Liliana Ahmetis Warum ich kein Model geworden bin. Part 7
Zuhause legte mich aufs Bett und spürte Laskos Duft an mir: ein bittersüßer Duft mit einem leichten Alkoholflavour. Es war drei Uhr früh. Ich konnte nicht schlafen. Er hätte jetzt neben mir liegen können, wenigstens ein paar Stunden. Aber vermutlich war er froh, dass ich ihn weggeschickt hatte. Sicher hatte ihn das Alles überrascht. Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht war alles genauso gelaufen, wie er es sich vorgestellt hatte. Wir hatten schon oft über gewisse Wünsche geredet und uns dabei an eine fast kumpanenhafte Offenheit gewöhnt. Ich war nicht die erste und einzige, mit der er spazieren ging. Davon hatte er oft genug geschrieben. Und er hatte nicht selten deutlich, wenn auch in exzessiv-poetischen Bildern geschrieben, was ihm Sex bedeutete. Aber von einem direkten sexuellen Kontakt war nirgendwo die Rede. Entweder hatte er ihn abgelehnt, oder, was wahrscheinlicher war, seine Freundinnen solange hingehalten bis sie den Faden verloren, und den Kontakt abbrachen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er nicht wusste, dass einem Mann nur die Frauen Schwierigkeiten machten, mit denen er nicht schlief. Keine Frau wartet lange. Es gibt eine kritische Sekunde – dann ist Alles vorbei. Lasko war, wie Jean Paul, ein Liebhaber der Sonderklasse. Und für manche war es möglicherweise das einzige große Erstaunen und entzückte Verstummen in ihrem banalen Leben, morgens eine dieser nächtlichen ekstatischen Mails von ihm zu lesen. Sie wussten nicht, was es ihn kostete, und sie verstanden noch weniger, warum er es dann vermied, sich auf ihr Angebot einzulassen. Für ihn war es eine Frage des Überlebens. Er wusste, dass er unter dem von ihm gesetzten Level bleiben musste um nicht zu krepieren. Er war ein nobler Feigling, ein Magnetiseur, ein selbstloser Egoist. Er war zu einsam, als dass ihm eine Frau jemals nahe kommen würde. Und seine Einsamkeit war es auch, die in ihm Milliarden von Rezeptoren entwickelt hatten, denen keine Frau entsprechen konnte. Für ihn war es zu spät. Aber zwischen ihm und mir war von Anfang an ein Pakt, ein Grundeinverständnis, wie zwischen Allah und dem noch unerschaffenen Menschen. Mitaq ist das arabische Wort für diesen Irrsinn. Wenn man damit anfing, den Anfang einer Liebe zu rekonstruieren, wenn es ein erstes Anhalten und einen ersten Rückblick gab, dann war die Hauptsache schon passé. Ich tröstete mich damit, dass ich es allein unternahm. Es ist weder die Erfahrung noch das Alter, das die beschämende Hinfälligkeit und Relativität der Gefühle zeigt. Es sind die Gefühle selber, die einer inneren Logik folgen und sich am Ende selbst zerstören. Und dieser Selbstzerstörung für Bruchteile von Sekunden zuvorzukommen war das Beste wozu Menschen fähig sind. Oh, Darling, wenn du wüsstest unter welchem Zauber ich stehe, wenn du wüsstest, wie unersättlich ich bin, wie sehr ich dich brauche, deine roten Lippen, dein blondes Honighaar, dein perlendes Lachen, deine weißen Schenkel und die dunkle salzige Auster deiner Fut.
Lass uns aneinander verbrennen, lass uns sterben und auferstehen. Lass uns nicht alt werden und uns in Särge, Urnen und Asche verkriechen. Lass uns nicht blödsinnig werden, egoistisch und vorsichtig, sondern explodieren wie Supernovas draußen am Schulterblatt des smarten Orion. Allah selbst wird uns bitten, ihm unsere Reverenz zu erweisen. Und wir werden ihn entschuldigen. Und er wird uns Huris schicken, mandeläugige, schmalhüftige, samthäutige und wilde Stuten mit Schaum vor den Lippen und wehenden Schweifen, damit wir die flüchtende Zeit endlich zur Strecke bringen. Und Ströme von Wein und Honig werden unsere Knie umfließen, und kristalläugige Vögel uns umflattern und weiße Elefanten werden den Rhythmus unserer Lust in den Boden trommeln, aus dem wir wieder und wieder erstehen, wie Kriegerinnen aus dem Schlamm der Sintflut. Komm zu mir Penthesilea, zerreiß mein Herz, iss meine Augen und spiel das Lied der Liebe auf meiner Seele, wirf Rosen nach mir, wenn sie mich steinigen. Trinke mich wie den ersten Tropfen des Taus in der Wüste.
