ARGO-ANDERSWELT
Abu Ghuraib - Anderswelt. Zum Realismuskonzept der Romanserie. Argo.Anderswelt. (274).
Aber die beiden Trinker hatten aufgemerkt, Broglier eines plötzlichen Mitleids wegen, das allerdings, sich identifizierend, ihn selber meinte, Kignčrs aber wegen des ungewöhnlichen Namens. „Wie heißt sie?“ fragte er, und sein rot Verschwiemtes, selbst sein Lallen schienen momenthaft zu schwinden, wenigstens zur Folie eingeflacht zu sein, auf dem sein Interesse flackerte. „Wie“, wiederholte er, „heißt sie?“ „Deidameia.... eigentlich ja Ellie, aber...“ „Junge!“ So abermals Willis. Kumani sah jetzt ihn an: „Aber du kennst sie doch.“ Ja eben. Erklärend, Willis, zu Kignčrs und Broglier: „Er meint das Boudoir.“ Kignčrs kannte kein Boudoir, doch Deidameia, das hatte er schon einmal gehört - nicht aber hier, nicht in Colón, nicht in Palermo, sondern früher, im Osten, zweidreimal während des Kriegs, als Oberst Skamanders Eliten gegen die Frauenstädte operierten, deren Widerstand nicht nur dem AUFBAU OST! im Weg stand, sondern es gab Indizien dafür, daß in ihnen die Myrmidonen an der Waffe ausgebildet wurden, bevor man sie als Schläfer in den Westen schickte. Da war, irgendwann, dieser mythische Name gefallen. Die Frauen hießen dort alle so griechisch, jedenfalls hochtrabend wie aus Sagen, doch Deidameia, offenbar, war in Kignčrs vielleicht haften geblieben, weil die befragten Frauen solch eine Achtung in den Stimmen gehabt hatten, nicht nur Respekt, sondern auch Liebe. - Von ‚Befragung‘ zu sprechen, ist selbstverständlich euphemistisch. In Skamanders Lagern nahm man den gefangenen Frauen die Würde. Stundenlang standen sie nackt, mußten sich, auf eine Kiste gestellt, vor den Augen der Söldner entleeren. Man ließ sie ihre Tampons kauen, schlucken, zerbrach sie in Abu Ghuraib. Dann redeten die meisten. Dort war dieser Name gefallen, Kignčrs erinnerte sich. „Deidameia?“ fragte er. Es war furchtbar gewesen, er hatte nur noch davongewollt, zurück an die furchtbare Front. - Abu Ghuraib hatte er sich nie verziehen, nicht, daß er nicht aufgestanden war. Daß er gehorcht hatte. Abu Ghuraib hatte nicht nur die Frauen gebrochen, sondern sie, die Söldner, genau so.
Willis, in dem was alarmiert war, beschwichtigte: „Ellie is ne Nette.“ „... sie nennt sich nur Deidameia“, setzte Kumani seinen Satz fort. Außerdem hatte er gemerkt, daß er vielleicht doch schon zu viel erzählt hatte, unversehens und ohne Absicht ihr Verräter würde. „Das ist sowas wie ein Traum“, sagte er, „um sich eine Bedeutung zu geben.“ Aber er saß zwischen den drei Männern wie ein Junge da, der sich verplappert hat, ausgesetzt dem zunehmend wachen Blick Kignčrs‘, einem indes, seltsam, der nicht forschte, nein, nicht ‚befragte‘, sondern aus all dem Schlamm, faulendem, getrocknetem, in den er ersäuft war, löste sich etwas, schälte sich heraus und stieg auf, das das Glimmen einer Hoffnung hatte, die wir längst nicht mehr haben; ausgerechnet in einem Moment kehrt sie zu uns zurück, der sie für immer ausgelöscht hatte. Wie wir glaubten. Da geht sie auf als ein Licht. Es war rein unnötig, es zu beschatten, um die freundliche Prostituierte zu schützen: so, wie Willis sich zwischen sie und das Licht schob, um Kignčrs‘ vermeintlich bohrenden Blicke von ihr abzuhalten. Der alte Söldner hatte vielmehr das Bedürfnis und den Willen, etwas wieder gutzumachen. Nur war er sich dessen nicht bewußt; alles lief ohne Sprache in ihm ab und formierte sich ganz am Grund des Tümpels, zu dem der Alkohol und die Verzweiflung seine Seele hatten werden lassen.
