Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.
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Arbeitsjournal

Ab Herbst 2017:


Joyce Chamber Arco Entwurf
Arco, Wien
>>>> Herbstvorschau 2017


Lektorat in Amelia


Lektorat in Amelia
Morgengang zur Panetteria hinab
(Pizza bianca per il prosciutto
La mia prima colazione giornaliera)

Und an ein Gedicht mal wieder gedacht
zu leben und sterben - und wiederzuleben -
im Süden mit von Sonne brennendem Nacken


Joyce Chamber Arco Entwurf

Maria Evans-v.Krbek,


die Lektorin der >>>> Fenster von Saint Chapelle, ist am Abend des Sonntags, dem 25. Juni 2017, aus dem Leben geschieden - einen Tag nach ihrem 34. Geburtstag. >>>> Peter H. Gogolin hat dafür >>>> ein inniges Kondolenzgedicht verfaßt, worin er sie Ariadne nennt, die aus den Händen den Faden verlor. So bleibt auch Theseus ohne Ausweg.
Ich selbst hatte zu Maria seit Jahren nur noch einen allenfalls losen Kontakt; er verlor sich mit meiner Trennung von den Kulturmaschinen. Nur am Rande hörte ich immer mal wieder von ihr. Und daß sie unglücklich sei. Nun hat der Engel auf dem Buchumschlag, dessen Fotografie >>>> Isolde Ohlbaum dieser Ausgabe unentgeltlich zur Verfügung stellte, eine beklemmende Bedeutung bekommen.

Maria war eine kluge, sinnliche und gerade in dieser Sinnlichkeit mutige Frau. Auch aber deshalb war ihr der Weltlauf nicht gut.

ANH, Juni 2017

Fenster von S Chapelle amazon

Selbstverständnis: nicht Credo, doch Wille.


Es war und ist ein Ziel meines Lebens, ein freier Mann zu sein – selbst, sollte dies Unglück bedeuten.

(Daß Freiheit glücklich mache, ist ein Irrtum der Ideologie und des Kitschs.)

>>>> Credo & Wille

Soeben beigetreten.


Diem25

Trinken aus der Wölfin.


Trinken aus der Wölfin

(Dieses "zu spät"!)
(Bach, Erste Partita für Violine solo, Sziget: Soviel zum "Sexisten".)


Komm ich dort hin, muß ich das Wasser grüßen.
Von weitem lockt es meinen Mund hinab zu seinem Maul.
Die Mittagshitze blitzt von seinem Messing.
Vergessen ist sein Platz in die drei Buden eingetrocknet
und in ein mürbes Karussell.
Rostrot das Gras, und schütter sind die Pinien.
Zwei Kinder, rosa im Haar die Ausgehschleife,
spieln in plissiertem rosa Rock und rosa Schuhchen Nymphen.
Die Mutter, auf ihrer Bank die Siesta rauchend,
argwöhnt nicht die Lust, die aus dem Brunnen stürzt und beißt
die kleinen Mädchen, als sie gierig trinken:
bereit wie Frauen, die sich geben.

Da heben sie verstört zu mir den Blick,
als ob schon volle Monde wären.
Und mit dem Kindblut der Hetären
fließt in den Wolfskopf das Wasser zurück.
Aus >>>> Der Engel Ordnungen

In Rom.



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(Mit लक्ष्मी als Gäste der Accademia tedesca >>>> Villa Massimo Rom zu unserem 20jährigen. Sie, लक्ष्मी, ist seit neunzehn Jahren zum ersten Mal wieder hier.)

Statt Fülle des Wohlklangs bösester Ausdruck: Terry Gilliams Inszenierung der Verdammnis Fausti von Berlioz unter Simon Rattle an der Staatsoper im Schillertheater Berlin.

[Fotografien (c.): >>>> Matthias Baus]

