Randolph Carter meinte am 2008/03/19 12:37:
Quelle: IAO: Institut d'Asie Orientale
http://turandot.ish-lyon.cnrs.fr für den Fall, dass man die "Banalität des Bösen" weniger Abstrakt und mehr Anschaulich erleben möchte.Bei "Dingen" wie dem Lingchi sind die "Märtyrer" (die i.d.R. Gewaltverbrecher, Elternmörder oder Kinderschänder waren, denn der Tod der 1000 Schnitte war keine Ehre sondern Ausdruck besonderer Verachtung) nach sehr kurzer Zeit nicht mehr bei Bewußtsein gewesen. Das "Verklärte" dürfte mehr die Muskelrelaxation nach dem Exitus sein.
Worin ich aber vorbehaltlos zustimme: Das ist nicht ausgestanden.
Nämlich so lange nicht, wie es Menschen gibt.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4796938/#4797686
albannikolaiherbst antwortete am 2008/03/19 15:54:
@Carter. Lingchi.
Dieser Aspekt, es sei eine "Ehre" gewesen, war mir schon bei der Batailles-Leküre seinerzeit nicht klar, da er ja zugleich deutlich davon schrieb (ich hab das bis heute, wenigstens 20 Jahre nachher, wie eingestanzt im Kopf), es habe sich um besonders abgefeimte Gewalrtverbrecher gehandelt. Man fragt sich dann allerdings, weshalb ein derart rituelles Aufsehen gemacht werden muß. Das ist erklärlich über die ideelle Schwere der vorausgegangenen Tat, ihr muß wohl eine ideelle Schwere der Bestrafung das Gleichgewicht geben. Dann i s t man aber bei einer Form von "Ehre".Wegen der Verklärung bin ich mir uneins. Der auf dem Bild Dargestellte lebt ganz zweifelsfrei noch.
"So lange nicht, wie es Menschen gibt": >>>> Eben. (Wir sind aber auch anders, und auch d a s, weil wir so sind. Deshalb etwa können wir Neunte Sinfonien schreiben.)
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4796938/#4798211
Randolph Carter antwortete am 2008/03/20 09:40:
Der Aspekt der Ehre
Das "vom Leben zum Tode" bringen hatte und hat häufig einen Aspekt, welcher die "Ehre" betrifft. Verschiedene Todesarten waren bestimmten Ständen vorbehalten oder geschlechtsspezifisch zugeordnet. So wurden Frauen in früheren Zeiten eher selten gehängt, einfach um zu verhindern, dass die Menge dem Weibe unter den Rock schauen kann. Grundsätzlich hat(te) die öffentliche Exekution immer dem Zweck der Abschreckung (was nie funktioniert hat und im Falle der Todesstrafe bis heute nicht funktioniert, was alle einschlägige Untersuchungen und Statistiken zeigen) gedient. Warnung davor was geschieht, wenn Normen und Gefüge verletzt werden. Aus historischer Sicht kommt die Ehre dann in´s Spiel, wenn die Repräsentanten der gerade herrschenden Normen und Gefüge diese verletzten. Für diese Ausnahmefälle waren „Ausnahmestrafen“ oder eher seltene Todesarten vorgesehen. Beispiele sind etwa die Hinrichtung der Anführer der Wiedertäufer oder von György Dózsa. Diese Hinrichtungen waren von besonderer Grausamkeit, dem Adel vorbehalten und daher selten. Und deswegen mit Ehre angetan.
Sollte der Betreffende, einem hohen Stand angehörende geschmäht werden, so wurde er zwar nicht weniger grausam, jedoch mit geläufigerer, dem Pöbel zugedachter Methode hingerichtet. Auf den Boden gebunden, mit einem Wagenrad alle Knochen gebrochen bekommen (Rädern) und anschließend die Extremitäten durch die Speichen geflochten noch tagelang sterbend auf dem Markt ausgestellt zu werden war eine gerne und häufig praktizierte Methode, deswegen etwas für Bauern und Tagelöhner und daher „ehrlos“.
Lingchi war eine recht geläufige Methode die auf öffentliche Entblößung (damals in China für die Plebs mit noch mehr Schande verknüpft als in Europa, wo zu jener Zeit gestandene Männer Neurosen entwickelten - berühmtestes Exemplar: der "Rattenmann" von S. Freud - nur weil sie den Anblick des Fußknöchels einer unbekannten Frau erhaschen konnten!) und Schaustellung basierte.
Zudem, wenn es sich die Angehörigen leisten konnten die Henker zu bestechen, wurde der Delinquent massiv unter Opium gesetzt (in Europa erwürgte der Henker die Opfer einer öffentlichen Verbrennung gegen Zahlung eines entsprechenden Betrages) und hatte daher mit seinem Tod nicht so große Probleme.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4796938/#4799982
herbert hurka antwortete am 2008/03/20 10:53:
@Carter
Indem Sie auf das Spektakuläre bei öffentlichen Hinrichtungen abheben, liegen Sie absolut richtig, dies jedoch weniger, wenn Sie die Begründung dafür auf das Moment Abschreckung verlagern. Das genau nämlich ist es nicht. Öffentliche Tötungsrituale haben kathartische Funktion, sollen vor allem in Krisenzeiten die Aggressionen aus der Gesellschaft heraus und auf den (oft ja unschuldigen) Delinquenten fokussieren, mit der Hoffnung, dass nach dem Spektakel, das hier als Opferritual zu verstehen ist, wieder Ruhe einkehrt. Der Jacobiner-Terror mit seiner Hinrichtungsinflation ist einer der augenfälligsten Belege für die Kombination aus Krise und öffentlichem Tötungsspektakel. Die Krise war die durch nichts zu mildernde Angst vor der Konterrevolution, der Verschwörung des Adels. Es geht also um nichts als Menschenopfer, die in dem Augenblick wiederkehren, wenn andere, symbolische Opferrituale in Krisenzeiten versagen.Dass diese Menschenopfer in einem Schein der Legalität rationalisiert werden, ändert nichts an ihrer Natur.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4796938/#4800208
Randolph Carter antwortete am 2008/03/20 14:09:
Eingeschränkt Ja und eingeschränkt Nein
Tötungsspektakel in Verbindung mit Krisen und Ablenkung davon, dem kann ich uneingeschränkt zustimmen. In solchen Situationen ist die kathartische Funktion sicherlich im Vordergrund. Die Entlastungsfunktion des Opferlammes, auf welches das Kollektiv seine wie auch immer geartete Schuld projiziert, ist eine Vitalfunktion menschlicher Gesellschaften und schon wesentlich älter als der Anlass für unser Osterfest. Abschreckung -und damit das Verhindern von all zu häufigen Verletzungen der Gemeinschaftsregeln und das Destabilisieren im Alltag - ist jedoch der Hauptgrund außerhalb von Krisenzeiten. War es zumindest. Solange die Strafen auch für kleinste Vergehen drakonisch waren und unter allen Umständen und ohne große Hoffnung auf Erlass durchgeführt wurden.
Aber dem Grunde nach, und wenn wir uns in der Welt umschauen, mit einem längeren Seitenblick auf Ruanda oder Darfur oder auf die Schuldzuweisungen an Randgruppen in unserer Gesellschaft für wirtschaftliche Verhältnisse - und es ist nicht so, dass "Ruanda" in Europa nicht möglich wäre; die Infrastruktur der Kontrolle und Überwachung funktionieren bei uns nur wesentlich besser - kann man die politische Instrumentalisierung solcher Riten bis heute klar erkennen.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4796938/#4800861




















