Liliana Ahmetis Warum ich kein Model geworden bin. Part 10
Die Nacht war so dunkel, dick und grün, dass ich fast verrückt wurde. Ich konnte nicht aufhören, diese mails zu lesen. Ich trank den Rest Gin, der von der Nacht übrig geblieben war. Warum hatte er mir das alles in die Hand gegeben? Warum vertraute er mir das alles an? Warum lieferte er sich mir so total aus? Das war so selbstmörderisch, ein idiotischer exhibitionistischer Akt. Er musste wissen, dass meine Liebe das nicht aushalten würde. Ich hatte nicht den Bruchteil von dem bekommen, was all diese Frauen von ihm bekommen und mitgenommen hatten in ihr Leben nach ihm, in ihr sweet hereafter. Ich hatte alle Namen, alle Daten. Ich wusste Alles über ihn und sie. Weshalb lieferte er sich und alle seine Geliebten mir so zynisch aus? Er war nicht mehr der, der das alles gedacht und geschrieben hatte. Er war zu solchen Sachen nicht mehr imstande. Ich bekam nur kurze Mitteilungen und Termine. Ich konnte ihn haben. Er hatte nicht mehr die Kraft, mir, oder irgendeiner anderen, zu widerstehen. Das Leben hatte ihn zur Strecke gebracht. Und ich beugte mich über ihn wie ein Vampyr.
Und dann stieß ich auf die Mails an seine Frau, der er von überall her geschrieben hatte, aus Afrika, Indien, China. Der Ton dieser Briefe war weniger euphorisch, bestimmt eher von Angst und der Beschwörung einer noch nicht ganz verloren gegangenen Gemeinsamkeit. Es war etwas fast Flehendes in diesen Briefen: Diese Frau schien er wirklich zu lieben. Zumindest musste es etwas zwischen ihnen geben, das stark war. Und das beruhigte mich: es gab eine Frau, die er nicht nur anbetete und mit hymnischer Gedankenlyrik bombardierte, sondern die ihm nahe kam und echtes Begehren in ihm auslöste. Ihre sporadischen Antworten waren trocken, manchmal gerührt, aber nie ebenbürtig. Sie versuchte zu rationalisieren was nicht zu rationalisieren war. Und dann las ich die mails, die er ihr geschrieben, nachdem sie ihn mit einem platonischen Freund betrogen hatte, den sie sich über 8 Jahre hin gehalten hatte: Dem Klavierlehrer seiner älteren Tochter. Die Staatsanwältin hatte sich ihrem Liebhaber tatsächlich erst hingegeben, als dessen Frau sich endlich mit ihrem Liebhaber auf ein gemeinsames Leben geeinigt hatte. Diese perfide Loyalität war es, die Lasko tief getroffen zu haben schien. Er rauschte zu einer ungeheuren Sprachgewalt auf. Viel stand für ihn auf dem Spiel, das war leicht zu sehen. Er, der Frauen so leicht bezirzte und auf das eine oder andere Angebot eingegangen war, fiel aus allen Wolken weil seine Frau ein einziges Mal mit einem anderen geschlafen hatte. Der Typ hatte sie im übrigen eiskalt fallen lassen als er merkte, dass Lasko zu absolut Allem fähig war. Lasko hatte ihm geschrieben, dass er ihn finden und abknallen würde wie einen Hund. Er hatte ihn angerufen und zur Rede gestellt. Lasko hatte offenbar erwartet, dass die Beiden jetzt endlich zusammen gehen würden, nach 8 Jahren blumigem Zögern und Zaudern. Das hatte er wirklich erwartet und fast gewünscht. Aber der Klavierlehrer hatte es mit der Angst zu tun bekommen, sich herausgewunden und das Feld geräumt. Er sagte, er wolle keine weitere beschädigte Beziehung, und so weiter und sofort – und er würde, wenn es denn unbedingt sein müsse, den Kontakt abbrechen. Damit hatte er Laskos Frau bloßgestellt und entehrt - und war seitdem nicht mehr auf der Bildfläche erschienen. Und das hatte Lasko gewaltig gekränkt. Ich konnte das verstehen, und das wiederum kränkte mich. Das Alles war derart gewöhnlich und petit-bourgeois. Und ich fragte mich, warum er es mir überhaupt erzählte. Ich hätte es lieber nicht gewusst. Aber da ich es nun einmal hatte erfahren müssen, wusste ich auch einmal mehr, dass niemand jemals das verschweigen kann, was ihn mehr als alles andere terrorisiert. Es gibt den Eros des Entzugs. Es gibt den Eros der totalen Gegenwart. Und es gibt den Eros der Mitteilung. Wenn das Bewusstsein, wie Lasko so nonchalant behauptete, den Körper parasitär beherrschte – was waren dann die Träume des Körpers, die das Bewusstsein so hypnotisch lenken konnten? Und was war das Ziel des Bewusstseins, wenn es sich jederzeit darüber im Klaren sein musste, dass es ein Sklave der Lüste war. Der Körper ist der uralte Feind des Geistes. Und der Geist versucht mit allen seinen geistvollen Tricks sich den Körper gefügig und zum Freund zu machen - was der Körper ausschlägt, denn der Geist ist ihm einfach in Wege. Aber er braucht ihn, um seine Lust zu stimulieren und zu vervielfältigen. Es ist das alte traurige Spiel, das nur der Tod gewinnt. Es gibt keine Mysterien. Es gibt nur die Angst vor dem Unbekannten. Das islamische Bilderverbot war das Beste an dieser Religion – und ihr Untergang. Ich hatte es satt zu denken. Im TV liefen Bilder vom Krieg in Afghanistan.
Lasko erschien mir jetzt in neuem Licht. Ich las weiter. Er hatte ihr Briefe geschrieben, keine mails, sondern handgeschriebene Briefe, die ich niemals zu Gesicht bekommen würde. Er hatte sie ihr neben ihr Bett gelegt, auf den Tisch, an dem sie frühstückte. In dieser Zeit der schwarzen schwärenden Eifersucht konnte er seine Existenz als Schriftsteller und betrogener Ehemann nicht mehr auseinander halten.
Aber das Verhältnis zwischen ihm und ihr schien durch diese Affaire allmählich in einen neuen Aggregatzustand getreten zu sein. Das war alles so banal; solche Sachen passieren, fast jedem. Abstauber und Feiglinge gab es überall, Einsame und Sehnsüchtige auch. Aber diese Sache betraf auch mich. Denn ich war die neue Geliebte eines manisch untreuen Mannes, der dabei war sich selbst zu zerstören. Und ich wollte mich von ihm zerstören lassen. Ich war die nächste die ihn lieben musste. Laskos Frau und ihr pseudoplatonischer Freund, sie waren wie Albion und seine schwammige türkische Freundin. Sie schreckten zurück vor den großen Gefühlen und flüchten sich in Seitenstraßen. Naherholungsziele. Sie wollten nicht gesehen werden, sie hatten keinen Mut, kein Format und keine Eleganz. Sie waren beschädigte Exemplare. Sie holten sich worauf sie nicht verzichten konnten. Und dann machten sie sich aus dem Staub und verdauten es in ihrer alles ertickenden Einsamkeit. Und es ging immer ein anderer drauf dabei. Manchmal sogar zwei. Sie machten immer dieselben Erfahrungen und zogen immer die dieselben hässlichen Schlüsse. Frauen gaben sich hin, in Parks, Toiletten und hinter Büschen, hatten Angst, dass jemand sie sah. Männer nahmen mit, was sich ihnen bot, zogen ihren Schwanz wieder ein und tauchten ab. Männer, die nicht liebten und Frauen, die Angst vor der Liebe hatten. Es war ekelhaft. Es war einfach zum Kotzen. Ich wollte, ich hätte den Tag aus meinem Leben löschen können, an dem ich auf dieses verdammte Gedicht auf dieser verdammten Seite stieß. "Wenn du eine Krähe lange genug verfolgst, dann findest du Aas.", heisst es in einem albanischen Sprichwort.
