Schönheit und Manier. Das Cuarteto Casals im Konzerthaus Berlin.
Wieder einmal dachte ich: Die Kunstform des Streichquartetts ist wahrscheinlich die höchste in der Musik. Sie trägt die Utopie und trägt sie aus: Hier gibt es keinen Führer mehr, sondern eine Gleichberechtigung der Stimmen, die freilich völlige Erwachsenheit voraussetzt, sie allerdings auch fordert. Durch Durchsichtigkeit. Keine transparentere Kunstform, keine individuell-innigere im Zusammenspiel. Die Temperamente müssen passen, müssen vor allem vertraut sein miteinander und sich gegenseitig heben und senken, anheben und auffangen, und schützen. Die demokratischste Form der Musik bedarf des Vertrauens. In der Politik tun wir uns klugerweise damit schwer. Aber die Kunst gibt ihr Raum. Beim vor zehn Jahren gegründeten >>>> Cuarteto Casals ist dieser Raum ein Ausdruck, der sich mit Klangschönheit verbindet und dabei etwas übermüpfig Wagendes durchaus nicht ausschließt: hier geht es eben nicht um Correctness. Hier geht es um Interpretation - insofern, als sie eine, vielleicht d i e Form der musikalischen Verlebendigung ist.
Ein spanisches Quartett, man hat keine Angst vor der Manier. Muß man auch nicht, denn sie ist es, die aus den Partituren die Tiefen herausholt und nicht „harmonisierend“ über sie hinwegspielt. Das führt selbst bei Mozerts Haydn-Hommage zu einer nahezu modernen Klangentwicklung während der Aufführung, als entstünde das Stück gerade erst. Die ganze Spiellust, die den Jazz auszeichnet, unverhoffte, scheinbare Freiheiten in der spontanen Entscheidung, als könnte man mal eben alles noch umwerfen und neu zusammensetzen, bricht los, ist aber selbstverständlich aufs Disziplinierteste gebunden. Wohl nirgendwo sonst wird die sichtbare Interaktion der Spieler zum Gestaltungsmoment eines Konzertabends, ja führt die Zuhörer in die Raffinessen, auch ins „Gemeinte“ eines Musikstücks hinein. Das klingt auf der Aufnahme viel akademischer als es tatsächlich ist. Die knappen zwei Stunden im kleinen Konzertsaal verfliegen wie nichts, man verflucht die Pause. Wozu eine Pause? Macht bloß weiter! Eine Glücksauschüttung spielt mit der nächsten.
Mozart spielt mit Haydn, Schostakowitsch mit Zigans Volksmusik, Haydn später - in der Zugabe aus dem Es-Dur-Quartett - mit Wiener Schrammerln; Beethoven spielt mit sich selbst und dehnt cavatinen-melosverloren die Zeit. Die späte Kammermusik Beethovens ist ohnedies ein Wunder, die späten Quartett galten einigen Musik„experten“ noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts als Verirrung, mißlungen, an die Taubheit verschuldet. Aber sie sind es, die den ganzen martialen Sinfonieschmock ertragen lassen („einen Beethoven ans Ohr kriegen und nach Polen einmarschieren“ formulierte Pynchon), ja sie von ihrer Martialik eigentlich befreien; man muß Zusammenhänge zu lesen (sie hören!) lernen. Vielleicht gilt Ähnliches für Schostakowitsch, dessen Sinfonien nun noch viel weniger auszuhalten sind als Beethovens – von dessen sechster und seiner fünfzehnten einmal abgesehen. Das Cuarteto Casals trägt die Brüchigkeit dieses ersten, eigentlich doch jugendlichen denkt man, Streichquartetts vor, ohne auch nur einen Moment die Schönheit eines breiten Klanges zu verraten, wie ich ihn zuletzt beim Alban-Berg-Quartett gehört habe und bei den vier Streichern Leonardos (was tun die jetzt? gibt's sie noch?). Und wie deutlich es hier wird, wessen „Erbe“ der nun schon längst verstorbene Alfred Schnittke angetreten hat! die politische Not zur synkretistischen Tugend umzudrehen und in die Form zu heben. Zu wünschen wäre, daß sich das Casals-Quartett nunmehr auch Neuer Musik zuwendet; begonnen haben die Musiker damit schon: im Frühjahr 2010 wird eine CD mit ungarischer „klassischer“ Moderne herauskommen, Bartók, Ligeti und Kurtág.
Der Ruhm des Cuarteto Casals lief ihm voraus: der kleine Saal des >>>> Konzerthauses war nahezu ausverkauft, es hagelte Bravi, wir hagelten mit. Geschickt hatten die Musiker zwei Reißer auf die Zugabe gesetzt. Haydns „Scherz“, vor allem aber Schostakovitschs überkandidelt-verschmitzte „Polka“ ließ solche Bravi schließlich zu, die bei Beethoven seiner Traurigkeit halber, hier der in B-Dur, so wenig angemessen gewesen wären, wie daß man nach einem Requiem klatscht. Aber auch dafür ist uns unterdessen der Sinn ja ans Profane verlorengegangen.
[Nächste Konzerte:
13. Oktober, Salzburg, Mozarteum.
15. Oktober, Barcelona, Auditori – Sala di Cambra.]
>>>> Einspielungen.





















