Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.
________________________________


 

Arbeitsjournal

James Joyce, Chamber Music. In neuen Nachdichtungen von Helmut Schulze und ANH. Chamber Music (25): Das fünfundzwanzigste Gedicht. (Entwürfe).


XXV.

Lightly come or lightly go:
Though thy heart presage thee woe,
Vales and many a wasted sun,
Oread let thy laughter run,
Till the irreverent mountain air
Ripple all thy flying hair.

Lightly, lightly -- - ever so:
Clouds that wrap the vales below
At the hour of evenstar
Lowliest attendants are;
Love and laughter song-confessed
When the heart is heaviest.




Chamber Music 24 <<<<

In zweiter Auflage erschienen. Buenos Aires.Anderswelt. Bei Elfenbein.



Heute war der 1. November, gestern war der 1. November,
und morgen wird abermals nicht ein, sondern der-
selbe 1. November sein.

B.A. ZWEITE AUFLAGE Elfenbein

Sowie als eBook.
Alban Nikolai Herbst
Buenos Aires.Anderswelt

Kybernetischer Roman
Elfenbein
272 S., geb. mit Schutzumschlag und Wurmvorsatz, 19 Euro
eBook 15,99 Euro

>>>> Bestellen


James Joyce, Chamber Music. In neuen Nachdichtungen von Helmut Schulze und ANH. Chamber Music (24): Das vierundzwanzigste Gedicht. (Entwürfe).


XXIV.

Silently she's combing,
Combing her long hair
Silently and graciously,
With many a pretty air.

The sun is in the willow leaves
And on the dappelled grass,
And still she's combing her long hair
Before the looking-glass.

I pray you, cease to comb out,
Comb out your long hair,
For I have heard of witchery
Under a pretty air,

That makes as one thing to the lover
Staying and going hence,
All fair, with many a pretty air
And many a negligence.




Chamber Music 23 <<<<

Heute abend in Marburg. ANH LIEST ANDERSWELT. Hessisches Landestheater, 12. Januar 2016. Aus Anlaß des Erscheinens der Zweiten Auflage von „Buenos Aires.Anderswelt“.



Hessisches Landestheater Marburg
Donnerstag, der 12. Januar 2016
20 Uhr

A l b a n   N i k o l a i   H e r b s t
liest
A  n  d  e  r  s  w  e  l  t


B.A. ZWEITE AUFLAGE Elfenbein

[Die vorgetragenen Stücke sind aus allen drei Bänden
der Trilogie zusammengestellt: Thetis.Anderswelt (1998),
Buenos Aires.Anderswelt (2001/16), Argo.Anderswelt
(2013).]


Am Schwanhof 68–72
35037 Marburg
Eintritt nur an der Abendkasse
6 / 3 Euro

Noch gestern im Riad (رياض).



Gestern im Riad


Schon heute in der Arbeitswohnung.

Berlin, 10. Januar 2017
8.01 Uhr
Lars Danielsson, New Quartet
(live)


Wär' natürlich eine Lösung.



Wen interessierte das Schicksal von Flüchtenden noch, wenn wir auch selber fliehen müßten, es aber kein Wohin gibt?



Neujahrssonntag. Der erste Januar 2017. De natura poeticae sonoris.