Ich konnte, wie gesagt, sehr geschmacklos und sehr leidenschaftlich sein.
Anfangs war Lasko vor jeder noch so zaghaften Berührung zurückgeschreckt. Und als ich anfing seine Notizen und Mails zu lesen war mir sofort klar, warum: er brauchte Distanz – und wollte, dass Andere diese Distanz aufhoben.
Das Semester fing im September an. Die Skizzen zu meiner Dissertation mit dem Titel: „ Verifikation durch Fälschung der Welt im Hesperus von Jean Paul“ waren im Skizzenhaften stecken geblieben. Ich sammelte eigene Erfahrungen. Das Geld ging mir aus. Ich musste ein Model werden um zu überleben. Mein großer Landsmann Ismail Kadare hatte gerade einen wichtigen Literaturpreis bekommen. Und ich gebe zu, dass ich einen gewissen Stolz empfinde. Das Land aus dem ich komme ist, das alte Illyrien, Location von Shakespears Was ihr wollt und von Herodot detailversessen und vermutlich vollkommen falsch beschrieben, war eine der letzten Schattenzonen Europas und vielleicht eines seiner letzten Paradiese. Kadare ist old-school, aber er ist auch einer dieser Balkanleute, die den domestizierten und sich selbst total entfremdeten Mitteleuropäern immer wieder demonstrieren, dass es das Leben wirklich gibt, und dass jedes einzelne Leben seinen ganz besonderenPreis hat. Aber auch diese Idee wird verschwinden. Alles wird verschwinden. Nur das Chaos ist schön. Dann schlief ich ein und träumte, dass ich mich auf meinem Fahrrad von meinem Dobermannrüden an der Leine durch die Straßen ziehen ließ, und wir überholten Taxis und Busse und der Fahrtwind pfiff mir in den Ohren, und das Klicken der Pfoten meines Tieres auf dem Pflaster tatack-tatack-tatack war das einzige was zählte. Und es lag neben mir und leckte mein Gesicht. Und ich lachte.
Jason schreckte mich aus dem Schlaf. Das Telefon fiel mir aus der Hand. Ich lag nackt auf dem Bett und fühlte mich erfüllt, vollgesogen und großartig wie ein Vampyr nach dem großen Fressen. Die Welt sollte die Liebenden lieben – nicht die Theoretiker der Liebe. Jason wollte zum Frühstück vorbeikommen. Ich sagte, er solle Croissants mitbringen, der Kaffee sei so gut wie fertig und stark wie Gargantua. Es war Sonntag, der Tag des Herrn. Ich nahm eine Dusche, legte etwas Mitsouko auf und wartete.
Und ich würde ihn packen und auf den Rücken werfen und unter seine süße Haut schlüpfen wie in einen samtenen Handschuh.
Und wieder berauschte und betäubte ich mich bis ins Mark an Jason, dem heiligen Hermaphroditen, den jeder der ihn sah auf der Stelle haben wollte, der sich aber mir vorbehielt. Er war ein Geschöpf aus Selbstvergessenheit und purer Schönheit. Und die Vorstellung, ihn mit Dingen zu quälen, die er nicht verstehen konnte, war mir unerträglich. Er war glücklich wenn er in meinen Armen lag, wenn ich ihm verrückte Sachen ins Ohr flüsterte, wenn er mich bewundern und begehren konnte. Eines Tages würde er einen Frau, oder einen Mann, treffen, sich verlieben - und mich vergessen. Alles was er mit mir tat absolvierte er in den absurden Größenverhältnissen des Traums. Wenn ich mit ihm in einem Restaurant saß, oder in einem Club, wehrte er sanft aber entschieden jede Berührung ab. Es machte mir Spaß, ihn damit aufzuziehen. Seine Scheu in der sogenannten Öffentlichkeit erregte mich. Ich wusste, was wir bald zusammen tun würden – und wie sehr er es genießen würde. Seine Augen verschleierten sich und manchmal atmete er hörbar aus.
