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Arbeitsjournal
10.39 Uhr:
Die Füße im Fußbad. Mich vorbereitend pflegen. شجرة. Vorabends auf der Ausstellung bei >>>> Sigurd Wendland: U‘s Bildnis, der schiefgelegte Kopf, der aufmüpfige Blick, immer noch ein bißchen zu männlich, als hätte der Maler diese Aufforderung (unbewußt) abwehren, sich ihr gar nicht erst ausliefern wollen. Angst vor Kontrollverlust? Lüsternheit hätte hineingemußt, diese weibliche, fordernde Lüsternheit: Hälst du? Den Oberkörper entblößt, die Narbe, wo die Brust war, die andere Brust, die noch da ist, der Nippel erigiert. Mutig, sich so malen zu lassen, mehr: triumphierend wie die Deneuve, als sie, auf dem Balkon stehend, das amputierte Bein zeigt ( d a s zeigt sie, eben w e i l es nun fehlt).
Wendland hat ein sehr gutes Gefühl für Körper. Er kann >>>> Brüste malen, so, daß ich sie in der Hand spüre. Er kann malen, wie sie fallen. Wo sie fallen. Wie ihre Organik mit der Schwerkraft agiert. Aber er will zum einen immer ihre Verwundungen fassen („wäre dein Krebs nicht, hätte ich kein Interesse, dich zu malen“, habe er zu U. gesagt), und er überlädt seine meisten Bilder mit Botschaften, meist politischen. Das Elend nahezu aller politischen Kunst. Man möchte ihm zurufen: laß das Phänomen doch mal s e i n, einfach sein, es ist schwer genug, einen Fuß zu malen, eine Hand, einen Hals. Mehr braucht es doch nicht. Der Profi spricht vom „Malerischen“; die scheinbar harmlosesten Bilder sind Wendlands besten: eine Landschaft, eine Aktstudie von alter Frau, die verfettet ist und besonders fette Klunker an den in die verschwemmte Taille gestemmten Händen trägt, die Bewegungsstudie einer nackten Frau, die, das linke Bein anhebend, über das Seil des Boxrings steigt. Im Atelier hängen Fotos von Ensslin und Baader, eines zeigt die beiden nach dem Geschlechtsakt: Baader dahingestreckt, sehr innig und da in der kindhaften Ergebung nach dem Orgasmus, Enssling bereits wieder voll Pragmatismus, Nacktheit als Hülle.
U. beteuert mehrfach, daß sie immer habe mit mir schlafen wollen. Seit sie mich zum ersten Mal sah. Aber das sei halt nicht gegangen, gehe halt nicht, wegen meiner Freundschaft zu W. Der sitzt dabei und hört alles an, mir ist das peinlich, zumal uns der in sich hineingrinsende Profi beobachtet. Um es nun doch irgendwie hinzukriegen, und sei's symbolisch, versucht U., mich und ihre Freundin zu verkuppeln, mit der sie sich schon einmal in einen Mann geteilt hat, nacheinander allerdings; der habe die Lust gehabt, den katholischen Priester zu geben, auch Predigten gehalten, öffentliche, tatsächlich, und dabei Frauen pikant zu berühren. Die Freundin, nennen wir sie Ismaela, ist dem weißen Wal nicht abgeneigt, der aber denkt شجرة. Dabei wäre er selber nicht abgeneigt. Aber شجرة. Ismaela, beim Abschied, spricht davon, wie reizvoll auch sie sich wölbende Bruste finde, die sie selber nicht hat und habe, ja, sie sagt es so, durchaus mit Blick auf den Wal. Die Wendland-Bilder haben das Gespräch, auch dann noch >>>> in der Bar, völlig durchsexualisiert, es ist kein Entkommen. Es ist, als müßten wir wahrmachen, was die Bilder selber wieder schnell wegwischen - als müßten wir diese Bilder erfüllen, wie ihnen die Wahrheit zu geben, die ihnen der Maler vorenthält. Eine spannende Interaktion zwischen Bild und Betrachter. Wir reden über Schwänze, „Fleisch“schwänze und „Blut“schwänze, auch das aufgrund eines Bildes. Der Profi ist dabei, W. ist dabei und U., sowie Ismaela und ich. U. macht mich zum Sexualobjekt, was mir gut gefällt, auch wenn ich mich mit ironischer Delikatesse unberührbar gebe, es ja b i n, derzeit: شجرة. Auf meinem Schreibtisch das Bild, das mir Αναδυομένη geschenkt hat, die leicht gekippte Celloform ihres Körpers, die eine freie Brust. Ein rasend schönes Bild, aber sanft und (bewußt?) n i c h t von der erotischen Schärfe, die der Löwin Bilder haben (ich meine nicht das im Regal, das Αναδυομένη sah und das sie verletzte, sondern die hingebenden, anbietenden auf meinem Schreibtisch).
Beide Brüste für den Mann zu entblößen, ist Natur, eine für ihn zu entblößten, Erotik. Das übrigens ist die gut-perverse Erotik an U.'s Gemälde: sie kann den ganzen Oberkörper freimachen, es wird fortan immer Erotik sein. Egal wo. Auch in der Sauna. Die Amputation schützt diese Frau fortan vor jeder Profanierung durch FKK. Genau das ist die Erotik der Deneuve gewesen; dies zu erfassen, war angestrebt.
Morgen sind wir in Pamplona, Jan van Mersbergen. Ich habe das Buch vorgenommen, das mir Manuela Reichart zur Rezension für den WDR geschickt hat. Es wird sich gut in einem, höchsten zwei Tagen lesen lassen, so daß ich, bevor ich am Montag in die Serengeti reisen werde, die Rezension ebenfalls fertighaben kann. Geldarbeit, aber der Text läßt sich gut an; eine Qual wird das nicht. Danach >>>> Danz. Eines nach dem anderen, ruhig, entschieden, mich nicht nervös machen zu lassen von dem Wust an Arbeit.
Wegen Scelsi noch keine Nachricht von Büning. Aber ich bin da gefaßt. Sowieso.
Der Rotwein im Atelier und das Bier in der Bar vertrugen sich nicht: erzählte mir heute morgen mein Kopf. Aber er war mild mit mir. Ich mußte nur aufstehen, schon war der Kater leispfötig weg durch den.Türspalt zum Flur. Ich habe den Eindruck, mein Schwanz wird schwerer. Seltsam. Wie ein Organ, das sich, nach etwas Ruhe, bereitmacht und füllt.
11.37 Uhr:
Wenn ich am Ende meines Lebens sagen kann: Ich wurde von Frauen g e l i e b t, dann hat sich mein Leben gelohnt. Es braucht gar nicht mehr. Doch, meinen Sohn, meine Kinder. Aber dann kommt lange nichts. „Du bist der erste Mann, der schon in mir war, bevor ich ihm begegnete; seit Ewigkeiten“, sagte die Löwin. Ein ebenso magischer Satz wie >>>> „Du wirst mich nie wieder los“. Die pure sinnlichste Literatur. Das Leben als einen Roman begreifen (10).

