Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

Marlboro, Prosastücke, 1981 Die Verwirrung des Gemüts, Roman, 1983 Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger, Lamento/Roman, 1986 Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, 1993, 2001 Wolpertinger oder Das Blau, Roman, 1993, 2000 Eine Sizillische Reise, Fantastischer Bericht, 1995, 1997 Der Arndt-Komplex, Novellen, 1997 Thetis. Anderswelt, Fantastischer Roman, 1998, (Erster Band der Anderswelt-Trilogie) In New York, Manhattan Roman, 2000 Buenos Aires. Anderswelt, Kybernetischer Roman, 2001, (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie) Inzest oder Die Entstehung der Welt, Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, 2002 Meere, Letzte Fassung 2007. Bei Volltext. Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen, Poetische Features, 2004 Die Niedertracht der Musik, Dreizehn Erzählungen, 2005 Dem Nahsten Orient / Très Proche Orient, Liebesgedichte, 2007 Meere, Letzte Fassung 2007 d e

 

Arbeitsjournal

5.57 Uhr:
[Arbeitswohnung.]
Seit fünf am Schreibtisch sitzend und mit meiner krakeligen Schrift (Füller, von meiner Mutter verblieben) in die Zeilen der BAMBERGER ELEGIEN Korrekturen einfügend, überkam mich eine Art Unwille, der ganz leicht an der Ekelschwelle situiert ist. Es mag daran liegen, daß ich mit diesen epischen Gedichten nun schon so sehr lange beschäftigt bin, mag also Überdruß sein; vielleicht aber auch nicht: irgendwann bei einer steten Beschäftigung, die über Jahre geht, wird der Blick fein und die Luft aus der die Erfindung erst einmal tragenden Begeisterung geht hinaus; es bliebt kritische Würdigung, das heißt: es bleibt die Frage, wo ergreift mich der eigene Text noch immer, wo aber wurde die Form von jener Begeisterung überwölbt. Jetzt denke ich: noch einmal, schreibe alles noch einmal, noch einmal ganz von vorn und achte jetzt n i c h t mehr auf den Hexameter, streich rigoros alles, was auch nur ungefähr etwas sprachlich Zopfiges hat, geh auf den Kern der Aussage, ohne sie aber festzustellen, denn nach wie vor ist das Treibmittel der Fluß, die Regnitz, nach wie vor „bleibt“ es beim Vorüberfließen, das ist wichtig.
Ich stecke in meiner Hexametrisierung, das heißt: ihrer Perfektionierung, am Anfang der Sechsten Elegie; um das Schema völlig zu erfüllen - und das stört mich am meisten -, muß ich immer wieder Füllörter einfügen oder die deutsche Sprachmelodie beugen; ich habe aber einen Widerwillen entwickelt, das weiterzutun. Vielleicht ist mein Gedanke, den ich >>>> bereits vor mehr als einem Jahr hatte (am Ziel des Links um 13.14 Uhr notiert), richtig gewesen: daß nämlich die hexametrische Struktur, ohne tatsächlich schließlich perfekt durchgeführt zu sein, nur als rhythmische Grundfolie unter den Versen zu liegen habe.
Also, ich fange neu an. Bis Ende Juni muß alles fertigsein für das Buch im Herbst.

(Ich vergesse dauernd, daß Anlaß der Form gewesen ist, daß ich mich in den Stand versetzen wollte, den letzten Teil von ARGO im Hexameter zu schreiben; es war ursprünglich eine Übung. Sie hat sich zu etwas völlig Eigenständigem entwickelt, nur muß das dann ja nicht mehr unter ARGO und seine Notwendigkeiten gebeugt sein; als Übung hat es seinen Zweck längst erfüllt, nicht so aber als eigene Dichtung).

5.17 Uhr:
[Arbeitswohnung. Latte macchiato.
Arbeitswechsel. Die >>>> BAMBERGER ELEGIEN wieder vorgenommen; ich möchte sie jetzt in einem Rutsch revidieren (ein weiterer, letzter „Rutsch“ muß dann Anfang Juni folgen; danach geht das Buch an den Verlag). Außer der >>>> Kritik zu der Uraufführung von Harald Weiss' „Vor dem Verstummen“ schrieb ich gestern nichts, übte aber längere Zeit am Cello, abends auch mit meinem Jungen zusammen. Ich hatte den Eindruck, daß mir zum ersten Mal schöne Töne gelängen, und ich fange an, kleinere Stücke, etwa den einfachen Purcell (Rigadoon), auswendig zu spielen. Jetzt sind auch die Orientierungsaufkleberchen an den Saiten gefallen. Und es funktioniert (bisher).
Abends Am Terrarium gemeinsam >>>> UND ALSO ES GESCHAH angehört; auf einer anderen, etwas einfacheren Anlage, die leider baßlastig ist, so daß die Ustvolskaja-Musiken besonders dort etwas untergingen, wo sie an der Grenze der Hörbarkeit einmontiert sind; jedenfalls verloren sie ihre durchsichtbare Faktur. Das war ein wenig schade, zumal ich nicht genau weiß, wo eventuell alleine ich noch etwas hörte, weil ich weiß. Wer am >>>> 22. zur Sendung nicht über eine sehr ausgewogene und im Raum gut positionierte Anlage verfügt, sollte deshalb Kopfhörer verwenden.

Bis acht wird heute gearbeitet, dann bis halb zehn am Cello geübt, dann geht’s zum Frühstück Ans Terrarium und später ziehen wir dann alle zu einem Judoturnier meines Jungen los. Unwahrscheinlich, daß ich danach noch etwas tun werde; ich nehme aber die Elegien mit.

