Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

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Marlboro, Prosastücke, 1981 Die Verwirrung des Gemüts, Roman, 1983 Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger, Lamento/Roman, 1986 Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, 1993, 2001 Wolpertinger oder Das Blau, Roman, 1993, 2000 Eine Sizillische Reise, Fantastischer Bericht, 1995, 1997 Der Arndt-Komplex, Novellen, 1997 Thetis. Anderswelt, Fantastischer Roman, 1998, (Erster Band der Anderswelt-Trilogie) In New York, Manhattan Roman, 2000 Buenos Aires. Anderswelt, Kybernetischer Roman, 2001, (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie) Inzest oder Die Entstehung der Welt, Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, 2002 Meere, Letzte Fassung 2007. Bei Volltext. Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen, Poetische Features, 2004 Die Niedertracht der Musik, Dreizehn Erzählungen, 2005 Dem Nahsten Orient / Très Proche Orient, Liebesgedichte, 2007 Meere, Letzte Fassung 2007 Aeolia.Gesang / Stromboli. Mit den Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage, 2008 Kybernetischer Realismus, Heidelberger Vorlesungen. Manutius Heidelberg 2008Der Engel Ordnungen, Gedichte. axel dielmann - verlag 2009Selzers Singen, Phantastische Geschichten. Kulturmaschinen 2010 Azreds Buch, Geschichten und Fiktionen. Kulturmaschinen 2010 Das bleibende Thier, Bamberger Elegien. Elfenbein Verlag 2011 Die Fenster von Sainte Chapelle, Reiseerzählung. Kulturmaschinen 2011

 

Liliana Ahmetis Warum ich kein Model geworden bin. Part 3


Meine Erinnerung sagt mir, dass es diese Momente, in denen eine intensive Vorstellung von meinem Tod in mir war, schon in meiner Kindheit gegeben hatte. Damals, als wir - noch zu dritt, mein Onkel saß am Steuer – im Sommer zur Küste runterfuhren, sah ich manchmal aus dem Auto heraus Orte die mir unbegreifliche Schauer über den Rücken jagten: verlassene Lagerhäuser in öden Straßen menschenleerer Dörfern, in der sengenden Nachmittagssonne, eine Tankstelle an der ein roter Sportwagen betankt wurde, ein Mädchen in einem blumengemusterten Kleid, das aus einem Obstgeschäft kam, um die Ecke bog und in einer staubigen unwirklichen Straße verschwand. Es waren Orte von denen ich wusste, dass ich sie nie wieder sehen würde, Orte an denen sich die Vergänglichkeit und Flüchtigkeit aller Dinge gestaut zu haben schien, um sich irgendwann, wenn der Damm brach, in einem einzigen alles verschlingenden Schwall über die ganze Welt zu ergießen. Wenn ich mir vorstellte - und ich stellte es mir mit einem qualvollen Genuss vor - für immer an einem dieser Orte sein zu müssen, zu sehen, wie ein Mädchen in einem Wagen vorbeifuhr, auf der Durchreise, das mich sah - und Bescheid wusste. Dann spürte ich diese Sehnsucht, als ob ich schon immer gewusst hätte, was auf der anderen Seite auf mich wartete, von der sich später in meinem Leben herausstellte, es ist noch nicht allzu lange her, dass sie das wirkliche Leben war. Das sind Erinnerungen an meine Kindheit in Albanien. Das was fehlt, das Verlorengegangene, das Unwiederbringliche ist es, was einem so wertvoll erscheint, wie Alles, was es nie gegeben hat. Es vergeht doch keine einzige Stunde im Leben, in der man nicht an irgendetwas Vergangenes denkt, irgendeiner Erinnerung nachhängt, oder versucht, wieder da anzuknüpfen, wo damals der Faden riss - und doch lebt man immer in der Zukunft. Meine Erinnerungen mögen trügerisch sein, aber sie sind stark. Ich habe keinen Grund an ihnen zu zweifeln, denn ich habe nichts anderes.

Meine Mutter hatte mich, ich muss drei oder vier Jahre alt gewesen sein, einmal mit in den Wald genommen. Wir suchten wilde Erdbeeren. Sie schmeckten so süß. Und ihre Süße weht immer noch herüber und wurde für mich zum Inbegriff aller verlorenen Zeit. Sie, meine Mutter, weinte damals am Hang in der Sonne. Und ich, ich kaute die kleinen knallroten Erdbeeren und ihr Duft und Geschmack und das Weinen meiner Mutter wurden ein und dasselbe. Ich schmiegte mich an sie. Ich wusste nicht warum sie so traurig war. Später erfuhr ich es: Mein Vater war blind von Geburt an. Und er war ein Herzensbrecher. Er betrog meine Mutter bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Die Frauen schnurrten ihm in die Hände wie Katzen. Sie wollten mit den Händen gesehen werden und sie liebten es, sich von ihm auf seine Art erkennen zu lassen. Und da er selber nicht wusste wie er aussah, haben sie es ihn irgendwie verstehen lassen. Die Vorstellung, mit einem Mann zu schlafen der blind ist hat auch für mich etwas sehr Erregendes. Ich habe ein Foto von ihm, auf dem er aussieht wie ein Klon aus Che Guevara und Leonard Cohen. Auch mich hat er nie gesehen. Und seine leeren blicklosen Augen verfolgen mich bis heute voller Liebe. Er hat meine Mutter unglücklich gemacht. Aber er hat auch andere Männer ins Unglück gebracht. Ich war zwölf als man ihn in einem Birkenwäldchen fand, nur ein paar hundert Meter von unserem Haus entfernt, wo er eine seiner Geliebten erwartet hatte. Seine Kehle war von einem Ohr zum andern aufgeschlitzt. Sein Kopf hing wie eine geknickte Blume. Und die Blutrache, der alte Fluch der Skipetaren, nahm ihren Lauf. Meine Mutter schrie vor Trauer. Aber sie war endlich auch erlöst – und fasste den Entschluss, mit mir wegzugehen. In diese gottverlassenen Bergen Albaniens hast du dich, Albion, mein Herz, zurückgezogen, um dich dort zu töten, ohne mir ein einziges Wort zu hinterlassen, du gemeiner, gottverdammter Idiot! Alles was zählt ist der Wind, die Nacht, der Regen, der Duft einer Blume in einer erstickten
Nacht, der Duft des Staubs in den Straßen einer vergessenen Stadt, die Biegung eines Halses, die Höhlung eines Knies im Schlaf, ein vergessenes Murmeln im Traum, ein Abend im Schatten des Schattens, der Schatten eines Engels - traure nicht den Toten nach, denn sie haben uns längst vergessen. Wir sind die Toten die ihr Amt noch nicht angetreten haben.