Wiederum Broglier, anders als sein Saufkumpan, fing zu verstehen an, daß Kumani einer war, der das Zeug zum nächsten Leidgenossen hatte. Noch einer, dachte er, dem sein Leben bald das ihm Liebstes nähme. Deshalb wurde er jetzt ein bißchen weniger abweisend und begann, sich ebenfalls dafür zu interessieren, was diesen schönen jungen Mann sich offenbar mißbraucht vorkommen ließ. Indessen Willis, den Dollys II wegen das schlechte Gewissen weiterquälte, die er doch nur ebenso hatte vor weiterem Leid bewahren wollen, wie den Freund von ihm erlösen, seinen kompakten Leib vor Ellie Hertzfeld gepflanzt hielt, sie, die Abwesende, im Rücken, das Gesicht dem Söldner zugewendet, so trotzig entschlossen, sie vor ihm abzuschirmen. Er breitete sogar die Arme aus.
„Du kennst sie?“ fragte ihn Broglier.
Er habe sie ein paarmal gefahren.
„Wo ist denn dieses Boudoir?“ fragte Kignčrs. Er sähe sich das gerne einmal an.
Brems Widerkehr ODER Wie Erkenntnis geschieht. Argo.Anderswelt (273).


Argo-TS 400 mit Ergänzungen.
Nun Balthus also, nun Sheik Jessin. Die Grundstückskäufe im Osten und immer tiefer in den Osten bis an die Beskiden heran, in denen der vorgeblich zweite Odysseus bis lange nach Nullgrund verschanzt war. Der Schwarze Staub von Paschtu. Jetzt in ein Nirgendwo entflohn, das wie Blinde die europäischen Truppen durchkämmten. Wenn es Odysseus denn überhaupt gab und der Nullgrund nicht nichts als das ungeheuerlichste Ablenkungsmanöver gewesen war. Die geplante Denaturalisierung Stuttgarts, die der Präsident zu realisieren dabeiwar, gab der Vermutung ein furchtbares Recht. Wenn wiederum der Wölfin Informationen stimmten.
Goltz schoß das Silberstein in den Kopf und seine Unterhaltung mit Aissa und wieder und wieder die točnásche Nacht des Achäers. Die Amazonen, der Freischärler Brem. Sie hatten ihm noch in den Arm fallen wollen, doch wieselflink der lederne, geölte Mann. Glitschig wie ein Fisch. Alles, was er zurückließ, war ein bißchen ergrautes Haar, das hatte Thisea zu fassen gekriegt. Bis heute roch es betörend nach Parfumerie. Rückwärts krachte Thisea. Da war dem Achäer das Messer schon quer durch die spritzende Kehle gefahren. Die Pfeile der Amazonen trafen nur noch den Hänger, fielen ermattet zu Boden, sie und die Kugeln, die ebenfalls nicht trafen. Auch Goltz schoß. Auch seine Kugeln gingen ins Leere. Der Schlächter, als wäre er nichts als ein Phantom gewesen, ein Schnitter der Luft, war verschwunden. Blieb es, spurlos; fast wie der zweite Odysseus. Nur daß sich Brem nicht im Netz inszenierte, anders als fünf Jahre später dieser schwarzgebartete Spartakus der Rechtgläubigkeit. Die Amazonen jedenfalls, am Tag darauf, die aus den Frauenstädten, durchwitterten die Gegend vergeblich.
Nie hatte Goltz das Gesicht vergessen, Brems, nicht die schartige Hauterhebung unterm schrägen Tränensack, nicht die von winzigen Fältchen gekerbte Nase, schon gar nicht den Blick. Er hatte damals nicht mitsuchen können, so dringend hatte er aus dem Osten wieder hinausgemußt. Doch hatte auch nicht im Westen - nicht, als er heil in Koblenz zurückwar, und nicht danach - nach dem Mörder fahnden lassen. Weshalb? Es war mit den KaliTräumen noch gar nicht losgegangen. Die waren erst später gekommen. Er hatte den Osten vergessen wollen. Nichts von dem sollte bleiben, nichts, rein gar nichts in ihm. So reinlich war er gewesen, so strukturiert und so klar. Und später, wenn es schon nachts diese Träume gab, die ihm die wenige Zeit zerfieberten, die ihm zum Schlafen blieb, den Mörder einfach vergessen. Vergessen? - Goltz, bittrig, lachte auf. Da stand sein Instinkt auf dem Schreibtisch. Höhnisch begann er, ein Kobold, zu keckern. Doch war das er selbst. Ungefuggers DNS, die Probe – ach, deshalb war es, sein Unbewußtes, wieder darauf gekommen. Es gab keinen anderen Grund.
