zu... Noch einmal -:" - "Hier piano!" -
Das tote Herz, es schwillt und dehnt sich,
Tove, Tove,
Waldemar sehnt sich nach dir!

"Für alle: großes Diminuendo, vier nach 34... nur an einer Stelle die Geige bitte etwas mehr: vor 34..." Kirch: "Also ich verstehe hier noch nicht..." zeigt in die Partitur, Zag singt ihm vor: "Tooooo-vè.... da aber nicht breiten, eher etwas schneller... gleichzeitig will ich Ihnen da ein bißchen Zeit lassen. Da sollten wir jetzt auch einsteigen." Zum Orchester: "Vor 33, vier Takte... vier vor 33 -:" - "Und jetzt glasklar!" - "Nein, die Triolen sind ein bißchen zu schwer. Lockerer. Bitte nochmal -:" - "Gut, okay, dankeschön." Unterdessen haben sich die Ränge mit Lauschern gefüllt. "61. Vier vor 61, bitteschön -:"Gurre7-10"Du strenger Richter droben..."

du lachst meiner Schmerzen,
doch dereinst,
beim Auferstehn des Gebeins
Toben, verzweifeltes, des Orchesters und der lange Klagehauch, getragen da von den Flöten momentlang: blitzende Klage, Blicker nannten, schreibt Thomas Pynchon, die Germanen den Tod... "Wir machen jetzt eine Pause. Dank Ihnen."

*******
*******
H A U P T P R O B E
doch ohne die Chöre

16.32 Uhr:
Gespräche in der Pause, auch mit meiner Freundin JW, die morgens zugehört hatte: Noch ist alles deutlich zu laut, es müssen die Wogen noch ausgefeilt werden, Gespräche mit den Orcherstermusikern: man höre auch die Sänger kaum, verstehe den Chor nicht... Da sind noch Fallen, immer noch Fallen.
Daniel Kirch kommt, ich hörte ihn in der Pause aus seinem Zimmer singen.
Zag am Pult. Leute, jetzt seid bitte da, alle da.
"Wir fangen mit der Stelle an, wo wir aufgehört haben... aber jetzt sieben Takte vor 67, dritte Trompete: bitte mezzoforte, fünf Takte vor 67: Altposaune, mezzoforte, und alle, die dann einsetzen, mezzoforte mit einem gewaltigen Crescendo. Wir machen jetzt Waldemars Lied noch einmal, vier vor 61. Pscht! Und -:" - "Pauke alleine, einen ganzen Takt. Bitte -:" - "und sprenge mit meiner wilden Jagd/ ins Himmelreich ein -" - "Gut. Erster Akt. Bitte Ziffer 9." - "So ein schöner Effekt, daß wir hier auf der 3 subito pianissimo... Bitte? - Jaja, das war die Stelle, wo wir gerade... - Machen wir bitte nach 10? -:" -

Lautloser Friede schloß dem Forst
die luftigen Pforten zu

"Machen wir bitte nochmal eins vor 12... -:"

Gurre7-11Und jede Macht ist versunken
in der eignen Träume Schoß

"Hier jetzt z a r t einsteigen, bitte..." - "Ah, da! Bitte nicht zu langsam." - "Sehr schön, sehr schön. Das ist jetzt sehr viel besser. Bitte 29, vierter Takt, das ist einfach noch viel zu laut. Dann bitte diese Crescendi in Trompeten und Posaunen in dem dritten Takt, das ist jetzt auch zu viel. Ja, es ist dann auch sechs vor 32 dasselbe: auch das ist zu viel, bitte nicht so viel Gas geben. Auch am Anfang, der dritte Takt nach 28, wird nicht wirklich pianissimo. Sie spielen das mit viel Wärme, das ist toll, trotzdem: zurücknehmen. Machen wir bitte nochmal eins vor 28 -:" - "Bitte, da ist das ganze Schlagzeug zu laut, ich höre überhaupt nicht, was die Hauptsache ist... dabei spielen da immerhin die ganzen Posaunen. Noch einmal -:" - "Bitte, Celli! Das klingt schön, aber es ist zu laut. Dasselbe gilt für die Hörner..."

So tanzen die Engel
vor Gottes Thron nicht,
wie die Welt nun tanzt vor mir

"Gut, das machen wir nachher mit der Tove. Zwei vor 54 jetzt, Nachspiel, zwei vor 54 -:" Schööööne Ruhe da in den Celli, Tschinellen darüber... "Es ist Mitternachtszeit, und unsel'ge Geschlechter stehn auf..." - "Ich versteh das da nicht. Diese düstere Stimmung muß da eigentlich fortgesetzt werden. Drei vor 56, versuchen wir das einmal... -:" - "Eins vor 57 Holzbläser bitte alle Pianissimo. - Bitte? Vierter nach 57? Die erste ist eine Triole, aber nur die erste, dann sind das alles Vorschläge. Bitte schön, sechs nach 56. Sò, bitte -:" - "Sehr schön, sehr schön so!" "Unsre Zeit ist um." "Ganz verklingen..." - "Bitte l e u c h t e n lassen da...." Ich hab mich mal eben für ein paar Minuten vom Laptop, der ganz vorn vor dem Podium in der Ecke steht, fort- und nach hinten in den Saal gesetzt, einfach, um einmal zu hören, auf Durchhörbarkeit zu hören, auch auf Textverständlichkeit; bisweilen gibt es schon jetzt ganz enorme Tonwelten, aber die Tendenz, zu laut zu sein, ist immer noch spürbar. "Fünf vor 71, der letzte Ton, ist wirklich mezzoforte... Können wir zweidrei Takte mehr machen, dann haben wir den Übergang... sieben vor 71 -:" -
Er läßt, während er den reinen Orchesterpart immer weiter ausformend dirigiert, Kirch gehen, und sofort betritt Claudia Mahnke den Raum, klettert aufs Podium, setzt sich. Ich saß derweil wieder hinten, um einfach zuzhören... Ah, und jetzt dieses Englischhorn, Rundung über die Bläser, wie Perlen, die um die Waldtaube, die am Boden hockte, aufsteigen...

Tauben von Gurre! Sorge quält mich,
vom Weg über die Insel her!
Kommet! Lauschet!

Dies ist bislang insgesamt eine der intensivsten Stellen... gerade der Übergang vom Spiel des Englischhorns über die aufsteigenden Tonblasen bis zur Klage... "Bitte etwas leiser, das ist zuviel, zuviel... So, Claudia, wunderbar. - Machen wir 98 bitte -:" Melanie Diener sitzt jetzt hinten im Saal. - Bricht weg. "97, drei Takte... 99, tschldigung, ich weiß, es ist für uns alle heiß, aber es geht nicht anders... mit Auftakt in der Klarinette bitte: vier-fünf-sechs..."
Weit flog ich, Klage sucht' ich,
fand gar viel!
"Bitte zusammen, total zusammen... auf meinen Blick... - Ja, sehr schön so..." Tempowechsel, Erzählung... Gurre7-13Gurre7-12"Die Stelle müssen wir nochmal reduzieren. Machen wir auf der 104 ein subitopiano, und das bleibt dann so bis - bitte eins vor 104 mit Auftakt -:" - "Ah, da war das einen Schlag zuviel... das kommt mit den Celli zusammen. Bitte vier vor 106 -:" - "Vier vor 108, bitte, da ein schneller Diminuendo... tutti -:" - "Sehr vorsichtig steigern, vorsichtig steigern!" - "Hier halten! Und verlöschen..."

*******
Gurre7-14
*******
Gurre7-15

18.15 Uhr:
"Achtzehn mit Auftakt -:" "Bitte Ruhe, man hört das bis hier vorne." "Oh, wenn des Mondes Strahlen..." Melanie Diener steht nun vorne, im Publikum sitzt immer noch Mahnke, sitzen Lukas und Ohlmann, auf ihre Partien wartend... "Stop, da ist eine richtige Zäsur. 23 bitte -:" - "Danke schön, fein gemacht. Dann bitte jetzt eins vor 49 -:"
-
"Eins vor fünfzig bitte, und ganz ganz zart..." "Was für eine geile Musik!" rief draußen einer der Gurre7-16Orchestermusiker aus, während der Pause, und mit etwas anderen Worten plauderten so Mahnke und Kirch ganz genauso. - "Viel zu laut, viel zu laut!" Man müßte an die Wesendonck-Lieder denken lassen, an diese Treibhaus-Intimität, alle... alle... - Kurz, in der Pause, zum Orchestermanager hinüber, ich brauchte ein paar Daten... "druck ich dir gleich aus", gefalzt und wieder hier herüber: Bei ihm, im Nachbargebäude, steht ein Fernseh-Screen, der die Geschehen aus dem Großen Saal in sein Zimmr überträgt. Zag verschränkte gerade die Arme, sah ins Orchester. "Ich muß los, bis später." Da stand Frau Diener dann schon da in Toves Gewand... "Nach 65, vierter Takt... jetzt gibt's wieder Tausende Crescendi... vier nach 66 bitte -:" -Gurre7-17 "So, dummerweise ist diese wichtige Sangstelle mitten in dem Crescendo... wir müssen da sehr vorsichtig sein. Bitte, vier nach 68 -:" - "Da nehmen wir das Crescendo weg bei den Celli, auch bei den Fagotten, einfach espressivo, das genügt. Nach 69, zweiter Takt -:" Bricht ab. "Danke Ihnen, Frau Diener." In den Saal: "Wer will zuerst, Narr oder Diener?" Lukas spurtet nach vorne, nimmt seinen Platz am Notenständer ein." "Zwei Takte vor Ziffer 5. Sò, bitte -:" kleines Vorspiel, nicht nur von ungefähr an Beckmanns Knochenxylophon gemahnend. Der Bauer: "Deckel des Sarges/klappert und klappt" Zagrosek bricht ab. "Die Holzbläser sind da ein bißchen laut. Bitte noch mal: 'Deckel des Sarges' -:" - "tschldigung, das Glissando in der Posaune: könnte das mehr sein? Wie? Piano? Hab i c h das gesagt? Geben Sie es mir einfach mal, das hat so viel Character, ich will das mal hören. Bitte, vier vor 10 -:" - "Ich schlage drei heilige Kreuze geschwind...": Hier wittert enorm deutlich der Umschlag der alten Religion in die neue mit, die Angst, die diese neue verbreitete, aber auch ein Altes Recht, das an der alten noch haftete, um das etwa Ortrud kämpft... "Und jetzt bitte der Narr... und zwar steigen wir ein drei vor 37." Ohlmann schlendert vor, der Satyr, in Bermudashorts, was wirklich hier paßt... "Drei vor 37, bitte nochmal -:" Ich geh nochmal nach hinten in den Saal, um etwas zuzuhören.... ich bin ja nicht der einzige...Gurre7-18 "... bitte keine Crescendi", hör ich noch... Und dann sagt Zagrosek: "Es war ein harter Tag. So bin ich denn für heute fertig."
Applaus.

>>>> Gurre 12 (Generalprobe)
Gurre 10 (Die sechste Probe) <<<<
logo_konzerthausorchester
>>>> Aufführungen:
12.06.10
13.06.10
Karten 28 / 36 / 44 / 50 / 60 €

Gurre (10), darin die Solisten erstmals auf das Orchester treffen. Konzerthausorchester Berlin, Lothar Zagrosek. Arnold Schönberg, Gurrelieder. Donnerstag, der 10. Juni 2010. Die sechste Probe. Auch Udo Samel wird darin eine Rolle spielen.