albannikolaiherbst - Samstag, 7. November 2009, 11:17- Rubrik: Arbeitsjournal
11.29 Uhr:
Den Scelsi fertigbekommen, nachdem ich gestern nacht fast 18 DIN-A-4-Seiten meiner Lektüre-Exzerpte zusammenhatte, dabei lief dauernd diese magisch, zugleich oft kalte Musik, ging in mich rein, ich merkte: das ist nicht nur gut für meine Seele, es schiebt auch weg... so daß ich dann aufgab, h a l b aufgab (halb machte ich immer weiter); „nebenbei“ die Löwin im Gespräch, Fotos gingen hin und her, dann war da ein mythischer Eifersuchtsausbruch, mythisch ist das richtige Wort, ja, Shajarad (man s e h e es: شجرة حبة), ich bestehe noch heute morgen darauf. Etwas von dieser Stimmung soll in dem Text sein. „Die Geburt der Welt aus dem Klang“ habe ich ihn genannt, keine Ahnung, ob mir die FAZ diesen Titel lassen wird. Soeben ging der Artikel an UF und die Löwin zum Gegenlesen hinüber; er ist doppelt so lang, wie locker ausgemacht war, wobei mir Büning allerdings mehr Platz zugestehen wolle, wenn „es lohne“. D a ß es lohnt, muß mein Text unmittelbar klarmachen. Und warum. Die Idee, eines meiner >>>> Scelsi-Gedichte zu zitieren oder auch nur drauf anzuspielen, daß ich welche geschrieben und veröffentlicht habe, habe ich übrigens wie selbstverständlich fallenlassen; es hätte sich weder „gehört“, noch wäre es auch nur angemessen gewesen.
Verschlafen habe ich, um kurz nach halb acht riß mich ein Anruf लकs aus dem Schlaf: mein Junge komme etwas später (ich wollte ihm einen von gestern übriggebliebenen, mit Zucker bestreuten Eierpfannkuchen in die Pause mitgeben); ruckartig stand ich. Dann runter, dem Buben sein Futter gegeben, kurz aufs Rad, weil ich Vietnamesenzigaretten holen wollte, die Schmuggler standen aber nicht da. Also Pfeife, latte macchiato und Schreibtisch. In einem Zug, wie ich's vorgehabt, wie ich's imaginiert hatte, schrieb ich bis eben durch. Darum bin ich auch mit dem Arbeitsjournal ein wenig spät dran.
Um halb drei kommt der Bub zum Essen, ich muß noch was einkaufen und kochen eh. Ich wollte mir die Zeit für Körper-, besonders die Fußpflege nehmen, weiß aber jetzt nicht, woher. Statt dessen werde ich sofort die >>>> Daniela-Danz-Arbeit aufnehmen und alles lesen, was ich von ihr hierhab. Auch das in einem Zug. Nebenher sind noch die Essays in einer durchlaufenden Datei zusammenzufassen. >>>> Abendschein skypte wegen etBooks; er will unbedingt die >>>> kleine Theorie des Literarischen Bloggens als ebook-Publikation haben, zu der es eine kleinauflagige Print-Edition geben wird. Darüber habe ich ja schon dann und wann geschrieben.
--- ah, UF's Lektorat kommt bei Skype-...
...hm, ein Einwand, der für einen Satz eine längere Erklärung will, was wiederum den Artikel verlängerte. Ich warte mal ab, was Büing sagt. Indes شجرة حبة eben schrieb: „Jeder, der ihn liest und Scelsi noch nicht kennt, wird eine Sehnsucht empfinden, ihn nun für sich zu entdecken.“ Wenn d a s der Fall ist, hätt ich erreicht, was ich will.

albannikolaiherbst - Freitag, 6. November 2009, 12:05- Rubrik: Arbeitsjournal
4.32 Uhr:
[Am Terrarium. Scelsi, Wo ma (1960).]
Wir denken Sexualität und Liebe zusammen; nicht das ist der Fehler, sondern daß wir glauben, das bleibt so. So die Lehre, die mir die Löwin erteilt, wie ich sie - bizarre Gerechtigkeit - jahrvor Αναδυομένη nicht erteilte, womit ich sie aber doch warnte und strikt auf dem Bestand ihrer Ehe beharrte. Nun beharrt die Löwin klug auf der ihren. Das hat, für mich, durchaus etwas von einer Gegenübertragung. Jedenfalls lern ich. Je älter ich nun werde, desto mehr ahne ich, wie bürgerlich-selbst unsere jugendliche Aufsässigkeitsrede von der „doppelten Moral“ gewesen ist, die wir der Bourgeoisie vorwarfen; w i e wenig Lebenskenntnis dahintersteckte (und, selbstverständlich, dahinterstecken k o n n t e: man war halt erst zwanzig). Welch eine Unreife, denk ich manchmal jetzt. Wie werden die „Alten“, die Kinder hatten, für die sie sorgten, die Köpfe über uns geschüttelt haben. Es wäre der Idealfall einer Liebesbeziehung aber, sagte Αναδυομένη, wenn sich die Partner von ihren erotischen Obsessionen gegenseitig erzählen, ja sich mit ihnen sogar aufputschen könnten, ohne daß immer gleich Verlustangst ins Spiel kommt, die hinter „Eifersucht“ ja doch mit mehrerem oder minderem Recht s t e c k t. „Menschen sind uneindeutig“, mein Grund-Satz seit einigen Jahren. Eindeutigkeit, letztlich, ist kindlich. Und: so wenig K i n d e r mit Ambivalenz (und also mit Ironie) umgehen können - sie macht sie krank -, so wenig ist Reife o h n e sie denkbar; man kann fast sagen, daß Eindeutigkeit den reifen Menschen krankmacht, indem sie ihn auf der Stufe des Kindes verharren oder dahinein regredieren läßt. „Hoch“moralische Zeit, das erklärt's, sind deshalb Zeiten der menschlichen Unreife. Aus dieser Perspektive ist ein Menschenleben der Prozeß, der einen die Uneineindeutigkeiten allmählich erkennen, sie dann akzeptieren und schließlich, vielleicht sogar, lieben läßt.
Heute habe ich wirklich wenig geschlafen. Bei den Zwillingskindlein geschlafen, die herbstgrippal erkrankt sind. Rechts das Mädel, links der Bub. Gegen ein Uhr nachts, um kurz nach zwölf war ich „schlafen“ gegangen, ging die Bölkerei los. Ich schlummerte mehr als zu schlafen, zwischendurch auf, nach Hustenstiller fürs Mädel gesucht, hingelegt; auch der Bub unruhig, und dann... er dreht sich, wälzt sich, wirft sich herum.. - knallt er mir voll den Unterarm übers Gesicht. Ich mußte aufpassen, nicht loszulachen, so komisch war das, wenn ich vom Schrecken mal abseh. Ab drei war ich dann selbst nur noch unruhig, weil लक keinen Schlüssel mit-, sondern den ihren für mich hiergelassen hatte; sie war nach der Tagesschicht gebeten worden - auch sie: welch eine Frau! -, noch im BLOOD, einem der härtesten Punk-Clubs Berlins, „die Tür“ zu geben. Man sieht's ihr ja nicht an, aber wenn sie zuschlägt, schlägt sie zu; das kann auch s c h w e r e Männer fällen. Sie entscheidet immer aus dem Bauch, wer reindarf, wer nicht. Ich seh, kurz vorher, das Blitzen in ihren Augen. Offenbar sehen andre das auch – und sehen sich vor. Lammfromm alles, wenn sie an der Tür steht. Um vier kam sie dann, da stand ich auf und blieb auf. Sie hatte sich, weißGöttin woher, ein Steak mitgebracht, daß sie dann noch in sich hineinschlang, bevor sie schlafen ging. Ich dachte, jetzt kann ich auch gleich aufbleiben. Kaffee. Zigarette auf der Allee. Und jetzt Scelsi.
Die einzige in ihrer Ausführlichkeit akzeptable Lebensbeschreibung finde ich >>>> auf der Site der fondazione Isabella Scelsi, aber ich hab so gut wie keinen Vokabelschatz mehr. Auch die Scelsi-Booklets sind auf Italienisch. Gut, auch auf Englisch, aber das mag ich aus innerem Anti-US-Amerikanismus nicht lesen. Lieber lese ich französisch, wovon ich nun n o c h weniger als vom Italienischen verstehe. Ich werde beschwörend denken: „Shakespeare, Kipling, Nabokov, Pynchon“, wieder und wieder, werde es wie ein Mantra vor mich hinsummen, um mir das Englische wenigstens vorübergehend verlockend zu machen; ohne das aber geht’s nicht. Was natürlich auch an der „Musik“ liegt, mit der man tagaus tagein öffentlich genervt wird; auch die favorisiert ja das Englische. Dann wiederum sag ich mir: Mensch, Jarrett ist a u c h US-Amerikaner, Meyer Kupferman ist einer, Charles Ives war einer, Leonard Bernstein war einer. - Aber das alles ist ziemlich anstrengend.
