schreiben wie atmen meinte am 2007/11/28 10:24:
Bella
Er: Entschuldigen sie, würden sie mir bitte ihre kleine Hacke für einen Moment leihen?
Sie: Aber ja, ich bin sowieso gerade fertig geworden.
Er: Ihr Mann?
Sie: Ja, mein Mann. Es ist schon drei Jahre her.
Er: Tut mir leid.
Sie: Und wen haben sie hier?
Er: Niemanden, das heißt...
Sie: ---
Er: Also ihnen vertraue ich das jetzt an: es ist Bella.
Sie: Bella? Ihre Frau?
Er: Nein, mein Hund.
Sie: Ihr H u n d?
Er: Ja. Verraten sie mich nicht. Bitte. Es gibt doch keinen Tierfriedhof
hier in der Stadt und Grund und Boden besitze ich auch nicht.
Sie: Ich verrate sie nicht. Versprochen. Wo liegt sie denn?
Er: Da hinten bei der Hecke wo die Geranie steht.
Sie: Wie haben sie sie denn hier her gebracht?
Er: Oh, das war nicht schwierig. Bella ist - ich meine war - ein
Rehpinscher. Ich habe sie in eine selbst getöpferte Vase gelegt und
sie in einer Einkaufstasche hergebracht.
Sie: Sie vermissen ihre Bella, nicht wahr?
Er: Ja, sehr, sie war alles was ich hatte. Sehen sie, ich muß schon wieder
weinen.
Sie: Oh, Verzeihung, ich wollte sie nicht zum weinen bringen.
Er: Ist nicht schlimm, es erleichtert ja auch.
Sie: Ich konnte nie weinen, schon von Kind an. Das tut manchmal richtig
weh, hier,im Hals.
Er: Wie alt war ihr Mann?
Sie: Als er starb zweiundsiebzig. Wir sind gleichalt gewesen, Jahrgang
Zweiunddreißig.
Er: Genau wie ich!
Sie: Wirklich?
Er: Ja, wirklich. Das ist ja ein netter Zufall.
Sie: Sagen sie mal, glauben sie nicht, dass Bellas Grab auffällt durch die
Blumen?
Er: Doch, ich habe jeden Tag Angst, dass es ausgehoben ist wenn ich
komme. Aber ohne Blumen kann ich mir das Grab auch nicht
vorstellen.
Sie: Sie kommen täglich her?
Er: Ja, täglich.
Sie: Wie lange ist sie denn schon tot, ihre Bella?
Er: Erst sechs Tage.
Sie: Mein Beileid.
Er: Danke. Ach, was ich sie fragen wollte: kennen sie diesen
Friedhofswärter, den kleinen mit den stechenden Augen?
Sie: Ja, den seh ich manchmal.
Er: Ich glaube er beobachtet mich.
Sie: Wirklich? Sind sie sicher?
Er: Ziemlich sicher. Hoffentlich findet er Bella nicht.
Sie: Aber das ist doch ganz schrecklich, wenn sie immer Angst haben
müssen!
Er: Was soll ich denn tun? Ich wüßte nicht, wohin ich sie sonst
bringen sollte. Die Tiere im Wald sollen sie doch auch nicht
ausgraben.
Sie: Nun weinen sie mal nicht. Hier, nehmen sie das Schäufelchen.
Er: Wozu?
Sie: Ich gehe jetzt Schmiere stehen und sie graben Bella aus.
Er: Ausgraben?
Sie: Ja. Ausgraben. Wir setzen sie im Garten hinter meinem Haus bei.
Er: Das wollen sie tun für mich?
Sie: Warum nicht? Sie können zu dem Grab kommen so oft sie wollen.
Er: Auch täglich?
Sie: Gerne. Vielleicht können wir ja auch hin und wieder Tee zusammen
trinken oder einen Wein?
Er: Ich weiß gar nicht wie ich ihnen danken soll.
Sie: Nicht weinen. Graben sie lieber, hier ist eine Tasche, da können sie
die Urne hineinstellen.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4478322/#4488888
albannikolaiherbst antwortete am 2007/11/28 17:33:
@schreiben wie atmen (zu Bella).
Das ist eine sehr poetische Idee. Hier meine ersten Lektoratsvorschläge. Achten Sie auf Dialog-Geschwindigkeit, vermeiden Sie Dialogfüllsel. Bleiben Sie immer ganz nah an der Gesprächsdynamik. Dazu gehört auch, daß Sie auf wegführende Details verzichten wie etwa, daß der Hund ein Rehpinscher war. Kleiner Hund reicht. Der Rehpinscher hat zudem die Tücke, daß man das Wort gern auf die Person, die es emphatisch ausspricht, überträgt. Ihr Text will aber ja nicht denunzieren, sondern anrühren. Im Einzelnen:Moment
Sie: Aber ja, ich bin sowieso gerade fertig geworden.
Er: Ihr Mann?
Sie: Ja, mein Mann... Vor
Er: Tut mir leid. [Das würde man, selbst an einem Grab, so nicht sagen. Eher in d e m Sinn: „Ja, es ist schwer.“ Sofort hat man auch den Dialogpartner richtig mit drin.]
Sie:
Er:
Sie: ---
Er: Also ihnen vertraue ich das jetzt an: e
Sie:
Er: ...
Sie: Ihr H u n d?
Er:
Sie:
Er: Da
Sie: Wie haben sie sie denn hier hereingeschmuggelt
Er: Sie ist... war... nur ein kleiner Hund, ein g a n z kleiner...
Sie: Sein Sie nicht traurig...
Er: Ich habe sie in eine
Sie: Sie vermissen sie sehr, ihre Bella
Er:
Sie:
Er:
Sie: Ich konnte nie weinen
Er: Wie alt war ihr Mann?
Sie: Als er starb zweiundsiebzig. Wir sind gleichalt gewesen, Jahrgang
Zweiunddreißig.
Er:
Sie: Wirklich?
Er: Ja, wirklich. Das ist ja ein
Sie:
Blumen?
Er:
vorstellen.
Sie: Sie kommen täglich
Er:
Sie: Seit wann?
Er:
Sie: Mein wirkliches Beileid.
Er:
Sie:
Er: Ich glaube er beobachtet mich.
Sie:
Er:
Sie:
müssen!
Er: Was soll
bringen sollte. Die Tiere
Sie:
Er: Wozu?
Sie: Ich gehe jetzt Schmiere stehen und s
Er: Wieso..?
Sie:
Er: Das wollen Sie tun für mich?
Sie:
Er:
Sie: Gerne. Wir
Er: Ich weiß gar nicht wie ich ihnen danken soll.
Sie: Indem Sie
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4478322/#4490136
schreiben wie atmen (Gast) antwortete am 2007/11/30 07:45:
Dankeschön
Ich bin sehr dankbar für diese Möglichkeit die Sie hier bieten, und habe den Dialog Ihren Hinweisen folgend bearbeitet. Bei der anschließenden Leseprobe stellte sich der Text als wesentlich besser sprechbar heraus und kann nun für die Bühnenfassung innerhalb eines Stückes Verwendung finden.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4478322/#4494432
albannikolaiherbst antwortete am 2007/11/30 07:59:
@schreiben wie atmen.
Das freut mich jetzt aber. Es macht mich sogar ein bißchen glücklich.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4478322/#4494444





















