Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

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Marlboro, Prosastücke, 1981 Die Verwirrung des Gemüts, Roman, 1983 Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger, Lamento/Roman, 1986 Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, 1993, 2001 Wolpertinger oder Das Blau, Roman, 1993, 2000 Eine Sizillische Reise, Fantastischer Bericht, 1995, 1997 Der Arndt-Komplex, Novellen, 1997 Thetis. Anderswelt, Fantastischer Roman, 1998, (Erster Band der Anderswelt-Trilogie) In New York, Manhattan Roman, 2000 Buenos Aires. Anderswelt, Kybernetischer Roman, 2001, (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie) Inzest oder Die Entstehung der Welt, Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, 2002 Meere, Letzte Fassung 2007. Bei Volltext. Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen, Poetische Features, 2004 Die Niedertracht der Musik, Dreizehn Erzählungen, 2005 Dem Nahsten Orient / Très Proche Orient, Liebesgedichte, 2007 Meere, Letzte Fassung 2007 Aeolia.Gesang / Stromboli. Mit den Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage, 2008 Kybernetischer Realismus, Heidelberger Vorlesungen. Manutius Heidelberg 2008Der Engel Ordnungen, Gedichte. axel dielmann - verlag 2009Selzers Singen, Phantastische Geschichten. Kulturmaschinen 2010 Azreds Buch, Geschichten und Fiktionen. Kulturmaschinen 2010 Das bleibende Thier, Bamberger Elegien. Elfenbein Verlag 2011 Die Fenster von Sainte Chapelle, Reiseerzählung. Kulturmaschinen 2011

 

Liliana Ahmetis Warum ich kein Model geworden bin. Part 6


Am Abend rief ich Sylvie an und wir trafen uns in einer Bar. Sie war, wie immer, ein bisschen zu aufgedonnert. Ich erzählte ihr von Lasko, weil ich wusste, dass sie nichts davon verstehen würde. Aber ich musste einfach mit jemandem darüber reden.
„Verheiratete Männer sind oft die besten“, sagte sie und nippte mit einem Augenaufschlag an ihrem Moquito.
„Aber der hier scheint irgendwie total unter der Fuchtel seiner Frau zu stehen....“
„Hast du sie schon mal gesehen?“
„Nein – warum sollte ich das?“
„Dann wüsstest du vielleicht, was es ist....“
„Aber vielleicht will ich´s gar nicht wissen.“
„Wart´s ab...“
Und wieder einmal wusste ich, dass Sylvie mehr wusste als wir andern. Ich umarmte sie und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Aber es half nichts.

Am nächsten Morgen hatte ich eine Mail von Lasko mit einer Textdatei von fast 1000 kb in meinem Postfach. Ich öffnete sie und las die erste Mail, datiert am 27. August 2001, geschrieben an eine gewisse Ornella, und sie begann mit den Worten:

Dearest O.,
als wir neulich raus an den See fuhren, da sahst du aus wie eine Wasserlilie im Dunkel. Nacht für Nacht tauchst du die Weite deiner Schwingen in dein sterbendes Gedächtnis. ......

