Maximilian Prang (Gast) meinte am 2007/11/24 12:55:
@ANH Kritik
Vielen Dank für die Vorschläge. Ich kann und konnte auch schon beim letzten Text Ihre Korrekturen nachvollziehen. Bei Geschwätzigkeit gibt es kein Pardon, die muss weg. Allerdings haben wir anscheinend auch eine unterschiedliche Vorstellung von Literatur. Sie gehen von einem intellektuellen Leser aus, jemand, der genauso viel Erfahrung mit komplexen Texten hat wie Sie. Aber das ist nicht mein Adressat. Ich will möglichst viele Leser erreichen. Sie haben zu meinem ersten Text angemerkt: "Sie wollen sicher nicht dem Leser nach dem Mund reden." Doch, in gewisser Weise schon. Ich versuche zu sein wie der Rattenfänger von Hameln, mit Leseratten. Es wäre ungeschickt, Zwölftonmusik zu spielen. Ich versuche eine Mischung aus Beethoven und Jay-Z.Konkret zum Text: Wenn ich das Ende entsprechend Ihrem Vorschlag kürze, dann entsteht der Eindruck, dass die Mathematik tatsächlich zu einer Lösung des Problems führe. Genau das soll allerdings nicht der Fall sein. Wenn man schreibt, dann läuft man Gefahr, dass sich die mangelnde Präzision (Bedeutungshöfe) der einzelnen Worte zum Ende hin aufsummiert und man orientierungslos dasteht. Die Mathematik schließt das aus, indem sie zu Anfang klare Axiome definiert. Allerdings kommt sie mit ihrem rein logischen Vorgehen auch immer nur zu diesen Axiomen zurück. Sie ist eine reine Umformulierung, in sich selbst gefangen, eine Tautologie. Da ich Mathematik als eine am äußeren, rationalen Spektrum angesiedelte Sprache ansehe, dachte ich, dass diese Darstellung etwas zu ihrer These mit dem Wasserglas beiträgt. Beschreibt man es mit Mathematik, dann bleibt es ein Wasserglas, benutzt man Worte, so findet es Anbindung zum Kosmos. Es gibt einen Trade-off zwischen Präzision und dem Finden von Verbindungen. Man kann nicht beides maximieren.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4456014/#4476490
albannikolaiherbst antwortete am 2007/11/24 13:12:
@Maximilian Prang. "Ich will möglichst viele Leser erreichen."
Dann sollten Sie Lore-Romane schreiben. Dagegen ist nichts einzuwenden; aber: Insoweit ich hier von Literatur spreche, geht es mir um Grundlagen für Dichtung. Wobei Ihr Beethoven-Beispiel ziemlich hinkt, da gerade dieser Komponist zu seiner Zeit in einigem zurechtgestutzt wurde; ich denke da insbesondere an die Bläsereinsätze in der Dritten; um von den späten Streichquartetten zu schweige, die - Höhepunkte der globalen Kompositionskunst insgesamt - noch bis in die Fünfziger des letzten Jahrhunderts selbst Musik-Experten für mißlungen galten. Was Ihr mathematisches Ende anbelangt, so habe ich das durchaus als parodistisch gesehen und d a r a u f mit Lust reagiert und nicht etwa, weil ich es als einen Beschreibungsansatz ernstgenommen hätte. Es ist ja gerade das Unterlaufen des Beschreibungsansatzes.
Der Rattenfänger von Hameln erinnert mich an den "langen Marsch durch die Institutionen" der 68er, die ernsthaft glaubten, die Institutionen subversiv unterlaufen zu können, aber ihrerseits geradezu restlos von den Instanzen unterlaufen worden sind. Abgesehen davon, daß "ich will möglichst viele Leser erreichen" immer schon voraussetzt, man wisse, was diese zu lesen vermögen und was nicht. Ich halte diesen Satz in seiner Endkonsequenz für manipulativ und arrogant, auch und gerade, wenn er aus einer starken Menschenliebe heraus gesprochen ist.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4456014/#4476514
albannikolaiherbst antwortete am 2007/11/24 15:23:
Ich habe eben einen Kommentar von ferromonte gelöscht, der mein Vorgehen persönlich kritisiert.
An sich ist das in Ordnung, aber gehört nicht hier in die Werkstatt, nicht von einem, der weder an der Werkstatt teilnimmt noch eigene Texte zur Diskussion stellt. Täte er es, wäre es etwas anderes.Im übrigen steht es Werkstatt-Teilnehmern selbstverständlich frei, mein Vorgehen zu kritisieren; ihnen gegenüber stelle ich mich hier j e d e r Diskussion. Nicht aber einem Anwurf von außen, dem persönliche Vorbehalte zugrundeliegen.
Genau so habe ich neulich ein Lob gelöscht, das von außen kam; auch dieses gehörte hier nicht hin. Ich habe jetzt der inneren Weisheit gehorcht und für meine persönlichen Kritiker >>>> eine eigene Rubrik eingerichtet.