Ich rief Jason an und erzählte ihm alles. Ich winselte, heulte und jammerte. Er hörte mir zu und lächelte. Er konnte nicht verstehen, wie ich mich auf so etwas hatte einlassen können. Wir trafen uns in der Victoria-Bar, tranken Weisswein und rauchten einen Joint in der Toilette. Jason nahm mich in seine Arme und küsste mich. Aber ich spürte, dass ich ihm fremd geworden war. Er schien froh, einen Anlass zu haben, sich von mir abzusetzen.
Ein Typ mischte sich ein. Er sah gut aus, war witzig und hatte einen gewissen Schmelz. Jason flüsterte mir ins Ohr: geh mit ihm mit, ich liebe dich – aber er wird dich ficken heut nacht. Du brauchst das jetzt: Ficken ist Vergessen. Tu´s – geh mit ihm, er ist ein netter Junge, sein Schwanz wird dich trösten. Dazu sind Schwänze da.... So hatte ich ihn noch nie reden hören. Aber er duldete keinen Widerspruch. Ich wollte sagen, dass ich viel lieber mit ihm ins Bett gehen würde, aber er unterbrach mich, bezahlte die Rechnung und verschwand. Ich wollte zu ihm, ich brauchte ihn so sehr in dieser Nacht. Aber er ließ mich eiskalt hängen. Das war die Nacht in der wir auseinander fielen wie die beiden Hälften einer Walnuss. Der Typ wartete ab. Und als Jason weg war und nicht mehr wieder kam, ließ ich mich von ihm auf einen Drink einladen. Er hatte ein schmales Menjou-bärtchen, und machte auf Rhett Butler. Aber er roch gut und hatte schöne Hände. Ich weiss nicht mehr, worüber wir redeten. Wir wechselten ins Kumpelnest-3000. Es gab da ein paar Leute, die ihn kannten. Er brachte mich zum Lachen. Wir tanzten und waren ausser Rand und Band. Später gab es eine Polizeirazzia. Eine Gang von Taschendieben, Albaner, wie man sagte. Sie hatten sich eingeschlichen und eine Menge Gäste erleichtert. Keiner hatte etwas bemerkt. Jetzt standen sie draussen an der Wand und wurden von den Polizisten durchsucht. Mein neuer Freund vermisste seine Armbanduhr. Und ich war stolz auf meine Landsleute.
Als wir in seine Wohnung kamen, er mich auszog und seine Hände über meine Haut strichen, war mir alles egal. Ich wusste, dass ich diese Nacht bereuen würde. Aber auch das war mir egal. Ich ließ mich fallen. Vielleicht kommt daher das deutsche Wort von den gefallenen Frauen. Ich brauchte Trost von einem Fremden. Im ersten Licht des Morgens sah ich ihn dann neben mir liegen, schlafend, schön, und leer wie eine ausgetrunkene Auster. Ich ging ich in die Küche, setzte einen Topf Milch aufs Gas – und als sie anfing zu kochen ging ich weg.
Lasko rief mich in der folgenden Nacht an. Ich liebte diese nächtlichen Gespräche, wenn er getrunken hatte und in seinem Zimmer auf und abging. Er sagte dann oft Sachen, die ihm Auge in Auge und weniger betrunken nicht über die Lippen gekommen wären. Er konnte auch herzzerreissend komisch sein, besonders wenn er sich über irgendetwas aufregte und sich in kunstvolle endlose Hasstiraden hineinsteigert. Das waren manchmal regelrechte Screw-ball-comedies. Dann wieder erreichten wir Phasen von Intimität, für die es in der Wirklichkeit keine Entsprechung gab. Es war als ob man mit einem Kind sprach, das schon halb eingeschlafen war und halb aus einem Traum heraus redeten; ich musste dann vorsichtig sein, um ihn nicht von seinen Phantasmen, Utopien und bizarren Assoziationen abzulenken. Seine alkoholisierte Stimme erreichte sensationelle Tiefen, und manchmal war das besser als Sex. Und auch dieses Telefonat war wieder so. Irgendwann ging die Sonne auf und er wünschte mir eine gute Nacht. Und legte auf.
Das Shooting auf Usedom war großartig: der Fahrer der mich abholte war höchstens zwanzig und wirklich süss und genoss es, einen BMW auszufahren. Sein Name war Jerome. Warum hatten die Deutschen nur alle so seltsame Namen? Auf der Autobahn erzählte er mir von seiner verkorksten Freundin und seiner Mutter, die auch mal Model gewesen war.
„Was macht sie jetzt?“ fragte ich.
„Schreibt Ratgeberbücher“, sagte er, „ziemlich erfolgreich.“
Er studierte Ozeanologie, hörte am liebsten eine Band mit dem idiotischen Namen Porkupine Tree und Opeth und freute sich, dass ich nichts dagegen hatte, dass er seine Musik spielte und seine selbstgedrehten Zigaretten rauchte. Aber er legte auch eine CD von Isis ein, Oceanic. Und dann hatte ich, bei 200 kmh in der sanften hügeligen Landschaft von Mecklenburg-Vorpommern plötzlich den rasenden Wunsch, von Lasko erdrückt und zertreten zu werden wie ein fauler Apfel. Details aus dem Telefonat von vor zwei Tagen schossen mir jäh ins Bewusstsein: er bereitetet sich, vielleicht ohne es zu wissen, darauf vor, es zu tun. Er spürte, dass wir uns in der Schnittmenge unserer Wünsche getroffen hatten, und dass wir uns mit einer sanften eleganten Bewegung auf ihre Erfüllung zubewegten. Er zögerte, aber er zögerte nur weil er wusste, dass es unausweichlich war. Er war eine Prinzessin, die nicht erkannt werden wollte. Und er wollte, dass ich nicht wusste, dass es so war. Und ich wusste, dass er, wenn er seine zartbittere Frau vögelte, an mich dachte. Und ich wusste, dass er seinen Zicken keine Liebesbriefe mehr schrieb, dass er überhaupt aufgehört hatte, zu schreiben. Und Jerome, mein Fahrer, fing an mit mir zu flirten und schaltete die Klimaanlage ein und schaute mich durch seine Sonnebrille im Rückspiegel an, und seine lupenreine nach Lavendel duftende sexuelle Phantasie lullte mich ein wie ein Kinderlied. Ich trank Evian und schaute auf die vorbeiziehenden Kornfelder und Viehweiden einer Welt in der ich einmal gelebt hatte. Es war eine Fahrt, die schön war, wie das Leben schön gewesen war, vor meiner Zeit.
Sie hatten am Strand ein weisses Zelt aufgebaut, in dem ich mich umziehen konnte. Jack, der Fotograph, war Engländer, sehr smart und sehr schwul. Er war höflich, einfühlsam, jemand, der keinen Druck machte und mich mit hochgezogenen Augenbrauen anschaute; einfach phantastisch. Das ganze shooting war ein einziger Tanz. Jack´s erster Assistent, ein rothaariges Mädchen mit Eiern, schminkte mich und rieb mich mit Tiroler Nussöl ein, weil das meine Haut so seidig glänzen ließ. Die Sonne brannte. Jerome dirigierte das Strandpublikum um, damit niemand ins Bild kam. Das Meer war dunkelblau, wie das Meer meiner Kindheit. Ein Bundeswehrjet donnert dicht über der Wasseroberfläche vorbei, keine zweihundert Meter von uns entfernt. Jack hatte auf den Auslöser gedrückt. Er zeigte mir das Bild: der Zufall wirkte inszeniert, es war absolut großartig. Ich spürte einen leichten Brechreiz, rauchte eine Zigarette und Jerome brachte Kaffee und Gurkensandwiches vom Hotel. Ich rief Lasko an und sagte ihm, dass ich ihn liebte wie Engidu Gilgamesch, dass ich nicht ohne ihn leben konnte – und nicht mit ihm, the whole she-bang, und dass ich ihn in der Nacht sehen musste. Wir verabredeten uns in der Nacht am Fluss.