[Casa di >>>> Schulze
François Couperin, Sandrine Piaus Finsternislektionen]
Wobei dieser Tage von Finsternissen kaum gesprochen werden kann: Es ist frostkalt in Umbrien, aber hell, der Himmel strahlend blau, und der Sonnrich prallt auf die rosa Mauer, auf die ich aus meinem Arbeits- und Schlafzimmer schaue.
Es geht zur kleinen öffentlichen, vorwiegend zum Abstellen der ebenso kleinen Autos genutzten Piazza hinaus. Der >>>> Banditore di Amelia raint dort ebenso an wie der Pianeta Verde, das halbprivate Biolädchen, für das der Freund sogar einen Schlüssel besitzt. Ich sprach gestern davon, er habe seine Lebensmittelkammer ausgelagert. Was nicht ganz stimmt, nachdem wir nun mehrmals einkaufen waren – eine Tätigkeit, die, wie hierzulande immer, meine barocke Lust am Schwelgen entzündete. „Wenn ich wieder allein bin, kann ich zwei Wochen aus dem Kühlschrank leben“, so der Freund am Telefon. Wobei der „Kühlschrank“ arg eingeschränkt werden muß, weil ich die Neigung habe, Lebensmittels nicht frieren zu lassen. Zum seit nunmehr zwei Tage in der Beize liegenden Hirschbraten bemerkte der Freund, da kämen doch jetzt tausend Bakterien hinein. Abgesehen davon, daß einige auch durchaus erwünscht sind, entgegnete ich für die übrigen: „Nö, bei den Temperaturen sitzen sie tief in ihre Mäntel gemummt möglichst nahe an der Heizung und rühren sich nicht weg.“
Ich schreibe langsam am Ghostroman weiter, das erste ausgeführte sagen-wir-„Fantasy“-Kapitel. Das ein solches freilich nicht ist. Doch was es ist, darf ich >>>> bekanntlich nicht sagen. Mit Konstantin Wecker, der uns gestern abend – alternierend mit Pergolesi und abgeschlossen von Händel – durch den Abend rutschen half, kann ich immerhin sagen: „Du, ich lebe immer am Meer“ - wobei Sie recht haben, liebe Freundin, wenn Sie mein Du monieren. Es steht hier auch nur zitathalber; ich werde weiterhin unsere Distanz erhalten: die vielleicht einzige Vornahme, die ich für dieses Neue Jahr habe. Alles übrige liegt in den vorgeprägten Abläufen oder sei dem Zufall überlassen. Der mich im Alten ja nun wirklich überrascht hat.
Es ist nicht nur dahingesagt, wenn ich sage, daß das vergangene 2016 zu den härtesten Jahren meines ganzen Lebens gehört hat, namentlich seine erste Hälfte – und dann zu den märchenhaftesten. Die nach den zerbröselten Illusionen, die ich mir irrerweise mit dem >>>> Traumschiff gemacht hatte, sich zunehmend verfestigene Entschlossenheit, nicht mehr zu schreiben oder doch zumindest es nicht weiter auf Veröffentlichungen anzulegen, drehte sich seltsam ins einfache Weiterarbeiten hinein, wenn auch einem unter völlig anderen als den von mir gewöhnten Vorzeichen und auch Verbindlichkeiten. Das ist nun der Teppich, über den ich gehe; er erlaubt auch bare Füße über kaltem Stein. Und hier und da, schau nur!, kommt dann doch ein Pflänzchen wieder durch. Der Friedrichroman fängt an, leis in mir zu wachsen, auch an die Fortsetzung der Triestbriefe denke ich; und die Béartgedichte liegen allezeit am Schreibplatz; ich trage die ausgedruckten Seiten sogar ständig mit mir herum, bin zuversichtlich, daß irgendwann wieder ein Vers ersteht. Aber ohne daß ich ihn hinausgedrückt hätte. Und wenn nicht, nun, dann ist's auch gut. Mein Sohn wird erwachsen, das ist die vielleicht größte Freude. Wir haben ihm nicht mitgegeben, „etwas zu werden“, aber Seele. Er ist von großer innerer Schönheit; daß ihr eine äußere entspricht, eine der Erscheinung, ist sein, nicht unser Privileg.
Ich sah den sonnengelben Flur des Nachbarhauses wieder.
Ich hatte Tränen in den Augen, als ich mir gestern >>>> Brancaccio-Ciaculli ansah – ein Quartiere Palermos, den ich noch nicht kenne; ein Umstand, den ich werde ändern müssen.
Jeder Schritt, den wir tun, geht über Verwandlungen hin; nicht immer sind sie zum bessren. Und uns ist aufgegeben – aber man muß es annehmen und annehmen können –, eine persönliche Haltung zu entwickeln, die, wenn es gelingt, Charakterhaltung wird. Der Zeitstrahl geht auf die Person, die man schließlich vor dem Zerfall ist: Höhepunkt der Entwicklung, ständiges Zunehmen an Wissen und (Herzens)Bildung (o altes Wort meiner Großmutter), schließlich, irgendwann, vielleicht ein Ruhen in sich selbst. Dann fahren wir die Rutsche hinab, jede/r einzelne von uns. Wie die sehr alten Frauen hier, die bis ganz zuletzt den ganzen Berg hinab- und ihn dann, tütenbehängt, wieder hinaufsteigen, bis eines Tages das Knie es nicht mehr möchte. Dann setzen sie sich oben auf die Piazza, um zu warten. Sie halten die Bank für die nächsten warm, die sich setzen, wenn sie selbst gegangen.
So sehen sie den jungen Mädchen zu, wie sie Frauen werden, dann schon Mütter sind, die auf Enkelkinder warten. Das ist der Fluß. Nein, das ist das Fließen. Die vergangenen eintausend Jahre sind so lange nicht, wie wir anfangs denken. Nirgends spür ich es so wie in der Kleinstadt. Gesualdo, Fürst von Venosa.