Wegen der Vers-Auszählerei muß ich jetzt erst einmal wieder auf Musik zur Arbeit verzichten. Erster Cigarillo des heutigen Morgens. Ach so, ja: Ich habe spätabends angefangen, mit großem Genuß >>>> Ortega y Gasset zu lesen; sein Denken liegt mir sehr, anders denn doch als Keyserling, der einen seltsam klebrigen Ton manchmal hat in dieser sehr deutschen, ein bißchen turnerisch esoterischen Art von Lebensphilosophie. Ortega dagegen ist weltlich und, ja: sinnlich und nicht abstrakt. Im „Espectador“ beginnt sein Philosophieren mit einem männlichen Blick auf die Frauen in einer Tram und fügt der >>>> Diskussion über Schönheit eine ganz eigene Idee hinzu, die vom Einzelnen auf das Ganze geht und nicht umgekehrt ein Ganzes voraussetzt, von dem die Einzelnen abgezogen seien. Ich werde darauf an der entsprechenden Stelle zurückkommen.

5.16 Uhr:
[Arbeitswohnung. Wolf-Ferrari, Violinkonzert (ff. von gestern früh).]
Die Abschlußbemerkungen zu UND ALSO ES GESCHAH, meinem Hörstück über Marianne Fritzens Dichtung, >>>> hier. Wir waren in >>>> Meinetsbergers Hörspiel 2 in der Nalepastraße gegen Mittag imgrunde fertig; dann mußte die Mischung gefahren, dann mußte die Sende-CD gebrannt und noch einmal abgehört, dann mußten die CDs für die Redaktion und je eine für die Regieassistentin und mich gebrannt werden; dann mußte die GEMA-Meldung auf Minute und Sekunde erstellt, mußten Formulare ausgefüllt und alles für die Postsendung nach Köln fertiggemacht werden; zu den letzten Akten war ich selbst dann nicht mehr zugegen; am späten Mittag telefonierte ich mit der immer noch etwas besorgt wirkenden Redakteurin, die unsere Arbeit am Dienstag abhören wird (vorher sind ja Feiertage); ich bin mir mehr als nur sicher, daß sie zufrieden sein wird, v i e l mehr als das. Schön wäre es, sie könnte sich entschließen und die WDR-Gewaltigen davon überzeugen, daß man aus der Arbeit eine WDR-CD machen sollte, die dann auch in den Verkauf geht. Ob das etwas werden wird, steht in den Sternen, zumal da Eifersüchteleien und vor allem Platzgehirsche eine Rolle spielt; daß ich überhaupt die Regie bekam, ist für den WDR ja sehr ungewöhnlich, der sich, schon um seine Verträge zu erfüllen, lieber auf die Hausregisseure verläßt; Autoren an so etwas heranzulassen, widerstrebt dem Sender, und wenn nun eine Sendung wider diese Haltung ganz besonders gelingt, kann das eher ein Grund sein, sie schnell wieder verschwinden zu lassen, wie man ja überhaupt die Tendenz hat, Eingefahrenes eingefahren zu l a s s e n; das liegt auch an dem ganzen schwerfälligen Apparat.
Wie nun auch immer, ich habe immerhin schon mal ein paar Schritte eingeleitet, daß andere Sender diese Produktion vielleicht übernehmen. Und >>>> FRITZPUNKT, für Österreich, >>>> kontaktiert. Jetzt muß ich hier „aufräumen“ und will mich erst einmal von der Ustvolskaja, aber dankbar, verabschieden. Die nächsten Projekte warten, unerledigte und noch nicht begonnene, allen voran die BAMBERGER ELEGIEN. Dennoch werd ich ab nächste Woche etwas herumtelefonieren, um mir vielleicht ein oder zwei neue Funkaufträge zu holen; immer noch möchte ich, nach meiner AEOLIA-Dichtung, ein Hörstück über Stromboli schreiben und inszenieren; ich hab ja genügend O-Töne >>>> von meinem Aufenthalt dort hier liegen. Und ich ginge gerne und endlich meine Idee einer Funkarbeit über >>>> Julio Cortázar an. Und wenn nun Arndt schon zur Zeit in Afghanistan ist und auch Kerstin Thomiak dort bei der NATO ist, was spräche dagegen, mich für zwei Wochen ebenfalls an den Kaiber-Paß zu begeben, um von dort O-Töne aufzunehmen und zu einer diesmal g a n z anderen Arbeit zusammenzumischen? Mal sehen, ob ich jemanden davon begeistern kann; hierfür würden allerdings Reisekosten anfallen, die der Funk tragen müßte. Es hätte ja Witz, könnte ich neben Arndt den Kara ben Nemsi spielen, vor allem, wenn man von unseren >>>> Begegnungen und Gesprächen im Frankfurter Café Rendezvous weiß.

Heut früh also erstmal Ordnung, den Schreibtisch wiederherstellen, saubere Arbeitsplatte machen, um das mal s o zu sagen; dann von UND ALSO ES GESCHAH weitere CDs brennen, für die Sprecher, denen auch noch ein Dankbrief zu schreiben ist. Ich darf die CDs allerdings erst nach der Sendung, die >>>> am 22.5. um 22 Uhr sein wird, hinausschicken; das ist eine Vorschrift, an die mich zu halten mir ausnahmsweise einmal n i c h t schwerfällt.

Guten Morgen. Ich war gestern abend noch, zusammen mit meinem Jungen, bei der anläßlich des 9. Mais im Berliner Holocaust-Denkmal stattgefundenen Uraufführung von Harald Weiss' „Vor dem Verstummen“; darüber schreibe ich nachher noch. Aber ich bin froh, daß mir Eleonora Büning, die neue Musikredakteurin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, auf meine Anfrage, ob ich darüber berichten könne, eine Absage erteilt hat – „aus formalen (Platz) sowie inhaltlichen Gründen“, die sie in ihrer Mail allerdings nicht weiter ausführte, so daß ich nachfragte, aber bislang ohne Antwort geblieben bin.Holocaust-Konzert-090508 Überhaupt bin ich unsicher, ob ich werde für die Sonntagszeitung weiterschreiben können, nachdem dort diese Umbesetzung stattgefunden hat; ich bin zu eigenwillig, um Leuten zu gefallen, die neue Positionen besetzen, ich bin auch zu unbequem. Mal sehen. Ich werde die Büning in der nächsten Woche ebenfalls anrufen, um mich vielleicht mal mit ihr auf einen Kaffee zu treffen. Hat man sich einmal gesehen, weiß man wechselseitig immer besser, was von einander zu halten ist und ob eine Zusammenarbeit klappen kann; ich verlaß mich da gerne auf meinen Instinkt. Damit der aber feuern kann, muß ich gerochen haben.