Am Abend nach dem shooting saßen wir alle zusammen in dem Hotel. Es gab Entenleberpastete in dunkler Schokolade. Danach ging ich runter zum Steg, wo Jerome auf den Planken saß und in den Sonnenuntergang schaute. Ich setzte mich neben ihn. Er nahm seine Ohrhörer raus und machte einen sehr überraschten Eindruck. Wir rauchten eine Zigarette zusammen.
„Der Sonnenuntergang ist so grausam wehmütig...“, sagte Jerome.
Der Sonnenuntergang war grausam wehmütig: ein kreischendes Zitronengelb über dem glatten quecksilbrigen Meer, dann ein goldenes Flimmer. Ein Hund kläffte irgendwo. Als ob eine unsichtbare Schranke brach war von einer Sekunde zur andern der scharfe ewige Geruch des Meeres in der windstillen Luft. Der Himmel war jetzt ein Plateau von blaugrünen im Westen gebündelten Wolkenbänken in einem Netz aus violetten Adern. Gott, oder wer auch immer, jagte seinen ganzen Vorrat an Sonnenuntergängen durchs Farbenspektrum. Ich hatte Lust, diesen schönen schüchternen Jungen mit einem Kuss zu ersticken, zu zerstückeln, zu zerschneiden. Bestimmte Dinge, unerträglich schöne Dinge, müssen zerstört werden, sonst zerstören sie uns.
Wenn eine Übernachtung im Hotel angestanden hätte, ich hätte ihn in mein Zimmer gelotst. Das war so vor-gesehen in dieser anderen Zeit, die nicht stattfand.
„Schade, dass wir schon wieder zurück müssen“, sagte Jerome. „Ich wäre gern eine Nacht hier geblieben.“
„Ich auch“, sagte ich.
Die Dunkelheit kam von Osten wie langsam heran treibender Nebel.
Auf der Rückfahrt las ich etwas in „Bright shiny Morning“ von James Frey – und sehnte mich nach Amerika, irgendwohin zwischen diese verrückten verlorenen Typen, deren Lebensenergie zischte wie ein Dauerorgasmus. Dann lullte mich der hypnotische Elektropop Jeromes ein. Ich sah dämmrige Wiesen, eine weiße indische Kuh, ein brennendes Autowrack auf einem Parkplatz – dann schlief ich ein – und träumte: ich saß in einem startenden Flugzeug. Es hob ab, strich durch die niedrig hängenden Wolken und stieg immer weiter. Neben mir saß Lasko. Er schaute aus dem Fenster. Aber seine Hand tastete unter meinem Kleid nach meiner Klitoris. Sie wurde fest und rund wie eine Glasmurmel. Lasko schaute immer nur aus dem Fenster, vor dem jetzt der sinkende Sonnenball dicht über dem Wolkenmeer rollte. Die Glasmurmel dehnte sich und wuchs zu einem prächtigen aufgerichteten Penis heran, der mein Kleid anhob. Ich schob es hoch, um mir dieses neu zugewachsene Organ anzuschauen. Es war absolut mystisch, wie ein gerade geborenes Tier. Auch Lasko war jetzt völlig hingerissen. Vorsichtig streichelte er es mit zwei Fingern. Es zuckte und spannte sich unter der Berührung. Dann wachte ich auf weil Jerome bremsen musste.
„Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe“, sagte er.
„Tut mir leid, dass ich eine Nymphomanin bin“, sagte ich. Wir standen im Stau.
Ich rief Lasko an. Er war bereits unterwegs. Ich hörte seine Schritte auf dem Kies des Uferwegs. Ich sagte, dass wir im Stau stünden. Er sagte, dass mache nichts, er würde sich ins Gras neben der Baggerschaufel legen und warten. Mein Herz pumpte mein Blut schneller durch meine Adern.
Jerome setzte mich vor dem Kraftwerk ab.
„Gern würd ich dich wiedersehn“, sagte er.
„Ich bin nicht für dich gemacht“, sagte ich. „Danke für Alles.“
Sehr langsam fuhr Jerome zur Kreuzung zurück und bog über die Brücke ab. Dreimal schaltete er das Aufblendlicht ein und wieder aus.
Ich sah die dunkle Uferpromenade. Ich ging die Treppen runter, den Kiesweg entlang. Es war eine warme windstille Nacht. Alles in mir beschleunigte sich, mein Atem, meine Blickfrequenz, meine Augen adaptierten sich rapide an die Dunkelheit, mein Herz raste. Es war als ob ich einen Pakt mit dem Universum geschlossen hätte, es war als ob mir das Leben direkt in die Adern schoss. Dann sah ich Lasko unter dem Baum an der ehemaligen Ladestelle neben der Baggerschaufel im Gras liegen. Und mein Herz wurde ruhig, wie das eines Vogels der sein Nest gefunden hatte.
Ich legte mich neben ihn in das warme knisternde Gras. Lange lagen wir so und schauten in den sternengespickten Himmel. Schreie gellten vom gegenüberliegenden Kai über den Fluss und brachen sich an den Mauern. Gelächter. Schritte hinter uns auf dem Kies.
„Drunten im Tal, umgeben von Blumen, ruht auf dem Rasen, der feucht ist von Tränen – der Hermaphrodit“, sagte er.
„So ist es, Baby - von wem ist der Scheiß?“
„Comte de Lautreamont“, sagt er, „ich hab es dir mitgebracht. Wird dir gefallen.“ Er zog das Buch aus der Tasche und gab es mir. Eine Traurigkeit überkam mich, so abrupt wie das Lustgefühl in meinen Augen als ich ihn vor ein paar Minuten da im Dunkeln liegen gesehen hatte. Ich würde niemals wissen, was in seinem Kopf vor sich ging, sobald er schwieg. Ich würde niemals wissen, was ihn an seiner Frau so maßlos anzog, dass er diese quälende zerrüttete Ehe nicht abbrach. Einmal hatte er sie mein kleines zartes Ungeheuer genannt. Durch seinen Kopf waren all diese Sätze und Bilder gegangen die ich so liebte, und derentwegen ich ihn so liebte. Er erinnerte sich vielleicht nicht ein mal mehr daran. Er würde nie mehr der sein, der sie geschrieben hatte. Aber sie hatten ihren Ursprung in seinem Kopf, irgendwo im Labyrinth seines Lebens, dem ich so nahe war und das mir doch so verschlossen bleiben würde. Ich konnte nicht mehr aufholen. Wir kannten uns nicht lange genug um uns unentbehrlich zu sein und die Zeit vor uns war zu kurz, um es zu werden. Wir waren dazu verdammt uns dieses schnelle scharfe Lust zu verschaffen, das nur ausserhalb der Gewohnheit und Verlässlichkeit möglich war. Ich wusste nicht wie lange wir das noch durchstehen würden, ohne eine Entscheidung zu treffen.
Aber eines wusste ich: das war meine letzte Liebe; es würde keine andere mehr geben in meinem Leben. Wir steuerten dem entgegen was sie Schicksal nannten.
Und doch - wenn der Modeljob weiter so lief, würde ich bald genug Geld haben. Wir hätten verreisen, durch Städte streifen uns in Hotelzimmern lieben und an Stränden liegen können. Wir hätten zusammenleben können. Wir hätten zusammen an einem Buch gearbeitet, in einer abgelegenen Hütte irgendwo an einem Meer. Ich hätte ihn vergessen machen können was ihn jetzt noch so quälte. Ich hätte ihn vielleicht froh machen können.