Goltz wischte den Kobold vom Tisch. Dem Griff zum Telefon stand er im Weg, wollte sich indessen halten, erwischte das Glas Pfefferminztee, kreischte, weil's ihm die Finger verbrühte, als das Glas kippelte, umfiel. Und sich ergoß: über die Dokumente, Kommunikationselektronik, Stifte, Karten. Alles ging viel zu schnell, als daß Goltz hätte eingreifen können. Was er auch nicht wollte. Denn die dampfende Teeflut riß den Kobold mit sich, der schrie und mit den Ärmchen fuchtelte, bevor er gegart war; sein Leichnam ging den Wasserfall ab, von der Schreibtischkante herunter zu Boden, und verpfützte. Dann gab es einen flachen, elektrischen Knall, ob von Goltzens Rechter, die, während er links schon den Hörer hielt, auf die Platte geschlagen hatte, ob im Computer, ob vom gesottenen Kobold.
„Verbinden Sie mich mit Beutlin...“
Er hatte den kurzen Satz kaum begonnen, längst wieder beherrscht, da löste sich von dem geschmorten Koboldkadaver ein Rauch, der spirrig und ungefähr aufstieg. Goltz registrierte das im Augenwinkel.
„...gesicherte Verbindung, ja... -“
Es ballte der Rauch sich im Raum.
„Und ist noch eine Putzkraft im Haus? Schicken Sie sie her.“
Die wolkenartige Ballung wurde Gesicht. Das schwebte dampfen und rötete sich, halb von Achäerblut verschmiert. Um besser sehen zu können, wischte es sich der Söldner mit dem Ärmel des Armes ab, an dessen Wurzel die Hand, die das Messer umschloß. Das zeigte aber nicht der Dampf. Sondern das war reale Erinnerung.
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Argo 272 <<<<
Lyrische Séance. Frau von Stades erstarrende Rezitation. Argo.Anderswelt (272).
Sie würde er zurückfordern, und zwar auf der Stelle. Was für eine Anmaßung! Sie tobte im Innern. Klein sollte dieser Bursche werden, zu Kreuze kriechen vor den Leuten. Wer war er denn, der Rüpel? Und wer dagegen sie, die Tochter des Unsterblichen! So daß sie, als sie vor der Tür des Saales stand, geradezu rauchte. Sie klopfte nicht, sie lauschte nicht. Sie öffnete einen der Türflügel und stand in dem Raum. Ein einziger Blick erfaßte die peinliche Bizarrerie.
„Gleißnerin, unerforschte, dem Meer gleich...“, rezitierte brüchig, weil mit und in ziemlich sehr gehobener Stimme und Stimmung eine ältere Dame in Schottenrock und blaßroten Nylons, die den Umstand nicht eigentlich verbargen, wieviel Wasser sie in Unter- und Oberschenkeln hatte; dummerweise stand es im Kopf aber auch, trotz des deklamierten Goethes. Der schüttete sogar noch nach: die Verse, die oben wie Luftblasen ankamen, stiegen torkelnd durch Beine Bauch Brust Hals hinauf und zerploppten an der mächtig bewegten Oberfläche dieses Rezitativs. Denn wie zum Gesang hatte die alte Frau den rechten Arm ausgestreckt. Noch war da aber oben Platz unter der Schädeldecke, sonst hätte sie Kopfschmerzen gekriegt. Indes nicht mehr viel. Weshalb sie die Störung begrüßen hätte müssen, die ihren Vortrag unterbrach.
Dazu genügte völlig, daß Michaela erschien; sie mußte gar nichts tun. Man kann aber sagen, ihr Mund habe offengestanden. Denn sie sah zu allererst die wasserrot verdickten Beine in den halbhohen Gesundheitsschuhen. Was daran lag, daß die Präsidentengattin vor den gläsernen Türflügeln, die auf eine balkonierte Terrasse führten, ein Podest hatte als Bühne errichten lassen, von der herunterrezitiert werden mußte. Man gelangte über ein helles Holztreppchen hinauf. Davor, also darunter, waren die Stühle gereiht, auf denen die lyrisch Begeisterten saßen. Wollten sie nicht nur lauschen, sondern auch sehen, mußten sie ihre Köpfe in die Nacken legen.
