Hierunter können Sie Texte außerhalb fester Aufgabenstellungen in Der Dschungel veröffentlichen ("Kommentar verfassen" anklicken und den Text dann mit copy&paste einsetzen). Für diese Texte gelten dieselben Konditionen wie
>>>> dort und ganz zu Eingang dieser Rubrik WERKSTATT erläutert.
albannikolaiherbst - 17. Nov, 07:20- Rubrik: W E R K S T A T T
Massengesellschaft funktioniert im Krieg
rebellierender Destruktivismus
geht nur in neuen Mikrotönen
In der Futuristengruppe manifestiert sich das Blendwerk Antikunst
Libretti geben freie Versfüße preis
vereinen Autonomie und Maschinerie.
Traditionelle Programmansätze fliegen elektrisch bohemewärts
und Marinetti seismographenbewaffnet geht nach vorne.
Artefakte agieren zwingend wie nie zuvor
Schock ist der gelungene Wirbel der Zukunft:
wird gelebt aber nicht gespielt,
denn: NEU ist das entkunstete Kapitel auch nicht.
Tusch zur Restauration auf dem Russolophon.
Brutaler Bruitismus
Blut läuft aus dem Ohr
Wie noch denken, wenn
Kopf leergelaufen ist?
Vorweg: Das ist ein sehr spannender Ansatz für ein Gedicht. Gerade weil er erst einmal alles Ich aus ihm heraushält, bzw. herauszuhalten s c h e i n t.
An einer Stelle aber kippt Ihr Ton, indem wertend, und zwar expressis verbis, kommentiert wird: "denn: NEU ist das entkunstete Kapitel auch nicht." D a s können Sie auch ohne den Autorenkommentar, den man fühlt, übers Gedicht transportieren. Gegen Autorenkommentare ist zwar erst einmal nichts einzuwenden, nur sollten sie die Hermetik des Gedichtes, seinen Klangraum, nicht verletzen. Versuchen Sie einen Übergang zu schaffen, der das Auftauchen des wie immer auch abstrakten (versteckten) Ichs unmittelbar plausibel macht. Man darf da gar nicht auf die Idee kommen nachzufragen.
Ähnliches gilt bei dem fast-innigen, fast z u innigen Ende: "Wie noch denken, wenn/ Kopf leergelaufen ist". Das Problem besteht hier vor allem darin, daß man automatisch ein "der" mitdenkt: "wenn d e r Kopf leergelaufen ist". Dadurch geraten die letzten beiden Sätze in die Nähe einer ach-Prosa, und zwar um so mehr, als das aus dem Ohr laufende Blut ein enorm starkes Bild, aber eines ist, das klischiert. Wenn dann auch nur der A n f l u g von ach-Prosa folgt, unterstreicht es das Klischee, anstelle es aufzuheben.
Ach so, noch eines: Bekommen Sie das alchemische Element in den Gedicht (
>>>> putrefactio) noch etwas sinnlicher ins Schwingen?
Ah, vielen Dank für den ausführlichen Kommentar. Das Gedicht liegt bereits unter dem mentalen Kopfkissen, die letzten 4 Verse sollten an sich auch im "kursiv" stehen, ich weiß noch nicht, ob sie da bleiben werden.
Wird der "Autorenkommentar" vielleicht entkräftet, schriebe man einfach ...und neu ist das entkunstete Kapitel auch nicht...? Wie gesagt, in Arbeit.
Putrefactio: soz., techn., ästh. (Futurismus)
Tonalverkehr ist eingestellt
rebellierender Destruktivismus schreitet
fort nur in neuen Mikrotönen
In der Futuristengruppe manifestiert sich das Blendwerk Antikunst
Libretti geben freie Versfüße preis
formulieren neuer sich auf neu
vereinen Autonomie und Maschinerie.
Traditionelle Programmansätze fliegen elektrisch bohemewärts
und Marinetti seismographenbewaffnet geht nach vorne.
Artefakte agieren zwingend wie nie zuvor
Schock ist der gelungene Wirbel der Zukunft:
wird gelebt aber nicht gespielt,
Staubwedelt eher entkunstete Folianten
Tusch zur Restauration auf dem Russolophon.
Brutaler Bruitismus
Blut läuft aus dem Ohr
Wie soll er noch denken, wenn
Der Kopf leergelaufen ist?
Tonalverkehr ist eingestellt [:wirklich toll in der Anspielung.]
rebellierender [:das Wort finde ich zu narrativ, zu deskriptiv] Destruktivismus schreitet
fort [Dieses „nur“ stört den Rhythmus.] nur in neuen Mikrotönen
In der Futuristengruppe manifestiert sich das Blendwerk [Weshalb aus der Autorenhand werten?] Antikunst
Libretti geben freie Versfüße preis
formulieren neuer sich auf neu
vereinen [:braucht man nicht] Autonomie und Maschinerie.
Traditionelle Programmansätze fliegen elektrisch bohemewärts
und Marinetti seismographenbewaffnet geht Marinetti nach vorne.
Artefakte agieren zwingend wie nie zuvor [:auch das empfinde ich als zu deskriptiv=äußerlich]
Schock ist der gelungene Wirbel der Zukunft:
wird gelebt aber [:eine weitere indirekte Wertung, die sich mir allzu spürbar vordrängt.] nicht gespielt,
Staubwedelt [:solche Sachen würde ich beinah prinzipiell vermeiden, es sei denn, es handelt sich um einen ironischen Text; was hier schon aus der K r a f t heraus nicht der Fall ist.] eher entkunstete Folianten
Tusch zur Restauration auf dem Russolophon.
[Das ist wirklich stark, nur das „brutal“ nähme ich weg und ersezte es:]Brutaler Bruitismus
Blut läuft aus dem Ohr
[Aber immer noch, in Verbindung mit den beiden Zeilen vorher, sind diese Zeilen zu schwach, auch irgendwie zu moralinsauer. Läßt sich der leere Kopf nicht direkt und sinnlich aus dem herauslaufenden Blut entwickeln?]Wie soll er noch denken, wenn
Der Kopf leergelaufen ist?
Eklektizismus und Putrefactio: soz., techn., ästh. (Futurismus)
Tonalverkehr ist eingestellt
Schmeckt sonnenverstaubt
rebellierender Destruktivismus schreitet
mit langem geschmeidigen Haar
in neuen Mikrotönen
hinter seinen Jägerzaun
die Herzchen nach außen
In der Futuristengruppe
manifestiert sich das Blendwerk Antikunst
vernachlässigte Korrespondenzen lassen stagnieren
geben des Librettis Versfüße preis
Überfluss schnell rausgeträumt
Dann werden auch die Haare länger
vereinen Autonomie und Maschinerie
ganz von alleine
Traditionelle Programmansätze fliegen elektrisch bohemewärts
und Marinetti geht seismographenbewaffnet nach vorn
Spuckt mit der Jukebox Schock in die Zukunft
Puhlt entkunstete Härtefallanträge von Folianten
Tusch zur Restauration auf dem Russolophon.
Brutaler Bruitismus
Blut läuft aus dem Ohr
Wie soll er noch denken,
zurücksacken
wehe wehe Windchen
Freie assoziation
Jägerzaun im kopf
Dackel springt herum
Gezeiten am tv
Tonal-harmonisch
Blut läuft aus dem kopf
In die magengegend
Denk die grausamkeiten weg
Ausserhalb der musik
Dann dringst du vor
In die kerne der extase
Körper
Lust
&
Korrespondenz
Man ist gefangen
start
Uns selbst blieb allerdings aus unserer liebe zur theorie heraus die frage nach der motivationalität als herausragender forschungsaspekt übrig.
Wäre es möglich, abgetrennt von den noch zu entledigenden phänomenen der rivalitität / dem konkurrenten modell und der materiellen vorteilsverschaffung, eine strikt selbständig verlaufende motivation als völlig eigenständiges und selbstverständliches interesse an der optimierung maschineller & ästhetischer prozesse ( mit sicherheit dann als derer konnexion ) zu destillieren und damit innerhalb zu verändernder formen von individuellem bewusstsein und dessen kommunikation ?
- angesetzt an der interdisziplinären betrachtung und der freude und der damit vielleicht stattfindenden erleichterung der / über / durch ( die ) maschine als etwas, was uns aus den atavistischen biologistischen modellen entlässt und damit hervorragend unseren unterschied zum tier / unser menschliches bewusstsein in seiner noch absehbaren einzigartigkeit ausdrückt -
Nämlich als bewusst setzbares, als sich-vorweg, als entwurf innerhalb eines zwar jeweils individuellen systems, das sich aber grundsätzlich entscheidend verknüpfen darf.
( z.b. heidegger - )
DAS wäre meines dafürhaltens die einzige hoffnungsvolle antwortsuche auf die technische entwicklung, die sich stets erweiternde automation, die dem menschen mit sicherheit zumindest einen teil der paradoxien abnehmen könnte und ihn auch letztendlich wieder zu dem machen könnte, was er abgetrennt von den ihn umgebenden chancen - aber auch zwängen - der materialität stets war :
ein sowohl soziales wie auch empathisches wesen.
danke für die schöne assoziation, gefällt mir gut.
zum "start": ich sehe nicht, wo sich das gedicht auf heidegger und das von ihnen ausgeführte bezieht (wie kann man dahinter stehen und gleichzeitig in einem weblog posten?)- seit es menschen gibt, führen sie auch krieg, romantisierte soziale empathische urgesellschaft gibt und gab es so nie.
der lärm klingt ab
der schmerz fühlt taub
das blattwerk surrt wie kühlschrank
die straßenbahn dumpft halt
- sie muss
vermummt die luft
der Rede nur
aufpassen h i e r!: "das blattwerk surrt wie kühlschrank"; das bekommt etwas unfreiwillig Komisches, weil allein, den Artikel ("ein") auszusparen, nicht notwendigerweise Bedeutung dazutut; abgesehen davon kann ich das Bild (den Klang) nicht nachvollziehen. Sie bekommen die Naturgeräusche von Wind in Blättern nicht allein durch die Behauptung über eine technische Assoziation gelegt; da braucht es etwas Drittes, das vermittelt.
"die straßenbahn dumpft halt" ist überdies doppeldeutig, weil "halt" auch "eben" bedeutet. Liest man das dann s o, wäre die Aussage banal; ich denke momentan, daß Sie aber auf eine Haltstelle anspielen wollen, auf einen "Halt".
Noch eines zur Assoziation einander widersprechender Laut-Situationen: durch eine Vermummung dringt ein Surren als Raunen, allenfalls.
Außerdem ist das kleine Gedicht zweigeteilt: in die verkürzten Wahrnehmungen einerseits, in den folgenden Lyrismus andererseits: "dadamm die luft/der rede nur" - es ist hier das nachgestellte "nur", das den Lyrismus ergibt, und der ist nach den Verkürzungen der ersten vier Zeilen, jedenfalls für mein lyrisches Empfinden, sprachlich nicht angeschlossen.
Der „kühlschrank“ will als Maschine wahrgenommen werden, das Geräusch der Motoren- Blätter soll dabei ein Naturbild erklingen lassen (oder andersrum). Durchaus bedarf es hier deutlichere Worte!
Die Akzente sollten dennoch ihre Ordnung beibehalten. Nimmt doch die –für meine Empfindung- starke Akzentuierung beider Wortsilben (Kühl-schrank, auch Blatt-werk) das ‚dumpfende’ HALT* der „straßenbahn“ vorweg und schließt in dieser Zäsur eine rhythmische Einheit.
Das nachgestellte „nur“ war trotz seiner peripheren Stellung als eben ein Trennendes gedacht. Betreffend die Textkohärenz und Textkohäsion lässt sich keine eindeutige Funktion zuordnen. Endlich spaltet es regressiv die zwei letzten Verse und bewahrt „[die] Rede“ vor einer semantischen Verengung/ Verkümmerung zu einem bloßen Genitivattribut.
Demnach waren folgende Sinneinheiten gedacht:
xXxX
xXxX
xXxXxXx
xXxXxXx X
…sie muss
xXxX
xXxX
...nur (Grundlage für zweite Fassung)
*„halt“ soll Prädikatsnomen zu „dumpft“ sein, vielleicht reicht hier das Wort in großen Lettern zu schreiben, um seine Funktion eindeutig zu markieren. (?)
sozusagen tiefenhermeneutisch-assoziativ ergänzte ich beim stillen Vorlesen dem >halt< ein weiteres >L<. Als kurze unproduktive Anmerkung ;)
gemerzt ist die Kunst
rotangelaufen zum Appell
Diktat: fehlerfrei
Hier liegt ein Problem vor allem im
>>>> "merzen". Man könnte ebensogut "ge
>>>>schwittert ist die Kunst" sagen und hätte dann einen - Witz oder eher noch ein gebildetes Blödeln. Darauf scheint es in dem Gedicht aber eben nicht hinauslaufen zu wollen, das "rot angelaufen zum Appell" ist dafür zu bildkräftig, weist zudem in einen g a n z anderen Zusammenhang, den wiederum verstärkt, wenn man statt an Kurt Schwitters an
>>>> das Wörterbuch des Unmenschen denkt, in dem als Vokabel, und sehr zu recht, "ausgemerzt" aufgeführt wird. Eine Verbindung vom schwitters'schen "merzen" zum faschistischen "ausmerzen" wäre nun aber ein Konnex, den Sie Ihren Lesern ganz sicher nicht unterheben wollen. Da täte sich das Problem auf, daß auf dem Wege des semantischen Hofes sich eine politische Aussage ganz ebenso als eine ihr entgegengesetzte lesen und in Bewegung setzen ließe.
