Liliana Ahmetis Warum ich kein Model geworden bin. Part 9
Anschließend gingen wir in eine Salsa-Bar, tranken Mochitos und tanzten. Wir waren das coolste, bestaussehendste Paar. Und in mir war die reine, strahlende, altehrwürdige, mysteriöse und selbstvergessene Glut meiner skipetarischen Vorfahren. Mein Großvater sagte immer: Der Stolz des Pfaus, die Wollust der Ziege, der Zorn des Löwen – das sind die Pracht und die Herrlichkeit Gottes. Wir waren wie zwei Wilde aus verfeindeten Stämmen, die im Dunkel der Nacht aufeinander gestoßen waren und nach einem kurzen erbitterten Kampf sich gegenseitig ergaben. Ich wusste, dass ich nie wissen würde, was Lasko wusste – ob er Alles wusste, oder gar nichts. Und trotzdem traute ich ihm wie niemals jemandem zuvor. Wir waren betrunken und er kam mit zu mir. Wir fingen an uns zu lieben, langsam, in Zeitlupe und wie unter Hypnose, wie in einem Stollen, tief unter der Erde. Aber er verlor den Faden und hörte auf. Er lag auf dem Rücken und starrte an die Decke. Alles in mir war zum Zerreißen gespannt und ich wusste, dass jedes Wort jetzt dreifach wiegen – und missverstanden werden würde. Ich wusste, dass das woran er dachte mit mir zu tun hatte. Und ich spürte die gewaltige Mauer der Zeit zwischen uns. Ich stellt ihn mir vor, wie er in meinem Alter gewesen sein musste: ein tastendes Monstrum voller Narzissmus, Eigensucht und verletztem Stolz, rastlos auf der Suche nach einem anderen Monstrum, das ihn mit seinem vergifteten Pfeil exakt an der Stelle treffen würde, die niemand ausser ihm kannte: die zarte, unendlich verletzliche Brücke und Naht zwischen seinen beiden siamesischen Herzen, an der er sich selbst machmal in den berühmten verzweifelten Nächte berührte wie ein schizophrener Chirurg, der sein Skalpell auf den richtigen Punkt setzte, um das was er so sehr liebte endlich zu zerstören.
Lasko lag neben mir und fing an zu schnarchen. Und das erregte mich aus irgendeinem Grund so sehr, dass ich mein Gesicht in seine Achsel schmiegte und mich langsam und leise wichste, bis meine achtflügellige Libelle aufflog und durch das offene Fenster in die Nacht verschwand.
Als ich gegen Mittag aufwachte, war Lasko weg. Ein Zettel lag vor dem Bett, auf den er mit seiner schwungvollen, nach rechts stürzenden Schrift geschrieben hatte: Einverstanden. Er hatte noch eine Zigarette geraucht, sie im Aschenbecher ausgedrückt und mich angesehn, bevor er gegangen war. Und ich lag noch immer schlafend auf seiner Retina, während er mit seiner Staatsanwältin beim Essen saß und ein vollkommen Anderer war, den ich nicht kannte und niemals kennenlernen würde. Ich beneidete seine Frau nicht. Aber ich war eifersüchtig auf die anderen Frauen, denen er schrieb. Sie alle geisterten um mich wie Vertraute, denen ich nicht traute. Sie alle bekamen etwas von ihm, das seine Frau nie kennen würde: seine betrunkenen Flows und Ekstasen, Quecksilber und Gold, Strass und falsche Diamanten, seine magischen Beschwörungen einer anderen Welt, in der er nicht leben konnte, vielleicht nicht einmal wollte, die aber für ihn gemacht war: Den ganzen glitzernden Ramsch seiner Phantasie, auf den ich so scharf war wie eine Ratte in einer mondlosen Nacht unter einer Brücke im Regen. Er war wie ein Flugzeug, dem das Kerosin ausging, und das in langen Schleifen kreiste über einer längst zerstörten Landebahn. Er war ein leeres Haus, in dem ich wohnen wollte, für immer und ewig. Ich wollte in einem Sarg neben ihm liegen, lebendig begraben.
Ich kochte mir eben einen starken Kaffee, als das Telefon klingelte: die Agentur erinnert mich an das Shooting auf Usedom, das in der folgenden Woche stattfinden sollte, falls das Wetter mitspielte: Der erste wirklich gut bezahlte Job. Sie waren begeistert von mir. Dieses mal sollte ein sehr renommierter und wichtiger Fotograph da sein. Für mich wäre das die entscheidende Chance. Ausserdem sollte ich am Wochenende für ein aufstrebendes Berliner Modelabel auf den Catwalk auf Pontons in der Spree in Treptow.
