Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

Marlboro, Prosastücke, 1981 Die Verwirrung des Gemüts, Roman, 1983 Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger, Lamento/Roman, 1986 Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, 1993, 2001 Wolpertinger oder Das Blau, Roman, 1993, 2000 Eine Sizillische Reise, Fantastischer Bericht, 1995, 1997 Der Arndt-Komplex, Novellen, 1997 Thetis. Anderswelt, Fantastischer Roman, 1998, (Erster Band der Anderswelt-Trilogie) In New York, Manhattan Roman, 2000 Buenos Aires. Anderswelt, Kybernetischer Roman, 2001, (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie) Inzest oder Die Entstehung der Welt, Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, 2002 Meere, Letzte Fassung 2007. Bei Volltext. Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen, Poetische Features, 2004 Die Niedertracht der Musik, Dreizehn Erzählungen, 2005 Dem Nahsten Orient / Très Proche Orient, Liebesgedichte, 2007 Meere, Letzte Fassung 2007 Aeolia.Gesang / Stromboli. Mit den Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage, 2008 Kybernetischer Realismus, Heidelberger Vorlesungen. Manutius Heidelberg 2008 d e

 

Arbeitsjournal

Samstagsjournal. 4. Juli 2009.

8.59 Uhr:
[Arbeitswohnung. Elgar, The Dream of Gerontius.]Adrian-Zelten-5-KLEINAusgeschlafen, nachts noch die Küche fast fertigbekommen, heute früh gleich den Rest weggespült, sogar der Herd glänzt. Erster latte macchiato, nach den Jungens in ihrem Zelt geschaut, der zweite latte macchiato bereitet sich gerade vor, die Jungs scheinen ihr Zelt gar nicht verlassen zu ja haben, ich brachte ihnen ein Baguette, frisch geschnittene italienische Salami und einen Liter Milch hinunter, jetzt den Morgencigarillo; ich geh jetzt erst einmal an die heutige >>>> Prunier-Tranche. Do und H. zogen gestern gegen halb zwölf ab (wir schauten nach hinten in den Garten, aber die Buben schliefen bereits taumelfest...); der Profi blieb noch, er war lange nicht mehr hier in der Arbeitswohnung gewesen. Es war das erste Essen, das ich seit meiner ersten Trennung vor sieben Jahren für Freunde hier drinnen gab; früher hat es hier viele Essen gegeben, ich hatte ganz vergessen, daß man hier auch leben kann. Das kommt derzeit alles wieder.
Nachmittags steht ein Ausflug mit der quasi-Familie an: irgend eine Metallmonster-Show, von der लक्ष्मी erfahren hat und die wir nun mit allen Kindern, auch mit Deinem Freund Jill, besuchen werden. Vormittags muß das Zelt gereinigt und abgebaut werden, es sei denn – Ihr fragtet, ob ihr vielleicht n o c h eine Nacht... -, Ihr bringt den Mut auf, bei allen anrainenden Nachbarn zu fragen, ob sie bitte nichts dagegen haben... dann könnt Ihr die Bleibe meinethalben gerne noch einmal beziehen.

9.33 Uhr:
-- Hm, kommen die Jungs hoch, „die andern ärgern uns, ziehen die Heringe raus, schmieren Marmelade auf das Zelt“, völlig hilflos, die beiden. Ich bewaffnete mich: Eimer mit warmem Putzwasse, Schwämmchen, Handtuch. „Macht das doch einfach sauber, und wenn euch andere Kinder ärgern, bittet sie ins Vorzelt, gebt ihnen von den Chips, die ihr, wie ich sehe, in Massen noch gebunkert habt, freundet euch an. Ist doch klar, daß die ein bißchen neidisch sind, weil ihr draußen schlafen durftet, sie aber nicht... hebt das einfach auf, macht eine Zeltrunde daraus.“ Nu sind sie übern Zaun abgezogen, die zwei, auf Abenteuersuche.

Anne Miniarbeit.

10.15 Uhr:
>>>> Steht drin. Ich hör jetzt noch The Dream of Gerontius zu Ende, dann setz ich mich ans Cello. Völlig still um meine Jungs.

Arbeits- vor allem aber Kochjournal. Freitag, der 3. Juli 2009.

7.01 Uhr:
[Arbeitswohnung. Berio, Konzert für zwei Klaviere und Orchester.]
Wie komm ich jetzt auf Berio? Wohl, weil Nagano in Dörries Turandot-Inszenierung an der Staatsoper die von Luciano Berio komplettierte Fassung dirigiert hat. Pinchas Steinberg dirigierte gestern die übliche, von Alfano komplettierte Fassung. Auf die Inszenierung geh ich hier später noch ein, oder morgen; erst einmal ist >>>> Prunier dran, danach muß geduscht und dann allerlei für das Essen heute abend vorbereitet werden; es wird Spaghetti neri ai frutti di mare geben, dazu wird ein Calamaro in der eigenen Tinte gereicht, paar in Öl gesottene Gamberi dienen der Gaumenzierde; etwas Salat noch, zu allem Ciabatta; als Antipasti werden verschiedene italienische Salamisorten gereicht, hinterher frutta. Ah ja, Do und ihr Gefährte kommen, U. und der Profi; da nun aber zeitgleich die Kinder hinterm Gartenhaus auf dem Rasen zelten werden, sind noch zwei Pizze in den Ofen zu schieben, die die beiden dann vorm Zelt verfuttern können, wobei das dann auch noch aufgebaut werden muß, logisch... Sie sehen, es wird ein hektischer unarbeitsamer Tag sein; das Cello noch, zwiefach, allein erst, dann mit Dir. >>>> Was meine Befähigung angeht, geehrte Hunderköpfige: ja doch, ich hab sie, NUR: es ist ein neues Zelt, noch originalverpackt, und bei sowas ist es nicht falsch, es schon mal v o r dem eigentlichen Einsatz aufgebaut zu habe, ich meine, nachher stehn wir da in dem Krater, bauen auf, und dann fehlt 'ne Plane... Andererseits, mir ist, als hätten Sie Ihre Frage gar nicht m i r gestellt.