Scelsi war italienischer Aristokrat von sizilianischer Herkunft. Ich finde, daß ihn schon das sympathisch macht, zumal er Außenseiter war. Ideal als Projektionsfigur für mein Ich-Ideal. Außerdem hatte er Geld. Schöne Vorstellung.
8.10 Uhr:
[Arbeitswohnung. Scelsi, Yamaon für Baßstimme und fünf Instrumentalisten (1954-58).] So, am Schreibtisch. Latte macchiato, Cigarillo.
Scelsi, weiter.

albannikolaiherbst - Donnerstag, 5. November 2009, 05:01- Rubrik: Arbeitsjournal
5.29 Uhr:
Es sind d o c h immer noch Feinheiten, die mir auffallen, während ich jetzt die zweifach durchkorrigierte fünfte Fassung der Elegien abschließend lese, immer noch ein Ausdruck hier, ein Satz dort, wo es nicht genau ist. Also zieht sich das letztkorrigierende Screen-Lesen wahrscheinlich noch bis zum Mittag hin. Und eventuell muß ich nachher wegen der Zwillingskindlein einspringen; ein Kinderarztbesuch wird das klären. Ich bin auf dem Sprung ans Terrarium, sofern der entsprechende Anruf kommt. Was ich sonst heute tun will, den Scelsi-Text schreiben, kann ich auch drüben tun; den Sprechertermin für das Danz-Stück festlegen; Emails schreiben usw. Und einen Ausdruck der Elegien brauche ich ja physisch, imgrunde, nur für mich.
Löwinnen-Entgrenzung gestern nacht. „Ich bin krass drauf“, schrieb sie. Ich auch. Eingeschlafen mit ihrer Stimme, nicht der abstrakten des Skypes, im Ohr. Tags war Αναδυομένη hergekommen, hatte mir eine Amaryllis mitgebracht, die jetzt am Schreibtisch steht, und ein Bild. „Ich hatte es für dich gerade fertiggemacht. Dann sah ich das Bild der Löwin. Das verletzte mich auch deshalb. Aber ich habe die älteren Rechte. Auch ich habe bei deinen Frauen zu stehen.“ Die älteren Rechte. Ich dachte/denke an Ortrud. Wolpertinger-Zeit. „Du wilde Seherin!“ singt Telramund. Immer wollte ich etwas darüber schreiben. Die Frauen und das Patriarchat. Spätestens am nächsten Montag reise ich in die Serengeti. Hängt von DB ab, ob schon am Sonntag. Ich werde es morgen erfahren. „Mir steht ein Meer vor Augen, oben Bläue,/doch in der Tiefe waberndes Getier“; Benn, in der Kneipe, sah die Schöpfung.
Um kurz vor fünf hoch.
9.27 Uhr:
Fertig geworden. Jetzt schnell duschen, dann ausdrucken, dann muß ich ans Terrarium: das Telefonat rief mich hin. Alles Weitere arbeite ich dort. Draußen gießt es und gießt es.
16.30 Uhr:
[Am Terrarium.]
Der erste Schneesturm war, etwa eine Stunde lang. Dann wieder Regen.
Das >>>> virtuelle Seminar durchlektoriert, also was bis jetzt da einging. Dann mit dem Scelsi begonnen.
Der Tag hat n o c h eine Wende genommen, ich werde nun auch abends bis in die Nacht die Kinder betreuen; ल rief an, sie habe eine Sonderschicht bekommen, ob ich vielleicht... Also sagte ich dem Profi ab. Werde dann den Abend über am Scelsi schreiben, ist eh vernünftig.
Jetzt muß ich erst mal die Elegien hinausschicken. Zu >>>> Matthes & Seitz geh ich morgen früh; ich hab's eh noch nicht geschafft, die Essays in einer Datei zusammenzufassen.

albannikolaiherbst - Mittwoch, 4. November 2009, 05:52- Rubrik: Arbeitsjournal
6.33 Uhr:
Mitten in der Typoskript-Korrektur der sechsten Elegie, ein Übergang hat - logisch - in überhaupt keiner Weise gestimmt; daran biß ich mich gestern fest. Heute morgen, soeben, war's l e i c h t zu lösen. Aber in der Datei, mit dem getippten Bild vor mir, das sofort ein getipptes Bild wieder auswirft, wenn man tippt. Ich denke so sehr mit dem Schriftbild, es ist manchmal nicht zu fassen. Dennoch ist der Schritt, auf dem Papier zu korrigieren, extrem wichtig: da erst, wiederum, merk ich die Fehler. (Ich soll nicht so oft „man sieht“, überhaupt nicht so oft „man“ schreiben, sagte gestern nacht die Löwin am Telefon und sagte es vorher bereits mehrmals in Skype „Sag, was d u willst, sag, was d u forderst, dann tu ich's. Für dich. N u r für dich. Ich bin nicht für jeden devot.“ In Kritiken hab ich's mir längst angewöhnt, das in Kritiken meist noch verbotene Ich. Aber es geht auch um etwas anderes, geht mir darum, etwas Allgemeines zu erfassen. Deshalb. Es den Erscheinungen abzuringen, aus ihnen herauszuwringen. Nur aus dem Subjektiven lassen sich keine Erkenntnisse gewinnen, das heißt, aus dem Subjektiven schon, aber nur für es. Meine Grundüberzeugung ist aber, daß wir alle sehr viel weniger verschieden voneinander sind, als unsere Idee autonomer Persönlichkeiten das erlauben darf. Wäre dem anders, „funktionierte“ Wissenschaft nicht.)
Also die Problemstelle „gelöst“ und jetzt wieder weiter auf dem Papier. Bis 24 Uhr war ich mit dem Profi im Alten Europa; zur Bar war es mir zu weit, weil es so regnete. Ich wurde auch von der Hälfte des Weges ziemlich durchnäßt. Bis kurz nach halb zwei dann noch mal die Löwin, diesmal am Telefon, wir hatten wohl beide eine Sehnsucht, unsere Stimmen zu hören. Die Frau stieg ein mit einer Reflektion darüber, was das Netz mit einem macht (Pardon, Löwin: was das Netz mit uns macht). Wie wir Persönlichkeitsanteile abspalten und dann im Netz inszenieren, auch zwischen diesen Anteilen hin- und herspielen und daß man im Netz bereit ist, sehr viel weiterzugehen, als im direkten Gespräch. Es fällt vieles ab, es schält sich heraus, die Rollen stellen sich nackt aus, das Futteral der Kultur, der, ja:, „guten Erziehung“ reißt ein, die Rücksichtnahme auch auf das ausgekleidete Selbstbild, all das. Man kommt Fantasien des anderen mit und sogar als Anspruch gefordert, die sich überall sonst lieber, und mit Gründen, maskieren, auch vor einem selbst. Jetzt ist, sagte ich, der Moment erreicht, da man die Trümmer dieser Art Rückbau wieder einzeln aufnimmt und zusammensetzt zu einem n e u e n Bau. Der, vielleicht, so etwas nahekommt wie einer Identität mit sich selbst. Nicht nur Kunst und Psychoanalyse sind miteinander verwandt, sondern auch Psychoanalyse und Netz. Es finden permanent Übertragungen und Gegenübertragungen statt.
