Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

Marlboro, Prosastücke, 1981 Die Verwirrung des Gemüts, Roman, 1983 Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger, Lamento/Roman, 1986 Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, 1993, 2001 Wolpertinger oder Das Blau, Roman, 1993, 2000 Eine Sizillische Reise, Fantastischer Bericht, 1995, 1997 Der Arndt-Komplex, Novellen, 1997 Thetis. Anderswelt, Fantastischer Roman, 1998, (Erster Band der Anderswelt-Trilogie) In New York, Manhattan Roman, 2000 Buenos Aires. Anderswelt, Kybernetischer Roman, 2001, (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie) Inzest oder Die Entstehung der Welt, Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, 2002 Meere, Letzte Fassung 2007. Bei Volltext. Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen, Poetische Features, 2004 Die Niedertracht der Musik, Dreizehn Erzählungen, 2005 Dem Nahsten Orient / Très Proche Orient, Liebesgedichte, 2007 Meere, Letzte Fassung 2007 d e

 
ERLANGENTatarenschlachtHack
Du sollst mir nichts verweigern

Du sollst mir nichts verweigern.
Ich will den letzten Rest.
Geht eine Lust zu steigern,
Ein Schurke, wer es läßt.
Gehabtes Glück hilft sterben.
Der Tod, er soll nichts erben
Als blankgeleckte Scherben
Und Schläuche ausgepreßt.

Der Vater der Genüsse,
Der alte Knochenmann,
Hängt an die tiefsten Schlüsse
Doch seinen tiefern an.
Boviste und Planeten
Das Schicksal der Poeten ...
Er drückt uns an die Gräten,
Mein Liebchen, und was dann?

Drum glaubt den tausend Zeigern
Der Welt, die nimmer ruhn.
Du sollst mir nichts verweigern.
Wir müssen lieben nun,
Bis einst aus freien Stücken,
Gesättigt mit Entzücken,
Wir unsrer Füße Rücken
Still voneinander tun.


Er bearbeitete Aristophanes, mochte die Klassik, hasste die Romantik, schrieb Kinderbücher, Dramen und Essays. Er liebte die Vögel und das Vögeln. Er hielt die DDR für das klassische Weimar und Walter Ulbricht für die Inkarnation Carl Augusts. Die Rede ist von Peter Hacks, der am Karfreitag 80 Jahre alt geworden wäre, und dessen Stücke in der Theaterlandschaft unseres Beckmesserdeutschland wenig oder gar nicht gespielt werden. So sind sie halt die Deutschen. Dass ein Großer nur groß irren kann, will ihren kleinen Hirnen nicht in den Sinn. Ins deutsche Feuilleton der Bürger ist er dank der Vorarbeit >>>Martin Mosebachs, >>>Schirrmachers und >>>Daths zurückgekehrt. Jetzt muss man ihn nur wieder zu unserer aller Freude spielen.
albannikolaiherbst meinte am 24. Mrz, 09:19:
"Dass ein Großer nur groß irren kann."
Das ist so gut, montgelas, daß ich Ihren Tagebucheintrag, der versehentlich auf die Hauptsite Der Dschungel geraten ist, ganz absichtlich da auch stehenlassen will. 
Gregor Keuschnig antwortete am 24. Mrz, 12:36:
"Wer groß denkt, muß groß irren" - Heidegger (so wird es überall überliefert).

Er muß vielleicht nicht, aber wenn, dann irrt er (sie) eben auch groß. 
Ifone antwortete am 27. Mrz, 13:25:
Katholizismus/Postmodernismus/Antiliberalität
27. März 2008

Da ich gestern mit einer Erwiderung auf die Geniesserdebatte von Dath und Schirrmacher zu Hacks begonnen habe, hier noch eine kleine Anmerkung:

Dath und Schirrmachers Aus-dem- Häuschen-geraten über das neobiedermeierliche Textangebot von Hacks sind für mich nur die traurigen Symptome einer Mentalität, die sich weigert, sich weiter über sich selbst aufzuklären.
Der gefeierte Antiliberalismus des Vasenmaler Hacks - Herr Zehrer - gehört eben genau rein in diese traurige Mentalität, die vor den wirklich anstehen Problemen, einen Rückzug in die Scheinberuhigung der Kunst feiert.

Es ist die Scheinberuhigung hinein in die "Kunscht", die nichts anderes will und meint, als mit dem Hinweis auf die Form, auf die Lust, auf das Genießen letztlich ein letztes "Menschenrecht" behaupten zu können, und damit eine große, kleine Kirche bemalt und verteidigt, von der sie eigentlich genau weiß, dass diese Kirche nur noch eine leere Institution ist, die das alte Subjekt bergen soll und die den alten ehemaligen Menschen in seine Menschenkirche zum Menschendienst ruft, und als solche Kirche eben auch einen Ablasshandel betreibt, der da lautet:
Gib mir Kunst und du bekommst Erlass von der Realität. Gib mir Sinnlichkeit und Du bekommst Erlass von den Sinnen. Gib mir Formen und du bekommst Erlass von der Politik. Gib mir Haltung und du bekommst Erlass vom Denken. Gib mir Status und du bekommst Erlass von der Bewegung. Gib mir Ambivalenzen und du bekommst Erlass von der Eindeutigkeit des Vektors.

Das ist der heimlich betriebene Katholizismus der letztlich das FAZ- Feuilleton, die antiliberalen Vasenmaler und die schöngeistig postmodernen Mentalisten vereint.
Dass auf die altmodische Trennung von Politik und Kunst und damit auf eine altmodische Trennung von Geist und Materie beharrende Individuum noch einmal kurz aufglühen lässt, an einem sich bereits deutlich zu einem anderen Morgen hin erhellenden Himmel.

Dass dieser Ablasshandel verständlich ist und weiterhin für Europäer seelisches und auch monetäres Einkommen verspricht, steht ausser Frage.

Die andere Frage ist aber, wie lange das gut geht oder ob uns dieses im Abseits der Probleme verharren irgendwann als ein riesiges Versagen die Beine weghaut. 
montgelas antwortete am 27. Mrz, 13:54:
Wie kommen Sie darauf, dass Kunst beruhigen soll ?
Kunst, die beruhigt ist keine Kunst. Ich lass das mal so stehen. Die Utopie von Klassik, die in Peter Hacks Werk aufscheint ist eher für die "postmodernen Romantiker" , ich sehe das wie Herr Zehrer, störend und beunruhigend. Der Begriff "Vasenmalerei" trifft einfach nicht. Schauen sie doch mal in die Amphoren von Hacks. Und wenn sie dann noch die Produktionsbedingungen sehen, werden sie vielleicht einen anderen Terminus finden. Das trifft auch auf Tübke zu, ich kannte Beide, den einen durch Briefwechsel, den anderen persönlich. 
walhalladada antwortete am 27. Mrz, 14:53:
@ifone
Was Sie hier noch einmal auf den Punkt bringen - diese alte 'Kunst ist doch Genuss-Schote' - die schon ein Degenhardt anno Tobak besungen hat, steht als überlebte doch gar nicht zur Debatte! Wer wollte denn ernsthaft bestreiten, dass der 'Subjektbegriff' abgewirtschaftet hat. Die Frage ist doch aber, was an seine Stelle tritt, denn eine Leerstelle kann hier allenfalls eine Übergangslösung sein. Die bislang blendend funktionierende Trennung von Politik und Kunst, von Geist und Materie ist ja noch mehr geworden, als ein bloßer Reflex von Arbeitsteilung (Adorno); sie wird zum dominierenden Grundmuster einer im Kern paranoid agierenden Welt, die offenbar verlernt hat beides zu sein: 'Leib' und 'Geist' und zwar gleichzeitig. Das Bild der 'Kunst', welches Sie mit polemischer Berechtigung zeichnen, ist als solches völlig verkommen. Es wird deshalb in der TAT höchste Zeit, dass Theorie und Erfahrung nicht allein reflexiv, sondern handelnd vereinigt werden! Die Rolle des 'Dichters' als 'second maker under Jove' (Shaftesbury) ist tatsächlich nurmehr noch von affirmativ gesetzter Transzendenz aufrecht zu erhalten.

Aber lassen wir doch einen Dichter sprechen:

Ein Dichter

Ein Dichter wühlt im Kehrricht des Geschehens
und sondert Scherben Fetzen Lumpen Knochen
und wenn er an dem Unrat lang gerochen,
fühlt er sich Deuter des verfaulten Wehens.

Er überzeugt sie von dem Sinn und Wesen
der Lumpen, die sich in den Kübeln sammeln,
er kann kaum sprechen vor verzücktem Stammeln:
An diesem Drecke soll die Welt genesen.

Er stülpt ihn um den ganzen eklen Koten
und stapft herum in dem gemeinen Sudel -
gehorsam wie ein gut dressierter Pudel
macht er sein Kunstück mit den schmier'gen Pfoten.
((Georg Kaiser)

Aus diesem Bewusstsein muss sich doch was machen lassen, meinen Sie nicht? 
Ifone antwortete am 27. Mrz, 15:41:
Das ist wirklich noch einmal
eine interessante Frage. Man kann Kunst tätigen wie - sagen wir mal - Gemüse für einen Eintopf kleinschneiden. Ich kann das sogar auch so tun, dass ich alle Gemüsestückchen in stereometrische Körper schneide oder in unregelmäßige oder - wenn ich noch talentierter bin - in kleine Sternchen usw,,, so dass ein anderer das dann auch schön oder interessant finden kann. Diese Tätigkeit ist eine motorische und kann mich gut beschäftigen. Indem ich so mich beschäftige, beruhige ich mich. Ein Hobby, wie auch gärtnern.
Daneben gibt es auch den Sport, der sogar richtig anstrengend ist und in dem ich mich selbst fordere und auch eine Lust an der Erschöpfung habe. Und wenn ich ein guter Athlet bin, dann sieht es sogar auch für einen Zuschauer sprich: Rezipienten gut aus. Es sind motorische Ballancierungen, denen ich auch garnicht das Recht absprechen möchte, Herr Montgelas. Ich will sie auch nicht desavouieren...
Selbstverständlich konnte Hacks schöne Sätze und schöne Verse machen.
Und Tübke konnte auch gut malen.
Aber dass ist nicht der Punkt.
Die Instrumentenbeherrschung ist gesetzt.
Der Unterschied besteht einfach darin, ob jemand beispielsweise auf einem Dampfer, der gerade am Untergehen ist, gekonnt eine wunderschöne Salonmusik spielt, von der die Leute so hingerissen sind, dass sie garnicht merken, wie sehr die Kacke am Dampfen ist, oder ob jemand es schafft, seine Viruosität und seine Kunst so einzusetzen, dass er Menschen zum Erspüren und Erkennen der Situation bringt, oder ihren Kontakt mit der Wirklichkeit, wenigstens verstärkt, das auch mit einem Erschrecken verbunden sein kann, das aber einigen oder vielleicht allen noch hilft, sich in Sicherheit zu bringen oder eben so zu verhalten, dass die Situation eventuell sogar verbessert oder abgewehrt werden kann.
Ein Klassizismus, der stur seine Etüden spielt, obwohl der Dampfer bereits eine enorme Schieflage hat, ist eben keine Kunst, sondern allenfalls Kunsthandwerk, das einen Beruf ausübt, gut ausübt, aber eben den Kontakt mit Wirklichkeit verweigert und in bedrohlichen gesellschaftlichen Verhältnissen sogar parasitär.
Ich wiederhole noch einmal: Hacks kam ursprünglich in die DDR, wie viele junge Intellektuelle, weil er als Künstler sich dort am Anfang sich eine Atmosphäre versprach, in der Wirklichkeit verhandelt werden konnte und nicht Versmaße! Wenn ich ihm das unterstelle, dann bin ich sogar noch gutwillig. Denn sollte er in die DDR gekommen sein, weil er geahnt hat, dass dort die Reibungsfläche an einem Betonregime für einen Intellektuellen und Dramatiker mehr Abrieb zur Produktivität öffnet, wäre das am Anfang jedenfalls zynisch gewesen. (Heiner Müller hat das später mal gesagt: Dramatiker brauchen eigentlich Diktaturen. Weil in Demokratien keine Dramen sondern nur Farcen entstehen können)
Aber Stichwort Klassizismus. Ich habe gesagt, und dazu stehe ich auch, dass der Hackssche Biedermeier-Klassizismus ebenso wie der ursprüngliche von Goethe, den Kontakt mit Wirklichkeit verweigert, nicht automatisch, aber dann, wenn er zum eigensinnigen Beharrungsschwachsinn "in Schönheit" in mitten einer dynamischen Wirklichkeit verkommt, der man eben mit Hexametern formal einfach nicht mehr beikommt. Oder ein formaler Beharrungsschwachsin, der noch reimen möchte, in einer Wirklichkeit, die sich aber ganz und garnicht nicht mehr "reimt."
Wenn das nun heute als Behauptungsstrategie eines Individuums eben gerade gefeiert wird, ebenso wie auch die Kapelle auf der Titanik eine beharrungsschwachsinnige Behauptungsstrategie war, die man auch in gewisser Weise als solche völlig ausweglosen Strategie feiern kann, dann hat das aber nichts mehr mit Kunst zu tun, sondern mit Altersstarrsinn, und dieser Altersstarrsinnn meint nicht einen Menschen, sondern kann auch auf eine Epoche verweisen, die untergeht.
So gelesen, Herr Monteglas, und das habe ich ja auch gesagt, verweist ein Hacks durchaus auf eine Erstarrung und auf einen sich ankündigen Untergang, eine Erstarrung und eine sich darstellende Zukunftslosigkeit der DDR. Aber so ist dieser Klassizismus von Hacks eben eine Titanickapelle, aber sorry, damit ist er eben weder neu, noch beunruhigend, noch sonst irgendwas. Es ist formaler Beharrungsstarrsin am Rande der Lächerlichkeit. Er ist im besten Fall Musik. Aber von einem Schriftsteller erwarte ich keine Musik, dafür gibts Musiker, sondern Gedanken, und zwar neue Gedanken, oder zeitgemäße oder relevante, die er mit seiner Sprachkraft und seinem Fromenarsenal so formt, dass sie sehr wohl agitieren aber ohne Agitprop zu sein. Das verstehe ich unter Dichtungs-Schönheit! Gedanken, die mich treffen und erhellen oder umhauen! Zeigen sie mir bei Hacks einen Gedanken, der mehr ist als Kunst - und Befindlichkeitsjournalismus in Verse geschmiedet. Der mehr ist, als abgeschmacktes und wiederhochgeholtes und stoizistisch angehauchtes Epikuräertümchen! Zeigen sie mir den!
Beweisen Sie mir, dass Hacks mehr kann, als germanistische Verabredungen zu reproduzieren, Vernünftelein und Vasensprüche. Nennen Sie mir eine Zeile von Hacks, die mehr kann, als Genießer kitzeln.
Ich sage ihnen mal eine Zeile:
"In Zeiten des Verrats sind die Landschaften schön."
Aber die ist leider von Heiner Müller.
Tatsächlich finde ich Hacks beunruhigend, als Symptom, nicht als Künstler.
Wenn die Titanikkapellen schöner und lauter spielen, dann muss man sich tatsächlich sorgen machen. 
albannikolaiherbst antwortete am 27. Mrz, 15:56:
@Ifone zu Montgelas. Eine kleine Geschäftsführung ohne Auftrag.
(...)oder ob jemand es schafft, seine Viruosität und seine Kunst so einzusetzen, dass er Menschen zum Erspüren und Erkennen der Situation bringt, oder ihren Kontakt mit der Wirklichkeit, wenigstens verstärkt Hier steckt ein Teufelchen. Es ist nämlich in aller Regel so, daß die Leute, wenn ein Buch so etwas tut, es sofort beiseitelegen oder aber gar nicht erst erwerben. Da reicht schon der Verdacht.
Aber von einem Schriftsteller erwarte ich keine Musik, dafür gibts Musiker, sondern Gedanken, und zwar neue Gedanken, oder zeitgemäße oder relevante, die er mit seiner Sprachkraft und seinem Fromenarsenal so formt, dass sie sehr wohl agitieren aber ohne Agitprop zu sein. Das verstehe ich unter Dichtungs-Schönheit!Sie verkennen die Klanganteil der Sprache, der mindestens so wichtig wie ihr Sinnanteil ist. Was Sie fordern, ist eine Gedankenkunst des, sagen wir, Aphoristischen und/oder politisch Philosophischen. Das gibt es, gar keine Frage, und das gibt es auch bisweilen in Kombination; aber es gibt auch das klanglich Rhythmische als reine Form - die sicher nicht mindere Kunst ist. Im übrigen sind mit die (für mich) spannendsten Gedankenkunstwerke aus Borges' Kopf geflossen, zu Zeiten einer Diktatur. Er hat sich da durchaus nicht sozial fortschrittlich verhalten, wenn auch seine Gedanken zu den metaphysisch fortschrittlichsten gehören, die überhaupt je dichterisch gedacht worden sind. Ähnlich verhält es sich, nur mit sehr viel weniger metaphysischer Theorie, bei Novalis. Nun werden Sie gerade bei dem einiges Politische einzuwenden haben, und Sie haben sicher auch recht damit. Dennoch bleibt er einer der g a n z großen Dichter. Sie kommen einfach nicht darum herum, der Dichtung eine Freiheit zugestehen zu müssen, die auch das soziale Unrecht mit einschließt. Und wenn man sie ihr nicht zugesteht, dann n i m m t sie sie sich. Man kann sie dann zu verbrennen versuchen und die Dichter selbst verbannen oder erschießen, aber der Kopf dieser Hydra wächst immer wieder nach, und zwar, da gehen Adorno und Müller Hand in Hand, solange die "befreite Gesellschaft" nicht erreicht ist... das heißt: für immer.