La Damnation de Faust 1


Wir sollten uns ausmalen, welch furchtbarer Zauber – ein Teufelszauber fürwahr – diese Inszenierung gewesen wäre, hätte sie bereits auf die einzigartige Bühnenmechanik der noch im letzten Umbau befindlichen tatsächlichen Staatsoper Unter den Linden stattfinden können und nicht unter den nicht nur klanglich, sondern eben auch operntechnisch eingeschränkten Bedingungen des Schillertheaters. Ein Höllenzauber wurde Terry Gilliams Interpretation gleichwohl, selbstverständlich ohne Zauber, schon gar nettkommensurable quasi Comic-Ironie – wenn man von Fausti Frisur einmal absieht: eine Anspielung wohl auf die pädagogischen Sadismen gleichermaßen >>>> Heinrich Hoffmanns wie >>>> Wilhelm Buschs. Denn weniger wie ein Burschenschaftler kommt dieser Faust daher als mehr wie ein Primaner oder Oberprimaner vor der vorletzten Jahrhundertwende oder von noch früher.
Jedenfalls haben wir es bei Gilliam und aber auch Berlioz von Anfang an mit der Hölle zu tun und ihrem verklärten Gegenbild: dem, wovon sie ihren Ausgang nahm, der ins Erhabene idealisierten Natur. Genau dies stellt auch Rattles Dirigat klar: Nirgendwo habe ich so sehr die genial komponierte Gemeinheit einiger Schlüsselmusiken Berlioz‘ deutlicher gehört wie gestern abend in der Staatsoper. Sei es, daß zum vulgären ungarischen – ecco! – Marsch ins Nationalbewußtsein nicht passende Menschen erschossen werden, sei‘s, daß das studentische Gaudeamus igitur zu einer von Haß und Widerwärtigkeit nur so berstenden Gesangsnummer wird: Gruppen„geist“ wird zum Grölen der Meute.
Besonders widerlich wird es aber schon bei des Branders Hohnlied in Auerbachs Keller („Im Ofen glaubte die arme Seele,/sich verbergen zu können./Aber sie irrte sich/- und noch schlimmer-/zu guter Letzt wurde sie dort gegrillt“), das von choralem Aufgrölen und dieses durch ein fugiertes, von dumpfem Schlagwerk ausgehöhltes „Amen“ abgeschlossen wird.
La Damnation de Faust 2

Nein, angenehm ist das alles nicht. Sondern es dreht uns den Magen um. Es führt uns vor Ohren, was war und aber, steht zu befürchten, weiterhin ist. Genau das mag die, nachdem der letzte Vorhang fiel, extremen Buh!s erklären, die vor allem aus den hinteren Reihen zu vernehmen waren. Man läßt sich den Spiegel nicht so gerne vorhalten, schon gar nicht derart intensiv in der Oper.
Gegen den herausgeschleuderten Unmut stellten sich freilich auch Bravi, unter einigen anderen auch meine. Und dies, obwohl auch ich meistens genervt bin, wenn „mal wieder“ Nazi-Szenarien auf einer Bühne bemüht werden. Aus Überdruß freilich, und weil es in aller Regel bei puren Behauptungen oder Aufstülpungen bleibt.
Genau das ist in Gilliams Inszenierung nicht der Fall. Sondern er entwickelt sein Szenario direkt aus Libretto und Partitur und aus der Verklemmungs- und Nationalfindungsgeschichte Deutschlands seit dem Biedermeier. Es läßt sich ja durchaus von der Geburt des deutschen Faschismus aus dem Ungeist der Restauration sprechen – anders als für Frankreich oder gar England, wo das schließliche Nationalverständnis revolutionäre Quellen hatte, die im Volk selbst (zumindest mit)entsprangen.
Diesem, dem Volk, ist der berliozsche Faust allerdings fremd, anders als Goethes. Hier ist es gerade die Flucht in „reine“ Innenwelten, die schließlich seine Hinwendung zum Faschismus begründet.
Dieser Faust ist im Wortsinn ein innerlicher Mitläufer: Die säkular ritualisierten Regeln scheinen ihm die Differenz abzuheben, die er zum „einfachen“ Volk immer gespürt hat; zunehmend fühlt er sich im Volkstum und in seinem Streben aufgehoben, ohne daß er doch sein Eigenes verraten müßte. Nicht grundlos zitiert das Programmheft Klaus Manns auf der Karrieregeschichte Gustav Gründgens‘ basierenden Mephistoroman: Der „deutsche Künstler“, vordem bestenfalls Lakai und vom Volk in aller Regel verlacht, erhält nicht nur gesellschaftliche Reputation, sondern wird zur zentralen Idealfigur.
Daß er dabei an „wesentliche“ Ideologeme des Regimes gar nicht glaubt, ist die dem berlioz‘schen Faust inneliegende Tragik, bzw. die vom Teufel ausgelegte Rute, auf dessen Leim er tritt. Fausts Seele wird von Mephistofele geholt, weil er, Faust, sich ihm verschreibt, um die als Jüdin deportierte Marguerite zu befreien. Da auch erst zeichnet er den Vertrag – also indem er Gutes tun will.
Böser, in der Tat, lassen sich des Teufels berühmte Worte bei Goethe überhaupt nicht deuten: „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Daß dieser Satz umkehrbar ist, beschreibt das sich gegen Faust wendende Verhängnis.
Man muß fast mit Kant argumentieren: Weil er an Marguerites Befreiung ein persönliches Interesse hat, ist sein Wille und Handeln nicht moralisch. Und zwar hat er selbst keine Untaten begangen, aber tatenlos ihnen zugesehen. In die Hölle kommt er nicht als Täter, sondern als Mitläufer. Dazu, ein solcher zu sein, genügt schon, daß man nicht aktiv im Widerstand war, auch wenn man, so Erich Kästner, die Faust in der Tasche ballte.

