Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

Marlboro, Prosastücke, 1981 Die Verwirrung des Gemüts, Roman, 1983 Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger, Lamento/Roman, 1986 Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, 1993, 2001 Wolpertinger oder Das Blau, Roman, 1993, 2000 Eine Sizillische Reise, Fantastischer Bericht, 1995, 1997 Der Arndt-Komplex, Novellen, 1997 Thetis. Anderswelt, Fantastischer Roman, 1998, (Erster Band der Anderswelt-Trilogie) In New York, Manhattan Roman, 2000 Buenos Aires. Anderswelt, Kybernetischer Roman, 2001, (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie) Inzest oder Die Entstehung der Welt, Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, 2002 Meere, Letzte Fassung 2007. Bei Volltext. Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen, Poetische Features, 2004 Die Niedertracht der Musik, Dreizehn Erzählungen, 2005 Dem Nahsten Orient / Très Proche Orient, Liebesgedichte, 2007 Meere, Letzte Fassung 2007 Aeolia.Gesang / Stromboli. Mit den Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage, 2008 Kybernetischer Realismus, Heidelberger Vorlesungen. Manutius Heidelberg 2008Der Engel Ordnungen, Gedichte. axel dielmann - verlag 2009 d e

 
Karl Gumbricht meinte am 2007/11/26 14:24:
Die Zeichnung
Sie: Entschuldigen Sie, aber ist das nicht die Frau dort drüben?
Er: Bitte – ich, oh...
Sie: Bitte, lassen sie nur, ich wollte sie wirklich nicht stören. Zeichnen sie ruhig weiter, mir gefällt die Zeichnung, wirklich. Wegen mir brauchen sie nicht aufhören. So schlagen sie doch das Büchlein wieder auf!
Er: Es ist nur. Ich...
Sie: Nein, nein - interessieren sie sich nicht für mich, Bleiben sie ganz bei ihrem Sujet. Wenden sie sich nicht davon ab. Schauen sie sich nicht nach mir um. Ich gucke ihnen einfach weiter über die Schulter, wenn sie erlauben.
Er: Nun ja, es macht mich etwas verlegen.
Sie: Das kann ich nicht glauben.
Er: Nun, ich weiß nicht...
Sie: Aber sie sitzen hier, unter freiem Himmel; sie setzen sich unter Leuten, beobachten, zeichnen. Sie fallen doch auf, hier auf der Terrasse unter all den verliebten Pärchen, den Zeitungslesern, den alten Frauen mit ihren Hunden auf dem Schoß, die auch schon mal die Sahne von dem Kuchen schlecken dürfen...
Er: Fürchterlich, nicht wahr.
Sie: Oh, darauf können wir uns leicht einigen! Nun seien sie nicht so zimperlich: Öffnen sie ihr feines Büchlein.
Er: Es ist fast fertig. Ich hätte nicht mehr für lange...
Sie: Dann nur zu! Seien sie ein Guter.
Er: -
Sie: Ich finde sie schön... Ein wenig – verwegen. Verzeihen sie, wenn ich sie das jetzt so frage, - ach zeichnen sie ruhig weiter. Ist das denn eine Bekannte von ihnen?
Er: Nein, ich kenne sie nicht. Sie ist eher - ein Opfer.
Sie: Nein! Nein, nein ,nein, das kaufe ich ihnen nicht ab.
Er: Sie glauben mir nicht?
Sie: Aber bitte, junger Mann, das war doch nur so dahin gesagt von ihnen. Koketterie – bestenfalls. Ihre Zeichnung zeigt kein Opfer, sondern eine Täterin. Triebhaft ist sie, eine Eva mit einem schönen roten Apfel zwischen den Beinen, wenn sie mich fragen. Da ist kein Opfer! Oder Keuschheit! Weder da, noch dort!
Sie: Schauen sie mal wie die Frau mit der anderen spricht! Ich müsste raten, wenn ich Männer beim Gespräch betrachte und aus ihren Gesten und ihrem Habitus versuchte zu entziffern, was sie besprechen. Wenn ich rate, dann tippe ich meist auf Fußball, Formel 1 und Autos – vor allem wenn sie besonders begeistert bei der Sache sind! Wahrscheinlich liege ich immer Falsch.