Frau Ungefugger hatte ein gutes, wenn auch simples Gefühl für repräsentative Architektur. Deshalb war, treu der innenar-chitektonischen Idee einer Konjunktion aus Türflügeln und Terrassentürflügeln, mittig ein Gang freigelassen, der zielte aufs Podest, hinter wiederum dem in den hohen Rahmen der Scheiben der Jura den Prospekt gab. Jetzt, weil der Abend die Berge fast zur Gänze weggedunkelt hatte, umrahmten die an den Seiten von Putten belebten Leisten ein Schwarz, das den Saal reflektierte. Dadurch erstand das Gefühl nun erst recht, in einem kleinen Theater zu sein. Zumal sah, wer sich nun reckte, sich selbst auch, zumindest den eigenen Kopf.
Langsam ging Michaelas Blick, als verfolgte er den Weg der hinauftorkelnden Luftblasenwörter, über die Wasserbeine zum Schottenrock hoch, der einen fettigen Schamberg zwang, sich bescheidener zu geben, als er in Schatten und Unterstand war des ihn überwölbenden, plisséegezierten Bauches. Unnatürlich jugendlich stand dagegen, in zwei Trichterkörbe korsettiert, der Busen, der noch den Goethen an sich drückte. Unterm aufgebauschten Kragen, um den sich eine vier- oder fünffach gewundene Korallenkette legte, führte ein abstrus geschwollener Hals in das versunkene Kinn. Über dem, sperrangelweit, das noch immer geöffnete Mundloch. Dunkelroter Lippenstift. Blitzig ein drittes und viertes Gezähnt. Das Haar über dem breiten, weichen, eigentlich traurigen, wenn nicht trauernden Gesicht war von einem mitleidslosen Friseur hochtoupiert, die Krone des Gelocks violetten erloschen.
Als sie, die alte Dame, Michaelas Blicke auf sich spürte, fiel ihr vor lauter Hilflosigkeit die Achillëis von der Brust, die ausgerechnet Hera an sich gedrückt. Gerade noch sprach sie „... das dich erzeugt hat!“, indessen bereits ohne Ton. Die Frau war dumm, doch sensibel. Wie diese, empfand sie, reine junge Frau mit ihrem Lachen kämpfte, vor dem geöffneten Türflügel stehend und hinter sich eine endlose Gangflucht zur Realität, machte ihr in Sekunden die eigene Groteske klar. Einen verächtlicheren Blick als den der jungen Ungefugger hatte sie in ihrem Leben noch nicht zu spüren bekommen. Daß er gerechtfertigt war, machte ihn schlimm. Gerechtfertigtheit ist durchaus nicht immer gerecht.
Sämtliche Gedichte, die auf den Séancen je gesprochen worden waren, selbst die, die sie selber vorgetragen, hatten nicht vermocht, die alte Dame Tragik erfahren zu lassen: daß sie auf Bühnen gar niemals vorkommt, und wenn man sich zwanzigmal bedeutungsheischend daraufstellt. Sondern alleine im Leben. Das unterdrückte, dennoch glucksende Lachen Michaela Ungefuggers, nun, brachte es ihr bei. Plötzlich waren sie eines, Bühne und Leben, und man selbst, elend geschwollen, steht da oben als hilfloses Objekt, das sich den anderen, die's aber gar nicht bemerken, vorführt. Doch, eine, unerwartet, tut's. Und nackt steht man vor ihr, frierend in all seiner Lächerlichkeit.
Argo 271 <<<<
Michaele Gabriela Anna, Ungefuggers Tochter. Argo.Anderswelt (271).
Doch Michaela Gabriela war zu eigensinnig und zu stolz, wollte sich und den Körper bestimmen allein mit dem Willen. Deshalb aß sie nicht mehr seit fast einem Jahr, bzw. aß sie erschreckend wenig. Ihre Mutter, die das besorgt, wenn auch tumb registrierte, mischte ihr Sahne in den Magerjoghurt. Da wich die Tochter auf Nährstoffpillen aus, sie ließen sich sowieso besser dosieren. Daß ihr Körper kollidierte, wollte Michaela Ungefugger nicht. Ihr ging es im Gegenteil um energetische Präsenz und eine geistige Reinheit, in der schließlich der Sexualdrang verschwand. Sogar Michaelas Periode, sie hatte bei ihr mit zwölf eingesetzt, blieb nun von Zeit zu Zeit aus. Was sie als Glück empfand.
