Kündigung eines Kritikers. An einen Kritiker. Panoramen der Anderswelt: die horen 231. Zwischenlese.
Unterrühle 42b
69827 Kleindorf i.Fr.
Kleindorf i.Fr., 5.10.08
Abbestellung
Die „Horen“ haben sich bisher mit der Literatur von Ländern oder der zu bestimmten Themen befaßt. Ein Heft zu einem einzigen Schriftsteller von untergeordneter Bedeutung wie Herbst interessiert mich nicht. Ich bestelle die Zeitschrift deshalb vom 1.1.09 an ab.
gez. G. Praecox
Dr. Grammaticus Praecox
Unterrühle 42b
69827 Kleindorf i.Fr.
Berlin, den 16. November 2008.
Sehr geehrter Herr Dr. Praecox,mir liegt in Kopie Ihr Fax an Johann P. Tammen wegen der Abbestellung Ihres >>>> Horen-Abonnements vor. Es macht mich ein wenig ratlos. Ich werde deshalb und weil ich mit ähnlichen Vorgängen schon mehrfach konfrontiert worden bin, den Wortlaut Ihres Faxes sowie diese meine Reaktion in die öffentliche Diskussion geben, aber dabei Ihren Namen verborgen halten. Es versteht sich von selbst, so etwas diskret zu behandeln, allein schon, weil das Fax nicht an mich, sondern an jemanden anderes gerichtet worden ist.
Wir sind uns nie persönlich begegnet; vor mehr als zwei Jahrzehnten verrissen Sie für die FIIIIIIIIIIEEP meinen FIIIIIIIIIIEEP Roman FIIIIIIIIIIEEP, und zwar – ich habe die Rezension aufgehoben – vor allem wegen der falschen Handhabung des deutschen Konjunktivs. Ihre Kritik ist für mich von großer Bedeutung gewesen, weil ich mich nach der Lektüre und, zugegeben, einer Verletzung auf meine vier Buchstaben gesetzt und die grammatisch korrekte Verwendung des Konjunktivs derart gebüffelt habe, daß ich heute selbst an Lektoren gemessen zu den nicht sehr vielen Menschen gehöre, die ihn noch beherrschen. Das habe ich indirekt Ihrer Kritik zu verdanken, für die ich deshalb dankbar bin. Mein Beharren auf seiner korrekten Verwendung hat sich auf der letzten Leipziger Buchmesse sogar >>>> dem Vorwurf aussetzen müssen, ich sei ein „Sprachfaschist“ - so eine blutjunge Fischer-Lektorin. In meinen Seminaren an der Heidelberger Universität streite ich immer wieder für diese Aussageform.
Dies zur Vorgeschichte. Nun zu Ihrem Fax. Sie schreiben, die Horen hätten sich bisher mit der „Literatur von Ländern“, was eine eigenartig verkürzte Aussage ist, sowie mit derjenigen „zu bestimmten Themen“ befaßt. Das ist richtig, aber es hat auch immer wieder Autorenbände gegeben, etwa den zu Christian Geissler im Jahr 1998, ferner Albert Vigoleis Thelen, Wolfgang Hildesheimer, Gregor v. Rezzori, Max Aub und Edith Södergran, sowie erst kürzlich zu Günter Grass und Walter E. Richartz. Insofern kann Sie ein spezieller Autorenfocus eigentlich nicht überrascht haben. Sondern Ihr Ärger scheint deshalb speziell mit mir, bzw. mit meiner Arbeit zu tun zu haben, die Sie als „von untergeordneter Bedeutung“ bezeichnen.
Das ist Ihr Recht. Zwar haben sich in dem Band namhafte Wissenschaftler zusammengetan, um Bewertungen wie der Ihren, die mir aus dem Betrieb nur zu gut bekannt sind, argumentativ etwas entgegenzusetzen, aber selbstverständlich kann nicht von Lesern verlangt werden, sie sich auch nur anzuhören. Ich weiß aus meiner Erfahrung, wie unangenehm es oft ist, eigene Urteile, an die man sich gewöhnt hat, revidieren zu müssen. Allerdings meine ich schon, daß jemand, der als Kritiker urteilt, eine Art Sorgfaltspflicht hat. Die sehe ich verletzt, und zwar um so mehr deshalb, als Sie anderen verübeln, Sie in sie zu nehmen.
Sie waren bislang mit den Horen offenbar zufrieden; daß Sie Ihr Abonnement jetzt kündigen, bedeutet, daß Sie auf die Herausgeber der Zeitschrift einen Druck ausüben wollen, sich gefälligst nicht mit Autoren zu beschäftigen, die Ihnen persönlich, aus welchen Gründen auch immer, mißbehagen; diese Gründe wiederum wollen Sie nicht zur Diskussion stellen, sondern an ihnen ideologisch festhalten. Ob man so etwas tut oder nicht, ist ebenfalls jedem selbst überlassen; man muß sich ethischen Fingerproben nicht aussetzen. Doch reagieren Sie mit Ihrer Kündigung ausgesprochen irrational, ja eine seltsame Wut schwingt in Ihren Zeilen mit. Hätte es nicht genügt, einfach den Band beiseitezulegen, schon weil in keiner Weise zu befürchten steht, es werde ein weiterer Herbst-Band folgen?
Ich möchte Ihnen die Wut gerne nehmen. Der Band ist da und wird seine Wirkung entfalten, das ist Fakt. Aber so etwas muß nicht in Ihrem Arbeitszimmer geschehen. Deshalb biete ich Ihnen an, daß Sie mir den Band schicken und ich Ihnen dafür den Kaufpreis nebst Portokosten erstatte. Dafür behalten Sie Ihr Abonnement und verzichten darauf, die Herausgeber der Horen negativ zu sanktionieren.
Mehr kann ich kollegialerweise für Sie nicht tun. Es ist mir höchst unangenehm, wenn andere Personen, die sich für mich verwenden, bestraft werden wie ein Bote, der schlechte Nachricht bringt.
Hochachtungsvoll
ANH
Korrespondenz - Mittwoch, 19. November 2008, 10:47- Rubrik: Korrespondenzen
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