Dritter Produktionstag. Christian Filips. Leibseliger, wir rücken vor. (Filips 4).
11.24 Uhr:
Soeben den ersten Schnitt fertigbekommen: das Gespräch gestern beim Spaziergang; bin da bei 1 Stunde 6 Minuten, das ist als Grundlage prima. Seit kurz vor sechs Uhr sitze ich dran, unterbrochen von einer Radfahrt zur Villa Elisabeth, wo mir Filips Pop-Musiken geben wollte, die er nachts noch von M. Rincks bekommen hatte. Aber ich stand dann da vor der verschlossenen Tür, und niemand öffnete. An sein Mobilchen ging Filips nicht, so daß ich unverrichteter Dinge zurückradeln, noch kurz bei der Schule meines Jungen vorbeischauen mußte, um ihm ein Heft hinterherzubringen, das er hier hatte liegenlassen. Kurzes Gespräch mit der Klassenlehrerin, dann zurück an die Töne.
Das Gespräch ging mir noch sehr nach; jetzt auch wieder, da ich es Silbe für Silbe abhöre. Das Gespräch ging und geht mir nach wie vor vor allem in seinem Skeptizismus sehr nach: Fragwürdigkeit des Dichters-als-Künstlerkonzept; Filips spricht vom „Projekt Dichter“, dem er keine Zukunft mehr gibt. Die „Abwesenheit von etwas“, von der er in dem Gespräch erzählt und die gerade der Anlaß seiner Literatur gewesen sei, wird so deutlich, daß sie sich auf mich überträgt und nachts in der Bar, der Profi und Αναδυομένη waren dabei, drückend nachwirkte; es ist dies so anders als mein eigenes, nach wie vor eher optimistisches Empfinden, auf das es sich dann aber legte. Ich hatte richtiggehend zu kämpfen, war enorm erschöpft, was nicht von der Tätigkeit allein herrühren kann und auch nicht von dem kleinen Halsschmerz-Infekt, den ich mir eingefangen habe.
Wie ich das Hörstück konstruieren will, beginnt gerade erst, leichte Konturen zu bekommen. Doch bevor ich überhaupt montieren kann, sind auch die anderen O-Töne noch zu „säubern“, vor allem sind die Aufnahmen aus dem Hauptstadtstudio zu putzen. Mit alledem habe ich ganz sicher bis heute abend zu tun.
Was mir zur Musik noch einfällt, was ich ganz sicher – wenigstens a u c h – nehmen werde, ist Michael Mantlers tiefe Vertonung „When I run“ nach Samuel Beckett; das scheint mir ausgesprochen passend zu sein. Es singt Jack Bruce. In meinem >>>> New-York-Roman habe ich das Musikstück schon zur Grundlage einer große Szene gemacht; dort konnte es aber nicht klingen, es war erzählt, nicht mehr.
16.13 Uhr:
Die Schnitte sind fertig, auch die Gedichte aus den durchlaufenden Aufnahmen separiert, teils schon zugeordnet: Ich will etwa Pasolinis von Filips in Lutherdeutsch übersetzte „Recession“ mit Filips' „Es kommt der Etat in die Jahre“ kombinieren; dazu dann, als musikalisches Leitmotiv, das Hauptthema von >>>> Michael Mantlers Beckett-Vertonung „What is the word?“ durch die Komposition ziehen; einmal soll das Stück auch g a n z erklingen, und zwar nach Filips' „Begriff von Klarheit“, welches ein höchst programmatisches Gedicht ist. Pasolinis „Salerno“ haben wir beide eingesprochen, sowohl Filips als auch ich; das wird dann ebenfalls kombiniert. Eine erste Reihenfolge habe ich während des Abhörens (und Putzens, von Mundgeräuschen, Atmern usw.) auch schon erstellt. Nun kann es also losgehen mit der Montage. „Fremden“ Pop brauch ich jetzt eigentlich nicht mehr, Mantlers Jazz, bzw. (mit Bruce) Jazzrock sollte reichen. Vielleicht setze ich zur Strukturierung einen einzigen Celloton ein, den ich dann noch selbst einspiele; da bin ich mir aber noch nicht sicher. An ganz wenigen Stellen wird Kirchenmusik vorkommen, auf jeden Fall „O Haupt voll Blut und Wunden“ in meinem DAT-Mitschnitt des Karfreitagskonzertes der Sing-Akademie, dessen Dramaturg Filips ja ist, so daß sich da keinerlei Urheberrechtsprobleme auftun.
19.59 Uhr:
Mit der Montage begonnen.
Wenn das so weiterläuft, wie es jetzt schon klingt, wird das absolut irre.
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