Und da wusste ich, was auf mich zukam.
Ich überflog den ganzen Text: fast alle Mails waren an Frauen gerichtet. Zwei oder drei Männernamen kamen immer wieder vor. Aber die Texte an sie waren verhältnismäßig uninteressant. In Form war Lasko nur, wenn er Frauen schrieb. Von Zeit zu Zeit tauchten auch Repliken auf. Ihre Rarheit ließ darauf schließen, dass Lasko die Antworten auf seine Mails selten für interessant genug hielt, um sie zu speichern und zu kopieren.
Ich las den ganzen Tag. Der Mann den ich kennengelernt hatte veränderte sich wie sich die Fassade eines Hauses verändert, je nachdem ob das nüchterne kalte Licht der Morgensonne seine Konturen schärfte, oder die letzten rosenfarbenen Strahlen der untergehenden Sonne es als ein Mysterium, einen Bunker und Bau, ein Containment des Horrors erscheinen ließ. Und manchmal kam ich mir selber vor wie jemand, der in einem der vielen Zimmer dieses Hauses am Fenster stand und die Sonne im Zeitraffer steigen und sinken und sich selber entstehen, jung, reif, alt werden, verwittern und schliesslich sterben sah. Und mir wurde langsam klar, warum Lasko wollte, dass ich das alles las: er wollte, dass ich sah, dass sein Denken kein Ziel mehr hatte, sondern ein einziges Zerfallsprodukt von Zielen war, die er längst aus den Augen verloren hatte, und dass er in diesem Zerfall lebte und nur in ihm bleiben konnte, wie ein Sandkorn sich in einer Auster zu einer Perle entwickelte, die erst mit dem Absterben der Auster frei werden würde. Er hatte Frauen gehen lassen, die sich ihm mit allen Fibern ihres Seins angeboten hatten. Frauen, die nachts ihre Autos unter seinem Fenster parkten, ihn anriefen, herauslockten aus seinem Horst, Wein und bauchige Gläser parat hatten, Musik – und ihn für zwei-drei Stunden nur für sich haben wollten. Lasko hatte eine Gegenwart beschworen, die es nur in seiner Vorstellung gab. Aber seine betrunkenen ekstatischen Rhapsodien entwickelten manchmal eine Strahlkraft, die denen, an die sie gerichtet waren oder zu sein schienen, ungeheuer schmeicheln, sie hypnotisieren und gefügig machen mussten wie die Stimme eines Magiers. Manchmal schien er direkt auf die Haut dieser Frauen zu schreiben. Und dann gab es Passagen von so unerträglichem Pathos, das selbst mir das Kotzen kam. Manchmal schickte er gerade die intimsten und intensivsten Texte oft an drei oder vier Adressen gleichzeitig, und es war klar, dass sich die Empfängerinnen untereinander nicht kannten – und er sich in dem Hochgefühl wiegen konnte, wie ein nächtlicher Sonnenkönig seine fernen ergebenen Freundinnen zu bezirzen und zu verführen, ohne sich je wirklich mit ihnen einzulassen. Er war ein emotionaler Faschist, der seine Opfer mit dunklen Anspielungen und schweren Metaphern betäubte und von sich abhängig machte, um sich selbst zu feiern und feiern zu lassen. Vielleicht tat er das alles aber auch, weil er hoffnungslos verlassen und allein war und die Vorstellung eines Gegenübers brauchte, um Liebesrhapsodien in die Nacht zu entlassen, die ihn trösteten. Ich wusste es noch nicht. Und dann stieß ich auf Folgendes:

...ich lag an einem Meeresufer, flaches Gewässer, Fische, ein Tintenfisch, flimmerndes Sonnenlicht auf Felsen, Sand, Tang. Ein Holzkahn trieb an. Darin eine rötlichblonde Frau in einem dicken blutfarbenem Wollmantel. Ich half ihr aus dem Boot und nahm sie in meine Arme. Sie sagte, sie sei Skipetarin. Ich sagte: wellcome on the continent! Sie war schön. Sie war makellos. Sie war es, auf die ich immer gewartet hatte....

Und das haute mich um. Ich hörte auf zu lesen, rauchte zwei Zigaretten und trank ein Glas Weißwein. Er hatte das vor mehr als 10 Jahren geschrieben, lange bevor er auf mich gestoßen war. Ich trug einen roten Mantel, als ich ihn zum ersten Mal traf. Ich war diese Skipetarin. Ich ging ins Badezimmer und schaute mich im Spiegel an.
Und sah mich mit seinen Augen – und hatte Angst.
Irgendwann ging ich runter in den Supermarkt und kaufte Kaffee, ein paar Dosen Red Bull, eine Flasche Wodka und ein Steak. Ich las wie Lasko, lange bevor er mich kannte, Briefe geschrieben hatte, von denen ich mir wünschte, dass sie an mich gerichtet wären. Ich stellte das Radio an und hörte Sinfonien und Klavierkonzerte.

