albannikolaiherbst meinte am 2009/06/19 09:53:
NYC-KOmmentare 9)
9.Zu http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/alban-herbst-new-york-manhattan-roman-kapitel-36-37/
Gestern Abend
wollte ich unbedingt noch Alban Nicolai Herbst lesen.
Seinen New York Roman.
Es wurde sich hier in den letzten Tagen über Adjektive beschwert, aber das trifft es wohl nicht. Es sind gar nicht die Adjektive, die so sehr stören.
Aber gestern war ich hungrig nach Melodie und Sprache, nach Dichtigkeit, nach Sätzen und Klängen nach verbaler und seelischer Kameraführung wie dieser hier:
"Es war niemand anderes auf dem Friedhof als die drei Frauen und das Kind, das heißt, die Witwe und der Knabe, die knieten, und, etwas hinter ihnen, die beiden anderen Frauen, die standen, ihre Handtaschen und ihre zusammengeklappten Regenschirme in der Hand, regungslos, ihre Lippen, regungslos in den regungslos zerfurchten Gesichtern, ihre Augen von Tränensäcken unterstrichen, rosa umrandet, fayencefarben und versiegt."
(dreimal regungslos - und es stört nicht, warum?)
oder das hier:
"Obwohl der Sommer gerade erst zu Ende ging, regnete es viel. Es regnete auf die Mauerwände der aufgeschlitzten Häuser, deren pastellfarbene Tapeten nach und nach abblätterten, es regnete auf die glatte, graue und träge Fläche des Flusses, auf der die Tropfen silbrige Kringel aufplatzen ließen, es regnete auf die graue Landschaft, den Ring der Hügel, unter denen die zerfetzten Körper der dreihunderttausend Soldaten verwesten, auf die grauen Felder, die grauen Häuser - oder vielmehr das, was von ihnen übrig geblieben war, das heißt, als wäre alles, Hügel, Felder, Wäldchen, Dörfer aufgerissen oder vielmehr zerschunden worden von irgendeiner riesigen holpernden Egge mit bald auseinanderstehenden, bald engstehenden Zähnen, die nichts anderes hinter sich zurückgelassen hatte als ein paar Mauerwände und ein paar verstümmelte Baumstämme, manchmal auch ein Haus oder eine Gruppe von Häusern. (oder ein Baum oder eine Gruppe von Bäumen) unversehrt, ungewöhnlich, um die herum (oder aus denen) in Zeitlupe ein larvenhaftes oder vielmehr elementares Leben zu quellen schien, trübseelig, gleichsam abgestumpft, diesseits und jenseits einer Zone, wo kein Baum, kein Grashalm, außer Brennesselbüschen, nachgewachsen, kein Acker bestellt worden war, wo der Stein nur im Zustand unförmiger Anhäufungen existierte und der Boden nur eine Folge mehr oder weniger breiter, ineinandergreifender, mit modrigem Wasser angefüllter Mulden war, denen Mückenschwärme entstiegen."
Leider sind diese Sätze nicht von Herrn Herbst. Sie sind von Claude Simon, aus der "Akazie". Übersetzt von Eva Moldenhauer. Und sie sind ungefähr 80 Jahre alt. Ich versinke immer wieder in Ihnen.
Herbst schreibt dann 80 Jahre später, solche Sätze:
"Auch sonst saßen überall Leute herum, die nicht vorhandene Tschinellen aufeinanderschlugen oder zwischen ihren Beinen ein unsichtbares Cello hielten; eine Asiatin hatte sogar einen Hocker mitten auf die Straße gestellt, kauerte vorgebeugt drauf und hieb in Tasten, die es nicht gab. Was Straßenmusikanten und jene unter Tage aufspielenden Musikstudenten anbetraf, die sich in den Gängen der Subway ihre Bakschischs verdienten, so wollte es mir scheinen, als probten alle dasselbe Stück. Die Beobachtung machte mich durchaus nervös; ich wußte einfach nicht: Bildest du dir das ein? In jedem Falle schien sich ein subkutanes StadtNetz zusammenzuziehen, Adern und Venen aus Hunderten miteinander verknüpfter Seelen. Nicht alle Bewohner Manhattans merkten das, und alle sollten das auch nicht merken, nicht das Ausmaß dieser Verschwörung jedenfalls. Denn eine solche war in Gang. Sie fokussierte offenbar outlaws auf ein gemeinsames, besonders denen Lust verheißendes Ziel, die die Quality of life campaign verfehlte, ja, ganz im Gegenteil, deren unregulierte Leben - ein Pleonasmus - in Gefahr geraten waren, von der allgemeinen New Yorker Disneyfizierung suizidiert zu werden.