Ich riss mich zusammen und rief Lakso nicht an. Ich wollte nicht, dass er wusste, woher das Geld kam, das ich ihm geben würde. Ich rief bei der Universität an und ließ mir einen Termin für die Rückmeldung zum Wintersemester geben. Und dann legte ich Echoes von Pink Floyd auf. Ich hörte dieses monumentale Stück immer wenn ich auf Reisen ging, dieses, oder das Adagio aus der 9. Sinfonie von Beethoven. Diese beiden Stücke gaben mir absolut zuverlässig das Gefühl, nirgendwo daheim zu sein. Aber als der unheimlich kreiselnd-kreischende Mittelteil von Echoes anfing, hatte ich nicht mehr das Gefühl von Heimatlosigkeit, das mir so vertraut war wie einer Fledermaus ihre Höhle; stattdessen breitete sich eine Aufgehobenheit in mir aus, die mir vollkommen neu war. Und als der Gesang wieder einsetzte, erinnerte ich mich plötzlich an meine Mutter, wie sie mir, als ich einmal als kleines Kind aus einem Albtraum schreckte, in dem ich meinen Schnuller in einen tiefen, abgrundtiefen Abgrund hatte fallen sehen, ihren Finger in den Mund steckte und mich an ihm saugen ließ, und ich mich an ihrem Finger zurücksaugte in die verlässliche Welt, um schließlich unendlich beruhigt meine Augen zu öffnen und in dieses lächelnde, vertraute, warme Nest ihres Gesichts zu schauen, das wie eine Sonne über mir strahlte und mich so unendlich liebend in sich aufnahm. Ich war dieses kleine Mädchen in mir, das weinen wollte und nicht konnte. Man erwachte mitten in einer Sinfonie, deren Anfang man verpasst hatte – und deren Ende man nicht mehr hören würde. So war das Leben. Und ich dachte an Lasko, der, wie Marsela, meine verlorengegangene Mutter, einen unerklärlich langen, mystischen Kuss auf meine Stirn geküsst und mich noch einmal gerettet hatte vor dem Leben.
Einmal als ich mit Albion aus New York zurückkam und in der Augusthitze auf dem Flughafen in Istanbul meinen Koffer aufmachte, um den Flacon Eau Sauvage heraus zu nehmen, den ich ihm schenken wollte, erschreckte mich die ausserirdische Kälte, die in diesem kleinen, schräg geriffelten Fläschchen aus dem Frachtraum des Flugzeugs gespeichert war.
Ich nahm das Telefon und wählte Laskos Nummer. Seine Frau nahm ab und ich legte auf. Ich ging hinaus und durch die Straßen, in der Hoffnung, ihm zu begegnen. Ich ging an all die Orte, an denen er manchmal war. Die Gesichter der Menschen kamen mir überflüssig vor wie Laub im Herbst. Ich setzte mich in die vorderste Reihe eines Straßencafes, damit er mir nicht entgehen konnte. Aber ich wartete umsonst. Auch am nächsten Tag blieb er stumm. Ich las weiter in seinen Korrespondenzen – und hatte zunehmend das Gefühl, dass er sehr wohl Grund hatte, sich zu schämen: Der luftleere Raum in dem er lebte schien manchmal auf ihn zu wirken wie eine Droge, die ihn in so verzweifelte und euphorische Stimmungen riss, dass er Dinge schrieb, die so trügerisch, verführerisch und gefährlich waren wie eine Fata Morgana. Es gab da Andeutungen, Einladungen und Versprechungen, die er unmöglich einhalten konnte – und sehr wahrscheinlich auch niemals einhalten wollte. Es gab da eine Frau, der er wahnwitzige Komplimente machte, mit der er sich eine Zukunft und ein neues Leben auf einem anderen Kontinent ausmalte, die er immer und immer wieder besang wie ein Minnesänger seine unerreichbare Angebetete. Anderen Frauen waren Projektionsflächen für seine überschüssigen und überflüssigen Liebesphantasien und phantastischen Ausschweifungen. Spiegel schienen es ihm besonders angetan zu haben, eitel wie er war. Lange Traktate über den metaphysischen Aspekt der Spiegel tauchten immer wieder auf, sowie ihr Gegenteil: der magisch-perfekte flüssige Samt einer vollkommenen, alles Licht absorbierenden, unter Anwendung einer geheimen Methode applizierten Platinschwärze. Ein Spiegel gibt Alles, jede Farbe und Form exakt wieder. Der schwarze Samt gibt nichts mehr wieder her, was in ihm verschwunden ist. Spiegel, Doubles, Masken, der Treibsand der Identität, das waren seine Lieblingsthemen, über die er nicht aufhören konnte zu philosophieren, insbesondere gewissen Freundinnen gegenüber. Die wenigen Männer mit denen er korrespondierte deckte er regelmäßig mit Suaden über die Götter, ihre Arroganz, ihren Sadismus und ihre absolute Verantwortungslosigkeit ein. Ihr Verbrechen war es, sich ihrer eigenen Sterblichkeit bewusste Wesen geschaffen zu haben – und sich dann einen Scheissdreck um ihr Schicksal zu scheren. Lasko sah sich als ein, die gesamte Spezies stellvertretendes, hypersensibles Wesen, das stolz seiner finalen Auslöschung entgegen ging. Er sah sich als Seismograph des menschlichen Desasters überhaupt.
Sein Hass auf jede Form von Religion war irgendwie altertümlich und paranoid zugleich. Nur den Islam nahm er aus: immer wieder zitierte er aus dem Koran, schien wahnsinnig fasziniert von seinem poetischen Gehalt, um ihn dann wieder in einer einzigen Hasstirade eine Landkarte für Wüstenbewohner zu nennen.