Bei dem "Diktat: fehlerfrei" habe ich hier ein assoziatives Verständnisproblem: Was - genau - ist gemeint? Unschärfe ist nicht an sich problematisch, aber eben sehr in dem Feld von "merzen" zu "ausmerzen".
noch imitiert,
ja parodiert,
der mensch.
kann er nicht
bezeichnen,
was ihn
wirklich
bewegt?
bitte hier in der Werkstatt keine persönlichen Bemerkungen machen. Draußen, in der anderen Dschungel, darf hart geschossen werden. Hier aber, in der Werkstatt, nur rein sachbezogen bleiben, bitte. Es ist von den jungen Leuten mutig genug, hier zu posten, und jede sachliche Kritik ist in Ordnung; aber nichts mehr, was unterhalb der reinen Sachebene stattfindet. Bitte das einfach akzeptieren. Ein Satz wie "der mensch" argumentiert außerhalb des Textes selbst, also geht an die Persönlichkeit. Wenn diese Werkstatt funktionieren soll, muß so etwas draußen bleiben.
Danke.
Halb wachend und ruhend zur Hälfte im Traum,
ersteht mir im Geiste ein schwebender Raum!
Voll fallender Götter, voll flüchtender Qual,
springt ein Ton in mir über, - den einst man mir stahl!
Ein Ton, der das traurigste Lied tief empor,
aus finsterstem Winkel zum Licht aufbeschwor!
Der Tode und Leben im Klange vereint,
und vor zitternder Schönheit dir dunkel erscheint!
-Sieh! Der Engel, der Süßes im Gange verrät,
wählt das bitterste Wort sich allein zum Gebet!
Und hüllt er sich auch in Schweigen, sein kostbarstes Kleid,
-still und leis liegt darunter verborgen sein Leid!
Doch es welken die Worte am Lichte zu Staub,
und sie treiben zu Boden gleich trockenem Laub!
Und tanzen schier selig nun die Engel im Reigen,
ihrer Kleider beraubt, müssen sie nunmehr schweigen!
So erfüllten ihr Schicksal die Engel im Tanz,
und die Worte entflogen im Lichte:
zwei Raben, ein jeder im Schnabel den Kranz
einer ewiglich toten Geschichte!
Achtung:
>>>> Engel sind Ungeheuer (d.h.: sie sind nicht geheuer, nicht sozial kompatibel, nicht-menschlich) machen Sie sich das immer klar; Engel sind keine Putten, die mit nackten Ärscherln herumfliegen, damit man/frau ihnen pädophil daraufklatschen kann. Engel haben Reißzähne.
Das ist das eine.
Dann: Vermeiden sie Wort-Antiquitäten (z.B. "schier"), so lange Sie nicht eine F o r m völlig beherrschen; sonst beherrscht die Antiquität Sie und macht Ihnen das Gedicht unglaubwürdig. Ich glaube, wir sprachen im Seminar schon über den Unterschied eines gefühlten Gefühls zu dem auf ein Papier gebrachten Gefühl. Eines hat mit dem anderen nichts, aber auch gar nichts zu schaffen.
Weiter: Achten Sie auf das Versmaß, wenn Sie denn mit einem arbeiten. Auch durch Drüberweghuschen im Vortrag lassen sich Rhythmusstörungen nicht verdecken.
Weiter: Bilder müssen s t i m m e n, und zwar s o w o h l metaphorisch wie konkret. Beispiel: "Doch es welken die Worte am Lichte zu Staub"; das stimmt einfach nicht, konkret; ein Welken schließt Staub sogar aus, weil f e u c h t gewelkt, getrocknet aber erst danach wird. Und dann kommt der trockene Verfall. Bitte genau sein.
Was ich dabei auch gar nicht verstehe, ist, wenn man die Bilder mal so annimmt, weshalb Engel, die nackt sind, deshalb schweigen müssen... wo ist da die (lyrische, poetische, aber auch konkrete) Verbindung?)
Vermeiden Sie alle Dativ-Ziselierungen mit angefügtem "e".
danke. ein altes gedicht, das mit bestimmtheit dem nicht gerecht werden kann, was sie im seminar besprachen: hier sollte ein gefühltes gefühl zu papier und zu grabe getragen werden. ich wollte - narzisstischerweise - schlichtweg in den genuss einer unabhängigen auslegung eines meiner persönlicheren gedichte kommen, wie soll selbst ich es beurteilen; ich fühlte z u stark. zu stark für weiches papier. auf schweinedarm wär es erträglicher? die form beginnt meist schon am medium. wer singen könnte...
nur einiges: im sinn hatte ich vielmehr gotische engel, denn barocke. der engel ist teil unseres selbstverständnisses. eines, dem wir nicht gerecht werden können. es ist zu wenig fleisch daran. zu veräußert ist es dem leib, zu verinnerlicht der geist. zu mager der schein, im gegenlicht des erlebens. es gibt keine rast in diesem reigen. er dreht sich, wir hüllen uns in schweigen, aus dem uns der strick gedreht wird, dessen faser silbe des s i n n e s selbst ist. als hätten wir uns offenbart in unserer nacktheit. doch hüllten wir uns nur in schweigen. wir hätten uns in w o r t e , die schweigsam sind kleiden müssen, um tanzen zu dürfen.
nochmals danke.
Mein Quell soll Abgrund heißen?
Muss ich, um meiner Heimat Willen, die halbe Welt bereisen?
Soll ich erschöpfen mich, um zu erschaffen?
– So wird ein Mensch erst Mensch mir unter Affen!
Du schaust mich an und hasst mich sofort. Abfällig betrachtest du mich. Meine abstehenden Ohren, meine schiefen Zähne und meine dicke Knollennase. Du lächelst, weil dir ganz spontan mindestens 10 böse Spitznamen für mich einfallen. Zahnspangenablehner, Segelflugzeug. Nicht gerade spektakuläre Spitznamen, doch du bist glücklich.
Das ist die Hauptsache. Als du noch mit gerümpfter Nase meinen Duft in dich hineinziehst, bist du nicht mehr zu halten. Aufgebracht wedelst du mit deiner Hand vor deinem feinen Näschen herum und hüstelst ununterbrochen. Du freust dich, weil ich ganz rot werde und zu Boden starre. Lächelnd bringst du dann noch den Satz „Sehr interessante Duftmarke!“ hervor. Du schaust in meine übergroßen Glubschaugen, die sich langsam mit Tränen füllen. Du bist jetzt ganz oben.
Du sitzt oben auf deinem Richterstuhl und wedelst mit dem Hammer umher. Bis du auf einmal bemerkst, dass mir mein rechter Arm fehlt. Immer wieder blickst du auf den Stofffetzen, der von meiner Schulter hin und herbaumelt. Dort, wo du eigentlich einen schweißtriefenden Arm erwartet hättest, ist nichts. „Oh Gott wie grausam!“, denkst du und schenkst mir die preisverdächtigsten Mitleidsblicke, die du zu bieten hast.
Jetzt bist du auf einmal ganz unten. Doch du konntest ja auch nicht wissen, dass ich ein hilfloser Krüppel bin, woher auch? Meine Nase scheint dich nicht mehr zu interessieren. Deine ganze Aufmerksamkeit schenkst du meinem nicht vorhandenen Arm.
Ich lächle, denn du tust mir Leid. Ich bemerke deine zitternden Hände, die nach Halt suchen, doch nichts finden. Dann sehe ich deine spitze Stupsnase, die mit ihren Nasenlöchern himmelwärts zu blicken scheint. Ich huste, denn dein Parfüm erregt bei mir große Übelkeit. Ununterbrochen wedle ich mit meiner Hand vor meiner Nase herum und entferne mich langsam einige Schritte von dir. Deine Tränensäcke unter deinen zugeschwollenen Augen scheinen fast zu zerplatzen, so müde und erschöpft wirkst du.
Doch dann, dann bemerke ich Nägel, die unter deinem lichten Haar zusehen sind. Und ich schäme mich. Ich schäme mich über meine Boshaftigkeit dir gegenüber. Doch ich konnte doch auch nicht ahnen, dass du Eisen in deinem Kopf mit dir herumträgst. Nun bin ich ganz unten, ganz unten bei dir. Immer wieder starre ich auf die Nägel, die deinen Kopf zusammenzuhalten scheinen. „Oh wie grausam!“, flüstere ich, während sich mein linker Arm vom Körper löst und einfach so zu Boden fällt. Er fällt zu uns, ganz nach unten.
ist so groß, sich vor dem anderen und vor allem vor sich klein zu machen?
Ein toller tiefgründiger (ich stehe zu diesem Adjektiv!) Text.
Auch ich finde das erst einmal einen schönen Text. Aber die Teufel stecken im Detail. Seien Sie insgesamt härter, rücksichtsloser, auch gegenüber den eigenen „korrekten“ Tabus. Es geht in einem Text n i e darum, Rücksicht zu nehmen, sondern darzustellen, was darzustellen ist.
Hier meine Lektoratsanmerkungen:
Du schaust mich an und hasst mich sofort. Abfällig [Redundant zum Eingangssatz.] betrachtest du mich. Meine abstehenden Ohren, meine schiefen Zähne und meine dicke [Doppelt:] Knollennase. Du lächelst, weil dir ganz spontan mindestens [Aufpassen! Nicht ulken!] 10 böse Spitznamen für mich einfallen. Zahnspangenablehner, Segelflugzeug. Nicht gerade spektakuläre Spitznamen, doch du bist glücklich.
Das ist die Hauptsache. Als du noch mit gerümpfter Nase meinen Duft in dich hineinziehst [die Verkürzung macht das stärker], bist du nicht mehr zu halten. Aufgebracht Du wedelst du mit deiner Hand vor deinem feinen Näschen herum und hüstelst ununterbrochen. Ich starre zu Boden. Du freust dich. , weil ich ganz rot werde und zu Boden starre. Lächelnd bringst du dann noch den Satz „Sehr interessante Duftmarke!“ hervor. Du schaust in meine übergroßen GlubschaAugen, die sich langsam mit Tränen füllen. Du bist jetzt ganz oben.
Du sitzt oben auf deinem Richterstuhl [Kommentiert viel zu sehr; die Wertung hier unbedingt dem Leser überlassen!] und wedelst mit dem Hammer umher. Bis du auf einmal bemerkst, dass mir mein rechter Arm fehlt. Immer wieder blickst du auf den Stofffetzen [Ist das Wort „Fetzen“ hier wirklich richtig? Wohl eher nicht...], der von meiner Schulter hin und herbaumelt. Dort, wo du eigentlich einen schweißtriefenden [Wieso „schweißtriefend“?]Arm erwartet hättest, ist nichts. „Oh Gott wie grausam!“, denkst du und schenkst mir die preisverdächtigsten Mitleidsblicke [Das ist schrecklich gekalauert.], die du zu bieten hast.
Jetzt bist du auf einmal ganz unten. Doch du konntest ja auch nicht wissen, dass ich ein hilfloser Krüppel bin, woher auch? [Nicht kommentieren. Bleiben Sie in der Härte der Situation.] Meine Nase scheint dich nicht mehr zu interessieren. Deine ganze Aufmerksamkeit schenkst du meinem nicht vorhandenen Arm.[Redundant.]
[Hier jetzt die Kippe!:] Ich lächle, denn dDu tust mir Leid. Ich bemerke [Nein! Sondern: das muß e r z ä h l t werden; s o steht es als eine Reflektion da.] deine zitternden Hände, die nach Halt suchen, doch nichts finden. [Anschließen mit Subjekt-Wiederholung, wird dichter:] Ich Dann sehe ich deine spitze Stupsnase, die mit ihren Nasenlöchern himmelwärts zu blicken scheint. Ich huste. Was ein ekliges , denn dein Parfüm erregt bei mir große Übelkeit.! Ununterbrochen Ich wedle ich mit meiner Hand vor meiner Nase herum und entferne mich langsam einige Schritte von dir ziehe mich langsam zurück. Deine Tränensäcke unter deinen zugeschwollenen Augen scheinen fast zu zerplatzen, sSo müde und erschöpft wirkst du, so erschöpft.
Die Doch dann, dann bemerke ich Nägel, die unter deinem lichten [?] Haar zu sehen sind. Und iIch schäme mich. Ich schäme mich über meine Boshaftigkeit dir gegenüber. [Viel zu viel erklärt und resonniert hier!:] Doch ich konnte doch auch nicht ahnen, dass du Eisen in deinem Kopf mit dir herumträgst. Nun bin ich ganz unten, ganz unten bei dir. Immer wieder starre ich auf die Nägel, die deinen Kopf zusammenzuhalten scheinen. „Oh wie So grausam!“, flüstere ich, während als sich mein linker Arm vom Körper löst und einfach so zu Boden fällt. Er fällt zu uns, ganz nach unten. [Dieses Bild stimmt erzählerisch nicht mehr, weil es eine Metapher mit einer konkreten Ortsangabe widersprüchlich verknüpft. Deshalb weiß man dann zu sehr, was gemeint sein soll.]