„Baby“, sagte ich, „stell dich nicht so an.“
„Lilly“, sagte er, „ich stell mich aber an. Schließlich kann ich nichts dafür.“
Solche Sachen sagte er. Oh, mein Kleiner, wenn du wüsstest wie viel du mir bedeutet hast.
„Aber du weißt doch“, sagte ich, „dass du von mir all das bekommen wirst was du brauchst, oder?“
„Ja“, hauchte er, „das weiß ich ja...“
Er streichelte unter dem Tisch meine Beine. Er schob seine Unterlippe vor uns blies sich eine Haarsträhne aus den Augen. Und es zerriss mir das Herz. Er lebte in einer vorläufigen Welt, einer Welt in der noch nichts entschieden war. Und ich war eine Etappe auf seinem Weg ins Paradies – oder in die Hölle.
Und manchmal an einem grauen Wintertag wirst du an mich denken, Baby, wie an etwas aus einer längst vergangenen Zeit – und du wirst dich kaum noch daran erinnern, wie sehr du mich gebraucht hast, damals, als du noch nicht die warst, die du jetzt bist. Ich mochte deine Exaltiertheit so sehr, deine Naivität, deine Diskretion, deine Camouflage, deine Selbstvergessenheit, die Narben unter deiner Bluse, deinen Duft, deine dir eigene Art zu rauchen, zu trinken, zu essen, wie du dich mir anvertrautest - und die wesentlichen Dinge des Lebens zwischen uns waren so selbstverständlich, als ob wir ein Paar gewesen wären, das wir tatsächlich waren, damals.
Ich traf Lasko an einem sonnigen windigen Nachmittag. Ich sah ihn schon von weitem auf dem Uferweg auf und ab gehen. Er las in einem Buch. Als er mich kommen sah, behielt er das Buch aufgeschlagen in der Hand. Er küsste mich auf den Hals und zeigte auf einen Reiher, der schwerfällig Richtung Park flog, immer über dem Fluss.
„Kennst du Marcel Proust?“ fragte er.
„Wenn du wissen willst, ob ich ihn gelesen habe: Nein.“
„Ich hab dir den ersten Band mitgebracht. Wenn dir das gefällt, kannst du die ganzen andern haben. Du wirst nichts Besseres finden.“
„Ok“, sagte ich und steckte das Buch ein. „Aber ich hab noch soviel von dir zu lesen....“
„Das hier ist besser“, sagte er und klopfte auf meine Tasche. Ich schaute ihn von der Seite an. Er sah verdammt gut aus. Sein Haar war nach hinten gekämmt. Der Kragen seines weißen Hemdes über dem dunkelblauen Jackett, seine Hände in den Taschen seiner weißen Hose, sein lässiger Gang. Es gab Tage, da sah man ihm an, dass er zuviel trank und zuwenig schlief. Aber dann konnte er wieder derartig gut aussehen wie ein Skipper, der gerade an Land gekommen war, nach Wochen an Bord, in Sonne und Seewind. Er schien das zu wissen, lachte und redete enthusiastisch über Marcel Proust. Und dann sagte er:
„Irgendwie sind wir alle in den mehr oder weniger deprimierenden Zusammenhängen unserer postbürgerlichen Existenzen verstrickt. Und die Signale die wir uns manchmal senden sind zusammengestückt aus Verlangen und vager Hoffnung und Anflügen euphorischer Erinnerung an Freiheiten, die ihre Strahlkraft verloren haben. Freier Handel und liberale Moralität – das ist alles was übrig geblieben ist von den Kämpfen der Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten, die sich weigerten anzuerkennen, dass alles um die Welt zu verbessern bereits getan ist. Es sind keine großen Gründe mehr da zu kämpfen. Die Wildheit, die Dämonie, die Barbarei, alles was ernsthaft Spaß macht, ist umzingelt, niedergemacht und zu einem kulturellen Produkt gemacht worden, das sich eine kastrierte Klasse schlapper Vegetarier und domestizierter Pseudofaschisten reinzieht. Aber nicht einmal das können sie verdauen, wenn auf dem Preisschild keine Summe steht, die entschieden zu hoch für sie ist. Wir sind uns selbst zu nahe gekommen. Wir treiben Inzucht mit uns selbst. Das ist die lächerliche Essenz dieser Zeit und ihre Krise. Aber ich will nackt mit den Mänaden tanzen und alles zerfetzen was uns in den Weg kommt. Ich will gekreuzigt werden, rostige Nägel durch meine Handflächen getrieben, gesteinigt und vergewaltigt sein, ich will an Feuern sitzen in Höhlen und Menschenfleisch essen mit Neandertalern, Kelten und Vandalen. Aber der Mythos der Geschichte ist heruntergekommen zu einer simplen Summe unterm Strich...“ Er nahm einen gierigen Schluck aus seiner silbernen Taschenflasche. „Nightflights in leeren Maschinen. Chiffren der Transzendenz.“
Ich hatte mir das erste Wiedersehen mit dem Mann, mit dem ich vor kurzem in einer Regennacht unter einer Brücke geschlafen hatte anders vorgestellt. Aber das war gar nicht so schlecht. Ausserdem wusste ich inzwischen, dass für ihn Welten sehr schnell auf und untergingen. Von weitem sah ich die Brücke. Der Platz an dem wir uns geliebt hatten war jetzt verdeckt wie eine Spielkarte, die liegen geblieben und wieder eingemischt worden war.
