Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

Marlboro, Prosastücke, 1981 Die Verwirrung des Gemüts, Roman, 1983 Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger, Lamento/Roman, 1986 Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, 1993, 2001 Wolpertinger oder Das Blau, Roman, 1993, 2000 Eine Sizillische Reise, Fantastischer Bericht, 1995, 1997 Der Arndt-Komplex, Novellen, 1997 Thetis. Anderswelt, Fantastischer Roman, 1998, (Erster Band der Anderswelt-Trilogie) In New York, Manhattan Roman, 2000 Buenos Aires. Anderswelt, Kybernetischer Roman, 2001, (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie) Inzest oder Die Entstehung der Welt, Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, 2002 Meere, Letzte Fassung 2007. Bei Volltext. Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen, Poetische Features, 2004 Die Niedertracht der Musik, Dreizehn Erzählungen, 2005 Dem Nahsten Orient / Très Proche Orient, Liebesgedichte, 2007 Meere, Letzte Fassung 2007 Aeolia.Gesang / Stromboli. Mit den Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage, 2008 Kybernetischer Realismus, Heidelberger Vorlesungen. Manutius Heidelberg 2008Der Engel Ordnungen, Gedichte. axel dielmann - verlag 2009 d e

 
gloria_m meinte am 2007/11/20 22:07:
Der Spiegel und das Ich
Ich blicke in den Spiegel und entdecke einen Lehmklumpen, der fein säuberlich zu einem runden Gesicht modelliert ist. Es ist immer das gleiche Gesicht und doch wirkt es jeden Tag anders, wirkt es jeden Tag verändert. Ich sehe diese blaugrauen Augen, die an eine glückliche Kindheit erinnern, was dieser müde Blick einen jedoch schnell vergessen lässt.
Ich sehe diese schmale lange Nase, die das Gesicht in zwei Hälften teilt und dem genauen Betrachter verrät, dass dieses runde Gesicht nicht ganz symmetrisch ist.
Ja, was sehe ich noch? Eigentlich nichts Auffälliges. Nur ein einfaches Abbild. Ein verzerrtes Abbild noch dazu. Wie ein schlecht eingestellter Fernseher wirkt der Spiegel auf mich. Es flackert alles vor meinem inneren Auge. Manchmal gelingt es mir einen kurzen Blick auf etwas richten zu können. Da leuchtet ganz kurz der Mund auf, der mit seinen wohlgeformten Lippen in der Horizontalen schwebt. Ich benutze ihn zum Reden und zum Essen.
Mein Blick schweift wieder ab. Wandert weiter in diesem Gesicht umher. Es wirkt so fremd, so weit weg. Der Spiegel flackert wieder. Eine Dame schreitet ins Bild und deutet lächelnd mit ausgestrecktem Arm auf meine nicht sehr hohe Stirn. „Ein Tiefdruckgebiet hat sich heute Morgen hier gebildet. Es wird wohl gegen Nachmittag weiter in den Süden wandern!“, sagt sie fachmännisch und starrt mich dabei aufdringlich an. Meine Mundwinkel wandern langsam nach unten. Und während ich noch versuche diese Fee genauer zu betrachten, da ist sie auch schon verschwunden und lässt mich mit meinem gefangen Gesicht im Spiegel allein. Verlegen streiche ich über meine glatten dunkelblonden Haare und wandere über meine ebenmäßige Haut, die hier und da narbige Erlebnisse gespeichert hat. Ich versuche noch mehr zu entdecken, ich versuche mich in diesem Spiegel zu finden, zu erkennen. Doch wieder zerfließt alles nur so. Was zeigt mir eigentlich dieser Spiegel? Bin ich das denn wirklich? Der Spiegel fragt nie, er antwortet jedoch auch nie. Ich könnte ihn wahrscheinlich sowieso nicht verstehen. Denn er ist zu glatt und viel zu hart. Er wirkt anorganisch und tot. Er zeigt nur Identitäten, besitzt jedoch selbst keine.
Und woher kann ich wissen, dass dieser Spiegel nicht doch lügt und mir falsche Bilder widerspiegelt? Spiegel müssen schließlich diese Eigenschaft besitzen, denn wie könnte es sonst passieren, dass junge abgemagerte Mädchen nur ein dickes und hässliches Ich in ihnen wieder finden können.
Immer wieder streift mein Blick über ihn, mir will es nicht mehr gelingen mich zu sehen, ich sehe nur noch ihn und seine Macht. Nein, ich kann unmöglich noch etwas Wahres in ihm entdecken. Er ist zu glatt, er ist zu hart. 
albannikolaiherbst antwortete am 2007/11/20 22:46:
@gloria_m, ff.
Was an diesem Text scheitern läßt, ist, daß da spontan eine Warnleuchte angeht: Du darfst hier >>>> das Messer nicht ansetzen! Das ist immer das erste Indiz dafür, es sei keine Lösung vom Urheber erfolgt; wer hier schneidet, schneidet i h n, nicht etwa schnitzt er an der Ästhetik.