War bereits laufen, war bereits an der Muskulatur, nun ist das Hirn zu trimmen: paßt zusammen, oder?: Muskeln, Hirn und Gaumenfreude. Eine andere Erschöpfung wird sich heut früh hinzustoßen, denk ich mal; unerschöpft wird sie mit frischen Brötchen klingeln. Sie werden, Leser, verstehen, daß bei alledem abermals nicht wirklich mit Arbeit gerechnet werden kann. Trotzdem kau ich an einem neuen Gedicht.

8.24 Uhr:
[Berio, Zweites Streichquartett „Sincronie“.]
So, >>>> steht drin. Und frisch bin ich auch schon. Ab inne Küche. Dann Cello, etwas, bevor Αναδυομένη hier ist.

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Adrian-Zelten-2-KLEIN

Arbeitsjournal. Donnerstag, der 2. Juli 2009. Mit Imrat Khan.

6.53 Uhr:
[Arbeitswohnung. >>>> Imrat Khan, Raga Puriya.]
Bereits meine 4 Kilometer gelaufen, dann ein bißchen Krafttraining, um den Körper wieder durchzumodellieren. Der Ansatz Bauch kommt jetzt weg. Dann erst, jetzt, der morgendliche latte macchiato (eben begriff ich, weshalb ich „latte macchiato“ immer kursivieren will: ich kann den Begriff einfach nicht großschreiben, es widerspricht meinem Sprachgefühl, deutsche Kleinschreibung widerspricht ihm aber auch). Aufgestanden kurz vor fünf, nachdem ich kurz vor eins ins Bett kam; bis dahin las ich Faulkner weiter. UF hat recht: Sucht. Dann einen Espresso, die Pavoni erhitzte, während ich die Sportklamotten anzog. - Heut wird’s insgesamt ein Tag für den Körper, u n d, sic!, für den Geist: Um halb elf mit dem Rad ins hintere Charlottenburg zur Cellostunde, macht hin und zurück knapp 20 Kilometer, und abends nochmal, >>>> zur Oper, hin und zurück knapp 16. Den Tabak hab ich schon „kurzgefahren“: keine Zigaretten mehr seit gestern, nur noch Cigarillos; erstens „stehen“ mir die Dinger besser, ein kurzes, kräftiges Panatella-Format (also keine Stengelchen), zweitens rauch ich weniger davon und vor allem: nicht immer alles auf Lunge. Aufhören will ich aber erst im September, weil ich mir meine Esportazione mit ihrem Kameldungaroma nicht nehmen lassen will, in Süditalien.Ich höre insgesamt nur ungern auf, aus ideologischen Gründen; mir geht die puritanische Correctness der Nichtrauch-Religiösen wider den Geist, ihre gesundbeterische Überheblichkeit, ihr sektisch Aseptisches. Es ist schon eigenartig, daß der Blick auf Gesundheit zum Wegblick von dem Körper führt, nicht unähnlich den Hygieneperversionen vieler US-Amerikaner. Gesundheit als Fetisch der Unsinnlichkeit.

Jetzt erst mal der heutige >>>> Prunier. Dann ausgebig Fußpflege, dann erst die Dusche. Dann ans Cello zum Einspielen. Dann, wenn vorm Radweg noch etwas Zeit bleibt, noch etwas Faulkner.

Ganz wunderbar heute früh: Imrat Khan, Dhanashri Alap und Drut Gat in Tintal.

7.54:
So, wie Imrat Khan hier das Finale des Raag Madhuvanti spielt, stelle ich mir vor, eines Tages mein Cello spielen zu können. Unwahrscheinlich, aber das wäre die Hoffnung. Es wäre meine Musik: freitonal improvisierend, rasend, kraftvoll, wütend, schwitzend, stampfend, brüllend. Und nur manchmal meditativ: in den Erschöpfungszuständen nach den Orgasmen:: lange nachzitternd, bebend, dann einem Kind gleich zärtlich, das in der Mutter einschläft. Vielleicht, daß ich eine Erzählung über so einen schreibe, dazu hätte ich jetzt Lust, aber weiß ja: d a s wäre Ersatz.

Prunier >>>> steht drin.

(Für die impovisierende indische Kunstmusik laß ich den halben westlichen Jazz stehen.)

16.05 Uhr:
>>>> Stürme im gesprungenen Genglas zuckeliger Moral-Erektiönchen, man faßt es nicht (ich fasse es jedenfalls nicht). Is aber auch wurscht.

Von „Arbeitsjournal“ kann ich eigentlich guten Gewissens mal wieder nicht schreiben, obwohl ich seit früh unterwegs war. Immerhin, Cello, dann die Einkäufe für morgen, mein Bub und ebenfalls Cello, dann mußte ein Zettel geschrieben und ausgedruckt werden, wegen der Zeltaktion morgen auf dem Rasen hinterm Gartenhaus, dann mußte er ausgehängt werden, nachdem Du ihn unbedingt noch malerisch verschönern mochtest, also alle drei Kopien, dann rief schon Do an: sie sei angekommen. Wir werden uns um 18 Uhr vor der Deutschen Oper treffen, einen Aperitif nehmen, vielleicht eine Kleinigkeit essen, plaudern, bevor's in die Vorstellung geht. Also bleiben mir jetzt noch knappe anderthalb Stunden, von denen ich eine noch mal ans Cello will. Mehr, Leser, dann morgen. Und, Kommentatoren, fetzt Euch ruhig weiter mit Eurem schlechten Deutsch. (Meine Oma hatte da immer einen Spruch parat von Schweinen und Eichen; aber ich sag ihn Euch nicht.)

