Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.
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Arbeitsjournal

Zur Bundestagswahl 2017. Im Arbeitsjournal des Montags, den 25. September 2017. Kluger Text von Diez bei Spiegel online.


[Arbeitsjournal, 6.58 Uhr]
Noch bin ich gefüllt >>>> von dieser Uraufführung. Dann habe ich meine Kreuzchen tatsächlich bei der CDU gemacht; es waren taktische Kreuzchen. Um nichts anderes konnte es gehen, als der objektiv absehbaren Stärkung der ich möchte nicht mal den Namen schreiben mich entgegenzustemmen. Es werden einige Menschen so gedacht haben, sonst sähe das Ergebnis noch schlimmer aus. Daß wir jetzt illibertäre und intolerante Leute in den Rundfunkräten und einigen anderen Institutionen der Kultur! sitzen haben werden, ist grauslich. Wir können nur noch hoffen, daß die Kraft des Föderalismus hier gegen das Schlimmste Milderung bewirken wird: eben in den einzelnen Ländern (in manchen freilich nicht; die Differenzen werden sich verstärken).
Stellen Sie sich vor, verehrte Freundin, daß jemand, wie bisweilen ich es tue, als Motto eine Sure über ein Gedicht stellt – und das darf dann nicht gesendet werden. Ah, ich kenne Sie, bin ja Ihr >>>> Admirador ... also Sie werden n i c h t sagen: Ist ja nur eine Lappalie... Nein, Ihnen ist genau bewußt, was so etwas bedeutet. Selbst >>>> Barenboim-Saids grandiose Akademie könnte gefährdet werden.
Wie es zu dem Entsetzlichen kommen konnte, hat heute Georg Diez >>>> sehr genau erzählt. Jaja, er nennt sogar das richtige Wort: herbeigetalkt. Meinerseits ich habe schon vor Jahren, als man die desparaten „rechten“ Vandalen rechts eben nannte, anstatt desparat, genau diese Dynamik zur Sprache gebracht. Ein übriges hat der kulturelle Mainstream getan und damit die öffentliche Abkehr von komplexer „schwieriger“ Kunst zugunsten eines planen sogenannten Realismus, die Verzahnung von Kulturindustrie und Marketing. Wer nicht differenziert liest und hört, fällt dem Populismus selbst dann anheim, wenn er (Verzeihung: oder sie) ihn ablehnt. Er (oder halt sie) fördert ihn genauso, wie es die von Diez angeklagten Talkmaster:innen taten. Man stelle sich vor, es wären so oft in die Shows >>>> die Piraten geholt worden anstelle der Rechtsnationalen... Nein, die, also jene, wollte man dort nicht oder nur, wenn auch ein Rechter dabeisaß. Die Piraten zielen und zielten auf die persönlich-allgemeine Verfügungsgewalt über das mächtigste Medium unserer Zeit; daß das Internet dies aber sei, wollten die Vertreter der anderen Medien nicht haben. Es wäre einem Eingeständnis des eigenen Machtverlustes und dessen Beförderung gleichgekommen. Dann besser die Rechte...
Ecco. Es war auch ein Kampf um Deutungshoheit. Von dem hat die Rechte profitiert. Auch er wurde in Der Dschungel immer wieder ins Auge genommen. Und nun. haben.
wir.
den.
Salat.

Ganz unabhängig davon – na gut, fast ganz unabhängig davon –, welcher Bundestag sich jetzt zusammenfinden wird, wird es fortan darauf ankommen, öffentlich immer politisch zu sein, das heißt: so auch aufzutreten. In jedem Gespräch, bei jeder Freundesrunde, in jeder Versammlung. Das politische Gespräch muß Einzug halten in die Fußball- bis Garten- und Kleintiervereine. Es sollte selbst an der Kasse der Supermärkte stattfinden. Jede und jeder muß sich fragen lassen – und selbst fragen –, wen hast du gewählt und warum. Erkläre es mir. - Früher mal, als ich noch studierte, nannten wir es den politischen Diskurs.
Wir brauchen eine permanente Agora. Und daß man noch weiß, was das ist. Da kneife niemand sich mit der Bemerkung weg, Politik interessiert mich nicht. Jede und jeder, die und der fortan so etwas sagt, sieht bei brennenden Heimen weg und steht doch gleich daneben. Segelt hübsch übers Meer und sieht die Menschen ertrinken. Nun gut, dann öffnen wir mal den Champagner. Wird aber zu laut um Hilfe geschrien, drehn wir den Ghettoblaster auf; dann sind Urlaub und Törn nicht weiter gestört, sogar mit dramatischen Bildern stummfilmsch garniert. So schlage ich Kreuzfahrten, >>>> für die ich bekanntlich Experte bin, in Seenotzonen vor. Da wird das Geschäft gewaltig boomen, noch mehr als so schon. Wir sitzen dann auf der Aida auf unsrem Balkönchen und schaun dem Sterben freundlich zu. Keine Frage, selbst in diesem umtobten Markt eine waschechte Lücke.