Als ob er spürte was ich dachte, sagte er plötzlich:
„Ein erfülltes Leben macht keinen Künstler.“
„Aber ein Leben das du ändern kannst – und es nicht tut, lässt dir irgendwann keine Chance mehr.“
Er schaute mich an und in seinen Augen leuchtete etwas auf, das entweder verzweifeltes Glück war oder glückliche Verzweiflung, oder beides zusammen. Er küsste mich. Ich wollte ihn auf der Stelle in mir haben.
„Da kommen Leute“, sagte er.
„Na und.“
„Warte noch einen Moment...“, sagt er und seine Hand war schon unter meinem Kleid. Wie in dem Flugzeugtraum, dachte ich, genau so. Und in diesen 10 Sekunden die wir noch warteten war nichts als konzentriertes lupenreines Glück.
Zwei Nächte später trafen wir uns am Anhalter Bahnhof und nahmen den Aufzug in den 20. Stock ins Solar, tranken Gin-Tonics und schauten über die glitzernde Stadt. Lasko war schweigsam. Der sandfarbene Anzug von Ermenegildo Zegna, den ich ihm geschenkt hatte, stand ihm ausgesprochen gut. Eindrucksvoll aber nicht zu eindrucksvoll, lässig aber nicht zu sehr, sehr gutaussehend aber unaufwendig. Um sich zu revangieren schrieb er endlich weiter an seinem Roman. Aber er redete nicht mehr darüber. Es war etwas jenseitiges um ihn. Es war als ob etwas in ihm sang. Und er schrieb es nicht mehr auf. Als ich von der Toilette zurückkam stand eine dunkelhaarige Schönheit neben ihm und hörte ihm zu. Als er mich sah hörte er auf zu reden. Sie checkte mich von unten bis oben ab und zog sich mit einem nonchalanten Lächeln langsam zurück wie ein Hyäne.
„Tu mir das nicht an, Baby – nicht heute Nacht.“
„Warum willst du, dass wir sterben?“
„Ich will nicht, dass wir sterben – wenn wir zusammen sein können.“
Als wir im Aufzug nach unten fuhren hatte ich das Gefühl, in ein Grab zu sinken. Wir gingen ineinander verschlungen über die Straße, durch den Torbogen des Bahnhofs, weiter in das Wasteland, das einmal der Bahnhof gewesen war, entlang der zugewucherten Geleise die im Nichts endeten. Das Licht in den Bäumen sprenkelte unsere Gesichter, das Rauschen der Stadt, Zikaden – oder waren es keine Zikaden – ein Lederschuh zwischen den Resten der Trasse, Lasko nahm einen Schluck aus seiner silbernen Taschenflasche und reichte sie mir. Bombay Sapphire. Er hielt mich fest, drückte mich gegen einen Baum, küsste mich, zog meinen Slip zur Seite. Wir bewegten uns nicht. Das Rauschen um uns war wie ein silbernes Netz. Der Geschmack von Nelken und Wacholder auf seinen Lippen. Ich saugte an ihnen wie an Brüsten, er wartete, nahm mein Gesicht seine Hände, richtete sich auf und sprühte langsam wie im Schlaf in mich.
Danach schlenderten wir den brüchigen mit Unkraut überwucherten und mit Müll übersähten Bahnsteigrest entlang. Die Geleise waren längst verschwunden. Aber ihren Verlauf konnte man noch immer sehen. Wir tranken den Gin.
„Hörst du die Stimmen?“ Lasko hob gespannt den Kopf. „Abertausende von Stimmen in dieser riesigen Eisenhalle, das Schnaufen der Lokomotiven, die Trillerpfeifen der Schaffner, die Zeitungsverkäufer, Kindergeschrei, Hundegebell, Taubengeflatter – und die Stimmen: Auf Wieder – wieder – Wiedersehn, pass gut auf dich auf, geh bloß den Kugeln aus dem Weg, schreib mir bitte, schreib sobald wie möglich, komm bald zurück, ich warte auf dich, vergiss mich nicht, vergiss mich nicht...“
„...ich schreib sobald ich kann, ich denk an dich, ich geh den Kugeln aus dem Weg, mir wird schon nichts passieren, der Krieg ist doch bald vorbei, dann komm ich zurück und wir heiraten, der Krieg wird doch schon bald vorbei sein, ich liebe dich, ich liebe dich.“
„Und dann“, sagte er, „am 3. Februar 45, tausend Flugzeuge der Allierten im blauen Himmel über der Stadt und alles versank in einem ein Meer aus Feuer und Rauch...“
Wir nahmen die U-Bahn. Sonntagmorgen, halb fünf Uhr, ein strahlend schöner Morgen. Als die U-Bahn in den Untergrund fuhr war der Tag ausgelöscht, imprägniert vom gleichförmigen Licht der Nacht. Ich legte meinen Kopf auf Laskos Schulter und fühlte mich zum ersten Mal irgendwie heimisch in dieser Stadt. Außer uns beiden saßen nur noch zwei türkische Frauen in dem Abteil, Putzfrauen auf dem Weg zur Arbeit. Ich hatte die beiden Männer nicht gleich bemerkt. Sie waren am hinteren Ende des Waggons eingestiegen und dann langsam nach vorne gekommen. Dann standen sie plötzlich vor uns. Einer von ihnen schlug mir mit der Hand ins Gesicht, der andere trat Lasko gegen das Schienbein.
„Geld raus!! Handys! Alles raus!“ schrie der eine.
„Aber plötzlich, sonst machen wir euch fertig!“ brüllte der andere.
Das alles war so schnell gegangen, dass ich, wie ich da auf dem Sitz lag und aus der Nase blutete, nicht begriff was sich abspielte. Ich sah wie Lasko sich zu mir beugte, aber einer der beiden riss ihn zurück.
„Geld raus, hab ich gesagt – sonst Fresse!!“ brüllte der Typ.
Lasko nickte beschwichtigend und tastete in seinem Jackett. Dann stand er auf, um in seine Hosentasche zu fassen. Der Typ gab ihm einen Schlag gegen die Schulter:
„Sitzenbleiben, Arschloch!!“
„Okay, okay – ihr kriegt was ihr wollt.“ Lasko reichte ihm seine Schachtel Zigaretten. Der Typ zögerte eine Sekunde - und flog nach hinten auf die gegenüberliegende Bank. Lasko stand, beide Hände an der Haltestange, und trat dem zweiten Mann mit voller Wucht in den Bauch. Er sackte zusammen und rollte sich am Boden. Der andere hatte sich wieder aufgerappelt, zückte ein schwarzmetallenes Messer. Lasko wich aus und schwang sich mit beiden Füßen gegen ihn. Man konnte das Krachen der Rippen hören. Der Typ knallte gegen die Glasscheibe. Blut quoll ihm aus dem Mund. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er Lasko an. Das Messer glitt ihm aus der Hand und blieb auf der Sitzbank liegen. Sein eigenes Blut tropfte darauf. Dann verdrehten sich seine Augen, er kippte zur Seite und blieb regungslos liegen. Der Zug fuhr in den Bahnhof ein. Die beiden türkischen Frauen machten dass sie wegkamen. Lasko zog seine Manschetten zurecht und schaute mich an. Wir stiegen aus und gingen nicht zu hastig auf den Ausgang zu.
„Ich glaube, du hast ihn umgebracht“, ich schaute mich um. Niemand folgte uns. Der Überwachungskamera waren wir nicht entgangen.