Seine Gedanken waren nicht immer unmissverständlich. Der Alkohol schien ihn bis zu einem gewissen Punkt zu inspirieren – und dann nicht mehr. Er beschrieb einen dramatischen Sonnenaufgang über dem indischen Ozean, nach einer Nacht, die er nur mit einer Flasche Vodka überstanden hatte. Und es war als ob er in diesem Sonnenaufgang untergegangen war. Er schrieb von Sinnestäuschungen und Paralaxen, von Hochzeitsgesellschaften am Strand von Daresalaam und einer Brassband bestehend aus menschengroßen Wespen, neben einer stinkenden Kloake; von einer schwarzen Kellnerin auf einer Capverdischen Insel, mit der er kein Wort wechseln konnte, und die er dazu gebracht hatte, ihm ihren Namen auf einen Zettel zu schreiben: sie malte alle Buchstaben übereinander, so dass nur ein schwarzer Fleck entstand. Er schrieb von einem Mädchen, das er in einem Bus kennengelernt und für eine Prostituierte gehalten hatte. Sie mochte seinen Odeur aus Gin und Tabak, wollte sich aber par toutes nur küssen und nicht vögeln lassen. Stattdessen schleppte sie ihn von einer Party zur nächsten und schickte ihm noch Jahre später handgeschriebene Briefe aus Bath in England, wo sie angeblich Philosophie studierte. Eine griechische Diplomatengattin tauchte auf, die ihn mit ihrem schwarzen Volvo in Piräus an der Fähre abholte und mit ihm hinunter zum Poseidontempel fuhr, um ihm dort einen linkischen Heiratsantrag zu machen. Später zeigte sie ihm in ihrem Athener Downtown-Penthouse ihre topasfarbenen belgischen Spiegel, vor denen er sich mit ihr zusammen betrank, um dann seinen Rausch im Zimmer ihrer minderjährigen Tochter auszuschlafen. Eine Belgierin, die er auf irgendeinem Kongress kennengelernt hatte, schrieb ihm jahrelang Liebesbriefe, ohne ihn auch nur ein einziges Mal treffen zu wollen. Geschichten aus 1000–und–einer–Nacht. Und dann gab es diese Frau, deren Nacktfoto er in dem deutschen Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, diesem Urinal- und Arschwischerblatt, gesehen – und keine halbe Stunde gebraucht hatte, um ihren wahren Namen und ihre Telefonnummer auf der Hand zu haben. Diese gut gebaute Halbkoreanerin fixte er er derart an, dass sie sich vor ihm rollte wie eine Katze. Aber er ließ sie am Ende links liegen. Ein paar seiner schillerndsten und pompösestenTexte hatte sie in ihm ausgelöst. Und dann war da diese Australierin, oder Neuseeländerin, der er auf den ersten Blick verfallen war, die ihn köderte, abschmetterte, anlockte und wieder auf Eis legte. Mit ihr, oder besser gesagt an ihr verfiel er immer wieder in eine grässlich zeremonielle Sprache, in der seine ganze Bigotterie entfaltete wie ein Pfau seinen Schweif. Beim Lesen dieser Sachen kam mir fast das große Kotzen. Derartigen Schwulst und Bullshit hatte ich noch nicht gelesen. Und doch waren diese Liebesbriefe von einem verrückten tödlichen Ernst. Sie klangen, so wirr und gedankenverloren sie über weite Strecken waren, immer authentisch. Er wünschte sich diese Frauen in diesen Nächten an seiner Seite. Und sie hätten es nicht bereut. Und ich wünschte mir, eine von ihnen gewesen zu sein, damals, lange bevor ich ihn zum ersten Mal sah. Denn jetzt war ein Schatten auf ihn gefallen – und ich war ein Teil dieses Schattens. Aber sie waren nie da. Jedenfalls nicht die richtigen. Andere schon. Aber denen schrieb er keine solchen Mails.
Hier habe ich ein paar die mir interessant vorkamen notiert:
es kommt verdammt darauf an, mit wem man seine besten stunden verbringt.
das ist die einzige maxime, der ich weltgeltung zuspreche. /
frauen sind sehr zarte, bösartige tiere. ich glaube auf nichts verwendet ein mann mehr energie und intelligenz als aufs erotische. /
diese endlosen abende in arabischen städten
der geruch wasserbespritzten asphalts
strenge und nüchterne jugend
dieses unsinnige warten auf glück
bis der mond aufgeht
und sie in ihre träume zurückscheucht /
gewalt ist die einzige wahre poesie.
sex is the only way of leaving hell /
es gibt eine sorte mensch, die sich im alter zu einer natürlichen achtung
vor dem geist durchringt - und das mit einer nonchalance, die darauf schließen lässt, dass diese menschen einsehen, ihr leben lang darauf verzichtet haben zu müssen, wie auf einen fremden kontinent, der sich immer weiter von ihnen entfernte. /
fotographiert zu werden - das ist, als ob du in einen Spiegel schaust, der dein bild nicht zu dir zurück - sondern in die entgegengesetzte Richtung weiter wirft, um es den augen eines anderen auszuliefern. /
das was liebende entbrennen lässt ist ein beidseitig durchlässiger spiegel.