Nein, sie brauchte keine Spritzen. Zwar jeder Arm wie ein Bambus, doch sichtbar definiert die Muskeln daran. Ebenso die Beine. Ihr Gesäß war das eines jungen Mannes: sogar Buchten in den Backen, die sehnig spielten, wenn sie ging. Doch ihre Brüste mißhagten ihr. Sie hingen seit der Diät, da half auch striktes Training nicht. Die junge Ungefugger nahm ihre Brüste nicht als Organe wahr, sondern für Accessoirs, über die man als einen Schmuck verfügt. Man muß ihn nicht betonen, ja nicht einmal wirklich anlegen wollen, aber wird er einem entwendet, dann ist das schwer zu ertragen. Nicht zu akzeptieren ist es, dachte die Ungefugger und zog Erkundigungen über holomorfe Plastinate ein, wie ihr Vater eines, als Ohr, trug. Doch verfügte sie nicht über genügend Geld, um sie sich leisten zu können; ihr Vater hielt sie knapp. Und die Mutter, wußte sie, wäre dagegen. „Ernähr dich einfach richtig, Kind. Du hast einen schönen Körper. Gib ihm einfach, was er braucht.“ Aber mit der Mutter sprach sie sowieso kaum, indes sie den Vater, dem erotisches Aussehen völlig egal war, mit solchen Eitelkeiten nicht belästigen wollte.
Am unangenehmsten war, daß die Brüste, als sie so schlaff geworden, aus ihren Spitzen Sekrete abzusondern begannen, die Stilleinlagen nötig machten. Michaela ahnte durchaus, daß dieser Widerstand des Körpers ein Muttererbteil war. Sie nannte es den Saft: „Jetzt hab ich diesen Saft schon wieder!“ Stets vor dem Follikelsprung. Sie konnte den Kalender danach lesen. Einen halben Monat später rann das Blut.
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Argo 270 <<<<
Schlaflosigkeit des Trinkers (neu gefaßt). Argo. Anderswelt (270).
Dieser harte Mann.
Wir können auf den nicht mehr warten, mühen uns auf. Und wirklich, die Apsis verschwindet. Nun ist da wieder nur Balkon und vor ihm karg das Zimmer, in dem wir schwankend suchen. Die Flasche auf dem Tisch war aber längst geleert. Zwei weitere Flaschen liegen ausgetrunken am Boden. So daß sich Kignčrs, da war es halb vier in der Frühe, auf die Straße flüchten mußte, aus der kleinen Wohnung hinaus das Treppenhaus hinab. Bevor ihm, hätte er sich zurück in sein Bett gelegt, erneut diese Apsis erschien.
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Argo 269 <<<</
Heikle Stellen. Argo. Anderswelt (269).
Aber Broglier kam nicht, bis zum nächsten Morgen nicht. Was für ihn nicht unüblich war. Er schritt einfach in die Straßen hinaus, solch einen Abscheu vor daheim. Er hatte nie im Griff, wann der hochkam. Dies waren die Stunden, die ihn abstürzen machten, wenn er morgens nur für drei Brötchen die Wohnung verließ, aber selten wiederkehrte vor spätnachts, betrunken immer, grölend nie – wäre er simpler gewesen, er hätte Dorata geschlagen. Ob das nicht sogar die Gefühle, denen sie beide ausgesetzt waren, und dem Verfall, geklärt hätte, ist nicht ganz heraus. Vielleicht hätte Dorata dann Abstand nehmen können, und er selbst wäre sich des Leidens bewußt geworden, das er ihr antat. Ein Akt, in dem die Verzweiflung endlich Haltung verliert, hätte das sein können, so daß Dorata zu sich findet, endlich, angesichts dieses massiven Symbols, das grob genug im Raum steht, um alles, was man verzweifelt versteckt hat, nackt und so roh zu offenbaren, wie es ist. Das man nun nicht mehr schönschleifen, schon gar nicht wieder schlucken kann. Doch war er, Broglier, für diese, schreibt Benn, Zusammenhangsdurchstoßung viel zu fein, zu kultiviert, zu weich auch. Anders Kalle. Der hätte wohl schon zugeschlagen, aus Herzensgüte sozusagen, hätte dann verdattert die eigene Hand angesehen und den Tropfen Bluts unter der Nase der Freundin, die nun allen Grund gehabt hätte, und Gelegenheit, den Geliebten zu verlassen. Beides vorenthielt Broglier der in sich und ihr Programm derart verlorenen Klonin, ja firmte es noch, was hätte so dringend umgeschrieben werden müssen. Liebe, wenn sie tief ist, erduldet, so lang der Geliebte sie anschweigt; da ist sie bereit, sich bis ins Vergessen, nach dem sie sich dann sehnt, quälen zu lassen.
