Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Bis Okt. 2017 verboten)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Seit Okt. 2017 wieder frei)
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Trennung von der Löwin. Ein nicht nur Jahresabschluß-, nämlich Bewältigungsversuchsjournal, getröstet von Andreas Steffens und geschrieben am 31. Dezember 2017, der Waschtag im Waschsalon werden sollte.



und jeder der Nahsten Verwundung,
verwunden wir uns, mein Anderlieb,
zeit unsres Lebens noch selber.

Denn weh, da sich eines nicht schützte
weh, mit verschlossenem Blick in Distanz.

Das schlägt zurück. Auf die Knie Gestützte,
auf unsere bloßen, sind wir nun ganz

wie kleine sich kauernde Kälber
verstört vor jedem nächsten Hieb
und bitten vergebens um Stundung.



[Arbeitswohnung, 8.44 Uhr
Bach, Pariten für Violine solo, Shlomo Mintz]


Es sollte, Freundin, ein Waschtag werden – der übermorgen beginnenden Reise wegen, die ich gestern allerdings nahe daran war abzusagen. Ich dachte, wie könne ich jetzt noch der Mâconièr ein angenehmer Gesprächspartner sein in meiner wie mein ganzes Werk so rizomhaft aufgesprießter Erschütterung? - nahe daran, meinen Willen zum Leben, der eine Lust an ihm ist, anheimzugeben, da nun dieser Verlust anzublicken, wirklich anzublicken ist, für den es zuvor, und schon lange, aber immer wieder die Drohung gab, eine Dräuung wohl eher, weil wir, die Löwin und ich, kultiviert genug sind und unsere Liebe auch groß genug war, ihr immer wieder die Innigkeit unseres Verbundenseins entgegenzu- nein, nicht -stellen, sondern entgegenzuleben. Es hat uns so vieles verbunden.

Doch der Riß ist schon alt. Es sind zwei Risse, einer, der sich stets wieder schließen ließ und dennoch für sie, meine Löwin, permanente Verwundung war und der sich in dem Satz einer ganz anderen Freundin in die in ihm liegende Radikalität zusammenzieht: „Jede wahre Liebe will eine Frucht.”
Die Löwin hat nie Kinder gewollt, es mir auch gesagt; ich hingegen ersehnte fast nichts mehr, als noch einmal Vater zu werden. Ihre Liebe zu mir war derart groß, daß sie dieses meines – nun für immer vergeblichen – Wunsches wegen die Pille absetzte. Aber da war es nicht nur schon zu spät, sondern es ist etwas anderes, ob eine Frau ein Kind ersehnt und dich als den Vater erwählt oder ob sie, weil d u es ersehnst, bereit ist, es für dich zu bekommen. Sie bekommt es für ihre Liebe (und wäre gewiß eine gute Mutter geworden), nicht aber, weil durch sie die Urgewalt der Schöpfung spricht.
Es war auch aus anderem Grund zu spät: Da war jemand erschienen, >>>> aus Triest, war in meinem Leben aufgegangen einem plötzlich brennenden Pfingststrauß gleich, unvermittelt, ungesucht, einfach so da, daß ich gewußt hatte, auch wenn es unterdessen nichts mehr ist als die vergebliche Ahnung dieses Wissens, der Mutter meines zweiten Kindes begegnet zu sein. So sagte ich es nachts auch den Freunden und zitterte dabei: „Ich habe die Mutter meines zweiten Kindes getroffen, sie stand plötzlich vor mir und sah mich an.”
Dies ist der zweite und wohl „eigentliche” Riß. Den die Löwin aber ertrug und ertrug. Selbst diesen ertrug sie – nicht zu vergessen, daß etwas mehr als ein Jahr zuvor auch schon Kirke in mein Leben getreten war, und auch da schon war von einem Kind die Rede gewesen, aber sie ergriff, verstummend und für Monate nicht mehr erreichbar, die Flucht. Bereits durch diesen Kummer hatte die Löwin mir geholfen, uneingedenk des eigenen Kummers, der ihr sagte, daß da andere seien, die für mich ihr etwas voraus. Ihre Liebe war – und ist es ganz sicher noch – so unfaßbar, daß sie ans Übermenschliche reicht. Eine Fähigkeit, ja Begnadung, die mir, wie sich nun zeigt, abgeht.