am ende werden diese spiegel das einzige sein, was von dieser spezies übrigbleiben wird. /
die flüchtlinge auf den seelenverkäufern, die in lampedusa landen, die girls aus der ukraine und kasachstan, die in bussen auf den west-strich verfrachtet werden. diese welt ist ein misthaufen auf dem v. zeit zu zeit roter mohn blüht. /
ich bin zu empfindlich für diese welt, alles bringt mich in aufruhr, alles inspiriert mich, und alles ist mir gleichgültig.
ich bin der geborene mörder und zugleich der, der den mörder als chauffeur anheuert und mit ihm zusammen komponieren wird. ich bin einer dieser typen, die selbstmordanschläge absolvieren können, wie sie zigaretten holen gehen. /
das leben ist der wahnsinnige traum eines unendlich vernünftigen wesens, das den wahnsinn nicht kennt – und nicht weiss, dass es träumt. /
selbst die heruntergekommensten typen haben ein ausgeprägtes feingefühl für hierarchie: das residuum dieser herdenrasse, die nur in ausgemachter rangordnung leben kann und will. der widerstand gegen diesen primitiven und elementaren impuls ist nach wie vor die einzig tragfähige - und abgesehen davon - die einzige ästhetisch akzeptable geste, die wir uns erlauben werden. /
an einem Mineralwasser-Brunnen in einem abgelegenen Tal in Franken:
ein Mädchen von vielleicht 12 Jahren. Es füllte das Wasser in 2-Literflaschen.
Daneben sein Vater. Gleichgültig, weisshaarig, idiotisch.
Das Mädchen schaute mich kurz an, wie einen Feind, lässt mich nicht trinken.
Seine Augen kalt wie das Wasser
Seine weiße Haut wie die einer Toten.
Seine langen Wimpern gesenkt,
Seine blonden Haare mehr als blond,
Seine Hände blau vor Kälte.
Seine blaubestrumpften Beine steckten in einem rotkariertem Rock.
Die Schnürsenkel seiner blauen Schuhe ausgefranst,
die Jacke flammend rot.
An seinem Kinn hingen zwei Tropfen Wasser.
Und in diesen zwei Tropfen war alles Böse und alle Selbstversessenheit dieser Welt.
das vergessen der vernichtung ist teil der vernichtung. /
Der Duft der Frauen widersteht der Zeit - aufreizend und beruhigend zugleich. /
Man muss sie zum Lachen bringen, das ist alles. Dann ist es leicht. Aber dazu muss man selbst heiter sein. Und das ist nicht leicht. /
Männer ohne Frauen sind entweder kalt und erbarmungslos, oder schwach und leicht zu beeinflussen. /
Aber die Musik steht ungleich höher als die Sprache.
Ihre Expressivität ist unmittelbar. Sie ist imstande, mit einer einzigen Wendung alles erscheinen und im gleichen Augenblick verschwinden zu lassen.
Keine Parolen, keine Missverständnisse; kein Versprechen von Erlösung - sondern Erlösung.
Keine Beschwörung von Gegenwart - sondern Gegenwart selbst.
Kein Bleiben. Verwandlung.
We are ugly, but we have the music.
Die Zeitlichkeit des Daseins ist die Voraussetzung für seine Geschichtlichkeit.
Etwas ist nicht deswegen zeitlich, weil es in der Geschichte steht,
sondern umgekehrt: erst die wesenhafte Zeitlichkeit seines Daseins verschafft ihm geschichtliche Existenz.
Etwas nicht wesenhaft Ausserzeitliches, also Ewiges, kann demnach
geschichtlich nicht existieren. /
ich bin zu weit als dass du mich finden - zu nah als dass du nach mir suchen würdest. Und trotzdem geht ein schläfriger warmer, erregender Duft von dir aus, bei dem mein herz schneller schlägt...
Wir sind Wesen, die außerhalb der Seele leben können, und gleichzeitig in ihrem Zentrum. Das ist der Grund, weshalb einige von uns manchmal zu Engeln werden. /
nacht für nacht, wenn ich die weite meiner schwingen in mein sterbendes Gedächtnis tauche. /
ich zerstöre mich selbst, dazu brauche ich keine Assistenz. /
ein mensch kann für den einen nichts als ein stück dreck sein - und für den anderen ein bodhisattva. /
Ich lag neben einer Frau. Das Flackern der Kerze machte den Schatten meiner Schulter an der Wand zu einem Flügel, dem Flügel eines Schmetterlings, dem Schatten des Flügels eines toten Engels... Wir lieben weder Vater, Mutter, Frau, Kind, Gott - wir lieben nur die angenehmen Empfindungen, die diese Liebe uns verschafft. /
Auf der Höhe meiner Zeit, aufgeschlagen wie ein Ei, wie eine Blüte, so grell, dass es mich erschreckt, wenn ich sehe - in welchem ewigen Winter. /
menschen wie du und ich müssen, selbst wenn sie durch jahrtausende voneinander getrennt sind, einen einzigen tiefen gedanken wie einen kuss wechseln, wie das va banque der evolution, dieser wahnsinnigen spielerin, die das glück kennt, weil sie es erfunden hat. /
Der schärfste Wind bläst einem Mann aber aus der Vulva einer Frau entgegen. Und dieser Anblick ist inspirierender als alle Werke, die diese schlampigen Menschheit jemals generierte. /
Zu einer guten Stimme gehört ein kaltes Herz. /
eure zungen sind tot wie angespülte quallen, von denen nichts übrig bleibt als verwehter schaum. aber man muss leben, aus den tiefen des vulkans. / es reicht nicht, böse zu denken - man muss böse sein.
den berliner brauereien gehen die flaschen aus, sagen sie im radio: ich werd meine morgen zurückgeben - und mir von dem Pfand eine Jacht kaufen.