.....
Hm.
Leser (anonym) antwortete am 2009/06/06 17:02:
Wie kommen Sie auf achtzig Jahre?
Vor achtzig Jahren war Claude Simon 16. L'Acacia ist 1989 erschienen, vor zwanzig, nicht vor achtzig Jahren. Herbst hat seinen Roman elf Jahre später geschrieben, wenn seine Angabe im Titel stimmt: http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/in-new-york-roman-alban-herbst/. Folglich schrieb Simon seinen Roman mit 73, Herbst den seinen mit 43. Ich verstehe auch den anderen Zusammenhang nicht, oder meinen Sie einen des Gegenteils? Simon betrachtet einen Friedhof, erst einen richtigen, dann eine Gegend, die Friedhof ist. Herbst betrachtet, denke ich mir, etwas ganz anderes. Er scheint sogar von einer Utopie zu erzählen, überall musizierende Menschen, wo für Simon gar kein Utopisches mehr sein kann, sondern das Gegenteil eines utopischen Lebens entsteht, was er elementares Leben und trübselig nennt. Der Ansatz, mit der Sprache umzugehen, ist aber sehr ähnlich.
Person (anonym) antwortete am 2009/06/06 17:33:
Ja,
Ihre numerischen Nachrechnungen scheinen zu stimmen. Ich bin eine Mathe-Null, huch ein Wortspiel.
Danke, sehr sehr ähnlich, dass war es ja, was zum Vergleich anregte, und zugleich aber dann auch mir noch einmal den Zauber von Sprache bei Simon offenbarte, dem Original. Wie er über Landschaften streichelt, auch wenn sie verheerte sind. Und dann die Anordnungen mit den Kommas der Figuren bei dem Satz auf dem Friedhof. Wie Kommas Menschen gruppieren können. Total schön.
SabineA antwortete am 2009/06/06 17:54:
@Person und leser
ANH schreibt so über menschen. Ich habe eben den kommentar da http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/mein-waggon-ratterte-in-die-stadt/#5724937 rausgesucht, wo das einem aufgefallen ist. Es geht um die stelle mit den fingern. Im sizilienbuch macht er das aber auch mit der landschaft. Mich wundert das, dass er sich eigentlich nie auf claude simon bezieht. Vielleicht hat er ihn gar nicht gelesen, so dass das ein zufall ist. Ich glaube aber natürlich gar nicht an zufälle. Mir persönlich gefällt besonders diese stelle, das ist typisch anh, wenn man mehr von ihm kennt: "wo sich eine ganze Gruppe von Obdachlosen auf einer Wiese zu GesualdoChorälen zusammenfand." Natürlich ist das dann wieder ganz anders als simon. Aber auch total schön. "auf einer Wiese zu GesualdoChorälen" schwingt so in der bedeutung. Ich hätte das aber lieber "Gesualdo-Chorälen" geschrieben.
Leser (anonym) antwortete am 2009/06/06 17:59:
Nikolai außerdem mit k, nicht mit c. Aber zu den Kommata: Herbst macht was anderes, indem er sie in den so vielen Aufzählungen einfach weglässt. Das nimmt die Gruppierungen weg. Damit geraten Häuser in die Bewegung von Menschen. Auffällig, finde ich.
Person (anonym) antwortete am 2009/06/06 18:07:
@Sabine
Bei Simon liest man ebenfalls umfassende Bahnhofsszenen. Auch geschilderte Zugfahrten. Was Claude Simon aber doch gut beherrscht, wie er seine Sprache der Landschaft und der Bewegung einschmiegt, das ist schon toll. Wobei man hier ein Kompliment der Übersetzerin machen muss. Die Sprache wird zur Landschaft das rührt an. Bei ANH bleibt die Sprache doch stark beim Erzähler. Simon lässt die Eindrücke sprechen. Bei ANH liest es sich mehr als Besprechung, wie so eine Art Kritik auf Distanz. Kommt sicher von seiner Vorliebe für Opern.