Dichtung für eine politische Funktion einzusetzen, wird prinzipiell scheitern. Entweder zerstört es die Dichtung, oder die politische Funktion (das "Telos") geht kaputt.

P.S.: Übrigens finde ich Tübke einen grandiosen Maler! Er hat nicht die Macht und die Aura Anselm Kiefers (der mir bekanntlich nahe ist), aber er i s t halt auch nicht Kiefer, sondern eben Tübke. Missen wollte ich das auf gar keinen Fall - und auch nicht für einen zweiten Kiefer tauschen. 
Ifone antwortete am 27. Mrz, 16:09:
Antwort Walhaddada
Danke für das hübsche Gedichtchen. Ich muss es nochmal sagen. Es geht mir vordergründig eigentlich nicht für oder gegen Hacks, dafür ist er viel zu unwichtig, sondern es geht mir um die Platz- und die intellektuelle Ressourcenverschwendung und um die Weigerung, relevante Dialoge zu führen. 
G.A.Buerger antwortete am 27. Mrz, 16:25:
Aber, Herr Ifone, sie werden hier doch geführt.
Ich lese zum Beispiel dauernd mit und bin ganz atemlos von so viel Wissen, Bildung und der kultivierten Art, in der Sie alle diese Kontroverse austragen. Das meine ich überhaupt nicht ironisch. Von einer Ressourcenverschwendung merke ich nicht das Gerinste, im Gegenteil werden meine Ressourcen gerade aufgefüllt. Wenn das jemand wie Hacks indirekt erreicht, dann ist das aber viel. (Ich habe ihn nie gelesen, deshalb poste ich nur vorsichtig mit.) 
knotscher95 antwortete am 27. Mrz, 16:41:
@ifone
das medium ist die message, ifone :
ihre sprache !
( ist musik )
so etwas würde ich gerne mal in einem weniger dialektisch verbauten
rahmen hören ( weil da eine echte enrgie drinsteckt.
ist so etwas ausserhalb einer auseinandersetzung überhaupt möglich ?
das von wal. eingestreute gedicht scheint so etwas anzudeuten.
@alban.
ich denke ifone gewichtet hier "virtuosität" und nicht kosnumgewohnheit. 
Ifone antwortete am 27. Mrz, 16:44:
Ja Herr Herbst,
sicher haben sie Recht. Leute klappen Bücher schnell zu, wenn etwas drinsteht.
Aber das ist dann das Problem der Leute.
Wenn ein guter Gedanke noch dazu in einem strengen Sonett steht - bitteschön, ist es toll.
Nach meiner Erfahrung stehen die meisten Gedanken aber tatsächlich in den von ihnen angesprochenen Mischformen, Beispiel auch Lichtenberg, den ich vor kurzem gerade mal wieder zufällig in der Hand hatte. Oder ja, natürlich ist ein Kleist, also seine Erzählungen oder so dass ist einfach immer wieder so dermaßen der Hammer..
Oder Foster Wallace: Interviews mit fiesen Männern - das ist Dichtung. Das ist Kunst. Weil foster Wallce ein echter Denker ist, der aber trotzdem auch formt.
Das Problem ist im Grunde einfach: Kunst wird für mich in dem Moment zum Kunsthandwerk, wenn sie nicht mehr ist, als ihr eigenes Muster. Insofern würde ich sogar den negativen Klassizismus definieren, als eine Art zu schreiben, das nicht mehr in der Lage ist, sich selbst zu überraschen. Dazu gehört auch das traurige Phänomen der Selbstwiederholung. Man kann sich sozusagen selbst negativ klassizistisch werden. Ich finde, dass Leute dann eine Pause machen sollten oder eben Gemüse schneiden. Bei einer Werkausgabe von 20 Bänden, kann man mindestens dreiviertel davon in die Tonne treten. Nur weis man nicht immer, welches Dreiviertel. Egal in welcher Form jetzt. Wenn mir also ein Text ins Gesicht schreit: Achtung ich will Dichtung sein. Komischerweise merkt man das ganz schnell, wenn etwas Literatur ist, oder Malen nach Zahlen. 
albannikolaiherbst antwortete am 27. Mrz, 16:49:
@knotscher95.
Von "Konsumgewohnheit" habe ich nirgendwo gesprochen. Die Leute haben ein Bedürfnis nach Zerstreuung - und das soll ihnen die "Dichtung" geben. (Wenn sie es ihnen a u c h gibt, wäre übrigens wenig dagegen einzuwenden. Außerdem haben sie, und das Feuilleton mit ihnen, längst entdeckt, daß Dichtung eigentlich nur lästig, politisch sowieso nicht korrekt und vor allem tief unmoralisch ist. Deshalb schätzen sie den sauberen Begriff des Entertainments. Insofern hat Ifone natürlich recht: die Intellektuellen machen das unterdessen sehr gerne mit.) 
albannikolaiherbst antwortete am 27. Mrz, 16:57:
@Ifone. "Negativer Klassizismus".
Das ist ein toller Begriff, den übernehme ich in meinen Wortschatz und danke Ihnen dafür, weil ich ihnen hier jetzt uneingeschränkt zustimme. "Eine Art zu schreiben, die nicht mehr in der Lage ist, sich selbst zu überraschen." Gänzlich gänzlich einverstanden.

Zu solchen Überraschungen kann aber eine Kehre in den Klassizismus (oder in eine Art von Klassizismus) durchaus selber gehören. So ist mir das nämlich widerfahren, und "widerfahren" ist das tatsächlich korrekte Wort dafür - obwohl ich die Kehre in die antiken Formen hätte über meine ANDERSWELT-Arbeit vorausahnen können. Abermals aber muß ich f ü r die Formen eine Lanze brechen, und zwar für sie als Kunst der Variation. Ohne sie gäbe es keine Passacaglia. Und wollen sie wirklich Johann Bachs Werk zu 2/3 wegwerfen, weil wenigstens 1/3 davon von Vivaldi stammt und das andere sein Material aus eigenen Themen bezieht? Dies können Sie für die großen Dichter ganz genau so herbeiziehen. Übrigens würde ich mich über 20bändige Werkausgaben gar nicht erschüttern: Wer viel arbeitet, schafft viel, auch an Gedanken. Für die schmalen Werkchen einiger meiner Kollegen habe ich die reinste Arbeitsverachtung und schau mir dann Döblin an und Goethe und Doderer und und und. (Etwas anderes ist es, selbstverständlich, bei Lyrikern, die in aller Regel auch Brotberufen nachgehen - was sich ein von seiner Gedankenwelt besetzter Mann wie ich gar nicht leisten könnte, der noch dazu Familie hat, also Kinder). 
knotscher95 antwortete am 27. Mrz, 21:43:
@ ifone / message & musik
muss das ihnen ifone, doch noch anfügen.

Sie sind ja wahrscheinlich kein literat, sondern kommen sicherlich aus
der philosophie.
Die frage ist aber doch, wie man so eine sprachliche exaktheit - die ich -
hiermit präzisiert -selbstverständlich nur partiell musikalisch finde
( aber immerhin ) - in der literatur erreicht ?
( v.a. unter der prämisse zu agitieren aber nicht agitprop zu sein und / oder
eine message zu transportieren, die sie ja auch ersteinaml nicht zu haben
scheinen– es sei denn als anti-message : als widerspruch.
( so mein eindruck von gestern : heute immerhin wallace ... )
- die philosophie aufgrund ihrer reinheit abstrakter begriffe bietet ja für
ästhetische formulierungen das weitaus bessere handwerkszeug als
die sprache insgesamt.
Cut.
Was ich schon vorher gerne angefügt hätte wäre noch die von bazon brock
entwickelte these einer „normativen kraft des kontrafaktischen“ und mein
schleichendes gefühl, dass man aus protest heraus eben auch nur knechtisches transportieren kann.
( das kam während ihrer dialektik-affirmation so gefühlsmässig rüber und das
schien sie auch gestern deutlich ans schwimmen gebracht zu haben :
es ist ja auch klar : integrität biedert sich erfahrungsgemäss protestierend an
und wird meist frech – in der regel in gestalt des sozialarbeiters in der latzhose –
vernascht )
da müssen wir aber auf ein unglaublich hohes niveau kommen um nicht
in den sümpfen jedweder praxis und natur zu landen, die ich in der tat auch
eher für was kleingärtnerisch verpixeltes halte : aus ihnen wächst aber ... gemüse,
aber nur bedingt – bewusstseinserweiternder - geist.

"In Zeiten des Verrats sind die Landschaften schön."

Ist das für sie aber wirklich ein spezimen für literarische massgeblichkeit ?
Ich finde diesen satz ausgesprochen bescheiden in seiner hermetischen
symmetrie.
Da soll etwas – agitierend - fliessen ?
Verpicht noch mit dieser darin gespiegelten angetäuschten dialektik –
Der gedanke als solcher passt für mich auch überhaupt nicht :
Das seh ich eher völlig umgekehrt : --- hässlich, um mich auf einer
zeitgemässen wahrnehmungebene zu finden.


Wiegesagt, ich spreche äusserst seltem einen text musikalität zu, und wiegesagt
auch ihrem textangebot nur zum teil.
Dass man sich da nun wieder den A. aufreissen muss, um den zu extrahieren.


Kchy-nots 
Aikmaier meinte am 24. Mrz, 12:00:
Und
man müßte eine neuauflage seiner Maßgaben der Kunst veranstelten, komplett, mit allen erweiterungen bis 2003, wie sie zuletzt die leider schnell vergriffene Nautilus-ausgabe bot. eine solche würde den beckmessern das scharfe skalpell eines großen poetikers entgegensetzen. 
walhalladada meinte am 24. Mrz, 14:41:
"Nur der Irrtum ist das Leben, / Und das Wissen ist der Tod."
(Schiller, Kassandra)

Jetzt geh ich aber meine 'Kinderkurzweil' suchen... 
Ifone meinte am 25. Mrz, 11:56:
Und wieder
entdeckt das kulturkonservative Feuilleton einen Verbündeten, wenn es darum geht, das Kulinarische und die Genießerstrukturen an einem Subjekt zu entfesseln und sich als Leib-Gericht zu servieren. Kostend, vergnügt, verschmitzt, und ein wenig melancholisch der guten Dichtkochkunst nachtrauernd, die nicht mehr und nicht weniger zu bieten hat, als Längstbekanntes, Altgedachtes und Gutbewährtes. Hacks wird genießerisch als Symptom der eigenen Abgeschmacktheit abgeschmeckt und verkostet von denen, die sich eigentlich un - heimlich die DDR zurückwünschen, als ein System, dem sie wehmütig als Idylle der sozialistischen Katholizität und der Repräsentanzen nachtrauen, in dem man straflos so viel dichten und so wenig denken konnte. 
albannikolaiherbst antwortete am 25. Mrz, 12:22:
@Ifone.
Daß ich mir eine DDR zurückwünschte, ist für mich Wessi eine eigenartige Idee. Es wäre mir darin viel zu dunkel gewesen. So etwas kommt für mich schon aus rein ästhetischen Gründen nicht infrage. 
Ifone meinte am 25. Mrz, 13:06:
Aber aber,
Herr Herbst, Sie wollen mich wohl elegant herausfordern. Ausgerechnet Ihnen muss ich das doch nicht erklären, in welch wunderbarer exemplarisch binärer und pathologisch codierter Verschränkung die Mentalitätsgeschichte der Trennung DDR - BRD zugleich als Geschichte der wechselseitigen Projektionen (und intellektuellen Stabilisierung) steht. Dass sich Hacks zurückwünschen bedeutet: Sich die DDR zurückwünschen - und zwar als Struktur der Katholizität und der Repräsentanzen... verweist auf eine rückwärtsgewandte Sehnsucht hinein in die alte BRD, die 1989 mit untergegangen ist.. Insofern gebe ich Ihre Frage zurück. Jetzt mal von Wessi zu Wessi - warum geilen sich Schirrmacher und Dath als "Wessis" an Hacks auf? Wegen der Ästhetik? - da mögen Sie Recht haben, insofern Ästhetik für "Anschauung"steht. Dass sogar Dath sich da kulinarisch aber ironisch abgefedert hinreissen lässt, verrät ihn ein wenig, sozusagen.
Sorry, aber Hacks jetzt zu reanimieren, ist ein angenehm geträumter Alptraum und gehört zu den Reflexen der "Rückbesinnungen" wie zu den "Lithurgien" und gehört damit sicher auch mit zur Gegenwart, aber nicht in ihre poetologische oder denkerische Erfassung. 
montgelas antwortete am 25. Mrz, 13:11:
Sie verwechseln das Personal
was nix macht. Ich wünsche mir mehr Hacks auf den Bühnen. 
knotscher95 antwortete am 25. Mrz, 13:43:
@ Ifone ???
Geist kennt halt keine grenzen.

