en-passant (Gast) meinte am 2009/05/24 14:26:
...abgebrochener Stummel als Kommentar
Also das Gedicht gefällt mir gut, egal mit welchem Titel – es ist ja auch nur so eine Szenebild, ein „Gelegenheitsgedicht“ hätte man so was früher genannt; der Titel erscheint mir austauschbar wie Titel oft überflüssig sind. Das Sprachbild aber scheint mir etwas einzufangen, es scheint auf der Höhe seiner Anstrengung. (Und, scheiß auf pc: Diese Art Türken habe ich gleich vor Augen, weil es sie eben überall gibt, sie hängen auch hier etwa in der „Rio Rita-Bar“ rum: Sie gehören zum Bild, man könnte auch sagen: zum Kolorit. Das Deutsche ist ja oft ohne das Türkische – und das ist eben auch längst oft „typisch“ - oft gar nicht mehr denkbar!)
Was mich aber mehr an all dem interessiert, ist das Gestammel. (Weniger das nur Missverständliche etwa der Kommentaren, die sich nicht groß um Grammatik kümmern, weil die ihnen bei ihren Sinnbeschaffungsmaßnahmen anscheinend nicht mal einleuchtet: Sie schreiben wie sie sprechen, uneingedenk<>, dass ihre vermeintliche Umgangssprachenbeherrschung selber auch beherrschte Sprache ist, und als mangelhafte sie von daher entmächtigend.)
Spracharbeit aber ist per se oft „aufklärerisch“. Sogar in ihren Formen der Verwirrung. Also auch manchmal als Gestammel.
Wie allerdings einer der Kommentatoren es ausführt: Das ist oft nahe am Pathologischen. Allerdings ist das Pathologische kein Argument gegen die Verwirrung, wo diese selber sich an Hellsichtigkeitsgewinnung versucht (oder sich so einsetzen lässt). Da unterscheiden sich Lesarten bzw. Hirn-Wachheiten und poetische Anklangsnerven. Nicht alle Texte können von allen verstanden werden bzw. - uncorrectly more correct - müssen sie auch nicht sämtlichen Nichtverstehenden in die Planformen ihrer Zugänglichkeit werden. „Ein Gedicht ist kein Blindenhund.“ [Kiev Stingl]
Trotzdem, da Gestammel auch Sprachmächtigeren unterläuft: Wie weit kann man das treiben, wenn in sowohl dem Medium wie dessen implizitem Anspruch es eigentlich auf „Kommunikation“, also auch auf eine „vulgäre“ Verständlichkeit zielt? Die überraschende Wendung, die artifizielle Setzung, sind sie wirklich „Literatur“, wenn sie heute jedermann einfallen können und sich mittels neuer „Sprachspiele“ (L.W.) längst auch die Üblichkeiten erweitern? Oder variieren wir alle immer nur die Chomsky’sche Tiefengrammatik, sind also Gefangene?
Oder andersrum: Das Schreiben wie Sprechen, wie jeder mag – produziert es wirklich mehr Anschlussmöglichkeiten von Verstehen? Anderer als die „Poesie“ hier (die mir auch eher einer klassischen verpflichtet scheint, als dass sie etwas umstürzt [was sie vielleicht nicht will, aber schätzt, dass man es ihr unterstellt])? Ist jeder Insider-Quatsch noch jedem Außenstehenden vermittelbar zu halten?
In diesem Blog stört mich oft der mir künstlich hochgelegt erscheinende Widerstand, die Anstrengung, mich um Verstehen erst bemühen zu müssen, da es mir sonst überall doch so leicht gemacht wird. Mir scheint hier und da weniger Eigensinn der Sprache am Werk als nur „elaborierter Code“, zu viel Auktorialität, zu viel Werkcharakter an der Sprache, die auf etwas anderes als bloß „ihre“ Verständlichkeit zielt. So etwas wie „Der Arndt-Komplex“ (zugegebenermaßen einer meiner Favourites) schien mir da auf gewisse Weise, obwohl konventioneller in der Form, doch weiter. Und kann man noch auf „Kunst“ zielen in einem Medium, das (oder eben dessen Benutzer) die Grenzen des Gestammels nicht immer erst einmal wieder genauer zu bestimmen versuchen, d.h. in ihren jeweiligen Auffassungen nicht aneinander vorbei reden? Die Pluralität der Stimmen – franst sie längst oft zu sehr aus?