„Willst du mich eigentlich wieder sehn? Oder siehst du mich nur wieder?“ fragte ich.
Er blieb stehen und umarmte mich.
„Wir können zu mir gehen“, sagte ich. „Zwanzig Minuten mit der U-Bahn. Und zehn Minuten zu Fuß: macht alles in allem eine halbe Stunde.“
„Nicht jetzt“, sagte er.
„Nur eine halbe Stunde“, sagte ich.
Lass uns aneinander verbrennen, lass uns sterben und auferstehen. Lass uns nicht alt werden und uns in Särge, Urnen und Asche verkriechen. Lass uns nicht blödsinnig werden, egoistisch und vorsichtig, sondern explodieren wie Supernovas draußen am Schulterblatt des smarten Orion. Allah selbst wird uns bitten, ihm unsere Reverenz zu erweisen. Und wir werden ihn entschuldigen. Und er wird uns Huris schicken, mandeläugige, schmalhüftige, samthäutige und wilde Stuten mit Schaum vor den Lippen und wehenden Schweifen, damit wir die flüchtende Zeit endlich zur Strecke bringen. Und Ströme von Wein und Honig werden unsere Knie umfließen, und kristalläugige Vögel uns umflattern und weiße Elefanten werden den Rhythmus unserer Lust in den Boden trommeln, aus dem wir wieder und wieder erstehen, wie Kriegerinnen aus dem Schlamm der Sintflut. Komm zu mir Penthesilea, zerreiß mein Herz, iss meine Augen und spiel das Lied der Liebe auf meiner Seele, wirf Rosen nach mir, wenn sie mich steinigen. Trinke mich wie den ersten Tropfen des Taus in der Wüste.
Ich konnte, wie gesagt, sehr geschmacklos und sehr leidenschaftlich sein.
Anfangs war Lasko vor jeder noch so zaghaften Berührung zurückgeschreckt. Und als ich anfing seine Notizen und Mails zu lesen war mir sofort klar, warum: er brauchte Distanz – und wollte, dass Andere diese Distanz aufhoben.
Das Semester fing im September an. Die Skizzen zu meiner Dissertation mit dem Titel: „ Verifikation durch Fälschung der Welt im Hesperus von Jean Paul“ waren im Skizzenhaften stecken geblieben. Ich sammelte eigene Erfahrungen. Das Geld ging mir aus. Ich musste ein Model werden um zu überleben. Mein großer Landsmann Ismail Kadare hatte gerade einen wichtigen Literaturpreis bekommen. Und ich gebe zu, dass ich einen gewissen Stolz empfinde. Das Land aus dem ich komme ist, das alte Illyrien, Location von Shakespears Was ihr wollt und von Herodot detailversessen und vermutlich vollkommen falsch beschrieben, war eine der letzten Schattenzonen Europas und vielleicht eines seiner letzten Paradiese. Kadare ist old-school, aber er ist auch einer dieser Balkanleute, die den domestizierten und sich selbst total entfremdeten Mitteleuropäern immer wieder demonstrieren, dass es das Leben wirklich gibt, und dass jedes einzelne Leben seinen ganz besonderenPreis hat. Aber auch diese Idee wird verschwinden. Alles wird verschwinden. Nur das Chaos ist schön. Dann schlief ich ein und träumte, dass ich mich auf meinem Fahrrad von meinem Dobermannrüden an der Leine durch die Straßen ziehen ließ, und wir überholten Taxis und Busse und der Fahrtwind pfiff mir in den Ohren, und das Klicken der Pfoten meines Tieres auf dem Pflaster tatack-tatack-tatack war das einzige was zählte. Und es lag neben mir und leckte mein Gesicht. Und ich lachte.