Der Abend war so verdunstet und verwischt. Die Wärme des Asphalts stieg an meinen Beinen auf. Ich spürte meine Schamlippen beim Gehen, weich wie sich aneinander reibende Schwämme. Ich schlenderte die Kantstraße entlang Richtung Zoo, vorbei an den Import-Export-Läden meiner Landsleute. Immer mehr von ihnen hatten in letzter Zeit an Russen verkaufen müssen. Russen hatten überall ihre Finger im Spiel heutzutage, an beiden Enden der Parabel. Ihre Frauen, parfümierte Wunderwerke der Technik, zwinkerten mir manchmal zu, wie man Soldaten zuzwinkerte auf die man, vielleicht, irgendwann zurückgreifen müsste. Diese Frauen schienen zu allem bereit, manche von ihnen waren außergewöhnlich schön, kalt und geschmeidig wie Reptilien. Vodka und Kokain waren ihre Hauptnahrungsmittel. Und ihre Haut war weiß wie der Schnee auf den Bergen des Kaukasus. Für sie rafften die Männer das Geld zusammen und ihretwegen schmissen sie es zum Fenster raus. Sie hatten keine Religion, sie brauchten keine. Sie machten was sie wollten - anders als die Deutschen, die immer nur das machten was sie nicht wollten. Es war seltsam, aber ich fühlte mich ihnen manchmal unterlegen. Ich beneidete sie. Sie schienen wie gemacht für diese Welt, in der nichts anderes zählt als Geld. Und selbst das Geld schienen sie zu verachten, so sehr, dass es schließlich schwach wurde und zu ihnen kam. So war das Geld. Das Geld kam zu denen gekrochen die es verachteten und auf es schissen. Ein paar von diesen Mädchen hatten die arktischgrauen, eisigen Augen von Wölfinnen, aber ihre dünnen langen Arme und ihre schmalen blassen Schultern waren schön. Wie gern wäre ich neben einer von ihnen aufgewacht, auf einem fremden Planeten unter einer kalten unbekannten Sonne. Der Wind jagte die vertrockneten gelben Blätter des vergangenen Herbstes über den Teer wie eine neue Spezies von unheimlich schnellen formlosen Nagetieren, die so taten als ob sie vertrocknete Blätter wären. Café Venezia – die blondierte Russin hinterm Tresen telefonierte und feilte sich die Fingernägel. Sie sah mich und wendete sich ab als ob sie sich vor mir ekelte. Im Fenster eines iranischen Buchladens lag ein Buch, halbverdeckt von einem Aschenbecher voller Kippen: auf einem Cover langte ein schwarzhaariges Mädchen nach der Sichel eines Mondes die ihre die Hand zerschnitt. In einem mexikanischen Imbiss saßen zwei Männer und beide bissen mit riesigen weissen Zähnen in gegrillte Maiskolben. Aus einem Kino kamen Leute wie mit Mehlstaub überzogen und traten auf der Stelle wie Idioten. An einer roten Ampel blieb ich stehen und schaute einem alten Mann in einem knallroten Cabriolet zu, der den Gang nicht reinkriegte und fluchte und auf das Lenkrad einschlug. An einer Tankstelle in der Unterführung eines Geschäftshauses standen zwei Taxifahrer und spielten Schach auf einer Motorhaube. Sie lehnten an dem Mercedes wie tausend andere an anderen Orten. Ein chinesischer Imbiss, in dem uniformierte Mädchen mit roten Schirmkäppchen hinter großen Woks über irgendetwas lachten das zwischen ihnen hin und her sprang wie ein unsichtbarer Pudel. Dunkle Schaufenster, in denen übergroße Flakons von gefälschten Parfüms standen wie in den billigen Basaren Istanbuls. Orientalische Restaurants in denen junge Männer arbeiteten, die es bis hierher geschafft hatten und hier steckengeblieben waren wie Nägel in einem Sarg. Asiatische Restaurants mit großen Aquarien und offenen Küchen und schwarz gekleideten Kellnern, die zwischen den Gästen herumliefen wie Gangster aus einem Tarantinofilm. Ein alter Mann, der einen Einkaufswagen mit all seinen Sachen vor sich her schob und plötzlich stehen blieb und zu Boden schaute, als ob da unterm Pflaster etwas wäre das ihn überrascht hatte, wie ein aus der Tiefe auftauchender Fisch. Ein schwarzer Porsche Cayenne hielt in zweiter Reihe. Ein Typ stieg aus und verschwand in einem Sex-Laden. Neben der Tür ein großes Bild auf dem drei nackte athletisch gebaute Männer posierten. Man konnte die Hoden des einen sehen, kaum verdeckt vom Schenkel des anderen. An einer Bushaltestelle am Savingyplatz standen zwei verschleierte Mädchen. Ein junger schwarzbärtiger Mann redete auf sie ein ohne sie anzusehen. Es sah aus als ob er betete. Drüben die Paris-Bar, weiß gedeckte Tische, arabische Kellner, vor der Tür stand ein alter Mann in einem dunklen Anzug, eine Zigarre zwischen den Lippen, und redete mit einem anderen Mann. Ich wechselte die Straßenseite, ging an einem wartenden Taxi und den beiden Männern vorbei. Der Alte schaute mich einen Moment lang an und blies den blauen Rauch über seine vorgeschobene Unterlippe zeitlupenhaft langsam in die stehende Luft. Er war mir nah wie mein blinder toter Vater für den Bruchteil einer dieser langen ewigen Sekunde, in denen man für immer bleiben möchte.
Alles war, wie immer, aus den Fugen. Es gab keine Gesetze. Die Zeit mäht Alles nieder, sinnlos, sich mit irgendetwas aufzuhalten. Mich wundert immer wieder, dass die meisten Leute einfach still halten, dass so wenige ausrasten und Amok laufen, oder wenigstens ihre Hunde erschießen. Vor dem „Café Einstein“ in der Kurfürstenstraße stand eine Nutte die aussah wie eine Eistüte. Ihre Absätze waren mindestens 2 Meter hoch. Und bei jedem Schritt schien sie in zwei Hälften zu zerfallen, die auf magische Weise wieder zueinander fanden. Ein solcher Cat-walk war es, der die Männer seit -zigtausenden von Jahren geil machte. Auch wenn sich nicht jede Frau gern als eine potentielle Hure sehen will – und die meisten Frauen, die sich für anständig halten, schauen immer mit einem als Mitleid getarnten, von einem zweideutigen Schauer durchrieselten Interesse auf die echten Huren herab: jede Frau ist, ob sie sich dafür ins Zeug legt oder nicht, ein zu allem bereites Objekt der Begierde. Das liegt in ihrer Natur. Und am Ende ist die Frage doch nur, um welchen Preis und unter welchen Bedingungen sie sich ficken lassen. Sind die Bedingungen ok wird keine bei ihrem Nein bleiben. Die Praxis der reinen kalten Käuflichkeit ist nur das wahrere Spiegelbild der gehätschelten Halbwahrheiten vor dem Spiegel. Ich beneide die Männer nicht, die das wissen – und das Pech haben, eine Frau zu lieben. Wahrscheinlich leben sie in der Hölle, denn nur dort gibt es Erlösung. So ist das. Und deswegen lächelte ich der Nutte zu. Sie lächelte nicht zurück.
Als ich in das Lokal kam drehten sich alle nach mir um, als ob sie es wussten. Ein Kellner machte einen großen Bogen um mich, baute sich hinter mir auf, und ich spürte seinen Blick in meinem Nacken wie eine heiße Nadel. Da saßen mehrere Männer allein an ihren Tischen. Einer schaute mich erwartungsvoll an. Und auf seinen Lippen hing ein aasiges Lächeln, wie ein vertrocknetes Blatt an einem Baum hängt, kurz vor dem Abfallen. Ich hatte diesen Ausdruck in irgendeinem Buch gelesen und keine Ahnung gehabt, wie ein aasiges Lächeln wohl aussehen musste. Jetzt wusste ich es. Die Aasigkeit dieses Lächelns war einfach nicht zu überbieten. Es war eine unerträglich triste Mischung aus dem Elend der Einsamkeit und der kindischen Gier eines Anglers, der glaubt einen Fisch an der Angel zu haben. Aber ich war nun mal hergekommen und jetzt musste ich die Sache durchstehen – und sehnte mich zurück nach dem leisen Klacken der Tastatur, in die man soviel legen konnte was es nicht gab, was im Vagen blieb und nur dort sanft und wirklich existierte.
„Hallo – wir sind verabredet, glaub ich”, sagte er und stand auf.
Er war mittelgroß, gedrungen und seine graugrünen Augen vermieden jeden direkten Blickkontakt.
„Mmh”, sagte ich, „darf ich mich setzen?“
Er schob mir einen Stuhl zurecht. Seine Hände waren gepflegt und ungewöhnlich zart, wie die eines jungen Mädchens.
„Mein richtiger Name ist Klaus.“
„Meiner Marsela.“
„Ich weiß, diese Pseudonyme sind blöd – aber man weiß ja nie...“
Ein Kellner kam und ich bestellte ein Glas Rotwein.
„Sie sind noch schöner als auf dem Foto”, sagte er und sein Lächeln wurde schon wieder so unwahrscheinlich aasig, dass ich es kaum aushalten konnte, „ein solches Foto sollte man gar nicht ins Netz stellen...“
„Da haben Sie wahrscheinlich recht”, sagte ich, „ich werd´s rausnehmen.“
Und dann erzählte er mir aus seinem Leben. Er war Lehrer: Deutsch und Geschichte. Und er hatte ganz sicher eine Vorliebe für junge, sehr junge Mädchen; und das machte ihm Angst. Er brauchte eine Frau, die ihn kurierte von dieser Angst; er brauchte eine Frau, die ihn von der Kindfrau erlöste. Ich fragte mich, ob ich in seinen Augen wohl eine Kindfrau war. So wie er mich anschaute mit einem Blick, der immer wieder weg glitt um dann zurückzukommen, um wieder weg zu gleiten – wahrscheinlich schon. Bis auf das aasige Lächeln, das sich jetzt langsam verlor, war er nicht unattraktiv: groß, ohne Bauchansatz, markantes Gesicht, dunkelblauer Anzug, weißes Hemd ohne Krawatte, Goldring mit einem dunkelroten Karneol, leicht hervortretender Adamsapfel und, wie gesagt, schöne Hände – erinnerte er mich tatsächlich ein bisschen an George Clooney. Aber in seiner Mimik schien sich andauernd etwas selbst niederzustampfen, niederzudrücken, herunter zu machen. Und das gefiel mir ganz und gar nicht. Als er dazu überging mich auszufragen machte ich es kurz und sagte in einem einzigen langen Satz, den keiner je zu unterbrechen wagen würde: dass ich eine Frau wäre die es wieder einmal probiert hätte – und zu dem Schluss gekommen sei, dass es besser wäre wenn man sofort wieder damit aufhörte. Ich entschuldigte mich, sagte, dass ich ihn wirklich nicht kränken wolle – und verabschiedete mich. Als ich an der Tür war hätte ich mich um ein Haar noch einmal nach ihm umgedreht. Dann war ich draußen. Es hatte angefangen zu nieseln. Die Straßen waren noch nicht wirklich nass, aber es roch schon nach Asphalt und dem Staub, den man nur riecht, wenn er nass geworden ist. Gegenüber stand die Eistüten-Prostituierte. Ihre Lacklederstiefel glänzten jetzt noch stärker und ihre Brüste standen noch höher. Sie spannte gerade ihren Regenschirm auf, was ihr, weil sie telefonierte, nicht leicht fiel. Vielleicht würde Charles an ihr kleben bleiben. Ich hoffte es für ihn.