Sie: Wissen sie, in Männern erkenne ich nur Klischees. Er: Und bei Frauen ist das Anders?
Sie: Ja, dann blicke ich in einen Spiegel. Sie können bei den beiden Freundinnen dort womöglich auch nur raten – aber sagen sie mir doch: worüber unterhalten sich die beiden Frauen gerade?
Er: Keine Ahnung.Mein Zeichnen ist immer so eine Art Assoziation zu dem Tun und Denken meiner – verzeihen sie - „Opfer“. Das Denken unterstelle ich den Beobachteten nur. Auch ihr Sprechen. Mein Bleistift unterstellt. Das Papier unterstellt.
Sie: Wie meinen sie das?
Er: Natürlich ist die Realität die meine Zeichnung aufdeckt komplett gegensätzlich zu der Wirklichkeit. Ich entblättere sie -jedes Sujet übrigens-, egal ob Frau oder Mann, Schön im weitesten Sinne, oder hässlich. These, Antithese, Synthese vielleicht?
Sie: Oh – der Herr wird philosophisch. Nun, dass er sich da mal nicht verplappert. Ihre Zeichnung gibt vieles her, aber sicherlich keine Philosophie...“
Er: Was dann? Sie wissen also Bescheid, wie?
Sie: Ihre Zeichnung da ist ein Spiegel dessen, was die Frau denkt und fühlt. Sie offenbart sich ihrer Freundin, so wie nur Frauen sich Frauen gegenüber offenbaren. Sie spricht schamlos über ihren letzten Mann, den nächsten Liebhaber, ihre intimsten Träume. Sie breitet sich aus! Sie öffnet sich... und begehrt.
Er: Warum denken sie zeichne ich etwas, von dem sie glauben dass es für mich nicht sichtbar ist; was ich nicht sehen kann?
Sie: Es kommt mir vor als wären sie in der Lage die Realität zu biegen. Sie durchstoßen mit ihrem Bleistift Zeit und Raum. Ich denke, ich werde Sie Einstein nennen!“
Er: Dann habe ich nochmal Glück gehabt! Sie lassen mir Luft zum!
Sie: Wie meinen sie das denn?
Er: Zum Glück haben sie mich nicht Michelangelo getauft. Das wäre eine Last. Auf der anderen Seite: Immerhin schenken sie mir aber die Nähe zu einem Genie!
Sie: Lieber Einstein, sie fragten mich doch nach meiner Wahrnehmung. Vielleicht sehe ich erst ihr Bild und danach die Frau so, wie sie sie zeichnen.
Er: Oder?
Sie: Vielleicht sehe ich aber zunächst die Frau und in ihr das was sie zeichnen. Was mich neben dem wunderbaren Motiv interessiert, ist ihr Weg in die Realität, die sie in der Zeichnung finden.
Er: Sie meinen die Bildwirklichkeit!
Sie: Vielleicht, ja.
Er: Was sonst?
Sie: Vielleicht ist das was sie gerade darstellen erst vor kurzem passiert oder es wird in Zukunft passieren. So lese ich die Wirklichkeit ihrer Zeichnung im Vergleich zu der Szene die sich vor uns abspielt. Ihre Zeichnung ist für mich authentisch und wahr. Sie scheinen sich dieser Wahrhaftigkeit aber nicht bewusst zu sein.
Sie: Welches Bewusstsein führt also den Stift?“
Er: Schauen sie doch: Ihre Kleidung ist nicht betont aufreizend. Ihres Körpers bewusst und fraulich, ja. Das Hemd mit dem Dekolletee. Die Jeans sind elegant aber nicht außergewöhnlich. Letztlich ist es ihr Körper selbst, der sich in ihrer unscheinbaren Hülle Bahn bricht. Ihre Schenkel füllen den Stoff und bilden Form. Es sind nicht die Schuhe, die anziehend sind, es ist das Stück Körper oberhalb der Schuhe, unterhalb der Jeans, der bedeutend ist. Der Knöchel ist Körper, ist Frau, ist Sex, ist bedeutend... Gerade im Moment spielen ihre Hände entspannt um ihren Nacken. Sie tut es immer dann, wenn ihre Freundin spricht. Ihre Schenkel öffnen sich, immer wenn sie sich zu ihrer Freundin vorbeugt, um eine größere Vertraulichkeit zu erreichen. Meistens lachen die Frauen dann auf und lassen sich zurück, gegen die Lehnen ihrer Stühle fallen. Da sehen sie?