Freunde riefen an, sogar der Profi rief wieder an. Mein Sohn rief an, लक्ष्मी rief an, die Löwin rief an, sogar die Elfe gab Antwort. Freund Broßmann rief an. Die Contessa schickte schon früh eine Nachricht. Wir sind nicht allein.
Ich tauche in die Romangeschehen. Die jetzige Szene koste ich aus, alleine für mich. Immer wieder geh ich durch den weiten Park. Ich schaue auf den See zur Insel hinüber. Ein kleines Mädchen bin ich grad, vielleicht acht Jahre alt. Es ist der Badia ausgebüxt. Ich geb ihm keinen Namen. Es taucht nur einmal auf und beobachtet eine Schlüsselszene. Dann verschwindet es in den Generationenfolgen. Und viele Jahre später, Jahrzehnte später, seh ich es als alte Frau oben auf der Piazza sitzen und sich an seine Kinderliebe erinnern. Die es ganz vergessen hatte. Obwohl es immer Mädchen blieb in einer Hälfte seines Herzens (die >>>> Marschallin: „Aber wie kann das wirklich sein, / daß ich die kleine Resi war / und daß ich auch einmal die alte Frau sein werd! . . / Die alte Frau, die alte Marschallin! / »Siegst es, da geht's, die alte Fürstin Resi!« / Wie kann denn das geschehen? / Wie macht denn das der liebe Gott? / Wo ich doch immer die gleiche bin. / Und wenn er's schon so machen muß, / warum lasst er mich denn zuschau'n dabei, / mit gar so klarem Sinn? Warum versteckt er's nicht vor mir? / Das alles ist geheim, so viel geheim. / Und man ist dazu da, daß man's ertragt. / Und, in dem »Wie« da liegt der ganze Unterschied –“) - - obwohl es also immer Mädchen blieb, hat es sich über die Jahre vergessen.
Wie ich selbst in einer Hälfte meines Herzens immer der Junge geblieben bin, der ich mal gewesen. >>>> Fichte erzählte davon. Ich muß es nicht wiederholen. Aber es ist gut, sich selbst daran bisweilen zu erinnern.

