Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e
Marlboro, Prosastücke, 1981 Die Verwirrung des Gemüts, Roman, 1983 Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger, Lamento/Roman, 1986 Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, 1993, 2001 Wolpertinger oder Das Blau, Roman, 1993, 2000 Eine Sizillische Reise, Fantastischer Bericht, 1995, 1997 Der Arndt-Komplex, Novellen, 1997 Thetis. Anderswelt, Fantastischer Roman, 1998, (Erster Band der Anderswelt-Trilogie) In New York, Manhattan Roman, 2000 Buenos Aires. Anderswelt, Kybernetischer Roman, 2001, (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie) Inzest oder Die Entstehung der Welt, Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, 2002 Meere, Letzte Fassung 2007. Bei Volltext. Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen, Poetische Features, 2004 Die Niedertracht der Musik, Dreizehn Erzählungen, 2005 Dem Nahsten Orient / Très Proche Orient, Liebesgedichte, 2007 Meere, Letzte Fassung 2007 Aeolia.Gesang / Stromboli. Mit den Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage, 2008 Kybernetischer Realismus, Heidelberger Vorlesungen. Manutius Heidelberg 2008Der Engel Ordnungen, Gedichte. axel dielmann - verlag 2009Selzers Singen, Phantastische Geschichten. Kulturmaschinen 2010 Azreds Buch, Geschichten und Fiktionen. Kulturmaschinen 2010 Das bleibende Thier, Bamberger Elegien. Elfenbein Verlag 2011 Die Fenster von Sainte Chapelle, Reiseerzählung. Kulturmaschinen 2011

 

Liliana Ahmetis Warum ich kein Model geworden bin. Part 11


Meine Vermutung bestätigt sich zwei Tage später. Als ich an einem Zeitungskiosk vorbei laufe und die Schlagzeilen lese. Ich kaufe die Zeitung und lese im Gehen: Mord in der U-Bahn, Augenzeugen gesucht! Die beiden Türkinnen würden nicht zur Polizei gehen, das war klar. Aber unsere Gesichter waren nicht mehr ganz unbekannt. Nichts ist passiert. Niemand hat uns je entdeckt. Lasko hatte einen Mann getötet und einen anderen schwer verletzt. Wenn ich daran dachte lief mir ein Schauer der Lust über die Haut. Ich war stolz auf ihn. Es war gut, einen Mann zu haben, der einen anderen Mann getötet hatte.



3




Ein Wunder dieser Welt nach dem anderen verschwand. Und für jedes verschwundene Wunder wuchsen Tausende nach. Es war Oktober und ich nahm mein Studium auf. In den ersten Tage und Wochen verbrachte ich lange Stunden in der philologischen Bibliothek „the brain“ der FU. Dort las ich was ich lesen musste. Ich habe in Berlin keinen eleganteren Ort gefunden. In Bibliotheken scheint die Illusion der Zeit vorübergehend zu einer Illusion höherer Ordnung zu werden. Aber mein Auge hatte sich schon so daran gewöhnt, die Dinge im Zeitraffer zu betrachten, dass auch diese Illusion mich nicht mehr mit der Wirklichkeit versöhnen konnte. Ich sah Hegels Furien des Verschwindens neben mir sitzen, Engel ohne Gesichter, mit großen schwarzen Flügeln in denen der Wind der Ewigkeit rauschte. Alles was ich je gesehen, erlebt, gedacht und erinnert hatte verlöschte in diesem Rauschen. Und das triumphale Gefühl vollkommener Freiheit war in mir und außer mir. Nichts war und wird jemals wirklich sein – außer der Freiheit und der Lust, die ein Körper in einem anderen auslösen konnte

