Arbeitsjournal. Dienstag, der 17. Juni 2008.
5.34 Uhr:
[Arbeitswohnung.]
Deutschland furchtbar Vaterland, so war und bin ich noch immer versucht, ein Gedicht zu betiteln, das auch noch zu schreiben wäre:
das Eins zu Null
rief die Nullen
zu Heil,
denn tatsächlich, als ich gestern frühnachts hinabstieg und vor die Tür trat, stapften und torkelten da nicht nur (junge vor allem) deutschbemalte und betrunkene Leute, die permanent „Deutschland!“ skandierten, sondern zwei einander entgegenkommende Mädchen, je in ihren Horden, begrüßten einander sogar mit „Heil!“, allerdings ohne den Arm auszustrecken. Mir wurde nur flau. Und aggressiv. Also warf ich die Zigarette halbaufgeraucht fort und ging wieder rein. Es mag sein, daß ich, Deutschland betreffend, überempfindlich bin, bei Fußballhorden sowieso, wir kriegen die schwelende Ausländerfeindlichkeit der meist sehr einfachen Jugend ja immer direkt mit und die Geliebte kriegt sie auch ab zuweilen, also vielleicht bin ich überempfindlich, aber „Heil“-Grüße müssen nun wirklich nicht sein. Der Fetisch „Vergangenheitsbewältigung“ rächt sich jetzt.
Wer kann da noch die Lust daran halten, >>>> einen Hymnos auf Lippen zu schreiben?
Um eins treff ich "Chez Maurice" wieder einmal Delf Schmidt.
9.54 Uhr:
Wie das Cello sediert. Ich bin ein wenig fahrig, weiß nicht recht, wie weitermachen, wo weitermachen. Siehe gestern. Interessant am Üben eines Instrumentes ist, daß man vor allem deshalb viel übt, damit die Übungen, die man erst einmal erfassen muß, allmählich ins Automatische absinken. Deshalb ein Primat der Technik wie in der Literatur ein Primat der Form. Die Musikalität gibt sich gleichsam darauf. Es kommt darauf an, die Dinge in den Instinkt zu bekommen und entsprechend bewußtseinslos umzusetzen, wobei Instinkt hier auf der anderen Seite der Inspiration steht: Bestimmte Inspirationen werden einem überhaupt erst zuteil, wenn die Technik beherrscht ist, nicht umgekehrt. Wir wissen nicht mehr, weshalb wir den Bogen so und nicht anders führen.





