Person (anonym) antwortete am 2009/06/06 18:25:
Das Kunstvolle
an so einem Friedhofs-Satz von Simon/Moldenhauer ist ja die Statik, die sich trotz komplizierter Zeichensetzung herstellt. Ein nicht einfacher Satz, der aber ein ganz statisches Bild entstehen lässt. Eine Pieta, die dann am Schluss noch einmal gekrönt ist mit dem Ausklang: "fayencefarben und versiegt." Sogar klanglich. Toll. Große Kunst.
SabineA antwortete am 2009/06/06 18:26:
@Person
Empfinde ich etwas anders, aber das muss vielleicht auch sein. Ich weiß nicht mehr, wer das geschrieben hat, aber bei anh bleibt new york immer in so einer perspektive der fremdheit, was ein anderer touristisch genannt hat, aber den versuch, über die fremdheit wegzukommen. was nicht geht, wenn das gar nicht eindeutig ist, wer die eindrücke hat. sogar der erzähler wird weggerückt. Bei simon stellt sich eine vertrautheit her, bei anh bleibt es fremd. Er lässt die fremdheit stehen, vertrautheit kommt über was ganz anderes. Mir wird zb der erzähler immer fremder. Deshalb glaube ich auch nicht, dass die sprache bei ihm bleibt, das kann sie gar nicht. Das täuscht nur, was an so sachen wie diesen zusammengeschriebenen hauptwörtern liegt, die ich unglücklich finde.Aber für mich ist das eine macke, über die ich weglese, weil ich mich irgendwann dran gewöhne. Vielleicht sagt anh selbst mal was dazu
Leser (anonym) antwortete am 2009/06/06 18:41:
Genau, Statik. Bei Herbst Bewegung.
"Pietà" ist ein ganz vortrefflicher Ausdruck für das, was bei Simon entsteht. Simons Sätze sind sehr lang, Herbsts meistens kurz. Bei ihm ist etwas Getriebenes, Simon ruht. Aber das ist der späte Claude Simon, das darf man nicht vergessen. Deshalb habe ich vorhin die Zeit korrigiert. Ich finde, daß Herbsts Beschreibungen den Plot zugleich überspielen und heimlich durchdrücken. Es könnte irgend eine Großmetropole sein, es müßte nicht New York sein. Sie können das als Schwäche sehen, man kann aber auch sagen, daß Herbst die Austauschbarkeit thematisiert, daß aber vielleicht das, was er eigentlich erzählt, nicht austauschbar ist. Ich weiß noch nicht mehr von dem Roman, als jetzt da steht. Wahrscheinlich kommt es darauf an, wie sich das auflöst und ob es sich auflöst.
Person (anonym) antwortete am 2009/06/06 19:23:
@Leser
Na gut, es ist wahrscheinlich auch ungerecht, hier einen Großmeister zum Vergleich heranzuziehen.
Simons Ruhe, seine Rhythmik, die Sprache, scheint hier wie ein Auge, aber doch als ein gütiges Auge über ein ganzes Jahrhundert zu gleiten. Sein Blick behält, inmitten erinnerter Schrecknis und all der Details etwas Zugewandtes; dieser Blick schaut und versucht ein Erkennen oder Verstehen, ist menschliches Gedächtnis, das wie so ein weicher oder milder, ganz leicht unschlüssiger Nachwind, nach einem Hurrican in eine von ihm selbst schwer verwundete Landschaft hinein weht, wie heilen wollend, aller erste Hilfe vor Ort nach einem schweren Unglück, oder wenigstens eine, in diesem Erinnern, unmögliche Entschuldigung anbietend.
albannikolaiherbst antwortete am 2009/06/06 19:25:
@Person.
Erst einmal danke für Ihre Eindrücke. Ich notierte eben schon >>>> im Arbeitsjournal (19.01 Uhr, zweiter Absatz), daß mich der Vergleich schon ehrt; Sie hätten weißGöttin eine geringere Meßlatte anlegen können. Tatsächlich habe ich Simon bis heute nicht gelesen, obwohl mich >>>> mein Übersetzer bereits mehrmals auf eine ähnliche Haltung hinwiese. Ich habe es seiner Hinweises wegen ganz bewußt gescheut, Simon zu lesen, und das bis heute auch noch nicht getan. Wobei ich die Einschätzung der von Ihnen eingestellten Zitate völlig teile: große Kunst, unbedingt ja. Mir ist nur nicht klar, wieso Sie meinen, daß der distanzierte Character meiner Beschreibungen (den ich so distanziert gar nicht finde) an meiner "Vorliebe für Opern" liege. Gerade Opern heben Distanzierungen a u f, jedenfalls in aller Regel und in dem Segment, das man ungenau das "klassische" nennt.