Im übrigen lese ich aus p. hacks poem eigentlich nur lustfeindlichkeit heraus
- oder zumindest einen zynischen skeptizismus an der lust.
( liebchen / blankgeleckte scherben / schläuche ausgepresst )

Ich selbst hätte aber nichts dagegen sie erklärten mir die
„wunderbare exemplarisch binäre und pathologisch codierte verschränkung der mentalitätsgeschichte der trennung DDR-BRD.“
( Oder wäre das vielleicht gerade eine projektion ?
es wäre ja nur allzu deprimierend normal )
also schwingen sie mir zuliebe bitte noch mal kurz & explanativ die feder !

k-chy nots 
albannikolaiherbst antwortete am 27. Mrz, 06:30:
@Ifone. Sehnsucht nach der BRD.
Ihre Replik habe ich eben erst gelesen. Mag sein, daß einige diese Sehnsucht haben, ich teile sie nicht, sondern erlebe die Gebiete der ehemaligen DDR als ein Rückgeschenk von etwas, das mal "altes Deutschland", vor Hitler, gewesen ist. Ich erlebe das vor allem an den (aus Geldnot, klar) stehengebliebenen Häusern, die in der BRD längst plattgemacht worden wären; ich erlebe das in den (noch) ungleich weniger zersiedelten Landschaften, ich erlebe es nicht zuletzt an der noch erhaltenen Fauna. Das ist das eine.
Das andere ist, daß ich von diesem Stand aus ungern ein neues starkes Deutschland hätte, sondern stattdessen ein vielleicht auch militärisch starkes förderiertes Europa, das sowohl auf die jeweiligen Nationalkulturen, namentlich Südeuropas, bedacht ist wie auf die Separationsbestrebungen etwa der Basken, Iren usw., das sich also neu, aber föderalistisch und nicht zentral, organisiert, Verwaltungen also aufteilt, je nach besonderer Fähigkeit der Mitgliedsstaaten, die dann eben Länder würden, und als abendländische Machtinstanz nicht länger die Ökonomie und damit das Militärpotential der USA speiste - das es über eine solche Machtpositon auch durchzusetzen vermöchte, daß die USA ihr Militär einer UNO-Gerichtsbarkeit unterstellen, die von Europa aus maßgeblich mitgeschaffen werden könnte.
In einem späteren Beitrag schrieben sie, wir selbst machten "da" ja mit bei dem, was die USA betrieben, wir selbst seien ein Teil davon, deren Politik sei ja imgrunde nur eine Fortsetzung der alten abendländischen gewaltsamen Hegemionalbestrebungen. Das ist richtig. Das heißt aber nicht, daß das so bleiben muß. Denn anders als die USA, die noch nicht einmal den Völkermord als eine ihrer Entstehungsbedingungen bearbeitet haben, geschweige daß sie versuchten, da Schuld abzutragen - also anders als die USA hat Europa seine Schuld durchaus in den Blick genommen und könnte symbolisch durchaus die den USA nachgemachten Sterne in der europäischen Fahne durch Gesichter ersetzen: jedes Mitgliedsland läßt einen ihrer großen Künstlerinnen und Künstler statt der Sterne konterfeien. Das wäre schon mal ein Signal. 
Ifone meinte am 25. Mrz, 16:36:
Leider ein Thema,
dem man mit einem kurzen Blogkommentar nur bedingt gerecht werden kann.

Gut und sehr aufmerksam gelesen und extrahiert die
(spitzmündischen) Hacks - Zynismen.
Diese Zynismen beantworten schon sehr viel. Es ist genau dieser traurige Zynismus, der von einem ehemaligen Talent übrig bleibt, wenn dessen Werk aber ganz langsam von Überlebenstechnik zersetzt und schließlich auf handwerkliche "Vasenmalerei", also Kunsthandwerk herunterkommt.
Die Flucht aus der Kunst ins Kunsthandwerk hat vielen Dichtern und auch Malern (Werner Tübke) der DDR damals das künstlerische Genick gebrochen, wenn sie in der DDR bleiben wollten - ohne dass jemand das Knacken dieser Genicke gehört hätte.
Man sollte wissen, dass es eine Zeit gab, nämlich in den frühen Fünfzigern, da hatte die frischgegründete DDR auf junge zumal linksorientierte Intellektuelle (und das waren in beiden deutschen Staaten die jungen meistens) eine enorme Anziehungskraft.
Diese Anziehungskraft hatte einen Namen: Berthold Brecht und das Berliner Ensemble.
(Heiner Müller: "Brecht war der Grund, in der DDR zu sein und zu bleiben.) Für Hacks, war genau dies ein Grund, in die DDR zu kommen.
Soll heißen, es gab eine Zeit, in der es für viele junge linke Intellektuelle, die an gesellschaftlicher und dynamischer Gegenwart interessiert waren, einen guten Grund zu der Annahme gab, dass in der jungen DDR sehr dynamisch der intellektuelle Bär tanzte, während in der damaligen Bundesrepublik die absolut bräsige und letztlich kleinbürgerlich/bürgerlich installierte Gruppe 47 dominierte, die mit Böll und Grass und wie sie alle hießen, gediegen "wehklagten", und "anklagten."

Gegen diese klägerische Bräsigkeit erschein damals die DDR mit Brecht, der für eine Hoffnung auf gesellschaftlich relevante und gegenwartsdynamische Dichtung und Theater stand, verbunden mit dem Aufbau einer neuen Gesellschaft, als wirkliche Avantgarde.

Man kann Hacks heute nicht von Goethe oder der Weimarer Klassik her verstehen, lesen oder erklären, sondern nur von der intellektuellen Situation in der DDR, die mit Brecht gestartet und so von einem großen (und riskanten) Dialektiker ausgegangen war - und schließlich, auf Grund der Konflikte und Verhältnisse, auf die ich hier aus Platzgründen nicht eingehen kann, die ich aber bei literaturinteressierten Menschen als bekannt voraussetze, - letztlich einmündete in zwei Rückzugsbewegungen, die ich nur ganz kurz skizzieren kann.

Der große Dreh und Angelpunkt war/ist die so genannte Formalismusdebatte damals in der DDR der 50iger, die auch das Berliner Ensemble damals als Flaggschiff destruktiv zu spüren bekam.

Um es kurz zu machen: Die Formalismusdebatte knebelte und verbot den denkenden Dichtern, gesellschaftliche Gegenwart, ganz direkt und dialektisch - in Weiterentwicklung von Brecht - aufzuarbeiten. Im Grunde verbot sie den harten, den dialektischen Brecht. Der klassizistische oder chinesisch beruhigte Brecht, war gerade noch so genehm.

Erlaubt waren nur noch Produktionsstücke mit "kleinen Konfliktchen" Wer dialektisch argumentierte, war Formalist und nicht tragbar und gegebenenfalls ging er in den Knast nach Bautzen, wie es zwei Brechtschülern passiert ist.

Dieser nicht mehr mögliche, weil erstickte, dialektische Gegenwartsbearbeitung gehörte damals zum Beispiel Heiner Müllers "Umsiedlerin" an, die verboten wurde, und den Autoren und alle Beteiligten damals massiv gefährdete.

Heiner Müller musste unter diesen Umständen eine ihm selbst ursprünglich widerliche Ausweichbewegung vornehmen und seine Stoffe ästhetisch maskieren, weil dialektische Wirklichkeits - und Gegenwartsnähe verboten war.

Er entschied sich für die Antike als Stoffsurrogat aber zugleich auch als Metaphernmaskerade.

So auch Peter Hacks.

Es gehört zu den großen - ich will nicht sagen Verblödungen - aber Verblindungen von Schirrmacher und Diethmar Dath, dass sie nicht kapieren, dass der Rückgriff auf antike Stoffe (Müller, Hacks), ja sogar der neoklassizistische Rückgriff auf Goethe und Sprachstrukturen, Versmaße, Distichen etc... ursprünglich einem höchst bedauerlichen und von Ulbricht erpressten Maskierungsvorgang geschuldet ist.

Der ästhetisch geschulte und postmodern beruhigte "Kulturwessi" hat nie begriffen, dass das, was er da heute so kulinarisch genießt, eine erzwungenermaßen reaktionäre Rückwärts - und Ausweichbewegung von Talenten war, die sich inhaltlich und formal maskieren mussten, weil in der kleinbürgerlich biedermeierlichen Welt eines Ulbrichts und Honeckers Realität und Gegenwart nicht mehr direkt verhandelt werden durfte.

Von dieser Ausgangssituation ist weder bei Dath noch bei Schirrmacher etwas zu lesen, was eine - ich will nicht sagen Verblödung - aber eine ziemlich Verbildung anzeigt, in der Art und Weise, wie sie sich ihren Hacks da im Feuilleton ästhetisch genießend zurecht schustern.

Die Flucht und die Rückgriffe auf Stoffsurrogate der Antike (Müller) und Formensurrogate des Klassizismus (Hacks), hat ein Talent wie Hacks in einen zynelndnden und gewitzten Vasenmaler (Genickbruch) werden lassen und aus einem Talent wie Heiner Müller einen immer noch virulenten Dramatiker.

Warum genau das so ist - dafür fehlt hier der Platz.

Was die nie ganz eingestandene binär codierte dialektische Verschränkung der intellektuellen Mentalitätsgeschichte von BRD und DDR betrifft - so hat sie mit der Ausrottung der Dialektik im Denken und in der Poetologie beider deutschen Staaten zu tun. Der Formalismusdebatte in der DDR, die der wirklichkeitsnahen Dialektik den Garaus machte, entsprach in gewisser Weise die "Adorno - Katastrophe" in der BRD - die Dialektik in Zukunft wenn überhaupt nur nur noch als "negative" zulassen wollte, und damit ebenfalls eine radikale Abwendung von der Gegenwartsbearbeitung einleitete.

Was in der DDR auf den Biedermeier des "sozialistischen Realismus" herunterkam, und Hacks Klassizismus ist nichts weiter als Biedermeier als reaktionäre und verunglückte Ausweichbewegung, geriet in der BRD zum Biedermeier des "linken Protests", der "neuen Innerlichkeit" und schließlich zum Biedermeier der ästhetischen Postmoderne.

Weil das nicht aufgearbeitet ist, und die ehemalige "Linke" heute als neue "Rechte" in den Zentren sitzt, projeziert sie ihre Sehnsucht nach Ästhetik (Anschaulichkeit), und dieses Bedürfnis ist immer ein katholizistisches Bedürfnis, in Biedermeierdichter wie Peter Hacks oder Durs Grünbein oder Enzensberger etc...

Und natürlich bedient Hacks als Projektionsfläche die nie ganz eingestandene Sympahtie vieler ehemaliger BRD-Salonlinker, die vielleicht nicht die DDR, aber das "Projekt DDR" irgendwie gut fanden.

Insofern muss man Peter Hacks ja fast schon wieder in Schutz nehmen, vor diesen neunmalklugen Übergriffen. Denn er hat es wenigstens getan und ist rübergegangen, obwohl es ihn künstlerisch, intellektuell kaputt gemacht hat.

Das Werk von Hacks ist ein ganz trauriges Beispiel für eine Art, auf reaktionäre Biedermeierstrukturen reaktionär biedermeierlich zu reagieren. Vasenmalerei plus ein Schuss Zynismus, aber mit Literatur hat das nichts zu tun.

Was es ihnen (Schirrmacher, Dath, Mosebach) auch heute noch weiterhin erlaubt, dieses "Projekt" gut zu finden, ist die verborgene Katholizität, die sie in Hacks Werk wittern, deren repressiver Charakter sich in der DDR auslebte, aber eben auch in der deutschen Zweiteilung repräsentative Strukturen zeitigte. Und repräsentative Strukturen sind für Linke wie für Rechte jederzeit annehmbar, weil sie das Bedürfnis nach "Ästhetik" (Anschaulichkeit) befriedigen, und damit nach Zuordnung.


Und das ist sehr traurig, wenn nicht sogar ekelhaft.