Ein Mädchen
Ein Weltenzertrümmerer, ein Wahnsinniger der sich hier ans Werk macht, sich anschickt zu zerstören, was die Welt bedeutet hatte? Doch dieses war letztlich zerschellt an den Klippen der Vergangenheit, die nur mehr zart nachhallte aus diesem idealistischen Raum, der einst der einzig denkbare gewesen ist.
Ich erinnere mich daran, es war gestern, vielleicht wird es auch morgen sein. An einem See, da saß sie, gleich einem morbiden Nachsommertraum, aus dem ich mich nicht mehr entwinden konnte, dem ich nicht mehr fliehen mochte. Dieses Märchen wird danach verlangen zu Ende erzähle zu werden, auch wenn mir dabei meine Welt vor meinen eigenen Augen zerbricht. Sie also am Ufer, träumend in ihren Emotionen, die man wohl als still bezeichnen würde, endlich in Ruhe versunken, welche sie so lange hatte entbehren müssen. Ein See lag vor ihr, bedeutungsvoll schien er sie anzusehen, doch er lebte nicht mehr, war gestorben an den letzten Jahren, vielleicht auch nur an mir. Glaubte sie noch daran, dass er sich beschützen konnte, mehr als die Menschen, denen sie vor langer Zeit abgeschworen hatte? Dieser See, der sie so rührend zurückerinnern ließ an ihre schönsten Augenblicke, in denen sie nicht zu erstricken drohte, sondern atmete, ihre Lungen tief mit Leben flutete. Niemals hatte sie einen Gedanken daran verschwendet, dass es diese Reinheit hier an diesem See tatsächlich geben könnte. Doch der See war tot, gestorben an ihr selbst, die sich in den letzten Jahren verändert hatte. Dies war kein Märchen mehr, dies war sie, die Weltenzertrümmerin, die nicht mehr erzählen konnte, was sie einst so berührt hatte in ihrem Streben nach Reinheit, die ihr jetzt plötzlich schäbig vorkam, abgestanden, besudelt von so vielen Gedanken, die nicht mehr die ihren sein konnten.
Wo war sie hin diese höchste aller Glücksformen, noch vor Jahren so lyrisch besungen, heute nur noch ein leises und heiseres Krächzen das ihren Hals verlässt, wenn sie in diesen See taucht. Veralgt und voll mit toten Fischen, ebenso tot wie sie es wohl immer gewesen war. Diese Gedanken waren niemals ihre, diese Ideen die über den weltlichen Dingen standen ein tröstender Mythos, der sie noch einige Jahre am Leben halte konnte. Doch erzähle ich oder erzählt sie – will ich es zu Wort kommen lassen, dieses schöne Märchen, dieses wunderschöne Mädchen, das sich in mir eingenistet hatte und jetzt für immer vertrieben werden soll? Mir zerbricht das Herz beim Gedanken daran, doch ist es unvermeidlich, notwendig um zu überleben, um nicht selbst zugrunde zu gehen an dieser Träumerin, die nicht mehr ich ist.
Also sitze ich mich heute an diesen so magischen Ort, der gänzlich entzaubert plötzlich die zerstörte Umwelt zutage treten lässt. Im Grunde jedoch interessiert mich all das nicht, ich möchte zurück in meine Traumwelt, in meine Rechtfertigung, in mein Leben als Dichterin, die selbst aus der banalsten Sache noch etwas hoch stehendes hervorzaubern konnte, gleich einer Magierin, die verzauberte Natur dazu benutzend, auch ihrem Leben etwas zauberhaftes abzugewinnen. Doch sie lebt nicht mehr, nicht mehr so wie sie es tat, kein zurück mehr aus ihren Gedanken in ihre Empfindsamkeit, welche so ganz vertrieben aus ihr keinen Platz mehr einnehmen soll. Soll ich sie erzählen lassen, diese naive Schnepfe, die ich damals war? Wie hat sie damals noch empfunden? Von der Heuchelei der Menschen wusste sie zu erzählen, von der Oberflächlichkeit und Stumpfheit der Menschen, die sie nicht verstanden, die nicht ihre Sprache sprachen, von der Unfähigkeit der Menschen sie vor dieser kalten Welt zu retten. Nun – sie hatte es nicht geschafft sich selbst zu retten, auch hatte sie niemals jemals ernsthaft retten wollen. Doch im Heute lebte sie dafür umso besser. Keine Kälte mehr war um sie, keine Dichtung und keine Rechtfertigung mehr.
Sie kann also nicht mehr verkünden, was sie einst so sicher glaubte, ohne zu wissen, wer sie sein wird – wer ich sein werde, denn hier treffen wir uns also, an diesem Ort, der eigentlich ein Un-Ort ist, soweit abseits des Verstehens, so schön eingereiht in das, was sie zu sein hatte. Doch das verstand sie nicht, unsere Empfindsame, unsere Weibliche, unsere Unverstandene, die nicht wusste, was sie alles sein könnte, wenn sie sich nicht nur um ihr inneres Sein kümmern würde, das nicht das ihre ist, sondern nur das konstruierte, ihr gegebene soziale Geschlecht. Doch was hat dieser Diskurs in diesem Märchen verloren, soll sie wirklich so niedergekämpft werden, so lächerlich gemacht in ihrer Fähigkeit zu empfinden, wo andere Menschen nur leblos funktionieren? Ja sie soll, sie soll dem Gelächter ausgesetzt werden, ohne dass klar würde, worüber nun zu lachen sei.
Wie kann ich also diese Welt noch verzaubern, die mir verleidet wurde durch Sprache und Erklärungen, wie kann ich sie noch aus meinen Gedanken malen, ihr einen Anstrich geben, der nach meinen Vorstellungen gerät? Wie schaffen ich es, dass nicht sie es ist, die mich malt, die mich entwirft, die mich unterwirft und mich dennoch letztlich konstituiert? Eine Idee keimt auf, die keine Idee mehr sein will, sie versiegt schnell und dennoch bleibt sie in meinem Kopf, doch findet sie keinen Ausweg mehr. Eindrücke finde ich meine Seele Einzug, doch geben kann ich nichts mehr, nur mehr erklären. Diese Welt wieder zurückverwandeln, wie die Magierin, die ich vor einiger Zeit gewesen zu sein glaubte, diese Heuchlerin, diese Lügnerin, dieses Mädchen bar jeglicher Erkenntnis über die Welt. Heute verstehe ich, doch bin ich nicht mehr am Leben, sondern das Leben lebt mich, obwohl ich es zu verstehen glaube. Nur das Unverständnis ist also der Weg zur Erlösung, zum Glück? Welchen Schwachsinn sie mir schon wieder zuhaucht. Ich sollte nicht mehr auf ihre Einflüsterungen hören, sie verwirren mich nur, sie bringen mich von meinem heutigen Vorhaben ab, das die einzige Konsequenz ist, die sich aus meinen Gedanken ergibt. Sie geht mich nichts mehr an, sie kann nicht mal ihre Worte ordentlich formulieren, diese mystisch angehauchte Schlampe, die am liebsten nur Geist sein würde. Doch sie ist Körper, verdammt noch mal, sie ist Körper, und der Körper ist zugleich die Möglichkeit diese Welt zu beeinflussen. Das hat sie nie verstanden, das werde ich ihr ganz langsam und ganz zögerlich erklären müssen. Doch halt – sie versteht ja meine Theorien nicht, das Thema Welthaltigkeit ist keines, das sie interessieren würde. Und dennoch geht es darum – der Körper in der Welt, der Körper als Welt, der Körper als Einflussnahme auf die Welt. Heute werde ich ihr beweisen, dass sie Unrecht hatte mit ihrer Theorie über Geist und Einflussnahme des Geistes auf die Welt. Sie würde immer noch in ihrem Irrtum verharren, in ihrer Träumerin, in ihren Spinnereien, wenn ich ihr nicht zur Hilfe geeilt wäre.
Ich werde also nicht mehr wie sie damals zu leben versuchen in dieser Zwischenwelt, in diesem immer wieder zurückkehren müssen um Kraft zu tanken. Ich habe keine Kraft mehr und brauche diese nicht mehr, ich habe meinen Körper, ich habe mein Blut, ich habe mein Fleisch, das so viele Männer schon geliebt haben. Sie, diese prüde Zicke, diese seelenvolle Hysterikerin, die glaubte, dass Männer ihr Liebe schenken mussten, Aufmerksamkeit. Dieses schwache Etwas, das nicht verstand, dass Sex nicht mehr war als Körperlichkeit, als das Spüren von Fleisch, als das Empfinden der puren Macht das Außen zu verändern, es zu erregen, es zum Beben zu bringen. Nur darum ging es, nicht um Liebe oder Zärtlichkeit, welche ihr stets so mechanisch vorkam. Die Welt ist mechanisch, die Welt funktioniert nach Regeln, aber ich kann in diese Einfluss nehmen. Mein Blut kann diese Welt verändern, sie malen, sie beeinflussen, sie verzaubern. Nichts anderes ist Wirklichkeit. Wie könnte ich diese Welt also nach meinen Vorstellungen ausmalen, wenn nicht durch meinen Körper, durch meine schiere Existenz als ein Mensch unter vielen, nichts besonderes, weder in meiner Körperlichkeit und schon gar nicht in meiner Geistigkeit? Der Geist ist tot, ich habe ihn in diesem See ertränkt. Schau – er hat keine Veränderung hervorgebracht, er hat noch nicht einmal gezappelt, als ich ihn hineingeworfen habe, er hat sich nicht gewehrt, er hatte keine Chance gegen meine körperliche Kraft. Ein Schwächling, gleich wie du, Empfindsame.
Ist es nicht wunderschön, dieses Rot im See, diese Veränderung, diese gemalte Gegenwart, ganz nach meinen Vorstellungen, wie ich es schon immer wollte – schon immer. Jetzt weiß ich also, wie ich erreiche, dass sich diese Welt nach meinen Vorstellungen gestaltet, ich kann sie umgestalten. Und zugleich wird mein Körper so schön leicht, so schwerelos, so unwichtig. Jetzt, da mein Geist ertrunken, oder sollte ich besser sagen, dass er dir gehörte, bleibt nur mehr der Körper übrig, welcher sich langsam von sich selbst befreit, sich selbst abschafft, sich selbst vernichtet, wie ich dich vernichtet habe. Der leichte Wind der aufkommt kann mir nichts anhaben, er hat nichts romantisches mehr an sich, ich will ihn nicht mehr verklären, ich kann nur sehen, dass er mein schönes Rot, das ich in die Welt gesetzt habe, vermischt und weitertreibt mit dem See, unterhalb zappelt noch die Seele und der Geist, kann aber kein Wort mehr herausbringen, da er bereits meinen flüssigen Körper schlucken muss. Letztlich sind sie also wieder vereint, Körper und Geist, Sinnlichkeit und Geistigkeit. Und ich habe uns bald abgeschafft, unseren Kampf beendet, für immer. Malerischer wird es wohl nicht mehr, wie ich diese Welt umgestaltet habe und letztlich den Ausweg für all unsere Probleme gefunden habe. Ich befreie uns von uns, erhebe unseren Körper in die Leichtigkeit in der du ihn schon immer haben wolltest, zugleich sind wir bar jeder dichterischen Erklärung, der perfekte Konsens, die beste aller Lösungen. Langsam schwindet die Welt vor mir, ich muss also wieder zurück in meinen Körper? Ich hatte also Recht damit, dass der Körper bleibt und der Geist vergeht. Gemaltes Blut im See, leichter Wind streicht darüber, treibt es über die ganze schillernde Oberfläche. In dem Vergehen liegt hier die Erkenntnis, wenn Worte versiegen ist es doch noch mein Körper, der diese Welt in einem strahlenden Rot verzaubert hat.
Ich bin bei diesem Text korrigierend nur über den Anfang gegangen, um zu zeigen, in welche Richtung meine Kritik geht. Überarbeiten Sie aber bitte, wenn Sie mögen, den ganzen Text; ich lese ihn dann auch gerne noch ein zweites, meinethalben auch drittes Mal. Nur muß da erst einmal die Schlacke raus.
Weiteres ganz unten.
Ein Weltenzertrümmerer, ein Wahnsinniger der sich hier ans Werk macht, sich anschickt zu zerstören, was die Welt bedeutet hatte? Doch dieses war letztlich zerschellt an den Klippen der Vergangenheit, die nur mehr zart nachhallte aus diesem idealistischen Raum, der einst der einzig denkbare gewesen ist. [Wenn Sie sich „FranzKafka“ nennen, dürfen Sie s o auf gar keinen Fall beginnen. Was ist etwas „dieses“: daß er sich anschickte, die Welt zu zertrümmern? Und d a s zerschellt? Wie kann ein sichAnschicken zerschellen? Dann die „Klippen der Vergangenheit“... was meinen Sie g e n a u?]