„Und wenn schon...“
Wir gingen zu Fuß weiter. Niemand folgte uns. Der Tag rollte weiter wie jeder andere Tag. Laskos Verhalten hatte mich völlig überrascht. Ich hätte ihm derartiges niemals zugetraut. Noch mehr irritierte mich seine Gleichgültigkeit. Aber in der Erinnerung erregte sie mich außerordentlich. Wie durch eine Milchglasscheibe erlebte ich immer wieder die Szene in der U-Bahn und in jeder Sekunde kam ein winziges Detail mehr dazu, das Lasko schöner werden ließ. Wir gingen zu mir, tanzten, tranken, liebten uns und schliefen vollkommen vernichtet nebeneinander ein. Der Tod war jetzt bei uns. Wir waren jetzt zu dritt.
Und dann stieß ich auf die Mails an seine Frau, der er von überall her geschrieben hatte, aus Afrika, Indien, China. Der Ton dieser Briefe war weniger euphorisch, bestimmt eher von Angst und der Beschwörung einer noch nicht ganz verloren gegangenen Gemeinsamkeit. Es war etwas fast Flehendes in diesen Briefen: Diese Frau schien er wirklich zu lieben. Zumindest musste es etwas zwischen ihnen geben, das stark war. Und das beruhigte mich: es gab eine Frau, die er nicht nur anbetete und mit hymnischer Gedankenlyrik bombardierte, sondern die ihm nahe kam und echtes Begehren in ihm auslöste. Ihre sporadischen Antworten waren trocken, manchmal gerührt, aber nie ebenbürtig. Sie versuchte zu rationalisieren was nicht zu rationalisieren war. Und dann las ich die mails, die er ihr geschrieben, nachdem sie ihn mit einem platonischen Freund betrogen hatte, den sie sich über 8 Jahre hin gehalten hatte: Dem Klavierlehrer seiner älteren Tochter. Die Staatsanwältin hatte sich ihrem Liebhaber tatsächlich erst hingegeben, als dessen Frau sich endlich mit ihrem Liebhaber auf ein gemeinsames Leben geeinigt hatte. Diese perfide Loyalität war es, die Lasko tief getroffen zu haben schien. Er rauschte zu einer ungeheuren Sprachgewalt auf. Viel stand für ihn auf dem Spiel, das war leicht zu sehen. Er, der Frauen so leicht bezirzte und auf das eine oder andere Angebot eingegangen war, fiel aus allen Wolken weil seine Frau ein einziges Mal mit einem anderen geschlafen hatte. Der Typ hatte sie im übrigen eiskalt fallen lassen als er merkte, dass Lasko zu absolut Allem fähig war. Lasko hatte ihm geschrieben, dass er ihn finden und abknallen würde wie einen Hund. Er hatte ihn angerufen und zur Rede gestellt. Lasko hatte offenbar erwartet, dass die Beiden jetzt endlich zusammen gehen würden, nach 8 Jahren blumigem Zögern und Zaudern. Das hatte er wirklich erwartet und fast gewünscht. Aber der Klavierlehrer hatte es mit der Angst zu tun bekommen, sich herausgewunden und das Feld geräumt. Er sagte, er wolle keine weitere beschädigte Beziehung, und so weiter und sofort – und er würde, wenn es denn unbedingt sein müsse, den Kontakt abbrechen. Damit hatte er Laskos Frau bloßgestellt und entehrt - und war seitdem nicht mehr auf der Bildfläche erschienen. Und das hatte Lasko gewaltig gekränkt. Ich konnte das verstehen, und das wiederum kränkte mich. Das Alles war derart gewöhnlich und petit-bourgeois. Und ich fragte mich, warum er es mir überhaupt erzählte. Ich hätte es lieber nicht gewusst. Aber da ich es nun einmal hatte erfahren müssen, wusste ich auch einmal mehr, dass niemand jemals das verschweigen kann, was ihn mehr als alles andere terrorisiert. Es gibt den Eros des Entzugs. Es gibt den Eros der totalen Gegenwart. Und es gibt den Eros der Mitteilung. Wenn das Bewusstsein, wie Lasko so nonchalant behauptete, den Körper parasitär beherrschte – was waren dann die Träume des Körpers, die das Bewusstsein so hypnotisch lenken konnten? Und was war das Ziel des Bewusstseins, wenn es sich jederzeit darüber im Klaren sein musste, dass es ein Sklave der Lüste war. Der Körper ist der uralte Feind des Geistes. Und der Geist versucht mit allen seinen geistvollen Tricks sich den Körper gefügig und zum Freund zu machen - was der Körper ausschlägt, denn der Geist ist ihm einfach in Wege. Aber er braucht ihn, um seine Lust zu stimulieren und zu vervielfältigen. Es ist das alte traurige Spiel, das nur der Tod gewinnt. Es gibt keine Mysterien. Es gibt nur die Angst vor dem Unbekannten. Das islamische Bilderverbot war das Beste an dieser Religion – und ihr Untergang. Ich hatte es satt zu denken. Im TV liefen Bilder vom Krieg in Afghanistan.
Lasko erschien mir jetzt in neuem Licht. Ich las weiter. Er hatte ihr Briefe geschrieben, keine mails, sondern handgeschriebene Briefe, die ich niemals zu Gesicht bekommen würde. Er hatte sie ihr neben ihr Bett gelegt, auf den Tisch, an dem sie frühstückte. In dieser Zeit der schwarzen schwärenden Eifersucht konnte er seine Existenz als Schriftsteller und betrogener Ehemann nicht mehr auseinander halten.
Aber das Verhältnis zwischen ihm und ihr schien durch diese Affaire allmählich in einen neuen Aggregatzustand getreten zu sein. Das war alles so banal; solche Sachen passieren, fast jedem. Abstauber und Feiglinge gab es überall, Einsame und Sehnsüchtige auch. Aber diese Sache betraf auch mich. Denn ich war die neue Geliebte eines manisch untreuen Mannes, der dabei war sich selbst zu zerstören. Und ich wollte mich von ihm zerstören lassen. Ich war die nächste die ihn lieben musste. Laskos Frau und ihr pseudoplatonischer Freund, sie waren wie Albion und seine schwammige türkische Freundin. Sie schreckten zurück vor den großen Gefühlen und flüchten sich in Seitenstraßen. Naherholungsziele. Sie wollten nicht gesehen werden, sie hatten keinen Mut, kein Format und keine Eleganz. Sie waren beschädigte Exemplare. Sie holten sich worauf sie nicht verzichten konnten. Und dann machten sie sich aus dem Staub und verdauten es in ihrer alles ertickenden Einsamkeit. Und es ging immer ein anderer drauf dabei. Manchmal sogar zwei. Sie machten immer dieselben Erfahrungen und zogen immer die dieselben hässlichen Schlüsse. Frauen gaben sich hin, in Parks, Toiletten und hinter Büschen, hatten Angst, dass jemand sie sah. Männer nahmen mit, was sich ihnen bot, zogen ihren Schwanz wieder ein und tauchten ab. Männer, die nicht liebten und Frauen, die Angst vor der Liebe hatten. Es war ekelhaft. Es war einfach zum Kotzen. Ich wollte, ich hätte den Tag aus meinem Leben löschen können, an dem ich auf dieses verdammte Gedicht auf dieser verdammten Seite stieß. "Wenn du eine Krähe lange genug verfolgst, dann findest du Aas.", heisst es in einem albanischen Sprichwort.
Ich rief Jason an und erzählte ihm alles. Ich winselte, heulte und jammerte. Er hörte mir zu und lächelte. Er konnte nicht verstehen, wie ich mich auf so etwas hatte einlassen können. Wir trafen uns in der Victoria-Bar, tranken Weisswein und rauchten einen Joint in der Toilette. Jason nahm mich in seine Arme und küsste mich. Aber ich spürte, dass ich ihm fremd geworden war. Er schien froh, einen Anlass zu haben, sich von mir abzusetzen.