Sie: Ja!
Er: Und jetzt kann man sehen, wie sich ihr ganzer Körper öffnet, in eben diesem Moment der geringster Kontrolle – widerstandslos.
Sie:Sehen sie mal, wie die schöne Frau ihre Blicke immer wieder suchend über den Platz streifen lässt.
Er: Das geht schon die ganze Zeit so. Wen ihre Augen berührt, der fühlt sich angesprochen.
Sie: Haben sie das überprüft?
Er: Eine Reihe Männer kam bereits hier vorbei. Nur ein kurzer Blickkontakt genügte und man konnte beobachten wie die Herren mal aufrechter, mal breiter, mal beschwingter weiter schritten. Meist fuhren sie sich mit der Hand durch das Haar, sobald sie der Aufmerksamkeit der Schönen für Augenblicke gewahr wurden. Zwei von ihnen wählten den selben Weg wiederholt, nur um ein weiteres Mal den eigenen Eindruck zu bestätigen und vor allem: um von ihr gesehen zu werden! Sie: Und sie? Hat sie auch sie...?
Er: Zwischendurch schien mir, ihr Blick streifte den meinen. Mir war als wüsste sie Bescheid. Da war so ein Zug um ihrem Mund, etwas in ihren Augen, das zu sagen schien: >Dein Spiel habe ich durchschaut!<
Sie: Aber all das ist nur scheinbar Oberfläche.
Er: So will ich das auch sehen. An dieser Oberfläche bewegen sich eine – was sage ich, mehrere Spielarten der Wirklichkeit, die entscheidenden Einfluss auf mein Zeichnen nehmen. Verstehen sie?
Sie: Weiter Einstein!
Er: Der Kontext der Realität ist natürlich in erster Linie Objekt, Licht, Raum. Auf Ebene eins, sozusagen.
Er: Auf Ebene 2 strömen weitere Einflüsse ein, wie: Laute, Umfeld, Stimmungen.
Sie: Und, Einstein?
Er: Auf Ebene 3 bin ich. Da bin ich frei und nur minimal gebunden. Das ist der Ort der Obsessionen und Visionen, der Identifikation.
Sie: Ja.
Er: Ich habe ein Buch nur für Fabriken. Eines für Vögel. Ich habe viele Bücher. Dieses ist für Menschen, die ich in Gedanken ausziehe. Ich stelle mir vor, ich stehle ihre Persönlichkeit, entführe sie und sperre sie in diesen Käfig. Meine Arbeit ist nicht gerecht. Sie dient nur mir. Ich fühle mich schamlos im Umgang mit denen... Tatsächlich schäme ich mich für diese Notizen.
Sie: Wofür? Warum?
Er: Ich analysiere und bewerte. Ungefragt. Sind sie Bibelfest?
Sie: Einstein, ich bitte sie...!
Er: ...Du sollst dir kein Bildnis machen. Sie wissen schon. Ich finde all die Menschen in ihrer Nacktheit echt. Wirklicher als in ihren Hüllen – aber darin liegt die Anmaßung der Bilder! Es ist, wie sie schon sagten – und nun verstehe ich erst die Bedeutung-: ich biege die Realität, die Zeit. Ich notiere einen Zustand - oder skizziere einen Aggregatzustand, den weder diese Menschen noch Andere je so wahrnehmen werden. Allerdings hat die Wirklichkeit eine Option auf eine solche Szene... Früher oder später... Ich zerpflücke und vereinige Realitäten unter der Prämisse meiner eigenen Ästhetik. In diesem Falle ist es die Nacktheit.
Sie: Einstein, ich verstehe deine Skrupel immer noch nicht...
Er: Ich erhebe mich über sie.
Sie: Und?
Er: Sie haben keine Wahl, oder?
Sie: Und deswegen Opfer?
Er: Ich denke schon...
Sie: Nein, Einstein, du schämst dich stellvertretend!
Er: Wie das? Wofür stellvertretend?
Sie: Du verinnerlichst. Du nutzt dabei ein Medium, dass nach außen muss. Was tust du? Du klappst den schweren, schwarzen Deckel über deine Gedanken zu und verschließt sie. Du bist ein Vampir!