Kann man im Herzen Pirat sein und dennoch CDU wählen? Ich habe mir diese beklemmende Frage gestern mit ja beantwortet, beantworten müssen. Aber ich träume von einem vereinten, starken Europa der Verschiedenheiten, träume davon, daß es eben diese sind und das Bewußtsein von ihnen, die es befördern und ermöglichen werden. Von einem Europa, das die NATO verläßt - etwas, das die CDU nun ganz sicher nicht will - und sich seiner Herkunft bewußt ist. Einem Europa, das genau weiß, wie nahe seine und des Nahen Ostens Geschichte, zu der auch die des Islams gehört. Einem Europa, das sich kulturell definiert und nicht allein über Wirtschaftsmächte, so daß, wenn jemand ernstlich auf die Idee kommt, Griechenland auszuschließen, ein allgemeines Lachen losbricht, weil sie den Menschen so bizarr vorkommt. Einem Europa, das seine Kraft gerade aus seinen Separisten gewinnt, aus den Katalanen zum Beispiel, den Iren, vielleicht bald den Schotten und Walisern und meinetwegen den Bayern und Sachsen und Schwaben – die sich alle, kulturell geerdet, föderalistisch zusammentaten. Kurz, ich glaube an ein Europa, dessen Grundkraft die Kunst ist – so daß wir, jede und jeder einzelne von uns, Ambivalenzen und, ergänzt mich soeben die Löwin, Gleichzeitigkeiten auszuhalten lernen, ja gerade sie als Quelle unserer Kraft begreifen.
Ach Freundin, ich weiß! Glühende Worte am nebligen Morgen eines so nüchternen Tages, daß, um mit Aragon zu sprechen, >>>> die Uhren den Mut verlieren könnten.

Seien Sie dennoch, wenn auch zaghaft umarmt.
So zaghaft beginn ich mein Tagwerk nun.
ANH

"Wie ein Thriller!" Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 24. September 2017.


[Max-Ernst-Zypresse im Nebel, bei Königswinter nahe Bonn, 7.39 Uhr]
Zypresse im Nebel

Der beinah ausverkaufte Kammermusiksaal des Bonner Beethovenhauses, also die Menschheit darin, saß die gesamten 43 Minuten, die >>>> diese Uraufführung dauerte, konzentriert, teils versunken da; glitt eines' Aufmerksamkeit hinweg, oder einer, nahm Platzens Musik sie sanft, doch nicht ohne Suggestivität bei Ohr und Gehirn und sog sie wieder ein. Der Applaus war - im Wortsinn, Freundin - schlagend. Ich selbst hatte schon von den ersten Tönen an - Magie gespürt. Für mich bedeutet das Wort unterdessen "ohne Dogma", so daß Risse spürbar werden, durch die was hinausblühen kann. Und hier blühte.
Allein die Singstimme war zu tief. Die "gemeinte", weil auf sie hingeschrieben worden war - Platz sagte, er habe ihr die Partie nicht auf den Leib, nein, in die Kehle geschrieben -, hatte kurzfristig abgesagt, stellen Sie sich vor! eine Uraufführung absagen, für die alles schon steht! --- so war nun kurzfristig jemand zu suchen, die einspringen wollte und konnte. >>>> Eva Šušková hatte sich gefunden, eine, wie Sie hinter dem Link sich anhören können, tolle Sängerin, aber nicht Sopran, wie die Partitur vorsah, sondern ein Mezzo. Obendrein im achten Monat schwanger, so daß die Belastbarkeit schon aus menschlichen Gründen eingeschränkt war. Und die Partie hatte hinuntertransponiert werden müssen. Dadurch verändert sich der fast gesamte Klangcharakter.
Ich hörte es sofort, hörte quasi mit, was Robert eigentlich komponiert hatte, hörte es, weil es ja mein Text war, der dort erklang. Ja, ja! - dachte ich immer wieder, jetzt muß sie ganz hoch über dem h der Geige schweben! und ich hörte sie schweben, auch wenn sie es nicht tat, sondern die an sich zart zu singende Stelle notgedrungenermaßen dramatisch nahm. Wie oft habe ich nachher an >>>>> Laura Aikins Sophie gedacht! und Robert in der Nacht von ihr auch erzählt.
Mehr als nur phänomenal aber dieses Quartett, >>> Quatuor Béla. Wie phänomenal merkt sich bei bekannten Stücken, besonders des Repertoirs. Da nur spüren wir, wenn etwas anders ist. Beethovens selbst im Programmheft "heiter" genanntes spätes Opus 135 wurde zum Thriller. Es war schlichtweg atemberaubend, auch weil der klangliche Wille zum Ausdruck - geradezu eine Performance aus Klang - nicht etwa unter Verzicht auf Analytik ging, sondern ganz im Gegenteil: Ausdruck ward Analyse, Analyse Ausdruck. Ich bin gespannt, ob meine, tja, Empfindung sich nachher wiederholen wird, wenn ich zurück in Berlin den Mitschnitt abhören werde. Hier sei sie aus der Erinnerung aber schon konstatiert. (Dann werde ich Ihnen, Verehrte, auch ein paar Bilder zeigen. Ich bin hier, bei der Zypresse, zu weit von jedem komoden Netz entfernt und habe gestern nacht verabsäumt, mir ein WLan-Paßwort geben zulassen.)

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Mein Flieger hebt um 11.45 auf Kölnbonn ab; ich muß auch irgendwie dort hin. Robert will mich zur Eisenbahn fahren, schläft aber noch. Nu' hoff ich, ihn, den Flieger, nicht zu verpassen. Das wäre schon deshalb blöd, weil ich dann nicht wählen könnte. Allerdings müßten mir Hand und Stift dann nicht zittern.

[Arbeitswohnung, 14.17 Uhr]
Zurück.
Caffè.
Erst einmal den Mitschnitt von gestern auf den Musikcomputer überspielen, formatieren und schneiden. Es regnet hier in Berlin.

Auf zur Uraufführung! Das Arbeitsjournal des Sonnabends, den 23. September 2017. Mit avenidas, flores y mujeres.