Härter, zugleich aktueller und darum provokanter kann die Botschaft eines Regisseurs gar nicht sein. Nix mit >>>> Jabberwocky, meine Damen und Herren, den einiges Publikum wahrscheinlich erwartet hatte. Also nicht die Spur verspielter und angeblich postmoderner Beliebigkeit – auch dann nicht, wenn sich Gilliam meisterhaft postmoderner Formen bedient.
Es ist absolut schlagend, mit welcher Meisterschaft er sich, obwohl an die Bühnenwirklichkeit immer wieder zurückgebunden, filmischer Mittel bedient. Dazu gehört nicht nur der Trick, vermittels aufprojezierter, sich zunehmend schneller bewegender Bäume ein rasendes Dahinfahren vorzuführen, derweil die Akteure tatsächlich auf der Stelle bleiben; dazu gehört vor allem auch >>>> Hildegard Bechtlers sozusagen bühnenbildnerischer Hyperlink auf der Wachowskis >>>> The Matrix. Aber auch schon Fausts Studierzimmer als einen über >>>> Berchtesgarden - bzw. Motiven nach Caspar David Friedrich - quasi frei im All schwebenden Minimundus zu zeigen, ist postmodernen Bildwelten verdankt. Manches erinnert auch an Arbeiten >>>> Hans Jürgen Syberbergs.

La Damnation de Faust 3

Geradezu genial auch, daß Faust Marguerite in ihrem Zimmer die Füße wäscht; hier rückt der christlicher Ritus die tatsächlichen Verhältnisse ins Bild, die Faust auch spürt, sich aber nicht bewußt machen kann oder will. Sonst wäre er da schon aufgebrochen, mit ihr, um dem Unheil zu entkommen. Bei Gilliam wird diese Fußwaschung quasi zum Judeskuß. Wenig später erscheinen die Schergen.
Überhaupt ist eine – notwendige - Besonderheit dieser Inszenierung die Rollenauffassung Marguerites. Gilliam gelingt mit Magdalena Kožená eine Befreiung. Ihr Gretchen ist nämlich alles andere als naiv; ihr wird auch nicht ein Baby „angehängt“. Die Frage, weshalb ein, sagen wir mal, Intellektueller ausgerechnet von einem Backfisch erotisch attrahiert wird – etwas, das mir den Stoff von Faust I immer absurd und lähmend hat erscheinen lassen -, erledigt sich bei Gilliam von selbst. Als Naivchen verkleidet sich diese Marguerite nämlich nur: um als dunkelhaarige Jüdin nicht aufzufallen. Deshalb trägt sie, wenn sie ihr Zimmer verläßt, blonde Zöpfeperücke und Dirndl.

La Damnation de Faust 4

Wobei Faust selbst davon spätestens nach dem ersten Stelldichein nicht mehr getäuscht ist; um ihr hochgradiges Gefährdetsein weiß er also. Und zeigt sie selbstverständlich nicht an. Sondern das tut der Teufel, der es auch war, Faust zum ersten Mal in die nationalsozialistische Gesellschaft einzuführen.

Gerade, daß Faust solch ein Sinnsucher, darum vereinsamt und voll melancholischer Liebessehnsucht, also empfänglich für gesellschaftliche Anerkennung ist, macht ihn für Mepho so schmackhaft. Er wird über seine innere, die objektive Wahrheit verdrängende Wahrhaftigkeit stolpern und dann in die Hölle im Wortsinn hinabjagen, derweil er doch glaubt oder sich vormacht, hinauf auf dem Wege zu Marguerites Befreiung zu sein. Mit einer deutlichen Anspielung auf den Weltenbrand am Ende von Wagners Götterdämmerung geht er in Flammen auf.
Auch dieses Bild zeigt, wie genau Gilliam konstruiert hat. Im ersten Teil des Abends imaginiert sich Faust nämlich als Siegfried, der sich in dem gleichnamigen Bühnendrama, abermals Wagners, neben Brünnhilde in den Flammenring legt, treue(!!)halber Notung zwischen sich und ihr. In der perfiden Logik des Nationalsozialismus ist der Künstler – oder sagen wir: das Genie – zum Helden geworden.
Hält man sich vor Augen, daß der Geniebegriff ein emanzipatorischer war, der die Künstler aus dem Lakaientum holte, wird die politische Perversion an dieser Stelle eklatant: als Held ist der Künster nicht wieder nurmehr Lakai, sondern soldatisch geworden; freiwillig und widerspruchslos Befehlsketten unterworfen, egal was die Befehle verlangen.
Genau das nicht gesehen oder zu sehen gewollt zu haben, wird zurecht mit der Hölle bestraft.