Er: Da hast du es!
Sie: Daher also die Scham?
Er: Vielleicht...
Sie: Nein Einstein, deine Scham rührt nicht daher, dass du ein Mittel hast, dich der Äußerlichkeiten anderer -und deiner eigenen, wohlgemerkt- zu entledigen. Dein Medium offenbart ja nicht nur das Motiv. Die Zeichnung leuchtet dich aus.
Er: Wie?
Sie: Du bist diese Frau!
Er: -
Sie: Ich wünschte mir – und ich meine das ganz ehrlich-, ich wünsche mir wirklich einmal in deinem Buch zu landen.
Er: -
Sie: Ich will von dir aufgesammelt werden, Einstein. Ich will mich mit dir zwischen den Seiten deines Buches vermählen und weist du was?
Er: -
Sie: Ich freue mich dann zu wissen, dass ich es bin, die du dir einverleibst. Du aber, hast vielleicht den Wunsch oder den Widerwillen, ich könnte es sein, den du da zeichnest.
Er: -
Sie: Einstein, wenn du dich umdrehst, mache ich dir eine Szene! Ich weiß, dass es nicht deine Stärke ist, so etwas durchzustehen. Also guck weiter nach vorne und gib mir einige Minuten.
Er. 
albannikolaiherbst antwortete am 2007/11/28 16:03:
@Gumbricht (zum Dialog).
<>[Von hier....]
Sie: Entschuldigen Sie, aber ist das nicht die Frau dort drüben?
Er: Bitte – ich, oh...
Sie: Bitte, lassen sie nur, ich wollte sie wirklich nicht stören. Zeichnen sie ruhig weiter, mir gefällt die Zeichnung, wirklich. Wegen mir brauchen sie nicht aufhören. So schlagen sie doch das Büchlein wieder auf!
Er: Es ist nur. Ich...
[...bis hier sind die ER-Einwürfe verlegenheitshalber hingeschrieben. Das ist zu merken. Und worauf bezieht sich der Frau „Lassen Sie nur“? Das sollte, vor allem am Anfang, deutlich sein.]
Sie: Nein, nein - interessieren sie sich nicht für mich[Das würde, glaube ich, keine erstmals so angesprochene Frau so sagen. Zumal d a s fast pädagogisch rüberkommt und rein psychologisch ein Übertritt ist, indem es eine indirekte Hierarchie aufmacht:], Bleiben sie ganz bei ihrem Sujet. Wenden sie sich nicht davon ab. Schauen sie sich nicht nach mir um. Ich gucke ihnen einfach weiter über die Schulter, wenn sie erlauben.
Er: Nun ja, es macht mich etwas verlegen. [Reagiert er hier wirklich pycho-logisch wirklich? Vielleicht einfach härter: „Sie machen mich verlegen“. Überhaupt macht der Dialog bislang den Eindruck einer Geschlechtsumkehrung, und was SIE sagt, sagte eigentlich er...]
Sie: Das kann ich nicht glauben.
Er: Nun, ich weiß nicht...
Sie: Aber sie sitzen hier, unter freiem Himmel; sie setzen sich unter Leuten, beobachten, zeichnen. Sie fallen doch auf, hier auf der Terrasse unter all den verliebten Pärchen, den Zeitungslesern, den alten Frauen mit ihren Hunden auf dem Schoß, die auch schon mal die Sahne von dem Kuchen schlecken dürfen...[Ui, Achtung, sexueller Doppelsinn, zumal wenn man den Satz auf „auch“ betont. Den Doppelsinn würde er merken... Und wieso fällt ein Mann auf, der zeichnet?]
Er: Fürchterlich, nicht wahr.
Sie: Oh, darauf können wir uns leicht einigen! Nun seien sie nicht so zimperlich: Öffnen sie ihr feines Büchlein (wieder).
Er: Es ist fast fertig. Ich hätte nicht mehr für lange...
Sie: Dann nur zu! [Eine solch forsche Frau muß mehr Profil in der Sprache bekommen, im D u k t u s der Sprache; vergessen Sie nicht, daß sie notwendigerweise etwas leicht Provozierendes hat. Man könnte das über eine gewisse Schnippischkeit hinbekommen. Zumal mit dem altertümelnden:[Seien sie ein Guter.
