Arbeitsjournal. Mittwoch, der 1. Juli 2009.
5.11 Uhr:
[Arbeitsjournal.]
Bei dem Muskelkater sollte ich heute früh nicht laufen und lauf auch nicht, sondern setz, wie Αναδυομένη, mit Würfeln einmal aus. Sowieso ist >>>> Prunier nachzuholen, zumal ich ab nachmittags wieder nicht am Schreibtisch sein werde: Do ist ab heute in Berlin, wir werden abends >>>> in die Turandot gehen (selten gespielt, leider, ist Busonis) und wollen uns schon vorher treffen; für morgen abend bat mich ihr Freund, Spaghetti ai frutti die mare zu kochen; schwarze Spaghetti hab ich noch hier und werde mir >>>> bei Mitte Meer, woran ich morgen früh nach dem Cellounterricht eh vorbeiradeln werde, etwas überlegen. Jetzt erst mal den latte macchiato, die Morgenzigarette (noch lauf ich nicht auf Leistung), etwas Orientierung im Netz, >>>> New York. Mein Bub schläft tief auf seinem Vulkanlager, das er nach kurzen Ausflügen auf die Couch sich wieder für seines erklärt hat, wozu paßt, daß er Freitag nacht auf Samstag das neue Zelt auf dem Rasen hinterm zweiten Hinterhaus ausprobieren möchte, mit seiner Freundin; von mir aus ist das okay, aber die anderen Eltern müssen noch zustimmen und wohl auch die Bewohner des Hinterhauses. Hoffentlich klappt's, es gibt halt auch ängstliche Charactere.
Der >>>> Faulkner hat mich gepackt; ich guck abends keine Filme mehr, sondern lese nur, je bis sowas gegen 23.30 Uhr, dann schwimmen die Augen; so intensiv habe ich seit langem nicht mehr gelesen, es sei denn, es war etwas zu rezensieren; hier aber hält mich überhaupt keine „Pflicht“, ich will auch die Tage nun noch dazunehmen. Nebenbei halten mich „die“ Finnen in Atem mit Interviewvorschlägen und dergleichen für >>>> die Helsinki-Reise nach der Rückkehr aus Italien ---
--- 5.46 Uhr: wann hab ich zuletzt, vordem, ein Buch mit aufs Klo genommen? ---
--- aber ich nehm es gelassen, auch wenn ich allmählich mal Aufträge „einfahren“ sollte wie eine Ernte, die auf dem Halm verkauft wird; sonst lohnt sich meine Reise für die Finnen nicht, und für mich nicht, weil es natürlich wieder mal kein Honorar gibt. Nur Die Dschungel werden der Kulturinstitution auch zu wenig sein - sehr, geb sogar i c h zu, verständlicherweise. Ich will mal an Leukert schreiben, wen er empfiehlt und/oder bei wem er mir ein Entrée verschaffen kann, daß ich dort über das Festival publiziere. Wobei ich darauf achten will, mich nicht allzu sehr ins Journalistische einspannen zu lassen, das mir überhaupt nicht liegt, sondern Grundfragen ästhetisch diskutieren kann.
Vorm Enschlafen jeweils drei bis vier Gedichte, derzeit noch Jannis Ritsos; da ist aber auch viel Zeugs dazwischen, von dem ich annehme, daß sein Eigentliches aus dem griechischen Original klingt, im Deutschen aber verlorenging. Und ich hab eine eigene Sonett-Serie wiedergefunden, „Eva-Sonette“, geschrieben vor rund zwanzig Jahren in dem Anfall neuenttäuschter Verliebtheit, vielleicht >>>> peinlich, könnte man sagen; interessant ist aber für mich, daß da schon der T o n der >>>> Engel drin ist: noch nicht getroffen, noch nur angetastet, oft fehl in den Bildzugriffen, sprachlich ungelenk in der Rhythmisierung usw., jedenfalls nix zum Öffentlichmachen, aber vielleicht, denk ich noch, gut dafür, eniges davon herauszulösen und anderweitig zu verwenden, etwa dies: Sie aber wetzen ihren Humor.... --- ah, mein Durcheinander! Ich seh gerade, die Turandot ist erst morgen, logisch, na klar, 2. Juli, nicht 1., also wird Do auch erst morgen in Berlin sein, und erst übermorgen koche ich. Aus der Zeit fallen: es nicht merken, während man fällt. Einen Dank >>>> an den Spielplan im Netz. So paßt es aber ja auch viel besser: wenn ich hier koche und mit den Freunden essen, zelten die Kinder hinten auf dem Rasen.