Es war kaum zu ertragen, was dieser Mann im Lauf der Jahre geschrieben hatte, neben – oder trotz seiner zwei Romane, die nicht allzu viele Leute gelesen haben dürften. Ich hatte sie gelesen – und sie verwirrten mich: er selbst tauchte in ihnen nicht auf. Sie waren eine Ausflucht, ein Umweg, etwas Vorläufiges. Er schien sie geschrieben zu haben, um sich zu verstecken. Sein Opus Magnum läge noch vor ihm, wie er immer sagte.
Lasko lag neben mir und fing an zu schnarchen. Und das erregte mich aus irgendeinem Grund so sehr, dass ich mein Gesicht in seine Achsel schmiegte und mich langsam und leise wichste, bis meine achtflügellige Libelle aufflog und durch das offene Fenster in die Nacht verschwand.
Als ich gegen Mittag aufwachte, war Lasko weg. Ein Zettel lag vor dem Bett, auf den er mit seiner schwungvollen, nach rechts stürzenden Schrift geschrieben hatte: Einverstanden. Er hatte noch eine Zigarette geraucht, sie im Aschenbecher ausgedrückt und mich angesehn, bevor er gegangen war. Und ich lag noch immer schlafend auf seiner Retina, während er mit seiner Staatsanwältin beim Essen saß und ein vollkommen Anderer war, den ich nicht kannte und niemals kennenlernen würde. Ich beneidete seine Frau nicht. Aber ich war eifersüchtig auf die anderen Frauen, denen er schrieb. Sie alle geisterten um mich wie Vertraute, denen ich nicht traute. Sie alle bekamen etwas von ihm, das seine Frau nie kennen würde: seine betrunkenen Flows und Ekstasen, Quecksilber und Gold, Strass und falsche Diamanten, seine magischen Beschwörungen einer anderen Welt, in der er nicht leben konnte, vielleicht nicht einmal wollte, die aber für ihn gemacht war: Den ganzen glitzernden Ramsch seiner Phantasie, auf den ich so scharf war wie eine Ratte in einer mondlosen Nacht unter einer Brücke im Regen. Er war wie ein Flugzeug, dem das Kerosin ausging, und das in langen Schleifen kreiste über einer längst zerstörten Landebahn. Er war ein leeres Haus, in dem ich wohnen wollte, für immer und ewig. Ich wollte in einem Sarg neben ihm liegen, lebendig begraben.
Ich kochte mir eben einen starken Kaffee, als das Telefon klingelte: die Agentur erinnert mich an das Shooting auf Usedom, das in der folgenden Woche stattfinden sollte, falls das Wetter mitspielte: Der erste wirklich gut bezahlte Job. Sie waren begeistert von mir. Dieses mal sollte ein sehr renommierter und wichtiger Fotograph da sein. Für mich wäre das die entscheidende Chance. Ausserdem sollte ich am Wochenende für ein aufstrebendes Berliner Modelabel auf den Catwalk auf Pontons in der Spree in Treptow.
Ich riss mich zusammen und rief Lakso nicht an. Ich wollte nicht, dass er wusste, woher das Geld kam, das ich ihm geben würde. Ich rief bei der Universität an und ließ mir einen Termin für die Rückmeldung zum Wintersemester geben. Und dann legte ich Echoes von Pink Floyd auf. Ich hörte dieses monumentale Stück immer wenn ich auf Reisen ging, dieses, oder das Adagio aus der 9. Sinfonie von Beethoven. Diese beiden Stücke gaben mir absolut zuverlässig das Gefühl, nirgendwo daheim zu sein. Aber als der unheimlich kreiselnd-kreischende Mittelteil von Echoes anfing, hatte ich nicht mehr das Gefühl von Heimatlosigkeit, das mir so vertraut war wie einer Fledermaus ihre Höhle; stattdessen breitete sich eine Aufgehobenheit in mir aus, die mir vollkommen neu war. Und als der Gesang wieder einsetzte, erinnerte ich mich plötzlich an meine Mutter, wie sie mir, als ich einmal als kleines Kind aus einem Albtraum schreckte, in dem ich meinen Schnuller in einen tiefen, abgrundtiefen Abgrund hatte fallen sehen, ihren Finger in den Mund steckte und mich an ihm saugen ließ, und ich mich an ihrem Finger zurücksaugte in die verlässliche Welt, um schließlich unendlich beruhigt meine Augen zu öffnen und in dieses lächelnde, vertraute, warme Nest ihres Gesichts zu schauen, das wie eine Sonne über mir strahlte und mich so unendlich liebend in sich aufnahm. Ich war dieses kleine Mädchen in mir, das weinen wollte und nicht konnte. Man erwachte mitten in einer Sinfonie, deren Anfang man verpasst hatte – und deren Ende man nicht mehr hören würde. So war das Leben. Und ich dachte an Lasko, der, wie Marsela, meine verlorengegangene Mutter, einen unerklärlich langen, mystischen Kuss auf meine Stirn geküsst und mich noch einmal gerettet hatte vor dem Leben.
