Wir werden erst frei sein können, wenn wir zu fühlen gelernt haben werden, was Hitlerdeutschland w a r, und wenn wir es, ohne Schuld zu fühlen, annehmen können; denn eine Schuld haben wir Nachgeborenen nicht. Solange wir s i e aber fühlen und nicht, was Deutschland eben a u c h war und ist, wird es keine „Verarbeitung der Vergangenheit“ geben, weil diese Schuld eine leere, inhaltsleere, eine ohne wirklichen persönlichen Bezug ist. Die Seele k a n n ihn nicht füllen. Erst wenn wir zu sagen und zu fühlen gelernt haben werden, daß auch d a s Deutschland war, aber nicht nur, ja bei w e i t e m nicht nur, erst wenn wir begriffen, wirklich umfassend begriffen haben werden, daß die zwölf KatastrophenTausenjahre zu unserer Geschichte gehören, wenn wir werden sagen können: Ja, das hat Deutschland getan, aber w i r tun es nicht und taten es nicht, es gehört aber zu unserer Geschichte wie der Dreißigjährige Krieg u n d wie Beethoven und Mozart und Kafka, und zu unserer Kultur – offener Stirnen, unschuldig, schuldig nur am Anspruch, der anzunehmen ist, erst dann, n u r dann, werden wir Deutsche sein können und Europäer werden können, ohne uns hinter den USA permanent zu verkriechen, stolz auf das, was Deutschland eben a u c h immer war, Dichter und Denker u n d Richter und Henker und Es geht ein Lindenduft... Ohne ein solches Selbstbewußtsein wird religiös Schuld weitergegeben, nach Art der Erbschuld, die schon selbst Vergehen, ja ein Verbrechen ist, nämlich an den Kindern, wie es an u n s verübt worden ist, ein Mißbrauch, der sich verdrängen muß und dann rächt als Wiederkehr an unerahnten Stellen, irrational gefährlich und leitbar durch Hegemonialinteressen in der Weltpolitik... - erst dann, n u r dann, wird Widerstand auch in Deutschland möglich sein. Nicht, indem vergessen wird, sondern indem ohne Schuld erinnert wird.
[Mir geht ein Gespräch mit Prunier nach. „Wieso S i e und Deutsch? Was hat Sie dazu gebracht, ausgerechnet..?“ Und er erzählt, daß sein Vater ein Deutschenhasser gewesen sei, mit gutem Grund: inhaftiert von den Nazis, dann aus dem Lager freigekommen und sein Leben lang voll Haß auf Deutschland, und wie Prunier sich schon als Junge davon abwendet und denkt: Das kann so nicht stimmen, und studiert als junger Mann die Gegen-Kultur und beginnt sie zu lieben. Das Problem meiner Generation und der nachfolgenden Generationen läßt sich auf den Punkt bringen: Wir haben verlernt, unsere Kultur zu lieben. Wir durften sie nicht lieben. Unsere Kultur wurde uns, das ist der Mißbrauch, zum Anlaß eines permanenten schlechten Gewissens gemacht. Wir selber wurden schlechtes Gewissen und flohen vor ihm in die andere Sprache. I love you. Damit hält Unfreiheit an, und Hitler hat gesiegt. Mit anderem, mit einem prägnanten Wort: Wir dürfen die Deutschlandliebe nicht den Rechten überlassen.]
albannikolaiherbst - Donnerstag, 30. April 2009, 08:42- Rubrik: AltesEuropa