NACHTRAG: Ich lese gerade Ihren letzten Kommentar; da schreiben Sie es eigentlich selbst: "n a c h einem Hurricane". Ich möchte erzählerisch gerne m i t t e n im Hurricane sein, mir geht es n i c h t um Heilung, auch nicht um Abfindung, sondern darum, die Phänomene, während sie sind, zu spüren und d a s zu formulieren. Als ich die Simon-Zitate las, dachte ich: er blickt zurück. Ich will im Moment sein und eher nach vorne als zurück sehen. Versöhnung, Ausgleich, Milde - all das sind "Dinge", mit denen zumindest meine Prosa überhaupt nichts zu tun haben will - unabhängig davon, daß ich das bei anderen Autoren nicht nur akzeptiere, sondern auch sehr schätzen kann.
albannikolaiherbst antwortete am 2009/06/06 19:37:
@Leser.
Es könnte irgend eine Großmetropole sein, ja, genau, aber es muß eine sein, die dem Erzähler prinzipiell fremd ist. Aus der Perspektive des Fremden, die man sowohl boshaft als auch faktisch berechtigt eine touristische nennen kann, erzähle ich überaus gerne; immer wieder reise ich an Orte, w e i l sie mir fremd sind, vielleicht weil ich glaube, daß man, was man ist, n u r in und gegenüber der Fremdheit spüren und dann auch formulieren kann. Vertrautes ist viel zu kuhwarm. Wobei "touristisch" in meinem Fall nie bedeutet: gesicherter Tourismus. Der läßt einen nämlich Fremdheit schon gar nicht spüren. Sondern ich meine - und praktiziere - einen Tourismus, der schon ökonomisch immer ins Risiko läuft. Tourismus in meinem Sinn bedeutet schlicht "auf Tour" zu sein. Man muß mit dem Begriff sehr aufpassen, weil sein Bedeutungshof etwas völlig anderes suggeriert.
albannikolaiherbst antwortete am 2009/06/06 19:46:
@Sabine.
Sie legen sich ja richtig ins Zeug! (*lacht).
Zu den Komposita: Ich bin mir da unterdessen selbst unsicher geworden, behalte sie aber bei, weil ich sie auch im Buch stehen habe. Hergenommen war es von Döblin, in der >>>> ANDERSWELT-Trilogie hat das eine strukturierende Funktion, die mit Dinghaftigkeit zu tun hat: die Begriffe rücken wie Dinge ganz nah aneinander. Im New-York-Roman stört mich das mittlerweile auch, aber ich weiß keine Rechtfertigung, es wegzunehmen, wenn dieser Roman andererseits eng an ANDERSWELT angedockt ist; ANDERSWELT spielt in einer synkretistischen Megastadt, die sich - mit Ausnahme von Buenos Aires - aus sämtlichen mir bekannten Städten zusammensetzt; man kann sagen, daß NYC ein Stadtteil von Buenos Aires ist. Deshalb wurden die meisten aus ANDERSWELT stammenden Sprachverhalten übernommen - zumal ich, als ich den New-York-Roman schrieb, parallel am zweiten ANDERSWELT-Band saß.
Nur, weil Sie gefragt haben.
Person (anonym) antwortete am 2009/06/06 20:17:
Keine Milde.
Anrührend, was sie zu bedenken geben, während ich Simon nachlausche und zugleich erwäge, dass Remarque ein Buch über den 1. Weltkrieg geschrieben hat aus der Perspektive von jemanden, der im Hurrican war. Es trägt ja den Titel "Im Westen nichts Neues." Der sich also mitten in einem stürmischen, wirklich stürmischen Jahrhundert ...