Ein Typ mischte sich ein. Er sah gut aus, war witzig und hatte einen gewissen Schmelz. Jason flüsterte mir ins Ohr: geh mit ihm mit, ich liebe dich – aber er wird dich ficken heut nacht. Du brauchst das jetzt: Ficken ist Vergessen. Tu´s – geh mit ihm, er ist ein netter Junge, sein Schwanz wird dich trösten. Dazu sind Schwänze da.... So hatte ich ihn noch nie reden hören. Aber er duldete keinen Widerspruch. Ich wollte sagen, dass ich viel lieber mit ihm ins Bett gehen würde, aber er unterbrach mich, bezahlte die Rechnung und verschwand. Ich wollte zu ihm, ich brauchte ihn so sehr in dieser Nacht. Aber er ließ mich eiskalt hängen. Das war die Nacht in der wir auseinander fielen wie die beiden Hälften einer Walnuss. Der Typ wartete ab. Und als Jason weg war und nicht mehr wieder kam, ließ ich mich von ihm auf einen Drink einladen. Er hatte ein schmales Menjou-bärtchen, und machte auf Rhett Butler. Aber er roch gut und hatte schöne Hände. Ich weiss nicht mehr, worüber wir redeten. Wir wechselten ins Kumpelnest-3000. Es gab da ein paar Leute, die ihn kannten. Er brachte mich zum Lachen. Wir tanzten und waren ausser Rand und Band. Später gab es eine Polizeirazzia. Eine Gang von Taschendieben, Albaner, wie man sagte. Sie hatten sich eingeschlichen und eine Menge Gäste erleichtert. Keiner hatte etwas bemerkt. Jetzt standen sie draussen an der Wand und wurden von den Polizisten durchsucht. Mein neuer Freund vermisste seine Armbanduhr. Und ich war stolz auf meine Landsleute.
Als wir in seine Wohnung kamen, er mich auszog und seine Hände über meine Haut strichen, war mir alles egal. Ich wusste, dass ich diese Nacht bereuen würde. Aber auch das war mir egal. Ich ließ mich fallen. Vielleicht kommt daher das deutsche Wort von den gefallenen Frauen. Ich brauchte Trost von einem Fremden. Im ersten Licht des Morgens sah ich ihn dann neben mir liegen, schlafend, schön, und leer wie eine ausgetrunkene Auster. Ich ging ich in die Küche, setzte einen Topf Milch aufs Gas – und als sie anfing zu kochen ging ich weg.
Lasko rief mich in der folgenden Nacht an. Ich liebte diese nächtlichen Gespräche, wenn er getrunken hatte und in seinem Zimmer auf und abging. Er sagte dann oft Sachen, die ihm Auge in Auge und weniger betrunken nicht über die Lippen gekommen wären. Er konnte auch herzzerreissend komisch sein, besonders wenn er sich über irgendetwas aufregte und sich in kunstvolle endlose Hasstiraden hineinsteigert. Das waren manchmal regelrechte Screw-ball-comedies. Dann wieder erreichten wir Phasen von Intimität, für die es in der Wirklichkeit keine Entsprechung gab. Es war als ob man mit einem Kind sprach, das schon halb eingeschlafen war und halb aus einem Traum heraus redeten; ich musste dann vorsichtig sein, um ihn nicht von seinen Phantasmen, Utopien und bizarren Assoziationen abzulenken. Seine alkoholisierte Stimme erreichte sensationelle Tiefen, und manchmal war das besser als Sex. Und auch dieses Telefonat war wieder so. Irgendwann ging die Sonne auf und er wünschte mir eine gute Nacht. Und legte auf.
Das Shooting auf Usedom war großartig: der Fahrer der mich abholte war höchstens zwanzig und wirklich süss und genoss es, einen BMW auszufahren. Sein Name war Jerome. Warum hatten die Deutschen nur alle so seltsame Namen? Auf der Autobahn erzählte er mir von seiner verkorksten Freundin und seiner Mutter, die auch mal Model gewesen war.
„Was macht sie jetzt?“ fragte ich.
„Schreibt Ratgeberbücher“, sagte er, „ziemlich erfolgreich.“
Er studierte Ozeanologie, hörte am liebsten eine Band mit dem idiotischen Namen Porkupine Tree und Opeth und freute sich, dass ich nichts dagegen hatte, dass er seine Musik spielte und seine selbstgedrehten Zigaretten rauchte. Aber er legte auch eine CD von Isis ein, Oceanic. Und dann hatte ich, bei 200 kmh in der sanften hügeligen Landschaft von Mecklenburg-Vorpommern plötzlich den rasenden Wunsch, von Lasko erdrückt und zertreten zu werden wie ein fauler Apfel. Details aus dem Telefonat von vor zwei Tagen schossen mir jäh ins Bewusstsein: er bereitetet sich, vielleicht ohne es zu wissen, darauf vor, es zu tun. Er spürte, dass wir uns in der Schnittmenge unserer Wünsche getroffen hatten, und dass wir uns mit einer sanften eleganten Bewegung auf ihre Erfüllung zubewegten. Er zögerte, aber er zögerte nur weil er wusste, dass es unausweichlich war. Er war eine Prinzessin, die nicht erkannt werden wollte. Und er wollte, dass ich nicht wusste, dass es so war. Und ich wusste, dass er, wenn er seine zartbittere Frau vögelte, an mich dachte. Und ich wusste, dass er seinen Zicken keine Liebesbriefe mehr schrieb, dass er überhaupt aufgehört hatte, zu schreiben. Und Jerome, mein Fahrer, fing an mit mir zu flirten und schaltete die Klimaanlage ein und schaute mich durch seine Sonnebrille im Rückspiegel an, und seine lupenreine nach Lavendel duftende sexuelle Phantasie lullte mich ein wie ein Kinderlied. Ich trank Evian und schaute auf die vorbeiziehenden Kornfelder und Viehweiden einer Welt in der ich einmal gelebt hatte. Es war eine Fahrt, die schön war, wie das Leben schön gewesen war, vor meiner Zeit.
Sie hatten am Strand ein weisses Zelt aufgebaut, in dem ich mich umziehen konnte. Jack, der Fotograph, war Engländer, sehr smart und sehr schwul. Er war höflich, einfühlsam, jemand, der keinen Druck machte und mich mit hochgezogenen Augenbrauen anschaute; einfach phantastisch. Das ganze shooting war ein einziger Tanz. Jack´s erster Assistent, ein rothaariges Mädchen mit Eiern, schminkte mich und rieb mich mit Tiroler Nussöl ein, weil das meine Haut so seidig glänzen ließ. Die Sonne brannte. Jerome dirigierte das Strandpublikum um, damit niemand ins Bild kam. Das Meer war dunkelblau, wie das Meer meiner Kindheit. Ein Bundeswehrjet donnert dicht über der Wasseroberfläche vorbei, keine zweihundert Meter von uns entfernt. Jack hatte auf den Auslöser gedrückt. Er zeigte mir das Bild: der Zufall wirkte inszeniert, es war absolut großartig. Ich spürte einen leichten Brechreiz, rauchte eine Zigarette und Jerome brachte Kaffee und Gurkensandwiches vom Hotel. Ich rief Lasko an und sagte ihm, dass ich ihn liebte wie Engidu Gilgamesch, dass ich nicht ohne ihn leben konnte – und nicht mit ihm, the whole she-bang, und dass ich ihn in der Nacht sehen musste. Wir verabredeten uns in der Nacht am Fluss.
Am Abend nach dem shooting saßen wir alle zusammen in dem Hotel. Es gab Entenleberpastete in dunkler Schokolade. Danach ging ich runter zum Steg, wo Jerome auf den Planken saß und in den Sonnenuntergang schaute. Ich setzte mich neben ihn. Er nahm seine Ohrhörer raus und machte einen sehr überraschten Eindruck. Wir rauchten eine Zigarette zusammen.