Einmal als ich mit Albion aus New York zurückkam und in der Augusthitze auf dem Flughafen in Istanbul meinen Koffer aufmachte, um den Flacon Eau Sauvage heraus zu nehmen, den ich ihm schenken wollte, erschreckte mich die ausserirdische Kälte, die in diesem kleinen, schräg geriffelten Fläschchen aus dem Frachtraum des Flugzeugs gespeichert war.
Ich nahm das Telefon und wählte Laskos Nummer. Seine Frau nahm ab und ich legte auf. Ich ging hinaus und durch die Straßen, in der Hoffnung, ihm zu begegnen. Ich ging an all die Orte, an denen er manchmal war. Die Gesichter der Menschen kamen mir überflüssig vor wie Laub im Herbst. Ich setzte mich in die vorderste Reihe eines Straßencafes, damit er mir nicht entgehen konnte. Aber ich wartete umsonst. Auch am nächsten Tag blieb er stumm. Ich las weiter in seinen Korrespondenzen – und hatte zunehmend das Gefühl, dass er sehr wohl Grund hatte, sich zu schämen: Der luftleere Raum in dem er lebte schien manchmal auf ihn zu wirken wie eine Droge, die ihn in so verzweifelte und euphorische Stimmungen riss, dass er Dinge schrieb, die so trügerisch, verführerisch und gefährlich waren wie eine Fata Morgana. Es gab da Andeutungen, Einladungen und Versprechungen, die er unmöglich einhalten konnte – und sehr wahrscheinlich auch niemals einhalten wollte. Es gab da eine Frau, der er wahnwitzige Komplimente machte, mit der er sich eine Zukunft und ein neues Leben auf einem anderen Kontinent ausmalte, die er immer und immer wieder besang wie ein Minnesänger seine unerreichbare Angebetete. Anderen Frauen waren Projektionsflächen für seine überschüssigen und überflüssigen Liebesphantasien und phantastischen Ausschweifungen. Spiegel schienen es ihm besonders angetan zu haben, eitel wie er war. Lange Traktate über den metaphysischen Aspekt der Spiegel tauchten immer wieder auf, sowie ihr Gegenteil: der magisch-perfekte flüssige Samt einer vollkommenen, alles Licht absorbierenden, unter Anwendung einer geheimen Methode applizierten Platinschwärze. Ein Spiegel gibt Alles, jede Farbe und Form exakt wieder. Der schwarze Samt gibt nichts mehr wieder her, was in ihm verschwunden ist. Spiegel, Doubles, Masken, der Treibsand der Identität, das waren seine Lieblingsthemen, über die er nicht aufhören konnte zu philosophieren, insbesondere gewissen Freundinnen gegenüber. Die wenigen Männer mit denen er korrespondierte deckte er regelmäßig mit Suaden über die Götter, ihre Arroganz, ihren Sadismus und ihre absolute Verantwortungslosigkeit ein. Ihr Verbrechen war es, sich ihrer eigenen Sterblichkeit bewusste Wesen geschaffen zu haben – und sich dann einen Scheissdreck um ihr Schicksal zu scheren. Lasko sah sich als ein, die gesamte Spezies stellvertretendes, hypersensibles Wesen, das stolz seiner finalen Auslöschung entgegen ging. Er sah sich als Seismograph des menschlichen Desasters überhaupt.
Sein Hass auf jede Form von Religion war irgendwie altertümlich und paranoid zugleich. Nur den Islam nahm er aus: immer wieder zitierte er aus dem Koran, schien wahnsinnig fasziniert von seinem poetischen Gehalt, um ihn dann wieder in einer einzigen Hasstirade eine Landkarte für Wüstenbewohner zu nennen.