Dann schildert Simon in der Akazie auch ein längeres Maschinengewehrgefecht auf einer Straße...im Ton eines unbeteiligten Beteiligtseins, schwer fassbar, doch umso bedrohlicher. Die Distanzen vor allen in den Gefechten. Man wird beschossen, aber es hat auf Entfernungen von 2000 Metern etwas Gleichgültiges, maschinelles, man "befindet" sich mit irgendwem im Gefecht, aber man sieht niemanden, kann also auch keine Wut oder Betroffenheit entwickeln, höchstens, dass man getroffen wird, dann fällt irgendein Mann um, der an einem Hänger gestanden hat. Das ist so dieser Hurrican, den Simon beschreibt. Mitten drin sozusagen.
Vielleicht zeichnet es sich so, dass man einer Sprache anmerkt, dass sie etwas "will". So wie sie sagen: Sie wollen mit "Dingen" nichts zu tun haben. Hatten wir alle nicht, wir hatten mit dem Krieg nichts mehr zu tun, und wohl selten mit Hurricans, sind verschont geblieben. Nun wollen Sie über Hurricans schreiben, und deshalb meinte ich vorhin vielleicht, dass das ein wenig opernhaft herüberweht, aber das bleibt nur der Eindruck im Vergleich mit dem Jahrhundertauge von Simon
Aber letztlich kann sich Ihr Konzept nur in der Perspektive Ihres Jahrgangs verankern, und das ist sicher eine unberührte, berechtigtermaßen, sozusagen in einer von Hurricans verschonten gemäßigten Klimazone.
albannikolaiherbst antwortete am 2009/06/06 21:17:
@Person. A n d e r e Hurricans.
Sie vertreten eine Position in Hinsicht darauf, wer etwas zu sagen habe; ich ahnte das schon: Sie positionieren hier eine Erzählgrund-Dignität, gegen die jeder "verlieren" muß, der nicht Greuel am eigenen Leibe erfahren hat; d.h. Sie favorieren ein realistisches Erzählkonzept.
Unsere Hurricans sind aber andere, sicherlich keine, bzw. noch nicht wieder solche des Krieges. Wiewohl ich in Kriegsgebiet ja gewesen bin, wiewohl ich in Hungergebiet gewesen bin, wiewohl ich 1986, auf dem Höhepunkt der ANC-Aufstände, mit meiner Gefährtin durch die Homelands ge"tourt" bin, wiewohl ich mehrfach direkt auf ausbrechenden Vulkanen stand: ich habe also zumindest eine Ahnung. Doch davon abgesehen, gibt es auch Hurricans der inneren Unsicherheit: einer einerseits zerfallenden, andererseits zunehmend durchregulierten und zugleich bedrohten Zivilisation; Hurricans des Zerfalls der Vorstellung des autonomen Subjekts... das sind sicher psychische Hurricans, und ich will sie auch gar nicht mit denen von Kriegen vergleichen; einfach, weil sie unvergleichbar s i n d. Dennoch sind es welche. Das mag für sudanesische Bürgerkriegsopfer luxuriös sein, doch Leiden und Lust sind relative Empfindungen und Gefühle. Ich glaube, hier Wertigkeiten auszuspielen, liegt neben allem, was Kunst ist. Da würde Ihnen ganz sicher auch Claude Simon nicht folgen. Er wäre wahrscheinlich auch verschreckt, wenn er Sie und vom "Jahrhundertauge", das er habe, läse. Ich halte das für eine Projektion. Die man werfen kann, klar, aber sie bleibt ein subjektiver Prozeß. Der andere Konzepte, etwa dekonstruktivistische wie von Jean Echenoz oder die phantastischen Pynchons, nicht nahkommen läßt.
Person (anonym) antwortete am 2009/06/06 21:59:
Da ist Ihnen sicher beizupflichten. Es soll auch ohne Krieg geschrieben werden. Ganz unbedingt. Es war mir nur Ihre Vehemenz von "ich will keine Milde" im Ohr. Eine Abstoßung, die Sprache im Grunde nicht nötig hat.
Wobei ich die Unschuld im Ton, das letztlich von elementaren Untiefen Unberührte in ihrem Konzept sympathisch finde, das Geborgene und Unbedrohte, man hat da in diesem Sprachgang oder Stadtgang nichts zu befürchten, und das ist letztlich auch absolut angemessen.
Eine solche erfahrungssatte schmerzsaftige Mächtigkeit wie bei Simon, dieses beinahe schon brutal genau Ausgeschmiedete, das überwältigt mich auch oft genug über Gebühr. Oje, er fände mein Pathos , da haben sie Recht, sicher ganz unangemessen.