Arbeitsjournal. Mittwoch, der 1. Juli 2009.

5.11 Uhr:
[Arbeitsjournal.]
Bei dem Muskelkater sollte ich heute früh nicht laufen und lauf auch nicht, sondern setz, wie Αναδυομένη, mit Würfeln einmal aus. Sowieso ist >>>> Prunier nachzuholen, zumal ich ab nachmittags wieder nicht am Schreibtisch sein werde: Do ist ab heute in Berlin, wir werden abends >>>> in die Turandot gehen (selten gespielt, leider, ist Busonis) und wollen uns schon vorher treffen; für morgen abend bat mich ihr Freund, Spaghetti ai frutti die mare zu kochen; schwarze Spaghetti hab ich noch hier und werde mir >>>> bei Mitte Meer, woran ich morgen früh nach dem Cellounterricht eh vorbeiradeln werde, etwas überlegen. Jetzt erst mal den latte macchiato, die Morgenzigarette (noch lauf ich nicht auf Leistung), etwas Orientierung im Netz, >>>> New York. Mein Bub schläft tief auf seinem Vulkanlager, das er nach kurzen Ausflügen auf die Couch sich wieder für seines erklärt hat, wozu paßt, daß er Freitag nacht auf Samstag das neue Zelt auf dem Rasen hinterm zweiten Hinterhaus ausprobieren möchte, mit seiner Freundin; von mir aus ist das okay, aber die anderen Eltern müssen noch zustimmen und wohl auch die Bewohner des Hinterhauses. Hoffentlich klappt's, es gibt halt auch ängstliche Charactere.
Der >>>> Faulkner hat mich gepackt; ich guck abends keine Filme mehr, sondern lese nur, je bis sowas gegen 23.30 Uhr, dann schwimmen die Augen; so intensiv habe ich seit langem nicht mehr gelesen, es sei denn, es war etwas zu rezensieren; hier aber hält mich überhaupt keine „Pflicht“, ich will auch die Tage nun noch dazunehmen. Nebenbei halten mich „die“ Finnen in Atem mit Interviewvorschlägen und dergleichen für >>>> die Helsinki-Reise nach der Rückkehr aus Italien ---

--- 5.46 Uhr: wann hab ich zuletzt, vordem, ein Buch mit aufs Klo genommen? ---

--- aber ich nehm es gelassen, auch wenn ich allmählich mal Aufträge „einfahren“ sollte wie eine Ernte, die auf dem Halm verkauft wird; sonst lohnt sich meine Reise für die Finnen nicht, und für mich nicht, weil es natürlich wieder mal kein Honorar gibt. Nur Die Dschungel werden der Kulturinstitution auch zu wenig sein - sehr, geb sogar i c h zu, verständlicherweise. Ich will mal an Leukert schreiben, wen er empfiehlt und/oder bei wem er mir ein Entrée verschaffen kann, daß ich dort über das Festival publiziere. Wobei ich darauf achten will, mich nicht allzu sehr ins Journalistische einspannen zu lassen, das mir überhaupt nicht liegt, sondern Grundfragen ästhetisch diskutieren kann.

Vorm Enschlafen jeweils drei bis vier Gedichte, derzeit noch Jannis Ritsos; da ist aber auch viel Zeugs dazwischen, von dem ich annehme, daß sein Eigentliches aus dem griechischen Original klingt, im Deutschen aber verlorenging. Und ich hab eine eigene Sonett-Serie wiedergefunden, „Eva-Sonette“, geschrieben vor rund zwanzig Jahren in dem Anfall neuenttäuschter Verliebtheit, vielleicht >>>> peinlich, könnte man sagen; interessant ist aber für mich, daß da schon der T o n der >>>> Engel drin ist: noch nicht getroffen, noch nur angetastet, oft fehl in den Bildzugriffen, sprachlich ungelenk in der Rhythmisierung usw., jedenfalls nix zum Öffentlichmachen, aber vielleicht, denk ich noch, gut dafür, eniges davon herauszulösen und anderweitig zu verwenden, etwa dies: Sie aber wetzen ihren Humor.... --- ah, mein Durcheinander! Ich seh gerade, die Turandot ist erst morgen, logisch, na klar, 2. Juli, nicht 1., also wird Do auch erst morgen in Berlin sein, und erst übermorgen koche ich. Aus der Zeit fallen: es nicht merken, während man fällt. Einen Dank >>>> an den Spielplan im Netz. So paßt es aber ja auch viel besser: wenn ich hier koche und mit den Freunden essen, zelten die Kinder hinten auf dem Rasen.

7.13 Uhr:
Tschaikowski b-moll. „Gibst du mir mal den Block, Papa?“ „Einen Bleistift?“ „Ja.“ Du mußt heute abermals erst um zehn in der Schule sein. Derweil will meine tragbare Musik-Festplatte nicht erkannt werden, von beiden Computers nicht. Nerv.