Ich stieg am Nollendorfplatz in die U-Bahn und fuhr nach Hause. Meine Katze erwartete mich miauend im Flur. Sie schaute mich zweifelnd und erlöst an wie ein eifersüchtiger Ehemann, dessen Frau spät nachts endlich nach Hause kommt, leicht angetrunken – und irgendwas von irgendeiner Freundin erzählt, um sich alleine schlafen zu legen. Dann strich sie mit zuckendem aufgerichtetem Schwanz in die Küche damit ich ihr etwas in ihre Fressschale gab. Der niemals gespielt wirkende Egoismus der Katzen hat mich immer beeindruckt. In welche Abgründe von Diskretion sich Katzen doch zurückziehen können weil sie einer urzeitlichen Ordnung der Dinge angehören in der es kein Gut und Böse gibt. Der menschliche Geist ist etwas so Gespenstisches, dass alles was in ihm vorkommt mehr Realität hat als er selbst. Ich legte „La Mer“ von Debussy auf und rollte mich auf dem Bett zusammen. Draußen ging ein Dauerregen runter und sein Rauschen und die Musik verschmolzen zu einem einzigen ewigen Rauschen und ich schlief ein. Und im Traum wachte ich auf: Ich hatte in einem Haus im Wald geschlafen und war durch einen donnernden Schlag an die Wand hinter meinem Kopf aufgewacht. Ich stand auf und wollte herausfinden, was mich da geweckt hatte. Ich untersuchte das Zimmer, das das Zimmer eines Jungen zu sein schien: Tennisschläger, Kopfhörer, T-shirts, CDs, iPod, Sonnenbrille. Dann öffnete ich die Tür zu einem anderen Zimmer – und da wartete etwas auf mich, das mir das kalte Grauen über den Rücken jagte: es war unsichtbar, es war nicht im Raum, es zeigte sich aber in einer sich verdichtenden verändernden Maserung an der Wand: sie nahm die Formen eines dunkel schillernden Knäuels in sich verschlungener Taue von der Größe eines Wasserballs an. Das Knäuel bewegte sich. Die Taue krochen ölig ineinander und wurden von der Hinterseite konvulsivisch wieder nach vorne gepumpt. In dem Knäuel bildete sich das Gesicht eines Babys mit halb geschlossenen Augen, über das ein Engelslächeln lief, um gleich einen ungeheuer mürrischen Ausdruck anzunehmen, den Ausdruck totaler Abscheu. Dann verwandelte es sich in den Kopf eines alten Mannes mit zerfurchter Stirn und stechenden Augen. Er schaute mich an und lächelte - und aus diesem Lächeln entwickelte sich das Gesicht einer Frau, eine kalte, mörderische Schönheit, ein Medusenhaupt mit Schlangenhaar und glutroten Lippen, von denen eine Flüssigkeit tropfte, schwarz und sämig wie heißer Teer. Und dann, ganz langsam, erschien da mein Gesicht: aber nicht so wie es kannte, nicht so, dass ich mich hätte wieder erkennen können. Aber das war ich - ohne ich zu sein. Ich holte aus und schlug gegen die Wand. Und von diesem Schlag meiner Faust gegen die Wand erwachte ich.
Ich stand auf, weinte, machte das Fenster zu und legte mich wieder aufs Bett. Dann stand ich noch einmal auf, ging ins Bad und putzte mir die Zähne.

Charles ließ nicht locker und beschwerte sich noch eine zeitlang über mein Schweigen. Am Ende kamen ein paar Nietzsche-Zitate, z. B. dieses: "Noch bist du nicht frei, du suchst noch nach Freiheit. Übernächtig machte dich dein Suchen und überwach. In die freie Höhe willst du, nach Sternen dürstet deine Seele. Aber auch deine schlimmen Triebe dürsten nach Freiheit. Deine wilden Hunde wollen in die Freiheit; sie bellen vor Lust in ihrem Keller, wenn dein Geist alle Gefängnisse zu lösen trachtet. Noch bist du mir ein Gefangner, der sich Freiheit ersinnt: ach, klug wird solchen Gefangenen die Seele, aber auch arglistig und schlecht. Reinigen muss sich noch der Befreite des Geistes." Dann war er weg. Ich las „Also sprach Zarathustra“ und „Menschliches Allzumenschliches“ – und mir gefiel das melodische Denken, das tanzende Denken, das Tieftraurige dieses Geistes, der die Lust anbetete – und in Einsamkeit und Wahnsinn erstickte.

Ich arbeitete zwei Wochen lang bei Penny an der Kasse weil ich dringend Geld brauchte und freundete mich mit Sylvie an, die an der zweiten Kasse saß. Wir lachten über die verrückten Typen, die meinten, sie müssten unbedingt mit uns flirten, während hinter ihnen schon andere Typen standen und Druck machten. Sylvie und ich, wir fingen an, zusammen auszugehen und uns zu besuchen. Aber wir waren schon aus sehr unterschiedlichem Holz geschnitzt. Sylvie kam aus Röcken bei Lützen bei Leipzig, wie Friedrich Nietzsche. Ihre Mutter war 15 als sie sie schwanger wurde von einem algerischen Gastarbeiter, von denen es in der ehemaligen DDR eine Menge gab. Algerier waren bei den Bürgerinnen begehrt. Die Heirat mit einem Algerier war gleichbedeutend mit einer Ausreisegenehmigung. Dieser Algerier allerdings ließ Sylvies Mutter eiskalt sitzen und verschwand auf Nimmerwiedersehn. Zum Heiraten war sie ja auch viel zu jung. Sylvie wuchs in einem ultrarauen Alkoholikermilieu auf und wurde schon mit 14 entjungfert. Aber dann änderte sich etwas in ihrem Leben. Was genau es war hat sie mir nie verraten. Sie zog nach Berlin. Zu ihrer Mutter hat sie keinen Kontakt mehr. Mit ihrem vierjährigen Töchterchen lebt sie in Reinickendorf in einer kleinen, netten Zweizimmerwohnung mit Balkon, auf dem sie Tomaten zieht, über denen die Maschinen auf den Flughafen Tegel hereindonnern.
Aber irgendwie wurden wir trotzdem Freundinnen. Sylvie ist im Grunde eine Naturalistin. Sie versteht meine Art zu denken, denkt selbst aber ganz anders. Sie erdet mich, zu ihr kann ich so ehrlich sein wie zu niemandem sonst. Das mag daran liegen, dass sie das Leben nicht aus dem TV oder aus Büchern kennt. Sie ist schrecklich aufmerksam, klug und schlagfertig. Sie ist sehr hübsch und entspricht genau meinem Geschmack, was Frauen angeht, vielleicht ist sie ein bisschen zu altbacken. Sie hat superblondes Haar und grüne Augen. Aber das Beste an ihr ist, dass sie Phantasie hat, Phantasie von der Art einer alten Berghexe. Sie kann unheimlich bösartig sein – und dabei süß wie ein junges Kätzchen. Wir haben eine Menge Spaß zusammen – obwohl wir beide wissen, dass die wesentlichen Erfahrungen unserer so unterschiedlichen Leben uns wechselseitig immer undurchschaubar bleiben werden. Sylvie kennt meine Schwachstellen und wunden Punkte. Sie ist fasziniert von meiner Art zu leben, würde aber niemals selbst so leben wollen. Sie bemitleidet mich aber auch, mit der ihr eigenen wütenden Zärtlichkeit, und rechnet felsenfest damit, dass sie mich irgendwann in eine Klinik würde einweisen müssen. Sie macht sich permanent ernsthafte Sorgen um mich, ruft alle paar Tage an, um zu hören, wie es mir geht – ob ich noch immer lebe, wie sie immer sagt. Sie hört mir geduldig zu, sie selbst spricht wenig. Am allerwenigsten über sich. Sie findet ihr Leben langweilig, wenn sie mit mir spricht. Ich weiß nicht, wie sie es findet, wenn sie mit Anderen spricht. Das Sicherste, was ich von ihr weiß, erfahre ich, wenn sie aggressiv ist. Dann kann sie wettern wie eine alte Donnerhexe. Sie versucht immer wieder, sich von mir therapieren zu lassen. Sie hat so einige Seiten an sich, die sie selbst nicht mag. Ich zeige ihr manchmal neue Wege, mit ihren alten Problemen umzugehen, die ihren Ursprung vor Allem in ihrer Sozialisation haben. Sie nimmt meine Überlegungen dankbar an, aber nur um am Ende festzustellen, dass sie da lieber nicht tiefer eindringen will, damit sie ihr kostbares Realitätsbewusstsein, das nun einmal Alles ist was sie sicher hat nur ja nicht verliert. Und das ist das Wichtigste in ihrem Leben, neben ihrer Katzenliebe. Ich glaube, sie sieht in mir auch eine Art Katze, die größte und geheimnisvollste von Allen.

