albannikolaiherbst meinte am 2009/06/19 09:48:
NYC-Kommentare 7)
Zu http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/new-york-manhattan-alban-herbst-kapitel-21-24-roman/Stadtromane
eine Tradition. So geht der Niederländer Cees Nootboom nach Berlin und schreibt "Allerseelen" Das machte Sinn zu einer Zeit, als da großes Bauland war. Und die Geschichte ein Unterwegssein auch philosophisch reflektierte, in Gesprächen, dazu das Aufgerissene des Potsdamer Platzes, die Aufgerissenheit der Stadt damals., das Aufgebrochene der Geschichte. Ein schönes Buch, das ich gerne gelesen habe. Obwohl es nach hinten etwas abfiel. Aber bei Noteboom war die Stadt eine ganz dünne Folie für grundsätzliche Erwägungen.
Cees Noteboom allerdings hatte es verstanden, seine Eindrücke nicht exotistisch, touristitisch, zu präsentieren. Zitat: "Die Stadt als Ansammlung von Gebäuden war eine Sache. Aber Stimmen, das war eine andere."
Mit solchen lässig reflektierten Einschüben mach C.N. mal eben schnell klar, was es bedeuten kann, Stadt als Fremde und Stimmen, anzuverstehen.
Und er macht klar, dass man sich als Schreibender wenn man sich auf "historischen Terrains" bewegt, und das sind Metropolen immer, arg auf der Rasierklinge des touristisch sensationierten Klischés bewegt. Aber Noteboom weist dazu wenigstens ein Bewusstsein aus.
Bei Ihnen bin ich immer irgendwie in so einer mittleren Fernseh-Dokumentation einer aufgescheuchten Redakteurin, die nun New York irgendwie aufregend findet. Und katalogisch muss nun immer auch 3-Sat-Wissen präsentiert werden. Mikrophondurchsagen in berentnerten Reisebussen, die hier total peinlich wirken: Manna Hatta, Indianer, die man für den Hochbau auf Brücken eingesetzt hat. Ja Ja interessant. Und noch dazu beginnt der Roman, wie sollte es anders sein im schlimmen schlimmen Film-Manhatten mit U-Bahn, mit "Cops" und "Bauchschüssen" und einem Typen in Jeans-T-Shirt-Hemd, der mir sofort als geldgierig oder unsympathisch beschrieben wird, ein Tom -Hanks-Verschnitt......ein Michael Douglas Verschnitt...
Die dramaturgische Hilflosigkeit des Romankonstrukts scheint mir darin zu liegen, dass es sich nicht darüber im Klaren ist, dass Polizeisirenen auf Autodächern in New York, Taxis mit sirrenden Reifen, Lichter, die sich in Pfützen spiegeln, Buntheit und Vielheit, eben genau das ist, was zum Mythos New Yorks gehört, den man kennt und weiß, ob man nun in New York gewesen ist oder nicht. Hier wird das aber präsentiert, als sei das etwas ganz Neues, Ungesehenes, als berichte jemand für ein Publikum, dass Ltdnd. Kojack die x-Filme zum NYPD, "Das Appartement" etc etc etc...... nie gesehen hätte.
Das langweilige daran ist, dass der Erzähler mir kein New York erfindet, wo er doch so auf Erfinden und Phantasieren aus ist, sondern er zeigt eins, dass ich schon kenne. Noch dazu in einer adjektivierten Aufgeregtheit, die dieser Stadt - wie sollte es anders sein - oh - wie überraschend etwas zuschreibt, dass ich - oh wie neu für mich - als ein molochhaftes, dichtgedrängtes Nebeneinander von Stilen, Zeiten und Schicksalen zwischen Wolkenkratzern jetzt durch den Erzähler endlich mal so ganz gnadenlos investigativ einfach mal gezeigt bekomme. Ich, der ich immer dachte, New York sei ein verschlafenes überschaubares Nestchen...usw.. total interessant.
Städte wie New york und gerade New York, sind immer auch sichselbstbestätigende Städte.
Bevor ein Erzähler diese Stadt erzählt, hat sie sich hundertmal selbst erzählt. Hier aber herrscht der naive Entdeckergestus eines Kolumbus aus Winsen Luhe, der mir erzählt, dass es in New York U-Bahnen und Wolkenkratzer gibt. Darin sehe ich - gelinde gesagt - ein Problem.
albannikolaiherbst antwortete am 2009/05/31 12:18:
Lächelnd @Peter.
Auch hier gilt: Warten Sie mal ab; das Signal war längst da: Under Manhatten. Damit d a s werden kann, braucht es das, was oben de facto sichtbar ist, und zwar s o sichtbar ist. Die Dinge schleichen sich e i n; die >>>> hieraus (die Kapitel hinabscrollen) http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/der-bus-fuhr-auf-den-sich-flusslaengs-streckenden-berggrat-dann-in-ser/ abgeleitete Mata Hari/St. Clair ist eben k e i n e touristische Beigabe. Und weshalb von den Schüssen erzählt worden ist, habe ich auch begründet. Von der Realität nicht mehr zu erzählen, weil von der Realität schon anderwärts erzählt worden ist, scheint mir überdies ein höchst schwaches Argument zu sein. Hinzu kommt, daß mir ein Roman, der Guilianis Disneyfication NYC's in den Blick nimmt, jedenfalls im deutschen Sprachraum n i c h t bekannt ist.
Luhmann (anonym) antwortete am 2009/05/31 12:40:
Er wieherte: "Was?!"
Zunächst und vorab und zur Richtigstellung. Cees heißt Nooteboom und nicht Nootboom und Winsen Luhe Winsen an der Luhe. Als Leser aus diesem ruhigen Ort, tellerflach und pferdereich und vor Jahren Teil der britisch besetzten Zone, frage ich mich, wie ein "Brite" "was" "wiehern" kann. Und abschließend, ob die Bilder Ihres Romans als Sammelklebebilder zu erwerben sind. Herzliche Sonntagsgrüße (Ruhig fließt die Luhe und Vögel streifen sie im Flug.)
Peter (anonym) antwortete am 2009/05/31 12:51:
Lächelnd zurück
Ach ja? Und was ist mit Eastan Ellis, was ist mit Tom Wolfe, was ist mit Cormac Mc carthy und und und und ?
Glauben Sie , dass sie eine neue Nachricht haben?
Sie wollen Giuliani und seine Politik "in den Blick nehmen", womöglich in einen "kritischen" ja? Das würde vorraussetzten, dass sie die eine Seite von New York erstmal verstanden haben, bevor sie sich der "anderen" Seite zuwenden. Dann nehmen sie Giuliani mal in den Blick.
Was glauben sie, wie viele Geschichten nach folgendem Muster gestrickt sind:
Da haben wir geschnittnen Rasen,
auf dem der Sprenger fleißig tickt.
doch siehe mitten in dem glitzernd Gras
liegt gar ein abgeschnittnes Ohr.
es gibt Äonen solcher Geschichten.