Ich hatte schon nicht mehr wirklich damit gerechnet. Nach der show in Treptow hatte ich nichts mehr von der Agentur gehört. Nicht dass es an mir gelegen hätte. Es war mein erster Catwalk und ich machte meine Sache perfekt. Aber das Event war ein absoluter Reinfall. Alles war so absolut Berlin-typisch aufgezogen. Die Pontons schaukelten unter der Last der Gäste und des Equipments, die gezeigte Couture war grau, lausig und unglamourös, wie es dem masochistischen Geist deutscher Modedesigner entsprach. Celebrities waren so gut wie nicht auszumachen. Wir Models schwankten den Laufsteg entlang zu avantgardistischem Techno von DJHell, der Himmel zog sich wie auf Kommando zu und ein Gewitter zog auf und die show fiel komplett ins Wasser. Bürgermeister Wowereit hielt eine lustige Rede unterm roten Regenschirm. Aber die darauf folgende Party war, wie nicht anders zu erwarten, rauschend.
Die Agentur fragte, ob ich als Model an der Haute Couture Fashion Week in Paris laufen wollte. Das Honorar war akzeptabel und ich sagte natürlich nicht Nein. Es sollten nur zwei Tage sein. Ich machte es für Lasko.

Die show fand im Musée des Arts décoratifs statt. Am Dienstag Nachmittag lief ich mit anderen Supermodels einen zehnminütige Catwalk. Zu sehen waren 23 Kleidern von Christian Lacroix; aller Wahrscheinlichkeit nach würde keines davon jemals irgendwo zum Verkauf angeboten werden. Wenn kein Käufer auftauchte und das Label rettet, würde das Atelier schließen müssen. Es hatte nie Profit gemacht und war am Rand des Bankrotts. Jedenfalls wurde das in der Garderobe erzählt. Die Kleider waren alle in dunklen Tönen gehalten, elegant und großartig, allesamt aus Stoffen gemacht auf die man in der wirklichen Welt selten stoßen wird: Luftspitze, schweizer Musselin, Seidentaft. Ich kann diese Kleider nicht beschreiben. Sie waren von einer derart exaltierten Schönheit, dass man sie sich ausserhalb der Pracht dieses Gebäudes kaum vorstellen konnte. Auch ein Foto kann das nicht wiedergeben; es wäre als ob man den Duft und Geschmack eines guten Essens auf einem Foto sehen wollte. Wir Models waren die einzigen die diese Kleider jemals getragen haben würden.
Ausserdem erfuhr ich bei dieser Gelegenheit, dass haute couture – und die gibt es nur in Paris – wirklich in großen Schwierigkeiten ist. Klienten aus Russland und dem mittleren Osten sind von gestern. Bestellungen kommen jetzt aus China, der Türkei und sogar aus Kasachstan. Um diese Kunden zu verführen muss man sie mit den Kleidern vertraut machen. Aber der wahre Wert der couture besteht eben in ihrem Französischsein. Jede Metropole in der Welt hat eine fashion week, aber nur Paris hat eine Woche die ausschließlich der haute couture huldigt. Dior, Chanel, Gaultier, das sind die Häuser, die ihre neuen Kreationen nur hier zeigen.
Die zwei Tage vergingen wie im Flug. Ich bekam eine Menge Angebote, auch solche, die ich unbedingt hätte annehmen müssen. Aber wie in fast allen entscheidenden Momenten meines Lebens hielt mich etwas zurück. Diesesmal war es meine Sehnsucht nach Lasko.

Wieder in Berlin angekommen schrieb ich ihm die erste mail, in der ich ernsthaft unseren gemeinsamen Tod vorschlug. Wir hatten schon ein paar Mal darüber gesprochen, er hatte sich nie ernsthaft darauf eingelassen. Aber ich wusste, dass er darüber nachdachte – und eines Tages bereit dafür sein würde. Ich glaube, an nichts sonst erkennen sich zwei Menschen besser und unwiderruflicher als an diesem Mal das, für alle Anderen unsichtbar, zwischen der Augen derer leuchtet, die am Ende langer Irrungen den Tod von der Hand des Geliebten nicht fürchten. Er antwortete mit einer gewissen Verzögerung. Aber er antwortete. Und dann schrieb er, ohne dass ich ihn danach gefragt hätte, von seiner Frau. Es schmerzte mich. Aber ich riss mich zusammen. Ich wusste, dass er dabei war sich loszumachen und endlich die Freiheit hatte, über diese langjährige Versunkenheit in den Körper seiner Frau zu schreiben, der ihn so sehr fasziniert und gequält hatte. Die technische Unnachvollziehbarkeit einer fremden erotischen Obsession war aufgehoben. Ich verstand das Begehren, das sie in ihm ausgelöst hatte und die verzweifelte Lust, die er brauchte wie die Luft zum Atmen. Ich verstand den Fetischismus, die Autosuggestion die er brauchte, um sich einem Wesen immer wieder zu nähern, das ihm in dieser Hinsicht nicht gewachsen war – und ihn, vielleicht ohne es zu wollen, immer wieder verletzte. Ich verstand die religiösen Rituale vor den High-Heels, den Fotos und den von ihrem Duft imprägnierten Gegenständen. Aber es brachte mich fast zur Verzweiflung, dass dieses ungeheure Quantum Zeit, das er mit diesen Zeremonien aufgebraucht hatte, ihm und uns jetzt fehlte. Jetzt war er dabei, in mich zu versinken. Er war definitiv ein Mann, der nicht leben konnte ohne zu versinken. Seine beiden Töchter waren nie in seinen Korrespondenzen aufgetaucht. Vielleicht gab es sie gar nicht; und wenn, dann spielten sie für ihn scheinbar keine besondere Rolle: Sie waren, wie alle in Liebe gezeugten Kinder, eine kalte missglückte Wiederholungen des Unwiederholbaren.