Dann, eines nachts während eines dieser Telefonate, die ich so liebte - ich hörte wie er in seinem Zimmer auf und ab ging, ich hörte seine Musik, und ich merkte, wie er betrunken wurde - fragte ich ihn, ob wir uns nicht sehen könnten, sofort.
„Es ist sehr spät“, sagte er.
„Es ist eine so schöne Nacht.“
Ich hörte ihn zum Fenster gehen.
„Stimmt.“
„Und - du bist jetzt genauso wie ich dich will...“
Er zögerte. Ich hörte die Musik. Ein Raga.
„Komm – sag nicht Nein.“
„Ich sag nicht Nein.“
„Dann sag Ja.“
„Wo?“
„Am Fluss.“
„Am Restaurant?“
„Nein, an der Baggerschaufel.“
Ich hörte ihn tief einatmen.
„Wann?“
„In einer halben Stunde.“

Ich neigte nie zu Unterwürfigkeit. Aber vor Lasko ging ich in die Knie. Ein Dämon wütete in ihm, von dem ich ihn nicht erlösen konnte. Und dieser Dämon hatte ein Auge auf mich geworfen.

Ich zog meinen Regenmantel an, steckte Geld und Zigaretten ein, nahm den Regenschirm, schaute noch einmal ins Zimmer zurück, als ob ich es zum letzten Mal sehen würde – und ging. Der warme weiche Sommerregen. Am Nachtschalter der Tankstelle standen sie Schlange. Ich kaufte eine Flasche Gordon´s Gin. Ein Mädchen tanzte im Regen. Ein heruntergekommener Trinker versuchte seinen Teil an dem Spaß zu haben. Sie schmetterten ihn ab. Und er verschwand in die Nacht wie ein Hund.
Ich ging durch die Straßen. In einem Fenster prangten Orchideen. Sammler gab es überall. Und sie alle sammelten Dinge, die sie nicht behalten konnten. An der Ecke war eine Pizzeria: Preise wie vor dreißig Jahren, in roten Buchstaben auf dem Fenster. Jede Pizza 2,50.-. Ein junger Italiener stand hinterm Tresen vor dem Ofen, rauchte eine Zigarette und starrte ins Leere. Ich ging über die Straße und über die Brücke. Der Fluss schimmerte matt, gepunktet und aufgeraut vom Regen. Ich schaute zur Uferpromenade und sah ihn in seinem langen Regenmantel wie er weit hinten durch den Lichtkegel an der Brücke ging und wieder im Dunkel verschwand. Er würde mir da unten auf dem Kiesweg entgegenkommen. Vielleicht würde er mich in seine Arme nehmen und küssen. Vielleicht auch nicht. Ich ging die Straße am Kraftwerk entlang und suchte nach der Treppe, die in die Uferpromenade hinunterführte. Ein Auto mit eingedrückter Motorhaube stand da im Regen, ein Teil des vorderen Kotflügels abgespreizt wie eine zerfetzte Zunge. Einen Unfallwagen nach dem anderen hatten sie hier geparkt, dazwischen ein völlig unversehrter dunkelblauer Jaguar. Ich sprang auf die Kühlerhaube, marschierte über das Dach, federte vom Kofferraum ab und ging weiter. Mein Herz tanzte.