Knurm (anonym) antwortete am 2009/06/06 22:47:
@Person
Vielleicht haben Sie da nichts zu befürchten, vielleicht aber jemand anderes, der dafür nichts von Claude Simon zu befürchten hat. Wie Sie lesen oder jemand anderes liest, hat doch vor allen Dingen einmal damit zu tun, welche Erfahrungen in einem berührt werden von einem Roman. Das können doch auch Erfahrungen von etwas sein, das einen begeistert hat. Warum soll man überhaupt etwas zu befürchten haben? Sie stellen da beide einen Anspruch an Literatur, den ich fragwürdig finde. Anscheinend sind Sie sich da einig. Aber wenn ich an Malerei denke zum Beispiel Monet, was habe ich da zu befürchten oder was habe ich bei Joseph Buys zu befürchten?
Person (anonym) antwortete am 2009/06/06 23:11:
@Knurm
Gemeint hatte ich, dass mir das leichte, also dieses Plätschernde im Grunde verträglicher ist für alle Tage. Die Wucht und die durchgestylte Feierlichkeit eines Simon, die mich allerdings mit einer mich auch schwer einsaugenden Phantastik einer imaginativen Sprachkraft in die Abgründe oder sagen wir in die "Phantastik" einer unguten, eher zeugnishaften Realitätserfahrung" hineinzieht, die man durchaus fürchten kann, kann ich hingegen nur in besonderen, ausgesuchten Momenten mir geben. Ein Claude Simon ist für mich - um in Herbst Bildern zu bleiben - ein schwer gereifter anspruchvoller Taliskerwisky, der mir geschmacklich, spirituell und geradezu körperlich eine besondere Aufnahmeverfasstheit einfordert.
prunier (anonym) meinte am 2009/06/07 17:47:
der Standpunkt des Übersetzers
Als Übersetzer dieses Romans möchte ich sagen, dass der Vergleich mit Claude Simon mich wie einen Schlag getroffen hat. Als ich nämlich gebeten wurde, „In New York“ zu übersetzen, habe ich eine Woche Überlegung verlangt, um eine Antwort zu geben. Der Roman war mir im Ton so neuartig, dass ich zögerte. Und ich kam auf die Idee Claude Simon wieder zu lesen, um mir Mut zu geben (Es waren so viele Beschreibungen, dass es mir zu der Zeit auf der Hand lag). Alle Kommentare, die die Leser gemacht haben, sind deswegen für mich spannend. Denn nach der Lektüre von „L’Acacia“ und „La Route des Flandres“ (hier spielte wohl in meiner Wahl dieses Romans die reizende Novelle von ANH: „Die Orgelpfeiffen von Flandern“), und dank dieser Lektüre, fand ich den Mut um ANH’s Roman zu übersetzen. Was sie gemeinsam haben, ist die Art und Weise, wie sie die Beschreibung in die Handlung integrieren; beide sind sehr geschickt und haben damit etwas Ausserordentliches geschafft. Dieser Vergleich scheint mir aber jetzt sehr oberflächlich. Die Unterschiede sind viel interessanter.
Den Unterschied zwischen den beiden grossen Romanschriftstellern werde ich so kurz zusammenfassen: Simon ist ein Maler und ANH ist ein Komponist.
Claude Simon zögerte lange: war er ein Maler oder sollte er Schriftsteller werden? Er war nämlich ein Schüler vom leider vergessenen Maler: André Lhote. Und wenn man die Manuskripte von Simon betrachtet, sieht man ein Bild: er schrieb so klein wie möglich – seine handgeschriebenen Texte sind kaum leserlich –, um soviele Wörter wie möglich(manchmal waren es nur Silben) auf das weisse Blatt zu schreiben. Und dann füllte er die Lücken aus.