Er: -
Sie: Ich finde sie schön... [Das ist hier gut! Hier b e k o m m t die Frau Profil: Forderung.]Ein wenig – verwegen. [:Darauf m u ß er reagieren. Dem müssen Sie sich stellen.] Verzeihen sie, wenn ich sie das jetzt so frage, - ach zeichnen sie ruhig weiter. [Ganz unwahrscheinliche Frage für die Situation. Wären die beiden bekannt, sie säßen beisammen, oder man merkte, daß die Bekannte Modell sitzt:]Ist das denn eine Bekannte von ihnen?
Er: Nein, ich kenne sie nicht. Sie ist eher - ein Opfer.[:Ein so scheuer Mann sagt solch einen Satz? Und gucken Sie mal, wie sich sofort die Funktionen der Gesprächsführung umkehren, unabsichtlich, unter den Fingern des Autors:]
Sie: Nein! Nein, nein ,nein, das kaufe ich ihnen nicht ab.
Er: Sie glauben mir nicht?
Sie: Aber bitte, junger Mann, das war [?] doch nur so dahin gesagt von ihnen. Koketterie – bestenfalls. Ihre Zeichnung zeigt kein Opfer, sondern eine Täterin. Triebhaft ist sie, eine Eva mit einem schönen roten Apfel zwischen den Beinen [Überlegen Sie mal, was für eine Frau das sein müßte, die so etwas sagt...], wenn sie mich fragen. Da ist kein Opfer! Oder Keuschheit! Weder da, noch dort!
___________
[Personenwirrwarr der Dialogpartner:]
Sie: Schauen sie mal wie die Frau mit der anderen spricht! Ich müsste raten [Welche Funktion hat das hier, daß sie „raten“ müßte. Das ist reines Dahingesage.], wenn ich Männer beim Gespräch betrachte und aus ihren Gesten und ihrem Habitus versuchte zu entziffern, was sie besprechen. Wenn ich rate, dann tippe ich meist auf Fußball, Formel 1 und Autos – vor allem wenn sie besonders begeistert bei der Sache sind! Wahrscheinlich liege ich immer FFalsch.
Sie: Wissen sie, in Männern erkenne ich nur Klischees. Er: Und bei Frauen ist das Anders?
Sie: Ja, dann blicke ich in einen Spiegel. Sie können bei den beiden Freundinnen dort womöglich auch nur raten – aber sagen sie mir doch: worüber unterhalten sich die beiden Frauen gerade?
Er: Keine Ahnung.Mein Zeichnen ist immer so eine Art Assoziation zu dem Tun und Denken meiner – verzeihen sie - „Opfer“. Das Denken unterstelle ich den Beobachteten nur. Auch ihr Sprechen. Mein Bleistift unterstellt. Das Papier unterstellt.
Sie: Wie meinen sie das?
[Hier wird deutlich, daß dem Autor die Figuren nicht vor Augen stehen, sondern er sich eigentlich in den Figuren nur mit sich selbst unterhält.]
______________
Er: Natürlich ist die Realität die meine Zeichnung aufdeckt komplett gegensätzlich zu der Wirklichkeit.[:Das ist kein gesprochener Satz mehr. Können Sie machen, in französischen Spielfilmen funktioniert so etwas perfekt – aber dann muß das gesamte Gespräch so angelegt sein.] Ich entblättere sie [: Sagt keiner, der am Anfang des Gespräches ein solches Hascherl war.] -jedes Sujet übrigens-, egal ob Frau oder Mann, Schön im weitesten Sinne, oder hässlich. These, Antithese, Synthese vielleicht?
Sie: Oh – der Herr wird philosophisch [Es ist überhaupt nicht klar, weshalb sie, die hm anfangs so über war, jetzt unter ist. Da fehlt ein entscheidender Schritt im Dialog. D a s ist dann wieder gut:] . Nun, dass er sich da mal nicht verplappert. Ihre Zeichnung gibt vieles her, aber sicherlich keine Philosophie...“
Er: Was dann? Sie wissen also Bescheid, wie?
