Kinderoper. Elisabeth Naskes Die Rote Zora nach Kurt Held in ihrer Deutschen Erstaufführung an der Komischen Oper Berlin.
Großer Jubel im kinderreich besetzten Haus. Eine Kinderoper zur Aufführung zu bringen, hat mit dem beginnenden Winter Tradition an der Berliner Behrenstaße; nach Frank Schwemmers „Robin Hood“ im letzten Jahr nun >>>> der Österreicherin Elisabeth Naskes Bearbeitung des Erfolgsbuches von Kurt Held – eines Dauerbrenners der Jugendliteratur, der nach den entsetzlichen Geschehen auf dem Balkan auch einige politische Aktualität wiedergewonnen haben dürfte. Es ist die Geschichte einer Kinderbande, die voll Pfiff und Herz ihr Elend mit nicht durchweg legalen Methoden bewältigt. Am Ende, von den „Bürgern“ wieder in die Reihen geschlossen, weiß man allerding nicht recht, ob die nun vorgeführte Harmonie den jungen Leuten tatsächlich zu wünschen ist. Deutlich genug, wenn gerade der korrupte Bürgermeister den an sich schaurigen Satz sagt: „Ich meine, wir sollten ihnen noch eine Chance geben.“ Aber darüber spielt die Geschichte hinweg, auch wenn einer der Jungs, Djuro, der Sache gegenüber skeptisch bleibt und sich seiner Vereinnahmung doch lieber entziehen will.
Naskes im Mai 2008 am Luzerner Theater uraufgeführte Musik schildert die Geschichte mit ausgesprochen vorsichtig modernem Melos. Leitmotivartig führt gern die Trompete durch Anleihen, die hin und wieder Debussy, vor allem aber, in den elegischen Partien, Janáček mit einem süffigen Drive verschneiden, der an Bernsteins A West Side Story erinnert; bisweilen fehlt nur das chorische Fingerschnipsen. Zusammen mit den gypsyhaften Zwischenmusiken ergibt das ein leichtfüßiges, bisweilen schwärmerisch-trauriges Stück, das dem Musical nahsteht. Es spielt gern mit „Reißern“, deren einer wirklich Ohrwurm ist; die Themen sind fast immer schon als Song da, ohne daß sie sich aus den Motiven entwickeln würden. So wird die „Nummer“ favorisiert – was einem jungen Publikum entgegenkommt, das mehr auf Handlung als Melos konzentriert ist. Außerdem ist das Lied, das die Komponistin dem jungen Branko von seiner Mutter schenken läßt, tatsächlich wunderschön. Sogar einen Fischstäbchen-Walzer gibt's. Der hat auch für ausgebildete Hörer eklektizistischen Witz. Kurz: dies Kinderopern-Ding macht Spaß, und zwar auch damit, wie leichthändig es klaut. Hält man sich vor Augen, auf welche Weise sich die Zorabande durchschlägt, kann man das als einen „Spiegel der Verhältnisse“ sehen. Und überhaupt Marx. Der Fabrikdirektor ist selbstverständlich ein Arschloch, sein Bürgermeister„freund“ läßt sich nur per becircender Einwisperung seiner niedlichen Tochter umstimmen; aber die Arbeitschaft besteht zum großen Teil aus Leuten, die das Herz am rechten Flecken hätten, ließe man's nur schlagen. So sind es schließlich die Stände, die Menschlichkeit durchsetzen. Das hat nicht wenig Meistersinger-Endseligkeit. Erinnert der alte Fischer Gorian wohl deshalb an Hans Sachs?
Jasmina Hadziahmetovic inszeniert das Stück angemessen traditionell und scheut, bei den Bandenkämpfen, auch nicht vor einer Action zurück, die aus Operngründen freilich gegen jeden Standard abfallen muß; man spürt hier deutlich, auf welch verlorenem Posten das Musiktheater bei jungen Menschen steht, die auch schon mit acht ziemlich Anderes gewöhnt sind. Davor wird dann ins Kindliche geflohen: gelungen in einer märchenhaft-hübschen Unterwasserszene, grob mißlungen beim Thunfisch-Ballett, das Zoras Kinderbande mit Sicherheit auch schon vor siebzig Jahren ausgelacht hätte, und mit Recht. So ist hier auch leider Naskes Musik: wie sich wohlerzogene Eltern vorstellen, daß ihre braven Kinder sängen. Einfach nur schaurig... um es nicht wütender auszudrücken. Fantasievoll dagegen, allereinfachst realisiert, des Fischers Bleibe; dieses Szenenbild hat Kraft. Und was Pflanz mit der Fabrik alles anstellt, sollte man sich sowieso ansehn. Das Ganze mit, sagen wir mal, Schmiß dirigiert.
Die Aufführung ist für Kinder ab acht vorgesehen. Denken Sie aber bitte daran, daß Pubertät meist schon mit elf, wenn nicht schon mit zehn beginnt. Heutzutage. Wir müssen unsere Kategorien überdenken.
Zora Olivia Vermeulen, Branko Adrian Strooper, Nicola Christoph Schröter,
Duro David Williams, Pavle Milos Bulajic, Zlata Julia Giebel, Wirtin Mirka Wagner,
Der reiche Karaman Thomas Scheler, Gendarm Begovic Hans Gröning,
Der alte Gorian Carsten Sabrowski, Fischer Radic Mathias Bock,
Bäcker Curcin Peter Renz, Bäckerin Julia Bossen, Bürgermeister, Wirt Karsten Küsters,
DjordjovicMaximilian Held, Brankos Großmutter Heide Simon
SlavkoJan Proporowitz, Dragan Matthias Spenke, Brozovic Richard Neugebauer.]
8. und 15. 11., sonntags, 16 Uhr.
20. 11., Freitag, 11 Uhr (Schulklassen!).
>>>> Karten.]





