Argo 268 <<<<
Die letzten Exemplare. THETIS. ANDERSWELT & BUENOS AIRES. ANDERSWELT


Zusammen 1165 Seiten: 100,-- Euro incl. Porto.
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ANH liest NULLGRUND. Stream der Fern-Universität Hagen vom 27. Februar 2009. Argo. Anderswelt. (268).
Weshalb Hexameter? The Archaic Revival, vampyroteuthisch. Zum Epilog. Argo. Anderswelt. (267).
Der Irrtum ist anzunehmen, wir kämen in einer selben Vergangenheit an; wir kommen nicht einmal in einer gleichen an – aber in einer ähnlichen. Die läßt uns nach Identitäten suchen, deshalb sagen wir: das Gedicht ist aber schlecht im Vergleich mit Homers, in Unkenntnis von und im Unwillen gegenüber Prozessen, die auch als scheinbarer Regreß nicht wirklich in ein Früheres zurückfallen lassen können; sondern ein Früheres wird errichtet, das erst und nur heute und/oder zukünftig denkbar und möglich ist. Darin liegt auch das Skandalöse und Falsche, wenn wir sagen, eine Gesellschaft (etwa des fundamentalen Islams) befinde sich in mittelalterlichen Strukturen; das ist nämlich nicht wahr; sondern sie befindet sich in mittelalterlichen Strukturen, die sich in modernen Strukturen befinden und das sehr oft auch sehr genau wissen. Die Abgrenzung eines fundamentalgläubigen Moslems gegenüber der modernen Welt ist notwendigerweise etwas anderes, als es die Abgrenzung fundamentaler Gläubiger im Mittelalter war, und zwar nicht nur geschichtlich (historisch-materialistisch), sondern auch prinzipiell, also ideal.
Wir werden mit solchen Prozessen einer scheinbar ahistorischen Ungleichzeitigkeit zunehmend konfrontiert, seit wir in dem Prozeß der sogenannten Globilisierung leben. Es treffen nicht nur aus westlicher Sicht längst überlebte Paradigmen auf die unseren von Fortschritt und Aufklärung, nein, innerhalb unserer eigenen Lebenswelten kommt es gehäuft zu Erscheinungen wie derjenigen, daß junge Frauen von sich aus die Burka nehmen wollen, westliche Frauen; um diesen Prozeß zu verstehen, muß man entweder den Freiheitsbegriff völlig umwerfen und/oder neu definieren, oder akzeptieren, daß die westlichen Werte allenfalls relative und eben k e i n e Axiome sind, - die moralischen Werte, wohlgemerkt. Um hinter die wirkenden Strukturen zu kommen oder um sie auch nur mitfühlen zu können, ist >>>> The Archaic Revival (McKenna) ein Weg der modernen (nachpostmodernen) Formen. Die Vorwürfe, wie etwa Durs Grünbein, Botho Strauß, Peter Handke sie einstecken mußten, sind insofern keine, die progressive Menschen an regressive oder gar repressive richten, sondern ganz im Gegenteil: Wer glaubt, ästhetisch fortschrittlich zu sein, befindet sich möglicherweise g a n z hinten. Die Wiederaufnahme alter Formen ist nicht nur geraten, sondern notwendig, wenn jemand mit Recht zeitgenössisch genannt sein will und zeitgenössisch gesonnen ist. Es s i n d nicht alte Formen, sondern es sind alte Formen in der Gegenwart der Zukunft ("in der Gegenwart a l s Zukunft").
>>>> ARGO 268
ARGO 266 <<<<




