Also um kurz nach halb zwei ins Bett und um sechs Uhr auf, viereinhalb Stunden, das entspricht an Schlafmenge meinem Arbeitsrahmen; plus der einen Stunde Mittagsschlaf. So gesehen, bin ich in der Disziplin nun wieder drin. Ich habe das zu einem großen Teil der Löwin zu verdanken. Αναδυομένη weiß das, es schmerzt sie. Es schmerzt sie die Entwicklung überhaupt. Gestern sah sie eine Bildcollage der Löwin, die Löwin-a l s-Löwin, die nun fordernd in meinem Regal steht. Sie wurde ganz stumm. Dann ging sie, dann schrieb sie wieder; wir wissen beide genau, was sie tun muß. Aber ihre Situation macht sie eng, sie will und muß diese Enge aufreißen, aber trägt, ebenso wie ich, auch Verantwortung, nur daß meine sich geändert hat, weil die Familie zerbrach, zu der auch der Partner gehört. Bei Αναδυομένη ist das anders. Sie liebt das zugleich, wie sie davon um Luft ringt. Ich kenne das, kenne das gut von mir selbst, als ich selbst noch in der Familie war, ja von weit früher, als noch keine Kinder da waren, als ich mit Do war und auch immer bleiben wollte: wie mich da das bleibende Tier immer wieder hinaustrieb. Auch das ist ein Thema, ein Grundthema, der Elegien. Da keine Kinder da waren, ging ich irgendwann g a n z, und die Beziehung zerbrach. M i t Kindern hätte sie - gegen alle, und wäre sie n o c h so besessen gewesen, „Untreue“ - gehalten, und zwar gut gehalten, einvernehmlich für alle, voll wirklicher Liebe, kulturvoll und reif.
Dies als Sinnen in den Morgen. Es regnet und regnet, hört gar nicht mehr auf.
Weiterkorrigieren. In einer dreiviertel Stunde bring ich meinem Buben seinen Schulranzen runter, gepackt hab ich ihn schon. Meiner Cellolehrerin hab ich für diesen Monat abgesagt. Fast zwei Stunden hab ich gestern mit meiner WDR-Redakteurin telefoniert. Der Danz-Auftrag steht, ich kann anfangen; allerdings wurde die Sendung auf den Februar verschoben; doch wenn ich im Dezember abgebe, bekäme ich auch gleich das Geld. Das beruhigt. Mein Stromboli-Stück, das ich gern aus der >>>> AEOLIA machte, habe sie hingegen nicht durchbekommen in der Programmkonferenz. Schade, sehr schade. Ich hätte es wahnsinnig gern inszeniert. Aber ich hab etwas anderes für 2010 beauftragt bekommen, das ich zudem mit einem der anderen Aufträge von der Buchmesse kombinieren kann, woraus sich vielleicht sogar noch etwas Drittes ergibt, das mit diesen beiden Aufträgen zusammenhängt. Da in Der Dschungel immer gilt: Feind hört mit - sag ich Ihnen (noch) nichts darüber.
Der Profi, der sonst i m m e r skeptisch gegenüber meinen Frauen ist: „Die Löwin tut dir gut. Sie treibt dich, auch in der Arbeit.“ Ich sagte: "Sie ist selbst Künstlerin. Riesengemälde, wie Fichte, und Installationen. Auch wie Fichte.“ Ich zeigte ihm das Bild, er sah es stumm an, gab's zurück. Ich sagte: „Ich bin privilegiert.“ Er sagte: „Ja.“
9.27 Uhr:
Fertig! Rasend schnell ging das jetzt.
Ich frühstücke jetzt was. Dann übertrage ich die Korrekturen in eine neue Datei, formatiere endgültig und, wenn noch Zeit bleibt, lese n o c h einmal alles, aber am Bildschirm. Dann von Open Office auf Word, damit die Verlage das Ding auch öffnen können, sowie für mich selbst und zwei Verlage, die angeklopft haben, einen Ausdruck herstellen. Morgen werden die Elegien bis zum Lektorat abgeschlossen sein. Dann mache ich den Sprecher-Aufnahmetermin fürs >>>> Danz-Stück beim Hauptstadtstudio klar und scheibe daraufhin erstmal meine Scelsi-Besprechung für die Werkausgabe. Morgen also, das alles ab morgen.
17.34 Uhr:
[Jarrett, The Melody at Night, With You (1999).]
Welch ein Gefühl! Eben unter das durchkorrigierte Elegien-Typoskript geschrieben: Bamberg/Berlin.
Juli 2006 - November 2009.
ANH.Dennoch werde ich noch einmal am Schirm lesen, dann ausdrucken. Morgen geht’s weg. Abschluß der Elegien. Bis das Lektorat beginnt.
Heute noch etwas Jarrett, dann den Scelsi für die FAZ. Und nachmittags, morgen, beginnt die Daniela-Danz-Arbeit.
Meine Güte: mehr als drei Jahre! Es sollte doch nur eine Übung für das Nachspiel von ARGO sein.

albannikolaiherbst - Dienstag, 3. November 2009, 07:10- Rubrik: Arbeitsjournal
8.59 Uhr:
Um 5.15 Uhr aufgestanden, 4.40 Uhr hab ich noch nicht geschafft. Aber immerhin. Gleich >>>> an die Kritik zur Roten Zora, nachdem der latte macchiato bereitet war. Die Aufnahme zweimal durchgehört, um Urteile zu festigen oder zu verwerfen. Der neue digitale Recorder (klar machte ich gestern dann aber auch noch einen Aufnahmefehler, weil ich mit der Bedienung noch nicht gut vertraut bin) scheint mir in der Aufnahmequalität an den mit Band betriebenen Sony nicht ganz heranzureichen, aber auch da muß ich erst noch mal „schauen“, weil ich aus Platzgründen gleich per mp3 aufnahm, nicht etwa als wave. Ansonsten aber liegt das Ding leichter in der Hand und läßt sich auch in der Hosentasche mit herumtragen, während der vollmetallene Sony-Recorder zu schwer dafür ist; außerdem ist er größer - zwar nur ein wenig, aber das reicht. Andererseits brauche ich die meisten Aufnahmen ja eh nur, um meine Eindrücke zu festigen; auf wirkliche Studioqualität kommt es dabei nicht an, die kann man (ich) auch gut imaginieren.
Dann >>>> Helbigs Kritik durchredigiert und schließlich beide Links an die Veranstalter geschickt. Zwischendurch klingelte mein Bub, dem ich seinen Schulranzen runterbringen mußte. Ich war direkt nach der Kinderoper gestern Am Terrarium, nahm die Zwillingskindlein vom leiblichen Vater entgegen, weil लक jobben mußte und es nicht rechtzeitig geschafft hätte. Es ist immer ein etwas seltsames, schartiges Gefühl, wenn der leibliche Vater mir die Kleinen übergibt und sie mich mit „Papa“ begrüßen. Ich liebe es, daß sie es tun, aber es tut mir weh für den anderen Mann. Eigentlich sehe ich zu, mich solchen Situationen zu entziehen; diesmal ging das nicht. Gegen halb 23 Uhr radelte ich dann wieder in die Arbeitswohnung. Das scharfkalte Wetter hatte gewechselt in klamme Wärme; Sturm ging; heute morgen, kosequenterweise, regnet es. Eigentlich wollte ich jetzt mit den Elegien unterm Arm hinausgehen, anderswo lesen und korrigieren: für die Distanzierung. Jetzt ist aber dieses Wetter so blöd. Also werde ich wohl doch am Schreibtisch arbeiten, aber, um mich nicht netzverführen zu lassen, offgehen. Auch die Löwin arbeitet. Irgendwann gleich wird Αναδυομένη auf einen latte macchiato vorbeikommen. Und einkaufen muß ich, um für den Mittag, wenn mein Junge aus der Schule kommt, dann auch das Mittagessen vorbereitet zu haben. Wiederum muß ich meiner Cellolehrerin stecken, bei der mein Bub heute nachmittag ebenfalls seinen Unterricht hat, daß ich in diesem Monat aussetzen muß; das bedeutet auch, daß ich an unserem Ensemble-Konzert nicht werde teilnehmen können. Aber ich bekomme es zeitlich in diesem November wirklich nicht anders hin.