„Der Sonnenuntergang ist so grausam wehmütig...“, sagte Jerome.
Der Sonnenuntergang war grausam wehmütig: ein kreischendes Zitronengelb über dem glatten quecksilbrigen Meer, dann ein goldenes Flimmer. Ein Hund kläffte irgendwo. Als ob eine unsichtbare Schranke brach war von einer Sekunde zur andern der scharfe ewige Geruch des Meeres in der windstillen Luft. Der Himmel war jetzt ein Plateau von blaugrünen im Westen gebündelten Wolkenbänken in einem Netz aus violetten Adern. Gott, oder wer auch immer, jagte seinen ganzen Vorrat an Sonnenuntergängen durchs Farbenspektrum. Ich hatte Lust, diesen schönen schüchternen Jungen mit einem Kuss zu ersticken, zu zerstückeln, zu zerschneiden. Bestimmte Dinge, unerträglich schöne Dinge, müssen zerstört werden, sonst zerstören sie uns.
Wenn eine Übernachtung im Hotel angestanden hätte, ich hätte ihn in mein Zimmer gelotst. Das war so vor-gesehen in dieser anderen Zeit, die nicht stattfand.
„Schade, dass wir schon wieder zurück müssen“, sagte Jerome. „Ich wäre gern eine Nacht hier geblieben.“
„Ich auch“, sagte ich.
Die Dunkelheit kam von Osten wie langsam heran treibender Nebel.
Auf der Rückfahrt las ich etwas in „Bright shiny Morning“ von James Frey – und sehnte mich nach Amerika, irgendwohin zwischen diese verrückten verlorenen Typen, deren Lebensenergie zischte wie ein Dauerorgasmus. Dann lullte mich der hypnotische Elektropop Jeromes ein. Ich sah dämmrige Wiesen, eine weiße indische Kuh, ein brennendes Autowrack auf einem Parkplatz – dann schlief ich ein – und träumte: ich saß in einem startenden Flugzeug. Es hob ab, strich durch die niedrig hängenden Wolken und stieg immer weiter. Neben mir saß Lasko. Er schaute aus dem Fenster. Aber seine Hand tastete unter meinem Kleid nach meiner Klitoris. Sie wurde fest und rund wie eine Glasmurmel. Lasko schaute immer nur aus dem Fenster, vor dem jetzt der sinkende Sonnenball dicht über dem Wolkenmeer rollte. Die Glasmurmel dehnte sich und wuchs zu einem prächtigen aufgerichteten Penis heran, der mein Kleid anhob. Ich schob es hoch, um mir dieses neu zugewachsene Organ anzuschauen. Es war absolut mystisch, wie ein gerade geborenes Tier. Auch Lasko war jetzt völlig hingerissen. Vorsichtig streichelte er es mit zwei Fingern. Es zuckte und spannte sich unter der Berührung. Dann wachte ich auf weil Jerome bremsen musste.
„Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe“, sagte er.
„Tut mir leid, dass ich eine Nymphomanin bin“, sagte ich. Wir standen im Stau.
Ich rief Lasko an. Er war bereits unterwegs. Ich hörte seine Schritte auf dem Kies des Uferwegs. Ich sagte, dass wir im Stau stünden. Er sagte, dass mache nichts, er würde sich ins Gras neben der Baggerschaufel legen und warten. Mein Herz pumpte mein Blut schneller durch meine Adern.
Jerome setzte mich vor dem Kraftwerk ab.
„Gern würd ich dich wiedersehn“, sagte er.
„Ich bin nicht für dich gemacht“, sagte ich. „Danke für Alles.“
Sehr langsam fuhr Jerome zur Kreuzung zurück und bog über die Brücke ab. Dreimal schaltete er das Aufblendlicht ein und wieder aus.
Ich sah die dunkle Uferpromenade. Ich ging die Treppen runter, den Kiesweg entlang. Es war eine warme windstille Nacht. Alles in mir beschleunigte sich, mein Atem, meine Blickfrequenz, meine Augen adaptierten sich rapide an die Dunkelheit, mein Herz raste. Es war als ob ich einen Pakt mit dem Universum geschlossen hätte, es war als ob mir das Leben direkt in die Adern schoss. Dann sah ich Lasko unter dem Baum an der ehemaligen Ladestelle neben der Baggerschaufel im Gras liegen. Und mein Herz wurde ruhig, wie das eines Vogels der sein Nest gefunden hatte.
Ich legte mich neben ihn in das warme knisternde Gras. Lange lagen wir so und schauten in den sternengespickten Himmel. Schreie gellten vom gegenüberliegenden Kai über den Fluss und brachen sich an den Mauern. Gelächter. Schritte hinter uns auf dem Kies.
„Drunten im Tal, umgeben von Blumen, ruht auf dem Rasen, der feucht ist von Tränen – der Hermaphrodit“, sagte er.
„So ist es, Baby - von wem ist der Scheiß?“
„Comte de Lautreamont“, sagt er, „ich hab es dir mitgebracht. Wird dir gefallen.“ Er zog das Buch aus der Tasche und gab es mir. Eine Traurigkeit überkam mich, so abrupt wie das Lustgefühl in meinen Augen als ich ihn vor ein paar Minuten da im Dunkeln liegen gesehen hatte. Ich würde niemals wissen, was in seinem Kopf vor sich ging, sobald er schwieg. Ich würde niemals wissen, was ihn an seiner Frau so maßlos anzog, dass er diese quälende zerrüttete Ehe nicht abbrach. Einmal hatte er sie mein kleines zartes Ungeheuer genannt. Durch seinen Kopf waren all diese Sätze und Bilder gegangen die ich so liebte, und derentwegen ich ihn so liebte. Er erinnerte sich vielleicht nicht ein mal mehr daran. Er würde nie mehr der sein, der sie geschrieben hatte. Aber sie hatten ihren Ursprung in seinem Kopf, irgendwo im Labyrinth seines Lebens, dem ich so nahe war und das mir doch so verschlossen bleiben würde. Ich konnte nicht mehr aufholen. Wir kannten uns nicht lange genug um uns unentbehrlich zu sein und die Zeit vor uns war zu kurz, um es zu werden. Wir waren dazu verdammt uns dieses schnelle scharfe Lust zu verschaffen, das nur ausserhalb der Gewohnheit und Verlässlichkeit möglich war. Ich wusste nicht wie lange wir das noch durchstehen würden, ohne eine Entscheidung zu treffen.
Aber eines wusste ich: das war meine letzte Liebe; es würde keine andere mehr geben in meinem Leben. Wir steuerten dem entgegen was sie Schicksal nannten.
Und doch - wenn der Modeljob weiter so lief, würde ich bald genug Geld haben. Wir hätten verreisen, durch Städte streifen uns in Hotelzimmern lieben und an Stränden liegen können. Wir hätten zusammenleben können. Wir hätten zusammen an einem Buch gearbeitet, in einer abgelegenen Hütte irgendwo an einem Meer. Ich hätte ihn vergessen machen können was ihn jetzt noch so quälte. Ich hätte ihn vielleicht froh machen können.
Als ob er spürte was ich dachte, sagte er plötzlich:
„Ein erfülltes Leben macht keinen Künstler.“
„Aber ein Leben das du ändern kannst – und es nicht tut, lässt dir irgendwann keine Chance mehr.“
Er schaute mich an und in seinen Augen leuchtete etwas auf, das entweder verzweifeltes Glück war oder glückliche Verzweiflung, oder beides zusammen. Er küsste mich. Ich wollte ihn auf der Stelle in mir haben.
„Da kommen Leute“, sagte er.