Sie: Ihre Zeichnung da ist ein Spiegel dessen, was die Frau denkt und fühlt. Sie offenbart sich ihrer Freundin, so wie nur Frauen sich Frauen gegenüber offenbaren [Banaler Satz, viel zu banal für die jetzt entstandene Situation.]. Sie spricht schamlos über ihren letzten Mann, den nächsten Liebhaber, ihre intimsten Träume [Wieso Träume? Sie wird ihrer Freundin eben n i c h t „Träume“ erzählen, sondern Konkretes. Das i s t es ja gerade, was da zwischen Frauen funktioniert.]. Sie breitet sich aus! Sie öffnet sich... und begehrt.
Er: Warum denken Sie, zeichne ich etwas, von dem sie glauben dass es für mich nicht sichtbar ist; was ich nicht sehen kann?
Sie: Es kommt mir vor als wären sie in der Lage die Realität zu biegen [Woher n immt sie d a s denn? Sicherlich nicht aus seiner Gesprächsführung..]. Sie durchstoßen mit ihrem Bleistift Zeit und Raum [Für diese Wendung muß das Gespräch entweder ironisch oder begeistert geführt sein. Beides ist aber nicht der Fall.]. Ich denke, ich werde Sie Einstein nennen!“
Er: Dann habe ich nochmal Glück gehabt! Sie lassen mir Luft zum [Hier fehlt was.]!
Sie: Wie meinen sie das denn?
Er: Zum Glück haben sie mich nicht Michelangelo getauft. Das wäre eine Last. Auf der anderen Seite: Immerhin schenken sie mir aber die Nähe zu einem Genie![:Würde er das, wäre er's, wirklich so sagen?]
Sie: [Das hier sollte viel viel früher schon dastehen, sofort bekäme der Dialog den nötgigen drive.]Lieber Einstein, sie fragten mich doch nach meiner Wahrnehmung. Vielleicht sehe ich erst ihr Bild und danach die Frau so, wie sie sie zeichnen.
Er: Oder?
Sie: Vielleicht sehe ich aber zunächst die Frau und in ihr das was sie zeichnen. Was mich neben dem wunderbaren Motiv interessiert, ist ihr Weg in die Realität, die sie in der Zeichnung finden.[Jajajaja, das ist die I d e e. Und die trägt wirklich, wenn man sie von Anfang an in den Blick nimmt. Hier darf nicht eine Sekunde herumgeredet werden.]
Er: Sie meinen die Bildwirklichkeit!
Sie: Vielleicht, ja.
Er: Was sonst?
Sie: Vielleicht ist das was sie gerade darstellen erst vor kurzem passiert oder es wird in Zukunft passieren. So lese ich [Normativer! Setzender!:] ist die Wirklichkeit ihrer Zeichnung im Vergleich zu der Szene die sich vor uns abspielt. Ihre Zeichnung ist für mich authentisch und wahr. Sie scheinen sich dieser Wahrhaftigkeit aber nicht bewusst zu sein.
Sie: Welches Bewusstsein führt also den Stift?“
Er: Schauen sie doch: Ihre Kleidung ist nicht betont aufreizend. Ihres Körpers bewusst und fraulich, ja. Das Hemd mit dem Dekolletee. Die Jeans sind elegant aber nicht außergewöhnlich. Letztlich ist es ihr Körper selbst, der sich [Aua!:]in ihrer unscheinbaren Hülle Bahn bricht. Ihre Schenkel füllen den Stoff und bilden Form. Es sind nicht die Schuhe, die anziehend sind, es ist das Stück Körper oberhalb der Schuhe, unterhalb der Jeans, der bedeutend ist. Der Knöchel ist Körper, ist Frau, ist Sex, ist bedeutend... Gerade im Moment spielen ihre Hände entspannt um ihren Nacken. Sie tut es immer dann, wenn ihre Freundin spricht. Ihre Schenkel öffnen sich, immer wenn sie sich zu ihrer Freundin vorbeugt, um eine größere Vertraulichkeit zu erreichen. Meistens lachen die Frauen dann auf und lassen sich zurück, gegen die Lehnen ihrer Stühle fallen. Da sehen sie?
Sie: Ja!
Er: Und jetzt kann man sehen, wie sich ihr ganzer Körper öffnet, in eben diesem Moment der geringster Kontrolle – widerstandslos.
[Hier ist Er plötzlich ganz auf Ihrer Höhe... das hat das Gespräch bislang nirgendwo dramaturgisch hinbekommen, es wird jetzt rein behauptet.]