Wissen Sie was ich widersprüchlich finde. Dass Sie Giuliani in den Blick nehmen wollen. Und was ist mit dem Dschungel? Was machen sie hier?
Darf der Dschungel keine Kanalisiation haben? Nur mal so gefragt.
Houyhnhnms (anonym) antwortete am 2009/05/31 12:56:
@Luhmann
Mal Swift lesen, dann weißt Du es und hörst es sogar. Da habe ich richtig aufgelacht bei dem Briten. Das ist sogar richtig gut.
Luhmann (anonym) antwortete am 2009/05/31 13:02:
Ich gabs meinen Pferden zu lesen und bat sie "was" zu wiehern, sie schüttelten die Mähnen. Bei Ihrem Namen, lieber Herr Houyhnhnms, würden sie bocken und scheuen.
Balu (anonym) antwortete am 2009/05/31 15:02:
@ Peter:
Du schreibst, wie viele Geschichten nach dem Muster gestrickt sind. Klar sind nach dem Muster hundert Geschichten gestrickt. Wahrscheinlich hast du David Lynch im Kopf, wo die Geschichte aber nicht in einer Großstadt spielt. Sind nicht alle guten Geschichten nach so einem Muster geschrieben, weil das eben das Muster für gute Geschichten ist? Auch deine anderen Einwände finde ich geschmackssache. Tom Wolf schreibt ganz anders und Ellis ist so naja. Ich lese was ganz anderes als du. Die Geschichte fängt an einem Schreibtisch an, über den der Hudson fließt. Die Chopstick Geschichte habe ich so auch noch nicht gelesen. Mir gefällt grade gut, dass sie sich so aus dem mischt, was man vor allem aus Filmen kennt und dass das ein Tourist ist, der erzählt und dass er dann eben doch was anderes sieht. Es wird ja gerade nicht so getan, als ist der Held ein New Yorker. Deshalb empfinde ich das hier so deutlich, dass er fremd ist, aber überwältigt ist, dass ihm das gefällt. Er ärgert sich aber auch und gerät jetzt in was rein, dass er nicht im Griff hat. Ich bin sehr gespannt, wie das weiter geht.
Houyhnhnms (anonym) antwortete am 2009/05/31 15:30:
Houyhnhnms are a race of intelligent horses described in the last part of Jonathan Swift's satiric Gulliver's Travels. The name is pronounced either hu:nəm or hw:nəm.
Houyhnhnms contrast strongly with the Yahoos, savage humanoid creatures: whereas the Yahoos represent all that is bad about humans, Houyhnhnms have a stable, calm, reliable and rational society. Gulliver much prefers the Houyhnhnms' company to the Yahoos', even though the latter are biologically closer to him.
irland (anonym) antwortete am 2009/05/31 15:48:
luhmann ist brite
darum kann er das nicht leiden.
Peter (anonym) antwortete am 2009/05/31 16:13:
Ja, Balu
Natürlich kann man sich auch hier noch vielleicht auf das eine oder andere Detail freuen. Und es wird immer irgendwas geben, was Du oder jemand "so" noch nicht gelesen hat. Keine Frage. Ich finde es aber eben n i c h t wirklich reflektiert, dass über New York schreiben eigentlich nur noch so laufen kann, als schriebe man über einen Film.
Ich frage mich halt nur, wann man dazu übergehen muss, oder besser, wann man einsehen muss, das eine Geschichte nicht mehr aus der Perspektive 1. Ordnung erzählt werden kann. Also wann ist die Projektion von "Phantasie" oder "Dokumentation" bzw, wann ist sogar das Milch-Spiel "Phantasie oder Dokumentation" oder auch das Milch- Milch - Spiel "Ist es Phantasie oder Dokumentation" - wann also sind all diese "Spiele - "Spiele" - Spiele" - wann sind diese Teller künstlerisch leergegessen? Ich behaupte: Sie sind es längst. Da ist nichts mehr zu holen außer Ausdifferenzierung- oder eben Unterhaltung- Unterhaltung" Die pure Ausdifferenzierung auf diese Art betrieben langweilt mich aber in der Literatur und auch im film inzwischen zutiefst.
Im besten Falle entsteht Musik. Na gut.
Dann kann ich nur noch sagen: Gefällt mir, gefällt mir nicht. Bitte schön.
Aber diese Textstrategien leisten heute alle nicht mehr als Milch in Milch auflösen zu wollen, und nachdem das dann aufgelöst ist, diese "Milch - Milch" nocheinmal in Milch zu einer "Milch-Milch-Milch" aufzulösen. Das kann ich jetzt die nächsten 1000 tausend Jahre so weiterpraktizieren....und es ist immer noch besser als Krieg führen oder ähnliches.
Aber mein Verdacht ist, dass diese Art zu erzählen, bereits unterdefiniert ist oder vegetativ. "In Wirklichkeit" nämlich vermischen sich die Dinge nicht, sondern sie t r e n n e n sich, indem sie sich ausdifferenzieren. Diese scharfen Trennungen erzeugen Spezialisierungen.
Das Ohr-Beispiel hab ich - klar - von Lynch genommen.
Auch Lynch- Filme - kann ich eigentlich nicht mehr sehen. Ich mag einige Bilder hier und da, seine Kamera, aber zugleich weiß ich auch, dass auch dieses Projekt bei Lynch an einem toten Punkt ist. Auch das kann er jetzt noch 10000 Jahre weiter betreiben - aber es ist langweilig, weil austauschbar.
Und dazu muss ich auch sagen, dass der Film heute als multimedial technisches Medium allem Schreiben möglicherweise auch dramaturgisch absolut überlegen ist. Also wollte man ein Lynchfilm in Sprache übersetzen, erhielte man Gestammel oder klassische postmoderne Scheiße, zerfaserte Tausendseiter. Ich will damit sagen, dass eine Literatur, die nicht permanent durchblicken lässt, dass sie selbst mit einem multimedial erzählten und sich konditionierenden sich selbst durch Beobachtung und Gegenbeobachtung erzeugenden Wahrnehmungsraum Raum konkuriert, ein Raum, der selbst bereits hoch raffiniert ist, die also somit alles, was sie erzählt nicht zugleich in Anführungsstrichen und Gegenspiegelungen erzählt, für mich eigentlich ein Nicht-heran-Reichen dokumentiert. Jeder geschriebene Text konkurriert heute in Gleichzeitigkeit mit Matrix, mit Lynch, mit Youtube und weiteren 345 Fernsehkanälen und und und. Und es tut mir leid, es so hart zu sagen, aber was hier erzählt wird oder dramaturgisch zu bauen versucht wird, ist gegen "das da draussen" echt pipifax. Und jede Gremiumssitzung im Hinterzimmer eines Bundestags zur EU-Regulierung von subventioniertem Rapsdiesel, verlangt (und erzeugt) mehr Raffinesse, mehr Spannungspotential, mehr Lynchhaftes und einen weitaus größeren Phantasiebedarf, als auch Phantasie in einem weitaus komlexeren Dramaturgie-Raum, als Texte wie diese hier herzustellen im Stande sind.