Auch die Sídhe also verschwand aus meinem Leben wieder, wandte sich zu ihrem Mann zurück, „in guten und in schlechten Zeiten”, sagte sie mir, „ich habe es gelobt.” Ihr Brief liegt noch hier.
Nachdem ich ihn gelesen, wußte ich, nochmals Vater würde ich nie mehr werden. Für mich begann damit das Altern, zudem ich, als hätte ich meinen Tod schon vorausgeschrieben, nein, falsch, das Sterben, in dem ich seither lebe, >>>> das Traumschiff vollendet hatte. Manchmal denke ich jetzt, durch dieses Buch eine solche Blasphemie begangen zu haben, daß alles, was nun folgte, eine Rechnung für sie ist, die Ziffer um Ziffer eingetrieben wird, Schlag für Schlag.
Wie auch für etwas anderes die Rechnung eingetrieben wird, nämlich dafür, in meinem Leben Übertretungen begangen zu haben, die gleichfalls nicht konsequenzlos sind. Hieraus rührt ein dritter Riß, der eine Folge des zweiten ist. Wieso es so wurde, wieso es zu ihm kam, ja kommen mußte, weiß ich nun, nachdem ich Andreas Steffens‛ Buch gelesen habe:

Steffens Versuch über Unglück

Die Erfahrung des Unglücks trennt das noch verbleibende Leben, seine Zukunft, von dem bereits geführten, seiner Vergangenheit. Trifft es einen in der Wendezeit des Lebens, in der es unabweisbar wird, mehr hinter als noch vor sich zu haben, geht es ums Ganze. (...) Leben wir weiter, werden wir es als andere als die, die wir waren, bevor wir an diese Grenze gerieten.

Dies eben geschah mir, geschah mit mir.

Die späte Liebe ist die gefährlichste, weil sie als immer unwahrscheinlichere die wichtigste wird. Steffens, S. 192


Ich hatte immer – oder sehr oft – harte Sexualität gelebt, nicht im banalen (also normalen), sagen wir zotigen, kalauernden Sinn, der den Phallus meint, sondern in ihren Prozessen und Übertretungen – in ihren, wie die Szene es nennt, „Spielen” –, und ebensie hatten unsere, der Löwin und meine, Körperlichkeiten von Anfang an bestimmt. Doch nun, nachdem mir die Sìdhe begegnet und schon wieder verloren war, konnte ich ihnen nicht mehr entsprechen, ja zeitweise war es (und ist's noch immer) so, daß mir Sexualität-an-sich ferngerückt ist. Es ist fast, als bedeutete meinem Hirn der Umstand, nie mehr Vater werden zu können, die Sexualität-selbst zu verlieren, ein Grund übrigens, weshalb ich mit den >>>> Béartgedichten imgrunde nicht mehr weiterkomme, geschweige, daß ich heute noch so etwas schreiben könnte:

Ich frage mich immer
wenn ich diese Gazellen sehe,
wie er es schafft, ihr Leib,
derart gravid zu werden
Sie gehen auf wie Teig -

Von ihrer Triebkraft irr verzückt,
bin ich an sie verloren
bin so nach jedem Weib verrückt
- mir würd, geläng‘s, all sie zu gären,
ein ganzes Volk geboren!


Zugleich war ich darüber verzweifelt, so nicht mehr zu sein. Ich versuchte es, wieder einmal, mit Pornographie, vergeblicher und vergeblicher. Imgrunde war ich impotent geworden, was ich in fast religiösem Sinn als Strafe empfand, als Buße, die mir auferlegt. Die Sídhe hatte ich deshalb, um zu büßen, verloren; dies schien hinter allem die Wahrheit zu sein – meine Hölle, wenn Sie, Freundin, so wollen. Es ist eine ähnliche Dynamik wie mein Gedanke, der bisweilen das schicksalhafte Ausmaß einer Überzeugung annahm, mein literarischer Mißerfolg beruhe auf meinem Erfolg bei Frauen: Ich war da stets so gesegnet, daß ich auf der anderen, meiner poetischen Seite nicht auch noch gesegnet sein durfte.