Ein Anschlag in Istanbul, mehrere Tote. Auch über die gehen die Jahre, wie nun bereits die Tage über den Berliner Anschlag und seine Toten hinweggegangen sind und werden schon jetzt als öffentliche Jahre empfunden. Private Zeiten sind andere. Trauer läßt sich nicht institutionalisieren. Wer es versucht, schafft Freizeit, also Divertimenti – ein übrigens viel besseres, menschlicheres Wort als „Entertainment“. Wären unsere Unterhaltungs-„Events“ Divertimenti, es stünde um die Menschheit besser. Drum sei's.
Gesualdos Motetten sind Trauer, aber eine divertimente; ein Entertainment sind sie nicht. Im guten Sinn erbauen sie: Auch das Wort „Erbauung“ meinte etwas anderes als das Entertainment will. Die Sänger sind keine Entertainer.
„Der süße Schmerz“ war ein Gedankenspiel-Titel für meinen neuen Gedichtband; ein Schmerz, der uns bildet und heilend neu zusammenfügt. Credo aller großen Kunst. Wir sprachen gestern über die Sinnlosigkeit, also Täuschung, durch populäre Unterhaltungsformen, auch (und gerade) der Musik. Es war ein Silvester ohne Remmidemmi, fast nüchtern vor dem Screen und den Lautsprechern, dann ergriffen durch sakrale Musik. Und daß jemand, Wecker nämlich, noch einmal >>>> zum Widerstand aufrief. Siebzig (!) ist er unterdessen und hat ein wenig zugelegt um die Hüften. Dennoch ist mehr Energie in ihm als in vielen Jungen, die ich kenne: Aufbruchsenergie, auch wenn er sie hie und da ein wenig zu sehr vom Beat statt von seiner Stimme tragen läßt.
Es ist ihm, find ich, nachzusehen.
Wir hörten auch kurz Hannes Wader. Er klang seltsam flach dagegen.
Die in Klang umgesetzten politischen Utopien klangen flach und wie Zitate aus vergangenen Zeiten, die wir wissend und ernüchtert überschauen. Wir haken sie ab. Von Bert Brecht – für den Freund, wie er erzählte, eine seiner Initiationen in die deutschsprachige Literatur – bleibt (erstaunlicherweise?) alleine der Baal. Und bleiben die Gedichte. Alles übrige ist eine Beschwörung geworden, der die Kraft der Beschwörung versiegt ist; sie hat drum keine Magie mehr.
Magie hat Magdalena Koženás „Lascia ch'io pianga“:




Händels Lied hat noch nach 310 Jahren überhaupt nichts von ihr eingebüßt, so wenig wie Grimmelshausens Simplizissimus, so wenig wie, nunmehr 240 Jahre später, >>>>> Goethes Harzreise im Winter:
Dem Geier gleich,
Der auf schweren Morgenwolken
Mit sanftem Fittich ruhend
Nach Beute schaut,
Schwebe mein Lied.
Mit den nahezu unfaßbaren, von Brahms vertonten Mittelzeilen:Ach, wer heilet die Schmerzen
Deß, dem Balsam zu Gift ward?






Ich hörte diese Musik zum ersten Mal mit siebzehn. Seither ist sie ein unverrückbarer Teil meines Selbst.

Zurück also wieder an den - unseren: der Contessa und meinen - Roman. Und an Hackbrett und Herd für den Hirschen und das Blaukraut.

(„Weitermachen“, sagte gestern nacht der Freund, „dem einfach weiter folgen, woran wir glaubten und glauben.“ Dennoch ist zu spüren, wie immer weniger ich der

Unhold

noch bleibe, geschweige denn der Ihre).

*

Traurigkeit: Gestern habns an Willy daschlogn. Von Konstantin Wecker. Anstelle eines Arbeitsjournals. Am Freitag, dem 23. Dezember 2016, tagsvor Heiligabend.


[Arbeitswohnung, 7.46 Uhr
Konstantin Wecker, Lieder]
Ach, davon meinem Sohn weitergeben. Dachte ich um halb sechs, als ich bereits in der Küche stand, eine Dreiviertelstunde lang den Grundteigling für den Panettone knetete und dabei Konstantin Wecker hörte. Da ergriff mich eine Traurigkeit.
Wie lang, wie lang vorbei! Gestern habns an Willy daschlogn. Als Freiheit noch ein Begriff war, als Widerstand noch ein Begriff war unserer Bedürfnisse.Dann hast plötzlich mim Schlucka ogfanga, und I glaub, a bisserl aufgebn hast damals scho. I versteh di, des is ja koa Wunder, wenn man bedenkt, was alles wordn is aus de großen Kämpfer. Heit denkas ja scho mit 17 an ihr Rente, und de Madln schütteln weise an Kopf, wenn d'Muater iam Mo as Zeig hischmeißt und sagt, mach doch dein Krampf alloa, I möcht lebn, trotzdem, Willy, ma muass weiterkämpfen, kämpfen bis zum Umfalln, a wenn die ganze Welt an Arsch offen hat, oder grad deswegn.Und dafür die Schlüsselworte und du hast ma damals scho gsagt: Freiheit, Wecker, Freiheit hoaßt koa Angst habn, vor neamands(...).