Dass der Epikurismus oder auch die Stoa heute wieder auf eine so biedermeierliche Art eingemeindet en vogue ist, gehört wohl auch zu den unumgänglichen Amseeligkeiten "ästhetischer" Gesellschaftsdebatten. 
Nebukadnedzar antwortete am 25. Mrz, 17:57:
@ifone: exzellenter beitrag! ich kann hier jeden ihrer sätze unterschreiben. 
knotscher95 antwortete am 25. Mrz, 19:09:
@ ifone
Von dieser von ihnen dargestellten metaebene aus verstehe ich nun deutlicheres.
( wobei man aus vorliegendem poem durchaus noch ein dialektisches moment
herauslesen kann, das sich aber eher als ambivalenz - für mich persönlich eher eine etwas morsche zeitlosigkeit suggerierend - maskiert – mal abgesehen von ihrer feststellung
eines formalen maskeradebestrebens in dekor-um-haft abgerundetes hinein mit harmoniesüchtigem stagnationscharakter ... )
adornos negative dialekt verband ich allerdings immer – intuitiv - mit einer entlastung
der von hegel involvierten negationsdyade, welche aus ihrer anlage heraus eine grupendynamisch orientierte perspektivbahnung in räumliches eher zu versperren drohte, - insofern die neg. dial. die synthese nicht einfach nur einer – weiteren – raschen beweglichkeit umsichtig freistellte, damit die idee letzendlich an’s entsubjektivierte brachte und dem einzelnen einen anteil an jedweder vorgängigkeit in den vorausgeahnten kausalnetzauffassungen zusprach. ( - ? )
Für sie wäre das sogesehen wahrscheinlich insofern „katastrophal“, da sich daraus theoretisch konkrete entscheidungen mitunter recht schwer konstituieren könnten, was aber einer biedermeierbesorgnis und derer tendeziösen vereisungsaffirmation ja nicht unbedingt widerspräche und exakt damit die mögliche regulationsproblematik kybernetischer prozesse in der spiralstruktur schildert, sprich kommunikation öffnet.
Werde mich trotzalldem selbst nochmal zu t.w.a. begeben und bedanke mich über Ihre für einen blograhmen überaus gründliche darlegung die mir nun schon einiges über die jüngere historie und derer nat. eher seminarischen interpretationswürdigkeit anschaulich machte.
Also eigentlich nur ein danke.

tchy-k. 
Ifone meinte am 25. Mrz, 21:13:
Ein letztes:
"Entlastung" ist ein gutes Stichwort. Der dialektische, junge Brecht rekurierte ja weniger auf Hegel, als vielmehr auf Marx, noch viel stärker aber wahrscheinlich auf Friedrich Engels. Und hier ist es nun so, dass Engels "Dialektik der Natur" eben nicht einfach ein dialektischer Materialismus war, sondern ein dialektischer Naturalismus. Ich sehe darin einen feinen Unterschied. (Ein Werk, das Engels übrigens nie abgeschlossen hat, weil es - zu Ende geführt - wahrscheinlich dem Marxismus seine messianische Erlösungs-Komponente ausgetrieben hätte.) Die DDR-Funktionäre haben das gespürt und deshalb die denunziatorische Inquisition der Formalismusdebatte betrieben, und ihre größten Talente entweder vergrault oder eben zu Vasenmalern einer kulinarisch beruhigten klassizistisch (naivem) Epikuräertümelei zurechtgestutzt.
Die Geschichte der westdeutschen Intelligenz von der Gruppe 47 , dem Existenzialismus, über den Positivismusstreit, der 68iger Bewegung, bis hinein in den Poststrukturalismus und die ästhetische Postmoderne, ist durchaus als ein "Entlastungsersuchen" zu verstehen, ein Entlastungsersuchen, dass der Totalität von Entscheidungen ausgewichen ist. Historisch ist das auch durchaus verständlich.
Die "Katastrophe" daran aber ist nicht allein Adorno, die Katastrophe daran ist, dass diese Gesellschaft, und ihre kulturintellektuellen Vertreter sich in ihren "Puddingbergen" bis 1989 in der Entscheidungslosigkeit einrichten konnte, als in einer Selbsttäuschung, und darüber verabsäumt hat, eine Kultur oder Kulturen der Entscheidung auszubilden und des realitätsnahen Handelns.
Mit Adorno konnte man sich wunderbar bequem als Aussenseiter oder jedenfalls als der "Totalität" kritisch gegenüberstehendes (Künstler-) Individuum konstruieren, was eben nichts anderes als eine Spielart der Biedermeierlichkeit ist, die solange funktioniert hat, wie das Auskommen über ewige Arbeitslosengelder oder Stipendien garantiert war und schließlich in anithing goes der E und U auslöschenden PoP-Intellektualität einmündete, die dann auch ganz zurecht Adorno gefressen hatte.
Die Puddingberge sind weg. Und weil sie weg sind, glaubt man nun der neuen alten (antiken) Härte der Lebensbedingungen mit erneuten antike-affirmierenden Strategien gerecht werden zu können - aber weil man unappetitlichen Konflikten erneut ausweichen möchte, versucht man sich die Hände an einem reanimierten (naiven) Epikurismus zu wärmen oder an einem obszön wiederbelebten (ebenso naiven) Stoizismus, der für alle, die irgendwie ausgesorgt haben, eine hervorragende Identifikationsstrategie darstellt.
Für das Spiralenbild gilt ebenso wie für Rhizome oder Systeme - sie sind mit Aufmerksamkeit und Vorsicht zu genießen - man kann im Zweifelsfall alles darin irgendwie unterbringen. Und was man untergebracht hat, darum muss man sich nicht mehr kümmern. Man dreht ihm dann womöglich sehr unvorsichtig oder zu frühzeitig den Rücken zu. 
montgelas antwortete am 25. Mrz, 23:58:
Ich finde ihre Beiträge kenntnisreich , kann aber am Biedermeier
nicht wirklich Unanständiges entdecken. Und wundere mich allerdings nicht darüber , dass sie den Konflikt um Hacks Stück "Die Sorgen und die Macht" aussparen, stört er doch ihre Argumentationskette. 
knotscher95 antwortete am 26. Mrz, 01:43:
trotzdem noch dies @ ifone
ein für mich hochgradig inspirierender beitrag.

das problem ist aber die vermittlung einer entscheidungsfreudigkeit an andere,
die solche gedankengänge vielleicht leider nicht kennen und /oder sich in
ständiger verunsichertheit qua dauervereinnahmtheit befinden.
nun hat man es aber verstanden uns diese psychologisierungswut in mikro -
strukturelles hinein zu übertragen, was garantiert auch so manche popkulturfeaks kennen die, wie hier schon bemerkt wurde eher nach dem skalpell verlangt
und diesem die wahre grösse zuzuweisen scheint :
( das skalpell denkt an grösse im kleinen in's allerkleinste )
daraus aber noch einen grösseren bogen zu spannen verlangt nach interaktion, die psychologisch gesehen den anderen eben nicht ausblenden darf.
leider treffen wir aber ordinärerweise allzuoft auf ganz atavistische korrespondenzpatterns, die sich mit ihrer eitelkeit und egozentrischen selbstgenügsamkeit heute noch durchaus nett beschäftigen können.
wirkliche dialoge gibt's dann nicht, nur ein eher repressives anfeuern über inhaltsleere kühle abweisungsstrategien.

k. 
Ifone meinte am 26. Mrz, 02:06:
Antwort an montgelas
Die Sorgen und die Macht. (1962)
stören meine Argumentationskette überhaupt nicht. Es gehört zu den Selbstverständlichkeiten, dass auch ein Hacks als begabter Intellektueller und Exzentriker gelegentlich mit den spießigen Funktionären kollidierte. Es war übrigens auch Teil eines Spiels am Anfang - zu dem auch ein gewisser Chick des Aufmüpfigen gehörte. (Aufmerksamkeitsökonomie ist keine Erfindung der Postmoderne) Ich unterstelle ihm ja auch nicht einen grundsätzlichen Opportunismus.
Ein nach wie vor ebenfalls ziemlich unreflektierter Reflex ist aber, dass man glaubt, nur weil ein Schreiber in der DDR angeeckt ist oder hin und wieder als aufmüpfig auffiel, sei er sofort zur Literatur geadelt. Was glauben Sie , wie viele mittelmäßige Schreiber oder Dichter oder Regisseure in der DDR als aufmüpfig galten oder sogar auch verboten wurden oder Probleme hatten.. Das ist aber noch kein Gattungsmerkmal für Kunst. Fast alle Nationalpreisträger der DDR waren irgendwann mal irgendwo unbequem. Und der Weg in den sozialistischen Biedermeier mag auch für Hacks ein Prozess gewesen sein, der 1962 eben gerade noch am Anfang stand.
Ich will ja auch niemandem seine Freude und sein Genuss an sauber gearbeiteten Vasenmalereien nehmen. Und tatsächlich haben Sie Recht - dass der Begriff Biedermeier die Sache sowieso nicht sehr gut trifft, insofern würde ich sagen: Neobiedermeier oder Retrobiedermeier. Wenn ich diese Begriffe verwende, dann meine ich ein schleichendes Sicheinrichten mit den Verhältnissen der geistigen Regression und des Stillstands, die Überbetonung von Ritualen der "intellektuellen Wohnlichkeit" und Formenverliebtheit, das gediegende Einwohnen in Formen und Ritualen beruhigender Versmaße denn die DDR war im Grunde tatsächlich mit einer Art Metternichrepublik vergleichbar, in der man sich sozusagen auch seine Hausmusiker gönnte (nicht zu laut, nicht zu leise, vielleicht sogar gelegentlich ein bisschen aneckend, immer schön zwischen Dur und Moll, und gelegentlich ein paar Nachdenklichkeiten und Verbesserungsvorschläge einreichend. - dass ist letztlich die traurige Bilanz von Exemplaren wie Hacks und markiert zugleich das bequemliche Missverständnis einer leicht gelangweilten Postmoderne, die diese traurige Bilanz heute kulinarisch wiederentdeckt und das Feinziselierte daran genießend abschmeckt, weil der saturierte neudeutsche altlinke Rechts-Kulturbürger darin wieder in unruhigen Zeiten sein Zuhause entdecken kann, ebenso wie diesen Kulturbürgern nichts weiter einfällt als in Potsdam oder Berlin die Fassade der jeweiligen Stadtschlösser wieder zu errichten. Das ist die Realität 2008. Das ist die heutige Metternichrepublik der Postmoderne und deshalb passt der Hacks mit seinen Vasenmalereien da so gut rein. Das ist unsere Gegenwart.
Um es einmal hart zu sagen: Als Hacks spitzbübisch feixend seine "Sorgen und die Macht" schrieb, haben Leute wie Harich schon mal im Knast gesessen, war der Ungarnaufstand schon mal blutig niedergechlagen, der 17. Juni schon 9 Jahre vorbei und zahllose wichtige Intellektuelle hatten bereits das Land verlassen, wie zum Beispiel Ernst Bloch, oder wurden nun an der neu gebauten Mauer ideologisch zerquetscht... und die ersten Leute waren womöglich schon tod. Es ging zu diesem Zeitpunkt schon längst nicht mehr nur um "Sorgen".
Hacks taktischer Weg in den geistigen und immer mal wieder dosiert aufmüpfigen Neobiedermeier steht auch exemplarisch für das langsame Eindunkeln einer großen Hoffnung, die sich einstmals mit der ganz jungen DDR für viele Intellektuelle verband.
Für die Flucht in den Klassizismus, der letztlich immer machtstützend und autoritätskonform war und bleibt, und seine geistige Impotenz im Hinblick auf Gegenwarts - oder gar Zukunftsantizipation oder die Bearbeitung dessen, was real vor sich geht, gibt es ein nach wie vor gültiges Bild: "In Apolda verhungern die Weber, während Goethe am Schreibtisch seine Iphigenie in Jamben setzt." - Heiner Müller war moralisch auch nicht sauber, was diesen Zwiespalt betrifft, aber er hat sich dabei weitaus besser gehalten. 
albannikolaiherbst antwortete am 26. Mrz, 08:05:
Ihre Ausführungen, Ifone, sind ausgesprochen erhellend.
Sie sprechen allerdings auch Positionen an und stützen sie indirekt, gegen die ich opponieren will und pro domo auch muß.

1) Den bei Ihnen allzu rundschlägig-generellen Schlag gegen die Postmoderne halte ich für allzu deutschlandzentriert und deutschlandtypisch. Postmoderne ist mehr als bloße Beliebigkeit... besser: sie k a n n mehr sein und ist es eben bisweilen, etwa bei Pynchon und dem frühen Gaddis schon, wahrscheinlich gehört auch Marianne Fritz in den Nexus und ich selbst gehöre dem sowieso an. Das spielerische Moment der Postmoderne ist das eine: es hat übrigens sehr dazu beigetragen, ästhetische Tabus aufzulösen, in denen z.B. die Neue Musik fast rundweg erstarrt war, wenn man von Komponisten wie Bernd Alois Zimmermann einmal absieht, deren Religiosität sie dazu gebracht hat, sich um ästhetische Dogmen in kaum einer Weise zu kümmern. Auch für die Literatur gilt das. Ich sehe derzeit kein anderes kunsttheoretisches Fundament als das der - notwendigerweise unscharf gefaßten - Postmoderne, das auch nur annähernd so genau den Realitätsumbruch in die Wahrnehmung von Welt als einer medialen nachformen könnte - darin ist sie, wie alle Kunst war, mimetisch geblieben. Wie ich in meinen >>>> Heidelberger Vorlesungen ausgeführt habe, kann eine realistische Ästhetik der Gegenwart in keiner Weise mehr gerecht werden. Das bedeutet aber nun n i c h t, daß es nicht ebenso Gegenstand der Literatur wäre, also daß sie sich davon entbinden könnte, daß wir letztlich in einer Kriegssituation leben und, wohin man auch blickt, das Gemetzel an der Tagesordnung geblieben ist. Zum Gemetzel ist aber, um ein Bild zu verwenden, auch die Entschlüsselung des menschlichen Genoms hinzugekommen und werden in sehr absehbarer Zeit auch Androiden, die fühlen können, hinzukommen, einmal abgesehen von der gesamten Verschiebung der Wirklichkeitswahrnehmungen-an-sich.
2) Es war sicher, wenigstens seit Schiller, der das moralisch-unbedingter nahm als Goethe, der es eigentlich g a r nicht nahm, ein Anliegen der Literatur, menschliche Gerechtigkeit herzustellen. Zu Zeiten, da Literatur eine kulturelle Leitfunktion hatte, ist das auch nachvollziehbar, wenn auch da schon nach meinem Gefühl ein wenig absurd. Künstler sehen einen Sonnenuntergang und wollen ihn a u c h schaffen; es interessiert sie letztlich nicht, ob er Glück oder Elend bringt (auch n icht, ob er es ihnen selbst bringt); sie hängen am Phänomen, und zwar ganz besonders am schönen. Das gilt selbst für die Umkehrung, siehe Artaud. Soziale Verantwortung ist des Künstlers nicht - und auch hier wohlgemerkt: des Künstlers a l s Künstler; in seinem "übrigen" Leben kann er deshalb sehr wohl, wie zum Beispiel Kafka, an sozialer Gerechtigkeit oder sozialen Verbesserungen aktiv interessiert sein. Das hat nur in seiner Kunst so wenig zu suchen, wie soziale Gerechtigkeit in der "Kunst" eines Arztes oder eines Physikers zu suchen hat. Ich möchte das sogar noch verschärfen: Kunst hat, wo sie große Kunst ist, fast immer eine Tendenz zum Asozialen. Das liegt schon in ihrem Materialbegriff, auch dazu habe ich in den Vorlesungen einiges ausgeführt.
3) Der Rückgriff auf die Mythen ist n i c h t nur eine kunstästhetische Tarnung, und zwar auch dann nicht, wenn diese Tarnung der Anlaß war. Mythen sind als kollektive Erfahrung den Kulturen eingeschrieben, sofern es mit den eigenen Kulturen je noch einen Kontakt gibt. Sie sind flüssige Erfahrung der Menschheit. Daß sie insoweit fast durchweg etwas Unpragmatisches, ja Schicksalhaftes haben, liegt in der Natur dieser Erfahrungen; man muß schon in irgend einer Weise heilsgeschichtlich religiös sein, um annehmen zu können, daß sich das in einen "guten" Zustand auflösen ließe. Der gute Zustand - der allerdings weiterhin als Vorstellung treibt und treiben sollte; ich rede hier nicht der Affirmation das Wort - bezeichnet eine Hoffnung, die, und sei es als ihre Negation, an den kathartischen Lösungserlebnissen beteiligt ist, die nahezu jedes Kunstwerk auszeichnen.
4) Klassizismus: Ich bin ja selbst nicht von klassizistischen Regungen frei. Sie ergaben sich über ein Prosawerk, das sich von Anfang an dem Experiment verschrieben hatte und Experiment bis heute geblieben ist. Klassizismus muß nicht innere Emigration bedeuten, er kann auch einfach nur heißen: daß man Lust an der Form hat. Diese Lust ist den Künsten ebenfalls seit jeher eingeschrieben; die Form ist letztlich die Luft, die sie atmet. Daß sich das für politische Veränderungen nur bedingt eignet, scheint mir ausgemacht, aber auch nicht beklagenswert zu sein. Auch die Medizin eignet sich nur höchst bedingt für den Umsturz von Gesellschaften; wie die Kunst selbst, ist sie letztlich konservativ, >>>> "bewahrend", nämlich einen praktikablen Erkenntnisschatz, dessen einzelne Teile so lange für wahr gelten, bis sie empirisch widerlegt worden sind. Selbstverständlich ist es wahr, daß Goethe seine Jamben schrieb, während in Apolda die Weber verhungerten; das nimmt aber der Kunst und Schönheit dieser Jamben nichts, überhaupt nichts. Es sagt nur: Hier sind gleichzeitig zwei Vorgänge, einer, der schön ist, einer, der bis ins Furchtbare häßlich ist. Wir werden mit dieser Gleichzeitigkeit - zu der sich Hundertmillionen andere gesellen - leben müssen. Mit gleichem Recht könnten Sie nämlich sagen: In Apolda verhundern die Weber, und die Sozialbewegten kümmern sich nur um diese, anstatt sich um die verelendenden Fischer Ostfrieslands und die verreckenden Hindus in Indien zu kümmern. Unter dem Primat des Sozialen gäbe es heute wahrscheinlich nicht ein einziges Bauwerk von Schönheit und Größe. Wieso hat sich Cervantes um so etwas Nebensächliches gekümmert wie einen irren Alten, der Ritter spielen möchte, anstelle sein volles Augenmerk auf die Menschenrechtsverbrechen in Südamerika zu richten?
5) Heiner Müllers Antikenprojekt: Es gibt möglicherweise eine ästhetiklogische Bewegung, deren Anlaß nur Anlaß i s t, deren eigentliche Gründe also sogar ihren Vertretern gar nicht bewußt sind.