Seine Gedanken waren nicht immer unmissverständlich. Der Alkohol schien ihn bis zu einem gewissen Punkt zu inspirieren – und dann nicht mehr. Er beschrieb einen dramatischen Sonnenaufgang über dem indischen Ozean, nach einer Nacht, die er nur mit einer Flasche Vodka überstanden hatte. Und es war als ob er in diesem Sonnenaufgang untergegangen war. Er schrieb von Sinnestäuschungen und Paralaxen, von Hochzeitsgesellschaften am Strand von Daresalaam und einer Brassband bestehend aus menschengroßen Wespen, neben einer stinkenden Kloake; von einer schwarzen Kellnerin auf einer Capverdischen Insel, mit der er kein Wort wechseln konnte, und die er dazu gebracht hatte, ihm ihren Namen auf einen Zettel zu schreiben: sie malte alle Buchstaben übereinander, so dass nur ein schwarzer Fleck entstand. Er schrieb von einem Mädchen, das er in einem Bus kennengelernt und für eine Prostituierte gehalten hatte. Sie mochte seinen Odeur aus Gin und Tabak, wollte sich aber par toutes nur küssen und nicht vögeln lassen. Stattdessen schleppte sie ihn von einer Party zur nächsten und schickte ihm noch Jahre später handgeschriebene Briefe aus Bath in England, wo sie angeblich Philosophie studierte. Eine griechische Diplomatengattin tauchte auf, die ihn mit ihrem schwarzen Volvo in Piräus an der Fähre abholte und mit ihm hinunter zum Poseidontempel fuhr, um ihm dort einen linkischen Heiratsantrag zu machen. Später zeigte sie ihm in ihrem Athener Downtown-Penthouse ihre topasfarbenen belgischen Spiegel, vor denen er sich mit ihr zusammen betrank, um dann seinen Rausch im Zimmer ihrer minderjährigen Tochter auszuschlafen. Eine Belgierin, die er auf irgendeinem Kongress kennengelernt hatte, schrieb ihm jahrelang Liebesbriefe, ohne ihn auch nur ein einziges Mal treffen zu wollen. Geschichten aus 1000–und–einer–Nacht. Und dann gab es diese Frau, deren Nacktfoto er in dem deutschen Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, diesem Urinal- und Arschwischerblatt, gesehen – und keine halbe Stunde gebraucht hatte, um ihren wahren Namen und ihre Telefonnummer auf der Hand zu haben. Diese gut gebaute Halbkoreanerin fixte er er derart an, dass sie sich vor ihm rollte wie eine Katze. Aber er ließ sie am Ende links liegen. Ein paar seiner schillerndsten und pompösestenTexte hatte sie in ihm ausgelöst. Und dann war da diese Australierin, oder Neuseeländerin, der er auf den ersten Blick verfallen war, die ihn köderte, abschmetterte, anlockte und wieder auf Eis legte. Mit ihr, oder besser gesagt an ihr verfiel er immer wieder in eine grässlich zeremonielle Sprache, in der seine ganze Bigotterie entfaltete wie ein Pfau seinen Schweif. Beim Lesen dieser Sachen kam mir fast das große Kotzen. Derartigen Schwulst und Bullshit hatte ich noch nicht gelesen. Und doch waren diese Liebesbriefe von einem verrückten tödlichen Ernst. Sie klangen, so wirr und gedankenverloren sie über weite Strecken waren, immer authentisch. Er wünschte sich diese Frauen in diesen Nächten an seiner Seite. Und sie hätten es nicht bereut. Und ich wünschte mir, eine von ihnen gewesen zu sein, damals, lange bevor ich ihn zum ersten Mal sah. Denn jetzt war ein Schatten auf ihn gefallen – und ich war ein Teil dieses Schattens. Aber sie waren nie da. Jedenfalls nicht die richtigen. Andere schon. Aber denen schrieb er keine solchen Mails.
Hier habe ich ein paar die mir interessant vorkamen notiert:
es kommt verdammt darauf an, mit wem man seine besten stunden verbringt.
das ist die einzige maxime, der ich weltgeltung zuspreche. /
frauen sind sehr zarte, bösartige tiere. ich glaube auf nichts verwendet ein mann mehr energie und intelligenz als aufs erotische. /
diese endlosen abende in arabischen städten
der geruch wasserbespritzten asphalts
strenge und nüchterne jugend
dieses unsinnige warten auf glück
bis der mond aufgeht
und sie in ihre träume zurückscheucht /
gewalt ist die einzige wahre poesie.
sex is the only way of leaving hell /
es gibt eine sorte mensch, die sich im alter zu einer natürlichen achtung
vor dem geist durchringt - und das mit einer nonchalance, die darauf schließen lässt, dass diese menschen einsehen, ihr leben lang darauf verzichtet haben zu müssen, wie auf einen fremden kontinent, der sich immer weiter von ihnen entfernte. /
fotographiert zu werden - das ist, als ob du in einen Spiegel schaust, der dein bild nicht zu dir zurück - sondern in die entgegengesetzte Richtung weiter wirft, um es den augen eines anderen auszuliefern. /
das was liebende entbrennen lässt ist ein beidseitig durchlässiger spiegel.
am ende werden diese spiegel das einzige sein, was von dieser spezies übrigbleiben wird. /
die flüchtlinge auf den seelenverkäufern, die in lampedusa landen, die girls aus der ukraine und kasachstan, die in bussen auf den west-strich verfrachtet werden. diese welt ist ein misthaufen auf dem v. zeit zu zeit roter mohn blüht. /
ich bin zu empfindlich für diese welt, alles bringt mich in aufruhr, alles inspiriert mich, und alles ist mir gleichgültig.
ich bin der geborene mörder und zugleich der, der den mörder als chauffeur anheuert und mit ihm zusammen komponieren wird. ich bin einer dieser typen, die selbstmordanschläge absolvieren können, wie sie zigaretten holen gehen. /
das leben ist der wahnsinnige traum eines unendlich vernünftigen wesens, das den wahnsinn nicht kennt – und nicht weiss, dass es träumt. /
selbst die heruntergekommensten typen haben ein ausgeprägtes feingefühl für hierarchie: das residuum dieser herdenrasse, die nur in ausgemachter rangordnung leben kann und will. der widerstand gegen diesen primitiven und elementaren impuls ist nach wie vor die einzig tragfähige - und abgesehen davon - die einzige ästhetisch akzeptable geste, die wir uns erlauben werden. /
an einem Mineralwasser-Brunnen in einem abgelegenen Tal in Franken:
ein Mädchen von vielleicht 12 Jahren. Es füllte das Wasser in 2-Literflaschen.