Gurre5-17-Zag-und-Partitur-

9.30 Uhr:
[Konzerthas Berlin, Großer Saal.]
"Zehnkampf, dreizehn Mal direkt hintereinander", kommentierte gestern nacht in der Bar der Profi die Leistung der Orchestermusiker, als ich noch einmal, einiges >>>> zu meiner Erzählung ergänzend, von den Gurreproben erzählte. "Davon macht sich ja keiner eine Vorstellung!" "Doch", erwiderte ich, "Musiker." Wir lachten, und Zagrosek betritt das Pult, seine schöne, eigengebundene Partitur unter dem Arm, die er liebevoll vor sich aufs Pult legt. Noch hören wir das Schwirren der Klänge, aufblitzende Flöten, rufende Fanfaren... und Daniel Kirch kommt herein, grüßt ins Orchester, lacht, sieht mich, winkt, ich spurte rüber. "I c h bin doch Daniel Kirch..." Ich muß lachen, wußte ja eh, daß das kam. Gestern war ich in den Besetzungen "verrutscht", hatte ihn an die Stelle von Ohlmann geschrieben und allezeit gedacht: "Das gibt's doch gar nicht! Wie kann sich jemand in so kurzer Zeit derart verändern..?!" So blieb das auch falsch stehen, bis mich Frau A., am späten Mittag, auf den Fehler hinwies. "Aua", schrieb ich zurück, "auaaua." Hatte aber eine poetisch ironische Erklärung parat. Kostet mich dennoch einen Cremant, denke ich, und gerne. Zagrosek hebt den Taktstrock. Das A wird. Ein kleiner Feldherr, so blickt er momentan dieses A a n.
"So, einen schönen guten Morgen. Ich darf sehr herzlich Herrn Kirch begrüßen." Die Musiker applaudieren mit den Bögen. "Wir beginnen ganz von vorn." Hebt die Arme. Dieses schönbergsche Flirren, bei dem man manchmal, nich nur hier zu Beginn, an Debussy denken muß... "Oh, das war einen ganzen Takt zu früh. Machen wir jetzt acht vor 4."
Und Kirch erhebt sich. Ich dürfe nicht schreiben, ob er gut singe oder nicht - über keinen dürfe ich so etwas -, legte mir jemand von außerhalb, sagen wir: sehr, nahe. Zag: "Geht das noch etwas leiser, bitte? Die Stelle ist s o tief für einen Tenor da am Anfang. Ziffer 9 -:" Ach, und w i e schön er singt! Ich laß mir doch den Mund nicht verbieten. Lyrisch, rein, beinahe ohne Gurre6-1Vibrato; er hat ein Rollen im "r", und er spricht im Gesang, wie das hier sein muß: es sind zu einer Art Oratorium legierte L i e d e r, es ist nicht Oper... Zum Orchester: "Bitte noch etwas tiefer wegtauchen und dann, wenn wir den Raum haben, höher hinauf. Das können Sie, ich weiß das... Wir machen dieses erste Lied jetzt noch einmal, bitte." - "Ah, das ist zu laut. Bitte, Sie spielen so wunderschön, nur das noch, nur noch hier leise, zärtlich bitte, werden... Wunderschön... Da! Ein bißchen crescendieren: Hölzer... bißchen..." - Derweil ist auch Melanie Diener gekommen und setzt sich, neckisch, durchweg, auf den Bühnenboden... "Nehmen Sie bitte gleich auf?" Diener beginnt, Zag bricht ab: "Sie geben alle Ihr Bestes, ich höre das... aber das Beste heißt hier: das Leiseste..."

Oh, wenn des Mondes Strahlen
leise gleiten,
und Friede sich und Ruh
durchs All verbreiten,
nicht Wasser dünkt mich dann
des Meeres Raum,
und jener Wald scheint nicht
Gebüsch und Baum.

"Bitte noch mal... ganz schlank, ganz schlank. Was in Ihren Stimmen an Akzenten steht, bitte nur andeuten, nicht ausspielen...." - "Diese Stelle an 21 müssen wir noch etwas ausdünnen, vier vor 21 bitte..." - "Das ist immer noch zu laut, die Klarinette bitte n i c h t mezzoforte, sondern mezzopiano... bitte nochmal. - sehr gut. So probieren wir das jetzt. Eins vor 19 -:" -"Ah, und jetzt aufwogen, z w i s c h e n die Stimme!" Gurre6-2"Und wenn wir bitte immer hören, wenn wir bitte immer spüren, wo wir die Stimme t r a g e n, dann wäre das schön... sonst muß sie immer gleich solchen Druck geben, und das wäre nicht schön für diese Musik." In diesem Auf- und Wegsteigen der Musikwogen formt sich dieser spezielle Klang, den ich an den Musiken der Jahrhundertwende liebe.... hier aber, bei Towes erstem Lied, hören sich jetzt sogar >>>> die Wesendonck-Lieder hindurch. "Zwei vor 25... -:" - "tschuldigung, es ist doch klar, daß in der Hauptstimme nach dem siebten Takt ein D ist, siebter nach 25. Fangen wir noch mal an, bitte. Und -:" - "Ja, gut. Das ist richtig. In der unteren Stimme ist ein des. Nochmal, zwei vor 25 -:"
Und wieder Kirch. "Ah, das war jetzt zu schnell." "Okay." "Bitte noch mal, eins vor 28. Nicht alles ausspielen."

Roß! Mein Roß!
Was schleichst du so träg!
Nein, ich seh's, es flieht der Weg
hurtig unter der Hufe Tritten.

"Das Nächste ist ein gedrucktes Pianissimo, das Sie bitte sehr ernst nehmen. Dann bitte, vor 30, zwei Takte, mezzoforte, nicht forte... aber bitte richtig aufdrehen Takt vor dreißig. Dann bitte drittes bis sechstes Horn, vor 31, fünf Takte, nur Piano. Die 1 vor 31 bitte mezzoforte, nicht lauter. Drittes bis sechstes Horn bitte Synkopen, nur piano. Vor 32, sechs vor 32, das steht, glaube ich noch nicht drin, kein Forte. Der Takt vor 32, da ist ein fortepiano, das bleibt piano. Bitte? Ja, wir machen nur e i n Crescendo hier. Dann bitteschön, 33, ganz wichtig, für das ganze Orchester: nur mezzoforte. Also diese Balance müssen wir in den Gurreliedern herstellen, da müssen wir uns einfach Zeit für nehmen. Ich möchte noch einmal nur mit dem Orchester... eins vor 28. Bitteschön -:" - "Ganz zart!" - "Vier vor 32... da ist die ganze Strecke über Crescendo... bitte, zweites bis viertes Horn: viel leichter... Nochmal, selbe Stelle... -:" - "Was jetzt noch zu laut ist, das müssen wir alles noch leise kriegen... Bitte das ganze Blech: piano. Das ist noch alles zu viel. - Und eine Bitte des Tenors, eins vor 31: Da steht 'bitte noch beschleunigen'... wir müssen also das Accelerando immer noch mitmachen, aber dabei dürfen wir auf keinen Fall lauter werden -:" - "tschuldigung! tschldigung! Immer rnoch zu laut, bitte auch die Oboen im Pianissmo bleiben." - "Jetzt, jetzt wird das viel besser. Ach, die Pauke: hier g a r kein Crescendo, bitte, sonst deckt das unheimlich zu. Bitte drei nach 33 -:" Derweil ist Melanie Diener vom Podium heruntergestiegen und hat sich nach hinten in den Saal gesetzt, um zu hören. Kirch fängt zu lachen an, bricht ab. Zag: "Bitte, das ist die Stelle mit den Triolen, also aufpassen.... und sich wirklich noch zurückhalten hier." Frau Diener kommt wieder nach vorne, klettert leichtest aufs Podium, nimmt ihren Stuhl ein. "Bitte, nicht 'so laut wie möglich', das ist zu schade für diese Musik, so laut ist einfach vulgär. Drei nach 33 -:" Frau Diener erhebt sich. Beginnt. "Wir brauchen noch mal den Übergang, eins vor 34." Nun klettert Kirch vom Podium und setzt sich nach hinten.
Sterne jubeln, das Meer,
es leuchtet, preßt an die Küste
sein pochendes Herz,
Blätter, sie murmeln,
"Wir streichen das Crescendo vor 37, fünf vor 37, weg, bitte nur expressivo. Wir machen jetzt ab 34, zweiter Takt -:"

Sterne jubeln, das Meer,
es leuchtet, preßt an die Küste
sein pochendes Herz,
Blätter, sie murmeln,

"Bitte nochmal zwei nach 35."Gurre6-3"Das war jetzt ganz schön, wurde aber bei 39 wieder zu laut..." Diener: "Darf ich eine Bitte äußern?" "Aber ja." Sie kommt mir den Gurre6-4Noten zu Zagrosek, "hier hätte ich gerne eine kleine Zäsur, damit ich da hineinkomme." "Wir probieren es. Bitte -:" - "Ja, fein. Bitte jetzt nochmal das Orchester, 37, wir haben da ein Diminuendo..." "Ja bitte, Herr F*?" - "Ja, Sie haben recht. Genau so. - Bitte: einen Takt vor 35 -:" - "Ah!!! Schade! Das war jetzt so schön! Und dann wurde es doch wieder zu laut... Also nochmal. -:" - "Bitte, die Holzbläser, es gibt da noch eine Stelle, wo zu viel Forte ist. Vor 40 bitte alles Forte weg, auch die Celli. - So, eben den Schluß bitte, nach 37 sechs Takte -:" - "Schön klar hier!" - Und das Orchester rast jetzt, spielt es durch, Zag hebt die Hand. "Also, was ich hier hören muß, ist, was die Posaunen spielen, alle Hörner bitte zurück, nur das siebte bis zehnte Horn darf mehr sein. Bitte, wir haben in 42 ein Crescendo, dann haben wir im nächsten Takt ein subito pianissimo, da müssen wir alle nachgeben. - Zweite nach 41, Nachspiel. Und -:" Daniel Kirch erhebt sich wieder, tritt den einen Schritt vor seinen Notenständer, markiert etwas, löst die Stimmbänder, während das Orchester sich in einem weiten Seufzerbogen zur Seite beugt. "So tanzen die Engel" Zag: "Pause."

*******

11.05 Uhr:
Die Musiker nehmen langsam ihre Plätze ein, wir saßen draußen vorm Bühneneingang, frühstückten, tranken Kaffee, aßen eine Kleinigkeit. Zag steht bereits am Pult, Kirch kommt herübergrinsend herein, Friedemann bespricht sich mit Zagrosek, Frau Diener erscheint, Zagrosek hebt den Taktstock....
"Meine Damen und Herren, bei diesem Stück, vielleicht nur einen Satz: Da ist vieles von Wagner herkommend, da geht es ums Überwältigtwerden, aber wenn man zwei Stunden lang immer nur überwältigt wird, dann hat das keinen Wert. Deshalb müssen wir immer genau schauen, wo wir die Überwältigung spielen müssen und wo nicht. Was wir jetzt spielen werden, sechs vpr 45, ist genau so eine Stelle. Bitte -:" - "Verlöschen..." - "So tanzen die Engel vor Gottes Thron nicht..." - "Eine bitte, 45, das steht nicht da, aber wir bauen es ein: Diminuendo für das ganze Orchester. Und immer weicher werden dort... drei nach 45.. -:" - "Achtung! Unterscheiden..." - "Bitte ein Pianissimo eintragen: zwei vor 48, nein, machen wir drei vorher schon. Ab 1 vor 46, bitte -:" Aber stolzer auch saß/ neben Gott nicht Christ/ nach dem harten Erlösungsstreite Zag hebt die Hand. "Bitte schön, kein Crescendo, nur Fortepiano, absolut kein Crescendo. Ansonsten war das sehr schön. - Wir haben bitte vor 48..." Ins Orchester, auf die Fußspitzen gestreckt, hinüberweisen: "ja, Sie waren sehr schön, aber zehn % weniger." Lockert sich, "vier vor 48." - "tschldigung, bitte weg mit dem Crescendo, vierter und fünfter vor 49 kein Crescendo. So. Selbe Stelle, vier vor 48 -:" "Z a r t e s t..." - "Wunderschön!!" - Melanie Diener erhebt sich. "Nun sag ich dir zum ersten Mal:/ "König Volmer, ich liebe dich!"" Und die Kußstelle mit der jetzt geradezu irre zurückgenommenen ersten Geige. Es stimmt, es stimmt! "Weil das so süffig ist und emotional, wird es immer wieder doch noch zu laut. Das muß ganz weit zurück, sonst hat sie" Melanie Diener "keine Chance. Und dort: total homöopathisch." "Ich würde dieses gerne einmal am Stück." "Gut. 50 bitte. Und das ist total magisch, wie Sie das spielen... das ist ganz ganz wunderbar." "Nun sag ich dir zum ersten Mal:/ "König Volmer, ich liebe dich!"" Jetzt wird m o d e l l i e r t.... dieses Ausatmen und schneller Anhalten des Atems, einatmen, halten, wieder ausatmen gibt dem Stück einen solchen Puls! "An einer solchen Stelle müssen wir ein ganz anderes Fortissimo, wenn es kommt, spielen... das ist hier viel zu hart, das muß ein ganz weiches Fortissimo sein... Towe ist total verliebt, das erzählen wir... Und auch die Celli sind zu stark, nicht viel, zehn Prozent, aber um die geht es. Nochmal." W O G E. "Zurücknehmen!" "Denn all meine Rosen küßt' ich zu Tod..." MORENDO, impressionistische Auflösung, dann Erzählung der Celli zu hellem mytseriösen Scglagwerk. Kirch: "Es ist Mitternachtszeit", ui bricht weg. Zag: "Wir machen bitte drei vor 56." "Es ist Mitternachtszeit" Die Toten erstehen aus den Gräbern. "Bitte die Crescendi nicht so viel. Und eines ist total wichtig: Der Takt vor 57 ist ein total anderer Klang. Da spricht er vom Becherglanz. Bitte da ganz zart. Machen wir vor 57? Drei vor 57. Und es ist der W i n d, von dem er spricht. Bitte -:" - "Ja, so ist es genau richtig. Sò, jetzt bitte mit dem Sänger. Und zwar steigen wir ein... einszweidrei... Nein. Wir steigen nochmal ein drei vor 56." "Es ist Mitternachtszeit/und unsel'ge Geschlechter" - "Jetzt gleich ein völliger Szenen- und Stimmungswechsel. Aufpassen..." Nun läßt Zagrosek wieder ausspielen, Übergang: "Bitte spielen wir von den Kontrabässen weg, nach 64 dritter Takt:" - "Pauke." - "Bißchen mehr Horn, bitte." Melanie Diener geht an ihr Pult, Towe, Geigen, Celli darunter, "du sendest mir einen Liebesblick" "Ja dankeschön, dankeschön. Das zweite, wo das so rauschhaft reinkommt, 70, ist zuviel. Sonst war das sehr gut. So, wir gehen jetzt auf... kurz vor der Harfe bitte, vier nach 68 -:"