Nun ist das Problem dieses Musikstücks wie schon bei Goethe der Teufel. Theologisch gesprochen ist er unsres aber sowieso. Denn letztlich ist alleine er es, der die Dynamiken bloßlegt. Fast möchte man meinen, er ersehne, daß jemand seinen Leim auch sieht. Als würde ihn das erlösen. Daß es niemand tut – das wird bei ihm zu Zynismus. Deshalb kann er bei jedem Gemeuchelten nur noch lauter lachen. So gesehen, ist seine Einsamkeit die einzig echte. Von Gott ist außer ihm nichts zu hören – der, wenn überhaupt, taucht allenfalls wie weiland der Sonnenkönig bei Moliere auf: ex machina und süßlich in Marguerites Himmelfahrt. Das Gold, in das sie hier gebettet wird, ist nichts als tander Schein. Wär es nicht noch böser, man wollte >>>> H.C.Artmann zitieren:
durch den schornstein
geht es ins himmelreich
bedenks
durch den schornstein
da zieht der rauch
so leicht -
komm mit ...
(...)
In diese Apotheose (Artmann: „verbrannt/wird deine hand/und zu rauch/und zu aschen auch“) ruft Mino Kinoshitas Stimme: „Komm, Margarita!“/und dein haar
und dein kopf
und dein leib
und dein fuß
wird zu schönem
wirklich
schwarzen ruß -
komm mit ...

La Damnation de Faust 6



*

>>>> Florian Boesch singt und spielt den Méphistophélès mit am Unheil geradezu schon verzweifelter Lust. Deshalb hat sein Triumph am Ende einiges Bittere, gegen das er sich nur wieder in neue Schale, neuen falschen Vorschein werfen kann. Es mag ein utopisches Element sein, daß Gilliam ihn, nachdem Faust in Flammen aufgegangen ist, auch den Vertrag verbrennen läßt. Der im Sekundenbruchteil verzischt. Nur einen Menschen endlich sehen, der ihm, dem Verführer, widersteht – ja nur versuchte, es zu tun! Er wäre dann erlöst wie >>>> Stokers Dracula, „da im Augenblick der endlichen Auflösung ein Schimmer von Glück über des Grafen Anlitz huschte, das ich eines solchen Ausdrucks gar nicht für fähig gehalten hätte“. Vielleicht, daß wir dann in ihm – Gott erkennten? Der ohne das abwesend bliebe.
Vergleichsweise einfältig dagegen – weil unbegriffen eindimensional – >>>> Charles Castronovos Faust, dessen lyrische Inbrunst freilich – goethetreu darin – von Werther hergenommen wirkt. Was allerdings wollte eine Frau wie der gnadenlos guten >>>> Magdalena Koženás Marguerite von einem sentimentalen Hampelmann wie Faust? - Seltsam, wie sich hier die Attraktionen für mich umkehrten und nicht mehr Gretchen die langweilige Person des Stückes war. Allein die tumbe Ungelenkheit, mit der sich Faust in ihrem Zimmer auf sie legt, noch die Knobelbecher an den Füßen... - Wäre wohl Mephisto ihr gewachsen gewesen?
So sind sie alle also - trotz oder gerade wegen seines Witzes auch Méphistofélès - v e r f a l l e n --- geworfen, um es mit Heidegger zu sagen. Was in diesem Zusammenhang schmerzhaft pikant ist, vielleicht auch unlauter. Der ja gerade wäre für den Faust eine ideale Figurbesetzung gewesen – so, wie man in einer französischen Inszenierung den Teufel vielleicht nicht, wie hier zuweilen im Mittelteil, in eine Wehrmachtsuniform stecken, sondern als >>>> Petain kleiden sollte.

La Damnation de Faust 7

Wie nun auch immer, Simon Rattles Dirigat läßt dieses Geworfene, Verfallene, Böse wirklich Klang werden; es geht ihm dankenswerterweise nicht um Schönklang, sondern vor allem um eines: Ausdruck, Ausdruck und nochmals Ausdruck. Das darf nicht nur, sondern soll oft scharf klingen – und muß es. Vergleichbar Radikales habe ich bislang nur auf >>>> Igor Markevitschs Einspielung aus dem Jahr 1959 gehört. Ich wäre ausgesprochen gespannt darauf gewesen, wie sich diese Inszenierung am Teatro Massimo in Palermo angehört haben wird, mit dem sie – und mit der English National und der Vlaamse Opera – coproduziert wurde. Daß sie erst fünf Jahre nachher in Berlin aufgeführt wurde, ist ein Rätsel, das ich noch nicht lösen kann. Immerhin finden sich Auszüge aus Palermo auf Youtube:



Jedenfalls... wer diese Inszenierung verpaßt, nun jà, was soll man zu der und dem sagen? Nur das schreckliche Brodeln ihrer großen Flammenseen und das Zähneknirschen ihrer Folterknechte beim Martern der Seelen war noch zu hören. (Berlioz, Damnation, Auf der Erde.)
*


Hector Berlioz
LA DAMNATION DE FAUST

Légende dramatique en quatre scènes

Inszenierung Terry Gilliam – Bühne Hildegard Bechtler – Kostüme Katrina Lindsay
Licht Peter Mumford – Video Finn Ross – Regiemitarbeit/Choreografie Leah Hausmann


Magdalena Kožená – Charles Castronovo – Florian Boesch
Jan Martiník – Mitho Kinoshito
Chor: Martin Wright

Staatskapelle Berlin
Simon Rattle

Die nächsten Vorstellungen:
1., 4., 9., 11 Juni, je 19 Uhr

>>>> Karten
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Der Ozelot und Ibn Hamdis. Das Arbeitsjournal des Dienstags, dem 23. Mai 2017. Nutzlos weise geworden sein.


[Arbeitswohnung, 7.46 Uhr
>>>> Lu mantu di la notti]
Der Plan erstand in mir wie ein Impuls, als ich am nun vergangenen Wochenende >>>> mit den jungen Leuten spielte (also ihnen Bildung gab und von ihnen andre nahm: denn dieses ist Kultur: Austausch, nicht Belehrung): >>>> Ibn Hamdis zu übertragen, bzw. nachzudichten. Helmut Schulzes und meine Nachdichtungen der >>>> Chamber Music werden im Herbst ja nun erscheinen; der Umschlag ist bereits entworfen:

Joyce Chamber Arco Entwurf

Ende Juni werde ich zu >>>> Parallalie nach Amelia reisen, um gegenseitig unsere Fassungen buchfertig zu lektorieren. Bis dahin wird auch der Ghostroman in erster Fassung (Rohfassung) fertig sein.
Moment, der Morgencigarillo...
...
(den Aschenbecher, aus Stein, aus der Küche holen
meine Contessa ist derzeit auf der Insel
dem Cigarillo den Brand geben
inhalieren
dazu der morgens obligate Latte macchiato, von allem Anfang Der Dschungel, quasi, an)
...
Ich bin mit diesem Ghostroman wirklich beinah fertig; vielleicht zehn Kapitel fehlen noch. Steht das alles, werde ich auch zur Contessa nochmal reisen, um mit ihr den Text Seite für Seite durchzugehen; einiges ist zu kürzen, anderes umzustellen. Einige Erfindungen waren/sind ihr zu viel, entfernen sich zu weit von der „Wirklichkeit“, folgen – in meinen Worten – zu sehr der Textbewegung-selbst. Es gab Momente, da erkannte sie sich und den Geliebten nicht mehr; die Geschichte hatte sich abgelöst. Da muß erwogen werden.
Dann steht der nächste Auftrag an: die Geschichte ihres Vaters – ein Buch aber nicht für die Öffentlichkeit, sondern als Chronik für die Familie. So muß keine „Rücksicht“ auf Lebende genommen werden; das Buch läßt sich an der Wirklichkeit entlang erzählen.
Ab September.

Da kommt mir Ibn Hamdis gerade recht. Zumal Parallalie und ich an der Chamber Music dreieinhalb Jahre gesessen haben; >>>> der erste Entwurf stammt vom 7. Januar 2014. Mit Ibn Hamdis wird es nicht kürzer währen, weil noch viel komplexer sein, da wir gerne das originale sizilische Arabisch mit zugrundelegen möchten, das wir beide nicht können. Abgesehen von ein paar wenigen Rohübersetzungen >>>> bei Etta Scollo gibt es nur italienische, bzw. sizilische und englische Fassungen. Ich habe die Idee, ein dafür ganz eigenes Deutsch zu entwickeln; einen schon existenten deutschen Dialekt zu verwenden, verbietet sich aus Gründen, die ich hier vermutlich nicht darlegen muß. Es sollten auch zwar auffällige, aber sofort nachvollziehbare und also verständliche Irritationen sein, vielleicht in einer Betonung von Kehllauten.
Zukunftschambermusik.
Das Projekt wäre auch politischer Widerstand, und zwar zu mehreren Seiten hin: sowohl gegenüber der hiesigen, völlig akulturellen Ausländerfeindlichkeit wie gegenüber dem sogenannten „fundamentalistischen“ Islam(ismus), der seine eigene Geschichte verbietet – etwa islamische Musik und Dichtung. Zumal Ibn Hamdis selbst seine Poesie im Exil geschrieben hat, von Sizilien nach Spanien geflohen: Fin quando durerà il mio esilio heißt eines der Gedichte und träumt wie viele seiner anderen in die verlorene Heimat zurück.