[Arbeitswohnung, 8.07 Uhr
Parisien, Peirani, Schaerer, Wollny, >>>> Out of Land]

„Die mir naheste Einspielung eines neuen Jazz‘“ werde ich meine freilich noch zu schreibende Rezension über Out of Land beginnen; jedenfalls habe ich das vor. Aber Texte gehen, läßt man sich von ihnen leiten, bisweilen andere Wege. Lassen Sie sich, Freundin, deshalb überraschen. Ich denke, in der nächsten Woche werde ich dazu kommen.

Out of Land

Heute steht anderes an. Ich bin tatsächlich leicht nervös. >>>> Dort. Mein Flieger startet um 12.20, Boarding 11.40, um kurz vor zehn werde ich das Haus verlassen.
Da mein Nettbückerl bei Freund M. zur ‚Bearbeitung‘ liegt, habe ich gestern das iPad für Reisen vorbereitet; jetzt soll es sich bezahlt machen, daß ich bereits in Paris nur noch an ihm gearbeitet habe. Ich brauchte aber meine Musik, jedenfalls ein wenig davon, da doch Apple meine Windows-Musik-FP nicht liest. Da war dann doch einiges zu überspielen. Auch die oben verlinkte Musik habe ich mir auf das Pädchen gepackt: mehr- und mehrmals wiederhören, dann vielleicht schon am Sonntagnachmittag schreiben, wenn ich vom Wählen zurücksein werde.
Nur was wählen? Für meinen poetischen Beruf wäre es selbstmörderisch, den Grünen, der SPD oder der Linken meine Stimme zu geben, und die Piraten, für die ich mich sonst immer entschieden hatte (und denen ich eine zeitlang sogar beitreten wollte), zeigen unterdessen eine jämmerliche Gestalt – schon gar nicht taugen sie, der Action pour les alboches etwas entgegenzusetzen. Aber mein Hand wird zittern, wenn ich mein(e) Kreuzchen in die CDU zeichnen sollte.

Gezittert hat auch Christopher Ecker, >>>> als er gestern aus dem Fenster sah. Dafür erzählte er mir heute von einem Museum, das mit einer Borges-Motivik spielt. Morgen werde ich ihm erst wieder nach meiner Rückkehr zuhören können und deshalb Ihnen, liebste Freundin, erst später als gewöhnt meinen Kurzbericht erstatten können.

Zwei meiner Gedichte, wieder einmal, vertont! Wie wird es klingen? Platz arbeitet viel mit Elektronik. Bleibt der mir so wichtige Schmelz der Verse erhalten? Ja, ich habe einen Partiturauszug schon hier – aber das Klangerleben ist immer doch anders; es fällt mir schwer, visuelles Erkennen in den akustischen Eindruck zu übersetzen; die Verbindung von Auge und Ohr ist in mir nicht sehr innig. Etwas anderes ist‘s, wenn ich Buchstaben sehe: da höre ich die Wörter und die Rhythmik ihrer Aufeinanderfolgen. Streng genommen lese ich sowieso nur, höre immer. Es kommt auch vor, daß ich, während ich schreibe, die Wörter mitspreche oder gar singe. Ist mir schon gesagt worden.

Na gut, vielleicht schaffe ich es sogar, Ihnen gegen Abend ein Bild einzustellen. Bitte? Ja, selbstverständlich! Ich werde das Konzert mitschneiden.
So drücken Sie uns, >>>> bewunderte Frau, nun die Daumen! : den Musikern, dem Robert und mir. Um 16 Uhr geht es los.

Frühstück mit der Contessa. Nach dem Arbeitsjournal des Donnerstags, den 21. September 2017, und zwei Tage vor dem Bonnflug.


[Arbeitswohnung, 7.25 Uhr
Lars Danielsson, >>>> Liberetto (2012)]
Selbstverständlich reise ich >>>> zur Uraufführung des Vierten Streichquartetts von Robert HP Platz. Hatten Sie da, Freundin, Zweifel? Der Flieger am Sonnabend startet um 12.20 Uhr. „Aber kurz bevor ich einschlief, begriff ich, wie sehr es mich mit einer tiefen, düsteren Zufriedenheit erfüllte, daß die Kätzchen sich gewehrt hatten.“ So endet mein heutiger >>>> Eckertext. Indessen ich >>>> mit Blauzahn & Bose nicht weitergekommen bin. Stand gestern kurz davor, das Nettbückerl zu zertrümmern.
Weil ich nicht weinen wollte, gab ich‘s auf und wandte mich dem Ghostroman zu, bekam tatsächlich noch hin, was ich mir vorgenommen hatte, aber netbookshalber nicht mehr glaubte: bekam die Korrekturen in der neuen Contessasendung fertig. Allerdings fehlt noch eine neu zu schreibende Szene, über die ich mit meiner edlen Auftraggeberin nachher sprechen werde. Sie möchte von meiner schönen Erfindung zur, nun jà, Wahrheit zurück. Denn ganz die Wahrheit dürfen wir ja nicht erzählen.
Wir werden uns um 10.30 Uhr im Kempinski zum Frühstück treffen.

Der Tag will einen grauen Anzug.

Für den zweiten Latte macchiato ist mir die Milch ausgegangen.

Ich muß den neuen Vertrag noch unterzeichnen, dafür auf dem Weg zum Kempinski Halt im Kopierladen. (Sich angewöhnen, nicht ‚Copyshop‘ zu sagen, wenn wir doch ein eigenes Wort dafür haben. Nicht nachlässig werden! Ich will auch nicht ‚open‘ sagen, wenn ich ‚offen‘, besser noch ‚geöffnet‘ meine).