In der vergangenen Produktionswoche sind ein paar Rechnungen angekommen, die ich mal wieder nicht geöffnet habe, weil ich eh nicht weiß, wie ich sie bezahlen kann. Es ist aber Wichtiges dabei; auch darum ist sich in der kommenden Woche zu kümmern.

Schreibtisch bis acht Uhr, dann Cello üben, dann - gegen zehn - rüberradeln zur Familie zum Frühstück; dann Mittagsschlaf, dann, wahrscheinlich, noch einmal hierher. Oder ich nehme die BAMBERGER ELEGIEN mit rüber und arbeite drüben etwas dran. Mal sehen.
[Tschaikowski, 7. Sinfonie Es-Dur.]

5.12 Uhr:
[Arbeitswohnung. Wolf-Ferrari, Cellokonzert. Latte macchiato.]
WAS NOCH WAR außer >>>> UND ALSO ES GESCHAH: Nun ist endlich >>>> die neue Buchausgabe von MEERE da. Der Einband, sehr weit ausklappbar, ist überaus schön geworden, find ich, weniger die Titelseite, deren Schriftbild mit zu groß und grob ist, schon weil es keine Serifen hat; dafür ist der Satz wieder ansprechend, locker; m i t Serifen, selbstverständlich. Das angenehm Konservative, das die alte Ausgabe von >>>> marebuch hatte, fehlt allerdings auch hier. Es wirkt nach einem, um es so zu sagen, jungen Buch. Ich hänge aber, w e n n schon Buch, dann sehr an gediegenem Bild und mag auch typographische Spielereien nicht mehr (richtig mochte ich sie nie).Meere-bei-Dielmann-080508Vier Exemplare kamen an, von denen sich die Regieassistentin und der Toningenieur jeder gleich eines nehmen mochten; man sagt dann nicht nein. Also hab ich erstmal nur noch zwei und werd mir von >>>> Dielmann noch ein paar nachschicken lassen. Wer von Ihnen das umstrittene Buch, das ganz sicher zu meinen besten Arbeiten gehört, nun haben möchte, möge es sich über den Buchhandel besorgen (ISBN 978-3-86638-004-2), über >>>> amazon (sowie es da denn greifbar sein wird) oder >>>> über den Verlag direkt. Ich werde morgen ein eigenes Annoncement des Buches für Die Dschungel schreiben.Meere-Umschlag-090508Dann rief mich nachmittags Ulrich Schreiber übers Mobilchen >>>> im Studio an, der Gründer und Leiter des >>>> Internationalen Literaturfestivals Berlin, und lud mich zu zweidrei Veranstaltungen ein, zu einer Lesung im Rahmen Berliner Autoren – was ich etwas absurd finde, weil ich zwar ein Autor bin, der in Berlin lebt, aber deshalb eben noch lange nicht ein Berliner Autor: das sähen die Berliner Kulturumgetriebenen ganz sicher ähnlich -, dann zur Moderation eines Tischgespräches mit >>>> Krasnohorkai und Sigurdardóttir und schließlich, eventuell, zu einer Veranstaltung über Literarisches Webloggen; ich schlug ihm vor, unbedingt >>>> auch Rainald Goetz einzuladen. Und schließlich abends eine Mail der WDR-Redakteurin, die für mein Marianne-Fritz-Hörstück verantwortlich zeichnet und sich ein bißchen Sorgen zu machen scheint:war eine Woche in Israel, um dort eine Ausgabe unserer Büchersendung zu produzieren, habe mich deshalb nicht mehr vor Ihrer Produktion gemeldet. Verfolge aber das Geschehen in Gedanken - und hoffe, es geht alles gut.
Würde Sie gerne morgen anrufen, um zu hören, ob alles in Ordnung ist (bin allerdings von 11.30 Uhr - ca 13.00 Uhr in einer Sitzung). Versuche es einfach auf Ihrer Handynummer.
Ich habe so zurückgeschrieben, um 23.49 Uhr:...machen Sie sich keine Sorgen; es besteht nicht der geringste Grund. Eher im Gegenteil: Ich denke mal, wenn Sie unsere Arbeit abhören werden nächste Woche, werd ich sofort einen neuen Auftrag bekommen... es sei denn, Sie kommen gegen solche Stimmen nicht durch, die sich ermangels Talents auf Hausverträge berufen.
Ich freu mich auf Ihren Anruf. N a c h 13 Uhr ist's am besten, da wir ab zehn den Feinschnitt abhören und vielleicht noch die eine und/oder andere Justierung anbringen werden: gegen 14 Uhr werden wir endgültig mischen, ab 15 Uhr die CD brennen. Es kann sich alles um eine Stunde nach hinten verschieben, das ist aber unwahrscheinlich.
Übrigens: die Schimanski ist großartig, die sollten Sie sehr oft einsetzen; das ist einhellig die Meinung des Toningenieurs und die meine. Von dem ganzen Team, auch von dem Studio, läßt sich nur schwärmen.
Herzlich
ANH
P.S.: Ich möchte sehr gerne mein kleines Borges-Stück inszenieren, die drei alten Männer, die alle drei Borges selbst sind, an Borges' Grab in Genf. Das Stückerl dauert genau 30 Hör-Minuten und paßt also in keine Sendemaske. Aber ich hätte Otto Mellies, Dieter Mann und Otto Sander, die das Ding sprechen wollen.
P.P.S.: Man sollte jede Form von Sendemaske stören.
Da hatte ich aber bereits eine Flasche Wein intus, sonst wär mir das PS'erl nicht so aus den Tasten gehüpft, nicht das erste und schon gar nicht das zweite.
Wiederum aus Heidelberg kam das Angebot für ein vierteljährliches Wohnstipendium an; das wäre aber s e h r wenig Geld, so daß ich das ziemlich genau rechnend Zuhause absprechen muß; es ist nicht genug Luft für mehrere Heimfahrten drin, die wegen der Babies aber nötig wären. Außerdem darf in den zur Verfügung gestellten Räumen nicht geraucht werden, was ich sehr als Arbeitshindernis auffassen würde; es darf da auch nicht gekocht werden (wohl aus Gründen des Denkmalschutzes - es handelt sich um eine Burg), und auch für die Familie wäre kein Platz; sonst ließe sich solch ein Aufenthalt ja für die Sommerferien ins Auge fassen.