Und du hast damals scho gsagt, lang halt des ned, da is zvui Mode dabei (...).Und er singt von jungen Leuten, die André Gide lasen und also wußten, daß es den einmal gab! - Drei Lieder weiter dann:Ich sitz regungslos am Fenster,/ein paar Marktfraun fangen sich ein Lächeln ein./Irgendwo da draußen pulst es,/und ich hab es satt, ein Abziehbild zu sein./Nichts wie runter auf die Straße,/und dann renn ich jungen Hunden hinterher./An den Häusern klebt der Sommer,/und die U-Bahnschächte atmen schwer./Dieser Stadt schwillt schon der Bauch,/und ich bin zum großen Knall bereit./Auf den Dächern hockt ein satter Gott/und predigt von Genügsamkeit:


Genug ist nicht genug,/ich lass mich nicht belügen./Schon Schweigen ist Betrug,/genug kann nie genügen.


Geradezu prophetisch aber das Hexeneinmaleins:



Die Angst ist die Flamme unserer Zeit, und die wird fleißig geschürt.

Hiervon, von Weckers inneren Aufbrüchen und sinnlichen Gewißheiten jenseits aller GruppenWas-man-darfs, meinem Sohn etwas mitgeben. Würde er diese Lieder noch verstehen?

(Vatererbe).

Bei Wecker findet sich, was mich immer trieb: Gutes, tiefes, menschliches Pathos, jede Ader, jede Vene prall damit gefüllt. Der Dichtung haben sie es ausgetrieben. Da ist imgrunde nur noch sei‘s nüchterne, sei‘s ironische Distanz. Daß es zeit ist, ja zeit längst war, diesem Betrieb den Rücken zu kehren, wird, wenn ich Weckers Lieder höre, unabweisbar.

Kochen. Backen. Da sein.

ANH, traurig.

Zum Anschlag in Berlin. Statt eines Arbeitsjournals. Dienstag, den 20. Dezember 2016.