Die Kark-Jonas-Erzählung stockte computerhalber also wieder. Aber nachts kam hier noch eine SMS von M., dem Freund, an, der mir schon einige Male bei Computerproblemen geholfen hat. Er werde heute nachmittag vorbeischauen. Möglicherweise müssen wir das komplette System neu aufsetzen. Wirklich eingreifen ins nette Bückerl darf er nicht; andernfalls wäre mein Versicherungsschutz dahin. Oder ich laß es drauf ankommen. Notfalls muß ich mir ein ganz neues kaufen, dann hätte das „alte“ grad ein Jahr gehalten... Aber nicht das ist das Problem, sondern daß ich zu meinen Arbeitsgeräten sentimentale Beziehungen entwickle, jedesmal. Daß ich sie liebhab. Daß ich mit ihnen manchmal als mit vertrauten Freunden spreche. Daß ich denke, sie wissen, an welchem Unterfangen sie teilhaben, und daß sie sich dafür entschieden haben.
Nein, ich bin ganz und gar nicht frei vom Animismus. Aber rettet uns das nicht auch ein bißchen? Ich meine, wir gehen dann nicht so sorglos mit Dingen und Geschöpfen um. Daß sich die zwei Kätzchen gewehrt haben: nein, lieber Ecker, Ihre Zufriedenheit war alles andere als düster. Immerhin waren es Geschöpfe.

In zehn Minuten die Löwin wecken, dann schnell Milch besorgen. Zweiter Latte macchiato danach, kurz wieder an Kark-Jonas. Und aufs Radl zur Contessa.

Blauzahn ohne Bose. Das Arbeitsjournal des Mittwochs, den 20. September 2017.

[Arbeitswohnung, 8.57 Uhr]
Tatsächlich den ganzen Tag gestern gebraucht, um das Nettbückerl wieder einzurichten. Dann aber scheiterte ich. Es wollte sich partout nicht mit meinem Reiselautsprecher verbinden, Blauzahn erkannte ihn lange Zeit nicht, dann immer mal kurz, aber eine Verbindung kam nicht zustande.
Also heute morgen seit sechs herumgeforscht, woran es liege könne. Und dann, vor einer dreiviertel Stunde zeigte mir der >>>> Driver Booster<sup* an, daß im Werk offensichtlich ein ausgesprochen veraltetes windows 10 aufgespielt worden war – vielleicht hat man auch nur ein altes Gerät ins Chassis eingesetzt. Hinter vielen Treibern wirft das Kontrollprogramm nicht nur ein „alt“ - das freilich fast durchweg -, sondern sogar ein „uralt“ aus.
Jetzt werden die Treiber grad aktualisiert, was alles viel Zeit kostet. Aber an einem Gerät, das gerade bei Musik versagt, habe ich keine Freude.
Noch kann ich nicht absehen, wie lange der Prozeß insgesamt während wird, auch wenn es mich andererseits zur Arbeit... ja, treibt. Neue TS-Seiten von der Contessa sind da; da ich mich morgen früh mit ihr im Kempinski zum Frühstück treffe, hätte ich sie gerne fertig.
Wir werden sehen.

Eckers heutiger Text, der >>>> dem neuen Band den Titel gab, ist einigermaßen kafkaesk. Ein Schiff wird beladen, das niemals kommt... „und wenn nicht einmal deine Verwandten dir helfen können, wer dann?“

[*: Wenn ich schon ein Programm verwende, das mir kostenkos hilft, ist es nur fair, es auch zu bewerben, und sei's nur durch wie oben den Link.]

Nettbückerl. Im Arbeitshournal des Dienstags, dem 19. September 2017.


[Arbeitswohnung, 7.10 Uhr
>>>> France musique contemporaine: Berio, Sequenza VI]
Bin dabei, das Nettbückerl komplett neu einzurichten, das gestern zurückkam, nachdem es in Paris kaputtging und zur Reparatur gegeben werden mußte. Ich habe quasi ein neues Gerät, wenn auch mit alter Abdeckung zurückbekommen, auf dem nun keines meiner Programme mehr ist.
Schöbe ich es hinaus, stünde ich am Wochenende ohne das mir wichtige Reisegerät da, wenn es nach Bonn zur Uraufführung von Robert HP Platz' Viertem Streichquartett mit Singstimme geht, die zwei meiner Gedichte, von Platz vertont, vortragen wird. Tolles Konzertprogramm sowieso: Janáceks Lettres intimes, Platzens Streichquartett, Beethovens op. 135.
Also, habe zu tun.

>>>> Ecker
s Stück heute früh beginnt mit Als wer wir erwachen. Jedes Mal sei es ungewiß.

Sand. Das Arbeitsjournal des Montags, den 18. September 2017.


[Arbeitswohnung, 7.10 Uhr
>>>> France musique contemporaine: Miroglio, Edinger, Prin, >>>> Magnetiques et tremplins]
Heute habe ich Zeit, die Arbeit an der Kark-Jonas-Erzählung fertig zu bekommen; ich schloß gestern die Korrekturübertragung des Ghostromans ab, soweit ich Typoskript hatte. Der nächste Stoß geht heute in die Düsseldorfer Post, wird vor übermorgen nicht hier sein. Hatte gestern in Whatsapp den Eindruck, es werde der Contessa die Angelegenheit allmählich zu zäh. Wegen der vielen Rückänderungen zieht sie sich tatsächlich, zieht sich und zieht sich. Doch mit etwas Glück wird die lektoratsfertige Fassung zur Buchmesse vorliegen.

Ein neues Gedicht begonnen: en route; bisher aber nur vier Verse, auch nur skizziert: um den Lufthauch einzufangen. Konkretion, schrieb ich meiner Lektorin, sei das Fundament, immer.