Ich musste ihn sehen. Er hatte keine Zeit und vertröstete mich auf die kommende Nacht. Ich ging in die Philharmonie und hörte die 3. Sinfonie von Gustav Mahler. Und es blies mir das Hirn weg. Anne Sofie von Otter sang die Zeilen von Friedrich Nietzsche. Eine magische Szene. Eine Frau deren Stimme noch minutenlang nach ihrem Abgang über dem Orchester schwebte. Und als sie ihr am Ende den obligatorischen Blumenstrauß überreichten, fragte ich mich: wie wird sie diese Nacht überstehen? Diese Musik versetzte mich in eine derartige Spannung, dass ich in Tränen ausbrach. In dieser Sinfonie spiegelte sich mein Leben: ich war die verkrüppelte walzertanzende Zwergin, der transvestitische Soldat der zur Marschmusik ins Feuer ging, ich war die geschlachtete Göttin, deren spritzendes Blut die Sonne verdunkelte, ich war der Stier, der dem Matador die eine einzige elegante Wendung ermöglichte, die ihn in das Reich der Schönheit entkommen ließ, ich war das Feuer auf dem eine Hexe verbrannte, in mir war die ungeheure Seelenruhe der Selbstmordattentäterin Sekunden vor der Explosion. Ich wusste, dass ich nie mehr würde schlafen können. Ich wollte nie mehr schlafen. Ich wollte bei lebendigen Leib abgehäutet werden. Ich wollte nicht umsonst auf dieser Welt gewesen sein. Ich wollte einmal noch spüren, dass es mich gab. Ich zitterte wie im Fieber. Ich bedauerte Lasko, dem diese Musik entgangen war, der sich mit irgendeiner seiner Freundinnen herumtrieb, aus seiner silbernen Taschenflasche trank und ihr Dinge sagte, die nur für mich bestimmt waren, oder seine Frau vögelte und anschließend verloren in der Dunkelheit des Zimmers stand, den schmalen weissen beruhigten Körper betrachtend, der jetzt schlief, einen weiteren Teil von ihm in sich vernichtend.
Ich rief ihn an. Er saß an seinem Schreibtisch, trank, ich konnte die Musik hören, die er immer hörte, er ging auf und ab, wie er immer auf und ab ging wenn wir telefonierten. Und ich hörte ihn die Dinge sagen, die er immer sagte. Und seine Stimme ging mir, wie immer, unter die Haut. Und ich winselte und bettelte um seinen Schwanz. Und er wand sich wie eine Schlange und verweigerte sich. Ich sagte, ich würde auf ihn warten, am Fluss, und wenn er nicht käme, würde ich mich dem Erstbesten der vorbeikäme in die Arme werfen.
Tu das nicht, Baby.
Dann komm, ich warte auf dich in der Baggerschaufel.
Ok, In zwanzig Minuten.
Beeil dich, das Universum wartet nicht länger als eine Ewigkeit.
Er kam und wir lagen lange nebeneinander im Gras. Die Nacht war endlos und tief, als ob es niemals wieder einen Morgen geben würde. Keiner von uns versuchte auch nur, etwas zu sagen. Lange liebten wir uns und bewegten uns kaum und fielen ineinander wie zwei Spiegel.