Und anderes hat sich getan. Nachdem es aussah, als ließe sich mein Wunsch zu meinen Lebzeiten nicht mehr erfüllen, alle meine Erzählung, die vor allem durch die Kulturmaschinen und ihr schlampiges Gebaren in die Tonne getreten worden sind, in einem einzelnen Band neu herauszugeben („Verzeih mir“, sagte vorm >>>> Butter einer meiner mir sehr lieben Verleger, „aber sowas geht erst in einer Gesamtausgabe, und die, nimm‘s mir wirklich nicht krumm, kann erst nach deinem Tod angegangen werden“) --- also nachdem meine Niedergeschlagenheiten neues Futter bekamen, bekam es auch die Redewendung, die von irgendwo her ein Lichtlein kommen läßt. Es funkelte >>>> septimisch und funkelt auch so weiter. Der Glanz freilich, Sie werden es wissen, kommt mit dem Vertrag.
Nicht nur dies. Lektorieren wird den Band Elvira Gross, die auch schon das >>>> Traumschiff in letzte Form zu bringen half. So wird das Buch auch Schein bekommen, Aurea. - Erscheinungstermin: Frühjahr 2019.

Seit ich das weiß, geht es mir besser. Erheblich. Auch wenn die Sorgen um meine Gedichte nach wie vor bleiben. Niemand bislang mag sie haben. So ist mein Drang gering, an den schon nächsten, >>>> dem Béartzyklus, überhaupt noch weiterzuarbeiten. Ich bin fast so weit, die Gedichte nun selbst zu verlegen, damit sie endlich in Buchform da sind. Was ich aber zum einen gar nicht finanzieren kann, und zum anderen hat solch ein Eigenverlagsding nicht die geringste Chance, es überhaupt über die Schwelle der Buchhandlungen zu schaffen. Und >>>> Bod, verzeihn Sie mir, verbietet sich aus Gründen nicht nur der Selbstachtung, sondern auch aus Achtung vor meinen „tatsächlichen“ Verlagen, vor ihrem Mut, ihrem Engagement, ihrer Leidenschaft.
Also wäre ein Verlag für die Gedichte zu finden, den es schon gibt, und ihm das Buch zu finanzieren. Was würde ich brauchen, ein/zweitausend Euro insgesamt? Die werden sich doch wohl zusammensammeln lassen. Leserinnen, meine Güte! zehn Leute à 200 Euro...
(Ich weiß von einigen Kolleg:inn:en auch in größeren Verlagen, die es genau so halten. Sehen Sie es mir nach, daß ich keine Namen nenne. Die meisten freilich gehen den Weg über die, sagen wir, öffentliche Hand. Befreundete Juroren, befreundete Ministerialbeamte. Unterm Strich ist es das gleiche. Selbstverständlich wird über dergleichen nicht öffentlich gesprochen - es käme dem zu vermeidenden Zugeben allzu gleich. Nur ich schere mal wieder da aus. So, wie meine Gedichte offenbar, so sehr sie - und wohl, weil sie - geformt sind, im Magen der Gegenwartslyrik wie Sporen liegen, vor denen man die Flanken von Pferden bewahrt.)

Zwischendurch habe ich auch immer mal wieder überlegt, aus dem deutschen PEN auszutreten; es ist müßig, meine Gründe aufzuzählen. Einige hat Thomas Rothschild >>>> aufgezählt, der den Schritt schon hinter sich hat. Bei mir spielte aber wohl Müdigkeit die tragende Rolle. So habe denn ich, wohl ebenfalls aus Müdigkeit, ihn bislang nicht getan. Es kamen auch Bitten, von ihm Abstand zu nehmen, von Menschen, die ich schätze. Jetzt, da die Erzählungen wieder leben dürfen, erhellte sich ohnedies das gallige Schwarz. Auch brachte mir Freund Eisenhauer des Fürsten Lampedusa >>>> Sirene mit, zum Billard, in einer >>>> schönen neuen Ausgabe bei Aufbau. Ich kannte den Text bereits in anderer Übersetzung.
So griff ich aber endlich zum „Leoparden“, dessen Lektüre ich immer wieder vor mir aufgeschoben hatte – aus Purismus. Denn der Titel meines aus dem Bücherschrank meiner Großmutter stammenden Exemplars ist völlig falsch übersetzt. „Il gattopardo“ ist nämlich nicht „Der Leopard“, sondern „Das Otzelot“, meinethalben auch, mit einer leichten Beugung, „Der Ozelot“, bzw. „Der Serval“ - also ein völlig anderes Tier, schon gar in einem aristokratischen Wappen. Es gibt bei Wikipedia dazu >>>> einen aufschlußreichen Eintrag.
Wie auch immer, nun also nahm ich das Buch her.
Und war verzückt.
Ein paar Zitate mögen Ihnen erklären, weshalb:
Armselige Kuppen mit unbestimmten Umrissen, leergesogenen Brüsten ähnlich, erhoben sich darüber; aber es waren eben die Klöster, die der Stadt ihre Düsternis und ihre Eigenart, ihren Schmuck, und dem Gefühl zugleich etwas wie Tod mitteilten, etwas, was nicht einmal das rasende sizilianische Licht jemals hatte auflösen können. (25)