7.43 Uhr:
[Tschaikowski, Rokoko-Variationen.]
So, >>>> steht drin.

17.07 Uhr:
[Fazil Say, Alla turca Jazz, Fantasie auf das Rondo.]
Diese Musik ist ganz hübsch, ob man allerdings Says Violinkonzert braucht..? Eher wohl nicht. UF und ich tauschen fleißig per >>>> Dropbox, die ich nur empfehlen kann. Ich komme allerdings kaum mehr mit dem Hören mit; vieles ist „nett“, als Untergrund, wenn einer liest, statt des Vogelsangs und Kinderrufens von draußen.
Hab die externe Musik-harddisc wieder zum Laufen gebracht, aufgeschraubt, geschüttelt, ein Papier dazwischengesteckt... prompt ging's. Wackelkontakt; beruhigend insofern, als nicht die Daten betroffen sind, sondern sich offenbar nur die Verbindung zum USB-Stecker gelockert hat. Im übrigen am Cello gewesen und Faulkner weitergelesen; >>>> das Zitat strich ich bereits vorgestern an. Daß nun >>>> der WürdegernOvidsein wieder meckert, war vorauszusehen; für einen richtigen >>>> Antiherbst reicht das aber nicht, da muß er sich schon etwas mehr anstrengen. Eh langweilig, >>>> sein sozialdemokratisch-korrektes Rumgelüricke.
Neben mir liegen noch immer die Eva-Sonette; nix dran getan, ich lebs einfach so in den Tag. Und schreibe hie und da einen elektronischen Brief.

Plötzlich gießt es draußen. Man nennt das einen Guß.

20.04 Uhr:
[Enescu, Cellosonate Nr. 2.]
Irgendwie >>>> haben die Leute Angst, daß ich ihnen ihr Mädel ausspanne. Sie wissen offenbar so gut wie ich, daß nicht wenige junge schöne Frauen ältere Männer leidenschaftlich schätzen. Sofern die in Façon sind. Das sind freilich nicht viele; Männer neigen zur Bequemkeit. Darum ist die Konkurrenz wiederum s o groß nicht.

Jetzt radle ich gleich >>>> in die Bar. Man kann mich ja anschauen kommen.

23.48 Uhr:
[Henze, Serenade für Cello solo.]
Zurück. Ganz Unter den Linden riecht sowas von süß nach Linden! Und dann gibt es, sowie man auf den Prenzlauer Berg hochradelt, ein Gewächs, einen Busch wahrscheinlich, ich kenne ihn aus Rom, der enorm nach Sperma duftet, man wird fast schwindelig davon. Wie heißt dieses Gewächs? Falls es jemand weiß, bitte sagen.
Einmal triggerte mich der Profi vorhin aus. „Fortschritt entsteht, wenn Regeln intelligent gebrochen werden“ lautet ein Merksatz an einer der Wände in der neuen Schule meines Sohnes. „Intelligent die Regeln zu brechen“, sagt der Profi, „bedeutet, stehenzubleiben, wenn man bei Rot über die Straße will, aber auf der anderen Seite ein Polizist steht. Das ist nicht korrupt, es ist intelligent.“ „Aber man beugt sich dann einem oft so dummen Mann!“ erwidere ich. „Wände“, sagt er, „sind n o c h dümmer – und gegen dumme Wände würdest du doch auch nicht rennen.“ Erwischt. Wohl wahr. Im übrigen hat er die Fähigkeit, 500-Seiten-Romane an zwei Abenden zu lesen. Er behält dabei auch alles. Für einen Juristen ist das eine mehr als segensreiche Fähigkeit. Es scheint wie bei Wiederkäuern zu sein, die tags das Gras rupfen, es in einem Kropf verstauen und dann bei Zeit und Muße es wieder hochwürgen und langsam besonnen für sich zersetzen.
Jetzt noch eine halbe Stunde Faulkner. Dazu einen Talisker.

Arbeitsjournal. Dienstag, der 30. Juni 2009.

6.43 Uhr:
[Arbeitswohnung. Tschaikowski b-moll.]
Deine Lieblings-Aufwachmusik. Ich war vorher schon gelaufen, knapp 4 km, leider war die Tartanbahn heute morgen verschlossen; über den Zaun zu klettern, wird mit eisernen Dornen bezahlt; das mochte ich Αναδυομένη nicht zumuten. - Als ich zurückkam, hattest Du schon die Augen auf und lächeltest mich vom Vulkanlager aus an. „Kakao, Junior?“
Es wird ein aufregender Tag für Dich (für mich deshalb weniger arbeitsam): nachmittags noch einmal eine Aufführung Eures Theaterstückes über Max Liebermanns Leben, abends der erste Eltern/Schüler-Abend >>>> an der neuen Schule. Da das Liebermann-Stück am Wannsee aufgeführt wird und erst um 17 Uhr endet, der Schulabend aber bereits um 18 Uhr beginnt, wird das eine ziemliche Hektikerei werden, rechtzeitig dazusein. Um fünf Minuten klappt es auch, allerdings darf nichts den Plan der BVG durchwirbeln oder, besser... äh: schlechter: stocken.
Also ich hau hier um halb drei ab und fahr mit Faulkner zum Wannsee, seh mir noch einmal das Theaterstück an, dann schnapp ich Dich, eine befreundete Mama fährt uns zum Bahnhof Wannsee, von dort geht’s mit zwei S-Bahnen zur Prenzlauer Allee, und dann eilen wir zur Backsteingotik.
Ansonsten ist Post zu erledigen, und ich muß auch schon mal wieder über Finanzauftreibereien nachdenken. An sich wär Luft, aber ich hab was für Neapel/Solfatara gebunkert, an das ich auf keinen Fall gehen will.

Spannende Diskussion >>>> bei Diadorim. Und die Zugriffszahlen >>>> dort indizieren ziemlich deutlich, daß das Netz für Lyrik offenbar (sofern das Portal „stimmt“) d i e Publikationsform ist – wenn man sich nämlich vor Augen hält, daß ein Lyrikbändchen sich kaum je mehr als 800 mal verkauft, und dann ist es immer schon ziemlich gut gegangen und der Dichter bekannt.