Ich legte seine Hände an meinen Hals. Er drückte zu. Sein Griff wurde fester und fester, und ich spürte dass er es ernst meinte. Aber er ließ wieder los.
„Noch nicht – aber bald“, sagte er. „Erst werde ich dich töten und dann mich.“ Er nahm einen Schluck aus seiner Taschenflasche und reichte sie mir: Rum, schwer und süß. Ich legte meinen Kopf auf seine Brust und hörte sein Herz schlagen.

„Das Schlimme am Sterben ist, dass ich angefangen habe mir sicher zu sein, dass ich vollkommen ausradiert sein werde.“
Ich sagte: „Darauf kommt es doch an.“
„Das Zweitschlimmste ist, dass ich zu keinem Zeitpunkt wissen werde, was als nächstes passieren wird.“
„Nichts, nichts wird mehr passieren.“
„Und woher weisst du das?“
„Keiner hat sich jemals wieder gemeldet.“
„Du willst ausradiert werden, vollkommen und endgültig vernichtet?“
„Ja.“
„Keine Hoffnung, keine Zukunft, keine Reinkarnation - rein gar nichts...“
„Rein gar nichts.“
„Und dein Leben als Model, das gerade erst anfängt?“
„Das hätte nur einen Sinn wenn es eine Zukunft gäbe.“
„Und die gibt es nicht?“
„Nein. Ich habe es zu oft erlebt. Ich war schon zu oft in irgendeinem Leben – und immer im falschen, immer umsonst und immer ohne Zukunft. Ich will nicht mehr leben zu diesen Bedingungen. Alles verschwindet, alles zerrinnt mir zwischen den Fingern. Es ist demütigend. Ich bin zu stolz um es noch einmal zu durchlaufen.“
Lasko stand auf und ging auf der Kaimauer auf und ab. Er trank aus seiner Taschenflasche. Er stand da und schwankte.
„Fall bloß nicht ins Wasser.“
„Ich liebe deinen Stolz. Ich liebe deinen Duft, deine Verzweiflung und deine Haut, deine süße Haut.“
„Für die ich gerade gut bezahlt werde. Und das vielleicht noch ein paar Jahre, wenn ich Glück habe. Und dann nicht mehr.“
„Und ein Leben mit mir?“
„Nur im Tod.“
„Aber im Tod ist nichts.“
„Das ist es, was ich will.“
„Wann?“
„Jederzeit. Jetzt, wenn du willst...“
Er setzte sich neben mich. Ich hörte seine Kniegelenke knacken. Er war 52 jetzt – und wenn er weiter so lebte, dann würde es auch ihn irgendwann erwischen. Ich spürte seine Schwäche. Ich wusste wie er war, vor 10, vor 20 Jahren, als er noch ganz bei sich war und an sich glaubte. Aber er hatte noch immer diese ungeheure Kraft und Lässigkeit, die einem der Glaube an eine endlose Zukunft verschafft, das große Mysterium das es einem Ausnahmemenschen möglich erscheinen lässt, ewig zu leben. Er war, wie ich, zu größerer Lust und zu tieferer Qual gemacht. Er hatte diese Kraft noch immer. Aber das Mysterium – das fing an zu verblassen. Es war wie in diesem Gedicht von William Blake, The sick rose. Der unsichtbare Wurm hatte sich an seinem Herzen festgefressen. Er war verloren. Und er wusste es. Er dachte nach. Er dachte an seine Frau. Er vermisste so vieles, das sie nicht mehr hatte und niemals mehr haben würde. Er sah die Dinge vor seinen Augen verschwinden. Er sah sich selber verschwinden, bei lebendigen Leib. Genau wie ich. Wir sahen uns beide verschwinden, verblassen, verlöschen, wie ausbrennende Sterne. Wir wurden von einer unerbittlichen Kraft zermalmt. Die Illusion der Egos ließ uns noch atmen. Aber in Wirklichkeit waren wir längst tot. Wir wussten es beide in diesem Augenblick. Und wir akzeptierten es. Wir lachten darüber. Wir waren längst tot, aber es gab uns noch, wie in einer Rückblende die wir aus dem Jenseits sahen.
Ich lag da und wartete. In seiner Gegenwart fühlte ich mich vollkommen frei. Ich war ungeboren, aufgehoben, ganz und gar in seiner Hand.
„Sollen wir überlegen, wie wir es machen?“ fragte er.
„Noch nicht. Wir haben Zeit. Liebe mich noch einmal. Und dann...“
Er beugte sich über mich und seine Lippen schmeckten nach Rum und Tabak. Vom gegenüberliegenden Ufer streifte ein Autoscheinwerfer über uns. Ein warmer Hauch strich den Fluss entlang. Die Nacht flüsterte mit uns und wir flüsterten in die Nacht. Er legte sich auf mich und wir steckten ineinander als ob wir nie getrennt gewesen wären. Wir rollten zur Seite und ich saß auf ihm. Sein weißes Hemd lag ausgebreitet wie zwei Flügel. Seine Augen leuchteten und ich glaubte ihn lächeln zu sehen. Ich wusste, es war das letzte Mal und ich wollte dass es niemals aufhörte. Aber ich konnte es nicht aufhalten. Ich verströmte und es war wie eine Welle die ihn wegriss und seine Lippen saugten an meiner Zunge und er winselte tief in seinem Innern wie ein kleines Tier das sein Nest gefunden hatte.