Ich bin selber im Zwiespalt: Ich misstraue zunehmend dem Pathos der „offenen Form“. Aber seltsam, auch das geht mir gerade auf: Viel lieber als „Big Sinn“ wäre mir oft nur noch ein einigermaßen inspiriertes Gestammel!
&nbs;
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/pop/#5717878
slipvisitor (Gast) antwortete am 2009/05/24 14:47:
@ en passant
sie schrieben"uneingedenk<>, dass ihre vermeintliche Umgangssprachenbeherrschung selber auch beherrschte Sprache ist, und als mangelhafte sie von daher entmächtigend.)"
was wollen sie denn damit wem unterstellen, en passant.
mir gefällt alleine schon der von ihnen benutzte ausdruck beherrschung nicht.
ich ersetze diesen mal durch die wortneuschöpfung > bemenschung.
man bemenscht dann umgangssprache, man hat also umgang.
( >> umgänglichkeit, man kann umgehen / umhergehen o.ä. )
dem gegenüber abzusetzen wäre fachsprache finde ich.
aus in der regel allgemeinverständlichen, restringierten codes werden elaborierte
codes.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/pop/#5717908
albannikolaiherbst antwortete am 2009/05/24 14:50:
"bemenschung".
Das ist jetzt wohl n u r noch peinlich.Eröffnen Sie Ihren eigenen Blog, bitte. Wer Sie weiter lesen mag, wird Ihnen dahin folgen.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/pop/#5717912
Joula (Gast) antwortete am 2009/05/24 14:51:
@en passant
(All)Gemein-verständlicheit der Sprache ergibt sich im gesprochenen Alltag nicht aus der Sprache allein. Eine Vielzahl von nichtverbalen Entäußerungen begleiten den Sprechenden oder das Sprechende. Ein Zucken der Mundwinkel, eine Färbung der Stimme usw... Ausserdem ist Sprechen im Alltag immer eine Bedarfshandlung. Das Sprechen will zumeist auf etwas Naheliegendes hinaus. Zum Beispiel: Gib mir Feuer. Und dabei habe ich schon eine Fluppe im Mund.Von dieser Art sind viele Gespräche. Auch wenn sie von Abwesendem handeln, "zeigen" sie auf etwas Naheliegendes und sei es den Zuhörer.
Wenn ich jetzt einen Text schreibe, der nur in der vom Bedarfssprechhandeln losgelösten Form auf dem Papier existiert, muss ich, um verstanden zu werden einen "Sprachbedarf" plausibel machen. Also warum ein Gedicht schreiben, anstatt schweigen. Das ist die erste Frage, die sich jeder Schreiber zu stellen hat. Die Plausibilisierung der Antwort auf diese Frage macht für mich zu 50 Prozent einen guten Text aus. Wenn diese Plausibilisierung nicht stattfindet, hat es ein geschriebener Text schon schwerer. Also dann müsste er so geschrieben sein, dass er Eigenkitzel entwickelt und man ihn dann aufhebt als sei dieser Text etwas, dass man sehr lange schon vermisst hat, und - jetzt - fällt es auf - man braucht ihn. Für mich sind gute Texte Bedarfsanweisungen.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/pop/#5717915
albannikolaiherbst antwortete am 2009/05/24 14:54:
"Bedarfsanweisungen".
Ecco!Anweisungen..
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/pop/#5717916
en-passant (Gast) antwortete am 2009/05/24 16:51:
Mist!
Jetzt habe ich mich durch das Fehlen eines einzigen Zeichens - dem Kursiv-Schlusstag hinter "uneingedenk" - selber desavouiert. Gestammel: Performatives Gelingen? Der Sinn sucht sich selber die Wege... (Sorry trotzdem dafür!) http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/pop/#5718095
en-passant (Gast) antwortete am 2009/05/24 16:58:
Ach ja, zur neuen Version von "Nachtbar" noch:
Ich glaube, ohne "Kultur" ist es besser. Obwohl mir gerade die Provokation in der "Kultur" (auch gegen die sich oft besonders maskulin gerierenden "Türken" ["Lesen ist schwul"] gefiel. Vielleicht gibt es aber manchmal keine Endversionen, immer nur temporäre "gültige" / Teil-Gelingen?
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/pop/#5718105
albannikolaiherbst antwortete am 2009/05/24 17:05:
@en-passant.
