Ifone meinte am 2008/03/26 11:39:
Ich stimme
ihnen in vielem völlig zu, dass es eine Lust an der Form gibt, und auch würde ich das, was Sie in Hinblick auf das Kunst-Moral-Problem sagen, das sich nicht "lösen" lässt und sich auch nicht zur "Lösung" eignet, absolut unterstreichen. Die ganze komplexe und ambivalente Lage hat Lem in seinen Essays, oder in seinem Golem, haben andere und sie selbst dann ja sehr ausführlich in Ihrem "Flirren im Sprachraum" herausgearbeitet. Damit habe ich überhaupt kein Problem.Mein "Rundumschlag" gegen die Postmoderne richtet sich auch nicht gegen die "Postmoderne" als eine hochkomplexe Situation, die uns alle zu Cyborgs macht.
Mein Rundumschlag richtet sich gegen eine "Mentalität der Postmoderne", die es sich gemütlich gemacht hat,
Weil Sie von Deleuze und Derrida den Ohrwurm sozusagen als intellektuellen Dieter-Bohlen-Hit übernommen hat, das kausale Grammatiken und hierarchischen Struktuen nicht mehr gelten, bzw. als nicht mehr geltend abzulehnen sind, weil sie autoritäre Grammatiken und Strukturen sind.
Eine Literatur, die sich sozusagen ausruht in einer Form der "Literarizität" , die selbst nicht mehr analysiseren will oder Entscheidungen als Positionen nicht mehr vertreten will und stattdessen mäandernde "Ziegelsteine" von postmodernen 1000 - Seitern (Pynchon etc..) produziert, um sich in diesem durchaus lustvollen und postmodern theoretisch abgesicherten Produktionsprozess zu beruhigen oder eben lustvoll zu erfinden oder zu verlieren oder zu lustvoll zu dekonstruieren.
Oder in dem sie sogar glaubt, die ontologischen Unklarheiten der Quantenphysik als Kronzeuge für diese Mentalität postmoderner Möglichkeitsräume von Entscheidungsvielfalt und damit Entscheidungslosigkeit herbeizitieren zu können. (Sokal-Affaire)
Ihnen möchte ich das alles nicht unterschieben. Immerhin haben Sie hier diesen Raum geöffnet.
Ausserdem gönne ich jedem die Lust an der Produktion und an der Form.
Die Saturiertheit der Mentalität der Postmoderne, die ich polemisch angreife, beginnt für mich dort, wo indirekt der Eindruck erweckt wird, die Dinge seien so komplex und so verwickelt und derartig geschichtet und überlagert, dass jeder grundsätzliche Verstehensversuch entweder in hoffnungslose Selbstrefferenzialität verläuft oder eben in einen radikalen Subjekt-De -Konstruktivismus al Gusto.
Das Problem ist, dass sich hinter dem Rücken der feinzisellierten westlichen postmodernen Produktionsmentalität, die auch immer eine starke Geniessermentalität ist, heute eine absolut terminierende Größe heranwächst, die sehr wohl eine absolut kausale und hierarchische Konfliktsituation schafft, der man mit Deleuze, Derrida, Luhmann, Nelson Goodmann usw... nicht mehr beikommt.
Ich meine hier ganz konkret die neuen physischen Energien des Nuclearpotentials, die nun ihrerseits eine völlig neue hierarchische und absolut terminierende und kausale Grundsituation geschaffen hat, die in einer neuen Verbindung von Archaik (Islam) und Technologie die westliche Welt in eine sehr unappetitliche Konfliktsituation bringt, die - mit Verlaub - die postmoderne Mentalität aber sowas von in die Tonne tritt, und sie über kurz oder lang vor absolut archaischen kausal hierrarchischen Entscheidungen stellen kann.
Meine Polemik richtet sich dagegen, dass man mit Pynchon dieser Situation nicht beikommt, und dass in den letzten 40 Jahren nicht nur in Deutschland sondern in ganz Westeuropa das intellektuelle Potential, dass solche Dinge hätte antizipieren können mit Derrida , Deleuze, usw.. gebunden und gemütlich möbliert wurde, anstatt eine Entscheidungtheorie, eine Theorie der Rationalität und letztlich eine Ethik der Rationalität zu entwickeln, die dem technologischen Fortschrittsvektor wirklich gewachsen ist.
Und zu intellektuellem Potential - ja das gebe ich zu - zähle ich auch den "Dichter", den "Schriftsteller"
Und wenn das hier alles etwas alarmistisch klingt, dann lasse ich es einfach mal alarmistisch so stehen.
Ja, Ich finde die geistig - intellektuelle Situation der postmodernen Mentalität in Westeuropa alarmierend. Und ich bin froh dass es die Amerikaner gibt.
Denn es geht wirklich nicht mehr um hungernde Weber oder Matrosenaufstände, Es geht jetzt hier einfach mal schon irgendwie ums Ganze.
Und da müsste eigentlich etwas mehr gefragt sein, als "Ambivalenzen" , "Verstrickungen" Form-Verlustierungen, stoizistischen oder epikuräerhaften Tümelein, komplexe Gemütlichkeiten. Dekonstruktionen oder 1000 seitige Ziegelsteine.
Es geht heute einfach um die Frage, ob die menschliche - technologische Evolution eine Telos hat oder ob sie ihn nicht hat. Dieser Punkt drängt ganz allmählich auf die Tagesordnung.
Und wenn wir uns dafür entscheiden, dass sie einen Telos hat, oder wir Indizien zu dieser Annahme haben - wie wir dann damit umgehen, ob wir diesen Telos ablehnen, ihn dann verteidigen, steuern oder dem Zufall überlassen. Oder ob wir noch mal bei Peter Hacks nachgucken, was der so schönes geschrieben hat.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4808457/#4814459
albannikolaiherbst antwortete am 2008/03/26 12:09:
@Ifone (ff).
