Arbeitsjournal. Mittwoch, der 27. August 2008.
5.16 Uhr:
[Arbeitswohnung. Verdi, Maskenball.]
Habe meinen alten Cassetten-Walkman wieder vorgekramt und fand, daß das mit den mp3-Players Unfug ist, wenn man über 600 Musikcassetten besitzt, die sich nach und nach in bester Qualität beim Fahrradfahren abhören lassen. Gestern nacht zur Bar die Pfitzner-Sinfonie C-Dur, auf der Rückfahrt das Klaviertrio (darf man Pfitzner hören? fragte ich mich wieder einmal; was künstlerisch unstatthaft, weil eine moralische Frage ist), und heute morgen Vom Terrarium hierher Verdis Maskenball von 1989 in >>>> Karajans letzter Einstudierung; nach seinem Tod hatte Solti das Dirigat übernommen.
Kein guter Tag gestern, psychisch. Erst bekomme ich eine Rezension über >>>> MEERE zu lesen, die ein Verriß nicht etwa deshalb ist, weil das Buch schlecht geschrieben sei, nein, der Verfasser sagt das ganze Gegenteil; zum Verriß wird die Rezension, weil er mir vorwirft, daß der Leser zwischen mir und dem Helden des Buches nicht unterscheiden könne; letztlich wirft er mir Indiskretion vor; er habe aus meinem Privatleben alldas nicht wissen wollen.
Ich habe mich nicht nur geärgert, sondern finde eine so moralisch unterfütterte Rezension unerträglich und unerträglich dumm; käme man auf die Idee, Augustinus die Bekenntnisse vorzuwerfen? ja selbst, wenn alles - was es nicht ist – so geschehen wäre, wie das Buch es schildert, nähme ihm das nicht den literarischen Rang und schon gar nicht Schönheit. Es kann zur Beurteilung der Qualität eines Romans doch nicht hergenommen werden, daß das, was er schildert, real oder nicht real gewesen sei. Wäre dem anders, wir stünden bei 2/3 der großen Weltliteratur aber gehörig im Regen. Ein weiterer Kritikpunkt des Rezensionsverfassers lautet: die in MEERE erzählte Geschichte sei ein „Allerweltsplot“, also etwas, das sich so oder doch ähnlich millionenfach zutrage und letztlich einer Schilderung nicht würdig sei. Das ist schlichtweg falsch, aber es läßt sich darüber nicht argumentieren, sondern immer nur behaupten. Inwieweit die in MEERE erzählte Liebesgeschichte mit ihrem Scheitern aufgrund von weit außerhalb der Macht der Protagonisten liegenden auch politischen Ursachen banal-allerweltig sei, können wirklich nur Sie selbst, die Leser, entscheiden. Jedenfalls bescherte mir diese Rezension, auf die ich ganz bewußt nicht verlinke, einen verärgerten und verletzten Abendbeginn. Außerdem, wenn jemand Wagner allen Ernstes die Wesendonk-Lieder vorwirft, statt auf die Schönheit der Musik zu hören, mag ich mit ihm nichts, aber auch gar nichts mehr zu tun haben.
