sirenomele meinte am 2007/11/22 04:27:
portraire
(ich schreibe keine prosa und kann keine prosa schreiben. ich habe die aufgabe auf meine art gelöst oder umgangen – und letztlich doch einen versuch in fließender sprache gewagt. das ist er)das gesicht gehört einer frau, slawischer typus – es ist breit mit hohen wangenknochen.
die frau hat aschblondes, langes haar, in das sie einen seitenscheitel gekämmt hat. über dem aufgeworfenen fleisch der lippen eine flache nase und darüber dünne, zur schläfe gebogene augenbrauen. ihr gesicht ist süß wie das eines kindes, dem man ein stück schokolade weggenommen hat.
wenn du näher herankämest, könntest du der wegweisung ihrer mundwinkel folgen und daran ihr alter erkennen. du würdest sehen, dass sie make-up benutzt, um ihrer haut, der geschundenen haut, reinheit zu geben. ihre augen sind am unteren rand gerötet und an den enden krähenfüße.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4456014/#4470059
albannikolaiherbst antwortete am 2007/11/22 10:16:
@sirenomele.
die frau hat aschblondes, langes haar, in das sie einen seitenscheitel gekämmt hat. über dem aufgeworfenen fleisch der lippen eine flache nase [Hier bekommt man kein Bild, oder ein falsches: als wäre die Nase wirklich ü b e r den Lippen; was gerade bei einer f l a c h e n Nase nicht geht; wenden Sie zudem einmal den Blick auf den Zwischenraum von Lippe und Nase... und denken Sie daran, daß man von "Lippenkrone" spricht. Gerade bei aufgeworfenen Lippen muß die ja irgendwo sitzen.] und darüber [Genauigkeit: direkt über der Nase, also zwei übereinander? Oder nicht doch eher daneben u n d darüber. Suchen Sie dafür mal eine Formulierung.] dünne, [Das ist fein:]zur schläfe gebogene augenbrauen. ihr gesicht ist süß wie das eines kindes, dem man ein stück schokolade weggenommen hat [Interessante Parallelisierung: Enttäuschung zu Süße...].
wenn du näher herankämest, könntest du der wegweisung ihrer mundwinkel folgen und daran ihr alter erkennen [Was meint das? Integrierter Pessimismus, daß die Mundwinkel bereits nach unten gehen, weil Lebenserfahrung daran zieht?]. du würdest sehen, dass sie make-up benutzt, um ihrer haut, der geschundenen [eine Spur zu heftig vielleicht] haut, reinheit zu geben [den V o r s c h e i n der Reinheit wohl, weil Make up an sich ja verklebt.]. ihre augen sind am unteren rand gerötet und [haben]an den enden krähenfüße [Hier vielleicht mal etwas sanfter mit sich umgehen: Krähenfüßchen wohl.].
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4456014/#4470452
sirenomele (Gast) antwortete am 2007/11/22 12:32:
rückfragen
ich danke sehr für die schöne kritik!übriggebliebene fragen:
1. ‚gesicht gehört‘ – meinten sie das klanglich? – das ist in der tat hässlich. was die semantik angeht und die visuellen daten, hatte ich es aber gerade so gewollt.
2. keine frage eigentlich - ‚wegweisung ihrer mundwinkel‘ – ja, eine anregung, sich vorzustellen, dass die mundwinkel vermutlich nach unten gehen. (entspricht ja auch der logik des kon-textes.) ich mag andeutungen, bei denen man sich nicht getraut, ihnen ganz zu folgen, als wäre das tatsächliche bild etwas grässliches.
3. ‚reinheit zu geben‘ – eigentlich nicht den anschein. denn wenn a) etwas als etwas erscheint, dann wird es eben genauso wahrgenommen und IST so und nicht anders. b) die logik der sache spricht aus sich selbst; das gesicht kann selbstverständlich nicht rein sein! da jeder weiß (!) dass make-up das gesicht nicht rein macht, sondern nur von fern so erscheinen lässt. diese schlussfolgerung hinzuzudenken mute ich dem leser hier bewusst zu, denn ich selbst möchte als leser nicht unterschätzt werden. – anders: ich versuche einen vagen eindruck, oder einen abgrund zu erzeugen, und nicht, ihn auszusprechen.(denn ausgesprochene abgründe sind irgendwie auch keine richtigen abgründe und ich will abgründe) ich habe ‚anschein von reinheit‘ im vorhinein eben deswegen gestrichen, der ‚anschein‘ erschien mir unnötig. – wenn der ausdruck trotzdem zu kompliziert, zu kühn erscheint, ergeb ich mich aber der kritik!