Schlank, nicht ohne Eleganz in die bunaca, die Jacke von geripptem Samt, gehüllt, gierige Augen unter einer bedenkenlosen Stirn – so war er für ihn der vollkommene Ausdruck eines Standes im Aufstieg. Ehrerbietig übrigens und ihm nahezu aufrichtig zugetan, denn er beging seine Diebstähle in der Überzeugung, damit ein Recht auszuüben. (37)

(...) die Klage der Zikaden erfüllte den Himmel; in ihr war etwas wie das Röcheln Siziliens, das Ende August, versengt, vergebens den Regen erwartet. (58)

(...) denn er war nun schon erfahren genug, um zu begreifen, daß diese Phantasien auf dem Grunde der Seele eine Ablagerung von Trauer zurückließen, die sich Tag um Tag aufhäufen würde: und die wäre dann am Ende die wahre Ursache des Sterbens. (63)

(...) aber Concetta spürte, spürte tierhaft den Strom von Verlangen, der von dem Cousin zu der hinlief, die sich hier eingedrängt hatte (...) (87)

Das Wort „Fürst“ im Munde Angelicas galt – leider – nicht ihm, sondern sie gebrauchte es, um diesen kleinen Garibaldihauptmann heraufzubeschwören: und das weckte in Salina ein komisches Gefühl, gewoben aus der Baumwolle des sinnlichen Neides und der Seide der Freude über den Erfolg des lieben Tancredi – ein im Grunde unangenehmes Gefühl. (103)

(...) anzuknpüfen an uralte religiöse, vorchristliche Traditionen, die der bestimmten Prägung des angerufenen Namens eine bindende Kaft zuerkannten. (105)

Er fand Zuflucht in der Vorsicht, der dehnbarsten unter den Kardinaltugenden, zugleich die, die am leichtesten zu handhaben ist. (139/140)

Daher verursachte ihr die Enthüllung jener möglichen galanten Beziehung (die es übrigens gar nicht gab) einen Anfall rückschauender Eifersucht, dieser unsinnigsten aller Plagen (...). (157)

Dann schloß sich alles wieder in Schweigen, in das der Galopp der Mäuse oben über die Dachböden sozusagen Streifen zog (...). (172)

Als sie dann alt und nutzlos weise geworden waren (...). (178)

Die Schmeicheleien glitten von der Persönlichkeit des Fürsten ab wie Wasser von den Blättern der Seerose: das ist einer der Vorteile, die Männer genießen, die zugleich stolz sind und daran gewöhnt, es zu sein. (191)

(...) er war ein hübscher, starker Bursche von zweiundzwanzig Jahren, groß und dürr wie der Vater, mit Augen, die noch nicht hart waren. (227)

(..) sie waren offenbar lediglich dazu bestimmt, den Hintergrund abzugeben für die drei, vier schönen Wesen, die, wie die blonde Maria Palma, die wunderschöne Eleonora Giardinelli, wie Schwäne dahinglitten über einem Teich, in dem eine Unzahl Frösche steckte. (243)

(...) so erschienen sie etwa wie Schauspieler, denen ein Regisseur die Rollen von Romeo und Julia zu spielen gäbe (ohne daß sie das Stück kennten), wobei er ihnen Krypta und Gift verheimlicht, die doch schon im Textbuch vorgesehen sind. (247)

Der Tod – nun ja, ohne Zweifel gab es ihn, aber das war etwas für die anderen. Don Fabrizio dachte daran, daß junge Menschen, da sie diesen höchsten Ton nicht aus der Nähe kennen, Schmerzen härter empfinden als die Alten: für diese ist der Notausgang näher. (250)

Das Gefühl war übrigens zunächst an kein Übelbefinden gebunden. Vielmehr war dieser unwahrnehmbare Verlust an Lebenskraft die Probe, sozusagen die Bedingung für das Lebensgefühl; und für ihn, der gewohnt war, äußere, unbegrenzte Räume zu erforschen, innere, ungeheure Schlünde zu ergründen, war dieses Gefühl durchaus nicht unangenehm: es war wie ein ständiges, ganz leichtes Abbröckeln der Persönlichkeit, aber verknüpft mit der unbestimmten Ahnung, anderswo werde sich wieder eine Persönlichkeit aufbauen, die – Gott sei Dank – weniger bewußt, doch tiefer wäre. (266)