13.57 Uhr:
Wie schon geahnt, komm ich heute zu nichts außer zu privaten Dingen; Du vergaßest Sachen hier für die Schule, ich brachte sie rüber, dann war noch etwas für die Theateraufführung heute nachmittag zu besorgen, dann hing ich eben über den für die Theateraufführung wichtigen Schuhen, mit denen Du während der Klassenfahrt in Kacke getreten warst, die irre eingetrocknet war... also putzte ich. Hätt ich's vorher gewußt, hätt ich's vorher getan, aber sie waren erst bei Deiner Mama herauszuholen. Und und und. Und jetzt muß ich gleich aufbrechen, um pünktlich – eben v o r Deiner Aufführung und mit diesen Schuhen – am Wannsee zu sein.
Aber mein neuer, mein erster Cello-Ständer kam. Jetzt sieht das Instrument richtig schön aus, da, vor der CD-/Lyrik-/und Musikliteratur-Wand.Cellostaender-300609[Eine Stunde mittaggeschlafen. Und Muskelkater. Gutes Gefühl. Körper.]

22.01 Uhr:
Erst nach 21 Uhr von den Veranstaltungen zurückgekehrt, Dir noch zur Nacht vorgelesen, Du fielst dann sehr schnell in Schlaf; jetzt Wein und viel viel gekühltes Wasser zur Seite, finde ich >>>> jene Unsäglichkeiten in Der Dschungel vor. Es ist aber Diadorims Beitrag, also sind es auch ihre Kommentare; ich mag deshalb erst einmal nicht mehr tun >>>> als dies.
Im übrigen will ich Faulkner weiterlesen und mich um Die Dschungel momentan gar nicht sehr kümmern.

Arbeitsjournal. Montag, der 29. Juni 2009.

4.59 Uhr:
[Arbeitswohnung.]
Seltsam, wie leicht es wurde, sich schmerzhaft zu trennen. Gestern verlor ich (oder vorgestern, ich weiß es nicht) den alten Wappenstein aus dem Familienring, den mein Vater trug, den s e i n Vater trug, den dessen Vater trug, den ich meinem Sohn hinterlassen wollte. Ich bemerkte es am Bahnsteig zu Wandlitz; ich weiß, wie mein Gesicht kurz zuckte, ich spüre das noch, aber wie so sehr schnell ich das im Griff hatte und mit meinem väterlichen Freund Dieter B. dachte: Dinge. Es sind Dinge. Er hat mir von Goethe erzählt: Am Ende bleiben die Dinge - einen Satz, den d e r immer bei sich getragen zu haben scheint. Ich dachte, daß es doch n u r Dinge seien. Es tat mir leid wegen Dir, weil Du immer gesagt hast: Und wenn du tot bist, Papa, dann bekomme ich ihn, nicht wahr? - Das, Junior, wird nun nichts mehr werden.

Seltsam, wie ich mich in der vergangenen Woche von lauter Dingen getrennt habe, willentlich, nicht, wie hier, unabsichtlich. Aber das Unabsichtliche, wenn es eins ist, paßt. Ich weiß nur nicht genau, worauf, habe eine kindliche Tendenz, es symbolisch zu verstehen, o h n e es doch zu verstehen.

Gleich breche ich auf: ich will möglichst täglich wieder laufen. Αναδυομένη auch. Sie schlug vor, es sehr frühmorgens gemeinsam zu tun. Also ins Sportzeug und ab.

6.30 Uhr:
[Strauss, Oboenkonzert.]
Zurück. Das tat gut. 4 km/25nochwas, paar Dips, Liegestütz, Bauch und so, was wehtun muß, um was zu bringen... hierher zurück. Latte macchiato.. Jetzt an >>>> Prunier (ff), danach Dusche. Will erst mal das Nachschwitzen und Blutbumpern genießen. Für eine fast dreijährige, von Tabakmißbrauch aufgeblasene Trainings„pause“ lief der Morgen schon mal fein.

(Ach ja, hab mir gestern einen Sonnenbrand auf dem Schädel geholt, obwohl die Sonne kaum mal durchguckte da am See. Dauernd crem' ich jetzt. - Sie fragen mich, wen das interessiert? Je nu', ich habe keinen Schimmer. Aber es soll Künstler gegeben haben, deren gelegentliche Einkaufszettel bei Sotheby's gelandet sind. Die meinen kriegen Sie umsonst. Also seinSe >>>> dankbar.)

7.29 Uhr:
Zwischen>>>>prunier: Schostakowitsch, Cellokonzert:: Seltsam, wie die Musikgeschichte zusammenschnurrt::: wie unerheblich die ideologischen Auseinandersetzungen um Tonalität, Serielle Schule, Darmstadt, Neoneo-Klassizismus werden, ist erst einmal die Zeit darüber hinweggegangen. Ich muß mir das wegen meiner vorgeblich so klassizistischen Gedichte vor Augen halten, daß, egal was „der Betrieb“ auch meinen möge, in fünfzig/hundert Jahren all das gar keine Rolle mehr spielen, sondern alleine noch entscheidend sein wird, ob sie Leser gefunden haben, die sie mögen. Man darf sich absolut nicht auf Diskussionen einlassen, wenn man eine Idee hat und sie verfolgt. Do neulich zu >>>> den Engeln: einiges sei ganz beeindruckend, anderes nur gut, wieder anderes okay; „toller Gedichtband!“ rief sie per SMS aus. Da können mir die Thomas Wohlfahrts dieser Welt restlos gestohlen bleiben, ob sie mich zu ihren Poetiknächten nun einladen oder nicht; es ist einfach schnuppe und allenfalls um nicht verdientes Lesehonorar schade. Schnuppe ist in dem Zusammenhang auch, ob >>>> dielmann nun spurt oder überhaupt nun spurt oder überhaupt mal was tut für das Buch oder nicht. Und ob es nun immer noch keine Umschläge gibt oder nur welche in Einzelauflagen.

