Nüchternheit als Abwehr. Bamberger Elegien (115). Arbeitsnotat.
Der Gedanke schält sich als e i n Zentrum der Elegien heraus: Er-Nüchterung als das, was uns verarmt. Momentlang hatte ich die Idee, in die pathetischen Verse Schlagzeilen einzumontieren, völlig unrhythmisiert, einfach so, wie ich sie vorfinde: Regierungswechsel, Verkehrsunfälle, etwas Kriegsstatistik, auch Anzeigen usw., um den Elegien ihre Schwere zu nehmen; es nähme ihnen aber auch die Süße. Vor allem wäre es für >>>> das Pathos kontaproduktiv, würde es neuerlich ironisieren, was ich ja gerade nicht will. Für die Ironisierung >>>> sorgen schon andere, das muß man nicht präventiv voranexezieren; es wäre zu einfach und genau d e m Prozeß auf die Schippe gesprungen, dem ich hier widerschreibe und gegen den ich auch persönlich anlebe. Ich will Liebesverhältnisse nicht als Beziehungen leben, schon gar nicht „Beziehungsarbeit“ leisten, weil bereits diese Begriffe etwas instrumentalisieren und, als wäre Liebe eine Frage der freiwillentlichen Entscheidung, nach Jux und Bedarf hin- und herrückbar machen, das im Moment, da es einen ergreift, von unmittelbarer Gewalt und eben n i c h t sozial ist. Das heißt nicht, es gäbe keine Gründe für etwas, das uns geschieht („widerfährt“!); die gibt es selbstverständlich immer, aber indem wir sie technisch interpretieren, schieben wir es auf Distanz. Genau das ist die nüchterne (pragmatische) Abwehr; sie mag vor vermeintlichen oder tatsächlichen Katastrophen schützen, aber betrügt uns um die Ekstase. Ekstase bedeutet „aus sich heraustreten“; legt man die kirchenchristliche Bedeutungsherkunft einmal beiseite (das Heraustreten der Seele aus dem Leib), ist sie der direkte Gegenpol von Autonomie. Geschlechtsakte sind in ihren Höhepunkten ekstatisch; Frauen schreien und jammern dann, als würden sie verprügelt (daher „Urszene“), manche Männer auch. Wenn wir verliebt sind, sind wir romantisch, prinzipiell; sind wir es nicht, sind wir nicht verliebt. Sich zu verlieben, ist aber ein allgemeines Prinzip, ein Geschehen querdurch die Kulturen, eine Form des Gehirns, die sexuellen Auslöser, Pheromone usw., kulturell zu codieren und aufzuladen - je nach Distanzgrad des Betrachters: kulturell zu erhöhen oder zu überhöhen; der Distanzierte erlebt es aber schon nur noch uneigentlich, d.h. er i s t dann gar nicht mehr verliebt, hat die Verliebtheit abgewehrt. Ich darf also nicht ironisieren, auch nicht in der modernen, autoaggressiven Form des „Trash“s, sondern muß strikt in den pathetischen Formulierungen bleiben. Die hier in Der Dschungel gegen meinen Ansatz losgaloppierende Kritik zeigt, wie genau ich in das Zentrum der Abwehr treffe, das „Skandalöse“ an meinem Verfahren ist, daß ich durch das Bild des Menschen, der sich selbst disponibel sei, einen dicken Strich mache. Es wäre dies nicht skandalös, wäre ich sentimental, bzw. christlich oder sonstwie esoterisch orientiert oder gehörte dem Kreis von Autorinnen und Autoren an, die sich dem sogenannten Kitsch verschrieben haben; das liefe dann unter „Erbauung einer Zielgruppe“, und keiner regte sich groß auf. Ich bin aber Determinist, bin nicht sonderlich gläubig, theoretisiere gerne und oft, meine Bücher, jedenfalls die Romane, haben durchweg ein intellektuelles Publikum, und ich bin technisch stark affiziert, etwa gegenüber dem Internet. D a löckt der Stachel. Er sticht die zivilisierte Schale des „Modernitäts“-Eies auf, kündigt den Konsenz.
>>>> BE 116
BE 114 <<<<





