SO LAß UNS DIE GOLDENE
SCHALE LEEREN

"Das ist ihr Höhepunkt, danach stirbt sie." "Jajaja!" Lacht. Zag: "Schade." "Tot." "Wir führen das Crescendo da erst ganz zum Schluß aus. Nochmal bitte, zwei vor 70 -:" "Jetzt den Akkord bitte ganz verlöschen... ganz verlöschen..." Kirch: "Du wunderliche Tove!" "Und hier bitte größte Inbrunst: wie ein Gebet. - Wir machen das nochmal, 6/8-Takt, zwei nach 72... nehmen wir den Auftakt." Hebt den Takststock...." Jetzt alle verlöschen, jetzt bauen wir dem Tenor ein Bett... - Piano, Achtung... Geigen etwas zurück... Mezzoforte bitte, zwei vor 78, kein Forte. - Wir machen nochmal von dem neuen Tempo an, zwei vor 77 -:" Boah, ist das schön jetzt! "Celli führen!" Wie dieses Orchester nun aus dem Pianissimo aufsteigt! Und ganz still betritt Claudia Mahnke den Saal, setzt sich, steht aber wieder auf, weil Melanie Diener vom Podium klettert, indes das Ochester wogt, und dann klettert die Mahmke hinauf, umarmt Kirch, der hinabgeht, von Diener gefolt, hoher See- im Klanggang, Diener setzt sich nach hinten, Kirch schreitet durch eine Seitentür hinaus, Zagrosek läßt das Orchester sich dem Gesang der Waldtaube entgegenspielen, läßt durchspielen... der Mord, alles bricht weg, und leise, das Englischhorn, Wagner Hirtenflöte... die Klage. "Das ist Claudia Mahnke". Applaus. "Aber bevor sie nun singt: Mittagspause.

*******

12.46 Uhr:
Claudia Mahnke, Waldtaube: "Weit flog ich, Klage sucht' ich,/ fand gar viel!" Und trauernder Kommentar als Geste im Orchester. Und neues Ansetzen: "Den Sarg sah ich/ auf Königs Schultern,/
Henning stürzt' ihn
" "tschuldigung, das muß schneller gehen, das ist ein tanzendes, sozusagen, Skelett. - Okay noch einmal: Auftakt zu 102 -:"Gurre6-5
eine einzige Fackel
brannte am Weg;

"Bitte ohne Forte, das Crescendo wirklich nur andeuten. Eins vor 104 mit Auftakt." - "Und jetzt ganz zart... mehr... mehr!" "Der König öffnet Toves Sarg,/ starrt und lauscht" "Wunderbar!" Bricht ab. "Sehr lang das spielen. Machen wir noch einmal zwei vor 106 mit Auftakt." WAHNSINN! WAHNSINN: Wie Zagrosek das Orchester mit einem Mal von der Kette läßt!

Helwigs Falke war's, der grausam
Gurres Taube zerriß.

Und VORHANG in der Musik.

-------------------------

"Ich begrüße Herrn Lukas, den Bauern. Wir steigen ein nach der schönen Kontrabaßstelle Ziffer 6 in Teil III... ah nein, machen wir bitte einen Takt vor 5 mit Auftakt in der Baßtrompete. Bitte! -:" "O Mann! Das war so schön, und jetzt wird das plötzlich wieder viel zu laut. Mann! Gut. Machen wie kurz vor seinem Einsatz, zwei vor 8 bitte -:" Lukas: "Deckel des Sarges/ klappert und klappt" "Stop. Die Ratsche oder was da so laut ist: einfach früher aufhören, sonst deckt das alles zu...." Im Saal sind nun auch Ohlmann und Samel hinzugekommen, sie sitzen in den Reihen und hören zu, auch Mahnke ist nicht gegangen, sondern dageblieben, um zuzuhören. "Wir müssen bei all diesen Dingen die Musik um zehn Prozent runternehmen, sonst funktioniert da nichts. Bitteschön! Vor 10, sechs vor zehn -:" Gurre6-6- "Immer noch zu laut. Wir machen noch mal 12. 12 -:" - "S e h r schön" unterbricht aber nicht, sondern dirigiert die Szene "durch". Ah, unterbricht jetzt doch: "Das funktioniert prächtig, meine Damen und Herren, ich danke Ihnen. Aber darum gehen wir jetzt auch weiter und freuen uns auf den Narren, bitte." Ohlmann besteigt die Bühne. "Begrüßen Sie Herrn Ohlmann, den Narren!" Bogenapplaus, "37, bitte 37, einen Takt vorher...-:" - "Stop. Die Piccolo bitte schneller, und die Streicher: Wäääääh!machen, quäken... aber das heißt, wir müssen früher Beginnen. Haben Sie Mut zu dem häßlichen Ton." - "Ja, genau, jetzt haben wir's. 38 bitte, 38 -:"Gurre6-7

Ein seltsamer Vogel ist so'n Aal,
im Wasser lebt er meist,
Kommt doch bei Mondschein
dann und wann
ans Uferland gereist

"Jetzt Tempo!" Und große Burleske mit schillerndem Absturz... "Und jetzt machen wir das alles noch mal Stück für Stück, ich wollte das eben nur einmal ganz durchlaufen lassen. Wir gehn noch mal auf 38 -:" Ohlmann dreht sich zum Orchester. Mag er jetzt in es hineinsingen? Ja, er mag. Er singt dem Orchester v o r! Das ist fantastisch, weil sich jetzt wirklich, in der vertrautesten Publikumsferne, Nähe herstellt. Grandiose Idee! "Farbe... und jetzt wieder Tempo primo... schaun wir, daß das nicht zu laut wird, auch die Celli." Derweil ich dazulese, was Dr. No >>>> wieder zu meinem Wolpertinger geschrieben hat, >>>> auf den ich ich ja gerade bezüglich der Gurrelieder neulich zurückgekommen bin, mit denen einer seiner Altweiberfäden, doch festens, zusammenhängt. "Bitte hier einen Millimeter schneller, vier vor 44, da haben wir die Es-Klarinetten." "Sie gehörten nie zu den Frommen...."Wolpertinger-dtv1"Das Geheule, wo er sagt, das seien Eulen, ist wirklicht laut, aber alles dann bitte wieder Piano. Machen wir fünf vor 46, 5/8 -:"sobald die Eulen klagen" "Noch viel zu viel, bitte. Machen wir sechs vor 47 das 'frisch' - 'auch dieser'---:" "auch dieser hat's verdient" - "Jetzt verklingen... so... ja.... ganz zart..." Und wieder Scherzando mit Klagfanfare. Über die Funktion des Narren hier wurde bereits ein wenig geschrieben; ich hoffe, später noch dazu zu kommen, ihm meine eigene Interpretation zu geben, die allerdings sicher nicht abgelöst von anderen sein wird.... ah, Udo Samel kommt auf die Bühne... "Wir gehen bitte acht vor 79 und begrüßen Udo Samel, unseren Specher." Samel dreht sich g l e i c h zu den Musikern. "Sò bitteschon, die letzten drei Takte vor..-: jetzt bin ich bei... die letzten drei 4/4... -:" "Herr Gänsefuß, Frau Gänsekraut,/ nun duckt euch nur geschwind" Abbruch. "Ach, jetzt haben wir wirklich auf Anhieb alles verstanden... nur die Klarinetten. Nochmal bitte." "Herr Gänsefuß, Frau Gänsekraut" Für mein Empfinden ist Samel zu leise, viel zu leise für einen gesprochenen Text, der ganz unbedingt zu verstehen sein muß, wenngleich das Mückenschwirren des Orchesters ganz hinreißend ist. "Jetzt bin ich beim Zweieinhalber..." "Still! Was mag der Wind nur wollen?" ..... - Solo-Cello Friedemann. Fein! Und die Mücken erneut, von denen wie nicht wissen, ob sich nicht fast durchsichtige Elben von Kleinfingerlänge unter die gemischt haben....

Ach war das licht und hell!

"Mann, der geht richtig rein da": sagt Zag. Das Orchester applaudiert. "Wir machen das noch mal Stück für Stück. Von Beginn. Es beginnt sehr leise. Bitte schön zart machen." "Soll ich wieder ins Orchester?" Von hinten: ""Wäre besser, mal andersrum, dann können wir das hören." Das Pult wird gedreht. "Acht Takte vor 79, vier Viertel -:" - "Bitte nochmal, nicht so spät -:" - "Sehr schön!" - "Herr Gänsefuß, Frau Gänsekraut" Ja, jetzt ist es verständlich. Das Orchester sackt weg. Kurze Besprechung Zag/Samel, neue Aufnahme: ""Herr Gänsefuß, Frau Gänsekraut" -- "Gut, bitte alle, 80, Crescendo, dann bitte wieder zurück. Machen wir drei vor 80." - "Ich weiß, daß st wirklich alles sehr schwer für Sie, aber... was jetzt einfach zu sehr dominiert sind die langen Töne in den Hölzern... da, wo alla breve steht, da immer etwas zurück. Drei vor 80 -:"Gurre6-8

STILL! WAS MAG DER WIND NUR WOLLEN?

"Ach Mensch, was mach ich da denn immer falsch im Tempo?" Schaut zu Zag, der lächelt. "Hier mußt du... schau..." Denn Samel, der den selbstverständlich Text auswendig weiß, spricht ihn nach den Noten... An liebsten, hieß es, spräche er f r e i.... aber dann wäre die ohnedies schon zu große Gefahr, aus Tempo und Partitur zu fallen, zu groß... Übergang, das Orchester läuft hoch. "Können wir das bitte einmal" so Zagrosek "mit Mikro probieren?" Was ich für eine gute Idee bei diesem irrsinnig großen Klangkörper halte, zumal dann, wenn das Haus voll ist. Um Sie zu erinnern: Sichern Sie sich bloß Ihre Karten! Netzverbindung unten. "Herr Gänsefuß, Frau Gänsekraut..." Ja, jetzt ist es sehr deutlich, g u t deutlich, auch wenn es eine Irritation der Klangquelle gibt... wie bei einem phasenverschobenen Anschluß.... Aber geht da nicht auch etwas Musik mit ins Mikro? Höre ich das falsch? "Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen. Bis morgen."
Und wir, wir diskuteren noch ein wenig die "Mikro-Frage".

Ihr
ANH
www.albannikolaiherbst.de
__________________
>>>> Gurre 11 (Die siebente Probe)
Gurre 9 (Die fünfte Probe) <<<<
logo_konzerthausorchester
>>>> Aufführungen:
12.06.10
13.06.10
Karten 28 / 36 / 44 / 50 / 60 €

Gurre (9): Die fünfte Probe. Konzerthausorchester Berlin, Lothar Zagrosek. Arnold Schönberg, Gurrelieder. Mittwoch, der 9. Juni 2010. Erstmals auch die Solisten.