Als ich die Treppen hinunterging hatte ich das zum Himmel kreischende Gefühl, heimzukommen, und gleichzeitig war es vollkommen still in mir: reines, kristallines Glück schoss mir ins Hirn wie der Pfeil eines gallopierenden Kriegers.
Und die Erinnerung an die Nacht, in der ich sein Gedicht zum ersten Mal gelesen hatte wurde zu einer Erinnerung zweiten Grades, an die ich mich erinnern würde, wenn ich wissen würde, was in diese Nacht bedeutete. Ich ging die Treppen runter zum Fluss. Die Absätze meiner Schuhe klickten hart auf den Stufen. Der Regen hatte nachgelassen. Ich klappte meinen Regenschirm zusammen, blieb stehen und zündete mir eine Zigarette an. Und ich dachte, dass jeder sich mit seiner elastischen und nur ihm eigenen Atmosphäre in das Meer der Ewigkeit stürzt. Ich war mir sicher, dass er mich längst gesehen hatte. Ich nahm einen Zug, dann noch einen. Ich hatte seit Jahrhunderten keine Zigarette so genossen wie diese. In dem Altersheim auf der anderen Seite des Flusses flackerte in fast allen Fenstern das blaue Licht der TVs, das die verbrauchten Menschen in seinem Brackwasser langsam erstickte. Dort lagen sie in den Armen ihres schwer erarbeiteten, sinnlosen Todes.
Ich schwenkte in den Kiesweg ein und schritt dahin wie eine Braut. Wir kamen uns entgegen. Ich hörte seine Schritte auf dem nassen Kies näher kommen, das Rascheln seines Mantels, seine Stimme, die mich berühren würde wie eine behandschuhte Hand, sein regennasses Gesicht dicht an meinem, ein Tropfen, der aus seinem Haar auf mein geschlossenes Auge fallen würde. Jäh packte mich eine unsinnige Vorfreude. Und ich wollte schreien vor Glück, genommen werden wie eine Kamelstute in der Gluthitze der Wüste Tar. Und er kam mir entgegen und das erste was er sagte war:
„Bleib bei mir.“
Ich hakte mich bei ihm ein.
„Deswegen bin ich hier.“
Wir gingen den Kiesweg entlang. Laskos Mantel knisterte beim Gehen. Ich wusste, er wartete darauf, dass ich etwas über die Sachen sagte, die er mir geschickt hatte.
„Ich hab dir etwas mitgebracht“, sagte ich und holte die Flasche Gin aus der Tasche.
„Allright“, sagte er, lachte sein trockenes leises Lachen und wiegte die Flasche in seinem Arm wie ein Baby. Er schraubte sie auf und gab sie mir. Ich nahm einen Schluck und das Zeug ging mir runter wie Feuer. Ich konnte sein Gesicht in der Dunkelheit kaum erkennen. In seinen Augen spiegelten sich die Lichter des gegenüberliegenden Ufers. Ich gab ihm die Flasche und er nahm einen tiefen Zug. Das war es was ich wollte. Ich wollte, dass er mir ausgeliefert war, willenlos, leer und offen wie eine Tastatur, in die ich alles eingeben konnte was ich wollte. Ich wollte ihn ganz für mich haben. Ich wollte die Welt auslöschen, nur um meine Zunge für eine Sekunde über seine Augenlider gleiten zu lassen. Das schwarze Wasser des Flusses kräuselte sich unter dem Windhauch wie Haut unter einer unerwartet zärtlichen Berührung. Er nahm meinen Kopf in seine Hände und küsste mich auf die Stirn. Ich nahm seine Hand und legte sie an meinen Hals.
Wir gingen den Kiesweg entlang in den Lichtschein der Brücke. Und da blieb er plötzlich stehen und sagte:
„Ich hab von dir geträumt.“
„Was?“
„Ich habe geträumt, dass ich ein König war, der mit seinen Leuten in einer Halle saß. Draußen ein bitterkalter Winter. Feuer prasselte in den Kaminen. Musiker spielten. Wir saßen im Warmen, speisten und tranken und feierten ein Fest, einen Sieg, die Gründung eines Reiches, oder seinen Untergang – weiß der Teufel, was wir da feierten. Du saßest mir gegenüber und schautest mich an mit einem Blick, der so sanft war, so wie deiner jetzt. Ein Sperling, ein Spatz flog durch ein Fenster herein, flatterte über den Tisch, irrte durch den Raum – und flog durch das gegenüberliegendes Fenster wieder hinaus in die Kälte. Keiner außer uns beiden hatte ihn bemerkt.“
„Was hat dieser Sperling zu bedeuten?“
„Ich weiß es nicht – das Leben vielleicht, sicher das Leben...“
Er blieb stehen. Ich sah sein Gesicht, Bitternis auf seinen Lippen. Dann lächelte er – und die Bitternis verflog. Ich konnte nicht anders, als meine Hand an seine Wange zu legen. Er wich aus und nahm einen Schluck aus der Flasche.
„Komm weiter“, sagte ich.
„Wohin?“