Ich sehe es recht klar: ein tief internalisierter, höchstwahrscheinlich protestantischer Moralismus, der durchaus parallel zu meiner Vorstellung eines Primats der Leistung gewirkt hat, vielleicht auch noch weiterwirkt. Nur, etwas zu wissen (zu erkennen) und es zu fühlen, sind zwei verschiedene Socken, ja eines ist Handschuh, das andere Schal. Meine Impotenz (über die die Löwin immer lachte, und bisweilen bewies sie mir, daß von einer solchen nicht im entferntesten gesprochen werden konnte; kaum aber war der Akt geschlossen, nagte sie wieder an mir) – meine, jetzt in Häkchen, „Impotenz” also war für mich eine Folge all der sexuellen Übertretungen, die ich mir zuschulden hatte kommen lassen, seit ich etwa dreißig/fünfunddreißig war – eine Folge mithin meiner harten sexuellen Dominanz: ein „Herr” gewesen zu sein, der Dienerinnen erzog; ich habe später auch das Wort „Abrichtung” verwendet, und die Frauen, die mit mir umgingen, haben es geliebt. „Bitte richten Sie mich ab.” Ihre Orgasmen waren oft ungeheuer, wie die meinen, nachher, auch.
Wohlgemerkt, ich spreche von BDSM, was gegenseitiges Einverständnis bedeutet. Wie die psychischen Strukturen „funktionieren”, habe ich andernorts beschrieben; hier gehört es nur hin, insofern klar werden soll, was geschehen ist. Weil diese Verhältnisse aber so sind, hat wiederum Steffens recht:

Noch das Glück der Lust ist unpersönlich. (…) Je unpersönlicher die Umstände ihres Gewinns, desto intensiver kann ihr Genuß sein. (…) Die Hemmung vor der ganzen Lust mit der geliebten Person ist die Scham, mit ihr das Unpersönlichste überhaupt zu vollziehen. Steffens S. 97
Es ist dies der Grund, weshalb kluge Devote und Dominante ihre Sexualität außerhalb der, diesmal nicht abwertend gemeint, „bürgerlichen” Lebensgemeinschaften leben, sie strikt von Herzensverhältnissen fernhalten.
Die Löwin und ich haben dies nicht getan – ich zum ersten Mal in meinem Leben nicht, von einer relativ kurzen Phase einer frühen Beziehung abgesehen, die aber auch daran schließlich kaputtging, nicht zuletzt deshalb, weil ein Kind, das geboren, erotische Rasereien fast naturhaft unmöglich macht. Wem diese dann dennoch fehlen, so, daß er oder sie nicht verzichten können, sucht notwendigerweise woanders – und findet.
Man tut der Dienerin, die es will, an, was der Geliebten nie zumutbar wäre, selbst wenn sie wollte. Schon das ist Verhängnis. Wenn es indessen herauskommt, wird es dennoch das andere, das Liebesverhältnis, derart sehr erschüttern, daß eine Trennung unumgehbar wird.
Die Verhängnisse sind tragisch - in antikem Sinn – – womit sich der Löwin und mir nun einmal mehr etwas realisiert, wovon ich immer wieder und gerade auch in meinen Büchern geschrieben habe. Auch hier waltet Gerechtigkeit.
Zum Erwachsensein gehört, sie anzuschauen und sie zu bedenken, und zum Künstler, ihr eine Form zu geben, die sie uns lebbar macht. Poetisieren wir die Verhängnisse, haben sie nicht mehr uns, sondern wir sie – unabhängig von unserer in sie Geworfenheit. Mit anderen Worten: wir können sie nicht verändern, aber gestalten: So werden sie, wenn es gelingt, zu Lust. Genau das verstehe ich unter der perversen Bewegung.