Gurre4-12

9.30 Uhr:
[Konzerthaus Berlin. Großer Saal.]
Mein Platz ist wieder eingenommen, das Podium hat sich nach und nach gefüllt; ich war heute etwas früher im Konzerthaus, so daß sogar noch ein löwinneneskes Telefonat aus den leeren spiegelnden Gängen dieses Gebäudes geführt werden konnte. Seltsam, welch ein eigenes Leben manche Räume entwickeln, wenn keine Menschen darin sind...
ah: Zagrosek legt soeben, strahlend, die Partitur vor sich auf den Ständer, momentlang hat er den Taktstock quer im Mund. Tropischbeige gewandet heute, Hose, Hemd, helle Sandalen, den Kopf in den Nacken, den ulkigerweise preußischen Erobererblick, den dieser Franke bisweilen hat... "Scht!"
A.
"Also einen schönen guten Morgen. Wir beginnen mit dem ersten Teil. Dieser beschreibt die Szene. Das Stück beginnt damit, daß tiefe Nacht ist und Voldemar zu seiner Geliebten reitet." Impressionistisches Flirren, Zag bricht ab: "Ui, die Harfen sind aber bereits s e h r warm heute morgen... Da bitte noch nicht derart... Noch einmal bitte." Den Taktstock heben. Langsames Schlagen. "Sehr schön, sehr schön! Hier können wir dann eigentlich noch etwas breiter werden. Das Solohorn ein bißchen intensiver, und die Trompete, und zwar im Unterregister, genau drauf achten, daß das stimmt. Es ist eigentlich immer erst mal gleich laut, dieses Wachsen und Aufblühen hier bitte noch nicht so forviere. - Nach 2, vierter Takt bitte." - "Alle Streicher bitte: Wir könnten in disen sieben Takten noch etwas mehr Crescendo spielen. Wir machen's nochmal, bitteschön: Ziffer 3: -" - Ah, jetzt schwillt das an, schwillt das ab, dann "das ist dreifaches pianissimo, und d a n n noch verlöscht es..." Ganz hell die Posaune, der die Bässe antworten. "Die Lautstärke ist wunderbar, aber, liebe Celli, daß wir da bitte einen noch viel wärmeren, diesen spätromantischen Ton hinbekommen." Strafft sich: "Bitte, 4!" Der eigenartig gekippte Celestaklang dazu, und die Hörner blühen auf. Ein mahlersches Stopfen plötzlich im Blech. Das wird jetzt deutlich. Die das Geschehen vorhernehmende Traurigkeit in Bratschen und Celli... das Kontrafagott spöttelt mit der Nase... "Zweite Geigen, können wir nach Ziffer 5 etwas zurücknehmen. Ich weiß, ich weiß, wie schwer das hier ist. Trotzdem. Dann bitte die Piccoloflöten, wenn Sie einsteigen zu viert sechs vor 5, das ist jetzt zu heftig, das ist eigentlich hier nur Farbe. Wir steigen wieder ein, sechs vor 4." - "Ah nein! Das ist jetzt viel zu laut. Das darf es nicht werden. Bitte zurücknehmen. So, ja..." Beugt sich vor: "Da die Bässe!" - "Sehr deutlich, sehr deutlich! Alle anderen mezzoforte.... Und wieder Kontrabässe, v i e l bitte!" Das läuft jetzt aber durch. "Leichter noch, zarter, Klarinetten... genau... und jetzt ganz s t i l l werden... - Hier Zeit lassen für den Sänger..." Bricht ab. Zu den Cellisten: "So dicht wie möglich das Legato, so daß man eigentlich gar nicht merkt..." Aufgerichtet zu allen Musikern: "Einen Takt vor 11!" - "Hier verklingen... da jetzt ein bißchen aufbauen" Bricht ab. Singt der ersten Geigerin vor. Umgewendet: "Okay 14, 14 wird mit aufgebaut... Drei vor 14 -:" Da drückt er nun seitlich eine Cellowoge hinein: "Jaaa!" Bricht ab. "Sehr schön. Horn, leiser als die erste Geige bitte. Machen wir eins vor 16." - "Englischhorn: Crescendo bitte!" - Zu den Geigen nach der Pizzicato-Andeutung: "Viel Ausdruck! Großer Schmerz! Crescendo, dann wieder... ja... zart - und mit dieser zarten Stimmung tutti in eins vor 19 -:" - "Hier sind jetzt ganz viele solistische Vorgänge. Das heißt aber nicht, daß es laut werden soll. Das sind Farben, nicht mehr. Also wenn da 'solo' steht, dann bitte nicht gleich aufdrehen. - Bitte: eins vor 19 -:" - "Zwei vor 25!" Schlägt ab. "Bitte: D-C-B-B muß es heißen. Bitte, machen wir vor 25 eins-zwei-drei-vier-fünf-sechs... sechs Takte vor 25."
"Gut. Die Bratschen dürfen ein bißchen mehr führen. So, dann bitte 26, die ausgehaltenen Töne, drittes viertes Horn, Klarinetten, Englischhorn, nur aushalten, nicht vordrängen... noch mal 26, das ist das Ende einer Entwicklung, also bitte ganz zart... " Und dann rast es los und schlägt ab und bricht auf. "Also laßt uns heute alle die Stellen spielen, die wir noch nie gespielt haben... das hier haben wir oft gespielt, auch das nächste haben wir gespielt... 44, sechs vor 44... und total einsteigen!" - "Überhaupt alle Crescendo nie ganz herausspielen, sonst wird das zu massiv. Fünf nach 44, nie laut hier, bitte: -" - "Zurück! Zurück! Vier! - Zwei - - - Vier -" Es singt, als legte sich ein Schleier über den See, sänke aber nicht, sondern bliebe in der Luft wie eine weichere, doch opake Luft... "Zaubern da!" - "Bißchen kommen! Crescendo..." - "Alles total auskosten das Spiel zwischen Klarinette und erster Geige, zwischen Waldemar und Towe... das kann man so wunderbar verfolgen hier, genießen Sie das, genießen Sie jeden Ton da.... Und Sie merken, es iat sehr viel rubati hier. Lassen Sie uns die Stellen eben durchsprechen. - Okay, gut. Ich würde gerne noch mal einsteigen in eins vor 46. - Die Zwei -:" Bricht ab. "Bitte da hinten! Bitte Ruhe dann. Bitte nochmal -:" - "Ganz zart die Klarinette!" - "Danke, sehr schön die ersten und zweiten Geigen. Aber die Klarinetten, bitte pianissimo, damit die Soli leise bleiben können. - Wir machen drei vor 49 -: - - - Undsoweiter. Eine Art Sottovoce.... schauen wir, daß das wirklich ganz düster da wird..."
Kurze Auflösung, Probespiele durcheinander, Zag: "So. Wir brauchen noch einmal diese Stelle, wo es so vielstimmig wird zwischen 51 und 53. Das liegen viele viele Fouls. Bitte, 51 -:" - "Pianissimo! Notieren Sie das da: subito pianissimo. Gut. Eins vor 52 :" - "Drei p! D r e i p!" Daraus hervorwogen... "Bißchen mehr Englischhorn... bißchen vorwärts..." Zu den Bässen: "Schön, schön, das ist wunderbar." Zu allen: "Nicht übersehen, eins vor 57. Es gibt eine Stelle, das ist eine komponierte Triole, die anderen Stellen sind alle vollzählig Noten. Das macht Schönberg in dem ganzen Stück: daß er eine erste Note zur Triole macht, die anderen folgen aber nicht-triolisch. 56! Achtung mit dem subito piano..." - "Au Mann!" Stampft mit dem rechten Fuß auf: "Subito Pianissimo! Subito Pianissimo!" - "Ja, d a s ist gut!" - "Aber Kontrabässe, 58, das kann ruhig etwas leiser sein, das sind nur die Hörner und Sie, und die Hörner sind gestopft. Zurücknehmen, dann wird es unheimlicher. - Eins vor 58!"
-
"So, wir machen noch mal die Stelle nach 58, zweiter Takt nach 58. Auf die drei subito piano achten, wir brauchen das für die Sänger. - Bitte eintragen, subito piano, es geht ums erste bis vierte Horn, die dort spielen, Sie spielen da immer einfach durch... - Eins vor 59 -:" - "So, wir machen jetzt erstmal hier Pause."

*******
Gurre5-1
*******

11.06 Uhr:
"So, wir machen weiter vier nach 65 -:" Der Stress, unter dem diese Musiker, gerade bei einem solchen Stück, stehen, ist fast unvorstellbar: ihre Berufswirklichkeit läßt eine gelockertere, gar längere Probenfolge nicht zu, vieles muß sich in Kopf und Herzen bilden, o h n e eigentlich geprobt werden zu können - zumal: die Solisten kommen alle ja erst viel später hinzu, für die Orchestermusiker, und "wenn ich dann gerne einmal schwelgen möchte", erzählt mir Matthias Benker in der Pause, "und es g i b t da diese irren Stellen, wo man einfach nur abheben will, aber wenn man dann da ankommt, muß man immer mitdenken, daß da ja auch noch Sänger sind, daß man die nicht zudecken darf mit dem eigenen Klang, und man muß sich wieder zurücknehmen". Sie lesen es ja selbst: Probenarbeit ist unausgesetzte Energiemechanik, und vor allem zu Anfang, allein den Blick und das Ohr aufs Einstudieren, bleibt die andere Wirklichkeit, die, um die es doch eigentlich geht, scheinbar auf der Strecke: Musik. Aber eben nur scheinbar. Vor jede Leichtigkeit hat der Herrgott Schweiß und wehe Füße auf Haufen geworfen.
Nun aber spielen sie vieles schon durch. "Bißchen fließen lassen..." Zu merken daran, daß Zagrosek immer weniger unterbricht, sondern seine Idee und Vorstellungen, die manchmal barsch wie Anweisungen wirken, direkt in die fließende Musik hineinspericht. "Zart... ja, okay, gut. Danke. Alles viel zu laut, bitte Celli und Bratschen, auch die Kontrabässe zurücknehmen. Bitte schön, drei vor 75 -: Wir können den Sängern helfen, wenn wir ganz zart sind... Noch zarter... zärtlich... Laufen lassen... Nicht zu laut hier" dabei spielen sie eh schon wie auf Zehenspitzen. "Klar werden... ah, sehr schön war das! - Tschuldigung: Cello allein, Oboe, dann die Bratsche. Schwierige Stelle: eins vor 80. Zart die Geigen... " Bricht ab. "Bitte nochmal von eins vor 80 -: - Ah, jaaa! S e h r schön! - Jetzt etwas crescendieren... Noch nicht die Oboe! Jetzt die Oboe... " O Göttin, was ein Streicherklang da mit einem Mal aufsteigt... "Bratsche führt!" Bewegung, Wirbel... Und dazu diese Wagner-Celli, die sich immer in die Musikweichen drücken, einem momentlang den Atem nehmen... JA! Da ist es nun da, fast überraschend: durchgehendes Musizieren, das Zagrosek kaum noch unterbricht, Durchleben, ein kleines Schleppen schon noch mal, das sind noch Löcher im Gewebe, das aber schon sehr kenntlich als Gewand, seit heute vormittag... "Danke! Danke. - Bitte? Alle brevis sind zwei, vier Takte..." Kurze Diskussion mit den Celli. "Gut, okay, meine Damen und Herren, bei 88, der Einschnitt, der ist nichzt groß. Ich habe den gestern groß gemacht, damit wir alle die Vorgänge verstehen. Lassen Sie uns bitte nochmal machen ab 1 vor 86. Meine Damen und Herren, vier nach 86, da gibt es diese eine Episode, dreitaktik, da beginnen wir immer etwas defensiv die Crescendi. Bitte:- " - "Also, bitte, das ist eigentlich ein Accelerando. Wenn wir da immer wieder leise beginnen, dann wird das plastisch. Jetzt ist das alles bisher nur laut. Schade. Das müssen wir noch etwas formen, bitte." - "Ganz viel Character bitte jetzt!" Die Oboenstelle mit der zerwehenden Flocken, die aus dem Orchester aufsteigen... "So, wir machen jetzt noch eine Stelle, und zwar den Sommerwind, Ziffer 74. So, bitteschön -:" - "Ah nein, das war einen Moment zu früh. Bitte noch einmal -:" - "Schön, sehr schön, aber bitte nicht lauter werden. - Jetzt" hebt den Taktstock ganz hoch "78. - Das vierte Horn da. Ach, da ist wieder dieser blöde Takt. Entschuldigung." Haut leicht auf das Pult. "Entschuldigen Sie. - Bitte noch einmal. Von 79, alles sehr characterisieren, graphisch... -:" - "Gut!" - Ein schattenhafter Teil, der mehr von Mahler als von Wagner herkommt, Scherzozitat, ich hab auf sowas mal Kafkas Kübelreiter für den Funk eingesprochen, etwas Kühles ist darin, Flirrendes, Wegflirrends. "Vor allem der dritte Takt da, das muß noch schneller gehen. Machen wir -:" - "Sehr schön! Bitte auf die Piccoloflöte hören, damit wir gut mitkommen. Nochmal, selbe Stelle: zwei vor 82 -:" - "Sechs vor 87: - Fein läuft das jetzt. - Bitte nun vom Walzer an... -:" - "Also, was ich brauche, ist bei eins vor 92, dieses subito piano. Dazu spricht ein Sprecher, wichtig: das ist deshalb n o c h leiser gespielt, als wenn jemand dazu sänge." Oh! Dann geht es an den Sonnenaufgang, und Chor, den man noch nicht mithört. Zag läßt jetzt, offenbar, zum Schluß der Probe, den Schluß des Stückes einmal durchspielen, der als einer der prächtigsten Sonnenaufgänge in Musik in der gesamten KompositionsLiteratur gilt. Ach, aber Zag bricht ab: "Halbe bitte, Halbe!" Abermals ansetzen. "Schön, sehr schön. Ich danke Ihnen. Morgen beginnen wir das Stück mit den Sängern von Anfang an." Und schickt seine Musiker heim.Gurre5-3-erste-Geigerin-