[Arbeitswohnung, 8.15 Uhr
Liza Manzoni, Konzert in Amelia vom 13.7.2013 (live-Mitschnitt)]
Seit fünf auf, den einen Lievito madre, der nun tatsächlich an„gesprungen“ ist, für den Weihnachtspanettone gefüttert (ich nahm bei einem Faustling saure Sahne als Re-Starter, der andere, den ich mit Honig reaktivieren wollte, hat sich nicht entwickelt, vielleicht auch nur n o c h nicht). Danach bis eben eigentlich nur >>>> über den Anschlag oder vermeintlichen Anschlag von gestern abend nachgelesen. Dabei hatte ich am Ghostroman arbeiten wollen. Doch schon gestern abend erreichten mich besorgte Nachrichten, ob es mir gutgehe.
Nun jà, ich bin selten im Westen. Wir saßen in einer durch eine Übersetzerin veralibiten Herrenrunde im tiefsten Kreuzberg – dort, wo es sich bayerisch gibt. Da ging das Telefon, erst eines andren, dann meines, weil लक्ष्मी sich um unsern Großen Sorgen machte. Aber was hätte der am Breitscheidplatz zu suchen gehabt? Er ist in ein anderes Berlin hineingeboren worden als das des letzten Jahrhunderts: Sein Berlin ist mittebezogen; der Ku‘damm, für ihn, ist museal. Jedenfalls wohnt da nicht die Jugend, oder alleine umständehalber.
Wie auch immer.
Wenn es ein Anschlag war, nimmt der Ort genau deshalb wunder. Wer sollte getroffen werden? Ein Berlin, das es so gar nicht mehr gibt? Jedenfalls sieht der Anschlag oder was es war nach politischer Kenntnis und entsprechender Planung nicht aus. Es sei denn, man habe bewußt die Gedächtniskirche gewählt: zu e i n e m Memorial nun ein frisches neues:: Mahnmal für Kommendes.
Es hat mich ohnedies gewundert, daß in Berlin noch gar nichts dergleichen geschah. Imgrunde zweifle ich sogar an den öffentlichen Nachrichten. Wäre die Stadt im Zentrum islamistischer oder welcher auch immer Wut, wäre es doch überhaupt nicht schwierig, zehnzwanzig Schläfer loszuschicken und binnen eines Monats die gesamte Infrastruktur zum Erliegen zu bringen. Wieso geschieht dergleichen nicht?
Dann: Für die politische Rechte ist dieser, hm, Anschlag ein zu absolut passendem Zeitpunkt gefundenes Fressen. Auch noch ein, wie verlautet, Pakistani! Und überdies als Asylsuchender hergekommen... Geradezu perfekt! Man könnte meinen, Frau Petri habe einen eigenen Geheimdienst, dessen agents provocateurs den Mann da losgeschickt. Man könnte, wohlgemerkt; - man tut es selbstverständlich nicht und hütet sich, dergleichen in die Welt zu setzen. Der Rufmord wär dem Morden gleich.
Aber vielleicht war dieser Pakistani einfach nur verzweifelt und aus Verzweiflung voller Wut? Vielleicht litt er unter der von der deutschen Rechten und einigen Protestbewegungen verbreiteten „Fremden“-Diskriminierung und sah auf den Weihnachtsmärkten die satten Wohlstandsbürger saufen und fressen und aus Anlaß der Geburt eines Gottessohns - an den sie überhaupt nicht glauben, sondern sie glauben an Konsum – innert zweier Stunden ein Geld verprassen, für das in seinem Heimatland ganze Dörfer über Monate leben könnten? Das wäre keine Rechtfertigung für diesen Anschlag, wohl aber ein Motiv – ein individuelles jenseits des abstrakt-dogmatischen Feuer- und Schwert-Djihads.
Ich schrieb gestern schon auf Facebook in meiner „Sicherheitsmeldung“ und stehe dazu weiter:Jetzt erst einmal: keine Panik. Und wissen, wofür man einsteht. Und dich auf keinen Fall auf "religiöse" Herleitungen einlassen. Es gibt gute und böse Christen, gute und böse Buddhisten, gute und böse Hindus, gute und böse "Pagane", gute und böse Islami. Die Gründe liegen nicht bei Göttinnen und Göttern, sondern nahezu immer in der Machtgier.In der Tat ist der >>>> Daisch in seinen Handlungen nicht selten sogar blasphemisch gegenüber dem Koran. Dies nur für den Fall bemerkt, daß wir es auch auf dem Breitscheidplatz mit dem Daisch zu tun gehabt haben sollten. Oder mit Al-Qaida oder sonst einer „glaubens“dogmatisch militanten Bewegung.

Das Problem ist aber noch ein anderes. Was immer wir jetzt hören werden, von offiziellen und nichtoffiziellen Stellen: Wir können es nur glauben oder nicht glauben. Wissen, gesichert wissen, werden wir nichts. Wir sind auf unsere Instinkte zurückgeworfen, wo sich ein Vertrauen in die gewählten Instanzen nicht mehr haben läßt. Und auch das ist Futter für die Rechten. Die politischen und exekutiven Organe regieren und schalten über die Menschen hinweg, die nur noch als „Quote“ interessant sind. Das hat ein Mißtrauen geschürt, das sich, weil die Verantwortlichen kaum auszumachen und schon gar nicht zu belangen sind, auf alles Fremde projeziert, das uns angeblich etwas wegnehmen will – etwas, das wir im übrigen gar nicht selbst erreicht haben, sondern wir sind hineingeboren und ernähren uns vom Erbe.
Der sogenannte einfache Mensch, der mit geringer Bildung und geringer Einkunft, ist immer ein hilfloser Mensch. Mit diesem Bewußtsein läßt es sich schlecht leben, man kommt sich minder vor Und holt sich den Selbstwert dann aus Erhöhung gegenüber noch Minderen, noch Hilfloseren, noch Ausgelieferteren. Deren „Herr“ man dann ist: Herr wenn schon nicht des eigenen Schicksals, dann doch wenigstens dessen von andern.