Und dann gibt es da Jason. Seit fast drei Jahren. Ich hatte ihn als graue Maus kennengelernt, die sich selbst nicht über den Weg traut. Ich war erst mit seinen Eltern bekannt geworden, die unbedingt meine Ersatzeltern spielen wollten. Sie luden mich zu meinem eigenen Geburtstag zu sich ein, damit ich ihn auch ja angemessen feierte. Sie waren kleinkariert, standen aber auf Techno und waren fasziniert von meiner Art zu leben. Ich war oft bei ihnen zu Hause. Und irgendwann bemerkte ich dieses stille, nichtssagende Söhnchen, das nur 4 Monate jünger war als ich, das immer dazu kam, um mich aus großen, verklärten Augen anzuschauen, jedes meiner geheimnisvollen Worte aufzusaugen, und heimlich nachts von mir zu träumen. Ich fing an mit ihm zu plaudern. Ich gab ihm Schmink- und Outfittips. Seine unübersehbare Neigung das Weibchen zu spielen hatte etwas absolut entwaffnendes. Er fühlte sich verdammt unwohl in seiner zarten weissen Haut, gab sich aber redlich Mühe mir zu gefallen und sprang letztlich über seinen Schatten. Wenn wir zusammen ausgingen, hielt er sich ausschließlich in der Nähe seiner Eltern auf, konnte sich gegen Baggerversuche, die ihm unangenehm waren, nicht wehren und harrte geduldig aus, um sich letztlich von den Jünglingen zu verabschieden, wenn ich oder seine Mutter ihn endlich erlöste. Wenn er dann mal tanzte, tippte er von einem Fuß auf den anderen. Er hatte aber exzellent Anlagen. Er war ein Ankerplatz der Lust. Ein schönes Gefühl lag unerforscht in ihm. Die Zukunft lag vor ihm wie ein Sesam-öffne-dich. Wie eine überreife Jungfrau wartete er darauf entdeckt und erlöst zu werden.
Irgendwann tat ich es: direkt, mit einem süffisanten Lächeln und abgrundtiefer Glut in meinen Augen ging ich auf ihn zu. Ich nahm seine Hand und hauchte einen Kuss auf deine Fingerspitzen, schaute ihm in die Augen, drehte mich abrupt um, immer noch seine Hand in meiner, legte sie auf meine Schulter - und zog ihn zur Tanzfläche. Er wehrte sich, aber ein wenig zu wenig. In der Mitte der Tanzfläche angekommen sah ich ihm nochmal bestätigend in die Augen, hauchte einen zweiten Kuss auf den Rücken seiner Hand, nur um sie augenblicklich um 180° tänzerisch zu drehen. Seine Hand krallte sich in meine und unsere beiden Hände landeten auf seinem Bauch. Ich presste seinen schmalen Körper an meinen und zwang ihm meinen Rhythmus auf. Und schon flog mir seine Liebe entgegen.
Dieses Spiel von erst vorsichtigen, dann leidenschaftliche Küssen und zarten Berührungen seiner kleinen steifen Brustwarzen, eskalierte in dieser Nacht. Zu dem wahnsinnig schönen, glasklaren, ultramarinfarbenen Song von Kate Bush wiegte er seine Unschuld in tiefer Vertrautheit zur Musik. Sein traumhafter Busen war von weißen Federn bedeckt, ebenso seine Scham. Ich war stolz darauf, ihn soweit gebracht haben. Er tanzte nur für mich, aber er spürte immer noch die Blicke der Anderen auf sich: absolutes Begehren, schoss mir entgegen, kurz davor zu explodieren. In dieser Nacht wurde Jason zum verführerischsten alle unschuldigen Engel - und ich, mit meiner wilden, damals roten Mähne, und den treibenden Beats zu seinem Abgrund, zu seinem weiblichen, bösen, betörendem Pendant.
Nach der Show schmiss er sich mir an den Hals, wurde fordernd und ich ergab mich seinem Rausch und nahm ihn mit zu mir. Ich wohnte ganz in der Nähe. Ich verfrachtete ihn direkt auf mein Bett, stellte Musik an, ich glaube es war DJHell, Teufelswerk, und holte mein nicht zu unterschätzendes Dildoarsenal aus dem schwarzen Lederkoffer. Einen letzten Rest Angst nahm ich ihm mit einem Kuss und alles erstickender Zärtlichkeit.
Danach gingen wir zurück in den Club. Seine Augen strahlten in völlig neuem Glanz. Seine Eltern waren fassungslos, akzeptierten aber die Tatsache - und waren irgendwie auch froh, dass ausgerechnet ich es getan hatte. Kann sein, dass sie die Dinge nicht wirklich verstanden. Aber das spielte jetzt keine Rolle mehr.
Seit dem ist er mir treu. Keine andere Frau gibt es in seinem Leben. Für ihn wäre selbst ein unschuldiger Kuss mit einer anderen wie Fremdgehen. Wenn andere Frauen mit ihm tanzen wollten, genügte ein Blick – und er fiel in meine Arme und kläffte die andere nur zärtlich an. Ich genoss das ungeheuer. Und auch für mich war er die einzige Frau, mit der ich ohne einen Mann Sex hatte: einen sehr sanften, verspielten, nahezu langweiligen Sex. Ein paar Monate ging das so. Und wir lebten schon fast so zusammen wie ein altes Ehepaar. Dann lernte Jason einen Mann kennen, der war wie er. Und der machte ihn zu einer echten Tussi: Neue Frisur, schöner Schminkstil, lackierte Nägelchen, neues Selbstvertrauen bei altem Selbstbewusstsein. Wir trennten uns – und versuchten, sehr pathetisch dabei zu sein. Aber im Grunde störte der Typ unser Verhältnis überhaupt nicht. Wir sahen uns weiter oft im Club. Aber ich hakte die Geschichte schließlich ab und sah Jason an als einen sich langsam entfernenden Traum, der bald ausgeträumt sein würde.
Eines Nachts hatte er etwas zuviel getrunken, nur ganz wenig zuviel. Ich ging zu ihm, gab ihm einen Kuss auf die Wange und wollte wieder gehen, da überschüttete er mich ohne jede Vorbereitung mit Kaskaden wahnsinniger Liebeserklärungen, voller Hoffnung, Unschuld, voller Wollen, Angst und Reue und glücklicher Überraschung über sich selbst. Nur ein infinitesimaler Kuss konnte diese Verzweiflung beenden. Als ob die Zeit lediglich einen Moment den Atem angehalten hätte, war dieses strahlende Intermezzo plötzlich ausgelöscht - und alles war wie früher. Es war ein Blitzschlag an einem durchsonnten Sommernachmittag, von dem niemand jemals wissen würde ob es ihn jemals gegeben hatte. Und das war Jasons Art, mir zu danken.
Er verriet mir alles. Er erzählte mir von der Normalität und Banalität seines Alltags, von den seltsamen, rührenden sexuellen Vorlieben seines Freundes. Ich konnte mir nichts merken und nichts davon interessierte mich wirklich. Ich entfernte mich von ihm wie ein Schwimmer von einer Sandbank in der offenen See. Er war mittlerweile everybodys darling und ich nach wie vor die einsame Wölfin. Er war der Engel, ich der Succubus. Er war der lesbische Mann. Und jetzt weiss ich, dass ich damals kurz davor war ihn wirklich zu lieben.
Ich entzog mich ihm. Und er ließ mich gehen. Aber manchmal nachts wenn sein perlendes Lachen von seinem Lippen fliest, wenn jeder ihn verführen will, dann zieht es uns immer noch magisch zueinander. Nach wie vor. Irgendwie lieben wir uns, aus diesem dunklen Grund, er und ich. Aber einen Alltag gibt es nicht. Er weiß im Grunde wenig von mir und meinem Leben, und ich kenne seines allzu gut, als dass er mir noch etwas erklären müsste. Wir reden eigentlich gar nicht mehr miteinander und wenn, dann sage ich Worte wie „regenbogenfarbiges Lächeln”, „glockenperlendes Lachen”, „lass mich ruhen auf deinen weißen Brüsten”, und: „zieh dich endlich aus und halt die Klappe“. Und Jason sagt dann Sachen wie: „du bist ja so süss”, „ich liebe die weissen Flügel deiner Brüste”, „ach, eigentlich wollte ich gar nichts mehr sagen”, und: „du bist besser als tausend Männer“. So sprechen wir nur durch Zärtlichkeiten und Blicke miteinander. Mehr brauchen wir nicht - und mehr wollen wir nicht. Ich musste seine Gewöhnlichkeit glorifizieren. Er musste mein Engel bleiben und durfte nicht gestört werden durch ein einziges wahres Wort, dass absurd und mörderisch gewesen wäre - und Alles zum Einsturz gebracht hätte. Er musste sich damit begnügen. Ich war mir nicht sicher, ob er das wusste. Wahrscheinlich wusste er es. Wir wussten es beide. Und doch gelang es uns so zu tun, als ob wir es nicht wüssten.
Ich glaube Jason wäre gerne ein Teil von mir gewesen. Er sehnte sich nach einem Leben mit mir. Aber er hatte nicht das geringste Bedürfnis, den unerklärlichen Abgrund dieser Sehnsucht zu verstehen. Und trotzdem wollte er ihn bei jeder Gelegenheit Allen und Jedem voller Stolz erklären, obwohl er sehr genau wusste, dass er das nicht konnte – und dass ich zugrunde gehen würde, wenn dieses offensichtliche Geheimnis auch nur für eine Sekunde gelüftete werden würde.
Und deshalb verloren wir uns.