*******
(Wir meinerseits lesen uns und Sie bei der ersten Probe mit den Solisten, in einer Stunde, wieder.)
*******

13.07 Uhr:
[Verständigungsprobe.]Gurre5-4-Raum-270-Gurre5-5-Diener-1-Raum 270, Melanie Diener.
Zag: "Okay, wir haben ein gutes Stück hier."
Diener: "Gibt es überhaupt ein Notenpult, das diese Partitur t r ä g t?"
Zag: "Wir haben extra eines bauen lassen. Und schauen Sie einmal, ich habe mir die Partitut eigens neu binden lassen."
Diener erhebt sich. Zag: "Beginnen wir?" Diener hebt an, ein Erlebnis zumal in diesem engen Gurre5-6-Diener-2-Räumchen. "Ich möchte gern noch einmal eine Intonation checken." "Welche?" "Und Form und Farbenspiel..." "Was hab ich gesungen?" "Von Form- und Farbenspiel. Bei mir steht aber und..." Leise lachend: "Bei mir auch." "Vielleicht hab ich mich ja verhört. - Gut. Den Walzer." Korrepetitor: "Den ganzen?" Zag: "Den ganzen, klar." Diener beginnt. Zag: "Ah, ich glaub, ich war da ein bißchen schnell." Korrepetitor: "Die Tempoangaben von Schönberg sind aber noch schneller." Zag: "Ich weiß, immer bei Schönberg." Korrepetitor: "Grotesk schnell..." Zag: "Macht ja auch keiner, g e h t gar nicht. Ich muß nur an Moses und Aaron denken. - Bitte nochmal: Walzer. - Ah, ich glaube, beim 'Wald' können wir ein bißchen mehr dolce machen..." "Oh je", entseufzte es der Diener, als sie mich sah, "Sie sind bereits bei der Verständigungsprobe hier?" "Wenn Ihnen das nicht recht ist, pack ich zusammen und geh", ich lächle, "aber ich glaube, das wollen Sie gar nicht." Und gerade fliegen mir die Ohren weg... Zag: "Gut! Super.... Schaun wir mal" blättert "jaaaaaa... das liebe ich hier... steigen wir gleich ein..." Diener: "Nun sah ich dir zum ersten mal..." "Das ist ein bißchen zu kurz. "Nun küß ich dich zum ersten Mal und schlinge den Arm um dich.... soll ich da beim a..?" "Oh, das wäre schön, ja."Gurre5-7-Diener-3-"Ich glaub, da sollten wir eine intimere Farbe finden für küß ich dich... vielleicht überhaupt alles etwas leiser, da kläre ich mit dem Orchester." "Ja, schön." "Man merkt bei dem Stück, daß Schönberg in der Zeit in Berlin Kabarett gemacht hat, merkt man immer wieder." Aber eieiei, wie die Diener dieses Nun küß ich dich zum ersten Mal intoniert, hat was, à la Cabaretl ausgedrückt, TränchenRausTreibendes... "Ist sowieso immer alles zu laut in diesem kleinen Raum." "Das muß man hier mit besonderer Farbe ausdrücken, größere Naivetät... ich meine, sie kann zu ihm sowas allenfalls als Kind sagen, immerhin ist er König, oder als Hofnarr..." "So sprech ich, der König ist ein Narr..." Manchmal tritt jetzt solch ein Lächeln in Zagroseks Gesicht. "Jetzt bitte wieder ganz intim." "Denn all meine Rosen töt ich zu Tod..." "Hier müssen wir..." "Ich verstehe Ihren Schlag da nicht, machen Sie zwei oder vier..." "Vier, aber die Vier haben Sie. Im übrigen folge ich I h n e n, nicht umgekehrt, weil S i e den Atem haben. - Machen wir den Takt davor. Wir müssen hier das Crescendo noch entwickeln." "Denn all meine Rosen küß ich zu Tod..." "Sie haben hier drei Achtel gemacht..." "Nein, aber ein Viertel..." Sie beugen sich über die Partitur. "Ist das in der Orchesterfassung anders?" "Bitte." "Denn all meine Rosen küß ich zu Tod..." "Gut!" "Wenn ich ein bißchen mehr Zeit habe, wenn ich das so leise machen soll..." "Haben Sie." "Danke." "Bitte." Diener: "Jetzt kommt es drauf an, wie langsam sehr langsam ist." "Ich finde 60 sehr gut."
Gurre5-8Die nächsten beiden Sänger sind hinzugekommen, entspannt, warten, hören zu, amüsieren sich ein wenig, merk ich, über meine Tipperei, die manchmal dem Rhythmus folgt.
"Gut! Ist das Tempo okay, oder ist es zu langsam?"
"Noch mal von So laß uns die goldene Schale......"

So laß uns die goldene
Schale leeren
ihm, dem mächtig verschönenden Tod.
Denn wir gehn zu Grab
wie ein Lächeln,
ersterbend im seligen Kuß.

"Gut, dann gehn wir einmal in die Volle." Diener lacht auf, aus den Fußsohlen durch den Bauch hinauf. "Ich bin tot jetzt." "Dann gönnen wir Ihnen jetzt ein Päuschen." "Ich bin sowieso durch." "Schon? - Ah, ch grüße Sie alle... irgendwer hatte einen Zahnarzttermin?" Ziemlich sehr baßlastig: "Ich. Mir ist gestern." "Aber hier steht doch: Herr Häger..." Allgemeines Lachen. "Morgen, Frau Diener, ich glaube nicht, daß Sie vor zehn dran sind." "Also ich stehe um sechs auf." Zag zu allen: "Kennen Sie sich schon?" "Ich bin sowieso tot." Sagt die schöne Towe, also Melanie Diener, was ja stimmt im Stück. "Gut, Sie sind tot, Sie müssen nicht mehr sitzen." Es sind nicht genug Sitzplätze im Raum, einen der Sesselchen habe i c h mir genommen, weil ich sonst schlecht tippen könnte.
Claudia Mahnke. Die Waldtaube.
"Claudia, bitte..." Tot ist Tove! Nacht auf ihrem Auge,
das der Tag des Königs war!
Gurre5-9-Mahnke-1-"Kleines Komma da... also nicht viel, aber.." "Ja." Setzt an. "Super! Aber das darf da nicht zu laut sein, da ist ein Akzent im Orchester. Machen wir Die des Königs..?" Die des Königs winden sich
seltsam dahin
Klage sucht ich... fand gar viel...
Über eine Stufe, aus dem Kniegelenk, hinauf - "Eine einzelne Fackel brannte am Weg" - Enorm die innige Nähe, die sich hier von allem Anfang an zwischen Dirigent und Sängern einstellt, was vielleicht bei einem Orchester von 150 Leuten gar nicht möglich ist, ich weiß nicht, es wäre schön, wäre dem anderes, wäre da genau diese Intimität da, die hier von der ersten Sekunde an gar keinen Moment an der Kunst zweifeln läßt, die solche Arbeit i s t. "Ich hab da zweimal solche Punktierungen, der Trauermarsch braucht das. Und dann müssen wir zweimal unbedingt zarter sein. Dort, wo der Henning spricht." "Gut."Gurre5-10-Korrep- "Können wir nochmal einsteigen bei Weit flog ich..." Korrepetitor spielt an. "Nein, zwei vor 104." "Den König sah ich..." Zag, hinein: "Das ist schöner jetzt..." "Ja, diese Form des Suchens... bitte ein weiches Staccato..." "Aber noch immer sucht er nach..." "S e h r schön." Meine Güte, geht das in die Organe: Abendsegen läuten! Wer sich für die Vorstellngen am Sonnabend und/oder ( u n d!) keine Karten besorgt, hat, kurz gesagt: einen Knall. (Sò. Muß auch mal rausgelassen werden.) Zag klatscht: "Mann, Claudia, ganz toll, ganz toll, toll in Form!" "Super", von den Kollegen. "Nur waren Sie nicht etwas zu schnell? Wollen wir heute das Tempo finden vielleicht." "Das wäre gut, sehr gut." "Also machen wir das." Tempo-Check. Zag: "Oh, ich war viel zu langsam. Sie haben recht, Claudia, Ihr Tempo ist völlig korrekt. Au weia. Ist d o c h gut, wenn man sich selbst immer mal kontrolliert... Und morgen, ich brauch Sie nicht vor halb zwölf."Gurre5-11-Waldtaube-Part-Ralf Lukas, der Bauer.
Mit einer Riesenkraft. DONG. Zagrosek, beim Dirigieren, schreit mit. "Stop, oh, meine eigene Schreierei... bitte etwas größer, ja? Das kann da manchmal nicht groß genug sein..."Gurre5-12-Lukas-"Ich hab das mal so gemacht, daß ich den einen Satz einfach einen Moment später gesungen habe, weil da das Orchester dann leiser ist... dan versteht man das..." Korrepetitor: "Das ist 6/4, aber im Klavierauszug steht das mit Triolen." "Ich habe das mit, glaube ich, Gielen so gemacht. Denken Sie doch mal bis morgen drüber nach..." "Machen wir gleich den Abschluß fis-moll?" Lkas setzt an, bricht ab. "Jetzt hab ich die Harmonie nicht, können wir bitte drei Takte vorher machen?" Zurück. "Ich schlage drei heilige/ Kreuze geschwind/ für Leut' und Haus,/ für Roß und Rind..." "Gut, Herr Lukas, ich glaube, wir können den Text da noch etwas plastischer erzählen. Können wir das nochmal?"
"Gut, das ist alles." Lukas: "Ja, leider ist das alles...." "Ich denke, ich brauche Sie dann morgen auch erst gegen Mittag." "Wie ist die weitere Probenplanung, bitte?"
Daniel Ohlmann, Klaus-Narr.
Gurre5-13-Kirch-"Ich bitte um Entschuldigung, ich habe nicht viel geschlafen, spät angekommen..." Und setzt aber mit derartiger Klarheit ein. "Oh, da hab ich geschleppt." "Nee! Ich hab das damals auch schon für Sie eingeschrieben, daß wir da nicht schleppen." Zagrosek hatte schon vorher mit Ohlmann vorgeprobt. "Ich finde, der Anfang ist ein bißchen zu langsam..." "Ein seltsam Vogel ist..." Skandiert den Gesang. "Besser, oder?" Der Korrepetitor fällt ein. "V i e l besser." "Die halten jetzt kein Haus..." "Das ist so eine Stelle, die kann man richtig belcanto singen, das würde ich auch tun." Ohlmann singt es an. "Ja, gut so." Ohlmann setzt fort. "Das würde ich jetzt wieder etwas abkürzen. Und wir haben gerade so eine schöne elegische Phrase gehabt, da wär jetzt mehr Kabarett sehr schön." - "Hm, also, den 6/8, das jetzt danach etwas schneller..." "Nach Hölle?" Korrepetitor: "In Zwei, oder bleiben Sie in Sechs?" "Ich bleiben auf jeden Fall in Sechs." "Sie gehörten nie zu den Frommen..." Irre, wie sehr dieser Sänger einem Satyr glecht, wenn er diese Passage singt. Rein gar nicht zu fassen, das geht bis zu den Ohren, die man für spitz halten möchte am Kräuselhaar. Ich bin absolut fasziniert. "daß der Geist beim Staube bleibe,
friedlich dort sein Wesen treibe
..." UND DANN, das hab ich so deutlich noch nie gehört: MEISTERSINGER. "Das geht kaum mehr schneller", sagt Zagrosek. "Vielleicht gehen wir mal etwas zurück. So können" direkt zu Ohlmann "Sie sich mal schonen... Sie gehen derart r a n bereits." Wie alle, finde ich, es "gibt" sich hier niemand etwas. "Und Sie können gerne etwas gedämpft singen jetzt, Sie müssen nicht wirklich heute schon immer volle Stimme geben." Das schafft er anderthalb Minuten, dann strahlt die Stimme bereits wieder aus ihm heraus: s i e will hinaus. "Wissen Sie was, wir sollten noch einmal alles nur wegen der Tempi durchgehen... Sie müssen sich da gar nicht anstrengen, markieren Sie mit der Stimme einfach. Und Sie" zum Korrepetitor "das ist gar nicht zu fassen, wie Sie dieses schwere Zeug einfach vom Blatt abspielen... also die reinsten Fingerbrecher..." "Das kann man wohl sagen": Ohlmann. Ich: "Wohl wahr", lache. Alle lachen kurz... dann geht's sofort weiter mit des Klaus-Narrens Arie. Zagrosek schlägt das Tempo mit dem Taktstock auf den Flügel: "Jetzt würfeln Sie... hören Sie?: d i e s e s Tempo fände ich schön." "Wär's zu spät nicht, mich hinge mich auf... - Besser?" "Ja, abgehackt da, das wird sonst eine zu große Phrase..." - "Geprügelt leiden" "Hier würde ich das fast heulen, gar kein Vibrato da... und gaaaanz legato..." "Wer gab der nackten Wahrheit Kleider?
Wer war dafür geprügelt leider?
" "Ei, was heißt denn das hier?" In Partitur und Stimmen steht verschiedener Text; ganz gut, daß ich das Libretto hier immer zum Abgleich dahab. "Gut." "Also gelöst." "Ihre Stimme ist aber sehr groß geworden. Ich danke Ihnen sehr. Morgen, Sie sind der vorletzte von allen... aaaalso... halb eins, ungefähr?"