Er ging hinter mir und ich spürte seinen Blick auf meinem Nacken. Wir tauchten wieder in die Dunkelheit ein. Der Uferweg endete hier. Da war ein Drahtzaun mit einem Tor, das sich öffnen ließ. Wir gingen einen engen gewundenen Weg zwischen nassen Büschen und Kraut entlang: er hinter mir wie ein warmer Hauch. Lichtreflexe rieselten von den Blättern wie Quecksilber. Ich hörte wie er aus der Flasche trank und sie dann in seine Manteltasche steckte. Es fing wieder an zu regnen. Ich hörte wie er seinen Schirm aufspannte. Eine feuchte Blüte berührte meine Wange, wie ein Kind, das, schon halb eingeschlafen, flüsterte: ich schlafe noch nicht.
Wir kamen zur Brücke. Ich stellte meinen Regenschirm ab und drehte mich um. Lasko stand da und wartete. Der Regen trommelte leise auf seinen Schirm. Ich setzte mich unter dem schwarzen geschwungenen Bogen der Brücke in den trockenen Sand. Wenn ein Auto über die Brücke fuhr, klang es als ob Wasser durch ein Rohr herab rauschte. Am gegenüberliegenden Ufer irrte jemand mit einer Lampe in der Böschung.
„Was macht der da?“ fragte Lasko.
Ich sagte nichts. Lasko stellte seinen Schirm neben meinen und ging vor mir auf und ab.
Dann setzte er sich neben mich. Die beiden Schirme sahen aus wie zwei große Pilze die sich aneinander neigten. Wir saßen da und beobachteten das irrende Licht gegenüber. Der Fluss und der Regen machten ein Geräusch wie Myriaden wandernder Insekten. Lasko legte sich auf den Rücken. Ich zog die Flasche aus seinem Mantel, nahm einen Schluck und stellte sie in den Sand. Und ich wusste, dass ich den Geschmack des Gins, so wie er war in dieser Sekunde, nie mehr vergessen würde, so herb, so heiß, so tief. Ich legte mich neben Lasko und knöpfte sein Hemd auf. Er sagte kein Wort. Ich steckte mir eine Zigarette an und gab sie ihm. Nach ein paar Zügen gab er sie mir zurück. Ich legte meine Hand auf seine Brust und spürte sein Herz schlagen. Die Nacht war schwarz und weiß. Fledermäuse schnellten lautlos durch das fahle Grau über dem Fluss. Als ich seinen Gürtel aufmachte legte er seine Hand auf meine Schulter, und als ich seinen Penis zum ersten Mal berührte nahm er sie wieder weg. Ich spürte wie seine Eichel anschlug und wieder wegrutschte, wie der Klöppel einer Kirchenglocke. Ich nahm nur das äußerste Ende seines Schwanzes in den Mund und ließ meine Zunge kreiseln. Und er fing an sich unter mir zu winden wie eine Schlange. Aber ich ließ ihn nicht wieder los und saugte an ihm wie ich an den Zitzen meiner Mutter gesaugt hatte. Und als ich merkte dass er es kaum noch aushalten konnte, ließ ich ihn los, legte mich auf den Rücken und schob mein Kleid bis über meine Brüste hoch. Er beugte sich über mich. Und seine Lippen waren weich und schmeckten nach Wacholder und wilden Rosen. Er streifte mir den Slip über die Knie und seine Finger tasteten nach meiner Klitoris. Berührten meine Lippen seine Brustspitzen, stellten sie sich auf und legten sich in meinen Mund wie Kirschkerne. Er zog sich zurück, saß auf den Knien, die Arme abgestützt, den Kopf im Nacken. Wie eine Ikone saß er da, mit aufgerichtetem Penis. In diesem Augenblick existierte nichts mehr für ihn. In einer endlosen zeitlupenhaften Bewegung wartete er auf meine Lippen, aber ich genoss nur den Moment des Anschlags. Ich hätte ihn mit einer Feder streicheln können, ich hätte eine alte hässliche Frau sein können, selbst ein Mann hätte ihn in diesem Moment blasen können, es wäre ihm völlig egal gewesen – wenn ihn nur irgendetwas dazu brachte, seinen Saft nach außen zu pumpen. Eine verrückte Schadenfreude breitete sich in mir aus, das Glück, dass ich es war, und dass ich es nicht zulassen würde, dass jemand anders auch nur eine einzige Zelle seines Körpers berührte. Und ich legte mich hin und zog ihn auf mich. Und sein Saft sprang in ihm hoch, ich spürte die Pumpbewegungen seines Schwanzes wie meine eigenen und er ergoss sich und sein säkulares Sperma rauschte in mich wie ein eingelöstes Versprechen - und tatsächlich legte sich, wie ich es seit Ewigkeiten erträumt hatte, seine Hand in diesem Augenblick fest um meinen Hals. Ganz langsam drückte er mir im Moment des Rausches die Luft ab. Mein Puls schlug gegen seine Hand wie ein kleines flehendes Tier, das geschlachtet werden wollte. Und in dem Augenblick als ich keine Luft mehr bekam und keine Chance mehr hatte, kam es mir, und Alles strömte aus mir, mein Ich, alle meine Erinnerung an mich, ich selbst flog aus mir wie ein Vogel, der zum ersten und letzten Mal sein Nest verlässt, um nie mehr zurück zu finden.