Das geht los, bei der Frage, wer wo wann warum wieviel Raps anbauen darf, kann und will - über Saatgutsorten - bis hin zur klimatischen Berücksichtigung der Anbauländer und endet dann bei den persönlichen Sympathien und Antipathien, bei Stimmung und Tagesform der Sitzungsteilnehmer. Ganz abgesehen von Detailfragen zur Bodennutzung, dem Einsatz von genveränderten Pflanzen bis hin zum Wirkungsgrad von Motoren oder Dieselmaschinen. Daneben muss geklärt werden die sattelitengestützte Überwachung von Anbaufeldern aus dem All, die nur realisiert werden kann, wenn man auf stillgelegten Zwischenflächen eine lilafarbene Zwischensaatpflanze anpflanzt, die in einem entsprechenden Spektralbereich Wellenlängen des Satteliten absorbiert usw.... Und dies alles muss "in Wirklichkeit" ohne Bauchschüsse in einem hochdisziplinierten Einigungsprozess erwogen und erörtert werden zwischen einerseits hochspezialisierten Menschen, die auch zwischendurch mal aufs Klo müssen, die aber andererseits sich trotz Spezialisierung auch zu verständigen haben. Das sind die Bereiche, wo "Literatur" wo "Wirklichkeit" , wo "Phantasie", wo "Dokumentation" heute an vorderster Front noch so etwas wie Primärrealität erzeugt.
Deshalb zum Beispiel brauche ich keine erfundenen Taliskers oder Chopsticks und lese dann lieber das Buch von Reza, die Sarkosi ein Jahr lang begleitet hat, bevor er Prässident wurde. Und ich beneide sie dafür, dass sie das machen konnte, und weiß jetzt schon, bevor ich mir das Buch gekauft habe, dass das Literatur ist. So etwas würde ich auch gerne machen.
Balu (anonym) antwortete am 2009/05/31 17:49:
@ Peter
Damit kritisierst Du aber die Literatur selbst und nicht diesen Roman speziell. Das hättest du vielleicht vorher mal klar stellen sollen. Zum Beispiel dass du auch Lynch nur noch langweilig findest. Das gibt deiner Kritik einen ganz anderen Dreh. Wwarum liest du das dann überhaupt? Wir können uns jetzt natürlich lange darüber streiten, was Literatur leisten kann und was nicht oder wo sie überfordert ist. Aber vielleicht stimmt das alles auch nicht, sondern du hast da eine so spezielle Sicht drauf, dass das andere Bedürfnisse ganz außer acht läßt. Ich kenne nicht viel von Herbst, aber was ich bei Wikipedia gelesen habe, sagt, dass er noch Anderes macht als dieses New York. Das mit Anderswelt klingt viel komplizierter. Das werde ich vielleicht auch mal lesen. Aber für eine einfache Geschichte finde ich den Roman ziemlich gut erzählt, weil ich immer sofort in den Szenen drin bin und die Art sie zu erzählen schon ungewöhnlich ist. Bei Auster ist die Sprache immer mit so ausgestellter Melancholie. Das gefällt mir viel weniger. Die Fotos brauche ich dazu gar nicht, obwohl die auch wieder was haben. Außerdem bin ich noch unsicher, ob das mit der einen Perspektive überhaupt stimmt, was du schreibst. In einem Kommentar gabs ne Andeutung dazu. Man weiß ja nicht, wie lang der Roman werden soll. Soll aber eher ein dünnes Buch sein, 145 Seiten habe ich eben gelesen.
Peter (anonym) antwortete am 2009/05/31 19:03:
Balu
Nein ich kritisere nicht die Literatur. Nooteboom hat mir sehr gefallen zum Beispiel, weil er ganz offen eine Künstlerexistenz in Berlin sich hat unterhalten lassen und die Stadt durchwandern lassen. Stark philosophisch fragend, tastend, auch wahrnehmend. Ein Buch, dass sich der Unsicherheit hingibt. Nur die Liebesgeschichte, die auch da drin war gehörte für mich zum Parfüm, zum Zuckerguss. Dann auch Enquists Blanche und Marie ist ein tolles Buch. Auch hier wird ein Moment der Unsicherheit umspielt, aber ganz offen, also nicht feixend, sondern verletzlich fragend.
Ja, es ist eine persösnlich gefärbte Auffassung, aber auch ein Konflikt. Ich lese ja nicht, um zu vergleichen, also um Autoren zu vergleichen, um rauszukriegen, wie macht der das oder der das dann anders.
Gebe ich zu. Ich lese, um mich von Büchern belehren zu lassen, also wirklich belehren, oder mich zu unterhalten. Am liebsten natürlich beides zusammen. Bei Filmen ist das auch so. Und natürlich gucke oder lese ich mir auch Sachen aus formalen tricktechnischem Interesse an. Das mache ich dann aber eher kalt als Techniker. Also ich gucke, wie führt jemand die Geschichte, was für Sätze etc... Da allerdings gucke ich immer sehr genau nach Plausibilität, also warum ist die Geschichte so und so. Oder warum ist die Sprache so oder so. Das hat etwas mit dem Leben zu tun. Weil auch im Leben Sprachen oder Verläufe nie zufällig sind, sondern an Erfordernisse und Situationen gebunden. Und genau da fallen ganz viele Sachen dann bei mir durch, weil ich sehr schnell spüre, dass die meisten Autoren zwar ein Anliegen haben, also ein - ja - nennen wir es Schmerzgrund des Schreibens, oder einen Lustgrund des Schreibens, oder eine Idee, und dann haben sie auch etwas wie einen Stil oder einen Ausdruck entwickelt - aber dann spürt man, dass der eigentliche Grund nie soweit reicht, daraus Tausendseiten zu machen. Er reicht oft nicht mal für 150.
Also ich spüre sehr schnell, wann etwas sich vom Anliegen löst und zur "Masche" verkommt, die obschon fleißig, aber dann eben grundlos ausleiernd weitergestrickt wird. Damit es "ein Buch" wird. Wenn ich das spüre, klappe ich das Buch zu. Meistens schon in der Buchhandlung.
Manche Autoren haben auch das Konzept, dass "Fülle" sozusagen die Idee ist. Und die Fülle nicht aus der Idee sich ableitet. Das interessiert mich persönlich aber auch nicht. Weil das Gehirn nicht so arbeitet. Das Gehirn ist ein Reduktor. Es reduziert und filtert Fülle auf Plausibilitäten und das ist gut so. Würde es das nicht tun, könnten wir nicht denken, noch leben. Eine Literatur, die nicht ebenfalls nach lebbaren Plausibilitäten, nach verstehensproduzierenden Reduktionismen forscht oder sie sucht, ist nach meiner persönlichen Auffassung Humbuck oder sogar kontraproduktiv. Weil sie nur zur Verwirung einer einer bereits überstark verwirrten Welt beiträgt.
