Es gibt verdeckende und öffnende therapeutische Verfahren.
Das gilt auch für die Literatur. In der Folge verdeckender Verfahren entsteht vorübergehend eine Beruhigung, ergibt sich ein befristeter Ausgleich, nicht aber die Lösung innerer Konflikte. In der Folge öffnender Verfahren entsteht erst einmal Angst, vielleicht Aggression, in jedem Fall ein Unbehagen. Doch erst in der Öffnung des Konfliktes läßt es sich über die Symptome hinaus zu den Ursachen vordringen. Interessanterweise kann sich ein öffnendes Verfahren verdeckender Techniken bedienen; das wäre etwa für autobiografische Dichtung die Verschiebung auf ein ganz anderes, literarisches, Objekt. Das nun zum Handlungsträger eines Romanes wird, der mit dem Leben seines Autors (und dem Leben seiner Leser) erst einmal gar nichts zu tun zu haben scheint. Der „Trick“ besteht nun darin, daß diese Figur, der man deshalb vertrauen zu können meint, zugleich in einen Dialog mit den verschütteten Ursachen tritt und sie fast unmerklich aus dem sie umgebenden Gestein herauslöst.
Selbstverständlich kann das auch brachial geschehen. Die Gefahr bei diesem besteht darin, daß ein solcher Angriff meist sofort abgewehrt wird; die Gefahr bei dem anderen Vorgehen besteht darin, daß sich die in den Dialog tretenden Gründe der Figur (und ihrer Identifikations-Subjekte) bemächtigen, sie sozusagen korrumpieren und schließlich zu sich in die Versteinerung mit hinabziehen. Man tut deshalb gut daran zu verschleiern, ob es sich bei einem Text um eine Brechstange oder um feinmechanische Schraubendreher handelt. Jedes Anonym ist eine solche Verschleierung.
Daß eine Brechstange in der Dichtung aber immer zugleich doch „nur“ Dichtung ist, daß man meint, sie durch Zuschlagen eines Buches senken zu können, ist seinerseits ein Feingriff, der der Verschleierung ganz ebenso gleichkommt. Eine einmal gelesene Provokation, wenn sie denn 'gut' und die Brechstange an der richtigen Stelle angesetzt ist, wird den Lesern auch dann bleiben, wenn sie abwehren. Sie werden nämlich dieses G e f ü h l nicht mehr völlig verlieren.
Selbstverständlich kann das auch brachial geschehen. Die Gefahr bei diesem besteht darin, daß ein solcher Angriff meist sofort abgewehrt wird; die Gefahr bei dem anderen Vorgehen besteht darin, daß sich die in den Dialog tretenden Gründe der Figur (und ihrer Identifikations-Subjekte) bemächtigen, sie sozusagen korrumpieren und schließlich zu sich in die Versteinerung mit hinabziehen. Man tut deshalb gut daran zu verschleiern, ob es sich bei einem Text um eine Brechstange oder um feinmechanische Schraubendreher handelt. Jedes Anonym ist eine solche Verschleierung.
Daß eine Brechstange in der Dichtung aber immer zugleich doch „nur“ Dichtung ist, daß man meint, sie durch Zuschlagen eines Buches senken zu können, ist seinerseits ein Feingriff, der der Verschleierung ganz ebenso gleichkommt. Eine einmal gelesene Provokation, wenn sie denn 'gut' und die Brechstange an der richtigen Stelle angesetzt ist, wird den Lesern auch dann bleiben, wenn sie abwehren. Sie werden nämlich dieses G e f ü h l nicht mehr völlig verlieren.
[Poetologie.]
albannikolaiherbst - 18. Nov, 08:46- Rubrik: NOTATE
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