Dann sah ich ihn nach einer langen leeren Ewigkeit vor mir stehen, die Ginflasche am Mund. Ich lag im feuchten Sand. Ich sah den Regen über dem Fluss, unsere Schirme wie zwei aneinander geneigte Pilze, Lasko, der immer noch trank.
Er stand vor mir, das Hemd offen, die Flasche in der Hand. Er drehte sich um, bückte sich, schöpfte Wasser aus dem Fluss und ließ es sich über den Kopf rinnen.
Ich lag da und sah seine Silhouette. Und er fing an, mit mir zu reden. Seine Stimme verletzte mich. Ich spürte jedes Wort wie einen Schlag am ganzen Körper.

Ich zündete mir eine Zigarette an, sie schmeckte bitter. Er gab mir die Flasche und ich nahm einen Schluck. Ich gab sie ihm zurück. Er, der mich lächelnd, befreit, und blödsinnig glücklich ansah und nicht aufhörte, mich mit seiner dunklen Stimme zu quälen, war äonenweit entfernt von mir. Und Alles, Alles in mir schrie nach ihm. Und ich sagte, leise, rau, fast eine Unmöglichkeit:
„Geh!“
Er stand vor mir. Ich konnte seine Augen nicht sehen. Er nahm einen letzten Schluck aus der Flasche, schmiss sie an die Mauer, und der Gin verspritzte, wie Wasser über eine Blüte. Er drehte sich um, nahm seinen Schirm, kam zurück und flüsterte: „Ich liebe dich“ und küsste meinen Hals. Dann drehte er sich um und verschwand durch das raschelnde Gebüsch. Und ich sah wie die dampfende Nacht ihn aufsaugte und das wilde Gras ihn verschlang und nie mehr hergeben würde. Und mir liefen die Tränen übers Gesicht, ich sackte zusammen und weinte in den trockenen Sand, wie ich es wollte.
Wind strich durch die Bäume und bleiche, unruhige Lichtflecken rutschten über die Uferböschung und unter die Brücke. Eigentlich hätte ich jetzt eine Angstattacke bekommen müssen. Aber die unheimliche Atmosphäre, das geisterhafte Licht über dem schwarzen Wasser, die lautlos segelnden Fledermäuse: alles legte sich um mich wie ein seidenes Tuch. Und die geburtswarme Sommernacht lächelte und summte leise ihr ewiges Lied.
Wie gerne hätte ich die Zeit zurückgedreht. Alles war so schnell vorbei. Und ich saß allein, unter einer Brücke im Regen, das Sperma des Mannes den ich liebte in mir – und ich hatte ihn weggeschickt. Das Weinen half nichts. Wogegen hätte es auch helfen sollen? Ich hatte bekommen was ich wollte. Ich war die Geliebte eines Mannes, der sich aparte Affairen leistete, während seine Frau das Geld verdiente. Ich war seine Muse, träumte von ihm, inspirierte ihn, las seine bizarre Korrespondenz, wartete auf einen Anruf von ihm – und wurde vielleicht sogar von ihm schwanger. Meine Hand ertastete eine Glasscherbe. Natürlich dachte ich im ersten Moment daran, mir damit die Pulsader auf zu schneiden und hier langsam auszubluten. Ich dachte daran, was Lasko über den Selbstmord gesagt hatte. Und er hatte Recht: wir waren Alle potentielle Selbstmörder, die noch keinen Selbstmord begangen hatten, weil wir noch nicht genug von diesem Leben hatten oder vielleicht auch noch nicht genügend enttäuscht waren. Und wenn wir glücklich waren für einen Moment, brauchten wir nur etwas Geduld: auch das ging vorbei.