5.57 Uhr:
[Wolf-Ferrari, Sinfonia brevis.]
Es ist eine angenehme Morgenmusik, ich nehme bewußt mal von Ustvolskaja Abstand, um mein Ohr nicht schon vor/auszurichten. Wenn heute der Fünfte Produktionstag beginnt, wollen wir gleich zu Anfang das Hörstück einmal durchhören, und ich möchte meine Ohren dann unvorbelastet wissen und möglich „wie neu“ hören. Danach geht es an den letzten Schliff, dann an die Mischung für die Sende-CD usw. Darüber erzähl ich dann heute abend mehr. Der nächste Arbeitsgang wird ab morgen wieder den BAMBERGER ELEGIEN gelten; außerdem werd ich in Bielefeld anrufen, um mal zu erfahren, wann denn nun mit den ersten Exemplaren der AEOLIA/Stromboli-Bücher zu rechnen ist. Ich fürchte, daß es auch bei dieser Buchproduktion wieder einmal am Geld hängt. Und in der nächsten Woche ist wohl mit den Fahnen der >>>> Manutius-Ausgabe meiner >>>> Heidelberger Vorlesungen zu rechnen.

Die Idee, für >>>> das Borges-Stück auch Otto Sander hinzuzunehmen, stammt übrigens vom Profi, der jetzt bereits am Flughafen sein wird, um mit Pynchon auf die Azoren zu fliegen. Als ich ihm, dies noch nachgetragen, von Arndts Brief erzählte und daß der immer noch ungeöffnet hier zwischen der anderen ungeöffneten Post liegt, schüttelte er nur den Kopf.

7.23 Uhr:
[Wolf-Ferrari, Violinkonzert zur und nach der Dusche.]
Von UF:...und streich doch oben bei meere raus, daß es eine deiner besten arbeiten ist. es ist zwar eine unzweifelhafte wahrheit, aber aus deinem munde klingt sie ein wenig angeeitelt...Ich b i n eitel. Ja und?
Und? Und: - jetzt ans Cello bis gegen neun.

6.15 Uhr:
[Arbeitswohnung.]
Das gestern abend gezogene DAT-Band des Rohschnitts der >>>> Marianne-Fritz-Produktion seit kurz nach fünf Uhr abgehört. Wir haben das Problem, etwas zu kurz zu sein (51'30'' statt 59'30''); ich möchte aber nicht einfach so strecken, was ja leicht wäre, aber die jetzt erreichte Dichte des Hörstücks würde dadurch gefährdet. Also eben noch mal notiert, wo sich evtl. eine der Musiken etwas länger anlegen, wo sich eine Pause einfügen läßt usw. Im Zweifel gilt aber: für das Kunstwerk. Wahrscheinlich werde ich nach einer ersten Putz-Session heute mittag mit der WDR-Redakteuerin telefonieren und ihr vorschlagen, nach dem Hörstück eine der kürzeren Kompositionen Ustvolskajas auszustrahlen. Das scheint mir insgesamt am angemessensten zu sein. Mal sehen, was gesagt wird.
Weiteres zur Produktion, Link wie oben, >>>> dort.

Abends, das heißt nachts, traf ich dann noch im Pratergarten den Profi, der morgen auf die Azoren fliegt und von dort mit einem Boot zurück nach Europa segeln wird – zwei Wochen hat er veranschlagt und mochte >>>> den Pynchon mitnehmen, weil er dann Zeit genug habe. Wir tranken zwei Bier, und er ließ sich von der Produktion erzählen, von meiner Freude, den kleinen Problemen am Rande, und ganz begeistert war er von der Idee, >>>> meine kleine Borges-Arbeit, die ja ursprünglich als ein Hörspiel gedacht war, mit Otto Mellies, Dieter Mann und Otto Sander zu inszenieren; wenn die drei zusagen, sollte es k e i n Problem mehr sein, einen Sender dafür zu finden. Nun hab ich Mellies gestern aber mein Nicht-Sirius-Stück mitgegeben und will ihn nicht gleich mit etwas weiterem belasten... Gut, wir werden sehen. Die Lukac wiederum hätte mich gern für eine Theaterproduktion über die Wiener Gruppe um Rühm, Bayer und Artmann gewonnen... ich blieb erstmal zurückhaltend. „Aber Sie k ö n n t e n das... es ist ja M u s i k...“ Womit sie recht hat; tatsächlich habe ich vor Jahren, 1981 in Frankfurtmain, Rühm einmal inszeniert – ein wenig zu seinem schließlichen Ärger, weil es wiederum mich geärgert hatte, daß sich in vielen seiner Stücke dauernd die Frauen auszuiehen müssen, weshalb ich eines der Stücke ein wenig um- und weiterschrieb, die Schauspielerin sagt, auf der Bühne: „Ich zieh mich aber nicht aus“, irgendwann fällt die Dialogfolge „Ich bin kein Lustobjekt“, darauf der Regisseur: „Bei Rühm sind Frauen immer Lustobjet“, das hat Rühm g a r nicht gefallen, auch nicht, daß bei dem Streit die Schauspielerin gewinnt und sich, damit das Stück noch stimmt, der Regisseur dann auszieht... Wiederwiederum Antje von der Ahe, der gab ich meine „Undine“ mit, weil ich mir die kleine schmale Frau mit dieser herzrührend erotischen Stimme gut als Undine vorstellen kann; allerdings: ich denke sehr über das Ohr, auf einer Szene kann das völlig anders sein, dafür habe ich die Sicherheit noch nicht, die mir bei Hörstücken eigen ist.