4. ‚krähenfüße‘ – das ist ein etwas zu absoluter ausdruck mit (zu gewollter?) symbolischer tragweite, ich weiß. vermutlich merkt man, dass ich ihn eben deshalb stehen gelassen habe. - ich gerate in konflikt: wenn ich das auf ‚krähenfüßchen‘ ändern müsste, was ja eher realistischem erzählen entspricht, hätte ich zugleich den impuls, den satz ganz zu streichen. da spricht sicher der pathos aus mir: etwas ist absolut oder krass oder zählt nicht – da es ja um den text und nicht um mich geht: ist der ausdruck im kon-text zu krass? verträgt das der text an sich wirklich nicht? ich flehe gewissermaßen um meinen ‚darling‘, den ich killen muss, weil er mehr noch meinem gesicht entspricht, als alles andere - und das gesicht ist hier doch sprache.
nun ja, die einzige nettigkeit, die ich mir beim schreiben erlaube, ist, dass die absolutheit, nach der mein ausdruck strebt, doch auch seinen reiz habe. – oder doch nicht?
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4456014/#4470870
albannikolaiherbst antwortete am 2007/11/22 13:47:
@sirenomele. Rückantworten.
1. Ich meinte das Possesivpronominale... w e m gehört das Gesicht?Es muß ja dann einen Eigentümer, ein Ich, außerhalb des Gesichtes geben. Das scheint mir aber überhaupt nicht ausgemacht zu sein. Und wenn sich diese Frage stellt, stimmt was an dem Text nicht, - egal, ob ein Ausdruck an sich stimmt oder nicht. Der Trick besteht ja gerade darin, z.B. nicht Stimmendes (real nicht Stimmendes) so zum Ausdruck zu bringen, daß sofort geglaubt wird, daß sich Evidenz herstellt, wie wir das damals am Frankfurtmainer Philosophicum genannt haben.2. "ich mag andeutungen" - man kann aber lyrische Bilder nicht nur andeuten, auch poetische nicht. Es muß immer etwas Evidentes als Antwort aus einem Text herauskommen - auch wenn der Leser das nicht direkt "festmachen" kann.
3.a) "‚reinheit zu geben‘ – eigentlich nicht den anschein. denn wenn a) etwas als etwas erscheint, dann wird es eben genauso wahrgenommen und IST so und nicht anders." Das halte ich für einen bedenklichen Satz. Ich treibe ihn mal in ein böses Extrem: Weil im "Stürmer" Juden als Untermenschen dargestellt wurden, und weil die Leser das so glaubten, seien Juden Untermenschen gewesen? Na kommen Sie, das können Sie nicht ernstlich meinen.
b) "die logik der sache spricht aus sich selbst; das gesicht kann selbstverständlich nicht rein sein! da jeder weiß (!) dass make-up das gesicht nicht rein macht, sondern nur von fern so erscheinen lässt. diese schlussfolgerung hinzuzudenken mute ich dem leser hier bewusst zu" - Es ist aber keine Schlufolgerung, die sich lohnte, weil man sie ja eben bereits als Wissen mitbringt. Also ist die Stelle banal. Und das ist unnötig. ("wenn der ausdruck trotzdem zu kompliziert, zu kühn erscheint, ergeb ich mich aber der kritik!" Es ist schlimmer. Es ist das Gegenteil von kühn.)
4. etwas ist absolut oder krass. - Einverstanden. Aber dann s e i e n Sie kraß. Das mit den Krähenfüßen sagt jede - ich bin mal von Herzen geschlechtspolitisch inkorrekt - also: das sagt jede Samstagsnachmittagsfleischersgattin zu ihren Samstagsnachmittagsfleischersgattinnenfreundinnen.
5. "nun ja, die einzige nettigkeit, die ich mir beim schreiben erlaube, ist, dass die absolutheit, nach der mein ausdruck strebt, doch auch seinen reiz habe. – oder doch nicht?" Nein. Doch nicht. Sie sind im Gegenteil viel zu nett mit sich in diesem Text - und kokettieren mit dem Unnetten.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4456014/#4471069
sirenomele (Gast) antwortete am 2007/11/22 17:46:
nicht kokett
die frau im spiegel hat aschblondes, langes haar, in das sie einen seitenscheitel gekämmt hat. sie hat einen slawischen typus – das gesicht ist breit mit hohen wangenknochen. sie hat aufgeworfene lippen, eine flache nase und zierliche, zur schläfe gebogene augenbrauen. wenn du näher herankämest, würdest du die spannung ihrer mundwinkel wahrnehmen und daran ihr alter erkennen. du würdest ihre ungesunde haut duch das make-up durchscheinen sehen und bemerken, dass ihre augen am unteren rand gerötet sind. an den äußeren enden haben sie krähenfüßchen.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/4456014/#4471678





















