gloria_m meinte am 2007/11/19 19:13:
Ganz unten
Du schaust mich an und hasst mich sofort. Abfällig betrachtest du mich. Meine abstehenden Ohren, meine schiefen Zähne und meine dicke Knollennase. Du lächelst, weil dir ganz spontan mindestens 10 böse Spitznamen für mich einfallen. Zahnspangenablehner, Segelflugzeug. Nicht gerade spektakuläre Spitznamen, doch du bist glücklich. Das ist die Hauptsache. Als du noch mit gerümpfter Nase meinen Duft in dich hineinziehst, bist du nicht mehr zu halten. Aufgebracht wedelst du mit deiner Hand vor deinem feinen Näschen herum und hüstelst ununterbrochen. Du freust dich, weil ich ganz rot werde und zu Boden starre. Lächelnd bringst du dann noch den Satz „Sehr interessante Duftmarke!“ hervor. Du schaust in meine übergroßen Glubschaugen, die sich langsam mit Tränen füllen. Du bist jetzt ganz oben.
Du sitzt oben auf deinem Richterstuhl und wedelst mit dem Hammer umher. Bis du auf einmal bemerkst, dass mir mein rechter Arm fehlt. Immer wieder blickst du auf den Stofffetzen, der von meiner Schulter hin und herbaumelt. Dort, wo du eigentlich einen schweißtriefenden Arm erwartet hättest, ist nichts. „Oh Gott wie grausam!“, denkst du und schenkst mir die preisverdächtigsten Mitleidsblicke, die du zu bieten hast.
Jetzt bist du auf einmal ganz unten. Doch du konntest ja auch nicht wissen, dass ich ein hilfloser Krüppel bin, woher auch? Meine Nase scheint dich nicht mehr zu interessieren. Deine ganze Aufmerksamkeit schenkst du meinem nicht vorhandenen Arm.
Ich lächle, denn du tust mir Leid. Ich bemerke deine zitternden Hände, die nach Halt suchen, doch nichts finden. Dann sehe ich deine spitze Stupsnase, die mit ihren Nasenlöchern himmelwärts zu blicken scheint. Ich huste, denn dein Parfüm erregt bei mir große Übelkeit. Ununterbrochen wedle ich mit meiner Hand vor meiner Nase herum und entferne mich langsam einige Schritte von dir. Deine Tränensäcke unter deinen zugeschwollenen Augen scheinen fast zu zerplatzen, so müde und erschöpft wirkst du.
Doch dann, dann bemerke ich Nägel, die unter deinem lichten Haar zusehen sind. Und ich schäme mich. Ich schäme mich über meine Boshaftigkeit dir gegenüber. Doch ich konnte doch auch nicht ahnen, dass du Eisen in deinem Kopf mit dir herumträgst. Nun bin ich ganz unten, ganz unten bei dir. Immer wieder starre ich auf die Nägel, die deinen Kopf zusammenzuhalten scheinen. „Oh wie grausam!“, flüstere ich, während sich mein linker Arm vom Körper löst und einfach so zu Boden fällt. Er fällt zu uns, ganz nach unten.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4456017/#4462928
shoshannah (Gast) antwortete am 2007/11/20 04:35:
Wer...
ist so groß, sich vor dem anderen und vor allem vor sich klein zu machen?Ein toller tiefgründiger (ich stehe zu diesem Adjektiv!) Text.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4456017/#4464146
albannikolaiherbst antwortete am 2007/11/20 08:04:
@gloria_m (zu "Ganz unten").
Auch ich finde das erst einmal einen schönen Text. Aber die Teufel stecken im Detail. Seien Sie insgesamt härter, rücksichtsloser, auch gegenüber den eigenen „korrekten“ Tabus. Es geht in einem Text n i e darum, Rücksicht zu nehmen, sondern darzustellen, was darzustellen ist.Hier meine Lektoratsanmerkungen:
Du schaust mich an und hasst mich sofort.
Du
[Hier jetzt die Kippe!:]
Die
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4456017/#4464238





