Leider habe ich Diamant Age fast ganz gelesen, schon vor paar Jahren. Ich kann mich an nichts mehr erinnern, ausser an eine komplizierte, frische, auch sehr witzige und auch schon sehr auflösende futuristische Geschichte mit Cyborgs, Prothesenmenschen etc.... verwickelten Räumen, aber da ist mir nichts hängengeblieben, wo ich jetzt gesagt hätte - das prägt meinen Intellekt oder mein Leben. Ich habe das wie eine Fernsehserie gelesen. Dementsprechend hat sich der Leseeindruck bei mir mit vielen vielen anderen Fernsehserien bei mir vermischt.
Dann kenne ich auch ein paar gut gemachte, wirklich auch schon phantastisch und kompliziert strukturierte Comics, nebst einigen Verfilmungen.
Und ich habe Cormac MacCarthys Knoxville gelesen. Und natürlich auch John Dos Passos Manhatten Transfer, der Klassiker aller "modernen" New-York-Geschichten. dieser Roman ist in gewisserweise genrebildend gewesen.
Paul Austers Melancholie habe ich komischerweise immer "freundlich" weltzugewandt empfunden. Eine irgendwie einvernehmende Melancholie.
Ich habe Pynchon dann viel geblättert. Ich habe den ganzen Lem gelesen. Und ich bin in der Realität, beruflich, auch mit äusserst interessanten zum Teil ziemlich komplizierten , beinahe pynchonesken Zusammenhängen befasst. Brauche Kompliziertheiten und Verwickeltheiten also nicht noch künstlich nach Feierabend. Was nun die Wikipedia-Einträge betrifft, wäre das eine oder andere zu erwägen, aber ich denke eher nicht, weil ich eine persönlich gefärbte Sprachauffassung und Literaturauffassung habe, der Herbst nicht entspricht. Was mir allerdings entspricht ist - Die Dschungel- als Diskussionsforum und sprachintervenierenden Ort des Realinteraktion.
Balu (anonym) antwortete am 2009/05/31 19:36:
@ Peter
Jetzt wird mir deine Haltung deutlich. Ich kenne das Buch von Nooteboom nicht, aber vielleicht kam es ihm auf die Liebesgeschichte grade an, die du als Zuckerguß empfindest. Wobei das natürlich dein Recht ist, das so zu empfinden. Auch das mit der Unsicherheit verstehe ich, aber was meinst du mit feixend? Außerdem heißt doch, sich belehren lassen zu wollen, dass du voraussetzt, dass ein Schriftsteller weiter ist als du. Kann sein, dass das manchmal so ist. Aber kann doch auch sein, dass er Eindrücke, Erlebnisse usw. genau dadurch fasst, dass er sie in eine Erzählung umformt, ohne dass dabei gleich sowas wie eine feste Erkenntnis bei herauskommt. In dem New York Buch hier habe ich den Eindruck von einem ungeheuer starken Wahrnehmen, das schiesst alles zusammen, hat auch was atemloses, weil der Typ ja dauernd geht, und wenn er sich mal hinsetzt, dann hat er sofort so ne Begegnung, bei der man sofort merkt, jetzt ist der schon wieder in Bewegung. Was ich sagen will ist, dass der Roman auf mich genau so wirkt wie ich mir New York vorstelle, wie ein dauerndes Blitzen und Funkeln, aber eben nicht auf der Oberfläche, sondern da zieht sich was drunter lang, das dem Mann den Boden wegzieht. Das empfinde ich als Spannung, dass ich gar nicht den Eindruck habe wie oft bei anderen Büchern, dass ich ganz ruhig sein kann, weil das schon irgendwie gut ausgeht. Ich habe das Gefühl es geht nicht gut aus, aber dafür gibt es eigentlich keinen Grund außer der Art in der das erzählt wird. Ich will sagen, dass das eben kein sicheres Buch ist, also glaube ich bisher. Sondern das lässt sich treiben, als wenn man gar keinen Stadtplan hat und irgendwo fremd ist oder man kann den Stadtplan nicht lesen und versucht es aber immer wieder. Aber vielleicht meinst du genau das mit dem Verwirren, das du nicht willst. Kann sein. Ich habe selber nicht so das Bedürfnis, dass alles immer so plausibel ist, dass ich das gleich verstehe. Ist doch zum Beispiel irre, dass der einen Spaziergang macht und dann eigentlich gar nicht weggegangen ist sondern in seinen Gedanken einfach stehengeblieben ist, also sind die Gedanken spazierengegangen, was dann wieder diese Filmbilder erklärt. Sowas habe ich so noch nie gelesen, aber vielleicht kenne ich auch vieles nicht. Kann sein, ist mir aber egal, wenn mich sowas packt.
Peter (anonym) antwortete am 2009/05/31 20:28:
Balu
also bei dem Noteboom war es so, vielleicht war die Liebesgeschichte insofern nicht Zuckerguss, aber jedenfalls nicht gut geführt, weil da etwas sehr großes, massiv größeres eigentlich thematisiert wurde, nämlich das Gefühl von einem Dokumentarfilmer (! die Anlage ist schon mal gut!) der aus dem kleinen gemütlichen Holland kommt und nun dieses aufgerissene Berlin besucht und dann wird er da in ein Erwägen verwickelt, beim Besuch von Freunden, und geht dann durch durch diese Stadt und begegnet irgendwie so einer aufgerissenen Geschichte, eben dieses wirklich wahnsinnige Berlin damals, und gerät in Fragen hinein, dann lernt er eine Frau kennen in einer Bibliothek, und dann wird aber diese Begegnung sehr blass gezeichnet, und zwar so, dass ich gesagt hätte, er hätte sie auch weglassen können.
Ich habe nichts gegen Liebesgeschichten. Bei Blanche und Marie zum Beispiel geht es ausschließlich um Liebe - das aber wird gespiegelt in die Geschichte der Psychologie und gleichzeitig in die Geschichte der Radioaktivität - also das ist der Hammer das Ding. Als Versuch. Ich glaube dass das Buch missglückt ist, aber als Versuch und auch sprachlich ist das der Knaller für mich. Und das Buch handelt nur von Liebe! Und von dem Versuch, ein menschliches Gefühl in die Geschichte der Rationalität einzuspiegeln. Tastend. Fragend. Unsicher.