Selbstverständlich diskutieren wir hier die älteste Kunstfrage überhaupt, die dem Verhältnis von Kunst zur Moral gilt. Sie hat sich in der letzten Neuzeit verschärft, da innerhalb der globalisierten Welt auch miteinander konkurrierende, dabei aber einander ausschließende Moralsysteme in nahsten Kontakt gekommen sind. 
montgelas antwortete am 26. Mrz, 10:41:
@ ifone. Über Harich. Aus der Hand geplaudert.
Es ist schon interessant, wie ihre Selektionsmechanismen bei ihnen justiert sind. Sie erwähnen in ihrem Beitrag Harich. 1973 oder 1972, ich bin nicht ganz sicher, veröffentlichte die Zeitschrift „ Sinn und Form“ eine lange Polemik Harichs gegen Müller, Enzensberger u.a. mit dem Titel „Der verlorene Dingo, das vergessene Floß“. Harich läutete damit das Ende des kurzen taktischen kulturpolitischen Frühlings ein, den Honecker und Hager erfanden, um sich als „liberale Geister“, im Gegensatz zu Ulbricht, den man ja abgesetzt hatte zu profilieren. Harich wetterte u.a. gegen Müllers Macbethbearbeitung und gegen Enzenbergers Dokumentarroman „Der kurze Sommer der Anarchie“. Seine Einlassungen ermutigten jene reaktionären Kräfte, jene SED-Kulturpolitiker denen jede Form von Liberalisierung verdächtig war. Leute, die Kafka für verrückt und Proust für einen dekadenten Schwafler hielten. Joyce war ihnen ein Greuel. Marion Blooms großen Monolog, ihr wundervolles Ja zum Leben, lasen sie vermutlich nur heimlich wichsend auf dem Abort. Die Stoßrichtung in Harichs Essay war klar. Später begegnen wir den ehemaligen politischen Häftling Harich, dessen Haftbedingungen komfortabel gewesen müssen als Verfasser einer umfangreichen Jean Paul Monographie, die nach seiner Haftentlassung erschien. Andere Häftlinge, die aus gleichem unrechtem Grund inhaftiert waren werden wohl keine Möglichkeit zum Quellenstudium während ihrer Bautzenzeit gehabt haben. Noch später veröffentlichte Harich im Westen ein Buch mit dem Titel: „Kommunismus ohne Wachstum“. Der Mann, der beim besten Schneider von Berlin-Mitte, so Hacks, sich die Anzüge nähen ließ, es sei ihm gegönnt, propagierte in dieser Schrift einen Kommunismus, der dem Pol Pots verdächtig ähnlich sah. Es wäre intellektuell redlich gewesen, wenn sie bei Erwähnung des Namens Harich auf diese Fakten in irgendeiner Form verwiesen hätten. Ich gehe davon aus , dass sie ihnen bekannt sind.

Nachtrag:Ein nach wie vor ebenfalls ziemlich unreflektierter Reflex ist aber, dass man glaubt, nur weil ein Schreiber in der DDR angeeckt ist oder hin und wieder als aufmüpfig auffiel, sei er sofort zur Literatur geadelt.

Das ist durchaus reflektiert, weniger reflektiert scheint mir , dass oft große bedeutende Künstler apolegetisch ihren Regimen dienten, ohne dass dies ihrer Kunst wesentlichen Abbruch getan hättte. Das gilt für Hacks, wie auch für Ezra Pound,dessen Pisaner Cantos hier nur am Rand erwähnt erwähnt seien. 
Ifone meinte am 26. Mrz, 11:39:
Ich stimme
ihnen in vielem völlig zu, dass es eine Lust an der Form gibt, und auch würde ich das, was Sie in Hinblick auf das Kunst-Moral-Problem sagen, das sich nicht "lösen" lässt und sich auch nicht zur "Lösung" eignet, absolut unterstreichen. Die ganze komplexe und ambivalente Lage hat Lem in seinen Essays, oder in seinem Golem, haben andere und sie selbst dann ja sehr ausführlich in Ihrem "Flirren im Sprachraum" herausgearbeitet. Damit habe ich überhaupt kein Problem.

Mein "Rundumschlag" gegen die Postmoderne richtet sich auch nicht gegen die "Postmoderne" als eine hochkomplexe Situation, die uns alle zu Cyborgs macht.

Mein Rundumschlag richtet sich gegen eine "Mentalität der Postmoderne", die es sich gemütlich gemacht hat,
Weil Sie von Deleuze und Derrida den Ohrwurm sozusagen als intellektuellen Dieter-Bohlen-Hit übernommen hat, das kausale Grammatiken und hierarchischen Struktuen nicht mehr gelten, bzw. als nicht mehr geltend abzulehnen sind, weil sie autoritäre Grammatiken und Strukturen sind.

Eine Literatur, die sich sozusagen ausruht in einer Form der "Literarizität" , die selbst nicht mehr analysiseren will oder Entscheidungen als Positionen nicht mehr vertreten will und stattdessen mäandernde "Ziegelsteine" von postmodernen 1000 - Seitern (Pynchon etc..) produziert, um sich in diesem durchaus lustvollen und postmodern theoretisch abgesicherten Produktionsprozess zu beruhigen oder eben lustvoll zu erfinden oder zu verlieren oder zu lustvoll zu dekonstruieren.

Oder in dem sie sogar glaubt, die ontologischen Unklarheiten der Quantenphysik als Kronzeuge für diese Mentalität postmoderner Möglichkeitsräume von Entscheidungsvielfalt und damit Entscheidungslosigkeit herbeizitieren zu können. (Sokal-Affaire)

Ihnen möchte ich das alles nicht unterschieben. Immerhin haben Sie hier diesen Raum geöffnet.

Ausserdem gönne ich jedem die Lust an der Produktion und an der Form.

Die Saturiertheit der Mentalität der Postmoderne, die ich polemisch angreife, beginnt für mich dort, wo indirekt der Eindruck erweckt wird, die Dinge seien so komplex und so verwickelt und derartig geschichtet und überlagert, dass jeder grundsätzliche Verstehensversuch entweder in hoffnungslose Selbstrefferenzialität verläuft oder eben in einen radikalen Subjekt-De -Konstruktivismus al Gusto.

Das Problem ist, dass sich hinter dem Rücken der feinzisellierten westlichen postmodernen Produktionsmentalität, die auch immer eine starke Geniessermentalität ist, heute eine absolut terminierende Größe heranwächst, die sehr wohl eine absolut kausale und hierarchische Konfliktsituation schafft, der man mit Deleuze, Derrida, Luhmann, Nelson Goodmann usw... nicht mehr beikommt.

Ich meine hier ganz konkret die neuen physischen Energien des Nuclearpotentials, die nun ihrerseits eine völlig neue hierarchische und absolut terminierende und kausale Grundsituation geschaffen hat, die in einer neuen Verbindung von Archaik (Islam) und Technologie die westliche Welt in eine sehr unappetitliche Konfliktsituation bringt, die - mit Verlaub - die postmoderne Mentalität aber sowas von in die Tonne tritt, und sie über kurz oder lang vor absolut archaischen kausal hierrarchischen Entscheidungen stellen kann.

Meine Polemik richtet sich dagegen, dass man mit Pynchon dieser Situation nicht beikommt, und dass in den letzten 40 Jahren nicht nur in Deutschland sondern in ganz Westeuropa das intellektuelle Potential, dass solche Dinge hätte antizipieren können mit Derrida , Deleuze, usw.. gebunden und gemütlich möbliert wurde, anstatt eine Entscheidungtheorie, eine Theorie der Rationalität und letztlich eine Ethik der Rationalität zu entwickeln, die dem technologischen Fortschrittsvektor wirklich gewachsen ist.

Und zu intellektuellem Potential - ja das gebe ich zu - zähle ich auch den "Dichter", den "Schriftsteller"

Und wenn das hier alles etwas alarmistisch klingt, dann lasse ich es einfach mal alarmistisch so stehen.

Ja, Ich finde die geistig - intellektuelle Situation der postmodernen Mentalität in Westeuropa alarmierend. Und ich bin froh dass es die Amerikaner gibt.

Denn es geht wirklich nicht mehr um hungernde Weber oder Matrosenaufstände, Es geht jetzt hier einfach mal schon irgendwie ums Ganze.

Und da müsste eigentlich etwas mehr gefragt sein, als "Ambivalenzen" , "Verstrickungen" Form-Verlustierungen, stoizistischen oder epikuräerhaften Tümelein, komplexe Gemütlichkeiten. Dekonstruktionen oder 1000 seitige Ziegelsteine.

Es geht heute einfach um die Frage, ob die menschliche - technologische Evolution eine Telos hat oder ob sie ihn nicht hat. Dieser Punkt drängt ganz allmählich auf die Tagesordnung.

Und wenn wir uns dafür entscheiden, dass sie einen Telos hat, oder wir Indizien zu dieser Annahme haben - wie wir dann damit umgehen, ob wir diesen Telos ablehnen, ihn dann verteidigen, steuern oder dem Zufall überlassen. Oder ob wir noch mal bei Peter Hacks nachgucken, was der so schönes geschrieben hat. 
albannikolaiherbst antwortete am 26. Mrz, 12:09:
@Ifone (ff).
".... die in einer neuen Verbindung von Archaik (Islam) und Technologie die westliche Welt in eine sehr unappetitliche Konfliktsituation..."

Ich unterschreibe das sofort; unter anderem so etwas bekommt man bei mir ja etwa in THETIS zu lesen. Und ich verstehe Ihre Polemik, auch das Alarmierende daran. Nur glaube ich, daß die Kunst nicht diejenige Instanz ist, an die Sie sich wegen solcher Belange rechtmäßig wenden können - oder doch, Sie können das selbstverständlich tun - es wird nur ohne Ergebnis bleiben. Kunst ist keine Politik; im Gegenteil, wo sie Politik wurde, wirkte sie i m m e r verheerend, sofern es sich um KUnst gehandelt hat und nicht auf die eine und/oder andere Weise um Agitation. Dies war ja, um auf den Anfang zurückzuschließen, eines der großen Probleme der DDR mit der Kunst, und es ist insgesamt ein Problem mit der Kunst. Sie ist neben ihrer kathartischen Funktion ein Medium der Erkenntnis, nicht etwa der Abhilfe. Sie wenden sich an den falschen Adressaten. Selbst Brecht, den ich übrigens g a r nicht so hoch schätze, Müller finde ich viel wichtiger, wußte davon: "Ich bin keiner, auf den ihr bauen könnt."
Daß Selbstreferentialität politisch nicht weiterhilft, scheint mir ausgemacht zu sein; sie hilft aber - in der Gegenwart - ästhetisch weiter; zumal Kunst diese Art hat, andere Künste und Kunstauffassungen in sich einzusaugen, zu verstoffwechseln und zu neuer, synkretistischer Kunst zu machen. Sie ist auch insofern ein Symptom, ihre Formen sind es, ihr Ausdruck ist es. Dieses Einsaugen bezieht sich auch auf Religionen, selbst in ihrer fundamentalistischen Ausprägung. Kunst weicht Fundamentalismen auf. Insoweit ist die d o c h politisch, und außer dem Barock fällt mir keine Zeit ein, wo sie es derart umfassend gewesen wäre wie in der Postmoderne und dem, was ich Nach-Postmoderne nenne.
Pynchon wiederum hat - neben Syberberg - mit seinem Gravity's Rainbow eine d e r großen künstlerischen Interpretationen des sich an die Maschine verlierenden Faschismus geliefert und den als eine Bereinigungsform gekennzeichnet, ohne den der Kapitaslismus so, wie er heute existiert, nicht einmal denkbar gewesen wäre. Ich persönlich glaube, daß eine gelebte Rückbesinnung auf durch die Nazis desavouierte Werte (Ehre, Würde, Stolz usw.) eine Form des Widerstandes ist.