Dann quittierte ich den Job im Supermarkt und meldete mich bei einer Modelagentur an. An einem heißen Augustmorgen fuhr ich in die Chausseestraße und füllte den Personalbogen aus. Eine frustrierte Mittdreißigerin mit fettigen Haaren, in einem braunen T-shirt und grünen Cordhosen fotografierte mich. Ich sollte eine kleine Szene spielen, in der ich eine Bankkauffrau war, die einem älteren Kunden eine Tasse Kaffee anbot und ein Alterssicherungsfinanzierungsmodel schmackhaft machen sollte. Und beim dritten Take war ich ganz gut. Ich spürte dass die Fotografin irgendwie neidisch war und fragte mich, worauf wohl. In einem Spiegel des Ateliers sah ich es: Ich sah besser aus als je. Etwas in mir war zum Vorschein gekommen, etwas das man unbedingt als weiblich bezeichnen musste.
Sie sagten, sie würden mich anrufen. Ich sagte, das will ich doch hoffen. Anschließend ging ich auf den Dorotheenstädtischen Friedhof. Ich wollte das Grab von Bertolt Brecht sehen. Ich wollte eine Zigarette rauchen und hatte kein Feuer. An einem Grab setzten zwei Männer mit einem gelben, handbetriebenen Kran einen Grabstein. Ich bat sie um Feuer: wir rauchen nicht, sagten sie. Dann werdet ihr ewig leben, sagte ich. Das Grab von Brecht fand ich nicht. Es war auch zu heiß und ich ging wieder hinaus. In einer Eckkneipe saßen Männer beim Vormittagsbier. Einer gab mir Feuer. Er hatte nur noch drei Finger an seiner rechten Hand und seine Nase war rot und gesprenkelt wie ein Fliegenpilz. Aber er lächelte schüchtern und höflich und sagte: Das ist bestimmt das Schönste was mir heute passieren wird. Ich sagte: Man kann nie wissen.
In der S-Bahn saßen zwei Frauen und ein Mann schräg gegenüber, Taubstumme in merkwürdig altmodischen graugrünen Klamotten. Sie redeten wie verrückt aufeinander ein - und zu hören war nur das Rascheln ihrer Kleider. Als der Mann mit einer der beiden Frauen ausstieg, verabschiedeten sie sich umständlich und redeten noch durch die Scheiben wild gestikulierend miteinander. Sie winkten sich zu als ob sie sich niemals wieder sehen sollten.
Als die Bahn weiter fuhr lächelte die in der Bahn zurückgebliebene Frau still vor sich hin wie ein junges Mädchen und umklammerte ihre Handtasche. Dann schaute sie mich an und lächelte ein derart abwesendes Lächeln, dass es mir eiskalt den Rücken runterlief. In dieser gottverdammten Stadt gibt es kein Glück, dachte ich. Am Bahnhof Tiergarten stieg ich aus und setzte mich in den Biergarten des Schleusenkrugs. Der Geruch der Dromedare und Esel aus dem Zoo hing in der Luft und das Lachen der Hyänen hatte etwas Ansteckendes. Ich wusste nicht mehr was ich mit meinem Leben anfangen sollte.





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Es war nicht abzustreiten: ich brauchte einen Mann. Ich wollte gewollt, vergöttert, begehrt, umarmt, ausgezogen, abgeküsst und genommen werden. Ich wollte einen festen harten Penis in mir arbeiten spüren und einen warmen Strahl. Ich wollte sein Salz auf meiner Haut schmecken und seine Lippen in meinen Kniekehlen spüren. Und da war, als ob er es witterte, Charles wieder auf dem Bildschirm, dieses mal mit dem abgeschmacktesten aller Nietzsche-Zitate. Ich schrieb ihm zurück: „Peitsch dich selber – und lass mich bitte endlich in Ruhe!“ Er schien sich daran zu halten.
Ich hatte noch etwas Geld, musste nicht gleich wieder arbeiten, und das Semester fing erst in anderthalb Monaten wieder an. Es war bestes Wetter. Ich ging wieder in die Parks und trieb mich nachts in den Clubs und Bars herum. Aber das Bewusstsein, auf der Suche nach einem Mann zu sein, demütigte mich. Ich wollte nicht suchen – ich wollte gesucht und gefunden werden. Und zwar im wirklichen Leben. Die Online-Sache hatte mich enttäuscht. Gut, ich hatte nicht viele Bekanntschaften gemacht; aber die wenigen waren nun wirklich desillusionierend gewesen. In der virtuellen Sicherheit trieben sich zu viele verhuschte Typen herum, die Sex wollten und Angst vor Frauen hatten. Es mochte ja Ausnahmen geben; ich hatte sie bis jetzt nicht erlebt.

Als ich eines Nachts mit der S-bahn Richtung Charlottenburg fuhr, es war spät in der Nacht und nur noch sehr wenig Betrieb, da stieg ein junger Türke ein und setzte sich mir schräg gegenüber. Ich sah sein Gesicht über ein spiegelndes Fenster – und über diese Spiegelung lächelte er mich schüchtern an. Er war nicht besonders hübsch aber er hatte ein unschuldiges Gesicht und tiefschwarze Augen. Ich war leicht geschminkt, trug einen Rock, meine Beine waren nackt, und meine Schuhe waren, ja, auf einer, sagen wir, mittleren Attraktivitätstufe. Ich schlug ein Bein übers andere. Als ich den Jungen wieder über die spiegelnde Scheibe ansah, hielt er seine linke Hand wie eine Sichtblende über dem Hosenschlitz – und onanierte mit der Rechten. Dabei schaute er mich an, dasselbe jungenhaft-unschuldige Lächeln auf den Lippen. Ich war beeindruckt von dem Mut, mit dem er mich so direkt als Wichsvorlage benutzte und mich dabei so schüchtern über das spiegelnde Fenster anlächelte. Ich fand das wirklich süß – und irgendwie auch schmeichelhaft. Es war etwas Beglückendes, diesem Jungen Lust zu verschaffen. Ich wartete gespannt darauf, wie lange er wohl brauchen würde. Eine ältere Frau stieg ein und setzte sich ein paar Bänke entfernt von uns. Sie konnte uns beide sehen. Der Junge hielt einen Moment inne, dann stellte er wohl fest, dass die Frau ihn nicht ins Visier genommen hatte und dabei war, einzunicken – und machte weiter. Auf dem Streckenabschnitt durch den Tiergarten fiel eine zeitlang wenig Licht von außen in den Waggon und ich konnte ziemlich genau sehen wie es ihm kam. Und in diesem Moment verschwand das Lächeln ganz von seinen Lippen und sie formten ein unhörbares O und seine Augen schlossen sich für ein-zwei Sekunden. Dann legte er beide Hände in seinen Schoß und sie lagen da wie zwei schlafende Vögel in einem Nest. An der nächsten Haltestelle stand er auf. Kurz bevor er ausstieg, drehte er sich noch einmal nach mir um, und da war es wieder, das Lächeln. Und ich lächelte zurück. Er machte mit der Hand das Telefonzeichen. Ich schüttelte lächelnd den Kopf. Wie gesagt, auch ich brauchte einen Mann der mich das sein lassen konnte, was ich diesem Junge eben gewesen war.

Am Bahnhof Charlottenburg stieg ich aus. Es war kurz vor fünf Uhr, und all die Frühschichtler waren auf dem Weg zur Arbeit. Im grellen Sonnenlicht sah das zu Pyramiden aufgetürmte Ost vor dem russischen 24-Stunden-Supermarkt fahl und tot aus. In der Nacht leuchteten die gleichen Melonen, Orangen und Äpfel im Neonlicht, und der pompös geschwungene kyrillische Schriftzug über dem Eingang musste es den Russen, die hier rund um die Uhr fluktuierten, warm ums Herz werden lassen. Im erst vor kurzem eingerichteten Imbiss bestellte ich mir Tee und Piroggen mit Spinatfüllung. Die Nacht im Berghain hatte mich nicht aufgemuntert. Aber die Musik, die treibenden psychedelischen Beats, das Flair dieser Leute, denen scheinbar Alles egal war, die tanzten und auf den Toiletten fickten, hatte mich traurig gemacht. Ein paar Angebote hatte ich ausgeschlagen, dann eines angenommen: ein schmaler androgyner Jüngling ließ seine schlanken braunen Finger über meinen paralysierten Körper gleiten, leckte meine Brustspitzen, und ich konnte nicht die Spur einer Erregung zwischen seinen langen dünnen Beinen ausmachen. Die ganze Sache ließ ihn vollkommen kalt. Er hörte plötzlich damit auf mich zu streicheln und legte eine Line auf einen leicht gewölbten Spiegel den er aus seiner Tasche zog wie ein Stilett. Das Zeug war gut – und führte dazu dass er seine Finger weiter über meine Haut jagte, nur noch absichts- und zielloser als vorher. Wir hatten kaum geredet. Sein Name war Falmer. Vielleicht war er ein Schwede. Zum Abschied küsste er mich wirklich innig und mit perfekt gespielter Leidenschaftlichkeit. Ein kalter Fisch ist auch ein Fisch. Als ich ging stoppte mich ein Schwarzer: Geh nicht weg, Baby, sagte er. Ich hab dich die ganze Nacht beobachtet. Ich dachte, der Typ wäre dein Freund. Geh bitte nicht weg. Ich habe mir immer ein Frau wie dich gewünscht. Ich bedankte mich für die nächtlichen Worte zum Sonnenaufgang und verabschiedete mich: Und das war ein Fehler. Denn er war schön und gut gebaut, wie ein autochthoner Fliegengott aus dem Herzen der Finsternis. Das Weiß seiner Augen schimmerte wie Perlmutt, und als er mich, erstaunt über meine Antwort, anschaute, fing sein Arsch langsam und unwillkürlich zur Musik zu schwingen, die hier am Ausgang nicht mehr so laut war, als dass man nicht jede feinste Betonung einer jeden Silbe eines jeden Wortes hätte hören können. Einen Moment lang zögerte ich. Ich glaube, er wusste was die teilnahmslosen Zärtlichkeiten Falmers in mir geweckt hatten – und dass ich ihm in den Schoß fallen würde wie eine reife Frucht. Er war sich seiner Sache einfach eine Spur zu sicher. Oh, Albion, mein teurer Engel, wenn du wüsstest, was mit mir passiert. Es wird nicht mehr lange dauern – und du wirst mich nicht wieder erkennen. Und ich werde, wenn ich alt und grau und zerstört bin, den Abdruck deines jungen ungestorbenen Körpers im Totenbett neben mir beweinen – und der noch nicht geborene Wind der Zeit wird auch das schließlich verwehen. Und dann wird es endlich wieder so sein, als ob es uns nie gegeben hätte. Wir hätten für immer an diesem Unort bleiben sollen, an dem wir waren, bevor uns unsere explodierte Liebe in diesen Saustall katapultierte, dem wir nur um den Preis des totalen Vergessens entkommen konnten.