Daneben sein Vater. Gleichgültig, weisshaarig, idiotisch.
Das Mädchen schaute mich kurz an, wie einen Feind, lässt mich nicht trinken.
Seine Augen kalt wie das Wasser
Seine weiße Haut wie die einer Toten.
Seine langen Wimpern gesenkt,
Seine blonden Haare mehr als blond,
Seine Hände blau vor Kälte.
Seine blaubestrumpften Beine steckten in einem rotkariertem Rock.
Die Schnürsenkel seiner blauen Schuhe ausgefranst,
die Jacke flammend rot.
An seinem Kinn hingen zwei Tropfen Wasser.
Und in diesen zwei Tropfen war alles Böse und alle Selbstversessenheit dieser Welt.
das vergessen der vernichtung ist teil der vernichtung. /
Der Duft der Frauen widersteht der Zeit - aufreizend und beruhigend zugleich. /
Man muss sie zum Lachen bringen, das ist alles. Dann ist es leicht. Aber dazu muss man selbst heiter sein. Und das ist nicht leicht. /
Männer ohne Frauen sind entweder kalt und erbarmungslos, oder schwach und leicht zu beeinflussen. /
Aber die Musik steht ungleich höher als die Sprache.
Ihre Expressivität ist unmittelbar. Sie ist imstande, mit einer einzigen Wendung alles erscheinen und im gleichen Augenblick verschwinden zu lassen.
Keine Parolen, keine Missverständnisse; kein Versprechen von Erlösung - sondern Erlösung.
Keine Beschwörung von Gegenwart - sondern Gegenwart selbst.
Kein Bleiben. Verwandlung.
We are ugly, but we have the music.
Die Zeitlichkeit des Daseins ist die Voraussetzung für seine Geschichtlichkeit.
Etwas ist nicht deswegen zeitlich, weil es in der Geschichte steht,
sondern umgekehrt: erst die wesenhafte Zeitlichkeit seines Daseins verschafft ihm geschichtliche Existenz.
Etwas nicht wesenhaft Ausserzeitliches, also Ewiges, kann demnach
geschichtlich nicht existieren. /
ich bin zu weit als dass du mich finden - zu nah als dass du nach mir suchen würdest. Und trotzdem geht ein schläfriger warmer, erregender Duft von dir aus, bei dem mein herz schneller schlägt...
Wir sind Wesen, die außerhalb der Seele leben können, und gleichzeitig in ihrem Zentrum. Das ist der Grund, weshalb einige von uns manchmal zu Engeln werden. /
nacht für nacht, wenn ich die weite meiner schwingen in mein sterbendes Gedächtnis tauche. /
ich zerstöre mich selbst, dazu brauche ich keine Assistenz. /
ein mensch kann für den einen nichts als ein stück dreck sein - und für den anderen ein bodhisattva. /
Ich lag neben einer Frau. Das Flackern der Kerze machte den Schatten meiner Schulter an der Wand zu einem Flügel, dem Flügel eines Schmetterlings, dem Schatten des Flügels eines toten Engels... Wir lieben weder Vater, Mutter, Frau, Kind, Gott - wir lieben nur die angenehmen Empfindungen, die diese Liebe uns verschafft. /
Auf der Höhe meiner Zeit, aufgeschlagen wie ein Ei, wie eine Blüte, so grell, dass es mich erschreckt, wenn ich sehe - in welchem ewigen Winter. /
menschen wie du und ich müssen, selbst wenn sie durch jahrtausende voneinander getrennt sind, einen einzigen tiefen gedanken wie einen kuss wechseln, wie das va banque der evolution, dieser wahnsinnigen spielerin, die das glück kennt, weil sie es erfunden hat. /
Der schärfste Wind bläst einem Mann aber aus der Vulva einer Frau entgegen. Und dieser Anblick ist inspirierender als alle Werke, die diese schlampigen Menschheit jemals generierte. /
Zu einer guten Stimme gehört ein kaltes Herz. /
eure zungen sind tot wie angespülte quallen, von denen nichts übrig bleibt als verwehter schaum. aber man muss leben, aus den tiefen des vulkans. / es reicht nicht, böse zu denken - man muss böse sein.
den berliner brauereien gehen die flaschen aus, sagen sie im radio: ich werd meine morgen zurückgeben - und mir von dem Pfand eine Jacht kaufen.
Es war kaum zu ertragen, was dieser Mann im Lauf der Jahre geschrieben hatte, neben – oder trotz seiner zwei Romane, die nicht allzu viele Leute gelesen haben dürften. Ich hatte sie gelesen – und sie verwirrten mich: er selbst tauchte in ihnen nicht auf. Sie waren eine Ausflucht, ein Umweg, etwas Vorläufiges. Er schien sie geschrieben zu haben, um sich zu verstecken. Sein Opus Magnum läge noch vor ihm, wie er immer sagte.
findeiss - Sonntag, 21. August 2011, 22:28- Rubrik: FORTSETZUNGSROMAN
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