ANH
24.11.07, 15.20 Uhr
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4456014/#4476762
Karl Gumbricht antwortete am 2007/11/24 21:58:
Hallo Herr Prang,ich will agr nicht zu sehr auf die von Ihnen beanspruchte Leserschaft eingehen. Der Text den Sie formuliert haben würde aufgrund seiner Lust zu Erzählen auch jene nicht vergraulen, die Sie als Zielgruppe im Kopf haben. Und wenn doch, dann ließe sich in einem Rollback die Geschichte analog zu ANHs Streichungen in das verwandeln, was Ihnen vorschwebt, da bin ich sicher.
Mich fasziniert viel eher, dass der Text "trotz" der Streichungen funktioniert. Und mich fasziniert wie Streichungen funktionieren. Eine der größten Herausforderung ist für mich das Redigieren eigener Texte - ich weiß darum, wie nötig sie es hätten! Vor allem der "Geschwätzigkeit" und dem "Redundanten" auf die Schliche zu kommen. Beides Elemente, die auch in einfacher angelegten Texten die Qualität ausmachen (Ich möchte da Astrid Lindgren erwähnen oder auch, aktueller: Kerstin Boje, C. Funke). Einfachheit ist, glaube ich am schwierigsten herzustellen. Wenn das ihr Ziel ist, ist es eine Wahl des Sujets, viel eher, als die Wahl der Mittel. Eine mathematische Formel - nur als Beispiel - lockt nicht jeden aus der Reserve.
Zu dem Ende der Geschichte; gekürst wurde:
Natürlich! Ich benötige eine andere Sprache, um den definitiv höchsten Punkt, den Anfang meines Kopfes zu finden, eine präzisere. - Die Mathematik.
Errechnung des Maximums der Haarparabel:
Axiome:
...dann folgt die Formel...
Ich muss feststellen, dass die Streichungen NICHTS erzählen. Sie erklären einen Prozess für den Sie ein sehr schön eingeleitetes Bild entwickelt haben. Das ist auch einem Leser, der sich vielleicht mit hoher Literatur schwer tut nicht unbedingt ein Gewinn. Kästner ist noch so ein Erzähler, der ziemlich Präzise ist. Er benutzt teilweise, wie andere Jugend und Kinderbuchautoren das Mittel des präsenten Erzählers, wenn sie die Wirklichkeitsebenen der Welt der Erwachsenen mit der der Kinder abgleichen wollen. (Ich entschuldige mich mal prophylaktisch bei allen anwesenden Germanisten und Poetikdozenten, die es wahrscheinlich besser wissen als ich - es ist lediglich meine Erfahrung als Leser und Vorleser, der ich hier folge).
Herr Prang, wie ich Sie verstanden habe, erzähle ich nichts Neues. Es ist nur als Überlegung aus Ihrer Replik entstanden und deswegen schreibe ich es hier her. Das folgende knüpft an Ihre Kritik, Herr Prange im Grunde gar nicht an:
Ich kann ANHs Forderung nach Dichtung gut folgen (wie Sie im Grunde ja auch), da ich es als Anspruch an eine Verdichtung von Inhalt und Sprache verstehe, die durchaus auch genreübergreifend wirkt. In Anlehnung an die Debatte, die ANH durch die Mitteilung bezüglich der Streichung eines Beitrages hier unten andeutete, möchte ich hinzufügen, dass es in dieser Werkstatt nur darum gehen kann eine Methodik zu erfahren. Es ist mit einer Meisterklasse zu vergleichen - im besten Sinne. Die Schüler verlassen sich auf die Könnerschaft des Meisters. Man erduldet den Meister auch und gerade in seiner Persönlichkeit, weil diese sein Denken und Können ausmacht (Ich glaube Ihnen, Herr ANH, wurde unter anderem Eitelkeit unterstellt - so waht?). Wer diesen Raum verlässt, der wende sich anderen Meistern zu, dass ist nur billig und recht und vor allem: notwendig.
Ich hoffe das war nicht allzu geschwätzig...
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4456014/#4477615
sirenomele (Gast) antwortete am 2007/11/24 22:20:
'ich will möglichst viele leser erreichen.'
- da sträubt sich mir das nackenhaar. ganz abgesehen davon, dass ich dann keine literatur lesen möchte, die viele leser erreichen möchte. ja, ich würde sogar darum bitten, dass man mich davor verschone.ehrlich gesagt, wenn mir etwas vorräsonniert wird, dann empfinde ich DAS als menschenfeindlich. ich will selbst denken und selbst fühlen, denn das gehört zu mir als einem menschen. und ich möchte ernst genommen werden als leser!!! - den konsens stabilisieren, das tun schon viel zu viele.
- und irgendwie ist das doch auch eine wichtige funktion von literatur überhaupt - das aufzubrechen, was jeder dem anderen nach dem munde zu reden glaubt.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4456014/#4477671





