Alban Nikolai Herbst hat wohl den Roman leitmotivisch konzipiert. Ich bin dem Text so nah gewesen, dass ich manchmal den Eindruck hatte, ein Instrumentspieler oder ein Dirigent zu sein, was der Grundthematik des Romans entspricht ( Inhalt und Form gehen perfekt einher; die Handlung ist uns ein Wegweiser für die Lektüre selbst). Ich habe mich sehr gefreut, diese Musik nach und nach zu entdecken und kam auf die Idee, es handle sich um eine Rhapsodie. Ein Beispiel: Skype erscheint in den ersten Seiten und spielt am Ende die Hauptrolle. Die Ich-Personen wechseln wie Themen, die sich kreuzen. Es heisst nicht, dass ANH kein Maler ist oder dass Claude Simon kein Komponist ist. Sie tendieren beide aber nach der anderen Kunstform: ANH nach dem Visuellen, Claude Simon nach der Musik. Sie kommen beide von entegegengesetzten Richtungen und streben nach der anderen Kunstform.
Ich glaube nicht, dass Simons Alter eine Rolle spielt, denn er hat immer wieder denselben Roman geschrieben: diese Monotonie ist seine Stärke, und man kann sagen, dass er immer wieder dieselbe Geschichte schrieb; 1940 war er Reiter in der Armée Française und wurde gerettet (alle anderen wurden getötet), weil das Pferd nicht richtig gesattelt worden war und als die Gewehrmachine einsetzte, rutschte er und kam heil davon. Selbstverständlich hat er andere Themen hinzugefügt, aber dies ist sein Grundexperiment (Urszene? !). Das kann man nicht von ANH’s Fiktionen sagen, so verschieden sind ihre Themen.
Bei ANH ist „In NewYork“ total anders verfasst worden: viele Handlungen, viele Themen, viele Personen. Werbeslogane, Inschriften, Plakate, die ganze bunte Realität springt uns in die Augen (Bei Claude Simon findet man überhaupt keine Personen- oder Ortsnamen: écriture blanche). Das braucht ANH um die Fantastik der Erzählung glaubhaft zu machen, und die Musik der Wörter ist eine Art Magie, die uns ebenso fasziniert, wie die Hauptperson (Auge für den Helden, Ohr für den Leser). Die Änderung des Ichs ist ein wunderbarer Trick, wo wir uns betroffen fühlen.
Simon und ANH zu vergleichen ist interessant, um ANH besser zu lesen, aber an sich hat dieser Vergleich keinen festen Grund: sie sind grundverschieden, jeder ist in seiner Art bewundernswert.
Person (anonym) antwortete am 2009/06/07 19:24:
@Prunier
Naja, das ist schon seltsam: Ich würde auch eher von einem Vergleich absehen. Schließlich ist es Simon gelungen, ein Komponist zu werden. Lautlich und Klanglich. Was nach meinem Dafürhalten dem Medium der Sprache wohl näher kommt.
Ihre Kollegin Eva Moldenhauer hat es sehr schön herausgearbeitet ins Deutsche.
Ihr Versprecher "Gewehrmaschine" ist sehr interessant. Weil er nicht falsch ist. Plötzlich wird das Ding weiblich.
Wo es ja im auf Deutsch Maschinengewehr heißt.
cellini antwortete am 2009/06/07 20:36:
@Prunier und Person (anonym)
Von einem Vergleich muß man nicht absehen. Vergleiche ich, versuche ich entweder Unterschiede o d e r Gemeinsamkeiten herauszufinden, auf subjektiver Grundlage, versteht sich. Ich finde bei beiden, Simon und ANH auch noch eine Gemeinsamkeit... bei einigen Texte beider lese ich mich mit atemberaubender Wahrnehmungsschärfe durch jeweils sofort wieder flüchtende Wahrnehmungen. Ein wahnsinnsschnelles Erscheinen eines Augen:blicks, dann für einen Moment die Zeitlupe, die das Bild festhält, ranholt, es für einen Moment still stehen, dann sofort wieder verschwinden läßt, um das nächste zu erzeugen. Es ist diese so vermeintlich flüchtige Wahrnehmung, die summierend erzeugt, was eigentlich garnicht wahrgenommen wird, aber dann trotzdem wahrnehmbar wird, sie wird Bild.
Cypter (anonym) antwortete am 2009/06/07 20:44:
".. bei einigen Texte beider lese ich mich mit atemberaubender Wahrnehmungsschärfe durch jeweils sofort wieder flüchtende Wahrnehmungen."
Was dass zu bedeuten hat möchte ich gerne wissen, also für mich sind dass nur kleine Bläschen die man in die Luft hebt um irgendwie zu gefallen, wie wäre es mit Zitaten von Beiden, wenn schon ein Vergleich getätigt wird. Ein Vergleich lebt auch von Beweisen und nicht von solchen Floskeln.