Jason schreckte mich aus dem Schlaf. Das Telefon fiel mir aus der Hand. Ich lag nackt auf dem Bett und fühlte mich erfüllt, vollgesogen und großartig wie ein Vampyr nach dem großen Fressen. Die Welt sollte die Liebenden lieben – nicht die Theoretiker der Liebe. Jason wollte zum Frühstück vorbeikommen. Ich sagte, er solle Croissants mitbringen, der Kaffee sei so gut wie fertig und stark wie Gargantua. Es war Sonntag, der Tag des Herrn. Ich nahm eine Dusche, legte etwas Mitsouko auf und wartete.
Und ich würde ihn packen und auf den Rücken werfen und unter seine süße Haut schlüpfen wie in einen samtenen Handschuh.
Und wieder berauschte und betäubte ich mich bis ins Mark an Jason, dem heiligen Hermaphroditen, den jeder der ihn sah auf der Stelle haben wollte, der sich aber mir vorbehielt. Er war ein Geschöpf aus Selbstvergessenheit und purer Schönheit. Und die Vorstellung, ihn mit Dingen zu quälen, die er nicht verstehen konnte, war mir unerträglich. Er war glücklich wenn er in meinen Armen lag, wenn ich ihm verrückte Sachen ins Ohr flüsterte, wenn er mich bewundern und begehren konnte. Eines Tages würde er einen Frau, oder einen Mann, treffen, sich verlieben - und mich vergessen. Alles was er mit mir tat absolvierte er in den absurden Größenverhältnissen des Traums. Wenn ich mit ihm in einem Restaurant saß, oder in einem Club, wehrte er sanft aber entschieden jede Berührung ab. Es machte mir Spaß, ihn damit aufzuziehen. Seine Scheu in der sogenannten Öffentlichkeit erregte mich. Ich wusste, was wir bald zusammen tun würden – und wie sehr er es genießen würde. Seine Augen verschleierten sich und manchmal atmete er hörbar aus.
„Baby“, sagte ich, „stell dich nicht so an.“
„Lilly“, sagte er, „ich stell mich aber an. Schließlich kann ich nichts dafür.“
Solche Sachen sagte er. Oh, mein Kleiner, wenn du wüsstest wie viel du mir bedeutet hast.
„Aber du weißt doch“, sagte ich, „dass du von mir all das bekommen wirst was du brauchst, oder?“
„Ja“, hauchte er, „das weiß ich ja...“
Er streichelte unter dem Tisch meine Beine. Er schob seine Unterlippe vor uns blies sich eine Haarsträhne aus den Augen. Und es zerriss mir das Herz. Er lebte in einer vorläufigen Welt, einer Welt in der noch nichts entschieden war. Und ich war eine Etappe auf seinem Weg ins Paradies – oder in die Hölle.
Und manchmal an einem grauen Wintertag wirst du an mich denken, Baby, wie an etwas aus einer längst vergangenen Zeit – und du wirst dich kaum noch daran erinnern, wie sehr du mich gebraucht hast, damals, als du noch nicht die warst, die du jetzt bist. Ich mochte deine Exaltiertheit so sehr, deine Naivität, deine Diskretion, deine Camouflage, deine Selbstvergessenheit, die Narben unter deiner Bluse, deinen Duft, deine dir eigene Art zu rauchen, zu trinken, zu essen, wie du dich mir anvertrautest - und die wesentlichen Dinge des Lebens zwischen uns waren so selbstverständlich, als ob wir ein Paar gewesen wären, das wir tatsächlich waren, damals.