Als ich mich endlich aufraffte und zurückging und über den Fluss schaute und weiter hinten die Brücke sah, unter der wir gelegen hatten, überkam mich ein Glücksgefühl wie ich es lange nicht mehr gespürt hatte. So halt- und aussichtslos wie diese Liaison auch war, so tief und unauslöschlich hatte sich in mir ein Negativabdruck Laskos eingebrannt. Und ich sehnte mich danach, ganz ausgefüllt zu werden von diesem Mann, der mir in dieser kurzen Zeit so nahe gekommen war, vertraut wie ein Bruder den ich niemals hatte und so fremd wie mein Mörder, dem ich nie begegnen würde.
In einem Spätkauf holte ich mir Zigaretten, ging rauchend über den leeren Richard-Wagner-Platz und schwenkte in meine Straße ein. Laskos Spermatozooen kämpften in mir einen aussichtslosen Kampf. Das Leben war ungerecht. Aber in der Gerechtigkeit lag niemals Poesie.
Wie schön war diese Stadt in der Nacht. Ich schritt dahin wie eine ihrer Königinnen. An einer Litfaßsäule sah ich ein großformatiges Plakat zu einer Helmut Newton-Ausstellung. Eine nackte dunkelhaarige Schönheit auf High-Heels in der Pose kriegerischer, vollkommener Gleichgültigkeit. Die Schatten der Straßenlaterne glitten über das s/w-Foto und die Amazone schien sich zu bewegen wie eine antike Statue dicht unter der Wasseroberfläche. Und mein Herz war angefüllt mit wilder Zärtlichkeit.


H..H. ilbig (Gast) meinte am 2011/08/16 06:15:
bravo
... epigonal, befindlichkeitsliteratur [Fotzen-Poesie], siehe auch dort _Link 
albannikolaiherbst antwortete am 2011/08/16 08:56:
@H.H.ilbig.

Der Lautsprecher knackte. Eine Eunuchenstimme hing der ir­rigen Meinung an, es würden durch Wiederholung auch brü­chi­ge Hypothesen verifiziert.
ANH, >>>> Wolpertinger oder Das Blau,
1. Abteilung, S.41