Ich möchte mich keineswegs in die Reihe der hier manchmal sehr unerträglichen Kommentare einfügen, aber solche Luftbläschen sind es dann aber auch nicht.
Wie leicht schreibt man so etwas dahin, also nehmen wir an, ich schriebe über Herbst und Proust...
"beide klingen wie der Rausch im Abendwind, oder beide nehmen mich ein, packen mich oder, in ihnen spüre ich das große Verlangen des Liebesschmerz"
Was ich sagen will, dass sind Plattitüden, das waren die Kritiken übrigens auch, aber die Lobeshymnen sind fast noch unerträglicher
parallalie antwortete am 2009/06/07 20:59:
"Die Schilderung des Verwirrens ist nicht dasselbe wie eine verwirrte Schilderung." Benjamin, Zentralpark
Person (anonym) antwortete am 2009/06/07 21:36:
@cellini
Simon mit Herbst vergleichen? Irgendwo müssten da qualitative Niveaus stimmen. Das sehe ich nicht so optimistisch.
cellini antwortete am 2009/06/07 21:47:
@Cyper (anonym)
Dafür, daß Sie lediglich wissen wollen, was das zu bedeuten hat, kommen Sie ziemlich großkotzig daher. Gilt jemand für Sie nur als intelligent, wenn er terminigeschwängert einen Text fachlich analysieren kann?, wollen Sie Fotos von meinen Bücherregalen, damit ich Ihnen beweisen kann, welche Bücher in diesen stehen? Eine einfache, höflich offen interessierte Frage hätte genügt, ich hätte Ihnen ebenso höflich und interessiert geantwortet. Was erwarten Sie jetzt?, doch nicht etwa, daß ich Ihnen bewiesenermaßen jetzt einen Text von Simon einstelle?. Kaufen Sie sich von Claude Simon "Die Straßen in Flandern", und lesen Sie sich den Auszug durch, in dem er von Wack auf dem Pferd sitzend überholt wird, und gerade noch den Boden des beschotterten Weges sehen kann (dazwischen ist aber ziemlich viel Text). Von ANH finden Sie hier genug Texte, damit Sie dann vergleichen können.
Meine eigene Wahrnehmung meiner Art und Weise zu lesen, und dessen, was daraus in meinem Innen entsteht, kann ich Ihnen objektiv nicht beweisen... diese schilderte ich, auch und gerade vor dem Hintergrund meiner eigenen Subjektivität.
@Person (anonym)
... definieren Sie "qualitative Niveaus."
Das qualitative Niveau der Produktionsfaktoren und der daraus entstehenden Potentiale ist sicherlich bei beiden unterschiedlich, weil sich jeder Schriftsteller eigene sucht und schafft, insofern können Sie da ruhig Unterschiede feststellen.
Person (anonym) antwortete am 2009/06/07 22:01:
@Cellini
Nein, ich meinte, wirklich nicht die Produktionsbedingungen. Eher Sprache, Ton, Komposition, Denken, Haltung.....etc
günther kleff-brutzler (anonym) antwortete am 2009/06/08 00:39:
so einer wie sie hält echt nur auf herbst.
und wenn sie jetzt autokratisch nur 2 oider ein post von den dreienh löschen
dann bringe ich sie um.
günther kleff-brutzler (anonym) antwortete am 2009/06/08 01:05:
naja lassen sies stehen - also ein genialischer mensch herbst - was soll das denn bitte sein ?
in meinen augen hecheln sie dem zeitgeist hinterher.
das sind sie.
sie glauben an ihre adaptierungsfähigkeit wie an originales.
sie sind ein unterworfener.
und sie schöpfen grösse daraus sowie sie andere dadurch in den keller treten.
sie sind sowohl ein spiesser wie sie auch zu einem establishment gehören,
welches sie entschiedenst schäumend anpranger4n,
der guerrillero auf dem fahrad mit oder ohne cello auf dem rücken welcher
eigentlich edukatorische aufgaben antezipiert.
sie sind echt verrückt.
lassen sie sich einweisen.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/kommantare-in-new-york-manhattan-roman/#5771768





