Ich traf Lasko an einem sonnigen windigen Nachmittag. Ich sah ihn schon von weitem auf dem Uferweg auf und ab gehen. Er las in einem Buch. Als er mich kommen sah, behielt er das Buch aufgeschlagen in der Hand. Er küsste mich auf den Hals und zeigte auf einen Reiher, der schwerfällig Richtung Park flog, immer über dem Fluss.
„Kennst du Marcel Proust?“ fragte er.
„Wenn du wissen willst, ob ich ihn gelesen habe: Nein.“
„Ich hab dir den ersten Band mitgebracht. Wenn dir das gefällt, kannst du die ganzen andern haben. Du wirst nichts Besseres finden.“
„Ok“, sagte ich und steckte das Buch ein. „Aber ich hab noch soviel von dir zu lesen....“
„Das hier ist besser“, sagte er und klopfte auf meine Tasche. Ich schaute ihn von der Seite an. Er sah verdammt gut aus. Sein Haar war nach hinten gekämmt. Der Kragen seines weißen Hemdes über dem dunkelblauen Jackett, seine Hände in den Taschen seiner weißen Hose, sein lässiger Gang. Es gab Tage, da sah man ihm an, dass er zuviel trank und zuwenig schlief. Aber dann konnte er wieder derartig gut aussehen wie ein Skipper, der gerade an Land gekommen war, nach Wochen an Bord, in Sonne und Seewind. Er schien das zu wissen, lachte und redete enthusiastisch über Marcel Proust. Und dann sagte er:
„Irgendwie sind wir alle in den mehr oder weniger deprimierenden Zusammenhängen unserer postbürgerlichen Existenzen verstrickt. Und die Signale die wir uns manchmal senden sind zusammengestückt aus Verlangen und vager Hoffnung und Anflügen euphorischer Erinnerung an Freiheiten, die ihre Strahlkraft verloren haben. Freier Handel und liberale Moralität – das ist alles was übrig geblieben ist von den Kämpfen der Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten, die sich weigerten anzuerkennen, dass alles um die Welt zu verbessern bereits getan ist. Es sind keine großen Gründe mehr da zu kämpfen. Die Wildheit, die Dämonie, die Barbarei, alles was ernsthaft Spaß macht, ist umzingelt, niedergemacht und zu einem kulturellen Produkt gemacht worden, das sich eine kastrierte Klasse schlapper Vegetarier und domestizierter Pseudofaschisten reinzieht. Aber nicht einmal das können sie verdauen, wenn auf dem Preisschild keine Summe steht, die entschieden zu hoch für sie ist. Wir sind uns selbst zu nahe gekommen. Wir treiben Inzucht mit uns selbst. Das ist die lächerliche Essenz dieser Zeit und ihre Krise. Aber ich will nackt mit den Mänaden tanzen und alles zerfetzen was uns in den Weg kommt. Ich will gekreuzigt werden, rostige Nägel durch meine Handflächen getrieben, gesteinigt und vergewaltigt sein, ich will an Feuern sitzen in Höhlen und Menschenfleisch essen mit Neandertalern, Kelten und Vandalen. Aber der Mythos der Geschichte ist heruntergekommen zu einer simplen Summe unterm Strich...“ Er nahm einen gierigen Schluck aus seiner silbernen Taschenflasche. „Nightflights in leeren Maschinen. Chiffren der Transzendenz.“
Ich hatte mir das erste Wiedersehen mit dem Mann, mit dem ich vor kurzem in einer Regennacht unter einer Brücke geschlafen hatte anders vorgestellt. Aber das war gar nicht so schlecht. Ausserdem wusste ich inzwischen, dass für ihn Welten sehr schnell auf und untergingen. Von weitem sah ich die Brücke. Der Platz an dem wir uns geliebt hatten war jetzt verdeckt wie eine Spielkarte, die liegen geblieben und wieder eingemischt worden war.
„Willst du mich eigentlich wieder sehn? Oder siehst du mich nur wieder?“ fragte ich.
Er blieb stehen und umarmte mich.
„Wir können zu mir gehen“, sagte ich. „Zwanzig Minuten mit der U-Bahn. Und zehn Minuten zu Fuß: macht alles in allem eine halbe Stunde.“
„Nicht jetzt“, sagte er.
„Nur eine halbe Stunde“, sagte ich.
findeiss - Sonntag, 21. August 2011, 22:30- Rubrik: FORTSETZUNGSROMAN
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