Die „Sammel“-Abschiebungen nach Afghanistan >>>> haben begonnen.
Wir bereiten uns mit fünfundzwanzig auf unsre sichre Rente vor.
Dem Armen bleibt das >>>> Opium des Volkes.
Freilich nach wie vor ist Marihuana verboten. Hingegen gilt Alkoholismus als abendländisch-christliches, also unser >>>> kulturelles Erbe. Das, in der Tat, ist mit dem Koran nicht zu halten. Also streitet die Rechte um das Recht auf den Vol(l)kssuff.

Befreiungen ODER Ein drittes Leben vor dem Tod. Das Arbeitsjournal des Sonnabends, dem 17. Dezember 2016.


[Arbeitswohnung, 6.30 Uhr
Ives, Symphony IV (Metzmacher, Berliner, >>>> DGC)]
Seit 4.30 Uhr auf – nicht um zu arbeiten, jedenfalls nicht in erster Linie, sondern weil ein Teigling aus dem Kühlschrank mußte, um sich zu akklimatisieren, und damit die Hefe treibt. Meinen Lievito madre habe ich so vernachlässigt in den vergangenen Monaten, daß ihn (oder nicht doch sie?) zu reaktivieren ein wenig Mühe macht. Mal sehn.
Aber da ich dann schon mal auf war, konnt‘ ich auch gleich an den Schreibtisch.
Seit gestern höre ich mich mal wieder durch die >>>> Digitale Konzerthalle der Berliner Philharmoniker, las über Rattles Fortgang, Petrenkos Kommen nach, hörte mir etwas über Richard Strauss an, und aber es lockte mich zu Gubaidulina und Eötvös. Als >>>> Hopp im Pausengespräch sagte, man müsse auch die Beatles als Musiker ernstnehmen, weil sie Musik von Menschen für Menschen gemacht hätten, da allerdings dachte ich: Was für ein Mainstreamschwätzer – und wechselte zu Gubaidulina und Eötvös zurück, landete aber bei nun Ives, vorher Henzes „Being Beautious“, einem der schönsten Kammerstücke der sogenannten Neuen Musik, die ich überhaupt kenne.
Lärm, viel Lärm bei Ives. Aber so, wie die Welt ist.
Konzentrierte, schwebende Innigkeit bei Henze. So, wie sie vielleicht einmal sein wird. Wie sie, würde लक्ष्मी sagen, parallel immer ist. Und die Löwin hat einen tiefen Heimarort verloren; das war gestern die bittere Nachricht. Derweil ich meinen Auftragsroman weiterschreibe und ihm das beste mitgebe, das ich habe. Fast gibt es schon den Unterschied nicht mehr zu „eigenem“.
Namen sind eitel.
Dennoch überlege ich ernsthaft, ob überhaupt noch „Eigenes“ schreiben. Eigenes, was soll das sein? Die Sätze müssen stimmen, ihre Autor:inn:en sind völlig egal. „Und“, sagte ich gestern zu Amélie beim chinesischen Fondue, „es kommt nicht mehr drauf an, ob ich auf das bislang Gestaltete noch Neues drauflege. Stürbe ich jetzt, das Werk wäre da so oder so. Alles weitre muß es selbst vollbringen.“ „Und die Triestbriefe?“ Ich zuckte mit den Achseln. „Und die Béart?“ „Wen kümnmert‘s? Sehen Sie, weshalb nicht in den kommenden fünf Jahren einfach mal Geld verdienen, wirklich Geld?“ Wiederum zur Löwin: „Hätte ich die Energie, Leidenschaft und Professionalität in etwas anderes geflößt als meine Literatur, wäre ich heute ein wirklich vermögender Mann.“ Und leise lachend: „Läßt sich nachholen. Gib mir fünf Jahre.“
Wie ich es anstelle, darüber hier kein Wort. Nun gilt es einmal, nicht wahrhaftig, sondern strategisch zu denken.
Und überhaupt hier nicht mehr sehr viel Worte. „Befreiung“: Ja, es ist befreiend, kaum noch in Der Dschungel zu schreiben. Es ist befreiend, mich nicht mehr um literarische Veröffentlichungen zu kümmern, sie mir im Wortsinn egal sein zu lassen oder sie einfach anderen, die sie wollen, zu überlassen. Weshalb soll ich mich wieder Kränkungen aussetzen? Es waren genug. Die beiden Kommentare >>>> dort unter Winkels‘ ZEIT-Kritik haben den Deckel draufgelegt: daß niemand dort widersprach oder zumindest Einwände hatte, weder redaktionell noch der Rezensent selbst, um von einem allgemeinen Publikum zu schweigen.