albannikolaiherbst - Montag, 2. November 2009, 09:14- Rubrik: Arbeitsjournal
8.03 Uhr:
Meine Augen werden schlecht, jetzt schon morgens; es ermüdet, die Zeilen zu lesen. Aber auch, weil sie nicht stimmen. Stundenlang mit der Löwin in Skype gewesen, „es kommt“, sagt sie, „all dies wird sich in Produktivität umsetzen, da sei dir sicher.“ Momentan setzt es sich in die Produktivität um, die Sauen rauszulassen, bei ihr, bei mir. Dazu immer die Löwinnendrohung „ich bin stark, hüte dich, ich werde dir wehtun, ob ich will oder nicht, wenn du dem nichts entgegensetzt“; das ist wie Brünnhilde, die im Brautbett erwartet, überwältigt, eben: übermannt zu werden; man könnte sagen, wir wiederholten die Geschichte des Patriarchats, aber willentlich als Geschichte, und zwar genau so, wie man in der perversen Bewegung Traumata wiederholt, die man dadurch in Lust transzendiert. Das Rauschhafte daran ist, daß wir es beide wissen und genau darüber auch sprechen können. Nachts dann war ich schließlich stärker als sie, einfach, weil ich zäh bin, auch, weil ich hinter dem, was ich tue, öffentlich stehen kann und stehen würde, verlangte jemand Rechtfertigung von mir. Ich trage keinen inneren Widerspruch mehr aus, folge meinem Instinkt und halte ihn für richtig. Sie hingegen - „nur für dich!“ betont sie, m i t dem Ausrufezeichen - muß loslassen, was (zu recht) emanzipiertes Selbstbild ist, aber was auch ganz unabhängig von den Geschlechtsbildern unser moralisches Weltbild prägt; auch das zu recht und mit Gründen. Lust kann auch Hölle sein, die Religionen wußten es alle. Feuer brennt. Es gab einen kleinen Zusammenbruch in ihr, der Löwin, ich fing sie über die Hunderte Kilometer so gut auf, wie ich's vermochte. Mit einem „du machst mich glücklich“ endete der Tag.
Ich stellte keinen Wecker, schlief einfach, testosterongeschüttelt beim Einschlafen und beim Aufwachen schon wieder. Die dreizehnte Elegie war wie festgefahren, aber mir wurde klar über den Tag, über die Gespräche, über das sich-gegenseitig-Aufputschen, wo ihr Mangel liegt. Ein prinzipieller: Ich war nicht klar genug in ihr, noch immer nicht klar genug. Sie soll Abschluß sein, aber zugleich Aufbruch. Die Elegie soll nicht elegisch, sondern mit einem Zug ins Vitale enden, das bei mir immer ein Sexuelles ist: Zeugung. Ich habe bislang zu sehr die Abrundung im Auge gehabt, ein herbeigezwungenes Harmonisieren, wo es zu harmonisieren nichts gibt. Die Elegie muß in die Schärfe. Es ist, als schriebe ich sie neu. Ich schreibe sie neu, aber verwende das „alte“ Material, Wortmaterial. Dazu aber der strenge Rhythmus und immer die Frage: wo breche ich ihn, wo m u ß er sich brechen.
Die Löwin, imgrunde, will ein Doppelleben; deshalb ist ihr die Entfernung so recht. Mir kommt dieses Wollen zwar entgegen, es kommt meiner sozialen Wirklichkeit entgegen, es widerstrebt mir aber imgrunde, wiewohl ich natürlich ebenfalls weiß, daß ich für die soziale Wirklichkeit dieser Frau, auch für ihre emotionale Sicherheit, alles andere als bürgen könnte, gegebenenfalls. Im Gegenteil, gingen wir bruchlos zusammen, brächen ganze Straßenzüge weg, die wir selbst mit entwarfen, aufbauten und nach wie vor für schöne halten, angenehm bewohnbar, für menschlich, für verantwortungsvoll und also: g u t. Wir sind zudem deren Bewohnern liebevoll verpflichtet; ich, wegen der Kinder, mehr noch als sie: Schutzlose haben den Vorrang, zumal, wenn man sie liebt. Hier greift bei ihr der weibliche Pragmatismus, bei mir greift meine Kultur, die ohne Vaterschaft nicht mehr denkbar, fühlbar wäre. Auch das ist ihr bewußt: daß ich Vater sei, sei einer der Gründe, weshalb ich für sie, um d i e s e s zu leben, überhaupt infrage gekommen sei; nicht n u r deshalb, aber a u c h deshalb habe sie mich gewählt. „Ich kannte dich schon lange, bevor wir uns trafen.“
Ich bin nervös. Der November hat begonnen, Anfang Dezember muß so vieles fertigsein, das noch nicht einmal begonnen wurde. Meine Ökonomie steht auf dem Spiel. Da kommt die Löwin und legt an alles Feuer, und ich, bei ihr, erscheine und werfe die brennende Fackel ebenfalls in den trockenen Busch. Jetzt muß dieses Feuer in die Elegie. Die Gemälde der Löwin hat es schon erfaßt, schreibt sie. Brennend enden. „Kannst du d r e i Frauen lieben?“ fragte die Löwin. Verdammt noch mal, sie stellt die richtigen Fragen. „Wir sind, jeder für sich, mehrere“ habe ich immer gesagt. Hier ist jetzt eine gekommen, die an mich den Anspruch stellt. Halte das, was du sagst. Sei mit ihm auf derselben Höhe; nur dann hälst du m i c h. (Ich erniedrige. Ich überhöhe. Das ist kein Spiel, aber wir tun gut dran, es ein Spiel zu nennen.)
Dreizehnte.
(Der Arbeitstag wird für die Elegien nur bis zum späten Mittag gehen; nachmittags >>>> Kinderoper mit meinem Jungen. Danach ans Terrarium, um die Zwillingskindlein, und meinen Jungen a u c h, zu hüten. Dort werde ich dann abends die Kritik schreiben. Ab morgen beginnt die Schulwoche wieder.)
9.45 Uhr:
Die erste der drei (engformatiert vollen) Elegie-Seiten fertig. Mit einer halben Räuchermakrele gefrühstückt, sie gefrühstückt, nachdem ich ihre andere Hälfte gestern nacht noch verzehrt hatte. Eiweiße. Müssen Sie mir nicht sagen, weiß ich selbst. Nach der zweiten Seite, wenn das jetzt so weiterläuft, unter die Dusche. Dringend. Ich seh nach Clochard aus. Zweiter latte macchiato. Cigarillo.
11.14 Uhr:
Zweite Seite fertig. Rasieren jetzt. Duschen. Mich kleiden.
13.35 Uhr:
Fertiggeworden. Die Dreizehnte druckt gerade aus. Jetzt bin ich gespannt, wie sich das alles auf Papier liest. 11Punkt, also ziemlich kleine Schrift; der Formatierung halber aber ist das nötig. Übern Daumen gepeilt werden es zwischen 150 und 200 Buchseiten werden. Das jedenfalls bringe ich bis zum Mittwoch zuende, dann gehen die Typoskripote an die Verlage; ob ich tatsächlich noch das Pettersson-Requiem anhänge, entscheide ich später in Absprache mit dem Lektorat. Es eilt nicht, jetzt ist erstmal anderes vordringlich: das Danz-Hörstück, der Eigner-Aufsatz, die Scelsi-Werkbesprechung, die kleine Rezension für Manuela Reichart/WDR, das „geheime“ Buchprojekt, dessen erste drei Kapitel bis Anfang Dezember bei dem auftraggebenden Verlag liegen müssen, die Essay-Sammlung noch für eventuell Matthes & Seitz. „Zwischendurch“ muß ich noch nach Heidelberg, sowieso auch ans virtuelle Seminar, und außerdem weiter auswärts mit ** etwas erledigen, das ein Reise'chen erfordert.