Ich erinnere mich daran, es war gestern, vielleicht wird es auch morgen sein [Das ist so bedeutungsschwanger, daß es begründet werden muß. Bei dem Eingang hängt es aber wie dieser selbst in einem verschwärmt ideologischen Raum, der nirgendwo eine Konkretion hat.]. An einem See, da saß sie, gleich einem morbiden Nachsommertraum [Was ist das, außer der begriffskombinierten Hülse=], aus[!!!] dem ich mich nicht mehr entwinden konnte, demn [Genauigkeit! Sprache!] ich nicht mehr fliehen mochte. Dieses [Welches?] Märchen wird danach verlangen zu Ende erzähle zu werden, auch wenn mir dabei meine Welt vor meinen eigenen Augen zerbricht. Sie also am Ufer, träumend in ihren Emotionen [Das ist leerer Kitsch. Bitte genau werden: was m e i n e n Sie?], die man [Wer?] wohl als still bezeichnen würde [Und woher wissen Sie das?], endlich in Ruhe versunken, welche sie so lange hatte entbehren müssen. Ein See lag vor ihr, bedeutungsvoll schien er sie anzusehen [der See sieht das Mädchen an? Vorsicht vor unfreiwilliger Komik.], doch er lebte nicht mehr, war gestorben an den letzten Jahren, vielleicht auch nur an mir. Glaubte sie noch daran, dass er sich beschützen konnte, mehr als die Menschen, denen sie vor langer Zeit abgeschworen hatte? Dieser See, der sie so rührend zurückerinnern ließ an ihre schönsten Augenblicke [Der tote See läßt sie als ein Toter sich an die schönsten Augenblicke ihres Lebens zurückerinnern? Waren die a u c h tot? Genauigkeit!], in denen sie nicht zu erstricken drohte, sondern atmete, ihre Lungen tief mit Leben [der Tod flutet die Lungen mit Leben.] flutete. Niemals hatte sie einen Gedanken daran verschwendet, dass es diese Reinheit hier an diesem See tatsächlich geben könnte. Doch der See war tot, gestorben an ihr selbst, die sich in den letzten Jahren verändert hatte. Dies war kein Märchen mehr, dies war sie, die Weltenzertrümmerin, die nicht mehr erzählen konnte, was sie einst so berührt hatte in ihrem Streben nach Reinheit, die ihr jetzt plötzlich schäbig vorkam, abgestanden, besudelt von so vielen Gedanken, die nicht mehr die ihren sein konnten.
Wo war sie hin diese höchste aller Glücksformen [???], noch vor Jahren so lyrisch besungen, heute nur noch ein leises und heiseres Krächzen das ihren Hals verlässt, wenn sie in diesen See taucht [Das ist komisch, das ist wie selbst schon Parodie. Dabei merke ich, daß Sie es ernst meinen. Aber Sie werfen das, wegen der Inkonkretheit, wegen der Ungenauigkeit, dem erstbesten bösen Spötter vor die Füße.]. Veralgt und voll mit toten Fischen, ebenso tot wie sie es wohl immer gewesen war. Diese Gedanken waren niemals ihre [Wessen denn sonst?], diese Ideen die über den weltlichen Dingen standen ein tröstender Mythos, der sie noch einige Jahre am Leben halte konnte. Doch erzähle ich oder erzählt sie – will ich es zu Wort kommen lassen, dieses schöne Märchen, dieses wunderschöne Mädchen, das sich in mir eingenistet hatte und jetzt für immer vertrieben werden soll? Mir zerbricht das Herz [Reines Klischee.]
Also: 1) Jedes klischierte Bild rausnehmen, seien Sie da erbarmungslos, auch mit der Anima, der Sie den Text ja widmen. Bei manchen Verwundungen kommt man ums Schneiden nicht herum. 2) Versuchen Sie, ganz konkret zu sein. Gerade bei surrealen Settings ist das unabdingbar. 3) Versuchen Sie, das Gefühl, das Sie hier spürbar bewegt, ja, wirklich spürbar, als etwas zu nehmen, das Sie formen können und wollen, und formen Sie es dann. Versuchen Sie, sich die Personen leiblich vorzustellen, geben Sie Ihnen Characteristica, meinethalben eine verschobene Haarsträhne, irgend so etwas, das sie lebendig macht. Und ziehen Sie sie dann und damit aus dem Weichzeichner, ziehen Sie den überhaupt ganz schnell von der Linse wieder ab. 4) Begriffe wie „Weltenzertrümmerer“: ja meine Güte, was hat der Mensch denn getan? Hat er auf eine Endlösung hingearbeitet, konkret, inhuman? Oder wie meinen Sie das? Hat er die Umwertung aller Werte ganz vorne auf der Stirn getragen und ist wütend damit auf seine Leute los? S o bleibt er rein behauptet.
Einfach noch einmal von vorne. Und trösten Sie sich: Mir selbst ist das oft nicht anders gegangen, und oft geht es mir immer noch so. Machen Sie beim Schreiben einen ganz ganz fetten Strich durch das Ich. Stellen Sie sich jemanden völlig Fremdes vor, geben Sie ihm andere Großeltern, als Sie sie hatten, andere Eltern sowieso. Schenken Sie ihm die Freude eines Steckenpferdes, das nicht das Ihre ist. Objektivieren Sie.
[Auch an die anderen: Ratschläge wie diese richten sich an spezielle Texte und können bei anderen Sachlagen völlig anders, ja gegenteilig ausfallen. Bedenken Sie das bei allem, was ich sage, mit. Es kann durchaus sein, daß ein andersgearteter Text, bzw. seine Autorin/sein Autor genau auf das Ich zurückverwiesen werden muß. Es gibt kein festes Rezept.]<(sub>
About.
Vor dem Spiegel. Hocken. Ich finde mich nicht. Ich finde mich nicht schön. Mein Bauch ist faltig. Der Mutter Venus abgerungen. Als fand ich den in einer Höhle vor vielen Zeiten, um ihn anzuschnallen fürs Gebären. Wie hässlich das ist, in verschlungenen, weichen Linien bis zum Becken fließt. Eines Rinnsaals gleich (mein Meer ist ein See). Ich bin ein Narziss. Oder nicht? Mein Gesicht möchte ich zerstückeln mit Furchen versehen, sobald es mir begegnet (in den Augen der anderen erkenne ich mich nicht). Es schaut mich ein Engel aus dem Spiegel an, ein Kind. Sie fressen mich auf: Der Engel und das Kind. Spielen, zelebrieren ein Schneepicknick (wissen Sie, wie still es ist - nach dem Schnee(?)), trinken mein Blut mit grünen Augen bis zum letzten Tropfen auf. So rein kann ich nicht sein. Wirklich nicht. Ich bin eine F r a u, schnürte mein Haar zusammen, schnitt es ab, damit keiner glaubt: Er mich müsse mich wegen dessen gelber Farbe begehren und der Form meiner Lippen (herausfinden, was Liebe ist, ob sie mir nicht dramatisch wäre). Ich rauche eine Zigarette, betrachte meinen Arsch. Der passt. Der passt in ein Charleston Kleid aus Seidefaden, zur Kraft meines Rückens, zu den Schultern und den zartgliedrigen Händen, zu meinen Füßen (manchmal des Nachts im Mondlicht, bricht meine Haut auf, ich bekomme Flügel, die ich nicht brauch’).
Das ist ein ganz toller Text, auch – und vielleicht eben – dort, wo er die Grammatik bricht (Interpunktion, Schleifung des Konjunktivs: „Als fand“). Mir gefällt das außerordentlich. Aber gehört er nicht eigentlich
>>>> d a hinein? Auch, wenn ich mir klar darüber bin, müßte ich benoten, ihn dann s o benoten zu müssen: „Thema verfehlt. Note: 1“. (Denn gebeten wurde ja um ein
Portrait, nämlich b i s zum Halsansatz und nicht darunter. Dennoch paßt Ihr Text großartig da hinein.)
Wie auch immer, ein paar Kleinigkeiten möchte ich dennoch anmerken:
Vor dem Spiegel. Hocken. Ich finde mich nicht. Ich finde mich nicht schön. Mein Bauch ist faltig. Der Mutter Venus abgerungen. Als fand ich den in einer Höhle vor vielen [Das funktioniert, glaub ich, nicht.] Zeiten, um ihn anzuschnallen fürs Gebären. Wie hässlich das ist, in verschlungenen, weichen Linien bis zum Becken fließt. Einesm Rinnsaals gleich (mein Meer ist ein See). Ich bin ein Narziss . Oder nicht?: Möchte Mmein Gesicht möchte ich zerstückeln mit Furchen versehen, sobald es mir begegnet (in den Augen der anderen erkenne ich mich nicht [Diese Klammerbemerkung ist toll!]). Es schaut mich ein Engel aus dem Spiegel an, ein Kind. Sie fressen mich auf: Der Engel und das Kind. Spielen, zelebrieren ein Schneepicknick (wissen Sie, wie still es ist?) - nach dem Schnee(?)), trinken mein Blut mit grünen Augen bis zum letzten Tropfen auf. So rein kann ich nicht sein. Wirklich nicht. Ich bin eine F r a u, schnürte mein Haar zusammen, schnitt es ab, damit keiner glaubt: eEr mich müsse mich wegen dessen seiner gelbern Farbe begehren und der Form meiner Lippen (herausfinden, was Liebe ist, ob sie mir nicht dramatisch wäre). Ich rauche eine Zigarette, betrachte meinen Arsch [Ich bin absolut nicht scheu, was derbe Ausdrücke anbelangt; aber hier paßt der „Arsch“ nicht; Sie tun dem Narziss mit ihm keinen poetischen Gefallen. Nehmen Sie in diesem Fall:] Gesäß. Deras passt. Der passt in ein Charleston Kleid aus Seidefaden, zur Kraft meines Rückens, zu den Schultern und den zartgliedrigen Händen, zu meinen zarten Füßen (manchmal des Nachts im Mondlicht, bricht meine Haut auf, ich bekommet Flügel, die ich nicht brauch’).
Was ich zum Schluß gemacht hab, ist ein starker Eingriff, ich weiß. Hier würd ich aber die grammatischen Verschiebungen des Textes noch einmal aufnehmen und zum Ende führen: Ungewißheit des irrationalen Erlebens.
Da haben Sie einen wirklich tollen
>>>> Engeltext geschrieben.
es macht (mir) Freude, Ihre Anmerkungen zu lesen. Ein Gesicht in Sprache zu tauchen, ist recht schwerer als ein Selbstporträt in Farben zu malen. Ich danke für die milden Impulse zur Erweiterung meines Verständnishorizontes noch einmal Darstellungen des Narziss zu frönen, über das Konstrukt der Zeit nach zu denken und über Engel ...
Ihr Schluss ist irgendwie ... schön, stimmig (mir fehlt ein Wort), die Begründung zur Ungewißheit des irrationalen Erlebens scheint klar, entspricht meinem Empfinden und ich bin unentschlossen, ob es m e i n Schluss ist. Will ich die Symbolebene des subjektiven irrationalen Erlebens n i c h t von der logischen materiellen Realität lösen? Wem wachsen schon Flügel des nachts (physikalisch gesehen unmöglich) also aus einer Phantasie heraus, die Zartheit eines, nennen wir es Lichtes (besonderen Eigenschaft (Engel)) als eine nicht erklärbare Möglichkeit doch eine Wirklichkeit durch subjektives Fühlen (meines Fühlens) zu erschaffen, ist über der Ebene der Phantastik (?) ...
Gedankenendlosschleifenfahrt. Auch danke dafür.
Vielleicht ist es doch m e i n Schluss.
Wie auch immer, einen frohen Tag Ihnen.
:).
Jetzt habe ich - angeregt von den Engeltexten hier - gestern doch auch ein Gedicht verfasst und würde dazu sehr gerne Meinungen hören.
Engel
Esst mich, Engel,
habt keine Scheu,
seid ein Fluss um mich,
der mich rauschend ertränkt,
seid ein Seil um den Hals,
das mir Atem nimmt,
seid ein Schrei auf Lippen,
der mich ertauben lässt,
seid ein Blitzen in Augen,
das mich blind geblendet,
habt keine Scheu
und beißt in mein Herz,
das mich leben macht
und umbringt.
Fresst mich, Engel!
Über den Schluss bin ich mir nicht ganz klar, ich hatte zuerst bravere letzte Zeilen, die nicht mit Rhythmus und Stil brechen, in denen der Ton nicht kippte, etwa so:
und beißt in mein Herz,
das mich leben macht
und sterben lässt.
Esst mich Engel!
Welches wäre nun die bessere Variante oder ganz anders? Danke für alle Hinweise!
Erstmal vorweg, hab ich den Eindruck, ihr Gedicht habe sehr viel mehr
>>>> mit dem zu recht berühmten Engelsgedicht Bert Brechts zu tun als mit meiner Auffassung von Engeln, die eine Hinwendung nahezu unmöglich macht, und zwar phylogenetisch. Ich
>>>> tendiere bekanntlich zu der Auffassung, daß Engel kein Geschlecht haben, weder ein weibliches, noch ein männliches. Das schließt jeglich sinnlichen Kontakt zu ihnen aus. Die Frau, die Brechts lyrisches Ich da vögelt, ist Engel in d e m Sinn (einem falschen, wie ich meine), der umgangssprachlich sagt: "Sie ist ein Engel." So auch die Widmung Alban Bergs über seinem Violinkonzert: "Dem Andenken eines Engels". - Nichts, gar nichts davon bei mir. Bei Ihnen aber klingt der Kontakt noch durch oder doch wenigstens der Versuch eines Kontaktes. Aber gut, das führt jetzt wahrscheinlich z u entschieden aus den Höfen einer Schreibwerkstatt hinaus.