9.10 Uhr:
[Schostakovitsch, Erstes Klavierkonzert.]
Jetzt habe ich eben auch noch den Text für die neue PEN-Anthologie fertiggemacht; so ist >>>> das Ding, das zu >>>> dieser Diskussion geführt hatte, nun also doch noch untergekommen. Für 600 Euro, immerhin. Hab's gerade an den ... au au au: General(!!!!)sekretär des Verbandes hinausgeschickt. Paßt ja, so ein General, zu so einem Schostakovitsch.
(Gleich wird Αναδυομένη mit frischen Brötchen herkommen. G'frühstückerlt wird.)

18.19 Uhr:
VielesErledigungstag. Dann kam ich ans Cello (und werde gleich noch ein halbes Stündchen üben, bis es Abendbrotszeit ist: Du bist heute wieder hier), begann zu spielen – da lag der verlorene Wappenstein aus dem Familienring vor meinem rechten Fuß; angestoßen, ja, etwas ist abgesplittert, aber er wird sich richten lassen: Man kann fast sagen: er habe m i c h wiedergefunden.... - Seltsam.
Du mußt morgen erst um zehn in der Schule sein; da werden wir heute noch ein bißchen Backgammon spielen...

21.04 Uhr:
[Keith Jarrett spielt Händel.]
So, der Bub schläft. Mit und zu Händel. Vorgelesen ist, ge-backgammon ist, gegessen ist, in umgekehrter Reihenfolge. „Ich habe überhaupt mehr Privatleben“, >>>> schreibt Buschheuer soeben. Ich aber lese mehr, seit ich Die Dschungel derzeit wachsen lasse, wie sie und ihre Heger möchten, und seit ich's mit der literarischen Arbeit einmal ruhig angehen oder auch nicht angehen lasse. Jetzt nämlich wird weitergelesen: William Faulkner, Das Dorf (ff). (Ich weiß, daß noch Briefe zu schreiben sind. Ja und?)

Ausflugsjournal: Sonntag. Wandlitzsee, den 28. Juni 2009.

Wandlitzsee-280609







Deine letzte Klassenfahrt mit der Grundschule. Wir Eltern holten Euch morgens bereits ab und grillten gemeinsam am Ufer.

Erledigungs- und ein bißchen Arbeitsjournal. Sonnabend, der 27. Juni 2009.

7.42 Uhr:
[Arbeitswohnung. >>>> Karim Haddad, Seven attempted escapes from silence auf Foer.]
Bis nachts gegen elf noch die Küche hergerichtet: entrümpelt, umgeordnet, wollte die Pavoni entkalken, unternahm's, da knallte eine Dichtung, dann knallte die Hauptsicherung; ich dachte: nu isse hinüber; mehrmalige Versuche, immer stand ich im Dunkeln, bzw. nach dem ersten Kurzschluß im Kerzenlicht; nur die Lüftung des Laptops rauschte weiter, weil da der Akku die Stromversorgung übernahm. Ich schaute schon mal bei ebay nach einer „neuen“ Pavoni. Heute morgen aber ging es wieder; nur daß ein paar Dichtungen in der Tat einen weghaben; sie waren aber schon vorher nicht mehr ganz intakt. Ich werde das Maschinchen zur Überholung weggeben müssen; vielleicht tu ich das, bevor es nach Neapel geht, Mitte August, vielleicht hält es so lange ja durch.
N a c h elf dann noch anderthalb Stunden Faulkner gelesen, dann verschwamm mir der Blick, im Bett noch drei Jannis-Ritsos-Gedichte, die Asteris Kutulas übersetzt hat, für dessen Sondeur ich vor Jahren Artikelchen schrieb: an sich sollte ich die auch mal in Die Dschungel stellen.

Jetzt, jedenfalls, wäre zu putzen, alles, die gesamte Wohnung. Aber die Zeit ist knapp. Um halb zwei muß ich los, wir Cellisten-Greenhorns haben mit allen anderen Schülern meiner Cellolehrerin heute einen langen Vorspiel-Nachmittag; ich muß noch üben, unbedingt, ich muß noch einkaufen für den Nachmittag: etwas Sekt, einigen Kindersekt; außerdem für morgen, wenn ich meinen Jungen aus Wandlitz von der kleinen Klassenfahrt abhole, Garnelen für den Grill (alle Eltern und Kinder der Schule wollen zusammensitzen – so denn das Wetter mitmacht; es ist Dein Abschied von der Grundschule, Deiner und der von vier weiteren Kindern aus Deiner Klasse). Morgen wird mit dem Putzen also auch nichts werden. Aber gut, Bad und Toilette und Flur, das auf jeden Fall. Vorher aber das Cello, danach die Einkäufe. Und ganz vorher die heutige Tranche >>>> Prunier. Da setz ich mich jetzt einmal ran. Ah, und ich sehe gerade, daß >>>> Artsy wieder gepupst hat (ihn scheinen in der tiefen Nacht die Blähungen zu treiben, und ich bin ihr Placebo). Hm, wie soll ich mich auf einen „einlassen“, der nicht zu greifen ist, sondern in seiner kleinbürgerlich verkifften Anonymität verschanzt bleibt? Ansonsten ließe sich ja drüber reden, Berlin hat Kneipen genug.

Ah ja, gestern kam die Nachricht, daß mein >>>> Lehrauftrag an der Uni Heidelberg nun doch, und zwar einstimmig, abermals verlängert worden ist.

Wiederaufbausjournal. Freitag, der 26. Juni 2009.