Dabei hatte ich erst mit abermals Verdi anfangen wollen: La forza del destino. Schnell wurde es mir zu, wie sag ich? weich? und surfte zu France musique, siehe oben, hinüber. Aber auch dort kommt immer der Moment, da ich den Kitsch nicht aushalte – stets dann, wenn es „minimal“ wird, wenn die ewige Wiederholung droht, die den neuen „Schön“klang, so mein Instinkt, rechtfertigen soll. Ich will ihn, diesen Klang, einmal „flaches Pathos“ nennen. Weil nur die dünne Fläche bleibt. Dann doch lieber Verdi wieder. Auch Gänsechöre werden, wenn modern, nicht besser. Selbst Presley bekam einen Lachanfall dabei, freundlich aber höhnisch.

Mein Zustand hat einen durchgezogenen grauen Grund. Bisweilen springe ich lachend über ihn hinweg und steige dann für Momente hoch über ihn auf; dann wieder spüre ich ihn an mir ziehen, und ich verliere die Höhe. Etwa der mir so wichtige Mittagsschlaf funktioniert derzeit gar nicht. Ich lege mich für eine Stunde hin, drehe mich nach fünfzehn Minuten aber wieder vom Lager, unruhig ungut, will dann arbeiten. Arbeit ist ein Sand, um den Kopf hineinzustecken – eigentlich aber, um mit ihm das Herz zu bedecken. Nicht die Pumpe, nein, sondern das metaphorische.
Gut tut >>>> die Huxley-Lektüre. Welch Reichtum an Bildung, an Stil, an vollendeter Charakterzeichnung! Welch böser Witz oft! Und welche Wahrheiten!

„Modern leben heißt rasch leben“, fuhr sie fort. „Du kannst heutzutage nicht eine Wagenladung Ideale und Romantik mit dir herumschleppen. Wenn man im Flugzeug reist, muß man sein schweres Gepäck zurücklassen. Die gute altmodische Seele war etwas ganz Schönes, als die Leute noch langsam lebten, aber heutzutage ist sie zu gewichtig. Es ist kein Platz für sie im Flugzeug.“

Und sieben Seiten weiter:

„ (...) Sicherheit über alles. Schmerzlose Literatur. Keine Vorurteile extrahieren oder Ideen einhämmern ohne ein anästhetisches Mittel. Die Leser beständig unter einer Art Narkose halten. Ihr seid alle eine hoffnungslose Gesellschaft.“

1928 ! wohlgemerkt, bzw. auf Deutsch 1951.

Aber nun, bevor ich an den Kark-Jonas weitergehe, >>>> den seit gestern täglichen Ecker. Das heutige Stück heißt „Für ein Lesebuch der Oberstufe“ und beginnt folgendermaßen: „In ihrem angeborenen Bedürfnis, sich nützlich zu machen, stößt man bisweilen auf die alten Götter. Einmal sah ich Prometheus, der auf dem Bahnsteig der Untergrundbahn für Ordnung sorgte.“

Ecker Andere Häfen (amazon)

Ich könnte sagen, Lampes >>>> Egger sei mein Ecker. Übrigens wieder >>>> ein sehr schöner Tagebucheintrag von ihm, Lampe. Doch erst einmal wird es Zeit für den zweiten Latte macchiato.

Christopher Ecker und Marcus Braun. Im Verdijournal des Sonntags, den 17. September 2017.


[Arbeitswohnung, 8.33 Uhr
Verdi, Rigoletto]
लक्ष्मी, gestern in der Küche, heizte bereits. Bei mir sind immerhin die Kohlen gekommen; vor November habe ich aber den Ofen anzuwerfen nicht vor. Und nachts mit dem Sohn gewhatsappt, der mit Freunden auf der Suche nach etwas zu essen durch Rom streifte.
Heute früh erst kurz nach sieben raus.
Hatte es gestern wieder einmal mit Verdis Macbeth versucht. Müßiges Stück wie der Trovatore: So schrieb ich‘s meiner Lektorin nach Wien. An Simon Boccanegra, Otello und vor allem den späten Falstaff reiche bei Verdi nichts heran – elenderweise, weil Verdi mir persönlich sehr sehr viel näher als der sich dauerselbst heroisierende Verklemmling Wagner.
Dann nahm ich mir den Rigoletto vor. Da packte mich plötzlich was, ein ganz bestimmter, ich will einmal sagen, tragischer Schmelz. Eigentlich nicht zu fassen, daß Verdi dieses Stück vierzehn Jahre vor dem elenden Macbeth schrieb. Allerdings fällt auch die Traviata für mich aus den Ödnissen heraus. >>>> Eigners Satz fiel mir ein, daß man im Leben nur vier große Romane schreiben könne. Vielleicht gilt das für Opern auch – wobei wir darüber streiten können, ob es der Romane, bzw. Opern nicht vielleicht auch fünf oder sechs sein können.
Jedenfalls höre ich den Rigoletto nun noch einmal. Fesselnd wird er ab der zweiten Szene – musikalisch; die Inhalte (der „Plot“) interessieren mich immer erst an zweiter, manchmal sogar dritter Stelle.
Tätiges Hören: Ein Begriff, den ich für mich selbst gerne einführen möchte. Benn spricht von Zusammenhangsdurchdringung. Sich ein Stück nach dem anderen erhören. So, wie sich >>>> Parallalie ein Buch nach dem anderen erliest.

Keilerbett-170917Als ich mein Bett machte (baute), dachte ich darüber nach, was ich Ihnen heute schreiben solle, bevor ich mich an die Arbeit setzen würde (wobei Ihnen zu schreiben, auch schon eine Arbeit ist).
Zwei Bücher fielen mir ein, zu denen ich mich eigentlich erst äußern wollte, wenn ich sie gelesen hätte. Da ich aber erst mit >>>> Huxleys Kontrapunkt fertig werden möchte, annonciere ich sie hier schon mal vorweg. Es kann auch gut sein, daß ich über beide oder wenigstens eines eine Rezension schreiben werde.