Also:
Esst mich, Engel,
habt keine Scheu,
seid ein Fluss um mich,
der mich rauschend [Das ist Kitsch.] ertränkt,
seid ein Seil um den Hals,
das mir [wieso verkürzen Sie hier um den bestimmten Artikel? Das bringt lyrisch nichts, irritiert nur.]Atem nimmt,
seid ein Schrei auf [dito; es wird durch Wiederholung nicht Poetik, sondern Masche.]Lippen,
der mich ertauben [:das ist eine unschöne Stelzung.]lässt,
seid ein Blitzen in Augen,
das mich blind geblendet,
habt keine Scheu
und beißt in mein Herz [ein schönes Bild, im übrigen],
das mich leben macht [Ungenau: das Herz macht Sie nicht leben, sondern hält Sie am Leben wie die Niere auch, wie die Lunge vor allem. Undundund.]
und umbringt.
Fresst mich, Engel!
In diesem Fall ist "Freßt mich, Engel" dem "Eßt mich, Engel" vorzuziehen... es sei denn, Sie kleideten das "essen" in einem Bild noch aus. Dann wäre d a s stärker.
nur eine Anmerkung zu den fehlenden Artikeln bei Atem und Schrei (und Augen): ich bekomme ein Problem mit dem Rhythmus, wenn ich diese einfüge oder sehen Sie das anders?
Jajajajajajajajaja! Aber es kann k e i n e Lösung sein, für einen Primat des Rhythmus' der Sprache selber eine Gewalt anzutun... oder w e n n, dann hat das Gedicht eine andere Intention. Haben Sie die n i c ht, müssen Sie einen Weg finden, Rhythmus und die Sprache einander ergänzend in die Hände zu legen.

Der vorliegenden Dichtung sind vier Ebenen eigen:
1. Der LAUT, 'r t h' kann als Ausspucken gedacht werden, usw.,usf.
2. Die sprach-HISTORISCHE Dimension, indogermanisch 'th' entwickelt sich zum Germanischen zu sog. 'Thorn'-Laut, usw.,usf.
3. Das BILD, t ("Kreuz"), spricht für sich, usw.,usf.
3.1 Die musikalische NOTATION, in Annahme beiden Systemen stehe ein Violinschlüssel voran:
Laut 'o' (Anfang, System 1) ist Ton 'e', mit dem "Kreuz" erklingt 'e-Moll', da sich Laut 't' über die drei untersten Notenlinien erstreckt; b kann als Laut oder Alterationszeichen gelesen werden, bewirkt in der Wiederholung einen 'Tritonus', usw.,usf.
Gerne erkläre ich die einzelnen Schriftzeichen.
Geben Sie Ihrem Beitrag bitte einen Titel? Sonst kann man ihn nicht anklicken... Und ein bißchen Erklärung vielleicht noch dazu.
Engelwerkstatt [ Blaupause No 7752 ] Die Engel der Nilpferde, nur so zum Beispiel, manchmal kann man sie sehn in den Winden, die das Gras der Steppen durchwehn.
Das ist aber schön! Darf ich dennoch noch ein wenig formen?
Die Engel der Nilpferde, nur so zum Beispiel,
manchmal kann man sie sehen im Wind,
wenn er das Gras der Steppen durchweht.
macht ja doch Spass, so arbeiten und drehen, Wort für Wort. Natürlich!
;-)
Auf den sich noelnoe bezieht; so ist nun ihr/sein Kommentar nicht ganz verständlich, bzw. gibt eine Fehlspur vor. Das ist nicht zu ändern. Ich muß darauf achten, daß nicht irgendwelche Leute von außen das virtuelle Seminar kaputtmachen, weil sie rein auf sich aufmerksam machen wollen, aber gar nicht recht wissen, was Stil ist und was nicht und wo was wie hingehört.
oder meinetwegen
die engel der nilpferde
manchmal
wenn auf der steppe
durchs gras
der wind geht
(entschlackter, evozierender, ahnender)
Einverstanden. Nur geht dann der Singsang des zu Anfang angespielten Versmaßes nicht mehr auf.
-/--/--/--/-
/-/--/--/
/--/-/--/
Bei Dir fließt der Wind nicht mehr; die Verkürzung nimmt dem Gedichtchen das Elegische zugunsten der Konzentration weg, also zugunsten der Abstraktion. Ich persönlich bin bekanntlich ein Abstraktionsgegner und favorisiere Sinnlichkeit. Eine alte Diskussion der poetischen Haltung: Anorexie oder Adipositas.
mir ging's nur ums bild. daß der wind nicht mehr fließt (hab' grad' drüber nachgedacht) [edit: warum fließt er nicht mehr? das verstehe ich nicht: "das gras durchweht" / "durchs gras geht"], schlägt einen bogen zu den nilpferden, bekanntlich recht ungeschlachte tiere. dennoch weht der wind, denn er kann ja nicht gehen, aber die nilpferde müssens. so verweist das implizite wehen zu den engeln, die wohl doch nicht ungeschlacht sein werden wie die nilpferde. --- das ist mir schon klar, daß wir da verschiedene auffassungen haben. --- es so auf das wesentliche zu bringen, bedeutet aber für mich konzentration, weil alles überflüssige grammatikalische weg ist. (das mit der anorexie ist allerdings übertrieben, dann wäre ja Celan auch einer)
Das ist vielleicht der Differenzgrund: Mich interessiert das Bild in einem Text sehr viel weniger als der Rhythmus. Wenn ich Bilder sehen will, geh ich ins Kino; bei Literatur genieße ich etwas anderes, vor allem den Klang, den Takt.... imgrunde Musik - und eine Bildhaftigkeit, die bildlos ist, aber voller Bildartigkeit... den Schein eines Bildes. Insofern: Das klangliche Fließen hat der längere, stärker rhythmisierte Vers stärker als der aufs Bild konzentrierte.
Aber das ist jetzt schon eine für eine Werkstatt sehr weitführende Diskussion. Dennoch ist es wahrscheinlich gut, daß man sie g e r a d e hier führt.
Zunächst einmal zum von dir wiedergegebenen versmaß:
-/--/--/--/-
/-/--/--/
/--/-/--/
Ist das ein Versmaß? Oder nur die Wiedergabe der zufällig vorhandenen Hebungen und Senkungen? Bei meinem Text, dem die schlichte Anregung zugrundelag, würde das so aussehen:
-/-
--/-
/-
-/-
--/-
/
/-/-
-/-
/-
/-
Ich sage mal: nein: der Ausgangstext ist eher ein kurzes Stück Prosa, auf seine eigene Art rhythmisiert und grammatikalisiert. Mir gefällt, daß ein solches Nachdenken von den „Engeln der Nilpferde“ ausgelöst wird, und weil es Nilpferde sind, so sollte man das alles sehr bedächtig handhaben, denn zumindest ich schließe nichts aus, was Dichtung war und ist, ob freie Rhythmen, ob gebundene Rhythmen, ob adipos oder nur als Gerippe, ob abstrakt oder sinnlich (wobei ich für mich das Abstrakte dito von mir weise und eher schon versuche, den Worten in ihrem eigentlichen Sinn nachzuspüren). Also es sollen keine Dogmen diskutiert werden. Es gibt keine. „Der semantische H o f ist der Kern jeder Dichtung“, dies aus deiner Vorlesung, in den ich mehr als einmal mich wiedererkennen konnte. Der semantische Hof existiert allerdings auch außerhalb allen Versmaßes. Für mich ist es die Interaktion zwischen (zwischen!) den Worten, die zwar einen Inhalt setzen, aber einen weiteren offen lassen. Daher auch meine Tendenz, in den Gedichten einfache Worte zu setzen und eher damit etwas herzustellen, daß ich sie nicht einfach so setze, wie ein normaler Satz es verlangte, sondern sie durchaus strategisch setze. In meinem Nilpferd-Text geschah das aber auch: das „wenn“ stand zunächst nicht dort, wo es steht; das „geht“ war zunächst ein „weht“; wichtig war auch, daß der wind am ende kommt als Spiegelung zum Anfang. Das ist kein Abstrahieren, das ist ein Evozieren, ein nach und nach ins Weite führen. Ins unbestimmte Bestimmte und bestimmte Unbestimmte. Engel kann ich nicht berühren, aber sie können mich in einer Ahnung erschaudern lassen. Nicht in einer Abstraktheit, die nicht da ist.
Ist das ein Versmaß?Nein, da hast Du natürlich recht. Aber: Es ist das Z i t a t, ist der Anklang an ein Versmaß.
der Ausgangstext ist eher ein kurzes Stück Prosa, auf seine eigene Art rhythmisiert und grammatikalisiert.Und zwar eben so, daß der Eindruck eines lyrischen Gebildes entsteht, das ja dann i c h, nicht etwa der junge Autor, auf die Gedichtform umgebogen habe... als Vorschlag.
Mir gefällt, daß ein solches Nachdenken von den „Engeln der Nilpferde“ ausgelöst wird...mir auch...
, und weil es Nilpferde sind, so sollte man das alles sehr bedächtig handhabenIch hab mal Nilpferde r e n n e n sehen, die können irrsinnsschnell werden (und sind ausgesprochen gefährlich)
und eher schon versuche, den Worten in ihrem eigentlichen Sinn nachzuspürenGenau das ist ja eine Frage, der „eigentliche“ Sinn; und sie läßt sich allenfalls religionstheoretisch beantworten, so wie Benjamin es tat, oder aber rein funktional, also außerhalb von Dichtung.
Der semantische Hof existiert allerdings auch außerhalb allen Versmaßes.Selbstverständlich.
daß ich sie nicht einfach so setze, wie ein normaler Satz es verlangte, sondern sie durchaus strategisch setze.Na klar. Aber, und da sind wir wieder bei den religiösen Implikationen: Ich, ja,
glaube, sie setzen sich in einem gelungenen Gedicht auch s e l b st; wir haben die letzte Verfügungsgewalt über sie nicht... nicht dann, wenn es um die DINGE-selbst geht.
wichtig war auch, daß der wind am ende kommt als Spiegelung zum Anfang. Das ist kein Abstrahieren, das ist ein Evozieren, ein nach und nach ins Weite führen. Ins unbestimmte Bestimmte und bestimmte Unbestimmte.Ich meine aber, daß die Evokation in dem kleinen Text allein schon aus seinem Rhythmus herausweht, der ein, siehe oben,
zitierter ist. Ich habe versucht, das Zitat kenntlicher werden zu lassen, indem ich ganz bewußt auf einen Fünffüßer zwei Achtfüßer folgen lasse.
Engel kann ich nicht berühren, aber sie können mich in einer Ahnung erschaudern lassen.Ja. Genau darum geht es. Und auch darum:
Nicht in einer Abstraktheit, die nicht da ist.
[Kannst Du >>>> dazu etwas sagen, bitte? Ich kann das Ding momentan nur anstaunen.]
Dieses Dingerl bespräche ich gern am Freitag im realen Seminar. Ich glaube nämlich, um das völlig zu erfassen und dann auch "beurteilen" zu können, sind ein paar Zusatzinformationen nötig, vor allem klangliche. Ich hätte gerne, daß Sie uns den Text am Freitag vortragen. Davon wird abhängen, ob er funktioniert, was ich derzeit überhaupt nicht einschätzen kann.
Fester treten.
Vorankommen, Schweiß läuft über die Stirn.
Treten.
Zutreten hinzutreten antreten weggetreten hingetreten abgetreten vorgetreten und immer feste auftreten nahe treten und
dann zutreten, fester zutreten.
JA!, (tritt zu,)
Du brauchst es nicht mehr, dann kann ich es ja treten.
Drauftreten. Draufgetreten,
das tritt sich fest.
Du trittst zu viel.
Treten
einfach drauftreten nähertreten zutreten
Oh, bitte, noch einmal schnell
ZERTRETEN
Der freie Rhythmus entzieht dem Gegenstand die Wirkung.
Vers 1, "Fester treten.", ist in seiner kompakten Lautwahl und mit zwei Trochäen ideal zum zutreten. Andere Verse verlieren sich im "Darübernachdenken", ich verstehe das Gedicht eher als konstant aktionistisch.
Das Konstante muß hinaus. Daß getreten wird, muß fühlbar werden. Da ist der Hinweis auf die Trochäen brillant, wobei es sich auch um einen Versfuß aus einer betonten und d r e i unbetonten Silben handeln könnte: das wäre Indiz für Aktion. Wenn es um die geht, schlüge ich vor, den Vierer zu belassen und strukturell immer wieder im Gedicht aufzunehmen.
"wischen impossible" - das scheitern
an den zeilen, an den dazwischensachen,
an der notwendigkeit des schweigens
im sagen.
das treppenhaus wär' auch mal wieder dran,
der plan im hausflur: erste und dritte woche:
rechts; zweivier: links -
mein recht darauf seit monaten versäumt.
kehrwoche als einkehr in heimat,
in etwas, was sicherheit gäbe:
die des alltags,
den ich nicht stattfinde.
stattdessen von rausch zu rausch
das rauchen entzündet, dies nuckeln
an pinnen jenseits steuerbord.
"und wenn einem zossen jetzt die rudermaschine
versagt ...", im sturm der herbste,
der meere, des lebens, der unsagbarkeit,
der generellen. das nicht-sagen
assistiert mit mullbindender eleganz.
wenn die verse zäh sind,
nicht grooven, wenn das wischen
durch keine flure geht,
nur tränen von der geröteten wange.
