Psalmen. Stravinskis Neunte von Bruckner unter Lothar Zagrosek. Konzerthausorchester. Konzerthaus Berlin, 4. September 2009.

Mutig das. Sowas hatte ich >>>> dort im Sinn. Nun passierte es. Wie nicht anders zu erwarten, war das Konzerthaus locker besetzt, man kann sich vorstellen, daß es einigem Publikum gegen den Strich ging, das geöffnete Pathosherz einem Stravinski zu öffnen, den man nicht da drinhaben will, wenn man vor allem sowieso schon über sechzig Minuten rührlos dagesessen hatte und sich die Rührung zur Pause anfeuchten will. Gab's nämlich nicht, eine Pause.
Gespielt wurde die Neunte und statt des unvollendeten vierten Satzes (deren Fragmente >>>> Harnoncourt aufs hinreißendste eingespielt und mündlich kommentiert hat) Stravinskis, kann man sagen, Konversions-Sinfonie, die sein Ausdruck (wieder?)gewonnener Gläubigkeit ist. Was auf den ersten Blick irritiert, ist tatsächlich von einiger musikalischen Innenlogik. Dem spätromantischen Gestus, der in der Neunten schroffer und zerrissener losbrüllt als je zuvor - darüber hinaus war nicht-elektronisch kaum hinauszugehen -, folgt eine intellektuelle sich aufs Mittelalter beziehende, dabei mit allen Wassern des Kontrapunktes und den Erfahrungen eines zwischen den beiden Kompositionen stattgehabten Weltkrieges gewaschene, eben nur scheinbar ernüchterte Sachlichkeit; die Chorpartien gehen ins Deklamatorische zurück: Sprechgesang fast, eben n i c h t nüchtern, sondern von einer musikalischen Religionsdemut, die das Kanonische zurückholt und dabei von rhythmisch ausfahrenden Partien kontrastiert wird. Das Kanonische meint hier ein Nicht-Individuelles und deshalb Nicht-Naives; es ist „sachlich“ („abstrakt“), weil das Leid des komponierenden Subjektes nicht mehr der persönliche Weltschmerz ist, der es etwa dem Atheisten Berlioz ermöglicht hat, eines der schönsten Requien zu schreiben, die wir haben: doch ihm wird Religion zum frei disponiblen Material. Indem der Wagnerianer Bruckner diesen Umstand nicht wahrnimmt, verrät er sie fast; Stravinski revidiert genau das. Ich möchte sagen: die unmittelbar auf Bruckner hin aufgeführte Psalmensinfonie läutert die Neunte und erlöst sie von dem Mißbrauch, um den sie ihren Hörer anfleht, der durch das Große Linzer Gefühl momentanerlöst werden will – um morgen dann wieder, derart abtestatet, Waffen in Richtung Sudan verschieben zu können und auch sonst dem Weltelend mit einiger Gleichgültigkeit zu begegnen. Stravinski korrigiert Bruckner. Indem nun beide Stücke direkt hintereinander aufgeführt werden, bekommt des alten Mannes endlicher Aufschrei sein Recht zurück; man hört zugleich die herzregenden Streicherpartien... meine Güte, was hat Zagrosek seine Streicher kultiviert! welch Seide mit einem Mal da ist – und bei den Flöten möchte ich fast von einem >>>> Careddu-Klang sprechen, den die Flötistin gerade hier, beim blechlastigen Bruckner, hinzutut: wirklich Windinstrument)... also man hört die Streicher, auf die die Herzen warten... doch bläst der Stravinski ihnen den metaphysischen Schmock aus den Bögen. Hätte man eine Pause zwischen die Stücke getan, wäre das kaum so zu spüren gewesen.
Zagrosek arbeitet diese Nähe-wider-den-Strich vor allem in den hartrhythmischen Partien heraus: es hat einige Ähnlichkeit, wie beide Komponisten gleichsam in alternierenden Modulen komponieren; das Modulartige an Bruckners Sinfonien wird jetzt nicht mehr als repetierter Stillstand empfunden („bei dem passiert nie was“ moserte ein Cellofreund einst), sondern wie zeitgenössische Kombinatorik. Noch Otto Klemperer hat es nicht lassen können, Bruckner grob zurechtzustreichen. Zagrosek setzt dagegen auf durchglühende Ausführung, zugleich auf Durchhörbarkeit, weshalb etwa die Windinstrumente die Nähe zu Mahlers Naturlauten fast schon vorhergeben (übrigens hört man im dritten Satz, plötzlich aufschreiend, Mahler IV voraus und wiederum bei Stravinski... jesses, das ist doch Ein Musikalisches Opfer??). Umgekehrt gibt der Bruckner Stravinskis Psalmensinfonie die kraftvolle Sinnlichkeit des Frühlingsopfers zurück - „einfach“ erstaunlich. Wenn es stimmt, daß Zagrosek seinen Vertrag nicht mehr verlängert hat, muß man darum mit den Zähnen knirschen: denn hiermit stünde das Konzerthausorchester zusammen mit den ja fortgesetzten >>>> Opernprojekten, am Anfang eines Profils, das zur Ära werden könnte und es ein- für allemal auch gegenüber Zuwendungen der Berliner Öffentlichen Hand zu einem unumgehbaren Faktor machte, die da bis jetzt skandalös knausert - vor allem, wenn man die Zahlen mit den Mitteln für Barenboims Staatskapelle vergleicht. Zagrosek hat begonnen, die Aufführungspraxis „bürgerlicher“ Konzerte zu reformieren. Man müßte darauf fiebern dürfen, wie es damit weitergeht.
Aber „fiebern“, naja, fiebern... is' ja nich'. Dagegen steht schon die Gewerkschaft..., sag'n wa's ma im Orcherstersmitgliedersdeutsch: „dagegen steht der Dienst“. Welch ein Unfug, daß hinzukommende Musiker, die in den ersten beiden Sätzen nix zu tun hatten, erst zum dritten Satz aufs Podium kamen! Die können's so fußspitzisch tun, wie sie wollen, poltern wird es doch. Ästhetisch platt ein Schlag ins Klo. Und warum müssen dreivier Blechbläser, bevor der Stravinski beginnt, der ja doch unmittelbar folgen sollte, noch umständlich Reise nach Jerusalem spielen? Verstocktheit von erwachsenen Kindern, die nicht wollen und das Familiengezacker zuschauenden Nachbarn petzen. Was bloß auf Kosten der Aufführung geht und letzen Endes selbstschädigend ist, denn verdammt nochmal, zugleich, wie herrlich können diese Musiker spielen! Das spätere Auftreten mag den Dienstregeln entsprechen, vielleicht auch tarifrechtliche Gründe haben. Aber es ist unkünstlerisch. Punkt.*





