Später gingen wir Arm in Arm über die Brücke, seine Hand an meinem Hintern, meine an seinem Schwanz. Er redete wirres Zeug, ich antwortete und das Lachen entwischte uns und kam immer wieder zurück. Ein Nachtbus trieb vorbei wie ein großer von innen erleuchteter Tiefseefisch.
Als wir am Richard-Wagner-Platz an der Ampel standen pfiff Lasko den Walkürenritt.
„Wir gehen zu mir“, sagte er.
„Und deine Frau?“
„Egal.“
Wir lagen in seinem Bett in seinem Zimmer. Seine Tochter kam nach Hause, das Licht im Flur ging an und wieder aus. Im Stockwerk darüber lag seine Frau in ihrem Bett und schlief.
„Sie kommen niemals freiwillig in dieses Zimmer...“, sagte er, stand auf und kam mit der Rumflasche zurück. „Und selbst wenn: du bist jetzt bei mir.“
Wir lagen im Dunkeln und tranken den Rum. Das Fenster stand offen und der Vorhang bauschte sich im Wind. Ein Gewitter zog auf. Blitze gleisten im Zimmer. Donnerschläge im Innern des Hauses. Wir tranken den Rum und lagen uns in den Armen. Und er erzählte mir von seinen Landstreicherjahren, von den Städten und Ländern in denen er sich herumgetrieben hatte als er so alt war wie ich jetzt, von den Frauen, die sich ihm hingegeben hatten, den Einsamkeiten in leerstehenden Häusern, unter Autobahnbrücken, in Motels und Wüstencamps. Ich sah ihn sitzen in Cafés und Bars, zitternd vor Angst in dunklen Gärten, in denen Hunde heulten, auf einem Friedhof im Mondlicht auf einem warmen Grabstein schlafend, tief in einem Wald auf einer Lichtung im Morgengrauen, als eine weiße Frau herankam, sich an ihn schmiegte, sich an ihm wärmte. Und er wusste, dass sie eine Tote war, die in einer fremden Sprache zu ihm redete. Meine Hand lag auf seiner Brust und ich spürte sein Herz wild schlagen. Er war mir zu weit voraus. Ich würde ihn nicht mehr erreichen. Nicht in diesem Leben. Und doch war ich bei ihm, wie ich nie bei einem Mann gewesen war.
Lichter, geometrische Formen glitten über die Zimmerdecke. Lasko hustete im Schlaf. Er war krank. Und seine Krankheit war mein Leben. Ich lag wach, die ganze Zeit. In der ersten Dämmerung wachte er auf und erzählte mir seinen Traum: wir standen an einem Wehr. Das Wasser rauschte und ein Ast tauchte auf und ab im Strudel. Ein Schwan flog über das Wehr und eine seiner Schwingen schlug mir hart gegen die Stirn. Ich fiel in den Fluss und tauchte, wie der Ast, auf und ab. Lasko stürzte mir nach. Tief unten am Grund des Strudels küssten wir uns, für immer gerettet. Der Himmel wurde grau, dann violett, rosafarben, weiß, dann strahlend blau.
Am späten Vormittag standen wir auf. Seine Frau war längst weg und seine Tochter in der Schule. Ich sah sein Zimmer, das Telefon, seinen riesigen schwarzen Schreibtisch mit den Abdrücken der Gläser und Flaschen. Die Sonne schien auf das Parkett. Wir tranken Tee und hörten Boards of Canada. Mein Handy klingelte: sie bestätigten das shooting auf den Capverden. Ich sagte es es ihm nicht. Es hätte ihm die Stimmung verdorben.
„Ich möchte dich heut nacht ausführen“, sagte er.
„Wohin?“
„An einem Halsband über den Kurfüstendamm.“
„Wie lange soll die Leine sein?“
„Zwei-drei Meter.“
„Okay. Darauf habe ich schon lange gewartete.“
„Du siehst – es kommt am Ende doch alles so wie du es wünscht.“