Und so fiel wieder eine Schaufel Erde auf das Grab der Wahrheit. (303)


Lampedusa Leopard Birnbaum

[Alles in der Übersetzung von Charlotte Birnbaum, R.Piper & Co. Verlag München 1961]
Eines der schönsten und intensivsten Abschnitte des Gattoparden sind die Seiten 168 bis 178, die von den noch kindlichen Liebesspielen Angelicas und Tancredis erzählen, auf ihren Ausflügen in die vergessenen Flügel und Räume des alten Palastes in Donnafugata. Aus diesem Stück meisterlicher Prosa ein einzelnes Zitat herauszulösen, wäre grob blasphemisch – und treffenderweise ist vor allem hieran, an diesem Stück Erzählung, Viscontis berühmte Verfilmung des Romans komplett gescheitert.
Das nämlich hatte ich, als ich den Freunden von meiner Lektüre erzählte, immer und immer wieder gehört: „Das ist ja vor allem >>>> ein ganz großer Film!“ - ganz so, als wäre Tomasi di Lampedusas Buch, seine Vorlage, überhaupt nicht bekannt. Ich meinerseits hatte den Film immer gescheut, weil ich Burt Lancaster aus seinen Westerns vor Augen hatte und für eine gräßliche Fehlbesetzung hielt.
Darin irrte ich mich. Lancaster ist perfekt besetzt, atemberaubend in seiner Präsenz. Auch der junge Alain Delon gibt dem Tancredi eine gute Figur. Allein die Cardinale ist für Angelica eine eklatant falsche Wahl. Daß jemand hübsch ist, reicht so wenig, wie – als Ausdruck gerissen erotischer Naivetät – bisweilen den Finger zwischen die Lippen zu stecken, die untre leicht hinunterziehend dabei.
Scheitern tut der Film an anderem. Er läßt die siebenunddreißig Jahre komplett aus, die zwischen dem vorletzten Abschnitt, der den Tod des Fürsten erzählt, und dem letzten liegen – etwas, das strukturell für den Roman entscheidend ist. Auch der Tod wird ausgelassen; bei Visconti schreitet der Fürst in die nächtlichen Gassen davon wie ein lonely Cowboy am Ende des Westerns in den Sonnenuntergang, nur halt invers. Und vor allem vermag Visconti nicht zu zeigen, was Lampedusa stilistisch erzählt. Sämtliche feinen Nuancen dieses Romans werden quasi auf den Plot reduziert, der menschlich aber ohne jedes Interesse, der nur ein Vorwand ist für das Seelengemälde. Und wovon ich besser gar nicht erzähle, ist die gräßliche Filmmusik. Allein die - sizilisch schieftönenden - Musiken Verdis stimmen hier in ihren Fassungen für Blaskapelle. Ausgerechnet bei ihnen drehte sich mir der Magen nicht um.
Ich habe mir den Film ganz bewußt direkt nach Abschluß meiner Lektüre angesehen.
Man merkt, welche Sätze Visconti liebte – einige davon stehen hierüber zitiert. Nun aber, da er nicht mit einem Sprecher aus dem Off arbeiten wollte (was ausgesprochen schade ist), verlegt er erzählte Passagen in die wörtliche Rede der Protgonisten. Er tut‘s so einige Male, und jedesmal zuckte ich zusammen. Denn immer verlor sich die Strahlkraft.
Was zu erzählen war, ist eben nur zu erzählen und in ein Bild nicht übersetzbar, schon gar nicht in Handlung. Die ganz wenigen Regisseure, bzw. Filmautoren, denen es gelang (sie heißen Faßbinder, Rivette, Godard), haben genau deshalb nicht text„treu“ erzählt, sondern bildlich „umgedichtet“ - der Sprache eine filmpoetische Entsprechung gefunden, die etwas Neues aus ihr schuf, das mit der Vorlage indes aufs inniglichste verwandt ist.
Textgetreue Verfilmungen gelingen alleine dort, wo ein Buch sich auf den Plot reduziert, die Handlung also das Zentrum ist, nicht aber die – ja, ich sage es, Liebste – Seele.

ANH
23. Mai 2017, Berlin


P.S.: Es gäbe noch weiteres zu erzählen, Neues. Ich schieb's aber noch etwas auf.

Novellenwunder bei FAUSTKULTUR: Millhausers Zaubernacht. Eine poetische Rezension.

>>>> Dort.
Novellenwunder Faust (Mai 2017)

 



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