*******
18.01 Uhr:

[Raum 260.]
Und nun... Udo Samel, der die Sprechpartie spricht. Ah, und Zag kommt...Gurre5-14-Samel-"Können wir hier, an dieser Stelle" zeigt in seine mitgebrachte Partitur ("hab ich eigens gekauft, in Wien natürlich, schau mal... 1911") "einen extra Schlag..?" "Das mach ich sowieso..." "Hu, wie's schaurig in dem Buchenwäldchen... - oh, wo bin ich raus?" "Ich kann Dir einfach bei jeder Phrase einen Einsatz geben...." "Ich muß mich einfach daran gewöhnen, daß jetzt noch Musik dazu kommt..." "Die stört." "Ich störe aber ja a u c h..." Korrepetitor Stoermer lacht auf.Gurre5-15-Samel-2- "Das mit den Wiesen kann ruhig etwas Zeit haben, damit das auch jeder versteht. Nochmal ab 80, ab dem 'Hu!'" - "Ah, einer zu früh..." "Guck auf mich, guck auf mich..." "Welch Wogen und Schwingen!" "Bitte nochmal 'Hu! Wie's schaurig in den Buchenblättern lacht...'" "Wirst du da schneller oder nicht?" "Ein bißchen, aber nur ein bißchen..." "Ich hab das da jetzt mitgemacht, weil das ja auch Achtel s i n d..." "Wo ich überhaupt noch nicht drauf geachtet hab, Udo, daß ist da, wo Schönberg die Tonhöhen etwas nachzeichnen lassen will" "Also, was ich hier mache, Herr Stoermer" geht um den Flügel herum, "das sind 120... ich h a l t e das da... aber das ist für Udo nicht so wichtig... aber da mal..." Zu Samel: "Hier jetzt!" "Still, was mag der Wind nur wollen?" "Gut!" Bisweilen hört man hier Pierrot Lunaire ein wenig durch. "Vorher war da eine Kleinigkeit..." "Ich habe geschleppt... Da ist die Fermate schon dazwischen. Laß uns von 'Still' aus noch mal..." "Aber hinauf über die Bäume... Du hast dich da vom Walzer nicht mehr lösen können..." "Is' ja auch schwer, wenn man aus Wien kommt..." Hebt an, bricht ab. Zag: "Schön langsam. Also innerlich ein halbes Tempo. Machen wir nochmal den Walzer." "Aber hinauf über die Bäume/schwingt er sich nun in lichtere Räume...." - "Nein, nein..." "Da war ich zu langsam..." "'Und mit seltsamen...'" "Und mit seltsamen Tönen...."Gurre5-15-Stoermer-

Sieh, nun ist auch das..... vorbei.

"Noch mal von 'Still, was mag'... 85..." "Still, was mag der Wind nur wollen?...." Halt. "Längst." Halt. "Sind sie Staub."Gurre5-16-Zag-"Können wir die Triole, die... Heniole nochmal machen... weil ich keine Luft mehr gehabt habe, hab ich mich vergeigt...." "Dieses 'Ach' - das muß ein großer, ein befreiender Seufzer sein. Aber was jetzt sehr schön war, war dieses 'Schwing dich aus dem Blütenkelch'. - Können wir den Takt davor nochmal haben: 'Wie stille ward's zur Stell?'" - "Zu früh oder zu spät?" "Zu spät..."

Wie stille wards zur Stell!
Ach, war das licht und hell!
O schwing dich aus dem Blumenkelch, Marienkäferlein,
und bitte deine schöne Frau um Leben und Sconnenschein.

"Mach dir das mit der 'Sonne' nicht zu schwer, und auch das zweite 'Ach' kann gar nicht schwer genug sein. Noch einmal von 'Noch tanzen die Wogen'..."
-
"So isses, ja. Jetzt atmest du noch einmal durch, dann machen wir es noch einmal... g a n z. Von vorne." Zu Stoermer: "Drei Takte vorher." Spielt. Einsatz geht schief. Zag: "zwei, drei, vier..." "Herr Gänsefuß, Frau Gänsekraut..." "Gut!" - - "'Sucht er..' Das ist ein ganz laaaanges 'Suuuuucht'...." "Suuuuuuuucht er, was zu früh geendet..."
Der Erde flüchtige Sommerträume
längst sind sie Staub

"....schwingt er sich nun in lichtere Räume..."

die schlanken Schönen

"...zu früh geendet..." "Ja, das ist hier zu früh geendet." "Verzeihung." "Noch einmal dort..." - "Ah, wo war ich jetzt zu spät?" "Aber du hast gut reagiert..." "Das würde ich gerne noch einmal machen, damit ich diese Hermiole..." "'Auf luftigen Steigen'..." "Auf luftigen Steigen......" Manchmal versucht Samel, mit den Tonhöhen zu spielen, das will Gesang werden, kann es aber nicht, dann preßt er noch... "'Schne-cke'... Schreib doch einfach hin 'Eìns-Zwei'..." Fängt an. "Was ist da? Da war ich jetzt wieder zu langsam." Zag schnippt den Rhythmus. "Noch mal von 'Schon tanzen'..." ----- "Gut prima, bitte betone auf die Betonungen, die sind in der Musik ganz ebenso da... Ich merke, wie du auf das reagierst..." "A pròpos, muß man in der Genralprobe schon im schwarzen Anzug kommen? Smoking oder schwarzen Anzug?" "Ich könnte noch einen Frack anbieten..." "Ich finde das immer absurd, wenn man sich für ein Konzert so herausbrezelt. Einfach gedeckt, du kannst dir ja eine bunte Krawatte umbinden. Aber jetzt" zu Stoermer "drei Takte vor..."
- "Gut, Udo, dann lassen wir es für heute gut sein. Ich danke dir. Morgen etwa um eins, ich kann dir aber nicht garantieren..." - Und indes die beiden plaudernd die nächsten Termine und auch ein paar Erinnerungen besprechen, erreicht mich via Pressestelle des Konzerthauses eine Mail, über die man nur den Kopf schütteln kann, wenn man sich nicht ärgern will. Mal sehen, ob ich noch was dazu schreibe. Momentan hab ich nur das Gefühl einer irrsinnigen Absurdität.
Also für heute: Gurre dankt.

ANH
albannikolaiherbst.de
________________________________

>>>> Gurre 10 (Die sechste Probe)
Gurre 8 (Die vierte Probe) <<<<
logo_konzerthausorchester
>>>> Aufführungen:
12.06.10
13.06.10
Karten 28 / 36 / 44 / 50 / 60 €

GURRE (8): Die vierte Probe. Konzerthausorchester Berlin, Lothar Zagrosek. Arnold Schönberg, Gurrelieder. Dienstag, der 8. Juni 2010.

9.32 Uhr:
Und los, wieder, geht es!Gurre4-2
„Schschsch....!”
"Also..." Zag, sichtlich gut gelaunt, steht da: "...einen schönen guten Morgen. Wir beginnen mit dem zweiten Teil. Bitte!"
Bricht ab.
"Jemand war zu früh. Noch einmal...."
Und.
Jetzt w a r die Zeit für jeden einzelnen, seinen Part zu proben, für die Instrumentalgruppen unter sich. Gurre4-1Draußen, vorm Bühneneingang, parken zwei Busse: offenbar ist auch der Chor nun da. Dieses ist die erste Tutti-Probe. Ach, und mit welcher Kraft!
"Danke schön, danke schön... können wir bitte zwei nach Ziffer 1noch deutlicher steigern..?" - "Und nach den langen Noten müssen wir a u f blühen! Zwei,drei,vierter Takt..." - "Ach, und bitte, das haben wir in der Probe vor zwei Wochen schon notiert: die Crescendi dort ganz streichen. Streicher bitte, alles kurz." - "Ah! S e h r schön! Sehr schön warm ist das, aber bitte einfach noch etwas zurückhaltender... doch mit dieser wunderchönen Wärme. Und Celli und Bässe, können Sie bitte darauf achten, daß wir vor Ziffer 5 die Unterschiede ganz präzise haben? - So, bitte tutti."
Bricht ab, läßt nur die Posaunen spielen, "nein, so kann das nicht bleiben, nochmal...." Dann wieder Tutti, "tutti Ziffer 4..." - "Und jetzt... pianissimo..." Aber dann: W e i t e... und WUMM! Kraftstoß. Der Themenbogen...... "Wo ist eigentlich diese Rührtrommel? Ach, Sie sitzen dort? Ja, jetzt war es okay, nur vorher... gut, wissen Sie. - Und bitte, pianissimo": er meint das leichte Plaudern, das in den Musikern noch ist...." Ansatz. "Bitte, alle die Fortepiani, die hier sind, nur andeuten, nur als Akzent, sonst hat kein Sänger einer Chance. - Ab Ziffer 6, gerade durchspielen."

Hebt die Hand, Handfläche. "Moment, es kommen hier nicht alle mit. Accelerando, das sind sechs Takte. Bitte, zwei nach 7." Crescendierter Lauf zum Themenbogen... Und das, ich nannte es nach Tschaikowski so, "Schicksals"motiv.
"Bitte schön, wir machen das jetzt alles noch mal, Beginn zweiten Takt. - Stop, das war ein biißchen zu früh, bitte noch mal."Gurre4-3"Bißchen weniger Crescendo... beide Male.... - Gut. Und jetzt bitte: Dritter Teil."
Noch immer ist etwas Unruhe in den Musikern. "Schscht!" Die tiefen Streicher, Bläser, vorsichtig drüber, helles schellendes Schlagwerk... ei, und da ging der Tuba der Ton weg. Diskussion, Zagrosek fragt nach, es gibt ein paar Antworten, neue Ansatz... "Entschuldigung, das geht nicht. Was ich da höre, das ist... nein, wir reden in der Pause." In der Tat blieb ging beim zweiten Ansatz der Ton in die Knie. Zag bricht wieder ab. "Es kann hundert Gründe geben, weshalb... aber, wir führen am Sonnabend auf, dann gelten keine Gründe. Bitte lassen Sie uns das in der Pause besprechen und angehen. - Jetzt aber zwei vor 2, damit wir das alle zusammenkriegen." Bricht wieder ab. "Ab 6 jetzt, einfach da." Bricht ab. "Tschuldigung, die Synkope ist zu lang da. Noch mal. Zwei, vier-fünf-sechs..." - "Immer den Sechserimpuls durchspielen. - Ah, sehr schön! - Sò, machen wir bitte nach der Ziffer 5 drei... - nein, noch einmal, das war nicht so schön. Bitte mal alles o h n e die Streicher jetzt."

Tief ist der Sinn und
Weitum bekannt:
Ist der Vergangenheit
Große Bedeutung doch
Daß in die Zukunft sie
Tragen den Namen kann
Des, der dem Dunkel sie
Wieder entrissen,
Tag ihr gebracht.