Sie:Sehen sie mal, wie die schöne Frau ihre Blicke immer wieder suchend über den Platz streifen lässt.
Er: Das geht schon die ganze Zeit so. Wen ihre Augen berührt, der fühlt sich angesprochen.
Sie: Haben sie das überprüft?
Er: Eine Reihe Männer kam bereits hier vorbei. [:Papier, reines Papier. Auch so spricht niemand in einem Gespräch:] Nur ein kurzer Blickkontakt genügte und man konnte beobachten wie die Herren mal aufrechter, mal breiter, mal beschwingter weiter schritten. Meist fuhren sie sich mit der Hand durch das Haar, sobald sie der Aufmerksamkeit der Schönen [!!! Wie kriegen Sie diese Männlichkeit und Setzungsfreude mit der anfänglichen „Verlegenheit“ zusammen?] für Augenblicke [Wortwahl:]gewahr wurden. Zwei von ihnen wählten den selben Weg wiederholt, nur um ein weiteres Mal den eigenen Eindruck zu bestätigen und vor allem: um von ihr gesehen zu werden! Sie: Und sie? Hat sie auch sie...?
Er: Zwischendurch schien mir, ihr Blick streifte den meinen. Mir war als wüsste sie Bescheid. Da war so ein Zug um ihrem Mund, etwas in ihren Augen, das zu sagen schien: >Dein Spiel habe ich durchschaut!<
Sie: Aber all das ist nur scheinbar Oberfläche.
Er: So will ich das auch sehen. An dieser Oberfläche bewegen sich eine – was sage ich, mehrere Spielarten der Wirklichkeit, die entscheidenden Einfluss auf mein Zeichnen nehmen. Verstehen Sie?
Sie: Weiter, Einstein! [Hier hätte ich die Ironie jetzt verlassen und wäre in d a s voll eingestiegen:]
Er: Der Kontext der Realität ist natürlich in erster Linie Objekt, Licht, Raum. Auf Ebene eins, sozusagen.
Er: Auf Ebene 2 strömen weitere Einflüsse ein, wie: Laute, Umfeld, Stimmungen.
Sie: Und, Einstein?
Er: Auf Ebene 3 bin ich. Da bin ich frei und nur minimal gebunden. Das ist der Ort der Obsessionen und Visionen, der Identifikation.
Sie: Ja. [Dialogsführungs-Verlegenheit.]
Er: Ich habe ein Buch nur für Fabriken. Eines für Vögel. Ich habe viele Bücher. Dieses ist für Menschen, die ich in Gedanken ausziehe. Ich stelle mir vor, ich stehle ihre Persönlichkeit, entführe sie und sperre sie in diesen Käfig. Meine Arbeit ist nicht gerecht. Sie dient nur mir. Ich fühle mich schamlos im Umgang mit denen... Tatsächlich schäme ich mich für diese Notizen.
Sie: Wofür? Warum?
Er: Ich analysiere und bewerte. Ungefragt. Sind Sie bibelfest?
Sie: Einstein, ich bitte sie...! [Um was? Neinnein, diese Verlegenheiten führen einen dazu, solch unlautere, spöttische Fragen zu stellen.]
Er: ...Du sollst dir kein Bildnis machen. [:Banalität: Dazu muß niemand bibelfest sein.] Sie wissen schon. [Eben.] Ich finde all die Menschen in ihrer Nacktheit echt. Wirklicher als in ihren Hüllen – aber darin liegt die Anmaßung der Bilder! Es ist, wie Sie schon sagten [retardiert gräßlich:]und nun verstehe ich erst die Bedeutung-: ich biege die Realität, die Zeit. Ich notiere einen Zustand - oder skizziere einen Aggregatzustand, den weder diese Menschen noch Andere je so wahrnehmen werden. Allerdings hat die Wirklichkeit eine Option auf eine solche Szene... Früher oder später... Ich zerpflücke und vereinige Realitäten unter der Prämisse meiner eigenen Ästhetik [:Das hat er hier? So wirkt er nirgends.]. In diesem Falle ist es die Nacktheit.
Sie: Einstein, ich verstehe deine Skrupel [Was für – und sowieso - „Skrupel“?] immer noch nicht...