Zuhause ging es dann mit einem Krach nach dem Abendbrot weiter: ich vernachlässigte meinen Sohn, in jedem Fall sein Cellospiel, da ich mich nicht mehr darum kümmerte, daß er mit mir zusammen übe. Das ist richtig, ich konnte das nur zugeben. Und erklärte, daß ich das Gefühl hätte, ihn an die Pop-Musik zu verlieren, weil ich der einzige sei, der ihm eine andere Musik nahezubringen versucht habe und versuche; das sei gescheitert; zuhause sei er fast nur unter Pop-Einfluß, seine Freunde hörten Pop, in der Schule höre man Pop, auf seinen Spielplätzen; für sich selbst höre er auch immer nur Pop, Police usw.; wenn er woanders sei, frage er auch dort immer nur nach Pop. Dafür sei das Cello kein geeignetes Instrument, er spiele ja sowieso sehr viel lieber Schlagzeug. Das möge er auch gerne tun, ich hätte nichts dagegen, aber ich wolle nicht allein derjenige sein, der ihm etwas aufzwinge, zu dem er keine Lust habe; das falle andernfalls auch auf die Musik zurück, die ich vermitteln wolle. Dazu sei mir "meine" Musik zu nahe. - Immerhin, um 21.30 holte ich den Jungen, der sich während des Streits auf die Toilette zurückgezogen hatte, noch mal ans Cello heran, und er spielte jetzt, hatte ich den Eindruck, gerne. Das Problem ist bei Streichinstrumenten einfach, daß lange Zeit nichts schon wirklich klingt; bei einer Gitarre kann man wenigstens auf Akkorde ausweichen und dann das Gefühl haben, man habe das Instrument bereits etwas im Griff. Was ja nicht stimmt, sondern man schlägt nur Akkorde an. Bis man die Gitarre als Melodieinstrument spielen kann, vergeht genau so viel Zeit. Es wäre alles ganz anders, käme mein Junge einmal von sich aus und fragte, ob wir jetzt üben könnten. Aber es ist ja wahr: „Er ist achteinhalb! Er ist ein Kind! K e i n Kind fragt, ob es üben darf, wenn es statt dessen spielen kann.“
Egal.
Jedenfalls radelte ich dann noch in die Bar und schüttelte dem Profi das Herz aus, der irgendwann einfach fragte: „Und finanziell?“ und einmal wieder half.
Es geht immer noch um den >>>> horen-Umschlag, außerdem um einen angemessenen Titel. >>>> Woods hat sich noch nicht gemeldet, ich hab noch drei Motive von Max Ernst herausgesucht und werde mich einmal mehr auch noch bei >>>> Zazie umschauen. Die anderen Verlage, bei denen ich in diesem Jahr Bücher publiziere, mußten wegen Anzeigen angeschrieben werden; von >>>> Jesse, wegen AEOLIA, kommt momentan keine Rückmeldung; ich habe ja nicht einmal mehr mein Handexemplar, weil ich es meinem Freund D.B. zum Siebzigsten geschenkt habe; und ich weiß nicht, wie weit die neu vorgenommenen Bindearbeiten jetzt sind.
Nein, es geht mir nicht gut heute morgen.
17.39 Uhr:
Bis eben an den >>>> horen-Korrespondenzen gesessen, vor allem wegen des Umschlagbildes einer Architektur von >>>> Lebbeus Woods, das ich Tammen, dem edierenden Redakteur, vorgeschlagen habe und von dem er sofort begeistert war. Auf meine Anfrage per Kontaktformular kam aber noch keine Antwort, was imgrunde kein Wunder ist, da Woods' Website weltweit freqeuntiert wird. Also Versuche, über die Architekturmuseen einen direkten Kontakt zu bekommen, vielleicht sogar übers Telefon.
Dann weitergemacht mit DER ENGEL ORDNUNGEN; auch da nach einem Cover-Motiv geschaut und mit Anselm Kiefers >>>> „Lilith am Roten Meer“ s e h r fündig geworden. Auch zu Kiefer Kontakt aufzunehmen versucht, deshalb. Weitere Korrespondenz und Telefonate, so verging der Tag in nahezu unentwegtem Gespräch, unterbrochen von meiner kleinen Radtour zur Cellolehrerin, dem Unterricht dort und auf dem Rückweg von dem Einkauf des Fisches (zwei Meeräschen, ein Seehecht), den ich gleich Am Terrarium zubereiten will.
Ich breche von hier jetzt auf.
Wegen meines neuerdings entstaubten Cass-Walkmans habe ich ein „neues Projekt“ in Angriff genommen: nämlich will ich mich von Cass1 bis Cass 600nochwas durch sämtliche Cassetten hören, die ich habe. Es geht jetzt gleich los. Mit Laurie Anderson.




