Herbst Roman stellt mir folgende Figur gleich am Anfang folgendermaßen vor. Ich zitiere:
"Talisker war Demokrat. Ein guter Mensch, der Amtspflegschaften übernahm, sich gar drum drängte. Also richtig zum Kotzen. Seinen Namen gab ihm mein Lieblingswhisky. So komplettierte erst der Vorname den blonden, sonnenempfindlichen Typen zur Person. Eine nervös gepunktete Rötung der Wangen gab seiner wohlgesetzten Geldgier Jugend. Um diese zu betonen, trug Talisker gern Jeans und ein T-Shirt unterm offenen Hemd. Er wirkte sauber wie Hugh Grant. Seinen Namen gab ihm mein Lieblingswhisky. So komplettierte erst der Vorname den blonden, sonnenempfindlichen Typen zur Person. Eine nervös gepunktete Rötung der Wangen gab seiner wohlgesetzten Geldgier Jugend. Um diese zu betonen, trug Talisker gern Jeans und ein T-Shirt unterm offenen Hemd. Er wirkte sauber wie Hugh Grant.
Wieso ist jemand zum Kotzen, so automatisch, weil er Amtspflegschaften übernimmt? (Also.....zum Kotzen)? Wieso "also"?
Warum wird eine Person am Anfang so insgesamt pappig gemacht?
Und dann heißt es bald:
"Wochenlang drückte sich das dem Mann in seine REM-Phasen."
Hier gibt es einen massiven Zugriff auf eine Figur, die ja eine imaginierte Figur ist, die nicht ertastet, befragt oder behauptet wird, oder langsam verlebendigt, nein man weiss gleich über seine REM-Phasen Bescheid.
Talisker tut dies. Talisker tut das.
Genau daraus erwächst für mich das was ich "feixend" nenne, also dieser Talisker wird als Pappfigur durch ein Konzept geschoben. Hi hi, guckt mal was ihm alles zustößt. Diesem zum Kotzen seienden Amtspflegschaftsübernehmer.
Das ist ein ganz großer Unterschied zu der Art von Literatur, die ich, zugegeben, persönlich gefärbt, bevorzuge.
albannikolaiherbst antwortete am 2009/05/31 20:39:
@Peter.
Jetzt muß ich, verdammt nochmal, d o c h selbst was sagen: Das hat einen Grund, daß Talisker so eingeführt wird. Was meinen Sie wohl, weshalb er den Namen des Lieblingswhiskys seines "Erfinders" verpaßt bekommt? Jesses, na klar ist das eine Pappfigur. Die ist im übrigen bisher noch gar nicht aufgetreten, sondern der Erzähler jagt ihr sozusagen nach - einer Figur, von der er genau weiß, daß es sie nicht gibt. Und d a n n erst passiert es. Das ist wirklich ein Problem mit manchen Lesern, daß sie sich wie in Le Nozze di Figaro rationalistisch hinstellen, die Backen blähen und sagen: "Das ist doch völlig unmöglich, was Mozart da macht. Den Cherubino sieht doch j e d e r hinter seinem Sessel..." Klar, da kann dann nichts rüberkommen. Nehmen Sie doch einfach mal die Haltung ein, die Zadek "notwendige Übereinkunft des Publikums mit dem Stück" genannt hat; lassen Sie zu, daß Cherubino n i c h t gesehen wird, und schauen dann, was passiert. Kunst ist i m m e r, grundsätzlich, modellhaft und nicht 1:1 übertragbar. Zumal Talisker bisher überhaupt noch nichts zugestoßen ist, im Gegenteil, der einzige, der hier, wenn schon, durch die Kulissen geschoben wird, ist der Erzähler. Merken Sie was?
Ist die Übereinkunft nicht da, kann ein Roman tun, was er will, er wird bei Ihnen scheitern. Die Übereinkunft ist bei Ihnen wahrscheinlich dann da, wenn eine Ausgangsposition genau dem entspricht, was Sie als Ausgangsposition erwarten. Das ist aber dann I h r Problem und nicht eines des Romans. (Es ist übrigens das gleiche Problem, das van Gogh mit der Akzeptanz hatte - zu seiner Zeit, klar.)
Ach so, noch was nachgeschoben: "Im besten Fall entsteht Musik." Ja, das i s t der beste Fall, Nichts, gar nichts, geht darüber.
ovid (anonym) antwortete am 2009/05/31 20:51:
"liegt gar ein abgeschnittnes Ohr"
gut, sie mögen das problem ansprechen, das van gogh mit der akzeptanz hatte. nur erklärt das nicht im mindesten die existenz seines ohres auf einem new yorker (kurz)rasen. lösten wir diese frage, gäbe es keine akzeptanzprobleme mehr. andere bleiben. zugegeben. diese aber wäre gelöst. immerhin.
Peter (anonym) antwortete am 2009/05/31 20:52:
@Herr Herbst
Ob der Talisker eine Figur ist oder eine Imagination, spielt für meinen Geschmack keine Rolle, weil er eine autoritative Konstruktion bleibt, über die permanent Bescheid gewusst wird und der natürlich in einer Art "Ätsch-Mechanik" mir als Leser wie einem Huhn vor die Nase gebunden werden soll.
Wenn sie einmal über die Rem-Phasen über die Figur Bescheid wissen, ist der offen für mich eh aus.
Das meinte ich ja. Das ist vielleicht ne nette Idee für sagen wir zwanzig Seiten, vielleicht dreissig. Höchstens. Okey lassen wir das.
Das klärt aber trotzdem noch nicht die Frage der Negativgezeichnetheit dieses Talisker. Warum soll ich einem Ich-Erzähler folgen, der einen zum kotzen seinden Amtspflegschaftsinhaber verfolgt...
albannikolaiherbst antwortete am 2009/05/31 21:03:
"weil er eine autoritative Konstruktion bleibt, über die permanent Bescheid gewusst".
Sie scheinen den Grundgedanken nicht zu verstehen, wahrscheinlich, weil Sie meine übrigen Bücher nicht kennen, in deren Zusammenhang wiederum dieser kleine New-York-Roman steht. Ich kann Ihnen aber jetzt schlecht die Fabel erzählen, ohne daß anderen Lesern Erfahrung vorweggenommen wird. Die Formulierung mit den REM-Phasen ist ja wohl im übrigen eine deutlich ironische Übertreibung. Wie wäre es denn, in solch einem Fall sich mal an Taliskers Stelle zu versetzen und zu erwägen, was d e r von dem Erzähler hält? Nun? Aber mehr sage ich jetzt nicht.