7.13 Uhr:
Tschaikowski b-moll. „Gibst du mir mal den Block, Papa?“ „Einen Bleistift?“ „Ja.“ Du mußt heute abermals erst um zehn in der Schule sein. Derweil will meine tragbare Musik-Festplatte nicht erkannt werden, von beiden Computers nicht. Nerv.
7.43 Uhr:
[Tschaikowski, Rokoko-Variationen.]
So, >>>> steht drin.
17.07 Uhr:
[Fazil Say, Alla turca Jazz, Fantasie auf das Rondo.]
Diese Musik ist ganz hübsch, ob man allerdings Says Violinkonzert braucht..? Eher wohl nicht. UF und ich tauschen fleißig per >>>> Dropbox, die ich nur empfehlen kann. Ich komme allerdings kaum mehr mit dem Hören mit; vieles ist „nett“, als Untergrund, wenn einer liest, statt des Vogelsangs und Kinderrufens von draußen.
Hab die externe Musik-harddisc wieder zum Laufen gebracht, aufgeschraubt, geschüttelt, ein Papier dazwischengesteckt... prompt ging's. Wackelkontakt; beruhigend insofern, als nicht die Daten betroffen sind, sondern sich offenbar nur die Verbindung zum USB-Stecker gelockert hat. Im übrigen am Cello gewesen und Faulkner weitergelesen; >>>> das Zitat strich ich bereits vorgestern an. Daß nun >>>> der WürdegernOvidsein wieder meckert, war vorauszusehen; für einen richtigen >>>> Antiherbst reicht das aber nicht, da muß er sich schon etwas mehr anstrengen. Eh langweilig, >>>> sein sozialdemokratisch-korrektes Rumgelüricke.
Neben mir liegen noch immer die Eva-Sonette; nix dran getan, ich lebs einfach so in den Tag. Und schreibe hie und da einen elektronischen Brief.
Plötzlich gießt es draußen. Man nennt das einen Guß.
20.04 Uhr:
[Enescu, Cellosonate Nr. 2.]
Irgendwie >>>> haben die Leute Angst, daß ich ihnen ihr Mädel ausspanne. Sie wissen offenbar so gut wie ich, daß nicht wenige junge schöne Frauen ältere Männer leidenschaftlich schätzen. Sofern die in Façon sind. Das sind freilich nicht viele; Männer neigen zur Bequemkeit. Darum ist die Konkurrenz wiederum s o groß nicht.
Jetzt radle ich gleich >>>> in die Bar. Man kann mich ja anschauen kommen.
23.48 Uhr:
[Henze, Serenade für Cello solo.]
Zurück. Ganz Unter den Linden riecht sowas von süß nach Linden! Und dann gibt es, sowie man auf den Prenzlauer Berg hochradelt, ein Gewächs, einen Busch wahrscheinlich, ich kenne ihn aus Rom, der enorm nach Sperma duftet, man wird fast schwindelig davon. Wie heißt dieses Gewächs? Falls es jemand weiß, bitte sagen.
Einmal triggerte mich der Profi vorhin aus. „Fortschritt entsteht, wenn Regeln intelligent gebrochen werden“ lautet ein Merksatz an einer der Wände in der neuen Schule meines Sohnes. „Intelligent die Regeln zu brechen“, sagt der Profi, „bedeutet, stehenzubleiben, wenn man bei Rot über die Straße will, aber auf der anderen Seite ein Polizist steht. Das ist nicht korrupt, es ist intelligent.“ „Aber man beugt sich dann einem oft so dummen Mann!“ erwidere ich. „Wände“, sagt er, „sind n o c h dümmer – und gegen dumme Wände würdest du doch auch nicht rennen.“ Erwischt. Wohl wahr. Im übrigen hat er die Fähigkeit, 500-Seiten-Romane an zwei Abenden zu lesen. Er behält dabei auch alles. Für einen Juristen ist das eine mehr als segensreiche Fähigkeit. Es scheint wie bei Wiederkäuern zu sein, die tags das Gras rupfen, es in einem Kropf verstauen und dann bei Zeit und Muße es wieder hochwürgen und langsam besonnen für sich zersetzen.
Jetzt noch eine halbe Stunde Faulkner. Dazu einen Talisker.





















