Arbeitsjournal. Sonntag, der 1. November 2009.
8.03 Uhr:
Meine Augen werden schlecht, jetzt schon morgens; es ermüdet, die Zeilen zu lesen. Aber auch, weil sie nicht stimmen. Stundenlang mit der Löwin in Skype gewesen, „es kommt“, sagt sie, „all dies wird sich in Produktivität umsetzen, da sei dir sicher.“ Momentan setzt es sich in die Produktivität um, die Sauen rauszulassen, bei ihr, bei mir. Dazu immer die Löwinnendrohung „ich bin stark, hüte dich, ich werde dir wehtun, ob ich will oder nicht, wenn du dem nichts entgegensetzt“; das ist wie Brünnhilde, die im Brautbett erwartet, überwältigt, eben: übermannt zu werden; man könnte sagen, wir wiederholten die Geschichte des Patriarchats, aber willentlich als Geschichte, und zwar genau so, wie man in der perversen Bewegung Traumata wiederholt, die man dadurch in Lust transzendiert. Das Rauschhafte daran ist, daß wir es beide wissen und genau darüber auch sprechen können. Nachts dann war ich schließlich stärker als sie, einfach, weil ich zäh bin, auch, weil ich hinter dem, was ich tue, öffentlich stehen kann und stehen würde, verlangte jemand Rechtfertigung von mir. Ich trage keinen inneren Widerspruch mehr aus, folge meinem Instinkt und halte ihn für richtig. Sie hingegen - „nur für dich!“ betont sie, m i t dem Ausrufezeichen - muß loslassen, was (zu recht) emanzipiertes Selbstbild ist, aber was auch ganz unabhängig von den Geschlechtsbildern unser moralisches Weltbild prägt; auch das zu recht und mit Gründen. Lust kann auch Hölle sein, die Religionen wußten es alle. Feuer brennt. Es gab einen kleinen Zusammenbruch in ihr, der Löwin, ich fing sie über die Hunderte Kilometer so gut auf, wie ich's vermochte. Mit einem „du machst mich glücklich“ endete der Tag.
Ich stellte keinen Wecker, schlief einfach, testosterongeschüttelt beim Einschlafen und beim Aufwachen schon wieder. Die dreizehnte Elegie war wie festgefahren, aber mir wurde klar über den Tag, über die Gespräche, über das sich-gegenseitig-Aufputschen, wo ihr Mangel liegt. Ein prinzipieller: Ich war nicht klar genug in ihr, noch immer nicht klar genug. Sie soll Abschluß sein, aber zugleich Aufbruch. Die Elegie soll nicht elegisch, sondern mit einem Zug ins Vitale enden, das bei mir immer ein Sexuelles ist: Zeugung. Ich habe bislang zu sehr die Abrundung im Auge gehabt, ein herbeigezwungenes Harmonisieren, wo es zu harmonisieren nichts gibt. Die Elegie muß in die Schärfe. Es ist, als schriebe ich sie neu. Ich schreibe sie neu, aber verwende das „alte“ Material, Wortmaterial. Dazu aber der strenge Rhythmus und immer die Frage: wo breche ich ihn, wo m u ß er sich brechen.