"wischen impossible" [das ist eine witzige Idee; ich habe aber das Gefühl, sie stimmt nicht zu dem melancholischen übrigen Gedicht; stimmt in der Bewegung h i e r nicht; wird hier zum Gag.]- das scheitern
an den zeilen, an den dazwischensachen [:d a s wiederum ist wirklich gut hier.],
an der notwendigkeit des schweigens
im sagen.
das treppenhaus wär' auch mal wieder dran,
der plan im hausflur: erste und dritte woche:
rechts; zweivier: links - [auf den ersten Blick ein lyrischer Einfall; aber: h ä l t die Assoziation?]
mein recht [:auch das ist an der Frozzelgrenze, da ja etwas anderes als ein Recht gemeint ist; das Doppelspiel hilft dem Gedicht nicht.]darauf seit monaten versäumt.
kehrwoche als einkehr in heimat [Ja! Hier s t i m m t die Drehung!],
in etwas, was sicherheit gäbe:
die des alltags,
den ich nicht stattfinde [das geht grammatisch nicht, auch wenn man gut versteht, was gemeint ist.].
stattdessen von rausch zu rausch
das rauchen entzündet, dies nuckeln
an pinnen jenseits steuerbord [jenseits v o n steuerbord, vielleicht auch: „steuerbords jenseits“].
"und wenn einem zossen jetzt die rudermaschine
versagt ...", im sturm der herbste,
der meere, des lebens, der unsagbarkeit [das Klischee sehr gut aufgefangen durch dieses unerwartete „Unsagbarkeit“; für sich wäre das auch wieder Klischee; in der Konfrontation gewinnt beides enorm; Kompliment.[,
der generellen [Was meinen Sie hier? „Die Generellen“\. das nicht-sagen
assistiert mit mullbindender [:das ist unschön, zu gesuchte und zugleich zu nahe Adjektivierung.] eleganz.
wenn die verse zäh sind,
nicht grooven [gut! Sehr gut! Wenn Sie es jetzt noch hinbekämen, daß dieses „grooven“ oben schon einmal wenigstens angespielt wird, dann haben Sie eine erstklassige Klammer um das Gedicht gelegt.]:, wenn das wischen
durch keine flure geht,
nur tränen von der geröteten wange. [Feines Ende.]
Doitsche Flachzangen
unter deftigem Fall
herzliche Mäuse
im Auswirkung
bläuliche Dichter
herbstlich vorbei
Töpfchen
weinende Welt in ewiger Zeit
Gedichtgenerator Poetron (http://www.poetron-zone.de/)
Bananaman.
Ja mondzugetanes Etwas du!
Parade, mein eigentlicher Lumpen.
Im Bad - mehr als man glaubt!
Chillt - ja zelebriere es!
Wo ist der Retter?!
Bananaman du.
Glitzernd in einsamer Nacht.
Bananaman zwischen Wachsen und Wollen.
Bananaman ja so dünn.
Sie weiß genau, was ihr Ziel ist, doch sie wird es nicht aussprechen. Nein, nicht dieses Mal, wo sie ihrem Ziel so nah ist.
Die Versuchung ist natürlich groß, doch ihr natürlicher Wille hat Willensstärke. Das Vibrieren, das Klopfen. Klopfen? Ja es klopft an der Tür. Damit hat sie jetzt natürlich nicht gerechnet. Rechnen war schließlich nie ihre Stärke. Schon in der Grundschule nicht. Doch das zählt nun nicht mehr. Aus und noch viel mehr vorbei.
Jetzt darf sie nur nicht ihr Ziel mehr aus den Augen verlieren. Nein, alles nur nicht das. Ihr Puls schlägt nun schneller. Wahrscheinlich hat sie sogar gerade leichtes Fieber. Nicht hoch, nur etwas.
Letzte Woche hatte sie hohes Fieber gehabt. Der Arzt kam sie sogar Zuhause besuchen. Nur noch ein halbes Grad höher und der Pfarrer wäre auch noch zu Besuch gekommen. Doch so weit kam es nicht. Die heutige Medizin ist schließlich schon weit. Ja, selbst Menschen kann man heutzutage schon klonen.
Ein bisschen Fieber ist doch Pipifax für die Medizin. Das schafft der Medizinmann ja selbst mit einem einfachen Tänzchen aus der Welt. Warum hatte sie eigentlich Fieber gehabt? Ach ja, sie war durch den Regen gelaufen. Danach war sie pitschnass in ihrer Wohnung gesessen und hatte nachgedacht. Über dies und jenes.
Zu viel und zu lange hatte sie nachgedacht. Dann war das Fieber gekommen. Was soll’s! Gar nicht so schlecht, wenn der Körper mal so richtig kämpfen muss. Wenn der Körper mal all seine Krankheiten ausschwitzen muss.
Sie weint. Sie hat ihr Ziel vergessen. Für eine Minute lang, hat sie ihr Ziel vergessen. Nein, nein, wie dumm. Es heißt doch schließlich Ziel aus den Augen, aus dem Sinn, oder so ähnlich. Was man dagegen tun kann? Wer weiß das schon! Nicht an den Weg denken, sondern an das Ziel. Der Weg ist das Ziel, heißt es nun aber auch. Doch in diesem Fall ist das völlig unangebracht.
Was ihr jetzt fehlt ist Ablenkung. Schließlich muss man auch mal das Ziel vergessen können. An etwas anderes denken. An etwas Schönes denken.
Ach ja, es klopft noch immer an der Tür. Sie will aufmachen, doch sie ist zu träge. Ein großer Klumpen an Trägheit. Warum kann die Person, die da so klopft und klingelt nicht die Türe einfach einschlagen? Meine Güte, ist das denn so schwierig? Einfach dagegen treten. Aber nein, die Person klingelt und klopft nur, ohne endlich mal Gewalt anzuwenden. „Ich weiß, dass du da bist!“, sagt diese unfähige Person auch noch. Ja, natürlich könnte sie jetzt hingehen und einfach diese Tür aufmachen. Sie könnte der Person gewissermaßen helfen. Aber warum? Warum sollte sie ihr helfen?
Sie spürt den Druck in ihrem Kopf. Unter Druck kann niemand arbeiten, auch sie nicht. Ob sie sich klonen lassen sollte?
Nein, keine gute Idee! Sonst gäbe es ja zwei träge Klumpen hier. Könnte diese klopfende Person nicht wenigstens im Takt klopfen? Oder wenigstens ein Liedchen dazu trällern?
Der träge Klumpen sitzt noch immer da. Der Druck im Kopf vergrößert sich. Ja, ja zu schwach um zu kämpfen, doch auch wieder viel zu starrköpfig um aufzugeben. „Ich schlag dir gleich dir Türe ein, wenn du mir nicht sofort aufmachst!“, brüllt nun diese unmusikalische, klopfende Person da vor der Tür.
Natürlich will niemand ausgeschlossen bleiben. Jeder drängt sich ja gewissermaßen immer wo dazu. Wenn nur nicht dieser Druck wäre. Der Klumpen schluckt nun seine Tabletten. Somit verschwindet der Druck wieder für ein paar Stunden. Toll was alles die Medizin heute schon kann. Das Klopfen hat aufgehört. Die klopfende Person hat also auch keinen starken Willen. Natürlich nicht, sonst hätte sie ja schließlich unerbittert weiter geklopft. Aber nein, zu träge, zu faul war sie. Warum soll dann der träge Klumpen kämpfen?
Was war gleich noch mal das Ziel? Die Tabletten wirken. Wieder einmal bezwingt die Medizin diesen unsagbaren Druck.
Der träge Klumpen war nicht schon immer träge. Nein, früher war der träge Klumpen ganz anders. Er hat jedes Mal die Tür geöffnet, wenn jemand unrhythmisch geklopft hatte. Jedes Mal. Doch jetzt ist nun alles anders. Nun, wo sie von ihrem Hausmedizinmann erfahren hat, dass ein böser Geist in ihren Kopf eingezogen ist. Nun wohnt dieser Geist in ihrem Kopf. Er bezahlt nicht einmal Miete. Er hat sie nicht einmal um Erlaubnis gefragt. Nein, ganz still und leise ist er eingezogen. Ihm gefällt es wohl da oben drin. Der böse Geist spottet über die heutige Medizin und vor dem Medizinmann hat er auch keine Achtung.
Jetzt muss der träge Klumpen nun mal die Tabletten einnehmen, damit das Klopfen des bösen Geistes nicht mehr zu hören ist. Schlucken gegen das Klopfen. Jedoch Tabletten gegen das Klopfen an der Haustür gibt es leider noch nicht. So weit scheint also die Medizin doch noch nicht fortgeschritten zu sein.
Was ist aber, wenn der böse Geist nicht mehr aus ihrem Kopf ausziehen will? Dann, das hat sich der träge Klumpen geschworen, will er kämpfen.
Klick macht es und dann geht plötzlich die Haustür auf. Ohne jegliche Gewalt, einfach so. Dann steht diese Person plötzlich mit dem Hausmeister vor dem trägen Klumpen. „Warum hast du nicht aufgemacht? Du kommst noch zu spät ins Krankenhaus!“, sagte der Klopfer mit seltsamem Gesichtsausdruck. „Ja!“, sagt der Klumpen. „Kann man böse Gehirngeister heutzutage schon klonen?“, fragt der Klumpen den Klopfer. „Hast du etwa Alkohol getrunken? Das darfst du doch nicht vor der Operation machen!“, sagt der Klopfer jetzt sehr böse. Der träge Klumpen zuckt mit den Achseln.
„Ich wollte nur noch einmal mit meinem Geist einen Drauf machen, bevor er aus meinem Kopf auszieht!“, erklärt das klumpige Frauengeschöpf geistesabwesend.
Das Ziel steht wieder klar und deutlich vor ihr - endlich keine Schokolade mehr essen. Zwar bekommt man von Schokolade Glücksgefühle, aber auch bitterböse Pickel.
Ob Gehirngeister auch gerne Schokolade essen?
Sie weiß genau, was ihr Ziel ist, doch sie wird es nicht aussprechen [Ah! Jetzt, nach meinem Gesamtbild, merke ich, daß sich die Grundthematik schon im ersten Satz zeigt: daß er noch nicht weiß, worauf er hinauslaufen wird.]. Nein, nicht dieses Mal, wo sie ihrem Ziel so nah ist.
Die Versuchung ist natürlich groß, doch ihr natürlicher Wille hat Willensstärke. [Viel zu viel drumrumerzählt und vor allem zu viel räsonniert.] Das Vibrieren, das Klopfen. Klopfen? Ja eEs klopft an der Tür. Damit hat sie jetzt natürlich[???] nicht gerechnet. [Und das ist nur gefrozzelt:]Rechnen war schließlich nie ihre Stärke. Schon in der Grundschule nicht. Doch das zählt nun nicht mehr. Aus und noch viel mehr vorbei. [Alles Ablenkungen.]
Jetzt darf sie nur nicht ihr Ziel mehr aus den Augen verlieren. Nein, alles nur nicht das. Ihr Puls schlägt nun schneller. Wahrscheinlich hat sie sogar gerade leichtes Fieber. Nicht hoch, nur etwas.
Letzte Woche hatte sie hohes Fieber gehabt. Der Arzt kam sie sogar Zuhause besuchen. Nur noch ein halbes Grad höher und der Pfarrer wäre auch noch zu Besuch gekommen. [Unnötig. Geulke.] Doch so weit kam es nicht. Die heutige Medizin ist schließlich schon weit. Ja, selbst Menschen kann man heutzutage schon klonen.
Ein bisschen Fieber ist doch Pipifax für die Medizin. Das schafft der Medizinmann ja selbst mit einem einfachen Tänzchen aus der Welt. [:Welche Funktion soll sowas haben, außer daß man plappert?] Warum hatte sie eigentlich Fieber gehabt? Ach ja [Sehn Sie, dieses „ach ja“ sagt ja selbst, wie läppisch es ist. Wirklich unnötig, sie tun sich mit sowas keinen narrativen Gefallen.], sie war durch den Regen gelaufen. Danach war sie pitschnass in ihrer Wohnung gesessen und hatte nachgedacht. Über dies und jenes. [:Eine absolute Null-Information, die auch klanglich nichts hinzugibt.] ABSATZ WEG. Zu viel und zu lange hatte sie nachgedacht. Dann war das Fieber gekommen. Was soll’s! Gar nicht so schlecht, wenn der Körper mal so richtig kämpfen muss. Wenn der Körper mal all seine Krankheiten ausschwitzen muss.
Sie weint. Sie hat ihr Ziel vergessen. Für eine Minute lang, hat sie ihr Ziel vergessen. Nein, nein, wie dumm. Es heißt doch schließlich Ziel aus den Augen, aus dem Sinn, oder so ähnlich. Was man dagegen tun kann? Wer weiß das schon! Nicht an den Weg denken, sondern an das Ziel. Der Weg ist das Ziel, heißt es nun aber auch. Doch in diesem Fall ist das völlig unangebracht.
Was ihr jetzt fehlt ist Ablenkung. Schließlich muss man auch mal das Ziel vergessen können. An etwas anderes denken. An etwas Schönes denken.
Ach ja, eEs klopft noch immer an der Tür. Sie will aufmachen, kann nichtdoch sie ist zu träge. Ein großer Klumpen an Trägheit. Warum kann die Person, die da so klopft und klingelt nicht die Türe einfach einschlagen? Meine Güte, iIst das denn so schwierig? Einfach dDagegen treten. Aber nein! , die Person klingelt und klopft nur, ohne endlich mal Gewalt anzuwenden. „Ich weiß, dass du da bist!“, sagt diese unfähige Person auch noch. Ja, n<Natürlich könnte sie jetzt hingehen und einfach diese Tür aufmachen. Sie könnte der Person gewissermaßen helfen. Aber warum? Warum sollte sie ihr helfen?