Was essen. Zusammenpacken für Kinderoper und Abend.
14.28 Uhr:
Nun hab ich es sogar noch geschafft, einen >>>> Partikel aus der Neunten Elegie einzustellen. Prima. Espresso. Cigarillo. Gleich ist's Zeit aufzubrechen. Die Löwin noch, indem sie auf meine Reflektion von heute früh reagiert und ganz Literatur:Ich will kein Doppelleben: Ich will ein Alter Ego. Besser gesagt, ich habe es schon und will es benennen.Schlingen. (Meine Funknetz-Verbindung wackelt wieder.)

albannikolaiherbst - Sonntag, 1. November 2009, 08:34- Rubrik: Arbeitsjournal
5.50 Uhr:
[Am Terrarium.]
Kaffee. Morgenzigarette auf der noch dunklen Allee, Lichter bis zum Fernsehturm am Alex. Bin über Nacht hier geblieben, hab auf dem Laptop die Verfilmung der Illuminati gesehen: bis auf die etwas sehr plötzlich d e r-ist-der-Täter-Wendung am Ende ganz gut gemachter Verschwörungskrimi. Dazu paßte dann eben nebenan die Inschrift: Niemand folgt dir in das grenzenlose Alleinsein, nur Gott. So steht's seitlich links über der Klingelpaneele eines Nebenhauses, worin im Keller eine kirchliche Freigemeinde tagt. Man kann die Gläubigen bislang zu den Höfen hinaussingen hören, und alte Menschen sitzen oft souterrain im Kreis um mit Kerzen gedeckte Tische zu Kaffee & Kuchen. Unmittelbar, rauchend, geriet ich in eine Art Meditation, nicht über Gott, sondern über die Angst, die das „grenzenlose Alleinsein“ beschreibt: momentlang sah ich es und verstand Müller-Stahl, der als Kardinal sagt: „Wir sind die einzigen, die den Verlorenen und Ängstlichen Hoffnung geben.“ Womit er die Kirche meint. Verstand zugleich, welch ein Ausmaß an Macht das eben deshalb bedeutet. Wäre die Vorstellung des grenzenlosen Alleinseins nicht als ein sinnliches Gefühl, es gäbe diese Macht nicht. Man kann aber von etwas anderem als einem Alleinsein nicht ausgehen, wofern man an ein irgendwie identisches Fortleben glaubt, das freilich an Bewußtsein gebunden sein muß. Ein nichtbewußtes Fortleben wäre weit jenseits jeder bekannten fühlbaren Vorstellung. Das ging mir sekundenschnell durch den Kopf, ich hatte so etwas wie ein ungebundenes Interesse, das vielleicht Kants interesselosem Wohlgefallen nahkommt und tatsächlich etwas von Meditation hatte. Dauerte aber nur bis zur Kippe, dann ging ich wieder hoch.
„Irrtümlich“ Kaffee gekauft, beim Kurden, der vierundzwanzig Stunden täglich offenhat; ein mir nicht bekannter Mann um die vierzig hilft da jetzt aus; er wischte gerade den Boden, als ich hereinspazierte. Auf dem Bürgersteig dahin, es sind nur hundert Meter, lag eine Bierflasche quer zersplittert, die Scherben liegengelassen; den ganzen Abend über flanierten und gröhlten unten Jugendlichengruppen und schwenkten ihr Bier. Die Scherben der zerbrochenen Bierflasche kommen mir jetzt wie Alleinsein durch Zerschlagen vor; ich habe den Gedanken aber erst, indem ich ihn schreibe. „Irrtümlich“: ich fand, daß noch Kaffee hier ist, erst, nachdem ich zurückwar.
An die dreizehnte. Gegen acht radle ich in die Arbeitswohnung rüber. Ich sitze hier in einer großen Gelassenheit. (Entschied mich gestern nacht, nun erst mal d o c h nicht das Pettersson-Requiem an die Elegien zu hängen; es gehört in dieselbe Entwicklungsphase, ja, aber irgendwie würde ein Anhang, Appendix, wie Sie nun wollen, wie etwas wirken, was den Elegien noch als Stützung beigegeben werden muß; das wäre nun grundfalsch. Ich weiß andererseits aber nicht, wo das kleine Requiem s o n s t veröffentlichen; es würde in Dielmanns 16er Reihe passen, aber von Dielmann will ich mich ja grad lösen. Hm.)
Guten Morgen, Leser. (Der Profi rief noch an; man hatte im Radio den Begriff „Studierendenschaft“ ausgesprochen; er war auf seine ironische, teils abfällige Art entrüstet. „Studentenschaft“ heiße das. Ich mußte ihm erklären, daß „Studierende“ unterdessen aus Gender„correctness“ der allgemeine Sprachgebrauch sei; er: „Aber das ist doch ganz falsch!“ Ja, einer der in der Kneipe säuft, mag ein Student sein, ein Studierender ist er da aber nicht; ein Studierender ist er nur dann, während er studiert... Es werden immer mehr absichtliche Fehler in die Sprache geflößt, es wird immer mehr gefälscht: die „gute Absicht“ wird zu Geschichte.)
Ich habe im Zimmer meines Jungen geschlafen, der seinerseits bei seiner Freundin schlief. Um 5.16 Uhr stand ich auf. Das ist schon mal w a s. Zweimal nachts weinten nebenan die Kleinen, riefen nach der Mama; sie waren aber immer schnell zu beruhigen. Ich hätte mich auch hinzulegen können, aber meine, daß sie langsam lernen müssen, alleine zu schlafen mit ihren nun bald drei Jahren. Außerdem sind sie zu zweit, sie brauchen nicht Gott.
Siedendheiß fiel mir gestern abend ein, daß zu allem sonstigen bis zum Anfang Dezember auch mein Aufsatz über >>>> Eigner für >>>> die horen fertigsein muß. Also: Ich muß ihn überhaupt erst mal zu schreiben beginnen....
8.36 Uhr:
[Arbeitswohnung. Keith Jarrett Paris London Testament, 2008.]
So, jetzt wieder hier. An die Dreizehnte. Vor mir auf dem Schreibtisch das Löwinnenbild. Ein halbes Gesicht, die linke, elfenbeinfarben behandschuhte Hand unter der schweren linken Brust, die sie hebt. Das Auge schwimmt in einer suchenden Trauer, dies kombiniert mit einer Ästhetik, die nicht nur entfernt an Helmut Newton erinnert, nur daß der Lack fehlt. Was an dem Auge liegt. Das blondine Haar, dessen vorgestreifte Enden bis zum Busen, der Bucht also, reichen, wirkt trotz der vermeintlichen Auflösung streng; es geht, ohne aufzuliegen, in einer Wellenrundung hinauf zu den und über die Schultern hinten hinab. Es ist in alledem ein Geheimnis: bewußt auf dessen Projektion angelegt, das heißt: inszeniert, weil es weiß, daß ich Inszenierungen erregend finde (habe vorhin, nebenbei, einen kleinen Text über Rituale begonnen); dennoch geht da etwas über die Inszenierung hinaus, etwas Schlummerndes, tief darunter; auch das aber liegt an dem Auge. Momentan möchte ich von „devoter Trauer“ sprechen, das ist aber nur ungefähr, was ich beim Betrachten der Fotografie empfinde. Nicht, wie die Brust vorgezeigt, dargebracht wird, ist es, sondern etwas „Pietàtes“ ist dabei, das den Begriff „Devotion“, der von „deus“ kommt, mitinbegreift: „greifen“ ist hier zudem wegen der dargebrachten Brust angebracht. Ich merke, wie ich mich in dem Bild verliere.