Später ging ich nach Hause und schlief noch ein paar Stunden. Dann machte ich mich fertig für den Ausgang. Ich zog mein kleines Schwarzes an, die Waffe für alle Gefechte, schminkte mich und stieg in meine roten Buffalo-Stilettos. Ich ging in ein chinesisches Restaurant und bestellte ein Chop-Suey. In einem Café las ich Zeitungen, konnte mich aber nicht konzentrieren. Ich war der Welt abhanden gekommen. Die Leute die um mich herumsaßen und auf der Straße vorbeigingen würden das tun was sie immer taten, wenn ich längst tot sein würde. Und das erfüllte mich mit einer gewissen Schadenfreude. Ich kann nicht erklären warum. Es war ein Gefühl von Überlegenheit, Überlegenheit aus einer Deckung heraus, die sie nie kennen würden. Aber es war mir nicht wichtig. Ich fühlte mich nicht wie eine Selbstmörderin. Ich würde in Laskos Händen sterben, in seinen Augen. Er würde sehen wie ich aufhören würde zu sein. Er würde mich tot sehen. Die Vorstellung dieses Moments äußerster durch nichts zu überbietenden Intimität erregte mich derart, dass ich unruhig auf meinem Stuhl herumrutschte. Zwei Männer fingen an sich für mich zu interessieren, und ich hätte an jedem anderen Tag ganz für mich eine Wette abgeschlossen, welcher von beiden als erster die Initiative ergreifen würde. Aber heute stand etwas anderes auf dem Spiel. Ich zahlte und ging.