Also die Schuld, die ich empfand, also die „Strafe”.
Es gibt eine furchtbare Szene, die den Zusammenhang und den Schmerz beider, der Löwin und meinen, in einen Brandherd fokussierte. Brennen tat er in ihrem Bett und Bauch, darunter ich in ihr steckte, auf ihr plötzlich erschüttert zusammenbrach, zu weinen anfing und sagte: „Ich bin unrein geworden.”
Kaum eine schlimmere, in einer solchen allerintimsten Situation, ist als Verletzung vorstellbar. Ich habe sie der Löwin beigebracht, der ich selbst und weil ich – lange schon, sehr lange noch, nachdem die Sídhe gegangen – in den Flammen dieser Trennung stand, die eben auch das Symbol des Nie-wieder-Vater-Werdens war und ist, Flammen, die aus einem Schwelfeuer brachen, dessen ich wochenlang nicht gewahr war, das ich vielleicht sogar für gelöscht hielt. In dem dem Vaterwerden allernächsten Akt schoß es als Protuberanz wieder auf und verbrannte, was immer in der Nähe war und also, hier und jetzt, die mir objektiv Nahste; die Nähe zur Sídhe hingegen war längst Geschichte und nur noch für mich real: als Fiktion, nämlich als eine auf Ferne sublimierte Nähe. Darin freilich gegenseitig, nur nicht lebbar Haut auf Haut.
Die Sídhe hatte den Wunsch nach einem Kind aufgegeben, so es mir auch geschrieben; ich selbst hatte ihn aufgeben müssen. Worunter die Löwin nunmehr, wie indirekt auch immer, mehr zu leiden bekam als jene und ich, die wir uns einzurichten begonnen. Jedenfalls ich nahm an, mich eingerichtet zu haben darein. Wie falsch diese Annahme war, bekam da die Löwin zu spüren. Es war, als hätte nun sie den Schmerz zu tragen, den der Sídhe Selbstversagnis und mein Entsagenmüssen uns hinwegsublimieren sollten. Sie können es, Freundin, die Widerkehr des Verdrängten in einem anderen als denjenigen Menschen nennen, die die Verdrängung vollzogen. So hatte sie, die Löwin, genau den Schmerz zu durchleben, dem die Sídhe durch freiwillige Entsagung und ich durch meine Impotenz entging, bzw. mein Impotenzideologem, das die Unmöglichkeit als Strafe interpretierte.

Selbst aber diesen Schmerz hielt die Löwin noch aus, hielt ihn drei, fast vier Jahre aus. Unsere Nähe und Liebe blieb groß, auch wenn meine Liebe zur Sídhe ungebrochen währte. „Ich bin für Sie zweiten Ranges”, sagte deshalb die Löwin zu mir, sagte es mir mehr als einmal. Und bekam weiterhin zu spüren, wie wenig ich sie begehrte. Daß ich überhaupt niemanden sonst mehr begehrte, erotisch begehrte, spielt dabei eine nachgeordnete Rolle. Das kurze Zwischenspiel >>>> mit Ciane war von vornherein auf die Mitpräsenz der Löwin angelegt und verlief sich demzufolge schnell. Auch aber sie, Ciane, hatte meine „Impotenz” zu spüren bekommen: „Magst du nicht in mich hinein?” fragte sie, weil ich die Penetration vermied, ja fragte sogar: „Ist es dir unangenehm?”, worin ein bin i c h dir unangenehm? nicht nur mitschwang. Anders als der Löwin habe ich ihr von der Sídhe nie erzählt; doch instinktiv näherte sie sich der Löwin an oder versuchte es; von mir, so schrieb sie‛s mir auch, entfernte sie sich im selben Maß. Gleichsam tat sie‛s anstelle der Löwin. So groß war ihre Empathie. Das aber seh ich erst heute.

Manchmal denke ich in letzter Zeit, daß auch die Sídhe vielleicht bei mir suchte, was der Löwin vorbehalten war, bis sie, die Sídhe, in mein Leben trat; vielleicht begehrte auch sie eine Form von Sexualität, deren Meister ich war, gewesen war – doch ihr konnte ich sie nicht geben, weil ich liebte wie ein Jugendlicher, als Jugendlicher: „rein”. Ich wiederhole hier Steffens:

Die Hemmung vor der ganzen Lust mit der geliebten Person ist die Scham, mit ihr das Unpersönlichste überhaupt zu vollziehen. Steffens S. 97

Liebe als Regreß. Und möglicherweise ist die Sídhe genau darum von mir gegangen, dieser „Reinheit” wegen, aus der sie herauskommen wollte, indes ich - durch sie - wieder in sie hineinkam -

in der aber die Löwin auf keinen Fall wieder leben wollte, nach drei, fast vier Jahren der Entsagung. Nicht mehr leben k o n n t e. Sexualität ist die Quelle ihrer produktiven Arbeit. Sie kuratiert ja nicht nur; sie wollte nur nie, daß ich über das andere schrieb. Und lasse es deshalb als Andeutung stehen. Sie wäre ihrerseits kaputtgegangen, hätte sie sich nicht endlich, endlich nach jemandem anderes umgeschaut.