Dagegen die „Normalität“, quasi-Normalität, bei den Zwillingskindlein, mit लक, die als dunkle Schönheit blaß erwachte, eine Spur Poe darin, Ligeia, was selbstverständlich ebenfalls meine Projektion - oder, wenn Sie so wollen - „Überhöhung“ ist. Die Normalität stellt sich über die Zwillingskindlein her: „Der Mama a u c h einen Kuß geben“, sagt das Mädelchen. Morgen abend, nach der >>>> Kinderoper, in die ich mit meinem Jungen gehen und über die ich dann schreiben werde, werd ich meine Zwillinge wiederhaben; eine weitere Abend„wache“. [Jarrett, Carnegie Hall Concert, 2006.] Disziplin!: Dreizehnte Elegie. Ich will sie heute in einem Stück fertigbekommen. Schaff ich das, hab ich Lust auf den >>>> Samhain. Komisch, wie dies Religiöse in mir gärt, ob heidnisch oder katholisch, irgendwas ist da im Gang. Schon seit längerem. Gäbe es eine Religion, die ihre Kraft aus der Musik und nicht dem Wort bezöge, wäre ich verloren.

albannikolaiherbst - Samstag, 31. Oktober 2009, 06:21- Rubrik: Arbeitsjournal
16.31 Uhr:
Die zwölfte Elegie soeben fertigbekommen; ich werde heute noch an die dreizehnte gehen. Dann bestehen gute Aussichten, bis Mittwoch nächster Woche auch mit den Korrekturen im Typoskript fertigzuwerden und abgeben zu können, um dann aber auch sofort für den WDR mit dem >>>> Danz-Hörstück zu beginnen. Hübsch übrigens, wie stilbildend sowohl Die Dschungel als auch die fiktionäre Website unterdessen geworden sind; ich sehe das mit Zufriedenheit; man vergleiche einmal die hierüber Danz-Site >>>> hiermit. Sehr gut. Spuren hinterlassen.
Die Nacht war voller Bilder, zweier, der Löwin für mich, die ihre rechte Brust anbietet, das Haar fällt halb über die linke Gesichtshälfte. Unerhört schön. Das zweite Bild ist kühl, fast kaltstatuarisch, aufrecht, ebenfalls einseits brustfrei, doch auf Öffentlichkeit ausgerichtet. Komm mir nicht nah. Was eine bewußte Lockung ist. Ein Spiel auf dem Messer. „Kannst du drei Frauen gleichzeitig lieben?“ fragt sie, fügt hinzu: „Ich finde zum Beispiel >>>> diese Auseinandersetzung mit der Frage von intim-öffentlich genauso wichtig - auch und gerade im Arbeitszusammenhang - wie deine übrigen Textarbeiten. Die aktuellen Beziehungsgefüge sind dabei nur die Auslöser, das grundsätzliche Problem ist ein künstlerisches.“ Um fünf Tage vorher geschrieben zu haben: „Ob wir wollen oder nicht, durch die Distanz entsteht gedehnte Zeit. Und die ist, was mich betrifft, geradezu ein Geschenk.“
Dafür löst sich jetzt Αναδυομένη von mir; ein deutlicher und kraftvoller Prozeß, ebenso schmerzlich einerseits (für beide) wie bewundernswert andererseits: was da alles anläuft, hochkommt, sich Bahn bricht! Tolle Frau.
17.36 Uhr:
Mein Versuch, meine WDR-Redakteurin zu erreichen, ist abermals gescheitert. Ich werde jetzt langsam unruhig. Was ist da los? K e i n gutes Gefühl. Wenigstens die zwölfte Elegie; sie druckt sich gerade aus. Korrespondenz mit der >>>> Frankfurter Romanfabrik wegen einer Lesung im Januar/Februar.
Dreizehnte Elegie, sò, loslegen (klingt irre vital, bislang war das aber alles schwierig schwierig zu schieben, wie übrigens bei Überarbeitungen immer; die „Erfindung“ selbst geht meist leicht von der Hand).
Wahrscheinlich radle ich gleich, mit Computer und Elegien-Typoskript zu लक ans Terrarium hinüber, die dringend noch was erledigen muß; so seh ich meine Zwillingskindlein und bringe sie vielleicht auch zu Schlaf. Eventuell bleibe ich drüben, dann hat लक etwas Zeit für sich. Für mich ist's eh egal, ich habe nichts vor und kann auch drüben arbeiten. Mein Bub, mit dem ich eben etwas für die Schule und dann Cello übte, schläft bei seiner Freundin. Ich hätt ihn zwar lieber mal wieder zum Nachtvorlesen bei mir, aber andererseits ist es wunderbar, wie flügge er bereits ist. (Einem Freund hat er neulich gesagt: „Sprich meinen Vater besser nicht auf Hiphop an; der haßt sowas.“ Der Freund dann zu mir: „Und Rock?“ Ich „Rock ist manchmal okay.“ Er sieht sich hier um, sieht die Plattensammlung, CDs, Cassetten, DATs. Ich, bevor er was sagt: „Na ja, dreivier Platten vielleicht.“ Mein Junge zu ihm: „Sag ich doch.“ Das hatte durchaus Komik. Neulich sagt er zu mir: „In meiner Generation sehen wir das anders.“ Mit neun! Ich: „Dann warten wir mal ab, oder?“ Daß ich, was abzuwarten wäre, wahrscheinlich nicht mehr erlebe, entgegnet er nicht, sondern grinst sich eins. Klasse Bursche!)