Was Sie an der negative Zeichnung stört, ist mir erst recht nicht nachzuvollziehen. Talisker wird grob typisiert, selbstverständlich, sonst ließe sich das, was folgt, gar nicht erzählen - nämlich der Ausbruch aus dieser Typisierung. Wobei ich das Gefühl habe, daß Sie ausgesprochen moralisch lesen, was immer, wirklich immer, ein Fehler ist. Stark typisiert hat in einigen seiner Romane auch Pynchon und dann noch jedesmal die Typisierung aufgehoben, mit ausgesprochener Eleganz; die frühen Erzählungen, auf die mein New-York-Text deshalb immer mal wieder anspielt, ausgenommen. Aber im Pynchon haben Sie ja auch nur, schrieben Sie, immer wieder geblättert. Wie, bitte, wollen Sie jemals Celine lesen, wenn die vorgeführte Figur negativ stigmatisiert wird? Ihre Vorstellung von Identifikation scheint mir ausgesprochen vor-modern zu sein, was mich jetzt, nach Ihren vorigen Ausführungen, ziemlich verwundert.
Balu (anonym) antwortete am 2009/05/31 21:14:
@ Peter und albannikolaiherbst
Takisker hat mich überhaupt nicht gestört, sondern ich habe das als einen abfälligen Witz über jemanden gelesen, also das ist ein Typ, mit dem man ja wirklich nichts zu tun haben will, so ein Saubermann. Der bricht dann aus. Wie man da etwas nicht verstehen kann, verstehe ich nicht. Die ganze Sache ist doch eigentlich einfach. Wahrscheinlich hat sich der Erzähler der Geschichte im Flugzeug gelangweilt und sich einen ausgedacht, dass der parallel hinfährt. Irgendwie kommt er auf den Gedanken, dass der aber tatsächlich da ist und wenn ich das richtig voraussehe, dann ist der dann auch da. Das ist wahrscheinlich dann der Clou erstmal, und dann geht das los. Also das ist doch kein Realismus, sondern irgendwie eine fantastische Geschichte, was du aber wahrscheinlich deshalb nicht merkst, weil die ganzen Beschreibungen so realistisch sind. Ich denke mir, dass Herbst das auch genau so gewollt hat. Dann wäre aber genau das ja so gut, finde ich.
Peter (anonym) antwortete am 2009/05/31 21:38:
@Balou
Nee, also klar hab ich das gemerkt. Ich kenne doch Dürrenmatts nette kleine Späße Und Cortasar steht hier auch rum. Was die "Vermilchung" betrifft, hab ich mich ja schon geäußert. Gut, wie gesagt, ist alles legitim. Ist auch alles okey. Und ist vielleicht auch ein netter Schmöker.
Übrigens ist auch Blanche und Marie insofern phantastisch, weil er zwei reale Figuren zusammenbringt, die sich in Wirklichkeit nicht wahrgenommen haben.
Was ich aber nochmal zum Belehrungswert sagen wollte. Klar..ich bin früher immer davon ausgegangen, dass Schriftsteller, weil sie die Verantwortung haben, weil sie schreiben können, auch gebildeter sind als der Normalo. Heute weiss ich, dass das nicht zwingend so ist.
Deshalb steht der Belehrungswert natürlich heute in der Perspektive, aber da schätze ich eben den konstruktiven Einsatz an Phantasie zu Herauspräparation von Fragestellungen an dokumentarischem Material, also eigentlich die journalistische Recherche, die aber sprachlich durchaus attraktiv sein darf.
Und diese Herangehensweise lässt durchaus schweifende Spaziergänge zu, diese Art Schweifen und vom Weg abkommen hat dann vielleicht stark essayistischen Charakter, was ich aber mag.
Bernd (anonym) antwortete am 2009/05/31 21:42:
Also ich glaube nicht dass es die Aufgabe ist von einem Schriftsteller oder einem Dichter zu belehren, auch muss ich nicht dauernd auf ihn aufschauen müssen, wenn ich ihn lese.
Gabriel Garcia Marquez hat es da auf dem Punkt gebracht,
die einzige Aufgabe des Schriftstellers besteht darin gute Literatur zu schreiben..
parallalie http://parallalie.twoday.net antwortete am 2009/05/31 21:51:
@ peterchens mondfahrt
ganz schön kraus, aber nicht Kraus, der hätte ihnen das leicht essayistische (o pardon: sie sagten: "stark") um die ohren geschlagen. halten sie ihre flügel an ihrem leib, vielleicht brauchen sie sie ja noch. für anderes. als dafür, die ihnen nicht gehörende welt zu umarmen.
Julio (anonym) antwortete am 2009/05/31 21:54:
Er meint doch hoffentlich nicht Cortazar
Peter (anonym) antwortete am 2009/05/31 21:55:
@Herbst
Mich interessiert dieser "Effekt" nicht. Ich habe mal ne Zeitlang mit dem Theater zu tun gehabt. Das eine Figur eine Entwicklung durchmacht, und zum Behufe dieser Entwicklung vom Autor vorher besonders präpariert wird, damit er möglichst "effektvoll" dann ja doch ganz überraschend sich entwickelt, ist doch die älteste Idee der Welt.
Natürlich ist Frischs "Stiller" am Anfang auch kein Sympath. Nur als Beispiel. Gähnnnn. Aber er ist wenigstens so beschrieben, dass er mich von Anfang an interessiert. Natürlich ist der Fotograf bei Antonioni alias Cortasar, am Anfang eher unsympathsich irgendwie, aber das wird nicht verkündet, sondern ziemlich fein plausibilisiert, ja jha, ich weiß das Talisker eine imaginierte Figur ist. Ist homo Faber aber auch....
Dass eine Figur ne Entwicklung durchmacht, ist nicht der Punkt, der Punkt ist das das alles lebendig verplausiblisierte Typen sind am Anfang.
Ihr Talisker mit Rem Phasen sagt aber eher was über den Ich-Erzähler als über Talisker. Und ein Ich -Erzähler, der auch nicht mit dem Autor identisch sein muss, der sich solche Pappkamerade am Anfang ausdenkt, will mich aber auch nicht recht locken. Egal, alles nur meine Meinung.
Peter (anonym) antwortete am 2009/05/31 22:04:
@paralallie
ich weiß, darüber gibt es verschiedene Auffassungen. Aber gerade Kraus hat sich wohl darin auch sehr ausgetobt. Und den Essay in die niedere Literaturgattung zu stellen, halte ich für Größenschwachsinn.
parallalie antwortete am 2009/05/31 22:15:
das essay stelle ich in keine niedere gattung, aber sie bringen es in ihrem kommentar in eine nähe zum "journalistischen". und lassen wir die "natürlich" "verschiedenen auffassungen". natürlich. chacun a son goût. denn eine solche aussage läuft darauf hinaus. nachdenkensverweigerung.
