Ifone meinte am 2008/03/25 21:13:
Ein letztes:
"Entlastung" ist ein gutes Stichwort. Der dialektische, junge Brecht rekurierte ja weniger auf Hegel, als vielmehr auf Marx, noch viel stärker aber wahrscheinlich auf Friedrich Engels. Und hier ist es nun so, dass Engels "Dialektik der Natur" eben nicht einfach ein dialektischer Materialismus war, sondern ein dialektischer Naturalismus. Ich sehe darin einen feinen Unterschied. (Ein Werk, das Engels übrigens nie abgeschlossen hat, weil es - zu Ende geführt - wahrscheinlich dem Marxismus seine messianische Erlösungs-Komponente ausgetrieben hätte.) Die DDR-Funktionäre haben das gespürt und deshalb die denunziatorische Inquisition der Formalismusdebatte betrieben, und ihre größten Talente entweder vergrault oder eben zu Vasenmalern einer kulinarisch beruhigten klassizistisch (naivem) Epikuräertümelei zurechtgestutzt.Die Geschichte der westdeutschen Intelligenz von der Gruppe 47 , dem Existenzialismus, über den Positivismusstreit, der 68iger Bewegung, bis hinein in den Poststrukturalismus und die ästhetische Postmoderne, ist durchaus als ein "Entlastungsersuchen" zu verstehen, ein Entlastungsersuchen, dass der Totalität von Entscheidungen ausgewichen ist. Historisch ist das auch durchaus verständlich.
Die "Katastrophe" daran aber ist nicht allein Adorno, die Katastrophe daran ist, dass diese Gesellschaft, und ihre kulturintellektuellen Vertreter sich in ihren "Puddingbergen" bis 1989 in der Entscheidungslosigkeit einrichten konnte, als in einer Selbsttäuschung, und darüber verabsäumt hat, eine Kultur oder Kulturen der Entscheidung auszubilden und des realitätsnahen Handelns.
Mit Adorno konnte man sich wunderbar bequem als Aussenseiter oder jedenfalls als der "Totalität" kritisch gegenüberstehendes (Künstler-) Individuum konstruieren, was eben nichts anderes als eine Spielart der Biedermeierlichkeit ist, die solange funktioniert hat, wie das Auskommen über ewige Arbeitslosengelder oder Stipendien garantiert war und schließlich in anithing goes der E und U auslöschenden PoP-Intellektualität einmündete, die dann auch ganz zurecht Adorno gefressen hatte.
Die Puddingberge sind weg. Und weil sie weg sind, glaubt man nun der neuen alten (antiken) Härte der Lebensbedingungen mit erneuten antike-affirmierenden Strategien gerecht werden zu können - aber weil man unappetitlichen Konflikten erneut ausweichen möchte, versucht man sich die Hände an einem reanimierten (naiven) Epikurismus zu wärmen oder an einem obszön wiederbelebten (ebenso naiven) Stoizismus, der für alle, die irgendwie ausgesorgt haben, eine hervorragende Identifikationsstrategie darstellt.
Für das Spiralenbild gilt ebenso wie für Rhizome oder Systeme - sie sind mit Aufmerksamkeit und Vorsicht zu genießen - man kann im Zweifelsfall alles darin irgendwie unterbringen. Und was man untergebracht hat, darum muss man sich nicht mehr kümmern. Man dreht ihm dann womöglich sehr unvorsichtig oder zu frühzeitig den Rücken zu.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4808457/#4813218
montgelas antwortete am 2008/03/25 23:58:
Ich finde ihre Beiträge kenntnisreich , kann aber am Biedermeier
nicht wirklich Unanständiges entdecken. Und wundere mich allerdings nicht darüber , dass sie den Konflikt um Hacks Stück "Die Sorgen und die Macht" aussparen, stört er doch ihre Argumentationskette.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4808457/#4813634
knotscher95 antwortete am 2008/03/26 01:43:
trotzdem noch dies @ ifone
ein für mich hochgradig inspirierender beitrag.das problem ist aber die vermittlung einer entscheidungsfreudigkeit an andere,
die solche gedankengänge vielleicht leider nicht kennen und /oder sich in
ständiger verunsichertheit qua dauervereinnahmtheit befinden.
nun hat man es aber verstanden uns diese psychologisierungswut in mikro -
strukturelles hinein zu übertragen, was garantiert auch so manche popkulturfeaks kennen die, wie hier schon bemerkt wurde eher nach dem skalpell verlangt
und diesem die wahre grösse zuzuweisen scheint :
( das skalpell denkt an grösse im kleinen in's allerkleinste )
daraus aber noch einen grösseren bogen zu spannen verlangt nach interaktion, die psychologisch gesehen den anderen eben nicht ausblenden darf.
leider treffen wir aber ordinärerweise allzuoft auf ganz atavistische korrespondenzpatterns, die sich mit ihrer eitelkeit und egozentrischen selbstgenügsamkeit heute noch durchaus nett beschäftigen können.
wirkliche dialoge gibt's dann nicht, nur ein eher repressives anfeuern über inhaltsleere kühle abweisungsstrategien.
k.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4808457/#4813730





