5.08 Uhr:
[Arbeitswohnung.]
Bequem hochgekommen, warten auf die Pavoni; ich vergaß schlicht, sie einzuschalten, dachte, ich hätt es längst getan. Sämtliche aussortierten Bücher sind nun aus der Wohnung hinaus, das Arbeitszimmer ist fast fertig, neu strukturiert, der Schreibtisch sogar sauber und mit Luft, d.h. einem Durchblick versehen worden, der ihn sein „Gepanzertes“ verlieren ließ. Es gibt ein Regal für Dich, ich guck, wenn ich links zur Seite guck, auf Prinz Eisenherz, der Sichtdiagonale folgend auf die Dicks (Philip K. Uwe) und DeLillo im Hauptregal.... ah, es zischt, Moment bitte...
... Sò, lecker. Morgencigarillo. In den Lücken des Hauptregals stehen – so nennt Αναδυομένη sie, die mir gestern den Mitteltisch entwackelt hat und dafür im Flur eingeleitert wurde, der nun nahezu buchfrei ist und Deine und meine Klamotten aufgenommen hat, welche wiederum von ihr und mir Stück für Stück zusammengelegt wurden -... stehen staubfängerische Rumsteherchen, die sich gut darin machen: die isländische Venus, eine kleine bronzene Antike, eine arabische Öllampe, versteckt das grinsende Köpfchen eines Leprechauns, den Do und ich in Schottland fingen, sowie eine tönerne Tabakpfeife aus Caltanisetta/Sizilien. Sogar für die Noten fand sich ein Platz, sowie ein Regalabschnitt ganz unten für Bücher, die ich erst lesen, bzw. zu Ende lesen will, bevor ich mich entscheide, ob ich sie weggebe oder nicht. Und: nein, Helmut, sowas wie Rapkowski/Theis geb ich doch nicht weg! Das schöne seltene Buch hat einen Ehrenplatz bekommen; mein >>>> Dreyer, übrigens, ging nur liegend ins Regal; da da 'ne Lücke war, hab ich ihn quer reingestellt.
Jetzt ist hinter mir noch Ordnung zu schaffen, außerdem rechts die Seite mit Scanner, Musikcomputer, Drucker zu richten. UF hat protestiert, als er las, ich wolle meine Typoskripte/Manuskripte wegwerfen; jetzt bekommen sie für ihn einen Platz der Aufbewahrung, bis er sie sich rausholt; ich weiß auch schon, wo. Im übrigen schrieb er mir nachts, womit er wohl nicht unrecht hat:und jetzt wieder faulkner - freut mich, daß er an dich geht. du solltest überhaupt wieder mal mehr lesen. es gibt ja kaum beglückenderes als das richtige buch vor der richtigen nase. aber wem sag ich das. du hast es wahrscheinlich in den letzten jahren ziemlich vernachlässigt. aber glaub mir: die droge buch ist genausogut wie musik oder was zu trinken. gönn es dir einfach...Mit fällt dazu Tucholsky ein, den ich aber weggegeben habe: „Meine Bibliothek schreibe ich mir selbst.“ Für diese Arroganz hätt ich ihn eigentlich behalten sollen.
Bon. Wenn das Arbeitszimmer dann fertig sein wird, muß einmal grundgestaubsaugt werden (v o r der eigentlichen Putzaktion), dann geht’s an die Küche. Mit etwas Glück und Durchhaltevermögen ist sie heute abend fertig. Zuletzt kommt dann der Rest Flur dran. Morgen. Der Sonntag vormittag wird Reinigungsvormittag sein. Unterbrochen das alles von dem Cello-Vorspiel ab morgen mittag und einem Ausflug nach Wandlitz am Sonntag mittag; Du bist da wieder einzusammeln von Deiner letzten Klassenfahrt mit Deiner Grundschule; es soll gegrillt werden, alle Kinder, alle Eltern, die Lehrer. Ihr fahrt nachher los, Viertel nach acht hol ich Dich bei Deiner Mama ab und bring Dich zusammen mit den Zwillingskindlein und ihr zum Bus. Bis dahin will ich – Morgenarbeit – die heutige Tranche >>>> Prunier vorbereitet haben. Ab Montag früh wird wieder täglich gelaufen, bis in den Herbst sehr früh morgens immer, mit Αναδυομένη. So die Vornahme. Möglich, daß meine Raucherei dann wieder aufhört. Nach der Wohnung, die für den Geist steht und die Seele, ist der Körper für die Klärung dran. Komisch, normalerweise halte ich das andersrum.

Ich tu mal was, Leser.

Ausräum-, Klärungs- und (Wieder-)Aufbaujournal. Donnerstag, der 25. Juni 2009. Mit Hans Pfitzner und Franz Schubert.

5.17 Uhr:
[Arbeitswohnung. Heinichen, O Schmerzenstag (Konzert vom 14.11.08).]
Nein, ist kein Schmerzenstag, eher kosolidier ich mich wohl wieder, weil die angestrebte Wohnraumklarheit sich herstellt, auch wenn noch alles wie drunter und drüber aussieht. Außerdem wird eine Kirchengemeinde die ganzen aussortierten Bücher nächste Woche abholen, ich muß also wirklich nichts wegwerfen (weggeworfen hab ich allerdings Broschüren wie „Blätter zur Berufswahl“, die ich offenbar seit über drei Jahrzehnten mit mir sich herumdösen lasse; es gibt Massen davon; und was, im Ernst, will jemand noch mit „Schriftstellerlexikon 2001“ anfangen?) Latte macchiato. Ich werd auch an die von mir gesammelten >>>> horen-Ausgaben gehen, ebenso an die Ausgaben von „text und kritik“: durchschauen, was noch von Interesse für mich ist, alles andere kommt weg. Das wären dann weitere gewonnene drei bis vier Meter. Oh je, u n d, o Leser!, diese vielen Leitzordner voller Schriftverkehr aus den ZeitenvordemComputer! Werd ich das je wieder lesen? Auch können die Steuerunterlagen von vor 2003 weg; bis dahin hat das Finanzamt ja definitiv alles per Bescheid gefixt. Und die Ausdrucke der ersten und zweiten und dritten Fassungen von >>>> Wolpertinger, >>>> Thetis usw.... brauch ich sicher a u c h nicht mehr. Übern Daumen: was ich seit fünf Jahren nicht mehr angeschaut habe, werde ich nicht mehr anschauen.