Und dann stieß ich auf dieses Gedicht. Auf einer Pinnwand an der der FU draußen in Dahlem hatte ich vor Monaten ein kleines Plakat gesehen, auf dem eine Lesung annonciert war, die mir irgendwie im Gedächtnis geblieben war, weil der Typ, der da lesen sollte, Orlando hieß. Ich ging hin. Es war eine Privatvilla im Süden der Stadt. Die Leute waren steif und langweilig. Es gab Prosecco und Weißwein – und es war klar, das es nicht für die mehr als zwanzig Gäste reichen würde. Aber irgendjemand hatte eine Flasche guten Rum mitgebracht
Ein Typ mit Glatze, einem Adelstitel und einer unwahrscheinlich großen Fresse las aus seinen ausufernden, anmaßenden, hochfahrenden, und mit einer unbegreiflichen Wut geladenen Texten. Er trug einen hellgrauen Fischgrät-dreiteiler und eine knallrote Krawatte. In der anschließenden Diskussion machte er den Moderator, einen renommierten Feuilletonisten, derart aggressiv, unflätig und ohne Rücksicht auf Verluste zur Sau. Das gefiel mir natürlich – und ich redete ein paar glitzernde Worte mit ihm. Er war betrunken, und ich versuchte gleichzuziehn. Wir schnappten uns die Flasche Appleton-Jamaica-Rum, gingen auf den Balkon und rauchten einen Joint. Der Typ war verwundet - und unverwundbar. Er war steril und impertinent, geil zum Erbrechen, und berauscht von seinem Geist wie ein fettgefressener Hamster auf Speed. Er wollte mich dort auf dem Balkon über dem dunklen nach Law-and-Order stinkenden Garten vögeln, und ich war kurz davor mitzumachen, als die Gastgeberin auftauchte wie eine dea-ex-machina und anfing, eifersüchtig dazwischenzuzischen. Er fing sofort an, sie zu beschimpfen. Seine Aggressivität kannte keine Grenzen – und dabei war er windelweich. Ich ließ mir seine Karte geben und ich machte dass ich da wegkam.

Auf seiner Web-site war allerhand los. Das ganze Ding war ziemlich labyrinthisch. Eine Menge Leute schrieben eine Menge Mist, zahlloser Pseudonyme durften endlose Kommentare abgeben und verwickelten sich in kolossal schwachsinnige Kommetaren. Das Alpha-Tier gab den master of ceremony. Und das Literaturinstitut in Leipzig protokollierte den ganzen Scheiß. Es war nicht uninteressant, und ich schaute immer wieder vorbei. Und dann tauchten da Gedichte und Texte eines Mannes auf, der sich auf keine Diskussionen einließ – und Sachen schrieb, die anders waren: düster, leidenschaftlich, verspielt, unverständlich, zärtlich, rasend und manchmal von einer herzzerreißenden poetischen Kraft. Entweder schmiss sich da einer dem Kollektiv unbekannte Drogen rein, gab sich permanent die Kante – oder litt an einer unbekannten süßen Krankheit, deren Namen ich schon einmal gehört hatte. Ich fing an, auf seine Sachen zu achten, zu warten, zu lauern. Sie kamen in unregelmäßigen Abständen. Manchmal nahm er sie selbst wieder raus, wenn die Kommentare zu blöde waren; manchmal auch aus keinem ersichtlichen Grund. Einmal gab es 31 Kommentare der unterschiedlichsten grellen Art auf zwei seiner Gedichte, die ausnahmsweise sehr konkret waren. Eine handelte von dem Nachtschalter der Tankstelle.
Ich jedenfalls konnte mir vorstellen, wie er sich bewegte, wie er nachts an seinem Schreibtisch saß, Dark&Doom-Metal oder Gustav Mahler hörte, sich betrank, zur Tankstelle runter rannte, sich Bier und Zigaretten holte und weiterdichtet. Ein paar Tage später waren die beiden Gedichte wieder verschwunden, und es stand da als Titel nur: 31 Gedichte, und sonst nichts mehr – ausser den 31 Kommentaren. Dann kam lange Zeit nichts von ihm. Ich hatte schon fast den Faden verloren, als ein Gedicht von ihm erschien, das auf eine gespenstische Art und Weise auf mich gemünzt zu sein schien. Irgendetwas musste in seinem Leben passiert sein, das ihn völlig aus der Bahn geworfen hatte. Und da erst kam ich darauf, dass sein Name vielleicht sein echter Name sein konnte. Und tatsächlich fand ich ihn und seine wenigen Veröffentlichungen: zwei Romane, seine Web-site mit Romanfragmenten, den Gedichten, die ich kannte, und seltsam beiläufigen Fotos aus seiner scheinbar unbewohnnten, surrealen Welt, ein idiotisches Interview - und ein Foto von ihm selbst, auf dem er heldisch geschminkt, mit verschatteten Augen und offenem weißen Hemd vor einer Statue und einem ewigen Sommerhimmel stand, und sein Lächeln war arrogant und sehr anziehend. Ich wartete sein nächstes Gedicht ab – und das war es dann, worauf ich endlich reagieren musste. Sein Titel war: Little Darling. Ich schrieb einen Kommentar und fragte, ob ich dieses Gedicht, das mich im Innersten traf, für mein Profil verwenden dürfe. Er antwortete: Warum nicht, little darling. Ich schrieb zurück, dass ihm der Zusammenhang möglicherweise nicht gefallen könnte. Er fragte nach dem Zusammenhang. Und ich schrieb ihm, dass es auf einer eine s/m-site stehen, und sein Gedicht sich da gut machen würde. Er war sofort einverstanden – und wollte mich kennenlernen. Ich zögerte. Ich wollte diesen dunklen Engel und Abgott meiner selbst nicht verlieren an eine real existierende Person. Aber er bestand darauf.