Die Bücher stammen von zwei Autoren, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sich aber in der Leidenschaft für das, was sie tun, quasi aufeinanderlegen. Ich spreche (schreibe) von Christopher Ecker, über den ich mich in Der Dschungel schon häufiger geäußert habe, ausführlich siehe >>>> dort, sowie von Marcus Braun, zu dessen Roman Nadiana ich mich >>>> da geäußert habe – siebzehn Jahre ist das her!
Anders als Ecker gibt Braun nur selten Neues heraus. Ecker ist eine Austoßmaschine wie ich, Braun ein langsam schreibender, wägender, sozusagen undöblinscher Romandichter. Ich sprach mit Thomas Böhm auf dem vergangenen LCB-Sommerfest lange über ihn, bzw. über sein gerade erschienenes Buch:

Marcus Braun, Der letzte Buddha, Roman, Hanser Berlin 2017

Es sei schlichtweg nicht zu begreifen, daß es nicht wenigstens auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis gesetzt worden sei. „Aber du kennst doch die Szene. Die Leute lesen in die ersten zwanzig Seiten rein, verstehen nicht gleich, was das soll, und legen es beiseite.“
Dabei dräut schon ganz am Anfang ein Absatz:
Die Mönche kamen. Sie sangen. Er erkannte das Mantra nicht. Sie kamen mit geschmortem Hammelfleisch und einer Kanne Bier. Er hatte das Gefühl, noch nie einen Menschen gesehen zu haben. Er trank das Bier und aß den Hammel mit den Fingern, kalte Augen von Fett auf der Brühe, die er an seinem Gaumen mit der Zunge zerdrückte, ließ sich zurück in die Stadt, das Kloster führen, bekam Magenschmerzen, schlief irgendwann ein. Er hatte einen Alptraum, in dem er seinen toten Eltern mit einem kleinen stumpfen Messer das Fleisch von den Knochen der Beine schnitt.
Wen hier die kalten Fettaugen nicht anstarren, dem ist nicht zu helfen (auch wenn ich selbst sie, aus grammatischen Bezugsgründen, der Brühe nachgestellt hätte).

Das andere Buch, Eckers – erst hielt ich es für den von ihm angekündigten Erzählband – ist eine Sammlung von, sagen wir, Feuilletons. Die sind in den Anfängen des vergangenen Jahrhunderts eine unterdessen fast durchweg zur Glosse heruntergekommene Kunstform gewesen. Bei Ecker werden sie zu Anderen Häfen:

Christopher Ecker, Andere Häfen, mitteldeutscher verlag 2017

Ich schlage eine Seite auf und lese:
Ein Roman ist eine Kugel, in die alles hineingepackt wird, was einem wichtig scheint. Rollen muß sie, die Kugel, rollen, rollen, als ginge es eine schiefe Ebene hinab. Blind. Vorwitzig. Eine Magd. Oder besser (Konfliktpotenzial:) die Tochter des Herbergswirts. Von Andreasberg sieht, wie sie sein Pferd striegelt, einen Rappen, weil ich das Wort mag, und das nasse Fell glänzt wie blaues Metall (...)
Ganz offenbar schiebt einem dieser Dichter in seinen Einschüben eine komplette Romantheorie ein & unter. Aber achten Sie darauf, mit welch lässig-frecher Eleganz! Ich werde jetzt wohl täglich eines dieser Feuilletons lesen. Sò, Vornahme. Es sind 87 Stücke, wenn ich mich nicht verzählt habe. Durch gerundet dreißig Tage wird meine Lektüre also knappe drei Monate brauchen und in dieser Zeit wohl immer mal wieder eine Erwähnung in Der Dame Dschungel finden. Vielleicht lese ich drin je zu Tages-, – und jetzt, au weh, lieber Ecker, ein Reim! – -beginn. Verboten, verboten. Die Germknödelanisten werden es hassen.

Jetzt aber muß ich denen Weitres geben. Dem es aber auch mir, dies nur nebenbei, immer wieder den Magen umdreht: wenn ich wenn ich vor die Stirn geknallt bekomme, daß die „Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft“ die Geschmacklosigkeit begangen hat und sie in alle uns denkbare Zeit weiterbegehen wird, sich nach dem Komponisten des Falstaffs zu benennen. Um zum Anfangsthema zurückzukehren, dessen Name heute das „Arbeits“ ersetzt hat.

Irrealis. Das Arbeitsjournal des Sonnabends, den 16. September 2017.



[Arbeitswohnung, 7.19 Uhr
Walton, Troilus & Cressida]