albannikolaiherbst - Freitag, 30. Oktober 2009, 18:00- Rubrik: Arbeitsjournal
7.37 Uhr:
Gerade erst auf, in den alten Leggins, T-Shirt, drüber die Alpaka-Jacke, Kapuze überm Kopf, häßlich und verschroben. Zu viel getrunken gestern abend in der Bar. Auf der Heimfahrt ein ungutes Gespräch mit Αναδυομένη, die mir der Löwin wegen Unehrlichkeit vorwarf; besonders Die Dschungel werden wieder zum Problem: in ihr schriebe ich, was ich privat verschwiege; man müsse sowas dann immer vor aller Welt zur Kenntnis nehmen usw. Das Problem Privatheit/Öffentlichkeit wird abermals virulent; wie lange meine Haltung durchzuhalten ist, wird mir deutlich unklar; ich weiß ja nicht mal, ob meine Haltung dazu richtig ist. Es kommt mir imgrunde auch gar nicht darauf an, ob sie richtig ist, sondern darauf, d a ß ich sie durchhalte. Es gehört dies ins Umfeld der Korruption, über das Αναδυομένη, der Profi und ich gestern nacht >>>> in der Bar u.a. sprachen. Dieses „nicht korrumpierbar Sein“ ist für mich ein nahezu absoluter Wert, auch wenn ich weiß, daß manchmal ein wenig Korruption sehr viel menschlicher ist und vielleicht auch Güte hat, um nur mal an das katholische Abtestat zu denken, dessen Segnungen mir völlig bewußt sind. Aber ich habe diese Aussage meiner Mutter im Leib, mit der sie uns Brüder impfte: „Jeder Mensch ist korrupt, es ist nur eine Frage des Geldbetrags.“ Ich war zwölf oder dreizehn damals und dachte sofort: „Nein. Ich bin es nicht und werde es nie sein.“ Man kann sagen, daß meine Haltung nach wie vor die Anstrengung ist, meine Mutter zu widerlegen. Ich erinnere mich sehr gut, daß ich mir als Jugendlicher vornahm, mich in eine Situation hineinzumanövrieren, die es mir nicht mehr erlauben würde umzukehren. Das ist de facto erreicht, alles, was nun kommt und noch kommen wird, ist nichts als eine (sozial)logische Folge aus dieser erreichten Positionierung. Der Profi: „Stell dir mal vor, deine Mutter hätte das n i c h t gesagt. Was wäre d a n n?“ „Wahrscheinlich wäre ich so markt'flexibel' wie alle anderen“, antwortete ich. „Aber es gibt i m m e r einen Anlaß, wir tun nichts grundlos, ob nun dieses, ob jenes.“
Vorher bei लक gewesen, Familie ge„spielt“; ich binde mich wieder stärker dort ein; für die Zwillingskindlein ist es auch wichtig, auch für meinen Jungen ist es wichtig, लक selbst weiß ich nicht einzuschätzen; ich bin rein abwartend, fürsorglich, da. Alles andere lasse ich laufen, es gibt eh keine Klarheit, sondern nur immer Entfernungen und Näherungen, die man sich möglichst „organisch“ balancieren lassen muß, fragile soziale Gebilde aus Anziehung und Abstoßung, zu deren letztrem auch der Schmerz gehört, die Verwundung und Kränkung, zugleich aber auch das Bewußtsein, daß man d a hin g e h ö r t. Von einigen Lebensetappen aus ist eine Ab- und Umkehr Selbstbelügung; das mag sich ändern, sowie die Kinder groß sind; dann werden die Karten... nein, ein Kartenteil wird dann neu gemischt. Aber auch das ist alles fraglich, ungefähr, unbestimmt. Es „schlagen“ neue Lieben „hinein“, bisweilen, und bringen die Gefüge durcheinander; das ist heilsam, teils schmerzhaft, teils befreiend; dennoch schwingt auch darunter eine Grundkonstitution, die vor allem mit Verantwortlichkeit gegenüber Kindern zu tun hat, aber nicht nur, sondern auch Verantwortlichkeit gegenüber dem Partner spielt eine Rolle; die Frage etwa - es i s t eine -, was erzähle ich, was nicht, was erzähle ich wann und wie. In Der Dschungel kommt hinzu, da hat Αναδυομένη schon recht: und wo und warum hier und nicht da, warum als Romanfigur und nicht als reale, d.h. „als der Mensch, der man ist“ usw. Aber nicht nur im Netz, auch in den traditionellen Büchern verstecken sich Privatnachrichten für Einzelne vor dem „normalen“ Leser, das ist alles nicht neu. Publikationsformen wie Die Dschungel machen das lediglich sehr deutlich, sie akzentuieren es als ästhetische Positionierung. [Kleine Theorie des Literarischen Bloggens (118)
LitBlog 117 <<<<]In Innsbruck wurde unter Bezugnahme auf die Positionierung von etwa >>>> ad|ae|qu|at eine ästhetische Stärke darin gesehen, daß auf Autorschaft im Sinne eines Persönlichen verzichtet werde; hier stehen Die Dschungel genau auf der Gegenseite: Es gibt keine Reinheit von der urhebenden Person, den urhebenden Personen, wie auch diese wiederum nicht „rein“ von Vor-Personen, Vor-Persönlichem sind; man kann nicht trennen, und tut man es dennoch, wird verfälscht. In Der Dschungel bezieht sich deshalb das Persönliche immer aufs „Werk“ und dieses auf jenes, es sind Abhängigkeiten, die wir hier literarisch inszenieren: aber als etwas, das schon da ist. Wir heben es ins Bewußtsein, ob es sich nun um die chorischen Tagebücher, ob um mein Arbeitsjournal, ob um eine Musikkritik handelt oder die Diskussionen um scheinbar von allem Persönlichen abgehobene Themen, wie sie etwa der Condor vertritt. Es gibt keine Freiheit von den Eltern, um es „japanisch“ zu sagen: von den Ahnen; es gibt keine Freiheit von der Herkunft. Man kann lediglich versuchen, sie ins eigene Leben bewußt zu integrieren und darin, im Sinn einer Verschmelzung „aufzuheben“*. (Sollte ich eines Tages die kleine Blogtheorie gesondert publizieren, wird es interessant sein, wie sich Partikel wie das hierüber aus dem Zusammenhang lösen lassen; es wird in jedem Fall eine Verfälschung sein.)
8.42 Uhr:
An die zwölfte Elegie. Mit ihr sind es noch zwei, dann muß >>>> das Petersson-Requiem, das als Anhang hinzusoll, neu gefaßt werden; danach wird auf dem Papier korrigiert, wahrscheinlich noch mal zusammengestrichen und abermals überarbeitet. Dann kann der Text an die Verlage, die auf der Buchmesse ihr Interesse bekundet haben. Eigentlich möchte ich bis spätestens Mitte nächster Woche damit fertig sein, um mich dann ganz dem Danz-Hörstück zu widmen.
17.06 Uhr:
Schwere, sehr schwere Arbeit an der zwölften Elegie, der Elegie auf meinen Vater. Das greift so ins Innere, wahrscheinlich ist es der persönlichste Elegien-Text und deshalb so schwierig, weil er gerecht sein muß, aber auch nicht im Privaten verharren darf; wie in MEERE geht der Blick ja woanders hin, geht auf Prozesse, auf Verhängnisse, die nicht nur speziell autobiografischer Natur sind. Hier ist das besonders schwer zu fassen. Vor allem das Wechselspiel aus Klage und Anklage, Verachtung und Liebe. Zwanzig Zeilen habe ich, seit Stunden sitz ich dran.
19.50 Uhr:
Mit dem Jungen Cello geübt. Ging so grade mal leidlich, auch für mich selbst. Ich steh vor einer schweren Entscheidung. An sich hab ich bis Ende November für das Cello gar keine Zeit, ich muß mit meinen Arbeiten fertigwerden, damit allein auch finanziell etwas Luft wird. Also werde ich eventuell zwar die Cellolehrerin bezahlen, aber die Stunden selbst nicht nehmen können, schon gar nicht zum Üben kommen. Was ich da eben fabriziert habe, war ziemlich entsetzlich. Kein Griff sitzt mehr.

albannikolaiherbst - Donnerstag, 29. Oktober 2009, 08:45- Rubrik: Arbeitsjournal
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Für Adrian Ranjit Singh v. Ribbentrop,
meinen Sohn.
Achtung Archive!
DIE DSCHUNGEL. ANDERSWELT wird im Rahmen eines Projektes der Universität Innsbruck beforscht und über >>>> DILIMAG, sowie durch das >>>> deutsche literatur archiv Marbach archiviert und der Öffentlichkeit auch andernorts zugänglich gemacht. Mitschreiber Der Dschungel erklären, indem sie sie mitschreiben, ihr Einverständnis.
Kontakt zu Alban Nikolai Herbst:
fiktionaere At gmx DOT de.
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NEUES
@Condor. Endgültig.
Ich halte das, was Sie hier sagen, für einen wirklich...
albannikolaiherbst - 2009/11/07 15:50
diadorim - 2009/11/07 15:47
letzter termin beim physiotherapeuten. ...
letzter termin beim physiotherapeuten. foi um prazer. er sagt, er hoffe, mich nicht bei sich wiederzusehen, ... Herbst,
was sie nicht verstehen: Sie unterstellen mir, dass...
Olaf Condor - 2009/11/07 15:31
Vergils Mysterien - 2009/11/07 14:35
Sie kam nicht. Doch kann es nicht ...
so soll es sein... als dann... wenn auch eine sehnsucht ungestillt bleiben wird...
und ja wußte ich ... @Condor. Erze.
Wie so oft, lasen Sie auch diesmal nicht genau. Ich...
albannikolaiherbst - 2009/11/07 13:59
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zuletzt aktualisiert am 2009/11/07 15:51
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