Wir verabredeten uns an einem Frühlingsabend am Sophie-Charlotte-Platz.
Ich kam aus der U-Bahn und sah ihn sofort. Kein anderer konnte warten wie er. Er saß auf einer Bank neben einer Bushaltestelle, in einem braunen offenen Mantel, seine langen Beine übereinander geschlagenen, eine Zigarette rauchend. Ich wechselte auf die gegenüber liegende Straßenseite, um ihn unbemerkt zu beobachten und hoffte, dass er es nicht sein würde. Aber er saß noch immer da und wartete auf mich. Ich ging rüber. Er registrierte meinen roten Mantel, mein rotes Haar, meine Bereitschaft. Er stand auf – und ohne Übergang war er an meiner Seite, wie ein Hund, der seit ewigen Zeiten zitternd und lechzend vor einem Supermarkt auf mich gewartet hatte. Der erste Eindruck den ich von ihm hatte war: trouble. Der zweite: more trouble. Er fing sofort an zu reden, auf eine Weise, als ob unser Gespräch nur kurz unterbrochen und wieder aufgenommen worden wäre. Ich verstand nur vage was er sagte. Ich versuchte, seine Witterung aufzunehmen, aber er roch nach absolut nichts, kein Parfüm, keine Alkoholfahne - nichts. Er knöpfte seinen leichten, ziemlich gut geschnittenen Mantel zu und ich fixierte seinen Paisley-gemusterten Schal an seinem faltigen Hals. Sein Gang war steif und elegant zugleich. Er war vom ersten Wort an von einer bestürzenden Aufrichtigkeit. Er stürzte sich in mich wie sich ein Selbstmörder von einem Hochhaus stürzt. Und es dauerte keine zwanzig Sekunden - und ich vertraute diesem mindestens zwanzig Jahre älteren Mann mehr als mir selbst. Wir gingen die Schlossstraße runter Richtung Schlosspark. Seltsame Dinge passierten in seinem Gesicht: seine Nasenspitze bewegte sich leicht beim Sprechen und seine Brauen hoben sich in nervösem Eifer, als ob er versuchte so schärfer zu sehen.
Ich sagte, dass ich eben, als ich ihn da auf der Bank sitzen sah, um ein Haar wieder weggegangen wäre, und dass ich seine letzte Replik idiotisch fand. Auf meine Frage, warum er mich treffen wolle, hatte er geschrieben: er sei manchmal einsam. Das war derart primitiv und kitschig, dass ich um ein Haar zurück geschrieben hätte: na und ! - das sind wir alle. Er sagte darauf, er sei ein Idiot. Ich versuchte, die Sache runter zu fahren. Aber er bestand auf seiner kompromisslosen, entwaffnenden Art, mit mir zu reden, als ob wir uns schon seit jeher gekannt hätten. Und irgendwie kam es mir schon nach ein paar Minuten auch so vor. Ich fühlte mich frei in seiner Gegenwart - und ich hätte ihm diese Freiheit am liebsten ins Gesicht geschrieen. Aber er schaute mich nicht an. Er schaute in alle Himmelsrichtungen - nur nicht in meine Augen. Sein Gang hatte etwas Unentschiedenes und Richtungsloses, als ob er jederzeit ausscheren, abschwenken, einfach weggehen und mich stehen lassen konnte. Und ich wollte nicht, dass er abschwenkte. Ich wollte einfach neben ihm hergehen. Ich redete, ganz gegen meine Gewohnheit, eine Menge Bullshit. Ich witterte seine verzweifelte, in die Enge getriebene Intelligenz, und seine Stimme war wie eine sanfte, unabsichtliche, Berührung. Ich versuchte herauszufinden, worüber er eigentlich reden wollte. Aber er sprach nicht von sich. Er redete von Dingen, die weder mit ihm noch mit mir zu tun hatten. Die Sprunghaftigkeit seiner Gedanken verblüffte mich. Er lächelte - und ich wusste nicht, ob er über sich oder über mich lächelte. Und dann begriff ich, dass er über uns lächelte. Er hatte schon nach diesen ersten Minuten einen Begriff von Uns. Das schien ihn nicht zu überraschen. Er war offensichtlich daran gewöhnt, dass ihm die Dinge in die Hand liefen. Er war genauso aufgeschmissen wie ich; aber er war noch kaputter als ich mir vorstellen konnte, jemals zu sein. Er war alt - und gleichzeitig viel jünger als ich jemals war. Er konnte in jedem Augenblick von Dingen reden, die ich nie gekannt hatte. Und ich wollte, dass er redete. Ich musste ihn nur zum Reden bringen. Und er machte es mir leicht. Und er hörte nicht damit auf, mich zu glorifizieren. Ich redete von dem ersten Eindruck, den ich von ihm hatte - und versuchte, ihm einen Teil von dem zurück zu geben, womit er mich seit einer halben Stunde ununterbrochen fasziniert hatte. Und er hörte mir zu und schaute mich kein einziges mal an. Er war ein Mann, wie man ihm nur alle tausend Jahre begegnete. Er war einer dieser Typen, die auf einer Brücke standen, und drunten war der Fluss, der Tod. Und sein Zögern war nichts weiter als hybrider Stolz.

Wir blieben nicht lang im Park. Er redete, und ich versuchte ihm standzuhalten. Er war so voll kindlichen Zutrauens – und zugleich vollkommen distanziert. Es war kaum auszuhalten. Er war wie ein lange verschwundener und plötzlich wiedererstandener Bruder, Geliebter, Vater, Freund.
Er brachte mich zurück zur U-Bahn. Er schien es eilig zu haben. Beim Abschied legte er mir kurz seine Hand auf die Schulter, und es fühlte sich an wie ein Ritterschlag. Ich war heilfroh, wieder in den Untergrund zu tauchen, abtransportiert zu werden, allein unter mir vollkommen unbekannten Menschen. Seine sanfte vibrierende Bassstimme schwang in mir nach und ließ eine Wärme entstehen, in die ich mich einschmiegte, die mich erregte und gefangen nahm. Aber ich konnte mich beim besten Willen nicht genau daran erinnern, wovon er die ganze Zeit geredet hatte. Es waren Welten gewesen. Er hatte permanent den Blickwinkel und die Brennweite gewechselt. Seine Ungeduld und Sprunghaftigkeit hatte mich derart in Beschlag genommen und angestrengt, dass ich eine Art seelischen Muskelkater verspürte. Und doch schien mir jetzt im Nachhinein zwischen all den Sachen von denen er geredet hatte ein innerer Zusammenhang zu bestehen. Er hatte auf Dinge gezeigt, die mir niemals aufgefallen wären: ein Baumrindenmuster in der exakten Form eines menschlichen Auges, der gedemütigte gebückte Gang eines Säufers, die irgendwie verschlampte Blüte einer frühen Wildrose, die unerwartet stark und wunderbar duftete, eine tiefliegende Stelle, wie eine Schale, zwischen alten Eichenbäumen - seiner Ansicht nach ein idealer Ort für ein Modelshooting.

An der nächsten Haltestelle stieg ein Mädchen ein, eine Zigeunerin, das spürte ich sofort. Sie ging durch den ganzen Waggon, und ihre Art zu gehen war so wasserweich, biegsam, lässig und majestätisch. Dann kam sie zurück und setzte sich mir gegenüber. Das feine Gesicht wirkte trotz ihrer Jugend uralt und wild. Die mandelförmigen honigfarbenen Augen mit den dunkelbraunen halbgeschlossenen Augenlidern schienen nur nach innen zu schauen, in abgematteter urwelthafter Erschöpfung. Sie trug eine schwarze, ausgefranste Hose, darüber ein knielanges sandfarbenes Kleid und einen Kapuzenpullover. Ihr kleiner schöner Kopf steckte in dieser Kapuze wie der Kopf eines Ritters in seiner Rüstung. Mit ihren dünnen Hinduhänden mit den Mumienfingern und den hellen Fingernägeln knackte sie Sonnenblumenkerne mit affenartiger Geschicklichkeit
Sie schaute niemanden an. Sie war von inneren Bildern besessen, denen ihre Augen folgten, blicklos und starr. Sie war schön wie eine in der Sonne schlafende Schlange, eine elastische, perfekt gemaserte Schönheit, die einen Mann zerstören konnte – oder von ihm in einem langen grausamen Prozess zermürbt, abgestumpft und vernichtet werden würde. In fünf, vielleicht schon in zwei Jahren, würde diese Schönheit für immer verwelkt sein. Ich wünschte ihr so sehr, dass ein Krieger käme, ihren Kopf in der Kapuze mit beiden Händen umfasste und sich bis in den Grund ihrer Seele hinab küssen würde, um dort mit ihr eine neue Kriegerdynastie zu zeugen, die die längst verschwundene Schönheit des Menschen wieder herstellt wie einen längst vergessenen Traum. An ihren sehnigen, nackten, braungebrannten Füßen hatte sie zerfetzte Stoffschuhe. Dann stieg sie aus und verschwand hinter einem Kiosk wie ein Schakal hinter einem Präriebusch.

Ich überlegte, Jason zu treffen und mich an ihm zu betäuben. Ich dachte daran, in eine Bar zu gehen und einen starken Drink zu nehmen. Ich fuhr stattdessen nach Hause, schaltete den Computer ein und schaute auf einer schweizer Webpage den Turmfalken in ihrem Bau zu. Auf dem s/w-Bild war das eulenartig aussehende Falkenweibchen gerade dabei, seine fünf weißen daunigen Jungen zu bewachen, die erst vor fünf Tagen geschlüpft waren und sich vor ihrer Brust ineinander knäuelten. Ich träumte in dieser Nacht heftig und blutig. Im Traum lief ich mit einem Mann, der nicht Albion war, durch Istanbul. Wir gingen durch immer finsterere Gassen, und schließlich kamen wir auf einen kleinen Platz. Der Mann neben mir pfiff – und aus der Dunkelheit tauchten drei Männer auf, die sofort damit anfingen, mich zu betasten. Ich wehrte mich, aber der Mann, der mich hergelockt hatte, lachte nur und munterte die anderen auf. Und jetzt war es Albion. Aber er hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit ihm. Und er schien das zu wissen. Aber es war niemand anders als er. Und er wusste, dass ich das wusste. Und deswegen lachte er. Zwei der Männer packten mich und warfen mich zu Boden, und der dritte vergewaltigte mich. Meine Schreie – und das Lachen Albions - hallten von den Häuserwänden wie in einer leeren Arena.
Und ich hatte schon im Traum das absolut sichere Gefühl, dass ich diesen Traum schon einmal geträumt hatte - und zwar vor langer Zeit, lange bevor ich Albion zum ersten Mal gesehen hatte. Als sich der zweite Mann über mich hermachte, wachte ich auf. Und noch während des Aufwachens dachte ich an Lasko – und wünschte mir, dass er es gewesen wäre - und wie der Traum abdriftete und ich ihn vergas. Jetzt, da ich dies schreibe, steht der Traum wieder vor mir, als ob ich ihn eben erst geträumt hätte. Als ich aufstand sickerte das Blut aus mir heraus. Ich duschte und ließ das Blut aus mir herauslaufen. Es vermischte sich mit dem Wasser und verschwand kräuselnd im Abfluss. Ich dachte weiter an Lasko und seine faltigen großen Hände, über die sich die Haut reptilienartig spannte. Diese Hände sollten mich berühren, an den Innenseiten meiner Schenkel, an meinen Fesseln, an meinen Zehen, die ich, wie mir jetzt auffiel, erst gestern Morgen rot lackiert hatte. Ich wünschte mir, dass sich diese Hände an meinen Hals legten und mir langsam die Luft abdrückten.
Ich hockte mich nieder und ließ mir das heiße Wasser über den Nacken rauschen. Hellrotes Blut umspülte meine Füße. Ich steckte meinen Finger in meine Vagina und ein Schwall Blut pumpte heraus. Ich war wie ein angestochenes Fass. Ich war eine Frau aus der ununterbrochen etwas herauskam – und in die genauso ununterbrochen etwas hineinkam, um in metamorphotischer Form wieder nach außen zu kommen. Ich dachte an Lasko, sein Aztekengesicht, seine Saurierhände, die weiße Strähne in seinem wirren Haar über seiner zerfurchten Stirn, seine graugrünen Augen, seine Lippen ohne Kontur, wie ein gekentertes Schiff, kieloben, seine langen dünnen Beine, seinen unbestimmten Gang. Ich stellte das Wasser auf kalt.