Wie sich, für Romanfiguren, auf Namen kommen läßt, die es noch nicht gibt. Zum Beispiel suchst du, um Information zu gewinnen, nach „Beatrix Katharina Langnee“ und erhältst selbst über Google nicht ein einziges Ergebnis. Dann stellst du fest, dich im letzten Buchstaben vertippt zu haben. Und hast nach der Korrektur sogar noch den Link >>>> auf eine ostwestfälische Buchhandlung, die allerdings nicht physischer Natur ist, sondern allein im Netz handelt, ein Amazon en miniature mithin, von dem ich mir wünschte, es würde als Konkurrent auch gesehen. So sind freilich die Zeitläufte nicht.
Weiteres Nachsehen ergab, es handele sich – also hinten mir „r“ – um eine freie Literaturjournalistin für einmal quer durch die deutschsprachigen Kulturblätter und -sender von FAZ bis Deutschlandradio. Was paßt, denn auf meine argumentative Facebook-Replik kam selbstverständlich keine Antwort.
Sie hat mir da gestern die falsche Grammatik der Arbeitsjournaltitel vorgeworfen: daß ich „des Freitags, dem 15. September“ schriebe; diese falsche Datumsformulierung verleide ihr, Zitat, seit Jahren, die darunterstehenden Texte auch zu lesen.
Ich mag >>>> meine Antwort hier nicht wiederholen, dachte mir eben aber, was soll‘s? Wenn es die Leute abhält, dann tu ihren Empfindlichkeiten doch gut und kick den Kiesel des Anstoßes kurz mal beiseite. Darum heute die, sagen wir, eingeführte Zeittitulierung. Wobei ich Frau Langners hochgeklappte Zehennägel aber verstehen kann; mir geht es ähnlich bei fehlenden Genitiven im Titel: Im Zeichen des Steinbock zum Beispiel, da mag eigentlich auch ich nicht mehr lesen. Der Beispiele, wollte ich sie aufführen, wären aber so sehr Legion, daß ich mich fragen müßte, was ich vielleicht verpasse, wenn ich solchen Idiosynkrasien nachgebe. Um von „wegen“ mit „dem“ ganz zu schweigen oder erst recht der ständigen Verwechslung von „müsse“ mit „müßte“, also dem Dahinschwinden des Irrealis in seiner Inflation durch falsche Verwendung.

Auch meine Lektorin, das mag ich nicht verschweigen, äußerte Bedenken wegen meines „Datumdem“s. Vielleicht wird mir Frau Langner nun – also weniger mir, als meinem Werk – etwas weniger ungewogen sein.

Zweiter Latte macchiato, erster Morgencigarillo.

Der neue Vertrag mit der Contessa ist unterschrieben; das nächste Buch wird aber, schrieb ich es schon?, ein „rein“ privates sein. Ja, ich schrieb es schon. Für den ersten Roman die ersten 56 Seiten gestern letztkorrigiert.
Meine „eigene“ Arbeit geht schleppender voran, besonders jetzt die an der alten Kark-Jonas-Erzählung. Ich muß ein neueres Muster aus einem bejahrten Text wieder herausribbeln, ohne daß er selbst zerfällt. Bei der engen Eindrehung meiner Motiviken ist das nicht leicht. Gestern habe ich fünf Seiten geschafft, dann zog mich die Nervosität in Gefilde, über die ich hier mal besser nicht spreche. Es werden die Stricke doch eh schon geknüpft, da muß ich nicht noch eigenhändig Fasern hinzureichen, selbst wenn es Naturfasern sind.

Also Morgenarbeit, dann hinüber zur Familie. Mein Sohn geht heute auf Kunstfahrt nach Rom und Neapel. Ich möchte ihn vorher noch einmal sehen. Außerdem liegen seine Reiseunterlagen hier bei mir. Die müssen rübergeradelt werden. Ab mittags wieder Ghostroman, und abends, denke ich, fange ich mit der Thetis-Durchsicht für die zweite Auflage an.

Sonne. Und ein Himmel in oktobrigem Strahlblau.

Kark-Jonas. Das Arbeitsjournal des Freitags, dem 15. September 2017.

[Arbeitswohnung, 7.50 Uhr
Wagner, Walküre (Régine Crespin), Vinyl]
Seit sechs auf, im Netz rumgeguckt wegen eines alternativen Browsers. Auch sonst im Netz gelesen. Bruno Lampes >>>> neuen Beitrag verlinkt, ein „ihm“ drin in das gemeinte „im“ verwandelt, ein gedoppeltes „aber“ gelöscht. Interessant, wie Lampe in >>>> Brandig einige eigene Merkmale, eine Art Vorstufe zu Haltungen, findet: die Idee des Rückzugs, die auch mich in den letzten Monaten beschäftigt hat. Aber ich bin noch nicht bereit; weder will der Geist noch gar der Körper.

Die Pavoni spinnt. Hat sie schon mal getan. Ich mußte sie einzwei Tage in Ruhe lassen, dann ging sie wieder. Also auf den italienische Espressokocher zurückgegriffen und die Milch im Topf auf dem Herd erhitzt. Dazu übers Reise>>>>bös‘chen, das, wenn ich in Berlin bin, die Küche beschallt, den gestern neu begonnenen Nibelungenring weitergehört. Irgend etwas, obwohl ich doch >>>> nicht mehr wollte, lockte mich hin. Daß ich oben Régine Crespin nenne und nicht Karajan, ist so eine Art Ausrede, eine leise Rechtfertigung dafür, daß mein Wagnerunwille sich abgeschliffen hat. Es ist aber auch so, daß die Musik, hör ich sie ohne Bewußtsein über ihre unselige, teils dämliche, teils unangenehme Handlung, rein über ihr klangliches Genie wirkt, im Wortsinn ungeheuer wirkt. Man darf einfach nicht die Tölpel und Verbrecher vor Augen haben, die Wagner mit ihr heroisiert hat. Ich kann es auch anders sagen: Es klingt durch diese Musik etwas gegen Wagner hindurch: es war eben sein Genie, es gegen den eigenen, wie Liszt aufseufzte, schlechten Charakter aus dem Welt- und Zeitfluß aufgefangen und notiert zu haben. Das ist dem widerlichen Genie Céline durchaus ähnlich. Vielleicht, denke ich gerade, gehört ein Teil Schlechtigkeit sogar dazu, so etwas zu können. In der Kunst kann Moral durchaus ein Hindernis sein; die Menschen sind, wenn kunstgütig, angenehm, aber verwehen nach ihrem Tod im Geschichtsstaub.