Schöne Frauen finden immer, und zwar, wenn sie wollen, schnell. So auch sie.

Sie erzählte mir davon. Ein neuer „Herr”. Ich akzeptierte, sprach ihr sogar zu. Weshalb sollte sie auf etwas ihr Lebensnotwendiges verzichten, wenn ich es ihr nicht mehr geben konnte? Solch ein Verlangen – sie hätte sich ihm, als meinem, ergeben – wäre unmenschlich gewesen. Ich wollte aber, daß sie v o l l blieb. Was ich nicht ahnte, damals, vor etwas mehr als einem Jahr, war, daß diese neue Verbindung ausschließlich werden würde, sexuell ausschließlich. Dabei liegt es in der Logik ihrer, der Löwin, Begehrensstruktur. Die ich wiederum kannte. Also ahnte ich es nicht, weil ich es ahnen nicht wollte – unfähig nämlich, irgendetwas zu ändern. Erektionen lassen sich nicht erzwingen.
So lief die neue Verbindung nebenher, schnitt sich aber immer tiefer ins Sein der Löwin ein. Sie wollte darüber mit mir sprechen, mehrmals. Ich hingegen wollte so wenig davon hören wie ging; es hätte mich zu sehr mit meiner Unfähigkeit konfrontiert, der übrigens eine neuen Dichtens parallellief. So wenig ich noch vögeln konnte, um von harter Sexualität zu schweigen, so wenig konnte ich Neues schreiben. Sie können, Freundin, auch sagen: So wenig ich noch Vater werden konnte, so wenig auch Urheber neuer Dichtung. Tatsächlich weiß ich noch jetzt nicht, und bezweifle es sogar, ob ich noch einmal fähig sein werde, etwas anderes zu tun als das, was ich bislang vorgelegt, zu sichern, wohl auch zu überarbeiten, so daß nach meinem Tod wenigstens das erhalten bleiben, gesichert sein wird. Die anderen Projekte – außer vielleicht den schon so weit skizzierten, daß ich sie nur noch ausführen müßte (wozu mir aber der Antrieb gleichfalls fehlt; ich muß ihn mir erzwingen, empfinde es als Fron) – … die anderen Projekte also habe ich imgrunde aufgegeben. Aber egal.

Nicht egal ist, was dann in Paris geschah, im vergangenen August. Schon da wäre ich fast nicht hingereist. „Ich weiß nicht, ob ich das mit ihnen noch kann”, sagte mir die Löwin in Facetime. In mir war die Rage wieder ausgebrochen, deutete sich jedenfalls an. Ich dachte: Erlösung!, der Bann sei gebrochen. Wirklich, es war, als hätte ich die Lähmung endlich abgeschüttelt. Und bebte vor sexueller Gier. „Aber kein Wort von B.!” forderte ich.
B., so hatte sie ihren neuen Spielpartner genannt – erst sogar „Brando”, was meinerseits ich als Übergriff empfand, als einen auf eines meiner Idole. Ausgerechnet den so zu nennen! Ich wollte das Bild, das von ihm bei mir hängt (dem Brando in Apokylpse now), von der Wand reißen, hätte einen Teil meiner Jugend damit von der Wand gerissen:
image


Die Löwin benannte den Mann sofort um.

Ich erfüllte mir die Gier, in Paris, kaum daß ich durch die Tür getreten war. Die Löwin „gehorchte”. Ihr Orgasmus war explosiv.
Ich hatte „Spiele” vorbereitet im Sinn, hatte ein ganz spezielles Geschenk im Sinn.
Doch es kam nicht zu ihm, nicht zu ihnen. Schon die nächsten Tage wurden ruhig, schon, weil ich mir eine Grippe einfing und sie, meine Löwin, schwer psychosomatisierte. Einen Zusammenhang sah ich noch nicht. Wir feierten, empfand ich, unser Glück an der Seine, saßen am Ufer, sahen zur Notre Dame hinüber. Einen Monat später, sie in Wien und ich in Berlin zurück, nannte sie unser Beisammensein, also das erotische, eine Vergewaltigung. „Sie haben mich”, rief sie in Facetime aus, „vergewaltigt!”
Nein, hatte ich nicht. Aber sie empfand es so. Weil sie dem anderen nun gehörte, sexuell wohlgemerkt, nicht anders. Sie ist, wie ich oben schrieb, klug geworden und trennt nun die sexuelle Gier von den übrigen seien es liebende, seien es familiäre Zugehörigkeiten. Damit auch von mir. „Ich weiß nicht, ob es jemals wieder möglich werden wird, mich Ihnen hinzugeben. Jetzt jedenfalls kann ich es nicht.” Jetzt ist nur B.
Das Eisengatter war gefallen.