Peter (anonym) antwortete am 2009/05/31 22:44:
@paralalie
mit dem journalistischen meinte ich, dass auf dieser Welt Dinge passieren und vorgehen, die so kompliziert und so phantastisch sind, dass ich nichts dazuerfinden muss. Wenn ich das jetzt mit dem essayistischen Element kopple, dann deshalb, weil ja wohl allen klar ist, dass nur die wenigsten dieser unglaublich verzwickten und phantastischen Dinge durch eine Anne-Will - Sendung oder einem Doppelseiter in der SZ als befriedigend abghandelt anbetrachtbar erscheinen dürften. Da liegt für mich auch die Chance für Leute, die schreiben können, dass sie das aufgreifen und tiefer beleuchten oder per konstruktiver Phantasie sozusagen postjournalistisch so literarisieren, dass sie vielleicht dadurch in ihrer Verwickeltheit heller werden oder besser verstehbar. Insofern hatte auch der Noteboom-Roman durchaus was jounalistisch essayistisch literarisches
parallalie antwortete am 2009/05/31 23:24:
womit sie doch immer davon abbiegen, wo sich eine erzählung von der reportage trennt. eine erzählung ist eine fiktion, die mit dem arbeitet, was die realität sich weigert, als faktum bereit zu stellen. ihre elemente aber sind fakten aus der realität, jedoch in einen sinnzusammenhang gestellt, dem eine analyse auf den verschiedenen ebenen der fachdisziplinen der wissenschaft nicht schlüssig entgegenkommt. ein essayistischer ansatz wäre dem tatsächlich eher verpflichtet. ein journalistischer aber hätte nichts mehr von alledem. er behandelte das gesehene als ein gegebenes. und stellte es in ein solches. es gibt diese verschiedenen wahrnehmungen. es sind ebenen, die sich durchdringen, aber dennoch verschiedene wege gehen, von denen jeder in verschiedene richtungen führt. abgesehen davon ist mein new-york-erlebnis in „manhattan transfer“ verankert. soviel zur rezeption einer stadt.
Peter (anonym) antwortete am 2009/05/31 23:50:
Paralalie
ich weiß schon was sie meinen, es ist auch wirklich alles kompliziert. Also so ein buch wie von Saviano zur Mafia, das ist für mich auch eine gelungene Synthese irgendwie. Das hat Spannung, liest sich weg wie sau, hat aber auch wie es scheint einen gewissen Dokumentationscharakter und einige Schilderungen sind komplett surreal... Darüberhinaus schildert es komplizierte Verfilzungen und Zusammenhänge.
Ich will ja hier garnicht einen "Greif zur Feder Kumpel" - Ding proklamieren, also nach dem Motto: Dichter in die Fabriken oder so, und ich akzeptiere auch, wenn einer wirklich sagt: Ich will Musik schreiben, sonst nichts. Also ausdrücklich hiermit: Wenn Herbst das will, respektiere ich das.
(Bleibe aber trotzdem etwas quängelig darüber. Weil ich das eigentlich tatsächlich lieber bei den klangerzeugenden Instrumenten sähe. Sprache hat für mich eigentlich immer auch so die Möglichkeit, mich schlauer zu machen. Aber das ist jetzt wieder privatmeinung)
kuckuck (anonym) antwortete am 2009/06/01 00:00:
Brüsseler Spitzen
Aus dem Teil erschließen sie das Ganze. Vom Holodeck herab sondieren sie die Rapsfelder nach etwaiger Notzucht. Sie sitzen zusammen und nennen das Sitzung, blättern zwischendurch in dem Buch, das sie unter der Tischplatte versteckt halten wie weiland das Wichsheftchen.
parallalie antwortete am 2009/06/01 00:06:
to the peter
dennoch fehlt es ihnen an einem abstraktionsvermögen. sie kommen von ihren persönlichen lesefreuden nicht los. die ich ihnen lasse. aber nicht als argumentation für ein gegen. nur eben als argumentation für ein für. ich lasse mir selbt meine lesefreuden. aber als ein für. "the bell jar" fiel mir noch ein zu new york. von sylvia plath. sollten sie selbst unter einer solchen glasglocke sitzen? maybe "electrocuted"?
p.s. bitte zwei "l" nach dem zeiten "a"...
Peter (anonym) antwortete am 2009/06/01 00:38:
Parallalie
Ich kann ja nicht alles kennen, und auch niemanden vorschreiben, was er kennen soll. the bell jar kenne ich nicht. Sie haben sich positiv zu manhatten transfer geäußert. Das kann ich nachvollziehen, weil ich das kenne, und weil ich vermute, dass auch dieser Roman stark dokumentarisch ist eigentlich. Ich erinnere an mein staunen, wie das, auch durchaus schon in den 20igern oder wann der spielt genau so molochös beschreiben wurde wie herbst das nun noch mal wiederholt. Auch Wolfgang Koeppen hat so kraftisch schon geschrieben in Tauben im Gras. Ja da war es das Nachkriegschaos. Also wie gesagt, es gibt sicher, das will ich ja auch mir zugestehen, einfach Bücher, die Spaß machen. Ich würde ja jetzt von einem guten Krimi auch nicht erwarten, dass er die Literaturgeschichte in Atem hält. Ich sage das nur, weil Herbst hier immer so äonisch sich mit van Gogh und so vergleicht. Deshalb gehe ich da so quängelig ran. Ich muss jetzt schlafen.
Peter (anonym) antwortete am 2009/06/01 00:44:
Kuckuck?
Sie klingen mir nach Read An. Holodeck hat sie mal gesagt. Aber was fürn Sinn haben ihre Äußerungen? Der entgeht mir gerade. Meinten Sie, dass solche Sitzungsmitglieder auch gerne Mal Paul Coelo lesen und das die Welt damit wieder in Ordnung ist?
parallalie antwortete am 2009/06/01 00:50:
herr peter
ich bin christus, so fragmentarisch gemalt, als hätte dali die futuristen überholen wollen, die giacamono balla einem auf den ital. 20-Cent-Münzen um die ohren wirft. ohren liegen zum vergleichen da. und quängeln sie nicht. ich zupfe selber grad' an ihnen. den ohren.
stadtelfe (anonym) meinte am 2009/05/31 15:54:
hi!
ich lese den roman seit vorhin in einem durch mit und habe ihn jetzt bei amazon bestellt, weil er da unglaublich billig ist. ich habe als studierende nicht so viel geld, um mir immer alle bücher kaufen zu können, die ich haben möchte. aber ich lese sehr gerne und bin für sowas sehr dankbar und will das auch schreiben, weil ich so viele kommentare, die unter diesem roman abgelassen werden, einfach jenseitig finde und das wirklich unpassend finde. ich war noch nie in new york und ich kann auch nicht alle new york bücher kennen. ich finde das auch egal, ob das schon woanders steht, wenn ich von einem buch das gefühl kriege, mittendrin zu sein. genau das habe ich und finde das richtig klasse. deshalb einfach nur danke für den tollen service und die faszinierende farbige sprache.
ovid (anonym) antwortete am 2009/05/31 16:08:
auch hi!
ja /
das mag ich /
wenn eine elfe die knie /
beim säuseln eng anwinkelt /
das ja
fragile.f antwortete am 2009/05/31 16:35:
@ ovid
Das ist peinlich und unfair, wenn Sie Leute unangenehm anpöbeln, weil sie eine andere Meinung als Sie haben. Aber man sieht, aus welcher Richtung die Kritik hier immer wieder kommt. Sie sollten sich was schämen. Es ist für manche nicht einfach, einen Kommentar abzugeben. Ich habe mich auch erst überwinden müssen. Ich wiederhole es trotzdem: Ich finde diesen Roman richtig gut. Jetzt können Sie mich meinetwegen eine dumme Kuh nennen, ist mir egal.