Über "die Amerikaner" (schon diese Begrifflichkeit ist falsch; ich unterstelle einmal, daß sie unter allen Amerikanern damit allein die US-Amerikaner meinen) bin ich meinerseits überhaupt nicht glücklich. Kriege auf diese Weise erst zu initiieren und dann zu führen, wobei man noch so tun kann, als hätte "der andere angefangen", kommt mir nicht wie eine Rückbesinnung, sondern wie ein brutaler Regreß vor, der sich Recht dort s c h a f f t, wo die Waffengewalt stärker ist. Übrigens ist das s o gar nicht mehr gegeben; lassen Sie nur mal 1000 Selbstmordattentäter auf die USA los, und es wird dort alles, wirklich alles, völlig zusammenbrechen.

Ganz nebenbei stellt sich hier aber auch eine ganz andere Wertefrage: Sind die von den USA öffentlich und geheim vertretenen Werte es eigentlich wert? Hat nicht, auf eine perfide, rein orientalische Weise der fundamentale Islamismus an manchen Stellen sogar recht? Solche Frage stellen Künstler, indem sie ihre Figuren gestalten und sie in solchen Fragen leben lassen. Ich tat das und tue das nach wie vor in meinen ANDERSWELT-Büchern.

Eine "Ethik des Rationalität" wiederum scheitert meines Erachtens an der Letztbegründungfsproblematik, an der schon die Nachkantianer gescheitert sind - weshalb es ja den Weg in die Kommunikationstheorie überhaupt erst gegeben hat. Die wiederum führte mitten in die Postmoderne hinein. Sie kommen, das wußte eben schon Kant, ohne eine Proklamation Gottes nicht aus, wenn sie eine allgemeinverbindliche Moral begründen wollen. Sie können sie immer nur behaupten, und sie müssen dann eben auch Gott behaupten. 
Hans Zehrer antwortete am 26. Mrz, 12:19:
@Ifone
Hier geht leider einiges durcheinander. Hacks war schließlich gerade kein liberaler Postmodernist, sondern ein ganz entschiedener Antiliberaler. Dem ging es nicht nur um das Schönschreiben, sondern auch um die Wahrheit des Geschriebenen. Ifone aber denunziert als literarisches Dekor, was bei Hacks bloßes Dekor eben nie war. 
albannikolaiherbst antwortete am 26. Mrz, 12:37:
@Hans Zehrer. Wahrheit.
Muß nicht eindeutig (mathematisch: eineindeutig) sein, es sei denn, man legt den Satz vom Ausgeschlossenen Dritten zugrunde. Wer das aber tut, kommt letzten Endes um eine völlige Determiniertheit der Geschehen nicht herum. Womit der Moral-an-sich der Gandenstoß gegeben würde. Kunst arbeitet insofern am Emanzipativen, als genau der Satz vom Ausgeschlossenen Dritten ihr tiefster Widersacher ist. 
Ifone meinte am 26. Mrz, 12:28:
Antwort an Montgelas
Die "Akte Harich" gehört tasächlich zu den schillernsten und wenig aufbereiteten Aspekten - im DRAMA DDR, bzw zur FARCE DDR, ihr Hinweis ist berechtigt. Harig war selbst Funktionär, ein hochintelligenter, der als Intellektueller in die Mühlen geraten ist. Ja, er hatte wohl Vergünstigungen. Man kann diese Dinge nicht mit einfachen moralischen Kategorien behandeln. Ich habe von Hacks auch keine moralisch einwandfreie Biografie verlangt. Ebensowenig wie ich sie heute von Müller verlange.
Es geht einzig und allein um die Frage, ob Texte mehr als nur schön oder hässlich, oder hässlich schön oder schön hässlich geformt sind. Und in wie weit sie sich operativ auch denkerisch auf ihre Gegenwart einlassen. Oder ob sie als ästhetisches Event konsumiert werden. Das Thema füllt Bibliotheken. Tatsächlich halte ich persönlich übrigens Joyce oder Pound oder Prouct darin für völlig überschätzt, im Gegensatz zu Flaubert oder Kafka, den ich für unterschätzt halte, obwohl er von Deleuze vereinnahmt wurde. Aber das sind jetzt Ansichtssachen. Eigentlich ist es tatsächlich an der Zeit die geistigen AKTEN BRD DDR einmal zu untersuchen und die links-rechte oder rechts- linke Verstrickung mit ihren Nachwehen nachadornitischen Sehnsucht nach Katholizität im heutigen Feulliton unter die Lupe zu nehmen.
Kunst, sofern sie eine Geniesserstruktur hat, hat immer auch eine systemerhaltende Funktion. (Kirchen-Kunst) Es geht nicht um Subversivität oder Moral, es geht darum, ob sie Geistes-Gegenwart riskiert. Das kann sie sogar affirmativ. Aber das würde nun womöglich wirklich ausufern... natürlich auch deshalb, weil man über den Kunstbegriff diskutieren müsste, aber das ist ermüdend, weil hinter dem Rücken dieser Diskussionen andere Dinge ablaufen, um deren Verständnis man sich bemühen müsste, auch wenn das manchmal mit Genuss eher weniger zu tun hat. 
Ifone meinte am 26. Mrz, 13:47:
Herr Zehrer,
Sie legen den Finger tatsächlich auf die Wunde. Ein ungeklärtes Problem. Darüber kann man bei Gotthardt Günther einiges nachlesen. Wir haben dieses Problem am Hacken, dass einerseits Wissenschaft und Technik eben keine Ansichtssachen oder Meinungen oder Stimmungen schafft, sondern Fakten. Und diese Fakten der Technik beruhen auf dem Umstand, dass angewandte Wissenschaft bisher auf das Tertium non Datur sich sehr erfolgreich gestützt hat. Dass die Quantenphysik hier etwas neues aufgerissen hat, ist kein Widerspruch dazu, sondern eine Bestätigung der bis dahin angängigen Rationalität der Zweiwertigkeit.

Wenn Günther über mehrwertige Logiken nachgedacht hat, dann hat er nichts anderes als den Versuch unternommen, eine Ethik der Rationalität zu entwerfen, indem er versucht hat, eine Metasprache als operative Untersetzung für die zweiwertige aristotelische Sprache zu finden.

Was die Werte- Relativitäts- Diskussion hinsichtlich der US- amerikanischen Dominanz betrifft, ist das heute auch automatisch immer eine Technik-Disskussion. Wir haben es somit also, wenn man Amerika, als dominante militärische - und technologische Spitze betrachtet mit dem Problem zu tun, dass "Werte" hier bereits zu ganz stofflichen, energetischen Werten in der Technik auskristallisiert sind.

Interessanterweise sind sie protestantisch puritanisch untersetzt.

Kann man diesen Prozess "rückgängig" machen oder qua Kunst kommunikativ relativieren?

Die Frage nach einem Telos der Evolution, wäre der Versuch, tatsächlich eine Letztbegründungsproblematik in die Rationalität zu reintegrieren, bevor sie qua Feuilliton und fehlgeleiteter Philospohie und Geniesserdebatte uns kryptokatholisch sozusagen durch die Hintertür rein "metaphysisch" als neue Gottes-Sehnsucht kontaminiert und uns nur unterkomplex irrational gewappnet in die anstehenden Konflikte treibt.

Steckt nicht in den nichtrückgängig zu machenden Auskristsallisierungen der Technik bereits schon eine Letztbegründung, der man sich als Faktizität und nicht als Glaubenskomplex zu stellen hat?

Arbeitet sich die Wissenschaft nicht schon längst über die Operation/Letztbegründung-Falifizierung- Letztbegründung-Falsifizierung zu Letztbegründung schleichend in den Telos hinein?

Und tatsächlich - diese Frage wirft sehr unangenehm die Schuldfrage auf. Die Wer - Wie - Was - Frage. Sie stellt die Frage nach Park-Regeln. Ich glaube, man wird um die einfach nicht drum rum kommen.
Und tatsächlich bin ich mir sicher, dass es nicht mehr darum geht, amerikanische Werte zu "hinterfragen", sondern sie als am weitesten im "Telos operierend" zu akzeptieren.
Das ist unappetitlich - ich weiß.

Aber Peter Hacks...? 
albannikolaiherbst antwortete am 26. Mrz, 14:31:
@Ifrone. "sondern sie als am weitesten im "Telos operierend" zu akzeptieren".
Ganz sicher wird Kunst das nicht mitmachen, sondern dort eigensinnig verharren, wo sie nicht funktionalisierbar ist - und zwar auch dann, wenn sie unrecht hat. Sie wird auf die Berechtigung zum Unrecht pochen. Dort, wo sie staatsgemein wird, ist sie schlecht und verkommt zum Kunsthandwerk, und es ist dabei völlig egal, um welche Art von Staat oder Gemeinschaft es sich handelt. Genau dies meinte weiter oben mit meiner Bemerkung, daß sie einen Hand zum Asozialen hat. Platon - mit >>>> Littell gesprochen einer der ersten faschistischen Staatsphilosophen - hat sie genau deshalb verdammt. Kunst beharrt auf dem Verbrechen als einer Möglichkeit des Menschen, sie beharrt darauf noch da, wo sie es beklagt; um es noch deutlicher zu machen: Kunst b e d a r f des Verbrechens. ("Verbrechen" wird hier als imaginiertes verstanden, damit aber auch als ein Verstoß gegens Funktionale. Sie ist in jedem Fall ein Übergriff.)

P.S.: Bei einigen der "Postmodernen", die Sie oben auf die Spitzen Ihres Rechens nahmen, ist Staatskonformität sehr weit gediehen: das ist genau eine S c h w ä c h e der Postmoderne, wie es auch eine Schwäche des Barocks war. Hier entscheidet dann nicht mehr das Handwerk. Es käme aber Ihrer Forderung nach Akzeptanz der Machtverhältnisse nah, so daß Sie etwa über Durs Grünbein, rein politisch gesehen, glücklich sein müßten.)
P.P.S.: Die bayerische Ministerpräsidentengattin zu Schlingensieffs Bayreuther Parsifal-Inszenierung: "Etwas Auflehnung muß sein." Da zeigte der Teufel schon seine Hörner, die er mit gehobenem Hausfrauentum samtig umwickelt hatte. An Schlingensieffs Stelle hätte ich nach dieser Aussage nur noch gekotzt. 
Hans Zehrer antwortete am 26. Mrz, 15:08:
@Ifone
Ihre Analyse, die Technik und die politische Hegemonialstellung der USA betreffend, ist zweifellos triftig. Angesichts der von Ihnen beschriebenen Sachlage ziehen Sie die auch mir ganz plausibel erscheinende Konsequenz, den philosophischen und den literarischen Postmodernismus abzulehnen, weil er die Verhältnisse letztlich affirmiere (auch wenn beständig behauptet wird, er tue das nicht). Ich bin versucht, Ihnen zu vorzuhalten: Alles das, was Sie gegen die Postmoderne vorbringen, würde Hacks kurzerhand und mit Recht als Romantik klassifizieren, der gegenüber er natürlich der Klassik ohne Wenn und Aber sofort den Vorzug gäbe. Das Gegenteil von Romantik, würde er sagen, ist eben Klassik, tertium non datur. Eine solche Position kann man nicht einfach als Kunsthandwerk abtun, wie Sie es getan haben. Man muß den Hacks eben lesen wie André Müller sen. den Shakespeare. 
G.A.Buerger antwortete am 26. Mrz, 15:15:
@Herrn Ifone
Wie schätzen Sie das denn für die Musik ein? Ich verstehe gut Ihren Ärger über die schicken Revisionisten in der Literatur. Ich verstehe, dass es Sie nervt, wenn man ohne Risiko herumspielen kann, wie man will und es einfach auch cool findet, bei Staatsempfängen wahrgenommen zu werden. Aber Komponisten werden auch empfangen und wurden das vor allem immer. Ist Mozart jetzt deshalb ein schlechter Künstler? Oder haben deshalb die Stones schlechte Musik gemacht? Ich bin weit entfernt davon, ANHs Ansprüche an Kunst als einem Widerspruch schlechthin zu unterschreiben, aber das ist ja doch das, was Sie irgendwie verlangen. Andererseits sollen sich Künstler an Amerika orientieren, weil das das moralisch am weitesten gediehene Land ist. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, glauben Sie, dass in Amerika Moral zur Technik geworden ist. Sie meinen damit wahrscheinlich die westlich-christliche Moral, oder? Wie ist das dann aber mit den Chinesen? Da herrschen doch offensichtlich ganz andere Vorstellungen von Moral. Und wie ist das mit Led Zeppelin? Wäre das Kunst in Ihrem Sinn? Mir ist in Ihrer Argumentation die Richtung noch nicht klar. Ist Mönet ein schlechter Maler? Ich habe den Eindruck, dass Sie Kunst und richtige Gesinnung durcheinander werfen. Was ist die richtige Gesinnung und wer bestimmt sie? Wirklich derjenige, der die meisten Bomben hat? 
Ifone antwortete am 26. Mrz, 15:25:
Antwort an A.N. H.
mir dreht jetzt der Kopf... ich weiss schon was sie meinen, und wir kommen hier total in ein dialektisches "Weichgebiet", in dem dann das so genannte "notwendige" Versagen der Intellektuellen, sofern ich jetzt Künstler mit dazu rechne, zur Debatte steht - also sagen wir mal so Verirrungen, ich glaube Stockhausen - oder wer das war, der gesagt hat: Der 11. Sebtember war ein Kunstwerk..." oder so , weil es ihn vielleicht als "Störung der Funktionalität" der westlichen Welt so fasziniert hat. Also ich glaube irgendwo gibt es da wirklich eine Grenze und auch eine gewisse Obszönität, weil wir alle ja letztlich, wie sie ja selbst festgestellt haben, von westlicher Welt leben. Wir leben doch von dieser Funktionalität, da kann man die doch nicht stören wollen oder ablehnen.
Wahrscheinlich würden Sie jetzt antworten, dass die imaginativen Störungen der Kunst die Evolution, auch die geistige, letztlich voranbringen u.s.w. also im Sinne von: Der Tod, der Fehler, die Störung als notwendiges Korrektiv der Evolution. Das würde aber bedeuten, einen Status Quo zu behaupten, ein kontinuum humanum, als den sterblichen Menschen, dass letztlich aber doch gerade dabei ist, sich qua gentechnik schleichend in Richtung runderneuernder Ersatzteilhaufen zu verabschieden usw..
Wie kann Kunst auf Störung der Funktionalität beharren, wo doch heute jeder weiss, dass "Störung" seit Ewigkeiten mit zur Evolution gehört, zum Beispiel als Mutation, als Tod, als eingebauter Kopierfehler in der RNA etc... Störung ist ein Programm, das eingebaut ist. Störung ist doch der natürliche Normalfall. Ganz ohne Kunst. Also dieser Kunstbegriff im Sinne von "Störung der Funktionalität" oder Verbrechen läuft doch eigentlich Gefahr, antiquiert zu sein.
Ist es nicht vielmehr so, dass die eigentlich Störung darin besteht, dass wir zunehmend in die Lage versetzt werden, über Störung und Nichtstörung zu entscheiden? Oder steckt in dem von Ihnen favorisierten Störungsbegriff womöglich eine ganz und garnicht postmoderne Rettung des Subjekts?
Ich meine das nicht albern, sondern sehe es als sehr schwierige Grenzdiskussion.
Das Korrektiv der Störung, zu dem ich nicht nur die Kunst zähle, sollte in einer Gesellschaft wie der unseren eben tatsächlich auch den Medien zukommen. Wenigstens teilweise.
Ich habe mich aber eben geärgert, weil Hacks gut oder wichtig zu finden eben überhaupt keine Störung ist, sondern ein hundertprozentiges Ausweichen vor Fragen, die ich selbst für weit wichtiger erachte.
In Bezug auf Staatskünstler, Grünbein etc...die mich ja auch nicht weiter stören, sofern sie nicht den Platz für wichtige Themen wegnehmen, wenn wir immer noch über Macht-Verhältnisse, also mit diesem Wort diskutieren, dann klingt das immer nach "Mächtigen", also nach Subjekten. Das ist wohl auch das Problem, dass wir eher von "Mächtigkeit" als einem Volumen oder Prozessbegriff sprechen müssten, also mit "Telos" meinte ich eben erstmal nur das, die Dynamik der Technik als expansive Dynamik, als unpersönliche Dynamik, die ein beobachtbarer absolut anschaulicher Fakt ist, und keine Glaubensfrage. Richtig ist, dass "Konformität" so gesehen eher "mit der Technik" geht, also auch "mit der Funktion" . Da sich hier aber enorme physische Energien angereichert haben, könnte eine auch nur imaginierte Störungsverortung der Kunst heute dem Islamismus in die Hände spielen und damit planetar betrachtet genozidal oder humanozidal wirken. Ich weiß nicht, ob das eine erfreuliche Perspektive sein kann. 
Peregrinus antwortete am 26. Mrz, 15:29:
Hacks und Schostakovitsch:
Das ist vielleicht eine gewagte Parallelisierung. Aber kann man nicht sagen, wenn man den genügenden historischen Abstand hat und Kunsterscheinungen parallel in ihrer Zeit ansieht, dass die diktatorische Verfügung über erlaubte Kunstformen in Osteuropa sehr viel schneller in die Postmoderne geführt hat? Als im Westen tonal komponierende Künstler absolut verpönt gewesen sind, blieb im Osten den Künstlern gar nichts anderes als Tonalität übrig, wenn sie akzeptiert werden wollten. Oder habe ich da jetzt falsche Informationen? Aus dieser Situation haben sich die tonalen Kompositionen doch tatsächlich weiterentwickeln können und sind, wie ich das sehe, heute auch im Westen mit auf jedem Konzertprogramm. Da stehen sie durchaus nicht als Nebensache dabei. Sowas könnte doch auch für die Lyrik reklamiert werden? Sozusagen sind die Experimentellen jetzt zurückgefallen. Und zwar aus anderen Gründen wird auch im Westen wieder gereimt. Als gäbe es eine historisch-logische Entwicklung der Ästhetik. Sogar Penderecki komponiert nun wieder tonal bis zum Kitsch. Unter dem Strich bleibt hüben wie drüben der Sieg des Reims, dem jetzt so etwas wie eine Wiederkehr des Versmaßes folgt. Kann man das so sagen? 
knotscher95 antwortete am 26. Mrz, 15:48:
trotz des laufenden stands @ ifone
Noch meine stellungnahme ab „ich stimme“