Aber es macht Freude zu sehen, wie Die Dschungel weitergeführt wird, von >>>> Bruno Lampe allen voran, doch auch >>>> von Findeiss immer wieder. Andere werden vielleicht folgen.
So dachte ich vorhin: Weshalb nicht Die Dschungel als meine Berliner Philharmoniker sehen, und ich trete jetzt wie Rattle ab, indessen Bruno Lampe, z.B., übernimmt, als neuer Chefdirigent? So wird dann er sie prägen. Oder jemand anderes. Weil „meine“ Zeit vorüber. Meine Dschungelzeit, wohlgemerkt, durchaus nicht an sich. Der Nukleus Der Dschungel aber wird bleiben, nur eine andere Tonfarbe annehmen.
Ein Angebot gibt es bereits. Ich brauche noch, freilich, Spezifiziertes. Es könnte auch eine Luftnummer sein, da seh ich noch nicht klar. Klar ist aber, also wenn ich annähme, daß ich im Süden wohnen würde, an „meinem“ Meer – sogar auf ihm, sozusagen. Die Arbeitswohnung würde ich allerdings halten. Eine Art ANH-Museum des vergangenen Vierteljahrhunderts, offen den Freundinnen und Freunden, die hier unterkommen möchten, wenn sie in Berlin sind, offen meinem Sohn und seiner Liebe, offen auch der Löwin, लक्ष्मी, der Elfe, dem Ameriner und Wiener Freund, wem immer – und mir der feste Brückenkopf zu Deutschland, dieser mir so unselig-unguten Nation, die mich als Fremdkörper ausscheiden wollte, mit ihrer aber mir allernahsten Kultur in der mir allerliebsten deutschen Stadt.

>>>> Luft von anderem Planeten.
Die literarischen Auftragsarbeiten auf der einen, öffentlichen (aber nie genannten) Seite, und für sich selbst schreiben auf der anderen, privaten. Veröffentlichen nur noch, wenn jemand an mich herantritt und mich darum bittet. Dann bereit dazu sein, aber nur dann.
Alles andere wird sich fügen.

Liebste Freundin, ich werde Ihnen nicht mehr oft schreiben in den kommenden fünf Jahren, die ich nun meinem Geschäftsleben gebe. Oder nur noch privat. Von Ihrem Wert wird das nichts kratzen, und auch nichts von dem meinen.

ANH

P.S.: Gestern abend, als ich zum Essen ging, nahm ich nach Jahrzehnten wieder einen Gehstock, den mit dem Otterkopf. Dazu trug ich den, wie ihn die Löwin nennt, „Herrenmantel“, der innen ganz aus Pelz ist. Außen sieht man nur den breiten Biberkragen. So flanierte ich über die zwei Straßen und war sicher meiner und zufrieden. Daß ich die Wortstellungen modifiziere, muß ich nicht mehr rechtfertigen. Es trägt den Sinn rein in sich selbst.
[Britten, Violinkonzert op.15
(Berliner, Janine Jansen, Daniel Harding, >>>> DCG)]


P.P.S., 11.10 Uhr:

Brot 171216
 




twoday.net AGB

xml version of this page

xml version of this page (summary)

xml version of this page (with comments)

xml version of this topic

powered by Antville powered by Helma

kostenloser Counter

blogoscoop Who links to my website? Backlinks to my website?

>>>> CCleaner