Möglich. >>>> Auch hier wurde so etwas bereits erwogen.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/pop/#5718119
en-passant (Gast) antwortete am 2009/05/24 18:35:
"beherrscht" siehe"Welche Sprachen beherrschen Sie"
In der Tendenz wird man sich auf das verlassen, was man zu beherrschen glaubt: "Umgangssprache". In der Annahme der Beherrschbarkeit aber beginnt schon schon das Falsche. Usw.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/pop/#5718236
albannikolaiherbst antwortete am 2009/05/24 18:52:
"In der Annahme der Beherrschbarkeit aber beginnt schon schon das Falsche".
Das entbindet aber nicht von dem Anspruch, es zu können (im Sinn von: in möglichst vielen ihrer Möglichkeiten zu s e i n; wozu zumindest gehört, daß man die Grammatik kennt und anzuwenden weiß). Der an sich richtige Satz ist kein Freifahrtschein für Schludigkeiten, auch dann nicht, wenn bewußt geschludert wird.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/pop/#5718277
en-passant (Gast) antwortete am 2009/05/24 19:24:
@ ANH
Aber wäre der Anspruch nicht (womöglich gar auf Dauer gestellte) Illusion, vor allem, wenn er - mit ein bisschen Gelingen - dahin verführt, sich auf anfängliches Gelingen zu sehr zu verlassen? Klar, das bedeutet erst einmal Lernen, sich des Gelernten zu versichern indem man es anwendet. Aber will es sich dann noch mal verunsichern lassen? (Selbst der Fehler, mit dem man einmal durchgekommen ist, verführt dazu, ihn zu wiederholen.)
Mit den "Schludrigkeiten" bin ich nicht so sicher. ("lichtung manche meinen lechts und rinks...") Wenn sie "bewusst" sind, sind sie dann nicht Erweiterung der Souveränität?
(Wenn auch immer noch nicht Beweis von Beherrschbarkeit. Ich stelle mir immer vor, auch Jandl oder Arno Schmidt sind vielleicht nur durch ihre ersten Vertipper auf einige ihrer Möglichkeiten gestoßen.)
 ?
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/pop/#5718333
albannikolaiherbst antwortete am 2009/05/24 19:29:
@en-passant.
Man kann es sich auch leicht machen. Dieses Argument gehört dazu.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/pop/#5718340
en-passant (Gast) antwortete am 2009/05/24 20:10:
@Joula
Also Plausibilitätprüfung für ein Gedicht... AUCH ein origineler Gedanke. Nur würde solche Prüfungen unseren Kanon wohl sehr ausdünnen. Sind nicht die umraunten "Umnachtungen" letztlich von längerer Halbwertszeit? Das Rätsel führt sicher weiter als die rasch gebrauchs- & abgefertigten Plausibilitäten. Von daher noch mal mein Pladoyer für das "Stammeln" - das eben Lyrik ja oft versucht... aber dann doch nur beim kleinen Sinn der - zwangsläufig? - zu kurz denkenden Plausibilitäten landet.
Ich glaube Baudrillard schrieb mal, dass das Geheimnis des Schreibens eigentlich darin bestünde, genug Zwischenschritte auszulassen um nicht in der Ärmlichkeit des Aufgehns an Sinn aufzugehen.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/pop/#5718408
Joula (Gast) antwortete am 2009/05/24 21:14:
darauf
würde ich sagen, dass ich Plausibilitäten nicht für Verkürzungen halte. Plausibilisierungen sind doch eigentlich weltzeugend, technikzeugend, und damit weltverlängernd. In der Summe sind sie das. Ich sage mir, ein Mensch, schiffbrüchig, auf einer Insel, überlebt mit einem Büchlein, womöglich, das ihm sagt, wie man Feuer macht. wenn dieses büchlein dann noch poetisch geschrieben ist, ohne unverständlich zu sein, dann ist das großer Text.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/pop/#5718531
diadorim antwortete am 2009/05/24 23:56:
hm, ob mir mondrians broadway boogie woogie wirklich in new york weiter hülfe als stadtplan, man kann da sicher ein paar landmarks eintragen, wenn man vor ort ist, aber, wer weiss, vielleicht ist er auch genauer als der stadtplan je war, enzensberger hatte nämlich ganz und gar unrecht. lernt die bilder lesen, denn die sind genauer als die stadtpläne, wenn man die exaktheit des befindens und nicht die der befindlichkeit meint. (ich sollte was mit sprache machen...)
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/pop/#5718819





