„Mein Rundumschlag richtet sich gegen eine "Mentalität der Postmoderne", die es sich gemütlich gemacht hat,
Weil Sie von Deleuze und Derrida den Ohrwurm sozusagen als intellektuellen Dieter-Bohlen-Hit übernommen hat, das kausale Grammatiken und hierarchischen Struktuen nicht mehr gelten, bzw. als nicht mehr geltend abzulehnen sind, weil sie autoritäre Grammatiken und Strukturen sind.“

Also ich finde eher, dass autoritäre strukturen es sich gemütlich machen.
( wollen )

„Eine Literatur, die sich sozusagen ausruht in einer Form der "Literarizität" , die selbst nicht mehr analysiseren will ...“

Was unterstellt das denn ?
Ich behaupte das glatte gegenteil.

„Oder in dem sie sogar glaubt, die ontologischen Unklarheiten der Quantenphysik als Kronzeuge für diese Mentalität postmoderner Möglichkeitsräume von Entscheidungsvielfalt und damit Entscheidungslosigkeit herbeizitieren zu können. (Sokal-Affaire)“

... aufenthaltwahrscheinlichkeit / unschärferelation / resonanzentkomm-
wahrscheinlichkeit / austrittsarbeit ... /
& die entscheidung des künstlers ist das künstlerische produkt.
Sie können jemanden, der 1000 seiten schreibt, doch keine entscheidungslosigkeit
Unterstellen : schon eher jemandem, der 1000 seiten in die mülltonne packt.
( aber das wirkt dialektisch )
die frage ist doch die : WAS entscheidet ?
ist’s mein kumpel der dachdecker oder mein kumpel der tiefenanalytiker ?

„Die Saturiertheit der Mentalität der Postmoderne, die ich polemisch angreife, beginnt für mich dort, wo indirekt der Eindruck erweckt wird, die Dinge seien so komplex und so verwickelt und derartig geschichtet und überlagert, dass jeder grundsätzliche Verstehensversuch entweder in hoffnungslose Selbstrefferenzialität verläuft oder eben in einen radikalen Subjekt-De -Konstruktivismus al Gusto.“

Betrifft das nicht eher die rezeptionsgewohnheiten der vermasst kleingehaltenen
subjekte ?


„Ich meine hier ganz konkret die neuen physischen Energien des Nuclearpotentials, die nun ihrerseits eine völlig neue hierarchische und absolut terminierende und kausale Grundsituation geschaffen hat, die in einer neuen Verbindung von Archaik (Islam) und Technologie die westliche Welt in eine sehr unappetitliche Konfliktsituation bringt, die - mit Verlaub - die postmoderne Mentalität aber sowas von in die Tonne tritt, und sie über kurz oder lang vor absolut archaischen kausal hierrarchischen Entscheidungen stellen kann.“

Das ist aber kein – kausal – zwangsläufiger prozess, sondern ein erzwungener,
an dem sich unglaublich viele korrupt – auch im sinne einer zivilsatorischen
integrität – beteiligen.
Am ende fallen sie noch selbst mit ihrer singulären telos- sehnsucht daruf herein ?

„Meine Polemik richtet sich dagegen, dass man mit Pynchon dieser Situation nicht beikommt, und dass in den letzten 40 Jahren nicht nur in Deutschland sondern in ganz Westeuropa das intellektuelle Potential, dass solche Dinge hätte antizipieren können mit Derrida , Deleuze, usw.. gebunden und gemütlich möbliert wurde, anstatt eine Entscheidungtheorie, eine Theorie der Rationalität und letztlich eine Ethik der Rationalität zu entwickeln, die dem technologischen Fortschrittsvektor wirklich gewachsen ist.“

Entscheidungstheorie.
( das fiel vorher aber schon besser : „kulturen der entscheidung“ )
ethik der rationalität.
Work in progress.
( die frage ist doch wieviele leute werden in entscheidungsprozesse eingebunden :
d.h, doch wievielen konzediert man „mündigkeit“ s. eltitendiskussion )

„Und wenn das hier alles etwas alarmistisch klingt,“

tut es.

„Es geht heute einfach um die Frage, ob die menschliche - technologische Evolution eine Telos hat oder ob sie ihn nicht hat.“

Das ist (schl)echtes fuilleton.
Ein telos also versus polyvalenz, multipolarität, kausalitätenauffächerung,
heterogenität bzw. heterarchie.
Das telos wird erst einmal sein, dass wir das ganze überleben und vor allem wie ?
Als tier oder als mensch oder als götter.
„Was die Werte- Relativitäts- Diskussion hinsichtlich der US- amerikanischen Dominanz betrifft, ist das heute auch automatisch immer eine Technik-Disskussion. Wir haben es somit also, wenn man Amerika, als dominante militärische - und technologische Spitze betrachtet ...“

... die es ganz offensichtlich nicht schafft, ein deutlich technologisch primitiver
ausgestattetes land wie den irak zu unterwerfen.
( das nämlich in sich ja alles andere als homogen ist und in dem jeder seinen glauben
an seine würde massiv verteidigt – mal abgesehen von dem religiösen überbau )


„Die Frage nach einem Telos der Evolution, wäre der Versuch, tatsächlich eine Letztbegründungsproblematik in die Rationalität zu reintegrieren, bevor sie qua Feuilliton und fehlgeleiteter Philospohie und Geniesserdebatte uns kryptokatholisch sozusagen durch die Hintertür rein "metaphysisch" als neue Gottes-Sehnsucht kontaminiert und uns nur unterkomplex irrational gewappnet in die anstehenden Konflikte treibt.“


Zu marionetten macht : dem herdentier, das alles klag- und fraglos akzeptiert,
und darin den respekt vor sich selbst – und seiner würde – verliert.
In beidem, also sowahl dem singulären telos als auch als gottessehnsucht.


„Steckt nicht in den nichtrückgängig zu machenden Auskristsallisierungen der Technik bereits schon eine Letztbegründung, der man sich als Faktizität und nicht als Glaubenskomplex zu stellen hat?“

Eben : quantendynamisch, entropisch, usw.usf.

Und tatsächlich bin ich mir sicher, dass es nicht mehr darum geht, amerikanische Werte zu "hinterfragen", sondern sie als am weitesten im "Telos operierend" zu akzeptieren.


Welches telos ?
Also nochmal : fütterung eines „selbsterhaltungstriebes“ auf welcher basis ?
Der eigenen oder der crowd, dies nicht mals schafft, dem einzelnen einen ungehinderten
- selbstreferentiellen - zugang zu waffen oder drogen zu verschaffen , ihn aber zu selbständigkeit zu erziehen versucht und trotzdem an metastrukturen wie barras &
apotheken bindet ?
& akzeptieren :
Weil wir eben nicht alles entscheiden können, es sei denn im künstlerischen prozess.
In dem die frage nach moral oder amoral letztlich so niedlich ist, wie der umgang
der masse mit dem einzelnen, ganz egal wie arriviert er ist.
( alles andere ist ja immer imagination )

tchy-k. 
albannikolaiherbst antwortete am 26. Mrz, 15:56:
@Ifone (fff).
Ich teile Ihre Angst vor dem Islamismus nicht, sondern glaube sehr an seine - darin ähnelt er dem Christentum, das ja Bruderreligion ist und auch einmal extrem bis zum Völkermord war - Fähigkeit zur Toleranz (die sich auch geschichtlich bereits zu einer Zeit unter Beweis gestellt hat, als die Christen noch auf Mord und Totschlag Andersgläubiger ausgerichtet waren). Was wir derzeit erleben, ist ja eine, mit Bloch gesprochen, Ungleichzeitigkeit von Technik und Bewußtsein bei gleichzeitigem Vorhandensein des Bewußtseins bei den Machthabern, und auch der Verfügungsfähigkeit. Es wird hier ein Krieg um Ressourcen und Souveränitäten geführt, und zwar von Leuten, die lange Zeit auf der payeroll der USA gestanden haben. Schon die furchtbare religionsdogmatische Revolution im Iran unter Chomeini wäre so nicht denkbar gewesen, hätten die USA nicht zuvor das Blutregime des Schahs jahrelang maßgeblich unterstützt. Auch Sehr viele der heutigen Konflikte, auch 9/11, ist letztlich das Ergebnis kolonialer Folgen und das Ergebnis eines Rohstoffkrieges. Siehe die Rolle der Taliban gegen die damalige USSR. Auch Saddam Hussein war über Jahre ein militärischer Domestik der USA.
Was nun die Störungen anbelangt: Wer sagt denn, daß Kunst außerhalb evolutionärer Bewegungen stünde? Ich sage das ganz sicher nicht. Kunst wird von Menschen gemacht, und der Mensch ist noch lange nicht "fertig" - zu seiner Weiterentwicklung könnten durchaus auch genetische Neufindungen gehören; das wird sich ausprobieren, ob uns das schmeckt oder nicht. Deshalb sprach ich oben von den kommenden Androiden, und deshalb habe ich in einem >>>> langen Aufsatz von einer "anthropologischen Kehre" gesprochen. Ich bin tief davon überzeugt, daß sich momentan unser Menschenbild fühlbar ändert. Das fühlen die fundamentalen Islami auch - und versuchen, sich zur Wehr zu setzen. Sie führen aus meiner Sicht einen legitimen Krieg mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, da sie sich rein praktisch von der technologischen Entwicklung nicht mehr ausnehmen können, allein wegen der Globalisierung. Das wird, auch falls sie siegreich sein sollten, ein verlorener Krieg sein; Säkularisierung läßt sich nicht aufhalten.

Im übrigen: Wo sonst finden Sie die Technologie mitsamt der Technik und ihrem ideologischen Unterbau so sehr künstlerisch gestaltet wie in der Postmoderne? Sie liefert sogar noch die Rückbezüge auf das vorgängige mythische, in diesem Fall christlich-jüdische Fundament: Macht Euch die Erde untertan. Aber auch, daß die Erde "zurückschlägt", findet sich gerade in der literarischen Postmoderne deutlich formuliert. Das wiederum monieren Sie als Regreß, und zwar, weil Sie offenbar teleologisch in den Kategorien des industriellen Wachstums denken. Dagegen hat es längst andere, auch erkenntnistheoretische Ansätze gegeben, etwa bei Bateson und Bion. 
albannikolaiherbst antwortete am 26. Mrz, 15:59:
@Peregrinus.
Ein spannender Gedanke, der mir so noch nie gekommen ist. Er hat einiges Plausible für sich. 
Ifone antwortete am 26. Mrz, 16:39:
Nun gut,
es war sehr faszinierend hier zu diskutieren. Dafür ist eben das Internet auch als Technologie gut. Zur Teleologie habe ich keine Sehnsucht, eher Fragen, die ich von Beobachtungen ableitete. Ich meinte die Dynamik deshalb auch nicht ganz simpel als Wirtschaftswachstum, sondern eher im Sinne des 2. Hauptsatzes der Thermodynamik, insofern die Entropie zum Beispiel den "Telos" der Wärmeausbreitung definiert. Wärme zum Beispiel hat in der Entropie ihre natürliche Teleologie. Die Frage, die natürlich noch niemand beantworten kann, ist, ob wir als "Wärmewesen" diesem Telos der Entropie nicht genauso unterliegen und ob das gut oder schlecht ist, sowieso nicht. Das gehört tatsächlich in die Phantastik.
Auch nehme ich meinen Rundumschlag gegen die "Mentalität der Postmoderne" zurück, als dass sie ja selbst ein kaum wirklich definierter Begriff ist.
Beunruhigt bleibe ich aber tatsächlich darüber, dass man als "alter" immer noch gehrinmäßigl "steinzeitlich" konstruierter Mensch lediglich eine gewisse Gefährdung spürt und das ungute Gefühl, dass man es sich in Heterogenitäten, Vernetzungen, Polykontexturen und Unschärfen etc... nach Hiroshima nicht mehr so ganz sicher fühlen kann. Die Fage, ob uns Religionen in Zukunft im Sinne einer Brüderlichkeit - ihr Wort in Gottes Ohr, Her Herbst - als verdeckt katholizistisches Feuilleton oder aber als greller Lichtblitz am Himmel entgegentreten werden - kann natürlich nicht beantwortet werden. Ich bin absolut kein lustvoller Apokalyptiker.