".... die in einer neuen Verbindung von Archaik (Islam) und Technologie die westliche Welt in eine sehr unappetitliche Konfliktsituation..." Ich unterschreibe das sofort; unter anderem so etwas bekommt man bei mir ja etwa in THETIS zu lesen. Und ich verstehe Ihre Polemik, auch das Alarmierende daran. Nur glaube ich, daß die Kunst nicht diejenige Instanz ist, an die Sie sich wegen solcher Belange rechtmäßig wenden können - oder doch, Sie können das selbstverständlich tun - es wird nur ohne Ergebnis bleiben. Kunst ist keine Politik; im Gegenteil, wo sie Politik wurde, wirkte sie i m m e r verheerend, sofern es sich um KUnst gehandelt hat und nicht auf die eine und/oder andere Weise um Agitation. Dies war ja, um auf den Anfang zurückzuschließen, eines der großen Probleme der DDR mit der Kunst, und es ist insgesamt ein Problem mit der Kunst. Sie ist neben ihrer kathartischen Funktion ein Medium der Erkenntnis, nicht etwa der Abhilfe. Sie wenden sich an den falschen Adressaten. Selbst Brecht, den ich übrigens g a r nicht so hoch schätze, Müller finde ich viel wichtiger, wußte davon: "Ich bin keiner, auf den ihr bauen könnt."
Daß Selbstreferentialität politisch nicht weiterhilft, scheint mir ausgemacht zu sein; sie hilft aber - in der Gegenwart - ästhetisch weiter; zumal Kunst diese Art hat, andere Künste und Kunstauffassungen in sich einzusaugen, zu verstoffwechseln und zu neuer, synkretistischer Kunst zu machen. Sie ist auch insofern ein Symptom, ihre Formen sind es, ihr Ausdruck ist es. Dieses Einsaugen bezieht sich auch auf Religionen, selbst in ihrer fundamentalistischen Ausprägung. Kunst weicht Fundamentalismen auf. Insoweit ist die d o c h politisch, und außer dem Barock fällt mir keine Zeit ein, wo sie es derart umfassend gewesen wäre wie in der Postmoderne und dem, was ich Nach-Postmoderne nenne.
Pynchon wiederum hat - neben Syberberg - mit seinem Gravity's Rainbow eine d e r großen künstlerischen Interpretationen des sich an die Maschine verlierenden Faschismus geliefert und den als eine Bereinigungsform gekennzeichnet, ohne den der Kapitaslismus so, wie er heute existiert, nicht einmal denkbar gewesen wäre. Ich persönlich glaube, daß eine gelebte Rückbesinnung auf durch die Nazis desavouierte Werte (Ehre, Würde, Stolz usw.) eine Form des Widerstandes ist.
Über "die Amerikaner" (schon diese Begrifflichkeit ist falsch; ich unterstelle einmal, daß sie unter allen Amerikanern damit allein die US-Amerikaner meinen) bin ich meinerseits überhaupt nicht glücklich. Kriege auf diese Weise erst zu initiieren und dann zu führen, wobei man noch so tun kann, als hätte "der andere angefangen", kommt mir nicht wie eine Rückbesinnung, sondern wie ein brutaler Regreß vor, der sich Recht dort s c h a f f t, wo die Waffengewalt stärker ist. Übrigens ist das s o gar nicht mehr gegeben; lassen Sie nur mal 1000 Selbstmordattentäter auf die USA los, und es wird dort alles, wirklich alles, völlig zusammenbrechen.
Ganz nebenbei stellt sich hier aber auch eine ganz andere Wertefrage: Sind die von den USA öffentlich und geheim vertretenen Werte es eigentlich wert? Hat nicht, auf eine perfide, rein orientalische Weise der fundamentale Islamismus an manchen Stellen sogar recht? Solche Frage stellen Künstler, indem sie ihre Figuren gestalten und sie in solchen Fragen leben lassen. Ich tat das und tue das nach wie vor in meinen ANDERSWELT-Büchern.
Eine "Ethik des Rationalität" wiederum scheitert meines Erachtens an der Letztbegründungfsproblematik, an der schon die Nachkantianer gescheitert sind - weshalb es ja den Weg in die Kommunikationstheorie überhaupt erst gegeben hat. Die wiederum führte mitten in die Postmoderne hinein. Sie kommen, das wußte eben schon Kant, ohne eine Proklamation Gottes nicht aus, wenn sie eine allgemeinverbindliche Moral begründen wollen. Sie können sie immer nur behaupten, und sie müssen dann eben auch Gott behaupten.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4808457/#4814541
Hans Zehrer antwortete am 2008/03/26 12:19:
@Ifone
Hier geht leider einiges durcheinander. Hacks war schließlich gerade kein liberaler Postmodernist, sondern ein ganz entschiedener Antiliberaler. Dem ging es nicht nur um das Schönschreiben, sondern auch um die Wahrheit des Geschriebenen. Ifone aber denunziert als literarisches Dekor, was bei Hacks bloßes Dekor eben nie war.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4808457/#4814576
albannikolaiherbst antwortete am 2008/03/26 12:37:
@Hans Zehrer. Wahrheit.
Muß nicht eindeutig (mathematisch: eineindeutig) sein, es sei denn, man legt den Satz vom Ausgeschlossenen Dritten zugrunde. Wer das aber tut, kommt letzten Endes um eine völlige Determiniertheit der Geschehen nicht herum. Womit der Moral-an-sich der Gandenstoß gegeben würde. Kunst arbeitet insofern am Emanzipativen, als genau der Satz vom Ausgeschlossenen Dritten ihr tiefster Widersacher ist.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4808457/#4814618





