Die sehr kurze Nacht war abermals höchst zwillingsunruhig. Und ich war sowas von geschafft gestern abend! Muß jetzt noch für den dritten Produktionstag gestern nachtragen. Dann will ich etwas Cello üben, und ein paar neue, bzw. erweiterte Ustvolskaja-Takes sollte ich außerdem noch schneiden. Guten Morgen. Latte macchiato und Morgenzigärrchen.

5.11 Uhr:
[Arbeitswohnung. Ustvolskja, Oktett.
Da ich in dieser Woche g a r nicht zu einem Mittagsschlaf komme, die Zwillinge nachts schwierig sind (sie sind nur ruhig, wenn sie im Arm liegen; aber dann kann man sich im eignen Schlaf nicht drehen), ich aber weiterhin um halb fünf Uhr morgens aufstehe, um bereits >>>> vor der Produktion etwas zu tun, bin ich momentan abends sehr müde, komme ich heim. Das Wetter allerdings ist für die kleine Halbstunden-Radtour bestens, ich fahr ja immer schnell, da bin ich dann ganz durchgeschwitzt. Das Wetter ist bestens, ja, aber nachts immer noch zu kühl für den Mai; man wird frühmorgens mit Blütendüften entgolten, die die Bäume ausströmen...
Wieder Ustvolskaja. Und zu meiner Überraschung, weil mir Thomiak nämlich nichts gesagt hat, finde ich heute morgen statt der erhofften Benachrichtigung wegen der >>>> MEERE-Postsendung einen Brief Arndts, unabgestempelt, als Boteneinwurf sozusagen (ich bin mir gewiß, die „Botin“ war die Thomiak selbst), in meinem Briefkasten; er liegt noch ungeöffnet hier. Seltsam, ich m a g ihn nicht öffnen. Ich mag ohnehin wenig momentan, außer an dem Marianne-Fritz-Stück weiterzuarbeiten. Denk ich an Außen, an ein Außen, bekomm ich eine leichte Depression. Das ist die Fritz-Welt, glaube ich, die sich da auf mich stülpt, ihre reiche, sehr reiche Imaginationswelt, die sich gegen die äußere, wie immer auch ebenfalls reiche Welt wegsperren will und ja weggesperrt h a t. Fritz und Ustvolskaja... Man wird extrem empfindlich gegenüber „weltlichen“ Zumutungen, zum Beispiel gegenüber Rechnungen, Überweisungen, aber auch gegenüber dem Anspruch, reagieren zu sollen auf etwas, das jenseits der künstlerischen Arbeit liegt. Mir ist s c h o n klar, wie lebensfeindlich das eigentlich ist. Dafür schreibt mir ein Freund über seine Pynchon-Lektüre:hab zwar noch nicht die hälfte, aber es ist mir im leben nicht oft passiert, daß ich ein buch extra weglege, damit ich es nicht so schnell durchkriege, damit ich länger was von habe. es wird dich beruhigen, daß >>>> wolpertinger und >>>> melodien bei mir die gleich verzögerungstaktik hervorriefen. und ich bin sicher, rowohlt verkauft keine 1000 stück davon. irre.Emails lese ich nämlich, und zwar sogar dann, wenn sie schon im Betreff Ermahnendes haben, etwa die von der Presseabteilung der Deutschen Oper: „Lieber Herr Herbst, leider ist Ihre Pressekarte für die >>>> JEANNE D'ARC-Aufführung am 2. Mai an unserer Billettkasse liegengeblieben. Wir verstehen gut, dass man durch evt. kurzfristig auftretende Situationen einen Termin plötzlich nicht wahrnehmen kann. Daher haben wir die ganz herzliche Bitte an Sie - falls dies einmal wieder der Fall sein sollte -, bestellte Karten freundlicherweise bei uns abzusagen. Wir sparen dadurch Arbeit, und die Karten können außerdem wieder in den Verkauf gegeben werden. Mit herzlichem Gruß“Ich habe sofort ein Entschuldigungsschreiben formuliert und weggeschickt, obwohl selbst das mir, völlig ungerechterweise, lästig war. Daß mir die Sache peinlich ist, muß ich nicht sagen. Es scheint etwas viel Anspannung zu sein momentan, wenn ich wieder mal einen mir an sich wichtigen Termin verbassel.
Und dieser Brief jetzt von Arndt. Das ist, als wäre Gift darin. Lebensgift. Also ein – Nahrungsmittel. Es fragt – und fragt das rein ironisch, ja abfällig: Wo ist das Leben? Wozu es auf Platon klopft, >>>> sein Gewehr. Kunst ist auch – Rückzug. Ich weiß, daß Arndt diesen ihren Wesenszug verachtet, und ich weiß, daß ich das momentan überhaupt nicht brauchen kann. (Übrigens bin ich während der Produktion, während der Regie, durchaus nicht „innerlich zurückgezogen“, sondern ganz da, und das auch „weltlich“, aber eben nur während der Produktion a l s Produktion. Anmerken tut man mir wahrscheinlich nichts.)
Einer meiner Sprecher, die >>>> nachher wieder hinzukommen werden, hat heute Geburtstag; ich hab ihm eine Flasche Grappa gekauft gestern abend, die schon in meinem Computerrucksack steckt.

5.22 Uhr:
[Ustvolskaja, Sinfonie Nr. 2.]
Jetzt wollte mich meine transportable Musikfestplatte nicht auf sich zugreifen lassen... komischerweise hat Schütteln geholfen. Ob ich von ihr vielleicht besser eine Kopie anfertige? Ich mag nicht Hunderte von Musiken verlieren... Es sind allerdings 93 Gb, da müßte ich erst eine weitere transportable Sicherungsplatte besorgen.