______
[Dieser Passage ist typisch für die Unentschiedenheit der Dialogführung: Erst versteht er nicht, dann sie nicht, dann versteht er, dann versteht sie... und alles ohne psychologisch über den Dialog hergeleitet zu sein. Das führt dazu, daß die Charactere völlig verwischt bleiben.]
Er: Ich erhebe mich über sie.
Sie: Und?
Er: Sie haben keine Wahl, oder?
Sie: Und deswegen Opfer?
Er: Ich denke schon...
Sie: Nein, Einstein, du schämst dich stellvertretend!
Er: Wie das? Wofür stellvertretend?
Sie: Du verinnerlichst. Du nutzt dabei ein Medium, dass nach außen muss. Was tust du? Du klappst den schweren, schwarzen Deckel über deine Gedanken zu und verschließt sie. Du bist ein Vampir!
Er: Da hast du es!
Sie: Daher also die Scham?
Er: Vielleicht...
______________
Sie: Nein Einstein, deine Scham rührt nicht daher, dass du ein Mittel hast, dich der Äußerlichkeiten anderer -und deiner eigenen, wohlgemerkt- zu entledigen. Dein Medium offenbart ja nicht nur das Motiv. Die Zeichnung leuchtet dich aus.
Er: Wie?
Sie: Du bist diese Frau!
Er: -
Sie: Ich wünschte mir – und ich meine das ganz ehrlich-, ich wünsche mir wirklich einmal in deinem Buch zu landen.
Er: -
Sie: [JA! Das ist eigentlich schön, sehr schön. Aber da müssen Sie h i n k o m m e n, genauer: da muß sie ihn hinführen, und dazu hat sie hier nur die Möglichkeit der Dialogführung.]Ich will von dir aufgesammelt werden, Einstein. Ich will mich mit dir zwischen den Seiten deines Buches vermählen und weist du was?
Er: -
Sie: Ich freue mich dann zu wissen, dass ich es bin, die du dir einverleibst. Du aber, hast vielleicht den Wunsch oder den Widerwillen, ich könnte es sein, den du da zeichnest.
Er: -
Sie: Einstein, wenn du dich umdrehst, mache ich dir eine Szene! Ich weiß, dass es nicht deine Stärke ist, so etwas durchzustehen. Also guck weiter nach vorne und gib mir einige Minuten.
Er. [Schönes Ende mit dem einen Gedankenstrich.] 
Karl Gumbricht antwortete am 2007/11/28 17:48:
Ich bin natürlich erschüttert
Vor allem aber tut es mir fast schon leid Sie so viel Text ausgesetzt zu haben. Danke für Ihre Zeit und die Akribie bei der Lektüre. Ich gebe Ihnen in allen Einlassungen recht. Ich will später, wenn ich wieder Zeit finde kurz erläutern was mir beim Schreiben geschehen ist, welche Idee ich verfolgte und wie es zu Unstimmigkeiten gerade zu Anfang kommt.

Ihre entscheidende Feststellung ist die, dass der Autor sich mit sich selbst unterhält. Unbeholfen fühlte ich mich schon bei der Umsetzung des Dialoges. Was es war, dass mich irritierte konnte ich gleichwohl nicht heraus lesen. Jetzt weiß ich es. Die Kernidee haben Sie immerhin entdeckt und mit dem Ende kann man arbeiten. Vielleicht wollte ich zu sehr um eine Theorie herum einen Dialog konstruieren.

Und die AUAs, die tun wirklich weh.

Aber wenn es darum geht zu verstehen, wo die Grenze zwischen Text und Dichtung verläuft, ist dieser Kurs sehr lehrreich für mich. 
albannikolaiherbst antwortete am 2007/11/28 17:53:
@Gumbricht. Ich meine nichts, von dem, was ich hier schreibe, böse.
Manches - wie die Aua's - erläutert aber mehr, als es irgend eine Umschreibung könnte. Ich geh mit meinen eigenen Arbeiten ganz ebenso um und l a ß mit ihnen - wenn am Text geblieben wird - ebenso umgehen. Für Dichtung gilt das, was >>>> die große Paglia über Sexualität sagt: Sie ist kein Frühstück im Freien.
Aber bei allem: Dies hier hat die Arbeitsbasis eines Gespräches Gleicher unter Gleichen, bei dem der eine Gleiche halt ein Fachgebiet hat. 

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