„Na und.“
„Warte noch einen Moment...“, sagt er und seine Hand war schon unter meinem Kleid. Wie in dem Flugzeugtraum, dachte ich, genau so. Und in diesen 10 Sekunden die wir noch warteten war nichts als konzentriertes lupenreines Glück.
Zwei Nächte später trafen wir uns am Anhalter Bahnhof und nahmen den Aufzug in den 20. Stock ins Solar, tranken Gin-Tonics und schauten über die glitzernde Stadt. Lasko war schweigsam. Der sandfarbene Anzug von Ermenegildo Zegna, den ich ihm geschenkt hatte, stand ihm ausgesprochen gut. Eindrucksvoll aber nicht zu eindrucksvoll, lässig aber nicht zu sehr, sehr gutaussehend aber unaufwendig. Um sich zu revangieren schrieb er endlich weiter an seinem Roman. Aber er redete nicht mehr darüber. Es war etwas jenseitiges um ihn. Es war als ob etwas in ihm sang. Und er schrieb es nicht mehr auf. Als ich von der Toilette zurückkam stand eine dunkelhaarige Schönheit neben ihm und hörte ihm zu. Als er mich sah hörte er auf zu reden. Sie checkte mich von unten bis oben ab und zog sich mit einem nonchalanten Lächeln langsam zurück wie ein Hyäne.
„Tu mir das nicht an, Baby – nicht heute Nacht.“
„Warum willst du, dass wir sterben?“
„Ich will nicht, dass wir sterben – wenn wir zusammen sein können.“
Als wir im Aufzug nach unten fuhren hatte ich das Gefühl, in ein Grab zu sinken. Wir gingen ineinander verschlungen über die Straße, durch den Torbogen des Bahnhofs, weiter in das Wasteland, das einmal der Bahnhof gewesen war, entlang der zugewucherten Geleise die im Nichts endeten. Das Licht in den Bäumen sprenkelte unsere Gesichter, das Rauschen der Stadt, Zikaden – oder waren es keine Zikaden – ein Lederschuh zwischen den Resten der Trasse, Lasko nahm einen Schluck aus seiner silbernen Taschenflasche und reichte sie mir. Bombay Sapphire. Er hielt mich fest, drückte mich gegen einen Baum, küsste mich, zog meinen Slip zur Seite. Wir bewegten uns nicht. Das Rauschen um uns war wie ein silbernes Netz. Der Geschmack von Nelken und Wacholder auf seinen Lippen. Ich saugte an ihnen wie an Brüsten, er wartete, nahm mein Gesicht seine Hände, richtete sich auf und sprühte langsam wie im Schlaf in mich.
Danach schlenderten wir den brüchigen mit Unkraut überwucherten und mit Müll übersähten Bahnsteigrest entlang. Die Geleise waren längst verschwunden. Aber ihren Verlauf konnte man noch immer sehen. Wir tranken den Gin.
„Hörst du die Stimmen?“ Lasko hob gespannt den Kopf. „Abertausende von Stimmen in dieser riesigen Eisenhalle, das Schnaufen der Lokomotiven, die Trillerpfeifen der Schaffner, die Zeitungsverkäufer, Kindergeschrei, Hundegebell, Taubengeflatter – und die Stimmen: Auf Wieder – wieder – Wiedersehn, pass gut auf dich auf, geh bloß den Kugeln aus dem Weg, schreib mir bitte, schreib sobald wie möglich, komm bald zurück, ich warte auf dich, vergiss mich nicht, vergiss mich nicht...“
„...ich schreib sobald ich kann, ich denk an dich, ich geh den Kugeln aus dem Weg, mir wird schon nichts passieren, der Krieg ist doch bald vorbei, dann komm ich zurück und wir heiraten, der Krieg wird doch schon bald vorbei sein, ich liebe dich, ich liebe dich.“
„Und dann“, sagte er, „am 3. Februar 45, tausend Flugzeuge der Allierten im blauen Himmel über der Stadt und alles versank in einem ein Meer aus Feuer und Rauch...“
Wir nahmen die U-Bahn. Sonntagmorgen, halb fünf Uhr, ein strahlend schöner Morgen. Als die U-Bahn in den Untergrund fuhr war der Tag ausgelöscht, imprägniert vom gleichförmigen Licht der Nacht. Ich legte meinen Kopf auf Laskos Schulter und fühlte mich zum ersten Mal irgendwie heimisch in dieser Stadt. Außer uns beiden saßen nur noch zwei türkische Frauen in dem Abteil, Putzfrauen auf dem Weg zur Arbeit. Ich hatte die beiden Männer nicht gleich bemerkt. Sie waren am hinteren Ende des Waggons eingestiegen und dann langsam nach vorne gekommen. Dann standen sie plötzlich vor uns. Einer von ihnen schlug mir mit der Hand ins Gesicht, der andere trat Lasko gegen das Schienbein.
„Geld raus!! Handys! Alles raus!“ schrie der eine.
„Aber plötzlich, sonst machen wir euch fertig!“ brüllte der andere.
Das alles war so schnell gegangen, dass ich, wie ich da auf dem Sitz lag und aus der Nase blutete, nicht begriff was sich abspielte. Ich sah wie Lasko sich zu mir beugte, aber einer der beiden riss ihn zurück.
„Geld raus, hab ich gesagt – sonst Fresse!!“ brüllte der Typ.
Lasko nickte beschwichtigend und tastete in seinem Jackett. Dann stand er auf, um in seine Hosentasche zu fassen. Der Typ gab ihm einen Schlag gegen die Schulter:
„Sitzenbleiben, Arschloch!!“
„Okay, okay – ihr kriegt was ihr wollt.“ Lasko reichte ihm seine Schachtel Zigaretten. Der Typ zögerte eine Sekunde - und flog nach hinten auf die gegenüberliegende Bank. Lasko stand, beide Hände an der Haltestange, und trat dem zweiten Mann mit voller Wucht in den Bauch. Er sackte zusammen und rollte sich am Boden. Der andere hatte sich wieder aufgerappelt, zückte ein schwarzmetallenes Messer. Lasko wich aus und schwang sich mit beiden Füßen gegen ihn. Man konnte das Krachen der Rippen hören. Der Typ knallte gegen die Glasscheibe. Blut quoll ihm aus dem Mund. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er Lasko an. Das Messer glitt ihm aus der Hand und blieb auf der Sitzbank liegen. Sein eigenes Blut tropfte darauf. Dann verdrehten sich seine Augen, er kippte zur Seite und blieb regungslos liegen. Der Zug fuhr in den Bahnhof ein. Die beiden türkischen Frauen machten dass sie wegkamen. Lasko zog seine Manschetten zurecht und schaute mich an. Wir stiegen aus und gingen nicht zu hastig auf den Ausgang zu.
„Ich glaube, du hast ihn umgebracht“, ich schaute mich um. Niemand folgte uns. Der Überwachungskamera waren wir nicht entgangen.
„Und wenn schon...“
Wir gingen zu Fuß weiter. Niemand folgte uns. Der Tag rollte weiter wie jeder andere Tag. Laskos Verhalten hatte mich völlig überrascht. Ich hätte ihm derartiges niemals zugetraut. Noch mehr irritierte mich seine Gleichgültigkeit. Aber in der Erinnerung erregte sie mich außerordentlich. Wie durch eine Milchglasscheibe erlebte ich immer wieder die Szene in der U-Bahn und in jeder Sekunde kam ein winziges Detail mehr dazu, das Lasko schöner werden ließ. Wir gingen zu mir, tanzten, tranken, liebten uns und schliefen vollkommen vernichtet nebeneinander ein. Der Tod war jetzt bei uns. Wir waren jetzt zu dritt.
findeiss - Sonntag, 21. August 2011, 22:27- Rubrik: FORTSETZUNGSROMAN
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