Um halb fünf auf, nachdem ich um kurz nach 24 Uhr im Bett lag. Ich war wirklich ziemlich erschöpft, die leichten Bauchkrämpfe, die mich schleichend zu attackieren begonnen hatten, nachdem ich mittags zwei Brötchen von der Tanke gefuttert hatte, waren allerdings dank Riopan und zwei Birnenschnäpsen verschleucht. Es gibt auf dem Rundfunkgelände keine Kantine, auch keine Kneipe, geschweige Gaststätte in der Nähe, nur diese Tankstelle, und weiß der Himmel, weshalb die Leute auch auf Salamibrötchen immer solch eine künstliche Creme mitschmieren, die ich schon seit Jahren nicht vertrage; zumal schmeckt sie nicht. Na wurscht.
Ich will mich heute morgen um das >>>> Virtuelle Seminar kümmern, dann ein neues zweites, nunmehr auch auf die Musiken komplettiertes, bzw. um die zu verwendenden korrigiertes Typoskript des >>>> Fritz-Hörstücks erstellen, danach meine Stunde Cello üben und dann losziehen. (Gestern nacht noch kaufte ich eine ganze Menge Joghurt und Fruchtquark, vor allem auch Schokolade ein, womit ich mich über den Produktionstag halten will).
Meine Planung für den zweiten Produktionstag: Außer den beiden Sprachfugen schon einmal sämtliche Töne und Musiken anlegen und das Stück insgesamt zurechtschneiden, damit ich einen Überblick zum einen über die bislang verbrauchte Zeit (wir haben 59 ½ Minuten) bekomme, sowie sowieso einen ersten provisorischen Höreindruck des quasi-Ganzen, der dann morgen um die beiden Fugen ergänzt werden wird. Am liebsten wäre es mir, „meine“ Sprecher kämen morgen früh statt, wie ausgemacht, erst um 11 bereits um 10 Uhr, damit wir alle gemeinsam hören und sie selbst sagen können, wo sie gerne noch etwas ändern würden. Das werd ich nachher mit meiner Regieassistentin besprechen und dann ggbf. noch eine Telefonrunde drehen; allerdings fällt Heidrun Bartholomeus aus, da sie morgens um neun ein Casting hat und erst danach zu uns stoßen kann.
Auf jeden Fall werde ich das Stück ohne die Fugen heute abend einmal durchspielen und ein DAT-Band mitschneiden lassen, das ich dann am späten Abend auch noch einmal durchhören kann – in anderer Umgebung, über die Anlage oder aus dem Discman, was immer noch mal einen anderen, auch distanzierteren Eindruck ergibt.

Die Nacht vorhin war ziemlich Baby-intensiv. Ich bin dennoch ausgeschlafen, d.h.: sehr munter. Schon seltsam, wie wenig Schlaf einer braucht.

5.44 Uhr:
[Arbeitswohnung. Tilo Medek, Eine Stanze für B. A. Zimmermann für Cello solo.]
Bin ein bißchen spät an den Schreibtisch gekommen, weil ich eben noch zwei Berge Altkleider entsorgen mußte, die schon seit Freitag in Tüten im Eingang des Hausflurs standen, der zum Am Terrarium hochführt; es gibt ein paar Straßen weiter einen AltkleiderContainer des DRKs, den ich, beide Tüten wie ein Sendler auf dem Rad getürmt, ziemlich halbschräg anspazierte. Dann, auf dem Weg nun wieder radelnd, merkte ich, daß mein Mobilchen Am Terrarium zurückgeblieben war, wollte aber erst Cello und Computerrucksack, die ich beides ebenfalls mitschleppte, in die Arbeitswohnung bringen... na, ich merk schon, wie brennend Sie diese Geschichte interessiert.
Jedenfalls dampft nun der latte macchiato, ich höre diese wirklich schöne Cellomusik von >>>> Medek und bereite mich innerlich auf den ERSTEN PRODUKTIONSTAG vor, den ich dann nachher dokumentieren werde. (Ah, der Stockhausen setzt ein..: „In Freundschaft“... - Quatsch, 's'ist Zimmermanns Cello-Sonate). Mal sehen, ob ich nachher im Studio Netzanschluß bekomme; falls ja, schreib ich mittags schon mal was.
Es ist ein ziemlicher Weg in die Nalepastraße, wo der ehemalige DDR-Rundfunk saß; das Studio P2 soll allerdings wunderbar sein; man kann es >>>> hier auch sehen. Dank >>>> Radzeit scheint mir der Weg aber nicht so kompliziert zu sein, wie meine Regieassistentin meinte. Heute morgen werden also sämtliche Sprecher dasein, zuerst um 10 Uhr Gerald Schaale für die Kaffeehaus/Interview-Szenen, um elf stoßen die anderen dazu.
Also ich trink jetzt in Ruhe meinen latte macchiato, dann wird geduscht, dann übe ich eine Stunde lang Cello, und dann brech ich auf. Vielleicht schmier ich mir noch einzwei Brote; ich weiß ja nicht, ob's in der Nalepastraße eine Kantine gibt. Bis 18 Uhr werden wir arbeiten, dann will ich erstmal in die Arbeitswohnung zurückradeln, weil ich auf Post warte; noch ist >>>> MEERE nämlich nicht angekommen; ich hoffe, man gibt die Sendung bei Nachbars ab, weil ich in dieser Woche nicht zur Post radeln kann, um mir dort lagernde Päckchen aushändigen zu lassen.
Hm, ich plappre so vor mich hin. Pardon.
[Dallapiccola, Ciccona, Intermezzo e Adagio für Cello solo.]
Erster Cigarillo... das wird auch wieder so eine Frage sein, wo man beim Studio rauchen kann.

6.25 Uhr:
Was ich noch zu erzählen vergessen hab: Die italienische Übersetzung meines >>>> Volltext-Artikels zu Marianne Fritz ist >>>> da erschienen, und der Herausgeber teilt mit, bzw. fragt an, ob er auch eine meiner Erzählungen übersetzen lassen dürfe. Soll ich da zusagen? Es gibt natürlich wieder mal kein Honorar. Jedenfalls hat Signore Pinto in der Richtung nichts anderes angedeutet. Wie war das mit >>>> Ruhm und Ehre der Baltischen Flotte? Nur hab ich keine Texte, in denen tätowierte Penisse eine Rolle spielen, zumal erigierte...
[Bach, 2. Suite für Cello solo (Janos Starker).]
23.01 Uhr:
[Am Terrarium.]
Haben eben >>>> mein Produktionstags-Protokoll geschrieben, krieg es aber gerade nicht eingestellt; offenbar gibt es ein paar Schwierigkeiten bei Twoday grad; also weiß ich nicht recht, ob ich's nicht erst morgen nach-einstellen kann. Es dauert auch ewig, die Bilder hochzuladen. Egal. Bin ziemlich groggy und ja auch seit halb fünf in der Frühe auf den Beinen. Der Mittagsschlaf fehlt mir. Aber die Arbeit war gut. Ich prokel hier jetzt noch ein bißchen rum, dann geh ich schlafen. Um halb fünf morgen geht es weiter: Arbeitswohnung, Die Dschungel besorgen, ein neues, dem Arbeitsstand angemessenes Typoskript erstellen und für die Produktion ausdrucken, dann Cello üben, dann aufs Rad und erneut ins Studio Nalepastraße.