Ich legte Isis, Celestial, ein und drehte die Musik laut. Ich schmeckte den schwarzen Kaffee intensiver als sonst, der Toast war knuspriger und die Orangenmarmelade aromatischer. Ich hatte Lust zu trinken, so früh am Tag. Ich war glücklich und gespannt auf das was kommen würde, wie seit Ewigkeiten nicht mehr. Ein Zettel mit seiner Telefonnummer lag auf meinem Schreibtisch.
Ich hatte noch dreihundert Euro auf dem Konto und sollte mir schleunigst einen Job suchen. Aber heute wollte ich feiern. Ich hatte jemanden getroffen, der nicht tot war. Ich ging in die Küche und war gerade dabei, eine Flasche Weisswein zu öffnen, als das Telefon klingelte: die Agentur bot mir ein Photo-shooting für ein russisches Modelabel an. Es sollte 1500.- geben, in vier Tagen, in einem Studio in Adlershorst. Ich akzeptierte. Dann ging ich, das Glas in der Hand rüber und stellte die Musik noch lauter. Es war ein schöner Tag, der Ahorn vor meinem Fenster schwebte im Wind, der Himmel war wolkenlos und ein Flugzeug steckte in ihm wie eine treibende Nadel. Ich las das Gedicht von Lorca. Ich schaltete den Computer ein und schickte es ihm. „Du bringst mir Glück”, schrieb ich, „wenn dereinst ich sterbe.“ Als ich die Mail abschickte, war da eine von ihm: „Treffen wir uns am Kraftwerk unten am Fluss, heute in acht Tagen, um 15.00?”, Sendezeit 03.47. „Ja”, schrieb ich zurück. „Gut”, kam von ihm. Und dann keine 10 Sekunden später: „Wenn dereinst ich sterbe.“
Ich zog mein T-shirt aus und stellte mich vor den Spiegel im Flur. Mein Körper war rastlos, lebendig und geheimnisvoll wie ein Bienenstock. Meine Brüste standen leicht nach außen, mein Nabel blickte mich fest und mit unendlicher Zuversicht an. Mein Hals war schlank und meine dunklen Augen lächelten. Das blaue Bändchen des Tampons war das einzig Fremde an mir. Ich hatte als Kind ein Weibchen aus Sperrholz. Zwischen seinen Beinen baumelte eine Schnur mit einer blauen Glasperle am Ende; wenn man an ihr zog spreizte das Weibchen Arme und Beine. Das war lustig. Meine Beine waren glatt und schön und ich probte, das Weinglas in der Hand, ein paar Posen für die Kamera. Mein Haar war noch nicht ganz trocken. Ich schüttelte den Kopf und ließ es mir ins Gesicht fallen. Mein verschleierter Blick durch die feuchten Strähnen traf mich wie ein fedriger Pfeil. Ich drehte mich um und schaute meinen Hintern an. Ich bückte mich und schaute durch meine gespreizten Beine in den Spiegel. Ich hatte mit Abstand einen der schönsten Hintern der Welt. Und das Hauptstück dazwischen war auch nicht schlecht. Dann steckte ich mir eine Zigarette an: alle Mannequins rauchen, sonst setzen sie Speck an. Oh, Albion, komm aus dem Spiegel und nimm mich in deine braunen Arme, küsse mein Schlüsselbein, meine Schulter, meine Hände, meine Brüste, meinen Bauch, meine Schenkel, meine Knie und Knöchel, saug mir ein letzte Mal das Mark aus den Knochen. Dann lass ich Dich gehen. Komm noch einmal zurück in die Hölle der Welt, setz mir noch einmal die Schale mit deinem sanften süßen Blut vor, lass mich ein letztes Mal aus deinem Herzen trinken, setz mir noch ein letztes Mal dein schlankes Messer an die Kehle, lass mich mein Gesicht noch ein letztes Mal in deine hohle, glatte, kühle Hand legen, lass mich mich noch einmal berauschen an deinem Duft, schlag mir noch einmal ins Gesicht, reiß mich noch einmal nieder, nimm mich noch ein einziges letztes Mal - dann lass ich Dich für immer gehn.
Das Telefon klingelte: die Agentin der Agentur sagte, dass ich schon morgen um 14.00 da sein sollte. Adlershorst. Ich sagte: Einverstanden. Sie sagte: Also dann - viel Glück!. Ich sagte: Danke. Der Tag fing wirklich ungewöhnlich gut an.

nandorella (Gast) meinte am 2011/08/14 00:58:
a) ist dieser Text viel zu lang, um am Bildschirm gelesen werden zu können, b) musste ich mindestens dreimal laut gähnen, und C) würde ich diese Art von Text als sentimentale Befindlichkeits-Literatur einstufen - siehe auch Charlotte Rouche 
albannikolaiherbst antwortete am 2011/08/14 08:21:
@Nandorella.
a) Dies ist eine alleinige Frage der Gewohnheit; tatsächlich ermüdet es, am Bildschirm zu lesen, weniger, als in einem Buch zu lesen - was daran liegt, daß unser Gehirn das Licht aus dem Screen aufgrund seiner Zusammensetzung wie ein dauerndes Tageslicht interpretiert, so daß
b) Ihre Ermüdungserscheinungen einen persönlichen Grund in Ihrer gestrigen Nachtverfassung gehabt haben dürften (dreimal krähte der Hahn, hoffen wir, es habe Sie ein viertes Gähnen vor der Allegorie gerettet);
c) fragte ich mich soeben, was denn eine unsentimentale Befindlichkeits-Literatur sei. Haben Sie darauf eine mit Beispielen versehene Antwort? Und würden Sie den Text so einordnen, und wenn ja: sofern was der Fall ist? - oder ordnen Sie ihn so ein?

d) Bezieht sich Ihr Kommentar auf alle drei Parts von Ahmatis Erzählung oder nur auf diesen letzten? 
cellofreund antwortete am 2011/08/14 09:38:
Charlotte
@Nandorella
Gehe ich richtig in der Annahme, daß Sie Charlotte Roche ("Feuchtgebiete", "Schoßgebete") meinen? Als sentimental würde ich diese Bücher nicht bezeichnen. 
albannikolaiherbst meinte am 2011/08/14 10:57:
Lieber Thomas Findeiss,
könnten Sie mir zu Frau Ahmeti einen direkten Kontakt verschaffen? Offenbar bin ich ihr schon begegnet,, habe keinen, sagen wie, besonders sympathischen Eindruck auf sie gemacht und würde das gerne ändern, indem ich vielleicht das eine, vielleicht das andere geraderücke. An die Dahlemer Begegnung, von der sie schreibt, erinnere ich mich, wenn auch dunkel.
Dank Ihnen.
ANH
Herbst & Deters Fiktionäre 
findeiss antwortete am 2011/08/14 11:54:
Lieber Alban
wie Sie aus dem bisher vorliegenden Text natürlich nicht schließen können lebt Frau Ahmeti nicht mehr.

Dank Ihnen,
TF 
syra_stein antwortete am 2011/08/14 13:03:
@findeiss:
Doch man kann. Darauf schließen. Es ist nicht nur das Gedicht, sondern auch der erste Satz vom dritten Part. Dieser ganze Text öffnet einen Raum, in dem nicht nur eine große Traurigkeit ist, sondern auch eine ganz tiefe Liebe. Ich meine damit aber nicht die Liebe zwischen Mann und Frau.... da ist noch eine andere Ebene, aus der heraus das, was ich bis jetzt las, erzählt wird.

... so kommt der Text bei mir an. 
Fox (Gast) antwortete am 2011/08/14 14:49:
Schoßgebete
Ich habe dieses Buch hier liegen und kann nur zustimmen, es ist nicht sentimental und erstaunlich gegenwärtig - sexuell aufgeladen, aber nicht dumm. Kann ich empfehlen. Frau Roche ist so ein Fall von Literatur, die trotz ihres Hypes Literatur ist.