Die Löwin, imgrunde, will ein Doppelleben; deshalb ist ihr die Entfernung so recht. Mir kommt dieses Wollen zwar entgegen, es kommt meiner sozialen Wirklichkeit entgegen, es widerstrebt mir aber imgrunde, wiewohl ich natürlich ebenfalls weiß, daß ich für die soziale Wirklichkeit dieser Frau, auch für ihre emotionale Sicherheit, alles andere als bürgen könnte, gegebenenfalls. Im Gegenteil, gingen wir bruchlos zusammen, brächen ganze Straßenzüge weg, die wir selbst mit entwarfen, aufbauten und nach wie vor für schöne halten, angenehm bewohnbar, für menschlich, für verantwortungsvoll und also: g u t. Wir sind zudem deren Bewohnern liebevoll verpflichtet; ich, wegen der Kinder, mehr noch als sie: Schutzlose haben den Vorrang, zumal, wenn man sie liebt. Hier greift bei ihr der weibliche Pragmatismus, bei mir greift meine Kultur, die ohne Vaterschaft nicht mehr denkbar, fühlbar wäre. Auch das ist ihr bewußt: daß ich Vater sei, sei einer der Gründe, weshalb ich für sie, um d i e s e s zu leben, überhaupt infrage gekommen sei; nicht n u r deshalb, aber a u c h deshalb habe sie mich gewählt. „Ich kannte dich schon lange, bevor wir uns trafen.“
Ich bin nervös. Der November hat begonnen, Anfang Dezember muß so vieles fertigsein, das noch nicht einmal begonnen wurde. Meine Ökonomie steht auf dem Spiel. Da kommt die Löwin und legt an alles Feuer, und ich, bei ihr, erscheine und werfe die brennende Fackel ebenfalls in den trockenen Busch. Jetzt muß dieses Feuer in die Elegie. Die Gemälde der Löwin hat es schon erfaßt, schreibt sie. Brennend enden. „Kannst du d r e i Frauen lieben?“ fragte die Löwin. Verdammt noch mal, sie stellt die richtigen Fragen. „Wir sind, jeder für sich, mehrere“ habe ich immer gesagt. Hier ist jetzt eine gekommen, die an mich den Anspruch stellt. Halte das, was du sagst. Sei mit ihm auf derselben Höhe; nur dann hälst du m i c h. (Ich erniedrige. Ich überhöhe. Das ist kein Spiel, aber wir tun gut dran, es ein Spiel zu nennen.)
Dreizehnte.
(Der Arbeitstag wird für die Elegien nur bis zum späten Mittag gehen; nachmittags >>>> Kinderoper mit meinem Jungen. Danach ans Terrarium, um die Zwillingskindlein, und meinen Jungen a u c h, zu hüten. Dort werde ich dann abends die Kritik schreiben. Ab morgen beginnt die Schulwoche wieder.)
9.45 Uhr:
Die erste der drei (engformatiert vollen) Elegie-Seiten fertig. Mit einer halben Räuchermakrele gefrühstückt, sie gefrühstückt, nachdem ich ihre andere Hälfte gestern nacht noch verzehrt hatte. Eiweiße. Müssen Sie mir nicht sagen, weiß ich selbst. Nach der zweiten Seite, wenn das jetzt so weiterläuft, unter die Dusche. Dringend. Ich seh nach Clochard aus. Zweiter latte macchiato. Cigarillo.
11.14 Uhr:
Zweite Seite fertig. Rasieren jetzt. Duschen. Mich kleiden.
13.35 Uhr:
Fertiggeworden. Die Dreizehnte druckt gerade aus. Jetzt bin ich gespannt, wie sich das alles auf Papier liest. 11Punkt, also ziemlich kleine Schrift; der Formatierung halber aber ist das nötig. Übern Daumen gepeilt werden es zwischen 150 und 200 Buchseiten werden. Das jedenfalls bringe ich bis zum Mittwoch zuende, dann gehen die Typoskripote an die Verlage; ob ich tatsächlich noch das Pettersson-Requiem anhänge, entscheide ich später in Absprache mit dem Lektorat. Es eilt nicht, jetzt ist erstmal anderes vordringlich: das Danz-Hörstück, der Eigner-Aufsatz, die Scelsi-Werkbesprechung, die kleine Rezension für Manuela Reichart/WDR, das „geheime“ Buchprojekt, dessen erste drei Kapitel bis Anfang Dezember bei dem auftraggebenden Verlag liegen müssen, die Essay-Sammlung noch für eventuell Matthes & Seitz. „Zwischendurch“ muß ich noch nach Heidelberg, sowieso auch ans virtuelle Seminar, und außerdem weiter auswärts mit ** etwas erledigen, das ein Reise'chen erfordert.
Was essen. Zusammenpacken für Kinderoper und Abend.
14.28 Uhr:
Nun hab ich es sogar noch geschafft, einen >>>> Partikel aus der Neunten Elegie einzustellen. Prima. Espresso. Cigarillo. Gleich ist's Zeit aufzubrechen. Die Löwin noch, indem sie auf meine Reflektion von heute früh reagiert und ganz Literatur:Ich will kein Doppelleben: Ich will ein Alter Ego. Besser gesagt, ich habe es schon und will es benennen.Schlingen. (Meine Funknetz-Verbindung wackelt wieder.)





