"Tutti jetzt, fünfter Takt nach sechs. Wenn Sie sich bitte noch a l l e eintragen würden, daß wir hier die Crescendi wegnehmen wollten? Bitte!" - "Viel Raum! Ja!" Abbruch. "Genau, da ist ein kleiner Einschnitt. Wir machen da weiter. Ah, viel zu viel Trommel. In diesem Raum dröhnt das viel zu sehr. Das gilt imgrunge für das ganze Stück. Bitte, sich da etwas zurückzuhalten." Und! Ganz aufgefächertes Leben, es quirlt, schillt, dröhnt dann. Zag: "Ich verstehe, daß das wirklich schwer ist, weil man hier nicht gleich mitbekommt, was da wirklich passiert. Aber das muß völlig exakt sein. Eins vor 5 mit Auftakt bitte." Ich muß an Ritterspiele denken, an Turniere, also das, was, wir so ge"lernt" haben, wie Ritterspiele gewesen seien. "Was noch nicht ganz klappt, ist die 3 da in den Bässen. Darf ich die Bässe bitte mal ganz allein haben?" Die Probe geht über die Celli zum Dirigentenpult hinweg. Der Gurre4-4gestrichene Rhythms, "ab da dann bitte gleich durchstarten. - Also schön wäre, wenn man hören könnte, daß das ein Kanon ist. Wie spielen Sie das denn? Immer am Pult geteilt? Ah ja.... - Ähm, machen wir es mal langsam, die Stelle, zwei vor 7, damit wir merken... Nein, akzeptieren Sie ein bißchen das untere e. - Ah ja, sehen Sie? - Jetzt alle Bässe. Jetzt haben wir's!" Dreht sich zu allen. "Und jetzt Tutti... die ganze Stelle...!" - - - "Ah! F e i n! Das kommt jetzt wirklich schon, die Bässe jetzt. Ach ja, und das Xylophon: generell können Sie da ein bißchen mehr g e b e n. Und Hörner, nach Ziffer 8, siebter Takt nach Fortissimo, da etwas zurückgehen. Und Bratschen, die Fünf da: das ist Fortissimo für Sie, das mß unbedingt herauskommen. Alles andere um sie herum ist da noch leise, aber Sie müssen sich prägnant herausheben. So, bitte schön, a l l e..." - "Ja", lacht, "das Kontrafagott hat uns überholt... Kann ich bitte mal nur die Streicher haben, Ziffer 9? Eins-z w e i ..."
-
"G r o ß e Striche, große Striche! Ah, nochmal, wir sind noch nicht gut zusammen. Und hier, daß wir das alles ganz komöopathisch abbauen... Jetzt alles ohne Streicher. Stop, dieses" singt vor "ist ein kleines bißchen früh. Noch mal. Und wenn die Kontrafagotte etwas später diminuieren als die anderen, dann verstehen wir die Linie bitte. Und jetzt den Sturz nochmal, ich gebe vor: eins-zwei..." F a l l, Sturzfall, das Diminuendo, "aber das zweite Kontrafagott noch aushalten bis zur 3. - So, jetzt müssen wir den Übergang hinkriegen, das machen wir jetzt alle zusammen... Vier vor 10."
-
"Und jetzt das Lied des Bauern, und zwar eins vor 5, vor der Baßtrompete." Aufgefrischten Wind über Ähren, das höre ich, ein Gewirbel überall, dazu das Schicksalsthema wie von ferne, Xylophon insistent von hinten, Pfeife, alles von enormer, schöpfender Unruhe und - Diminuendo. "Und jetzt schön, warm, sehr warm", den Oberkörper den Celli zu, wieder herumgedreht, empfindliche, brüchige Idylle, über die Gurres Liebesthema geht, "ah, und hohl! Ganz hohl! Sehr schön... und jetzt immer schneller...."
-
"Sehr schön. Jetzt gehen wir noch mal zurück. Aber da ist noch eine Stelle, die sehr süffig, aber immer noch zu laut, bitte nur mezzoforte in drei vor 14. - Zwei vor 12 jetzt, ja... so... und heben, etwas lauter", das Liebesthema nämlich, und das Blech droht herein, dafür erzählen leise, insistierend die Holzbläser... schon jagt das Orchester wieder los, das Xylophon peitscht es, man muß bei diesen Forte-Stellen, vor allem in diesem speziellen Saal, extrem auf Durchhörbarkeit achten, zumal dort, wo die Gurrelieder diesen festlichen Grundklang bekommen, der machmal geradezu durchtanzt zu sein scheint. "So wir machen einmal das Tutti zwei vor 17. Bitte, zwei vor 17 - ah, drei vor 18, Streicher, bitte, Sie sind da einfach ein bißchen spät." Beugt sich herab, die erste Geigerin erklärt, "ja, wir müssen uns natürlich erstmal wieder ein bißchen warmmachen. Sò, bitte noch mal, zwei vor 17." Und, Hände hinauf, dann. Hebt die linke Hand wieder. "Bitte, die langen Noten da in 18, die sind in den Hörnern zu laut. Und damit allen das klar ist, wir haben da ein neues Tempo. Also nochmal, drei vor 18." Wieder die Hand. "Dritten nach 20 bitte alles Mezzoforte. Nochmal." - "Okay, wir machen Pause und dort dann weiter."

PAUSE.
Gurre4-5

11.14 Uhr:
Knapp zwanzig Minuten Pause waren, allmählich füllt sich das Podium wieder. Zag hebt den Taktstock.
"So, wir sind im dritten Teil, Ziffer 24. Eins vor 24, dort ist schon à tempo. Dann bitte ab dem vierten nach 24 alles so wie vorher, nur Mezzoforte, nie lauter als Mezzoforte bis 28. Wir steigen ein eins vor 24." - "Und bitte nicht zu laut. Bitte. Tutti eins vor 24. Bißchen rascher."Gurre4-6Dann fällt das Tempo zurück, vertröpfelt, und weiter Einsatz im Cello: "Für alle Bläser, die bei 28 hinzukommen: es gibt einen Auftakt der Celli. Bitte, alle, 29 mit Aufttakt. - Ja, und da: ganz kläglich... Und wo ist die" Hand hinters linke Ohr "Celesta? -" Celli, abermals, "Zeit lassen!" ganz milde durchziehend, "bißchen vorwärts", allmähliches Drängen - bricht ab. "Sorry, wir haben hier ein subito piano, bei diesem zwei nach 34, da ist ein Takt forte, das darf einen Tuck mehr sein, aber Celli: bitte nie zu sehr, weil da immer dazu gesungen wird, das darf sich nicht vordrängen. Bitte, drei nach 33. - Also: vier nach 34, überall: subito piano. Sieben Takte nach 33, etwas drängen da."
Eine kurze Diskussion geht durch die Musiker. Partiturenvergleich. "Machen wir's doch so: da wo Striche sind, wird geschlagen. Nein, bei den Celli nicht. Dann bitte 38," singt vor, "das ist eigentlich wie Kabarett.... alle Punkte gestrichen, ja.... Bitte, 38, das ist alles etwas angeschärft." Eigenartig, wie genau ich hierüber bereits die Stimme höre. "Gut, drei vor 45, das ist der Beginn dort" Blick zu Friedemann: "Also 6/8... - eins - zwei... u n d - vorwärts - ... " Da die Pizzicati... "Hier aufpassen!" Eine Geste des Eintritts, danach gleich auf die Bässe die Bögen geschlagen, "Vier, vier! - und jetzt wieder die 2..." Abbruch. "Gut. Meine Damen und Herren, darf ich Sie bitten, daß wir das einmal alle gemeinsam lesen. Ab Ziffer 47. Einfach, weil es ab da unglaublich viele Tempowechsel gibt, damit wir uns da wirklich einmal genau abgleichen. Sehen Sie hier, bis 52, das wird immer langsamer, spürbar langsamer..." Einwurf aus dem Orchester. Zag: "Also ab 51 in Zwei. Dann gibt es bei 52 accelerando, das mündet in ein etwas rasche, das bleibt also, aber dann wird es...." Takt für Takt geht er an der Stelle das Stück durch. "Das liegt alles an dem Text dazu, der sehr kabarettartig ist. Wichtig für Sie zu wissen, sehr wichtig. Dann gibt es da noch einen nächsten Wechsel in 52. Haben Sie es? Gut, wir steigen noch einmal ein in... ja, eins vor 41. Und!"Unterbricht, lacht, als das Orchester auseinanderdriftet: "Das ist offensichtlich eine Falle, diese Stelle, nicht wahr? Also nochmal: 52." Bricht wieder an. "Nochmal, zwei vor 52. Nicht hetzen. Und!" Unterbricht ein nächstes Mal: "Da nicht steckenbleiben! Eins vor 55, bitte schön." - "Nein, bitte Mezzoforte, das ist alles zu laut, was ich hier" läßt den linken Arm links kreisen "höre. Noch einmal." - "So, ja. Und hier wäre jetzt die Baßklarinette dran. Steht das bei Ihnen nicht? Nein? Gut, müssen wir gleich kontrollieren. Wir machen jetzt Mittagspause und da dann weiter."

*******
Gurre4-7
*******

13 Uhr:
Die Mittagspause ist vorüber, die Musiker, von hie manche, andere von dort, kommen zurück. Das A schwingt aus den Instrumenten, Zagrosek zischt ein leises "Sch!" Und es geht, langsam, weiter.
"So, Ziffer 61, d a vor vier Takte. Ich lag auf einer Steinbank vor dem Konzerthaus und schlummerte ein, schrak auf, zehn vor Eins, ging zurück. Schokolade noch, nein, nix rauchen jetzt mehr. Und tief setzt das Orchester ein. Dann die Fanfare Gurres, ein Gleißen der Abrauten, sich einschwingen, es gibt auch eine helle Jagd der Luft. Eiei.... Verspieler, aber weil Zag keinen Takt mehr schlug. Zerbrechen des Klanges: "Das ist eine dritte Posaune nach 61, das habe ich jetzt gar nichzt mitbekommen. Bitte vier vor 61..." zur Seite: "Bitte Ruhe..." ins Orchester: "Das ist zu hoch. Das liegt am Dämpfer," bricht ab, "noch mal, vier vor 61." - "Achtung: Bratsche führt!" - "Dort, an dieser Stelle, diese Geisterstelle, da soll, steht da, alles, was geht, bewegt werden. Bitte nochmal, selbe Stelle, zweiter Takt nach 64." - "Gut, ja sehr gut, vielen Dank. Jetzt müssen wir die Stelle rhythmisch deutlich durchsprechen... Drei, vier - eins - Ah prima, manchen wir's jetzt bitte ohne die vierte Posaune, aber sonst alle.... - sehen Sie? wo wir alle noch nicht gut zusammensind, ist bei diesem" singt. "Können wir nochmal? - Ja, sehen Sie, so. Jetzt hat aber diese ganze Stelle von ein accelerando...: bitte drei Takte vorher.... - Nànà, da sind Sie jetzt ein kleines bißchen zu schnell, da müssen wir etwas abbremsen... - Nein, schon der Takt vor 64 ist zu schnell, zu früh. Nochmal. Drei vor 64." Aha, es klappt... aber was d a s? Mit einer irren Synkopierung durchgezogen, da ist man sprachlos, sowieso, aber auch, wer das Stück kennt...
Gurre4-8-
"Undsoweiter undsoweiter. Das ist dann alles Begleitung für den Chor. Aber jetzt vier nach 70."
Und der Ruf der Bläser. "Zweites Horn ist das! Bitte nochmal, nach 70 der einszweidreivierte Takt.... Bißchen crescendo..." Misterioso: kurzes Hornduo. "Schaun wir, daß wir das alles ohne Akzente spielen... Bitte so verhalten wie möglich. Bei Schönberg gibt es da eine Bemerkung, daß Sie sich dort einigen sollen, wer das spielt. Mein Vorschlag ist, daß Sie das alle spielen, aber sich einigen, wer wo atmet, damit wir da keinen Doppler kriegen. - Wir brauchen eine dritte Stimme. Jetzt. Stop, erst ist es ein F, drei voer 74... jaja, da kommt Freude auf. Das ist doch Cis, oder? Okay, bitte nochmal, selbe Stelle, drei vor 74, ohne Piccolo.... - Ja, super! Gut. Gut. Lösen Sie das untereinander? Danke Ihnen, dann muß ich mich nicht selber drum kümmern. Es fehlt jetzt auch ein Kontrafagott. So, 74: -" - "Nochmal: pianissimo. Jetzt vier. Und wie in zwei."Gurre4-9
-
"Nach 77 bitte!"
"Gut, okay, und jetzt gehen wir allmählich ans Tempo ran. Allmählich. Mäßig. Von fünf vor 79. Auf die Flöten achten." - "Die Soli!" Vorgebeugt, Richtung Bratschen: "Genauer da. - Jetzt in Vier... eins, wir bleiben in Vier, jetzt Zwei..." und süffig, fast etwas zu süß, nähme nicht das Cello es sattmännlich in die Arme.... Und à la Impressionismus kurz, wären da nicht des Lord Chandos Pilze... "Halten.... ùnd..." wie ein Walzerschritt, der einkopiert ist, Pizzicatolauf und hinauf... weit... C h o r a l.... Bricht ab: "Gut, okay, und dann der Schluß. Wir machen jetzt aber noch mal eine Stelle langsam, sechs vor 19... bitte schön: - Fein, ja, und jetzt so, wie es dasteht, im richtigen Tempo, sechs vor 19..." - "Zart! Zart, ganz zart!" - Ich selber habe von meinem Platz aus immer das Problem, daß ich eigentlich nur Zagrosek verstehe, und auch das nur, wenn er laut spricht; Einwürfe der Musiker kommen akustisch bei mir kaum an, da muß ich erschließen, welches die Einwände sind, was manchmal, aufgrund der Antworten, geht, oft aber nicht, wenn Zag zu leise spricht oder einen Satz nicht zuenderführt; dann erfolgere ich gleichsam instinktiv, worum es geht, und aus dem, was ich an Unterschieden musikalisch höre. Tanzbewegung, darüber das Solocello, und aufmüpfig ahnt sich die steigende Sonne. Ein unerhörter Sonnenaufgang ist das, immer w i e d e r unerhört. "Bißchen mehr Trompete da, die muß am Schluß alles übertönen, aber erst am Schluß." Zu Friedemann: "Was denn?" (Wieder nicht zu hören, die Antwort, also akustisch). Plauderlachen mit Überspiel, momentan zerfällt der riesige Apparat, jeder für sich, oder zu zweit, zu dritt, dann das obligate "Scht!" - "So, wir machen noch mal diese gesamte Schlußphase, und zwar ab dem Sommerwind, das ist 74. Sò, bitteschön. Meine Damen und Herren, ein bißchen shakespearscher Zauber: Elfen im Sonnenlicht." - "Viel zarter da! - S e h r schön. Ah! Jetzt ein bißchen schneller." Fast immer dirigiert er, bei Proben, in einer S-förmigen Spannung seines gesamten Körpers, selten sind die Knie durchgedrückt; während der Aufführungen ist das oft seltsam anders. "Vorwärts! Noch vorwärts! - Moment, 'tschuldigung, ich muß da unbedingt die Hauptstimme hören, Bratsche, Violine, da, zwei nach 84.. - Nein, stop, bitte" singt "ban-ban-ban-ban, ganz pianissimo bitte.... drei vor 85. Okay?" - "Nein, das ist es noch nicht ganz." Singt abermals vor. "Bitte nochmal. Ganz zahm! Zart... Kurz... Gaaaanz weich... Und jetzt etwas heiter... Hier bitte wirklich pianissimo, und die Celesta spielt uns den Walzer dazu", der in Holzschühchen über ein Buschwerk geht... "Sehr schön! Immer leiser und leiser... Das jetzt ganz h e i m l i c h... Und nun beruhigt sich der kleine Ausbruch wieder... Großer Auftakt! Da wird es wieder ein Walzer. Vorwärts! Gut- okay." Bricht ab. "Sehr schön, sehr schön. Und jetzt bitte sechs Takte vor 90 im Tempo anziehen. Und!" Ah...! -: C h o r a l. "Ganz zart! Runden!" Bricht ab, bleibt einfach stehen. "Fünf vor 94, einfach nur zart, ganz zart: -" "Das ist es! Jetzt, ja! Und: Piano..." Da fängt die Musik auch wieder zu erzählen an, resümmierend, vielleicht bereits im Abschiedsweh... aber dreht bei wie ein Schiff unter vollen Segeln, die sich in ihr, der Musik, blähen... Zerkrumplung, Zerbröcklung, Abbruch. "Bitte eins vor 98... weiche große Melodien bilden, große Choräle... ùnd: -" - "Danke. Die Baßposaune, da brauch ich ein bißchen mehr... Sie sind der einzige, der da ein Crescendo hat... ja, das ist jetzt 102. - Selbe Stelle bitte, drei vor 102, und noch etwas breiter." - "Wir machen jetzt Pause, dann gehen wir in den ersten Teil."