Kunst ist Ausgraben. Sagte ich gerade der Löwin beim Wecken. Es ist der wohl wichtigste Satz in >>>> Meere. Wir graben aus, was wir weggesteckt und bedeckt haben. Alle Kunst, sozusagen, ist Enthüllung und Bekenntnis. Deshalb geht intentionale Kunst – eine, die Botschaften vermitteln will – grundsätzlich fehl. Die Botschaft muß sie selbst sein; sie kommt nicht aus einem „Vorhaben“, sondern findet in sich selbst Gestalt: Dann können wir sie hören, ohne den Autor/die Autorin zu hören. Was zeigt, wie fehl dieser Begriff, Autor, geht. Hier ist nichts Selbst; das Selbst löst sich in der Gestaltung auf; es ist allerdings die notwendige Voraussetzung dafür, daß dies geschieht. Möglicherweise ist die Egozentrik, die Künstlern oft und meist mit Recht vorgeworfen wird, ihre Art der Notwehr – weil sie doch spüren, wie sie sich in dem, was sie tun, auflösen. Sie brauchen der täglichen Alltagsverrichtungen wegen Konturen, erst recht, wenn sie Familie und also Verantwortung haben.

Verantwortung.
Kinder haben.

Mein Sohn, der gestern kam und von seiner Musik erzählte – wie leidenschaftlich er erzählte!
Wir saßen beisammen, kurz nach fünf, ich mit dem Sundowner, er mit dem obligaten Espresso.
Er komponiert die Musik zu Raps, hat einen neuen Sängerkontakt. Wie klug er argumentiert! Er hatte den Kontakt zu einem Label, das seine Sachen veröffentlichen würde, eventuell. „Aber dann wäre ich stilistisch festgelegt, das will ich nicht werden und sein.“
Zwei Stücke spielte er mir über Youtube vor. Und ich spürte, obwohl es nicht meine Musik ist, wie doch, was mir ästhetisch wichtig, durch ihn in ihr mit aufgefangen wird: bestimmte Werte, bestimmte Überlegungen zur Komplexität von Kunst. Auch daß er jetzt sein Cello in die neuen Formen integriert, das er eine Zeit lang beiseitegelegt hatte.
Morgen fährt er mit seiner Klasse nach Rom und Neapel; nach Neapel hatte auch ich kurz reisen wollen, um die Truppe zu treffen. Ist ja >>>> „meine“ Stadt. Aber die Flüge sind teuer geworden; außerdem muß ich am 29. zu dem neuen Ghostauftrag reisen. Also habe ich den Plan fallen lassen, auch zum Bedauern meines Sohns. Und hier liegt derart viel Arbeit an! - gestern >>>> schrieb ich ja dazu.

Kark-Jonas. „Die Sache mit Kark-Jonas“. An der Erzählung sitze ich grade und versuche, so etwas wie eine Urfassung wiederherzustellen. Ich schrieb das Ding, als ich sechzehn war. Es ist der für meine spätere Arbeit wahrscheinlich entscheidende Text. Er war so wichtig, daß ich ihn Anfang der Neunziger noch einmal komplett umbaute, mit weiteren Motiven versah und dann in den >>>> Wolpertingerroman implantiert habe. Also eigentlich ist die Erzählung schon veröffentlicht. Dennoch gehört sie in eine Ausgabe Sämtlicher Erzählungen unbedingt mit hinein – und eben möglichst in der frühen Form, d.h. ohne die späteren motivischen Zusätze. Gleichzeitig bringe ich den Text aber – wie alle anderen – auf mein sprachliches Gegenwartsniveau.
Das macht solche Überarbeitungen heikel; Verfälschung legiert mit Wahrheit. Es geht aber eben um Kunst, nicht um Dokumentation. Womit ich wieder bei Wagner bin.
Außerdem werde ich auf meine Lektorin hören, der ich künstlerisch vertraue, wie ich es vorher bei niemandem tat. Wenn sie sagt, das besser nicht, werde ich es herausnehmen. Sie muß nicht einmal Gründe nennen. Wobei es mir schon wichtig war, daß die Löwin, als ich ihr in Paris die erste der Erzählungen – „Svenja“ von 1971 – vorlas... daß sie knapp sagte: „großer Text“. An seinem Ende habe ich aber noch einigermaßen herumknibbeln, und so wirklich zufrieden bin ich noch nicht. Als Lektoratsvorlage mag es freilich reichen. Allerdings habe ich aus Wien noch keine Rückmeldung.

Kark-Jonas gab dem Wolpertinger übrigens seinen leitmotivisch zentralen Satz:

Das Mittelalter ist ewig

Daran, mithin, sitze ich jetzt und werde ich bis etwa mittags sitzen. Danach nehme ich mich der letzten Korrekturen des Ghostromans an; die von der Contessa letztkorrigierten Seiten bis 198 lagen gestern in meinem Briefkasten.

Ohne scharfe Einteilung der Tagesarbeit wird es in den nächsten Wochen also nicht gehen. Denn noch bis Jahresende will >>>> Elfenbein auch von >>>> Thetis mindestens das ebook auf dem Markt haben. Also Früharbeit: Arbeitsjournal und Erzählungen; Vormittags- bis Nachmittagsarbeit: Contessa; Abendarbeit: Thetis.
Inofern läuft es wieder. Sorgen allerdings, nach wie vor, bereiten mir meine Gedichte, weil ich einfach keinen Verlag für sie finde. Aber ich schiebe sie, die Sorgen, unter den Schreibtisch. Da mögen sie schlafen. Für sie ist jetzt wirklich kein Raum.

 



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