Sie spürt den Druck in ihrem Kopf. Unter Druck kann niemand arbeiten, auch sie nicht. Ob sie sich klonen lassen sollte?ABSATZ WEG.
Nein, keine gute Idee! Sonst gäbe es ja zZwei träge Klumpen hier. Könnte diese klopfende Person nicht wenigstens im Takt klopfen? Oder wenigstens ein Liedchen dazu trällern? ABSATZ WEG. Der eine träge Klumpen sitzt noch immer da. Der Druck im Kopf vergrößert sich. Ja, ja zu schwach um zu kämpfen, doch auch wieder viel zu starrköpfig um aufzugeben. „Ich schlag dir gleich dir Türe ein, wenn du mir nicht sofort aufmachst!“, brüllt nun diese unmusikalische, klopfende Person da vor der Tür.
Natürlich will niemand ausgeschlossen bleiben. Jeder drängt sich ja gewissermaßen immer wo dazu. Wenn nur nicht dieser Druck wäre. Der Klumpen schluckt nun seine Tabletten. Somit verschwindet der Druck wieder für ein paar Stunden. Toll was alles die Medizin heute schon kann. Das Klopfen hat aufgehört. Die klopfende Person hat also auch keinen starken Willen. Natürlich nicht, sonst hätte sie ja schließlich unerbittert weiter geklopft. Aber nein, Ist zu träge, zu faul war sie. Warum soll dann der träge Klumpen kämpfen?
Was war gleich noch mal das Ziel? Die Tabletten wirken. Wieder einmal bezwingt die Medizin diesen unsagbaren Druck.
Der träge Klumpen war nicht schon immer träge. Nein, fFrüher war der träge Klumpen ganz anders. Er und hat jedes Mal die Tür geöffnet, wenn jemand unrhythmisch geklopft hatte. Jedes Mal. Doch jetzt ist nun alles anders. Nun , wo sie von ihrem Hausmedizinmann erfahren hat, dass ist ein böser Geist in ihren Kopf eingezogen ist [Besser noch: „in sie gezogen“.] . Nun wohnt dieser Geist in ihrem Kopf. Er bezahlt nicht einmal Miete. Er hat sie nicht einmal um Erlaubnis gefragt. Nein, ganz still und leise ist er eingezogen. Ihm gefällt es wohl da oben drin. Der böse Geist spottet über die heutige Medizin und vor dem Medizinmann hat er auch keine Achtung.
Jetzt muss der träge Klumpen nun mal die Tabletten einnehmen, damit das Klopfen des bösen Geistes nicht mehr zu hören ist. und schluckt Tabletten gegen das Schlucken gegen das Klopfen. Jedoch Tabletten gegen das Klopfen an der Haustür gibt es leider noch nicht. So weit scheint also die Medizin doch noch nicht fortgeschritten zu sein.
Was ist aber, wenn der böse Geist nicht mehr aus ihrem Kopf ausziehen will? Dann, das hat sich der träge Klumpen geschworen, will er kämpfen.
Klick macht es und dann Da geht plötzlich die Haustür plötzlich auf. Eine Person tritt ein. Der Hausmeister folgt ihr, den Schlüsselbund noch in der Hand. Ohne jegliche Gewalt, einfach so. Dann steht diese Person plötzlich mit dem Hausmeister vor dem trägen Klumpen. „Warum hast du nicht aufgemacht? Du kommst noch zu spät ins Krankenhaus!“ , sagte der Klopfer mit seltsamem Gesichtsausdruck. „Ja!“, sagt der Klumpen und fragt:. „Kann man böse Gehirngeister heutzutage schon klonen?“, fragt der Klumpen den Klopfer. „Hast du etwa Alkohol getrunken? Das darfst du doch nicht vVor der Operation machen!? “, sagt der Klopfer jetzt sehr böse. Der träge Klumpen zuckt mit den Achseln.
„Ich wollte nur noch einmal mit meinem Geist einen Drauf machen, bevor er aus meinem Kopf auszieht!“, erklärt das klumpige Frauengeschöpf geistesabwesend.
Das Ziel steht wieder klar und deutlich vor ihr - endlich kKeine Schokolade mehr essen.
[Undosweiter. Das hier hängt alles. Andere Pointe suchen.] Zwar bekommt man von Schokolade Glücksgefühle, aber auch bitterböse Pickel.
Ob Gehirngeister auch gerne Schokolade essen?
ich habe die geschichte mit 16 geschrieben und erst letzt wieder entdeckt. natürlich würde ich sie heute auch nicht mehr so schreiben, fand sie aber trotzdem ganz interessant.
habe sie auch versucht umzuschreiben, aber dann kam eine ganz andere geschichte heraus, die mir überhaupt nicht mehr gefallen hat.
Danke für ihre anmerkungen, vielleicht finde ich so noch mal einen zugang zur geschichte
Bleiben Sie dazu ganz in der Grundgschichte: Erzählen Sie, wie sich da jemand eingräbt und gegen jeden Kontakt von außen stemmt, aber bleiben Sie in der Passivität; Aggressioen allenfalls in den Gedanken zulassen. Schreiben Sie das rein aus der Ich-Perspektive... also keine Beschreibungen der Person mitliefern, auch nicht, daß sie dick ist.
Sie werden sehen, welch eine Kraft das dann bekommt. Auf keinen Fall: Diagnose stellen; lassen Sie das ganz offen.
Sie liegt rücklings auf mir und stöhnt. Ich spüre ihre junge, weiche Haut, die sich auf ihren Engelsflügelchen abschält wegen des Sonnenbrands, das lange, über mich hingebreitete, gelockte Haar, ich spüre die Kuhle ihres Rückgrats, die Blasen an ihren Füßen, die sich in mich stemmen, ich spüre die Rundung ihres hübschen Hinterns schwer auf mich drücken. Ihr Unterleib bewegt sich schneller auf mir, dann flucht sie laut: „Diese Scheißmatratze, es quietscht bei jeder Bewegung, verdammt noch mal, das macht mehr Lärm als ich!“ Sie muss lachen. Ich finde das gar nicht komisch.
Ich bin eine französische Federkern-Matratze, zehn Zentimeter dick, zwei Meter lang und einen Meter zwanzig breit, für zwei die sich lieben oder besser: frisch verliebt haben. Seit fünfzig Jahren bin ich in diesem Hotelzimmer, das spricht für meine Qualität. Ich lasse mich doch nicht beschimpfen, jetzt! Das Quietschen der Federn spricht nur für mich, zeichnet mich aus als treu und ergeben. Ich stand stets zur Verfügung, wenn jemand mich brauchte und scheute keine Beschwerlichkeiten. Ich bin besudelt von täglichem und nächtlichem Schweiß, von Blut, von Sperma und süß-saurer Frauenflüssigkeit, von Speichel und Tränen, Urin, Rotwein und Kaffee, all das ist tief in mich eingedrungen. Ich bin imprägniert mit den Ausscheidungen der Menschen, die sich auf mir ausruhten, amüsierten, stärkten, betranken, rauchten, feierten oder trauerten. Mein hellblaues Blumenmuster ist verblasst und ich bin befleckt in allen Farben, durchlöchert von verglimmenden Zigarettenstummeln und sich in mich krampfenden Fingernägeln, selbst gebissen wurde ich ab und an, in rasender Wollust. Aber auch geküsst. In ungeduldiger Erwartung des Geliebten, in unglücklicher Sehnsucht nach dem, der einen verlassen hat.
Sie haben mir eines Tages einen Überzug verpasst, beige und hässlich, der die Befleckungen versteckt, mich auf allen Seiten fest umschließt und nach Plastik riecht. Ich erinnere mich noch an das Ruckeln des Reißverschlusses, es wurde immer enger und dunkler und dunkler. Seitdem bin ich beinahe blind. Durch die durchscheinenden, billigen Leintücher war genug zu sehen, aber durch den dichtgewebten Überzug erkenne ich nur noch Umrisse, Schatten, Schemen. Wenn ich alleine bin, dann bin ich jetzt alleine, ich langweile mich, kann nicht mehr aus dem Fenster blicken, vorbei. Ich mochte den Himmel über Paris, die Sonne, die Wolken, die Schwalben, das liebestrunkene Vibrieren der Luft, die kühlweiße Mondsichel. Jetzt spüre ich nur noch die Sonne warm auf mir und den Herbstwind, wenn jemand das Fenster öffnet und lausche dem Vogelsang.
Ich fühle mich unwohl in meiner Verpackung, das Plastik trennt mich von der Außenwelt, der Welt die ich liebe, den Menschen, die auf mir leben. Ich bin eine leidenschaftliche Matratze. Ich will sie fühlen und riechen und hören, ich will sie sehen, ich mag es, wenn sie mich benutzen und beschmutzen, das ist mein Zweck. Ich liebe die Tragödien, die auf mir vonstatten gegangen sind, ich liebe Ehebrüche und Entjungferungen, ich liebe das erste Mal und das letzte Mal, auch nach der Trennung, ich liebe den Schlaf, den erschöpften und unruhigen, das Wachliegen und ich liebe das Glück, das sich auf mir vollzieht, immer wieder.
Das Zimmer, mein Zimmer ist klein, sehr klein, ich an Stelle der Menschen würde mich beschweren, aber die meisten, die hierher kommen, sind noch so jung, dass sie gar nicht wissen, wie das geht. Das macht sie angenehm. Ich habe schon öfter im Gespräch gehört, dass dies das günstigste Hotel in ganz Paris sein soll. Immerhin ein Superlativ. Dass ich die wahrscheinlich älteste Matratze in Paris bin, erfährt besser niemand. Das Zimmer ist so klein, dass die Besucher nicht wissen, wo sie ihre Koffer abstellen, nicht wissen, wo sie überhaupt stehen sollen, man kann nicht einen Bogen schlagen um mich, man fällt geradezu auf mich, sobald man eintritt.
Ich mag das. Dann spüre ich, dann schnuppere ich, dann lausche ich, genieße ich. Vielen Gästen gefällt das auch und ich wundere mich fast, wie oft sie wiederkehren im Laufe des Tages, wie kurz ihre Ausflüge sind, wie wenig Zeit sie in der Stadt der Liebe verbringen und statt dessen auf mir: mit Liebe. Gerade die Unumgänglichkeit des Niedersinkens auf mich, die Unmöglichkeit eines anderen Aufenthalts, ja einer anderen Tätigkeit in diesem Zimmer scheint verlockend zu wirken. Das erfreut mich, jedes Mal.
Auch diese beiden sind heute zum vierten Mal hier. Heute morgen leise, im Halbschlaf, mehr ein Schieben als Bewegen, heute Mittag nach dem duftenden Baguette mit Käse, dessen Krümel auf mich niederregneten, nach dem Rotwein, laut und lachend, heute Nachmittag zärtlich und schläfrig vor einer kurzen Siesta und jetzt nur sie allein. „So geht das nicht!“, sagt sie. „Ach so,“ er lässt sich neben ihr auf mich fallen, auch er jung, schlank, sein Körper fester als ihrer, sein kurzes Haar kitzelt mich, „Du vertraust mir also nicht!“ Er meint es nicht ganz ernst, er ist sich ihrer so gewiss. „Doch,“ lacht sie, „ich vertraue nur der Matratze nicht.“ Ich will empört sein, bin aber schon viel zu beschäftigt mit dem Gerangel, das da entsteht, dem Armgewirr und Beinverknoten, dem lauten, schmatzenden Küssen und leisen Kichern, seinem neckenden Prusten auf ihrem Bauch, ihren flink-kitzelnden Händen an seinen Rippen. Dann wird es ruhiger, aber die Verknotungen bleiben bestehen.
Ihre Unterhaltung gleicht jetzt einem Gurren, er spricht mit den Lippen nah an ihrem Hals und sie lacht leise und hell, ihr Glucksen, das durch ihren Körper fließt, bringt mich zum Beben. „Du, Du,“ flüstert er und sein Mund wandert, er haucht es auf ihre Haut, „Du, Du...“ wiederholt er immer wieder an verschiedenen Stellen ihres Körpers. Ihr Leib vibriert auf mir, aber nicht mehr vor Lachen. „Duuuuu...“, raunt er lange in ihren Schoß. Wie glücklich die beiden sind. Doch dann steht er ganz plötzlich auf und ich nehme wahr, wie sein Schatten auf dem Boden niederkniet. „Was tust Du“, sagt sie kichernd, „ich bin eine emanzipierte Frau!“, reicht ihm ihre schlanke Hand hinunter und zieht ihn wieder auf mich. Sie kniet jetzt auf mir und dann spüre ich, wie auch seine Knie sich ihr gegenüber in mich bohren, sie scheinen sich an den Händen zu halten. Es wird ganz still auf einmal und erwartungsvoll.
„Für immer?“, fragt er nur, leise, und schluckt seinen Speichel nach. Ein Zittern läuft durch ihren Körper, als sie „Ja“ wispert, kaum vernehmbar.
Ich würde weinen, wenn ich könnte. Die in mir bewahrte Feuchtigkeit sammelt sich als Kondenswasser an meiner Plastikhülle und ich erwarte ein Erdbeben.