Ich habe das Buch übrigens auch bestellt. Es ist aber noch nicht gekommen bis gestern. Wahrscheinlich wegen Pfingsten.
Was Peter zu Balu schreibt (http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/new-york-manhattan-alban-herbst-kapitel-21-24-roman/#5732024) - kann ich nachvollziehen, ist mir aber viel zu theoretisch. Wenn ich einen Roman lese, will ich eine Geschichte lesen und keine ewige Abhandlung, wo man vom Hölzchen aufs Stöckchen und deshalb auf keinen grünen Zweig kommt.
Peter (anonym) antwortete am 2009/05/31 16:44:
Hi Stadtelfe
Sehr schön. Ich danke für Unterstützung. Ich gehe gleich auch in die Videothek.
Peter (anonym) antwortete am 2009/05/31 16:50:
@fragile
Ich würde ja auch nicht das Romanelesen verbieten, noch das Schreiben, ich sagte ja, so als Entspannung und Massage gönne ich mir das ja auch. Ist auch in Ordnung. Ich habe hier auch nur meine Meinung gesagt. Diese Meinung beruht natürlich auf Lerneffekten und Abnutzungserscheinungen, die sich genau deshalb bei mir einstellen, weil ich auch sehr viel und gerne lese. Aber das mag von Person zu Person unterscheidlich sein. Und wünsche Ihnen sehr, dass Sie auf einen grünen Zweig kommen.
Peter (anonym) antwortete am 2009/05/31 17:43:
@fragile f
Was ich dazu noch antworten wollte: Das Verrückte ist ja, dass die Menschen im Hinterzimmer der Gremiumssitzung zumeist auch irgendwie auf einen grünen Zweig kommen müssen. Wenn auch nur durch Kompromisse. Und zumeist auch kommen. Vielleicht schlafen sie sogar miteinander oder spannen sich die Frauen aus oder haben eine Affäire in den lilafarbenen, von Satteliten überwachten und der EU letztlich subventionierten Rapsfeldern, der oben in seiner Umlaufbahn die Wellenlängen filtert, (und das habe ich mir nicht ausgedacht) während unten also dieses Pärchen sich wild durch die Lippen leckt, und sich aber auch verstecken muss, damit ein Traktorist, der jetzt gerade mit subventioniertem Biodiesel fährt, den er in einem Motor mit erhöhtem Wirkungsgrad verbrennt, die Beiden nicht sieht, was der Sache auch wieder einen besonderen Kitzel gibt.
Genosse Rene (anonym) antwortete am 2009/05/31 17:46:
Sie schlafen miteinander und spannen sich dann die Frauen aus, sehr interessant
Peter (anonym) antwortete am 2009/05/31 17:58:
@Genosse
Man kann mit einander schlafen, zum Beispiel, wenn sich Männer und Frauen oder auch Frauen und Frauen oder auch Männer und Männer während der Sitzung kennen gelernt haben und sich sexy finden.
Soweit ist noch nicht entschieden, ob die Beteiligen verheiratet sind.
Wenn es aber um jeweils anderwärtig verheiratete Mitglieder einer ehelichen Verbindung handelt und dann miteinander schlafen, dann spannen sie sich vielleicht die Frauen oder Männer aus, wenn sie miteinander schlafen.
Das ist ein Unterschied. Deshalb das Oder.
ovid (anonym) antwortete am 2009/05/31 20:02:
von "anpöbeln" kann doch keine rede sein, meine absicht ist immer nahezu fragil und hier geradeheraus schwebend leicht. ich sprach von mögen und säuseln.
singen sie meine zeilen, sie werden das bedingungslose merken.
ich mag das.
das ja.
ovid (anonym) antwortete am 2009/05/31 20:11:
nachsatz
und nie würde ich eine kuh dumm nennen.
landet sie doch alsbald als tafelspitz auf
meinem teller.
fragile.f meinte am 2009/05/31 22:46:
Seltsam
Ich will zu der Diskussion gar nichts mehr sagen eigentlich. Aber mich wundert das, daß das vorletzte Kapitel (http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/in-einem-zweistoeckigen-rundbauchigen-pavillon-kehrte-ich-ein/) so wenig gelesen wurde, wenn ich mal die Zahlen vergleiche, die ja immer unten drunter stehen. Man liest drei Kapitel, lässt lässt das vierte aus, liest das fünfte Kapitel und fängt wild über was zu diskutieren an, dass fehlt, was im vierten Kapitel aber drinsteht. Dabei macht das kleine Kapitel so klar, warum der Talisker am Anfang so mies gezeichnet worden ist, weil da eine richtige Gegenfigur erzählt wird in dem Gespräch, eben nicht von einem Angepassten, sondern von jemand mit Seele. Wahrscheinlich findet man das jetzt wieder kitschig. Aber wahrscheinlich geht es gar nicht so um den Erzähler und seine Pappkameraden, sondern um diesen seltsamen Dirigent, hab ich den Eindruck. Herbst hat das mit dem Zeitungsartikel ja noch extra hervorgehoben und schreibt dann noch zu Peter, Musik ist das Wichtigste.
Was ich auch nicht nachvollziehen kann, ist wie sich Peter hier ins Zeug legt, obwohl er das Buch nicht mag. Steht jedem frei, aber dann Kommentar um Kommentar dagegen zu schreiben ist schon komisch. Oder es hat ihn eben doch was gepackt, was er aber nicht will.
Peter (anonym) antwortete am 2009/05/31 23:24:
fragile
Tricks, Seele, Effekte....dem Ohr, das unterm Rasensprenger liegt, entspricht selbstverständlich das Arschloch, das dann doch Seele hat - ja genau, fragile, es ist Kitsch für mich. Berechenbar. Äonenzahlig. Ich habe darüber mal was geschrieben, dass ich jetzt glattweg verlinken könnte, aber ich lasse es.
Und bitte, vielleicht liegen sie da richtig mit der Musik. Aber rein rhythmisch will ich hier gar nicht reinhorchen. da höre ich vorerst Musik.
ovid (anonym) antwortete am 2009/05/31 23:28:
von der erzählung der bedeutung
er zählt /
statt zu erzählen /
und sie zählt /
ihn aus /
gerechnet sie /
die halbwert /
zeit
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/kommantare-in-new-york-manhattan-roman/#5771755





