Ich weiß es seit zweidrei Monaten. Seither kämpfe ich damit. Vor drei Tagen geschah die Klimax.

Wir führten, abermals in Facetime, unser ritualisiertes Abendgespräch, das immer sehr innig ist, bei Malt und Cigarillo. Ein Anuf unterbrach das Gespräch, sie ignorierte es erst, aber der Anrufer war hartnäckig, schließlich, anstelle ihn wirklich wegzudrücken, drückte sie mich weg. Rief danach wieder an. „Es war B.”.
So ist er nun allgegenwärtig, besonders auch deshalb, weil Sexualität der Löwin und mein Grund gewesen sind: meine rechte Hand auf ihrer Taille hatte genügt. Wir hatten uns gerade kennengelernt, sogar ihr Freund war dabeigewesen.
Spätestens mit diesem Anruf – und der Löwin Unfähigkeit, den Mann um meinetwillen zu ignorieren – war dieser Grund durchgestrichen. Und weil ich, wer sonst so sehr?, genau weiß, was bei solch sexuellen Spielen gespielt wird, stehen mir Bilder und Szenen ungeheuer plastisch vor Augen. Ich wache jetzt nachts von ihnen auf, wenn ich denn vor ihnen überhaupt einschlafen kann. B. ist für mich das Urbild meines Versagens geworden, ja meiner Schande. Dieses Wort, Schande, bezeichnet am genauesten und zugleich bildhaftesten, was dieser Mann für mich ist – überdies, weil er nichts ist als ein Wiener Steuerberater - obendrein so fett, daß es mich ekelt -, verheiratet mit Kindern, völlig gesichert, eine zu mir komplette Gegenfigur. Das hat seine Logik, gar keine Frage, beide, die Löwin wie er, führen nun ein Doppelleben – etwas, das der perversen Bewegung einen, wie ich weiß, noch einmal besonderen Reiz verleiht. Ich könnte die Dynamik ausführen, aber darum geht es jetzt nicht. Sondern es geht darum, daß ich in der Schande nicht leben kann. Wie sehr ich die Löwin auch liebe.

Es wäre kein Problem für mich oder nur ein recht kleines, hätte sie jemanden anderes als Liebhaber dazu. Sowas halte ich bei Fernbeziehungen für nicht nur normal, sondern vor allem auch für gesund. Also muß man damit umzugehen lernen. „Ich bin nicht auf der Welt, um klein zu sein”, hatte der Löwin Freund, als er von meiner Existenz erfuhr, seinerzeit gesagt. Für diesen Satz achte ich ihn bis heute. Es ist aber ein anderes, ob mir die Löwin etwas grundsätzlich versagt, wenn ich es brauche, es mir versagt, weil es einem anderen vorbehalten ist, der auf diese Weise zum Einzigen wird und damit über mir steht.

Ich schreibe hier nüchtern, schreibe analysierend, aber ich rase. Nachdem ich dann vorgestern aufwachte, aufschrak, weil mich die Löwin geküßt hatte, im Traum, doch mir mit der Zunge seine, B.s, dieses fetten Steuerberaters... nein, ich sag hier nicht was, in den Mund schob, ich an mich halten mußte, um nicht aufs Klo zu rennen und zu kotzen – nachdem das über mich gekommen war, wußte ich, diese Liebe kann nicht mehr bleiben... oder bleiben, das schon, die Löwin wird für immer zu den wenigen Frauen gehören, die ich „meine” nannte, von jeder steht hier ein Bild, bisweilen sind‛s, etwa von ihr, sogar mehrere Bilder, deren keines, auch für eine neue Frau nicht, ich jemals wegstellen werde... bleiben also schon, wie denn auch anders? aber sie muß sich distanzieren und wird nach einigen Jahren, vor denen eine Phase kompletten Getrenntseins steht (bei लक्ष्मी währte sie fünf), in Freundschaft umgewandelt sein, in eine innige und verläßliche Bindung. Dann wird B., wie ich‛s schon für bald erhoffe, längst gestorben sein. Es stehe, wie ich hörte, um seine Gesundheit nicht zum besten. - Verzeihen Sie mir, Freundin, diesen zynischen Haßausbruch, aber ich fühle jetzt so. Daß er zu allem gar nichts kann, weiß ich ja selbst, siehe oben. Dennoch. Ich kenne mich und weiß, wozu ich fähig werde, sowie die Gewalt der Depression in Tätlichkeit umschlägt – die zwar ein Zeichen neuen Lebens, von Aufleben, ist, aber von furchtbarer Destruktivität. Auch deshalb ist diese Trennung jetzt erfordert, so daß mir nur noch bleiben wird, was eines Dichters immer war: Trauer in Schönheit zu verwandeln. Zwar er selbst hat davon nichts, oder nur wenig, und wird deshalb die nächste Trauer sofort suchen, aber die Welt: Sie wird reicher.