*******
Gurre4-10
*******

14.36 Uhr:
Beide Hände weit gehoben an den ausgestreckten Armen. "Bitte schön: erster Teil, 28, einen Takt davor." Ein Stimmenblätterrauschen weht übers Orchester. "Bitte schön: eins vor 28." Aùaù, hier schleppt's aber noch... fängt sich aber. Und kraftvoll hinein in die Linie.

Mein Haupt wiegt sich
auf lebenden Wogen,
meine Hand vernimmt
eines Herzens Schlag,
lebenschwellend
strömt auf mich nieder
glühender Küsse Purpurregen,
und meine Lippe jubelt:
"Jetzt ist's meine Zeit!"

Bricht ab. "Ich merke, es ist ja noch einiges da. Bitte, wir steigen noch mal ein zweiter nach 32." Bricht ab. "Nochmal. - Nein. Machen wir es noch einmal langsamer. Ùnd : -- Achtung, Wechsel auf 4/4-Takt...." Bricht. "Das ist kein Sechser. Nein, nein nein, das sind Vierte. Wir machen's echt langsam. Ja, wie früher, nach 32, fünfter Takt. Drei - vier.. -:" - "Ja, super. Das Tolle an dieser Stelle ist, daß es dieses Crescendo und Diminuendo gibt, das möcht ich jetzt hören. Ùnd... da... jà! Volles Crescendo jetzt..." - "Hallooo bitte, Fortepiane, ganz kurz. Wir steigen ein eins vor 31. Tutti! Im Tempo." Bricht ab. "Schneller weg. Drei - vier......-:" - "Noch lürzer, so daß es sehr spricht..." Hebt die Hand flach zum Orchester, stopt es. "Noch mal, eins vor 32. Gut. Und jetzt beschleunigen wir das." Hebt die Hand. "Tschuldigung, an dieser Stelle, Pauken bitte leiser, das meiste ist hier zu laut, auch vorher bitte, die Triolen im dritten bis sechsten Horn... - 33, tutti: -" - "So, jetzt steigen wir wieder bei eins vor 28 ein... da muß ein bißchen der Eindruck entstehen eines bockigen Rosses. Bitte schön! - Stop. - Bitte, die Melodie heißt ja, immer als Nachschlag": singt. - "Ùnd!" Bricht ab. "Bitte schon, zwei vor 29... langsam bitte, damit wir verstehen, was da passiert. Es gibt da immer auf der 1 ein Pizzicato, das muß gehört werden. Nein. Nochmal. Selbe Stelle: drei-vier -" - Bricht ab. "Dankeschön. So, bitte alle zusammen eins vor 28.

Ein Publikum harrt dieser Schöpfung, in dem sich nicht nur alle Musiker, alle Snobs und alle Kunstsehnsüchtigen zusammengefunden haben, sondern auch jene gewissen angenehmen Menschen, die nicht die Sache, sondern nur die Sensation oder auch den Skandal suchen und denen insbesondere die Aufführung eines Schönbergschen Werkes immer im Zeichen einer Hetz zu stehen scheint, die sie sich beileibe nicht entgehen lassen dürfen und in der, nebenbei gesagt, nichts weniger als die gutmütige Wiener Spottlust und das Vergnügen am Spaßmachen über das Fremdartige zum Ausdruck kommt, sondern das tückische Sichwehren gegen Ungewohntes, dessen Ernst zur Auseinandersetzung zwingt; der Haß gegen solche, die unbekümmert und trotzig ihres Weges gehen, ohne durch Zugeständnisse zu schmeicheln, und die es nicht ertragen, sich für die Vielzuvielen aufzureißen und zu erschließen; und nicht zuletzt die Beschämung, die solches Beispiel weckt, und der Neid und die Wut gegen diese hoffärtigen Künstler, die es wagen, so frei und veracvhtungsvoll zu leben und der andern und ihrer Zustimmung nicht zu bedürfen. So war es bei Mahler, so war es bei Klimt, so ist es bei Schönberg.
(Richard Specht, "März" Berlin, 20.9.1913)

"So, wir machen bitte vier nach 34, 4/4-Takt... Zart!" - "Was ich unbedingt hören muß, ist das Bellen der Gurre4-11Hörner. Weiter mit zwei nach 39. - Was hier viel mehr sein muß, sind Celli und Kontrabässe. Und die erste Geige, bitte erst dann, wenn dieser große Bogen kommt, fortissimo. - Zwischenspiel, zweiter nach 48, wenn wir da bitte einsteigen..:"
-
"Also, 86. Da ist dieses Accelerando, ohne das geht das hier gar nicht, da kommen wir nicht weiter. Nochmal 86, nicht so laut. Damit wir den Übergang hinbekommen. - Stop stop stop! Machen wir doch mal hier, wo das losgeht, nach 86, eins-zwei-drei..-:" Bricht ab. "Jetzt machen wir folgendes: dritter nach 86, Accelerando, wir haben unterschiedliche Dynamik, bitte: einige haben Piano, einige Forte..." Und er dirigiert ein langes Stück, ohne zu unterbrechen, d u r c h... erst beim Tempowechsel läßt er die Arme hängen. "Erst die Kontrafagotte. Bitte 94. Vierundneunzig!" - "Bitte nochmal, 5 nach 94.... nein, nur die Bratscher, einmal nur die Bratscher. - Bißchen schärfer. Wie viele spielen denn unten? Vier? Prima. - Tutti, fünf nach 94!" Bricht ab. "Das geht zu schnell, wirklich. Bitte. Nochmal. Drei-vier..." - "Und wir machen das ein bißchen kürzer. - So, jetzt mit dem Übergang, das machen wir von 94, vom Choral an. Sò! - Sehr legato." Tristans Hirtenflöte (es ist keine Flöte), da wird noch probiert, "wunderschön, aber mindestens doppelt so langsam, dann die Bläser: s e h r kurz einfallen... Kurze Pause. Alle." Geste, die dann wieder ins Thema führt. "Wir machen bitte alle nochmal zwei vor 97: da haben wir uns jetzt mißverstanden. Und, bitte, Trauer...." Es ist mir Fingern zu fassen, wie das Stück sich ausmodelliert, mit jeder Probenhalbenstunde werden die Konturen plastischer. "Dann bitte: 98 ist bei den Holzbläsern fortissimo, bitte, alle zusammen 98, 98 bitte: -" Und dann, unvermitelt, aber ist ja auczh wirklich bereits 15.30 Uhr: "Ja, dankeschön, einen schönen Abend noch" - und eilt von der Bühne.

>>>> Gurre 9
Gurre 7 <<<<
logo_konzerthausorchester
>>>> Aufführungen:
12.06.10
13.06.10
Karten 28 / 36 / 44 / 50 / 60 €

Verpflichten Sie sich! Gurre (7).

Der Philharmonische Chor veranstaltet zu
Beginn der Saison 1912/13 eine Aufführung der
Gurrelieder
von
Arnold Schönberg.

Das vor zirka 15 Jahren entstandene Werk des Komponisten erfordert einen Chorkörper von 600 Personen, 6 Solisten, einen Rezitator und ein Orchester von 150 Mann. Der Philharmonische Chor hält es für seine Pflicht, dem Hauptwerk des vielumstrittenen Autors endlich zu einer Aufführung zu verhelfen. Er kann dies aber nur dann tun, wenn sich eine Anzahl kunstsinniger Persönlichkeiten bereit erklärt, einem Komitee beizutreten, das die Gewähr bietet, den Großen Musik-Vereinssaal mit z a h l e n d e n Besuchern zu füllen.
Wir bitten Euer Hochwohlgeboren, diesem Komitee beizutreten und sich auf beilegendem Scheine zur Abnahme einer bestimmten Anzahl von Karten zu verpflichten oder für den Garantiefonds zu zeichnen.

Die Vereinsleitung.

>>>> Gurre 8
Gurre 6 <<<<

logo_konzerthausorchester
>>>> Aufführungen:
12.06.10
13.06.10
Karten 28 / 36 / 44 / 50 / 60 €

Arnold Schönberg: Gurrelieder. Pressemitteilung des Konzerthauses Berlin. Gurre (6).

»Gurre-Lieder« – Der Blog
Der aktuelle Blog von A. N. Herbst schaut hinter die Kulissen

Als >>>> .


>>>> Gurre 7
Gurre 5 <<<<

Gurre (5): Die Wilde Jagd ff. Arme Seelen

Vielfach stellt man sich die Seele als bewegtes, luftähnliches Gebilde vor, weshalb ihr plötzliches Entweichen Wind erregt. Darum kehren die Seelen der Verstorbenen als heftiger Wind wieder. Deshalb weht an Allerheiligen ein starker Wind, der Allerseelenwind, in dem die a. S. umziehen. Ein Bruchstück eines alten Gebets gegen Fieber und das böse Wetter (Andr. Gryphius Horribilicr. S. 768) lautet: »Das walte der es walten kann. Matthes gang ein, Pilatus gang aus, ist eine a. S. draus.« »A. S., wo kommst du her?« »Aus Regen und Wind, aus dem feurigen Ring«). Mit der Vorstellung der im Wind lebenden Seelen berührt sich eng die Anschauung, daß die Geister der Abgeschiedenen im wilden Heer und Gefolge alter Götter erscheinen. Auch in den dunklen Elben sah man die Seelen verstorbener Menschen).

„Arme Seelen”. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, S. 1420
(vgl. HWA Bd. 1, S. 588)]
Aberglaube>>>> Gurre 6
Gurre 4 (Die dritte Probe) <<<<

 



twoday.net AGB

xml version of this page

xml version of this page (summary)

xml version of this page (with comments)

xml version of this topic

powered by Antville powered by Helma

kostenloser Counter

blogoscoop Who links to my website? Backlinks to my website?

>>>> CCleaner