5.10 Uhr:
[Arbeitswohnung.]
Endspurt für die Vorschnitte der Ulskovskaja-Musiken für das Marianne-Fritz-Stück, und Endspurt überhaupt der Vorbereitungen. Heut abend muß alles so weit stehen, daß ich mich morgen rein auf die Sprecher konzentrieren kann; viele Musiken stehen dann fest, das wird allenfalls noch improvisierend zurechtgefeilt werden; was jetzt offen ist, wird sich während der Produktion ergeben, insbesondere aus der Dynamik zwischen den Sprechern. Ich bin überzeugt, daß wir morgen abend bereits allen Text außer den Fugen eingesprochen und vielleicht diese sogar schon mal angeprobt haben werden; Frau Schimanski, die Regieassistentin, ist eher skeptisch; doch kenne ich ganz andere, viel gedrängtere Bedingungen der Produktionszeit als diese ganzen fünf Tage jetzt, auch tendiere ich nicht groß zu Pausen, ja mag sie nicht – jetzt einmal von meiner Cello-Überei abgesehen, aber das s i n d ja nicht eigentlich welche, bzw. fasse ich sie nicht als solche auf, sondern habe unterdessen bereits die Tendenz, auch das als Arbeit aufzufassen.Fritz-TS-mit-MusikBis 24 Uhr las ich gestern in dem Keyserling; manches gefiel mir, anderes irritierte mich, wozu allerdings meine innere ethnical correctness einiges beitrug; man muß solche Bücher historisch lesen, um aus ihnen herauszufiltern, was nach wie vor Gültigkeit hat, gerade wenn eine solche Lebensphilosophie sich ganz eng an das Subjekt anlehnt und nicht etwa, wie meist bei Philosophien, abstrakte Ausdrucks- und Denkformen sucht und ausformuliert. Dem hilft, daß natürlich auch seine Reiseeindrücke solche vom Anfang des 20. Jahrhunderts sind und sich seither nicht nur die politischen Umstände enorm gewandelt haben. Bei Keyserling ist das meiste ohnedies an seine Person gebunden; deshalb schreibt er auch, zu Recht, man solle dieses Reisetagebuch lesen wie einen Roman. Woran wiederum etwas höchst Modernes ist, wie ich selbst, umgekehrt, von meinen Essays und Vorlesungen gesagt habe, daß auch sie Romane seien. Vielleicht zu Keyserling später einmal mehr, vielleicht auch das eine und/oder andere Zitat für die Hauptsite Der Dschungel (ich lese das Buch, anders als ich sonst lese, der ich sonst nämlich Tische und Schreibtisch bevorzuge, in dem schwarzledernen Schaukelstuhl, der mit von meiner Mutter vermacht ist, lese ihn, wie man 'normalerweise' Bücher liest; der Bleistift liegt allerdings immer dabei). Frei von Esoterik ist Keyserling freilich nicht – was mich immer etwas abstößt und >>>> auf seine Nachkommen stärker gewirkt zu haben scheint als die philosophische Anstrengung des Geistes. Hab ich den Eindruck. Schon bei ihm ist einiges an Theosophie – was allerdings in der Zeit lag. Interessant sind seine Gegner: Rudolf Steiner, Joseph Goebbels und Kurt Tucholsky. Das klingt sympathisch nach Zwischen allen Stühlen.

Heute wäre mein am Tag seines 40. Geburtstags 1997 umgekommener Bruder 51 Jahre alt geworden.

5.10 Uhr:
[Arbeitswohnung. Bernd Alois Zimmermann, Sonate für Cello solo.]
UND ALSO ES GESCHAH: Alle Termine stehen, die Sprecher werden nun am Montag und am Mittwoch ins Studio Nalepastraße kommen; das ist gut Zeit. Der WDR gab sein Okay, die Regieassistentin hat sich umsonst Sorgen gemacht (ich selber machte mir keine, da ich im Zweifelsfall improvisiert und nötigenfalls auch selbst mitgesprochen hätte). Ich werde gleich damit weitermachen, die Ustvolskaja-Musiken nach meinen Notizen zuzuordnen und entsprechend zu schneiden. Es ist immer etwas ganz anderes, wenn man das Skript zu den Kopfhörern legt, sich sowohl einliest wie einhört; plötzlich kommen Ideen, die es so vorher noch gar nicht oder eben nur ungefähr gab: etwa jetzt die, den Ravel, den ich eigentlich unter den Kaffeehaus-O-Ton legen wollte, wieder rauszuwerfen und selbst hier nur noch mit Ustvolskaja-Musiken zu arbeiten; in diesem Fall mit der 5. Sinfonie, die ich unter allen Kaffeehausszenen quasi durchlaufen lassen will. Auch die Musik für die beiden Sprachfugen weiß ich jetzt, als sozusagen sechste Stimme.

Gestern nachmittag mit meinem Jungen ein erstes Cello-Duo angefangen, ein ganz einfaches Kinderstück, aber Spaß macht's, auch wenn ich momentan nicht dazu komme, täglich wesentlich mehr als zwei Stunden zu üben. „Wo übst du lieber: hier in der Arbeitswohnung oder Zuhause?“ „Hier.“ Das hat mir a u c h gefallen. Er mag diesen Arbeitsbereich; daß man den Kopf (und die Finger) anstrengt, kommt ihm hier organischer vor als in seinem Kinderzimmer. Andererseits: „Ich laß dich mal alles vergessen.“ „Wie: alles?“ „Alles, was in deinem Laptop steht. Deine Arbeit. Du arbeitest immer nur.“ „Und das Cello, das ließest du mir?“ „Ja.“

[Karlheinz Stockhausen, In Freundschaft für Cello solo.]