Das Beben wird lang, sanft und für die Ewigkeit, ich atme die Gerüche ihrer jungen Körper, ich höre ihre Münder unaufhörlich aufeinander ruhen, ich ahne, wie tief sie sich in die Augen blicken, ich schmecke Süßes und einige Tropfen Salziges. Dann höre ich die Frau telefonieren, mit der Rezeption. Was ich kosten würde, fragt sie, ob sie mich mitnehmen kann, nach Hause. Vollkommenes Glück.
P.S.: Ich würde diesen Text gerne bei einer öffentlichen Lesung vortragen (am Freitag) und würde ihn deshalb gerne noch korrigieren, überarbeiten etc. Außerdem meinte Prof. Grimminger (dessen Literaturwerkstatt ich besuche), ich solle mir noch einen anderen Titel überlegen, ich bin also dankbar für jeden Vorschlag!
Ich beschränke mich erst einmal auf eine methodische Betrachtung.
Um wirklich aus der „Sicht“ der Matratze zu schreiben, sollten Sie sich, meine ich, dafür entscheiden, ihr nur diejenigen sinnlichen Wahrnehmungen zuzugestehen, die eine augen- und nasenlose Matratze, die Bewußtsein hat, haben kann: das sind ausschließlich haptische, wozu ich dann auch Empfindungen wie „feucht“, „naß“, „kalt“, „warm“ usw. zählen würde – aber nichts, was etwa einen Gesichtssinn verlangt, nichts auch, was Geruchs- und Geschmackssinne anbelangt, nichts, was sich auf Geräusche bezieht. Stellen Sie sich das s o vor: Eine Matratze hat keine Augen, keine Nase, keinen Mund, keine Ohren; sehr wohl aber hat sie H a u t. Und aus der Perspektive der Haut können Sie schreiben, können Sie die Matratze also auch erzählen lassen. Wenn Sie das hinbekommen, wenn Sie in die Plausibilität der Matratze hineingehen, die eben nur rein Haut i s t, dann wird das ein ganz toller Text.
Ich hatte eben angefangen, Einzelheiten zu notieren, merke aber, daß das ablenkt. Meine Empfehlung ist deshalb, daß Sie alles erst einmal hinausstreichen, was sich nicht ausschließlich auf die Haut der Matratze bezieht. Selbstverständlich kann sie sich, und m u ß das auch, weiterhin Gedanken machen, aber sie muß sie aus ihrer Hautempfindung ableiten. Klar wurde mir das, wo Sie von dem künstlichen Überzug erzählen, unter dem die Matratze leidet. Das ist absolut poetisch wahr, nicht aber sowas wie „hübscher Hintern“; während Sie „kleiner“ wieder schreiben können, weil sich das aus der Matratzen“sicht“ über das Gefühl vergleichen läßt, das verschiedene Gesäße in sie eingedrückt haben. Sie können auch, was „feucht“ anbelangt, tatsächlich von Schweiß, Urin, Sperma usw. schreiben, denn das kann die Matratze „wissen“, das muß sie nicht sehen. Nur streichen Sie Ihr den Gesichts-, Geschmacks- und Geruchssinn weg. Reduzieren Sie, was die Matratze erzählt, auf diese ihre taktilen Empfindungen und stellen Sie den Text dann bitte noch einmal ein. Dann gehe ich an die Einzelheiten.Und ich tu das dann gerne heute noch, weil Sie es ja eilig haben.
Der „Trick“ besteht darin, einen Modus zu finden, der eine Matratze für einen Leser zu einer Person macht, mit der man empathisch mitfühlen kann, ohne doch allzu viel an Identität herbeizuschwindeln; gleichzeitig muß die Matratze nämlich Matratze bleiben. Nehmen Sie sie als Person ernst, dann wird es auch der Leser tun. Es ist wie bei Tierfilmen: Wenn man Tiere zu sehr anthropomorph macht, wird ihnen die eigentlich interessante Fremdheit genommen, und sie werden verkitscht. Gute Tierfilme sind diejenigen, die immer eine moralische Akzeptanz des Fremden mittragen, was nur über tolerante Distanz geht. Aus der geschieht dann aber Nähe. Für Ihren Matratzen“film“ gilt das ganz genau so.
Vielen herzlichen Dank schon einmal für diese Überlegungen, ich mache mich an die Arbeit und stelle das Ergebnis dann baldmöglichst hier ein. Da muss ich mir noch allerhand Gedanken machen...
Ich habe nun viel nachgedacht und habe den Text jetzt in Ihrem Sinne etwas geändert, aber nicht vollständig so, wie Sie es beschrieben: ich kann auf das Hören der Matratze einfach nicht verzichten, sonst kann ich die Geschichte nicht erzählen, die ich erzählen möchte, die Worte des Paars nicht wiedergeben und auch anderes nicht. Deshalb habe ich nur alle anderen Sinne (Schmecken, Riechen, Sehen) gestrichen und eine Erklärung fürs Hören eingefügt, von der ich allerdings nicht sicher bin, ob es vorteilhaft ist, wenn ich sie beibehalte. Hier also die neue Version:
Sie liegt rücklings auf mir und stöhnt. Ich spüre ihre junge, weiche Haut, die sich auf ihren Engelsflügelchen abschält wegen des Sonnenbrands, das lange, über mich hingebreitete, gelockte Haar, ich spüre die Kuhle ihres Rückgrats, die Blasen an ihren Füßen, die sich in mich stemmen, ich spüre die Rundung ihres Hinterns schwer auf mich drücken. Ihr Unterleib bewegt sich schneller auf mir, dann flucht sie laut: „Diese Scheißmatratze, es quietscht bei jeder Bewegung, das macht mehr Lärm als ich!“ Sie muss lachen. Ich finde das gar nicht komisch.
Ich bin eine französische Federkern-Matratze, zehn Zentimeter dick, zwei Meter lang und einen Meter zwanzig breit, für zwei die sich lieben oder besser: frisch verliebt haben. Seit fünfzig Jahren bin ich in diesem Hotelzimmer, das beweist meine Qualität. Ich lasse mich doch nicht beschimpfen, jetzt! Das Quietschen der Federn spricht nur für mich, zeichnet mich aus als treu und ergeben. Ich stand stets zur Verfügung, wenn jemand mich brauchte und scheute keine Beschwerlichkeiten.
Ich bin besudelt von täglichem und nächtlichem Schweiß, von Blut, von Sperma und süß-saurer Frauenflüssigkeit, von Speichel und Tränen, Urin, Rotwein und Kaffee, all das ist tief in mich gedrungen. Ich bin imprägniert mit den Ausscheidungen der Menschen, die sich auf mir ausruhten, amüsierten, stärkten, betranken, rauchten, feierten oder trauerten. Mein hellblaues Blumenmuster ist verblasst und ich bin befleckt in allen Farben, durchlöchert von verglimmenden Zigarettenstummeln und sich in mich krampfenden Fingernägeln, selbst gebissen wurde ich ab und an, in rasender Wollust. Aber auch geküsst. In ungeduldiger Erwartung des Geliebten, in unglücklicher Sehnsucht nach dem, der einen verlassen hat.
Eines Tages haben sie mir einen Überzug verpasst, der die Befleckungen verstecken soll, mich auf allen Seiten fest umschließt und nach Plastik riecht. Ich erinnere mich noch an das Ruckeln des Reißverschlusses, es wurde immer enger und jedes Geräusch[, dessen Schallwellen sich über meine Metallfedern in mich übertragen,] leiser. Wenn ich alleine bin, niemand im Zimmer ist, dann bin ich jetzt tatsächlich ganz alleine, ich langweile mich. Seitdem spüre ich die Wärme der Sonne nur noch im Sommer auf mir, wenn sie stark genug ist, auch durch das Plastik zu wärmen, so wie heute, und den Herbststurm, wenn jemand das Fenster geöffnet lässt, nicht mehr jeden sanften Windhauch. Der Vogelsang, das Rufen der Schwalben und Akkordeonklänge der Straße dringen kaum noch zu mir, die Gespräche der Menschen muss ich erraten, wenn sie nicht direkt an mich, in mich sprechen, auf mir ruhend.
Ich fühle mich unwohl in meiner Verpackung, das Plastik trennt mich von der Außenwelt, der Welt die ich liebe, den Menschen, die auf mir leben. Ich bin eine leidenschaftliche Matratze. Ich will sie fühlen und hören, ich mag es, wenn sie mich benutzen und beschmutzen, das ist mein Zweck. Ich liebe die Tragödien, die auf mir vonstatten gegangen sind, ich liebe Ehebrüche und Entjungferungen, ich liebe das erste Mal und das letzte Mal, auch nach der Trennung, ich liebe den Schlaf, den bewegungslos erschöpften und den unruhigen, das Wachliegen und Hin-und-Her-Wälzen und ich liebe das Glück, das sich auf mir vollzieht, immer wieder.
Das Zimmer, mein Zimmer ist klein, sehr klein, ich an Stelle der Menschen würde mich beschweren, aber die meisten, die hierher kommen, sind noch so jung, dass sie gar nicht wissen, wie das geht, nicht auf die Idee verfallen, es sei überhaupt möglich. Das macht sie angenehm. Oft ist es ihre erste Reise, ihre erste fremde Stadt mit ihrem Geliebten. Ich habe schon mehrmals im Gespräch gehört, dass dies das günstigste Hotel in ganz Paris sein soll. Immerhin ein Superlativ. Dass ich die wahrscheinlich älteste Matratze in Paris bin, erfährt besser niemand. Das Zimmer ist so eng, dass die Besucher nicht wissen, wo sie ihre Koffer abstellen, nicht wissen, wo sie überhaupt stehen sollen, man kann nicht einen Bogen schlagen um mich, man fällt geradezu auf mich, sobald man eintritt.
Ich mag das. Dann spüre ich ihre Körper, dann kann ich ihren Gesprächen lauschen, wenn sie mir nah sind, auf mir liegen, dann genieße ich. Vielen Gästen gefällt das auch und ich wundere mich fast, wie oft sie wiederkehren im Laufe des Tages, wie kurz ihre Ausflüge sind, wie wenig Zeit sie in der Stadt der Liebe verbringen und statt dessen auf mir: mit Liebe. Gerade die Unumgänglichkeit des Niedersinkens auf mich, die Unmöglichkeit eines anderen Aufenthalts, ja einer anderen Tätigkeit in diesem Zimmer scheint verlockend zu wirken. Das erfreut mich, jedes Mal.
Auch diese beiden – erst gestern hier angekommen und es gäbe noch viel zu entdecken – sind heute bereits zum vierten Mal hier. Heute morgen leise, im Halbschlaf, mehr ein Schieben als Bewegen, heute Mittag nach dem Baguette mit Käse, dessen Krümel auf mich niederregneten, nach dem Rotwein, laut und lachend, heute Nachmittag zärtlich und schläfrig vor einer kurzen Siesta und jetzt nur sie allein, deren Becken sich auf mir bewegt. „So geht das nicht!“, sagt sie. „Ach so, Du vertraust mir also nicht!“, er lässt sich neben ihr auf mich fallen, auch er jung, schlank, sein Körper fester als ihrer, sein kurzes Haar kitzelt mich. Er meint es nicht ernst, er ist sich ihrer so gewiss. „Doch,“ lacht sie, „ich vertraue nur der Matratze nicht.“ Ich will empört sein, bin aber schon viel zu beschäftigt mit dem Gerangel, das da entsteht, dem Armgewirr und Beinverknoten, dem lauten, schmatzenden Küssen und leisen Kichern, seinem neckenden Prusten auf ihrem Bauch, ihren flink-kitzelnden Händen an seinen Rippen. Dann wird es ruhiger, aber die Verknotungen bleiben bestehen.
Ihre Unterhaltung gleicht jetzt einem Gurren, er spricht mit den Lippen nah an ihrem Hals und sie lacht leise und hell, ihr Glucksen, das durch ihren Körper fließt, bringt mich zum Beben. „Du, Du,“ flüstert er und sein Mund wandert, er haucht es auf ihre Haut, „Du, Du...“ wiederholt er immer wieder an verschiedenen Stellen ihres Körpers. Ihr Leib vibriert auf mir, aber nicht mehr vor Lachen. „Duuuuu...“, raunt er lange in ihren Schoß. Wie glücklich die beiden sind. Doch dann steht er ganz plötzlich auf. „Was tust Du“, sagt sie kichernd, „Du brauchst nicht vor mir niederzuknien, ich bin eine emanzipierte Frau!“, reicht ihm ihre schlanke Hand hinunter und zieht ihn wieder auf mich. Sie sitzt jetzt und dann spüre ich, wie seine Knie sich ihr gegenüber in mich bohren, sie scheinen sich an den Händen zu halten. Es wird ganz still auf einmal und erwartungsvoll.
„Für immer?“, fragt er nur, leise, und schluckt seinen Speichel nach. Ein Zittern läuft durch ihren Körper, als sie „Ja“ wispert, kaum vernehmbar.
Ich würde weinen, wenn ich könnte. Die in mir bewahrte Feuchtigkeit sammelt sich als Kondenswasser an meiner Plastikhülle und ich erwarte ein Erdbeben.
Das Beben wird lang, sanft und für die Ewigkeit, ich höre ihre Münder unaufhörlich aufeinander ruhen, ihre engumschlungenen Körper lasten auf mir wie ein einziger, ich ahne, wie tief sie sich in die Augen blicken und ich spüre einige Tropfen fallen auf mich. Dann höre ich die junge Frau telefonieren, mit der Rezeption. Was ich