Wir trafen uns am Olivaer-Platz. Lasko trug den braunen Anzug, ein schwarzes Hemd und eine schwarze Krawatte. Er war ganz Gangster of Love. Er sah noch nie so gut aus wie an diesem Abend. Die Schönheit eines Mannes kann etwas unglaublich Zerstörerisches haben. Der Stolz einer Frau kann an einem einzigen Blick, einer einzigen Handbewegung, dem Hauch eines Lächelns zerbrechen – und sie wird ihn niemals mehr zurück bekommen. Aber wirklich stolze Frauen brauchen ihren Stolz dann nicht mehr. Ich tat so als ob ich ihn nicht bemerkte. Er kam langsam auf mich zu. Ich spürte wie er näher kam ohne ihn zu sehen. Ich spürte wie sich sein Griff um mich schloss. Ich spürte sein Herz schlagen, ich spürte wie meines sich mit seinem synchronisierte und wie wir in einer Art Orgasmus, der so unkörperlich war dass ich einen Moment lang vor Freude hätte aufschreien können, versanken, und als wir uns küssten schlugen unsere Zähne aneinander. Wir waren soweit: wir waren erhaben, wir waren frei, wir waren zwei Androiden, die wussten, dass ihr Design ihnen Dinge gestattete von deren Existenz gewöhnliche Primaten nicht das geringste ahnten. In seinem Revers steckte die Peitsche.
„Komm her und lass dich anleinen.“
Ich beugte meinen Hals, er legte das Band an und zurrte es fest. Er ließ das Band einmal kurz auf meinen Rücken knallen. Wir gingen nebeneinander her. Ein Touristenpärchen fotographierte uns. Ich schmiegte mich an seine Seite. Er stieß mich von sich und hielt mich auf Distanz. So gingen wir langsam den Kurfüstendamm entlang, vorbei an den Schaufenstern von Escada, Versace, Armani und YSL. Lasko nahm von Zeit zu Zeit einen Schluck aus seiner Taschenflasche. Er hustete nicht mehr und steckte sich eine Zigarette an der anderen an.
„Die Arbeit der verletzten Auster besteht darin, eine Perle zu produzieren“, sagte er.
„Und die Perle ist die Welt.“
„Ich habe eine seltene, aussergewöhnliche Frau, die ich sehr geliebt habe, dreizehn Jahre lang besessen, ohne eine Minute geschwankt zu haben, ohne eine Sekunde des Wenigerliebens, nicht ohne Eifersucht, nicht immer freiwillig. Wir hatten zwei Mädchen, wir waren eine zeitlang eine Familie. Ich erschrecke jetzt noch manchmal in schlaflosen Nächten über dieses sepiafarbene Glück. Plötzlich war es vorbei. Aber es hatte diese Zeit gegeben, diese Fata Morgana...“
„Liebst du sie immer noch?“
„Etwas in mir vielleicht. Aber ich nicht mehr.“
„Gibt es noch etwas, das du schreiben willst?“
„Nein. Warum auch? Für wen – warum sollte man etwas schreiben, wenn nicht für seine Freunde? Dichter sind Exhibitionisten. Eitle Idioten. Vertraulichkeiten sollten unter Freunden bleiben. Das Veröffentlichen ist etwas Unvornehmes: Verrat – sonst nichts.“
„Ich habe deine beiden Romane gelesen, die Gedichte, fast alles was du geschrieben hast.“
„Ich weiss.“
„Es gefällt mir sehr.“
„Weil du mich kennst.“
„Vielleicht...“
„Und wenn du mich nicht kennen würdest?“
„Würde ich dich kennen lernen wollen.“
„Du hast mich kennengelernt.“
„Und ich liebe dich.“
„Und du willst immer noch, dass ich dich töte?“
„Ich will, ich wünsche mir, dass wir zusammen sterben. In einem einzigen Augenblick.“
Lasko nahm mich in seine Arme, wir taumelten, er küsste mich. Ich spürte wie er im Innersten zitterte.
„So soll es sein, Baby.“
Eine Clique angetrunkener Touristen kam uns entgegen. Sie teilten sich, wichen aus wie vor etwas Fremdem, Unberührbarem. An der Ampel stand eine Frau. Ihre Elegance hatte etwas Schockierendes. Sie war allein und fixierte uns. Als wir an ihr vorbeigingen schaute sie mir direkt in die Augen.
„Sie ist eine Paria – genau wie wir“, sagte Lasko.
Er lächelte ihr zu und sie lächelte zurück. Und wir waren für den Bruchteil einer Sekunde zu dritt.
„Weisst du was mir an dir so gefällt?“ fragte er: „Du bringst mich zum Träumen, du bist das Leben, das ich nicht mehr habe leben können.“
„Ich bin noch immer da.“
Er drückte mich gegen die Schaufensterscheiden des BMW-Showrooms und küsste mich.

Wir nahmen ein Taxi, fuhren zur UniversalBar. Neben uns an der Bar standen zwei junge Frauen, eine Schwarze und eine Thai: Makellose Schönheiten, geschnitten aus Goldpapier, Weltwunder, selten, wirklich selten zu sehen. Wir waren im Reich der Schönheit. Ich war noch immer angeleint. Wir waren Weltwunder.

Wir waren in gleißend hell ausgeleuchteten Zimmern, nackt, Chiffren der Transzendenz, Lasko, ein Glas in der Hand, über uns, er schrie, das Thai-girl lag gespreitzt auf dem Bett, die Schwarze lehnte nonchalant an der Tür zum Badezimmer und lachte. Lasko legte seine Hand auf meinen Nacken. Die Schwarze schmiss ihr Glas an die Wand. Die Thai schüttete eine Handvoll Staub auf den Glastisch. Lasko hatte keine der beiden angerührt.