Von 22 bis 23.30 Uhr mit dem Profi in der Bar gesessen und geplaudert; >>>> Kerstin Thomiak, dachte ich erst, und >>>> Titania seien auch da, hatte der Profi angekündigt. Ich brannte auf Neuigkeiten vom Kaiber-Paß, zumal mich Thomiak tags angerufen und erzählt hatte, >>>> Arndt habe sich bei ihr gemeldet, in Afghanistan; er sei als Scout für die NATO tätig. Daß sie mit Titania in die Bar wolle, hatte sie mir aber verschwiegen und es statt dessen dem Profi gesagt; aber auch nicht direkt, sondern seiner Gefährtin U.; wahrscheinlich hatten die drei Frauen sich miteinander verabreden wollen; wahrscheinlich waren sie deshalb nicht dort, weil wir als Männer gestört hätten. Was weiß ich. Woher aber Arndt zu wissen scheint, daß ich die Thomiak kenne, ist mir nicht klar; es ist schon z u unwahrscheinlich, daß er Die Dschungel liest. Oder doch? Den Laptop auf dem Schoß, im Burnus, und Platon neben sich bereit..? - Aber dann waren der Profi und ich eben doch nur zu zweit. Ich werde Thomiak nachher mal anrufen; unser Telefonat war gestern nur kurz, es hatte etwas Gehetztes. Seltsam, hatte ich gedacht, aber mich dann gleich wieder auf die Ustvolskaja konzentriert.
Nun sprachen wir, der Profi und ich, über den aus der Bahn gefallenen Jungen des Freundes, was man tun könne usw.; der Profi vertritt einen eher harten Kurs, „sonst wacht der Junge nicht auf“. Ich bin skeptisch, fürchte, der Bursche könne nur noch mehr verstocken; imgrunde hängt alles davon ab, meine ich, daß man ihn aus diesem Neo-Punk-Kreis herausbekommt; an der Stelle des Freundes würde ich umziehen, wegziehen von Berlin, möglichst weit weg, in irgend eine Kleinstadt am Rand der Welt, irgendwohin, wo auch oder besonders ein anderes Leben als das vermittelte der Städte ist, wo zumindest Wald ist, wo vielleicht Meer ist, wo man hinausfahren und Salz schmecken kann, wenn man die eigene Hand ableckt. Oder... aber dazu ist er zu jung... die Thomiak nähme ihn mit an den Kaiber-Paß? - Theorie, ich weiß. Außerdem ist der Bursche alles andere als volljährig. Es gibt keinen Mississippi, und die Huckleberrys der Gegenwart rauchen ihr Pfeifchen anders; sie jagen auch keine Gangster mehr, die Narben im Gesicht haben.

[Bernd Alois Zimmermann, Sonate für Cello solo.]

Irgendwann nachher sollte es schellen, und die Post sollte mir das neue MEERE bringen. Jetzt aber an Ustvolskaja/Fritz. Vorher noch Dts... und nachschauen, was sich in Der Dschungel und im >>>> Virtuellen Seminar getan hat. Und um acht wieder ans Cello für eine erste Übestunde. Einfach nur Tonleitern üben, damit ich endlich mal Töne herausbekomme, die auch schön sind.Musikcomputer-mit-Waechte-und-Ror-Wolf

8.06 Uhr:
Die Ustvolskja-Musiken für die Kaffeehausszenen sind fertiggeschnitten. Jetzt erstmal ans Cello.

22.44 Uhr:
[Am Terrarium.]
Etwa 2/3 der Musikschnitte stehen jetzt.
Während >>>> dort draußen die, finde ich, interessante Diskussion weitergeht, lese ich >>>> Graf Hermann Keyserling zur Nacht: In der nachgelassenen Bibliothek des zweiten Mannes meiner verstorbenen Mutter fand sich sein „Reisetagebuch eines Philosophen“, das ich an mich nahm. Denn ich habe nie vergessen – es war nur vorübergehend fort -, wie ich mit 14/15 Jahren in den Besitz eines anderen Buches Keyserlings kam, ich weiß aber nicht mehr, welchen. Doch es machte damals einen enormen Eindruck auf mich; ich verschlang es, zweidrei Mal hintereinander, ohne daß ich heute noch sagen könnte, was eigentlich darinstand. Nun finde ich im Vorwort Sätze wie „Ich will in Breiten hinaus, woselbst mein Leben ganz anders werden muß, um zu bestehen, wo das Verständnis eine radikale Erneuerung der Begriffsmittel verlangt, wo ich möglichst viel von dem vergessen muß, was ich ehedem wußte und war. Ich will das Klima der Tropen, die indische Bewußtseinslage, die chinesische Daseinsform und viele andere Momente, die ich gar nicht vorausberechnen kann, umschichtig auf mich einwirken lassen und zusehen, was aus mir wird.“ Vor allem aber auch sowas: „...welches bedeutet, daß ich mich wahrhaft und ernsthaft nur für die Möglichkeit der Welt, nicht für ihr Da- und Sosein interessiere.“ Ich mußte stutzen, weil ich unversehens den Eindruck hatte, hier liege eine der Quellen für das, was ich >>>> Möglichkeitenpoetik nenne. Es würde bestätigen, was ich seit langem glaube: daß die zu den späteren Ideen initialen Verzweigungen a l l e bereits während Kindheit und Jugend angelegt und danach imgrunde nur noch ausgeführt, verfeinert, problematisiert, durch- und umgedreht und schließlich, wenn's gutgeht, vervollkommnet werden. So daß, dieses Buch aufzuschlagen, jetzt wie eine Art Rückkehr ist, aber ohne daß man ginge; man schaut nur und wägt ab. Und schaudert ein bißchen.

Um die Musiken weiterzuschneiden, bin ich zu müde. Das werde ich morgen weitertun und hoffentlich dann auch beenden.