Bevor ich mich ans „Werk“ mache, muß ich mich allerdings ans Werk machen: die nächste Tranche von >>>> Pruniers New-York-Übersetzung einstellen. Er hat nun >>>> ein eigenes Weblog begonnen, schrieb er mir gestern. Schön. „Die Franzosen“ unter Ihnen mögen mal hinschauen. Eigner, vorgestern abend, trug mir auf, nichts über ihn und unsere Treffen öffentlich zu machen; literarisch sei es allerdings etwas anderes; also wird er einen nom de guerre bekommen, sagen wir „Kignčrs“. Er war sichtlich bewaffnet unter seinem schweren Flanell-Jackett am Dienstag abend praters, auch wenn er es immer wieder über das Halfter zurechtzog; ich habe einen Blick für Krieger. Einträchtig, im anonymen Belang, saßen sie beisammen, der Profi und er, im aufgefrischten Wind, der in die vielen Köpfe unter den Kastanien fuhr. Wiederum gestern abend ging k e i n Wind, als Αναδυομένη und ich bei ihr vor der kleinen Fensterfront auf einer Bank saßen und die Meeräsche verzehrten, die sie mit Knoblauch und Olivenöl in den Ofen geschoben hatte, als die gegart und mit einem handwarmen Pilzragout angerichtet war; wozu es Weißbrot und Bier gab; wir saßen da wie Brem vor seiner Baracke, wenn er meditierend in die Ostwelt schaut, die d a etwas von frühem Wildem Westen hat, wenn er - allenfalls - an einer seiner schaurigen Holzfiguren schnitzt. >>>> Argo. Es kommt w i e d e r. Vielleicht bereite ich mich auch darauf vor. Αναδυομένη meinte, wenn ich mit meinem Jungen, Zelt und keinen Büchern nach >>>> Solfatara gereist sein werde: es sei vielleicht d a die Zeit für die >>>> Bamberger Elegien, vielleicht d a n n der Abstand, den ich suche; überdies werde ich den Laptop nicht mitnehmen, nur das letzte Handtyposkript, ein paar Stifte und die Manuskriptkladde, die mir >>>> diadorim aus Buenos Aires geschickt hat: deutlicher kann jemand nicht den Finger heben, nicht freundlicher, aber auch nicht bestimmter: kehr mal aus den kybernetischen Welten zum Eingemachten zurück. Als ich heute morgen aufwacht und hochsah, sah ich das geklärte Hauptregal der Bibliothek. Schau ich vom Schreibtisch aus geradeaus, schau ich auf das Lyrikregal und staune leise, wie vieles d a ist...
Gut: >>>> Le Roman de Manhattan appelle.

(Ich muß heute unbedingt ans Cello: am Samstag ist das Konzert, heute abend die letzte Ensemble-Probe.)

6.25 Uhr:
[Hans Pfitzner, Das Herz.]
Plötzlich geht ein schwerer warmer Regen hernieder: Fruchtbarkeits-Versprechen. Ich hoff aber, bis nachmittags klärt sich der Himmel wieder auf, da Du heute Hoffest in Deiner Schule hast. Wieso ich grad auf Pfitzner komme? Keine Ahnung, ich sah die CD-Reihen durch und zog die Aufnahme heraus.

[Unmittelbare Frage, nachdem ich eben ins booklet las: Ist Musik politisch - also unabhängig vom vertonten Text? Das heißt: gibt es moralische, gibt es "unmoralische" Musik? Die Frage hat ihr Brennendes nie verloren, auch wenn die Glätte des Siegreichen Kapitalismus darüber hinweggeschmiert hat. Wie steht es um Céline? Céline zu lesen, bedeutet gleichermaßen Hochachtung, Begeisterung zu empfinden, aber auch Abscheu, der Rassismus ist de facto unerträglich, auch in der Reise ans Ende der Nacht; ich schrieb ja ein Hörstück darüber. Dieses konkret Widerliche fehlt bei Pfitzner, eher findet man es hie und da bei Wagner. Man hört bei Pfitzner vor allem Melancholie, bisweilen Depression, was zu den Nazihorden, denen er ja zusprach, wenig passen will, es sei denn, man versteht die losgelassene Brandschatzungsmentalität als primitive Verschiebung. Aus der Musik, ihrem Klang, ihrer tonalen, darin aber durchaus gebrochenen Aura, hört sich dergleichen n i c h t. Man muß sich immer wieder mal vorstellen, wie so ein KZ-Kommandant draußen die Leute in den Gastod schickt, und geschunden werden sie ohnedies, und wie er dabei, abends dann, im Keis der lieben Familie, diese melancholischen Musiken hört... nicht nur Pfitzner, eben, Schubert vor allem, immer wieder Franz Schubert. Wenn Leonard Bernstein davon sprach, es sei unmöglich, aus einer Aufführung der Sechsten Mahlers herauszukommen, ohne geläutert zu sein - dann wird einem klar, w i e sehr er geirrt hat. Melancholische Musik als Entlastungsmusik. Schaurig.]