Danach sahen wir uns nicht wieder. Ein Zeitloch tat sich auf zwischen uns, in dem Alles zu verschwinden schien. Lasko hatte diesen Exzess provoziert, um Alles auszulöschen und zu einem Ende zu bringen. Ich saß in der Bibliothek und versuchte mich auf die ersten Prüfungen vorzubereiten. Aber ich dachte nur an ihn. Die Leute die um mich waren kamen mir vor wie Marionetten, gesteuert von Geistern deren Brutalität und Banalität so erstickend war, dass ich hätte schreien können. Aber mir war klar, dass sie alle eine mehr oder weniger beneidenswerte Bahn eingeschlagen hatten, die zu einem mehr oder weniger akzeptablen Lebensresultat führen würde. Ich wanderte lange in den Parks und Anlagen herum und versuchte an nichts zu denken. Ein Kommilitone, ein langhaariger Jüngling mit wasserblauen Augen und sehnsuchtsvollem Blick suchte meine Nähe. Als ich eines Nachmittages unter einem alten Kirschbaum, gegenüber dem Institut der forensischen Medizin, lag und weinte, kam er zu mir, setzte sich neben mich, wartete bis ich mich gefasst hatte und gestand mir seine Liebe. Wir gingen wir Pizza essen, tranken Unmengen von Wein und fuhren mit der U-Bahn zurück in die Stadt. Wir gingen zu ihm. Er war vielleicht der einzige Mann, den ich in diesem Leben glücklich gemacht hatte. Dann ging ich. Und jetzt weinte er.

Der Termin auf den Capverdischen Inseln kam heran. Nach dem unverhofften Paris war das der letzte Schritt, den ich noch nehmen musste. Ich rief Lasko an. Sein Telefon war tot. Ich schickte ihm eine SMS: The sound of Silence. Ich fuhr nach Kreuzberg, Mitte, Friedrichshain. Ich saß nächtelang in Bars und Clubs, schlug ein Angebot nach dem anderen aus. Ich aß in den teuersten Restaurants. Und Nacht für Nacht schrieb ich das hier. Ich gab alles Geld aus, das ich hatte, wusste dass ich mich ruinierte. Lasko hatte sich wieder in sein Schattenreich zurückgezogen. Ich widerstand der quälenden Lust, ihn wieder zu sehen.

Am Morgen des 12. September, ich hatte meinen Koffer gepackt, hörte das Adagio aus der 9. Sinfonie von Beethoven und löffelte einen Krabbensalat, die einzige feste Nahrung seit Tagen und Abertagen, in mich hinein, als das Telefon klingelte: Lasko war down. Seine Frau hatte ihn ein zweites Mal mit dem Klavierlehrer betrogen. Er war zerstört – und gleichzeitig illuminiert.
„Ich muss dich sehen. Hast du Zeit?“ fragte er.
Ich hatte keine. Mein Koffer war gepackt. Ich hatte noch zwanzig Minuten. Dann würde es zu spät für den Flug sein.
„Was willst du von mir, Darling, nach all den Sachen?“ fragte ich ihn.
„Mein Vater ist gestorben und hat mir 80 Tausend vermacht. Ich lade dich zum Essen ein.“
„Was willst du von mir?“
„Das was du von mir willst....“
„Jetzt?“
Ich schaute auf die Uhr. Wenn ich nicht in fünfzehn Minuten das Taxi nahm, war alles vorbei.
„Was ist mit deiner Frau?“
„Das ist vorbei.“
Ich schaute auf die Uhr.
„Du bist das Kaputteste was mir jemals vorgekommen ist.“
„Und du bist das Perfekteste was mir jemals vorgekommen ist “, sagte er.
„Ja...“
„Ich bin in zehn Minuten bei dir.“

Ich legte auf, ging zum Fenster und schaute auf die Straße. Ein Taxi hielt. Eine alte Frau stieg aus. Der Taxifahrer half ihr in das Altersheim gegenüber. Ich hatte noch drei Minuten, vielleicht fünf. Mein Koffer stand vor mir wie ein Gewicht das Boden festgewachsen war und das ich nicht mehr bewegen konnte. Ich wartete und schaute auf die Uhr. Dann wusste ich, dass es zu spät war.