Gegen die Löwin kein Wort, statt dessen jedes gegen mich. Sie ist nur dem gefolgt, was sie braucht. Als ich ihr sagte, ich würde mich trennen, zerfiel ihr Antlitz. Dieses Bild ihres erschütterten Gesichtes wird mir nun bleiben. Und das der >>>> Geparden im Landhaus, wie sie sich legen. Sowie die Serengeti, in der wir so >>>> oft in Zeiten gewesen, da wir noch Glückliche waren. Um von Paris zu schweigen und einem (untergegangenen) Buch, das dort Haut an Haut entstanden. Es ist imgrunde, um für die Löwin ein letztes Mal dieses Wort zu verwenden, u n s e r e s:

Die Fenster von Sainte Chapelle


Ich danke Ihnen, Löwin, für unsere Zeit. Wenn ich richtig rechne, waren es zehn Jahre.
*
Was bleibt jetzt zu tun? Es hängen hier noch Kleidungsstücke von ihr. Ich werde sie verpacken und in ihr Daheim schicken müssen, das meines nicht mehr ist; desgleichen ein paar Schuhe, ein paar Kleinigkeiten noch. Es gibt einen Vertrag, den wir einmal schlossen, sowohl ausgedruckt als auch als Datei. Den einen werde ich löschen, den anderen verbrennen; insofern gut, daß ich einen Kohleofen habe. Sie wird einen neuen geschlossen haben, mit B. Ich mag sie ja nicht in rechtliche Probleme bringen, zumal sich ein Steuerberater in denen auskennen wird.
Er ist mir zuwider.
Ich werde über diesen Ekel hinwegkommen; dann werden wir, sie und ich, uns auch wieder begegnen können. „Ich will nicht, daß Sie so von ihm sprechen!” Allein dieser Satz zeigt, wie nötig unsere Trennung ist.
*


Es sollte ein Waschtag werden, schrieb ich ganz oben. Ich hatte den Rucksack mit dem schmutzigen Zeug schon vollgestopft, war auch schon zum Waschsalon geradelt. Er war zu. Also radelte ich zu dem nächsten mir bekannten. Der war ebenfalls zu. So daß mir nichts andres übrig blieb, als unverrichteter Dinge zurück in die Arbeitswohnung zu radeln. Dort zerrte ich die schmutzigen Sachen aus dem Rucksack wieder raus und plazierte sie unter einem der Regale in der Küche – dort, wo auch die Isomatten liegen und die Tüten für die Reinigung. Dann bereitete ich mir den zweiten Latte macchiato und setzte mich für dieses Abschiedsjournal an den Schreibtisch.
Wo dieser Tag, der letzte dieses Jahres, dann doch zum Waschtag wurde.

Es bleibt bei den Zeichen.

Wär ich die Farbe

die Deine Lebensjahre dunkelte
wäre die Hand auf den Strähnen

schimmernd drängte dein Name darein
Drohend der Kuß
da er mich nimmt daheim

Offen, wieder, das Fleisch
Zeitvergängnislosigkeit

Glanshaft, bevor wir sie buken
als ich die Farbe noch war
glänzten unermattbar Maronen:

Lebensseelversprochenheit
von Kindern, die noch glauben

dem Währen, weil sie wähnen,
es heile, was dem fernen Paar
von früher, da

im nahen Flur,
unversehens funkelte


Ihr
ANH
15.44 Uhr

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