Ein anderes Problem - knotscher 95 - ist, dass man für fast alles, was es heute an Übeln auf der Welt gibt, selbstverständlich immer das Westliche Abendland schuldig sprechen kann, ja sogar muss, ebenso natürlich auch für das Rettende, das in der Gefahr nachwächst.
Ich glaube nicht dass die Amerikaner den Irak nicht befrieden können, nur wollen Sie es nicht um jeden Preis, der dann ein verdammt Hoher wäre, und zwar ein Hoher nicht für die Amerikaner....

Ich sehe das Problem darin, dass über die nach wie vor dominierenden Schuld - und Zuweisungsdebatten, Prozessdebatten verhindert werden.

Das Rettende wächst auch nach, keine Frage, aber noch leben wir von und auf dem Schuldberg des westlichen Abendlandes. Unserer heutiger Stand, mit dem was wir alles haben, ist da sozusagen auf Schuld gebaut. Jeden Caffee latte, den ich heute trinke, und wenn er noch so ökologisch produziert ist, dass ich ihn trinken kann, beruht mindesten auf 5000 Jahre menschlicher Technikgeschichte, die eine Schuldgeschichte ist, und auf der Tatsache, dass hier irgend eine Dynamik, trotz dieser Schuld oder wegen dieser Schuld schon verdammt lange durchgehalten hat - und sich sogar nun irgendwie im positiven Sinne zu zivilisieren begonnen hat.
Deshalb habe ich die Frage nach Telos aufgeworfen, nicht wegen des Glaubens, sondern gegen den Glauben. 
knotscher95 antwortete am 26. Mrz, 16:42:
@ ifone / entscheidungen
Kurz noch angefügt :

Die eigene entscheidung läuft immer auch über die entscheidungen der anderen.
Somit wäre es ( wahrscheinlich für romantiker ? )auch schön, wenn jeder in die lage versetzt wäre, entscheidungen selbständig zu tätigen.
Inwieweit ein künstler in der lage ist, die entscheidungen anderer in sein werk
zu integrieren ist meist eine frage seiner moralischen haltung, die er aber auch
keinem zu erklären hat, weil sie sich dann letztlich in seinem werk spiegelt.
( alles andere – vornehmlich noch eines „rechenschaftsberichts“ wäre
apparatschik-sosse, die sich für mich aber in der laufenden harmonisierungswelle künstlerisch durchaus ans geschmack- und geistlose ausliefert :
da ist dann bohlen auch nicht mehr weit )

kurz zu stockhausen 9 / 11
er meinte ( so sinngemäss ) 9/11 wäre eine ( die ) absolute darbietung von kunst
( gewesen ) :
der (schläfer)künstler, der solange an seinem kunstwerk in aller verborgenheit
arbeitet, bis es ( für ihn ) fertig ist und der die uraufführung, die ein absolut
monolithisch-singuläres moment darstellt, mit dem preis des verlustes des
eigenen lebens – aus freien stücken - bezahlt.
No comment.

tchy-k. 
albannikolaiherbst antwortete am 26. Mrz, 16:50:
@Ifone. Zur Schuld.
Das ist Benjamin, demnach kein Zeugnis der Kultur ist, das nicht auch zugleich ein Zeugnis der Barbarei wäre. Dem i s t so, und, noch einmal aus der Künstlerperspektive gesprochen, ich nehme das an. Was aber eben n i c h t bedeutet, sich beruhigt zurückzulehnen und bei der Kanzlerin Häppchen zu futtern, - sondern es bedeutet, daß, wenn und da dem so ist, die Anforderungen an die Kunst, als Kunst g u t zu sein, ins Enorme wachsen. Es gibt hier k e i n Dazwischen, keine Schwäche, kein mal-eben-so-hin, sondern es herrscht ein absoluter Maßstab von Qualität - die sich in aller Regel von dem, was der Markt unter Qualität versteht, unterscheidet. Je stärker man das Bewußtsein einer Schuld spürt - ich spreche bewußt von perversen Akten, die die Kunst eigentlich ausmachen -, um so unnachgebiger wird der Anspruch, und zwar auch dann - gerade dann -, wenn die eigene Existenz gemeint ist. Wie ernst es einer meint, merkt man ohnedies nur, wird die Existenzfrage gestellt. In dieser Hinsicht bin ich unerbittlich.

(Daß es diese Unerbittlichkeit ist, die Leute wie mich zu schreckenerregenden Politikern machen würden, ist mir bewußt. Deshalb ist es kein Fehler, wenn Menschen wie ich keine Macht über andere bekommen - sie würden nämlich notwendigerweise den Selbstanspruch auf andere delegieren und ggbf. auch mit Machtmitteln geltend machen. Das liegt nicht daran, daß meinesgleichen schlechte Charaktere wären, sondern daran, daß (ich paraphrasiere hier Gerald Zschorsch) Kunst zu schaffen weniger ein Beruf als mehr eine Lebenshaltung ist, die Beruf w u r d e. Daß einen Beruf derart als Berufung zu verstehen, nicht wenig Religiöses hat, tut ein übriges dazu. Dieses Übrigen wegen kann ich in eine Verdammung der Religionen schon gar nicht mit einstimmen - ich müßte denn die h-moll-Messe, den Duftenden Garten des Scheichs Nefzaui, die Bhagavadgita und nicht zuletzt auch den Doktor Faustus mitverdammen - und überhaupt jede künstlerische Überhebung und damit, letztlich, die Lust.) 
knotscher95 antwortete am 26. Mrz, 17:17:
diesdasnoch
die frage ist doch WAS qualität ist !
und natürlich gibt es auch schwächen dazwischen, oder konzedieren sie sich hier
eine lückenlose literarische qualität ?
aua.
angenommen sie arbeitet tatsächlich stets mit hochgestochener brillanz,
wie langweilig würde ihr werk werden !
jeden tag sacher torte !
der organismus muss rebellieren, weil die vitamine fehlen.
dass künstlerische überhebung lust generiert ist schon richtig, dass es aber ohne
diese keine lust gäbe wohl ein wenig komisch.
künstlerische überhebung RESULTIERT für mich aus lust.
@ ifone
insgesamt betrachtet, kam ich selbst auch schon so irgendie dahin,
was sie unter ihrem telos rubriziert sehen, ich sehe da aber keine abgrenzung
zu poly-ismen, bis auf den primat des singulären metabegriffs, der uninter-
pretiert die absolute machtanmassung einschüchternd evozieren kann.
k-chy nots 
albannikolaiherbst antwortete am 26. Mrz, 17:36:
@knotscher 95. "künstlerische überhebung RESULTIERT für mich aus lust."
Nach meiner Erfahrung und in meinem Erleben stimmt das nicht, sondern es ist tatsächlich umgekehrt. Sofern etwas gelungen ist. Davor steht oft Qual, Arbeitsqual, davor stehen Zweifel und Angst und - W i l l e, derjenige nämlich, sie zu überwinden.

Wegen des Qualitätsbegriffs sind Sie zu eindeutig. Es gibt bei Hans Henny Jahnn viele objektiv schlechte Sätze. Zusammengenommen, und mit den guten, ergibt sich ein Kunstwerk von enormer Strahlkraft. Das gilt übrigens auch für den manchmal unerträglichen Kitsch in Th. Manns Venedig-Novelle. Die Größe entsteht nachher, da wirkt sie. Zur Qualität kann also ein Mißlungenes unbedingt dazugehören, es ist nur sauschwer zu entscheiden, wo das der Fall ist und wo nicht. Meist entscheidet es sich erst lange, nachdem ein Kunstwerk schon entstanden und rezipiert worden ist. Beispiele für eine solche Um-Wertung gibt es in der Kunstgeschichte zuhauf; eines der schlagendsten ist für mich bis heute das Werk J. S. Bachs, während zu ihrer Zeit begeistet bejubelte Werke im Verstreichen der Zeit mitverblassen und man schließlich überhaupt nicht mehr versteht, was denn die Leute daran gefunden haben mögen. 
knotscher95 antwortete am 26. Mrz, 17:39:
@ doch noch ein ws zu ifone
"Ich glaube nicht dass die Amerikaner den Irak nicht befrieden können, nur wollen Sie es nicht um jeden Preis, der dann ein verdammt Hoher wäre, und zwar ein Hoher nicht für die Amerikaner...."

widerspruch.
die amerikaner ( ich verlängere ihren gedanken in genozidales ) würden genau den-
selben preis bezahlen wie die nazis seinerzeit.
( entweder in einem weltkrieg oder in jahrhundertelang verlaufender schleichend
grausamer rachausübung, die dann beiläufig & wahllos z.b. messer in amerikaner reinsteckt ) 
knotscher95 antwortete am 26. Mrz, 18:20:
@ herbst / hoff. nicht zu kryptisch.
eine diametral verlaufende koinzidenz.

"Meist entscheidet es sich erst lange, nachdem ein Kunstwerk schon entstanden und rezipiert worden ist."

I/o : es entscheidet sich mitunter auch schon vorher, indem man seiner lust,
die einem z.b. in extremsten sinn totalüberhebung quasi aufnötigt ( was sie wohl glücklicherweise nicht an sich selbst kennen ) aktiv widerspricht, indem man andere(s) dann in den künstlerischen prozess mit einbindet.
( also quasi selbstregulatorisch angetriggert & beides ein vorgang des gefühls
einer schadensabgrenzung/ -abwehr - oder der angst vor der eigenen implosion )
hab sie aber schon verstanden.
ecco.
tchy-k. 
walhalladada meinte am 26. Mrz, 16:23:
@ifone Nochmal zur 'Hacksordnung...'
Ihre Analyse hat mich bei aller Stimmigkeit und und Brillianz doch merkwürdig kalt gelassen. Das wird Sie wiederum kalt lassen, mich aber beschäftigt die Frage, woran dieses Gefühl wohl liegen mag? Vielleicht verabschiede ich 'alter Biedermeier' mich nur ungern von lieb gewordenen Gewohnheiten, aber zu diesen gehört nun mal unabdingbar, im 'Rückgriff auf tradierte Formen n i c h t notwendigerweise eine Regression sehen zu müssen. Mein 'reizender' Gewährsmann ist hier - wie könnte es anders sein - Adorno, der zunächst 'Ästhetik' als 'Reflexion künstlerischer Erfahrung' begriffen hat. Nimmt man diese 'Definition' - Negative Dialektik hin oder her - dann landet man schnell an einem Ort, an dem es wieder ganz schön heiß wird, nämlich bei Ihrem schönen Begriff der 'Geistesgegenwart'.
"Es geht nicht um Subversivität oder Moral, es geht darum, ob sie (die Kunst) Geistes-Gegenwart" riskiert
.
Die Frage, die sich mir also im Zusammenhang stellt lautet:
Wie macht die Kunst das? Welche ominöse Eigenschaft befähigt überhaupt den noch ominöseren 'Geist' zu gegenwärtigen, was gerade geschieht? Genau hier aber tritt der Rekurs auf die alten Formen und deren je geschichtliche Ausprägungen ins Recht! Die Rezeptionsästhetik bietet vielleicht am ehesten die Voraussetzungen für eine tätige(!) Gegenwart des Geistes, in der die Gegenwart gar nicht umhin kann, sich aus der Apotheose dessen, was ohnehin geschieht zu befreien. Rezeptionsästhetisch ist hier weniger der durchaus problematische Adorno, vielmehr aber Benjamin ein - wie ich meine - exzellenter Ratgeber. Seinen Zugriff auf die Gegenwart begreift er als 'Teleskopage der Vergangenheit durch die Gegenwart' er will auf diesem Weg die 'Vergangenheit (dazu führen), die Gegenwart in eine kritische Lage zu bringen'. Auf der Suche nach jener 'Geistes-Gegenwart' gewinnen eben die traditionellen Texte für Benjamin ihre Evidenz als jenes Merkorgan, mit dessen Hilfe der Erlebnischarakter der je gegebenen historischen Wirklichkeit überwunden und seine genuine Transposition in den Ausdruck von Erfahrung überhaupt erst möglich werden kann. Der den traditionellen Texten immanente Erfahrungsgehalt wäre also nur insoweit zu dechiffrieren, als er mit dem je gegebenen 'Erlebnis', welches dem Augenblick der Rezeption zugrundeliegt, konfrontiert wird. Aus einer solchen Konfrontation konfiguriert sich der Erfahrungsbegriff als ein dialektischer. Der dem einzelnen Werk immanente historische Erfahrungsgehalt (Hacks weicht der Repression aus) kann sich erst an dem enthüllen, was die historisch gebundene Jeweiligkeit des Werkes notwendig transzendiert: dessen Nachleben in der Rezeption. Die Rezeption ist geradezu genötigt, das jeweilige Werk auf seinen Erfahrungsgehalt zu befragen, weil nur auf diesem (Um)Weg das Erlebnis der 'Jetzt-Zeit' seinen Ausdruck als Erfahrung erlangen kann. Eine so verstandene Rezeption sieht ihr Ziel also keinesfalls in einer affirmativen Konservierung der traditionellen Texte, sondern überprüft deren Erfahrungsgehalt auf Wahrheit oder Unwahrheit, wobei - und darauf kommt es an - das der Rezeption gleichsam auswendige historische Erlebnis als Indikator dieser 'Überprüfung' in Funktion tritt. Jene Geistes-Gegenwart, die Sie völlig zurecht von der Kunst einfordern, ist aus der Gegenwart allein nicht zu gewinnen. Mit anderen Worten: So eingebunden die Kunstwerke in jenen Produktionsprozess sind, in welchem sie sich erst formieren konnten, so eingebunden müssen sie sich dem erweisen, in dem sie überdauern wollen. Die Frage, ob Pe