Andererseits. Es gibt wirklich verfolgenswerte Ansätze darin. Tun Sie mir bitte den Gefallen und streichen alles weg, was ein Kommentar (Selbstkommentar) ist, z.B.: „es ist immer das gleiche Gesicht“. Weg damit, weil die Aufgabe ist, nur j e t z t in den Spiegel zu sehen und nicht immer gleich das mitzusehen, was Sie erfuhren/was Ihnen widerfuhr. Ich schreib mal hinter einzelne Formulierungen meine Anmerkungen, ohne in diesem Fall von mir aus etwas zu verändern:
Ich blicke in den Spiegel und entdecke einen Lehmklumpen, der fein säuberlich zu einem runden Gesicht modelliert ist. Es ist immer das gleiche Gesicht und doch wirkt es jeden Tag anders, wirkt es jeden Tag verändert [Rein räsonniert.]. Ich sehe diese blaugrauen Augen, die an eine glückliche Kindheit erinnern [Wie das? Blaugraue Augen erinnerten mehr an sie als, sagen wir, braune?], was dieser müde Blick einen jedoch schnell vergessen lässt.
Ich sehe diese schmale lange Nase, die das Gesicht in zwei Hälften teilt und dem genauen Betrachter [Wer ist gemeint?] verrät, dass dieses runde Gesicht nicht ganz symmetrisch ist.
Ja, was sehe ich noch? [Pure Rhetorik, in der Musik würde man notieren: „nicht schleppen!“] Eigentlich nichts Auffälliges [Leere Formel.]. Nur ein einfaches Abbild. Ein verzerrtes Abbild noch dazu. Wie ein schlecht eingestellter Fernseher [Fernseher kann man schlecht einstellen? Und wenn ja: Dann wäre das Bild verschneit, oder? Trifft das auf einen Spiegel zu?] wirkt der Spiegel auf mich. Es flackert alles vor meinem inneren Auge. Manchmal gelingt es mir einen kurzen Blick auf etwas richten zu können. Da leuchtet ganz kurz der Mund auf, der mit seinen wohlgeformten Lippen in der Horizontalen schwebt. Ich benutze ihn zum Reden und zum Essen.
Mein Blick schweift wieder ab. Wandert weiter in diesem Gesicht umher. Es wirkt so fremd, so weit weg. Der Spiegel flackert wieder. Eine Dame schreitet ins Bild und deutet lächelnd mit ausgestrecktem Arm auf meine nicht sehr hohe Stirn. „Ein Tiefdruckgebiet hat sich heute Morgen hier gebildet. Es wird wohl gegen Nachmittag weiter in den Süden wandern!“, sagt sie fachmännisch und starrt mich dabei aufdringlich an. Meine Mundwinkel wandern [Das stammt aus der U-Literatur; k e i n gutes Bild.] langsam nach unten. Und während ich noch versuche diese Fee [Wieso Fee?] genauer zu betrachten, da ist sie auch schon verschwunden und lässt mich mit meinem gefangen Gesicht im Spiegel allein [D a würde ich ansetzen: bei dem g e f a n g e n e n Gesicht!]. Verlegen [Wieso verlegen? Ist n o c h jemand da?] streiche ich über meine glatten dunkelblonden Haare [Siehe oben: „Mein dunkelblondes H a a r“. Wichtig.] und wandere über meine ebenmäßige Haut, die hier und da narbige Erlebnisse gespeichert hat [Das geht nicht. Man kann nicht halbschwanger sein. 1 oder 0. Eine ebenmäßige Haut hat keine Narben, oder sie ist eben nicht ebenmäßig.] Ich versuche noch mehr zu entdecken, ich versuche mich in diesem Spiegel zu finden, zu erkennen. Doch wieder zerfließt alles nur so. Was zeigt mir eigentlich dieser Spiegel? Bin ich das denn wirklich? Der Spiegel fragt nie, er antwortet jedoch [Wieso „jedoch“?] auch nie. Ich könnte ihn wahrscheinlich sowieso nicht verstehen. Denn er ist zu glatt und viel zu hart. Er wirkt anorganisch und tot. Er zeigt nur Identitäten [Zeigt er die? Falls ja, woher dann die Zweifel? Er zeigt sie eben n i c h t.], besitzt jedoch selbst keine.
Und woher kann ich wissen, dass dieser Spiegel nicht doch lügt und mir falsche Bilder widerspiegelt? Spiegel müssen schließlich diese Eigenschaft besitzen, denn wie könnte es sonst passieren, dass junge abgemagerte Mädchen nur ein dickes und hässliches Ich in ihnen wieder finden können. [Hier gehen Sie einfach zu weit: die Aufgabe wollte nur das Gesicht, nicht anderes. Aufpassen, bei der Sache bleiben!]
Immer wieder streift mein Blick über ihn, mir will es nicht mehr gelingen mich zu sehen, ich sehe nur noch ihn und seine Macht. Nein, ich kann unmöglich noch etwas Wahres in ihm entdecken. Er ist zu glatt, er ist zu hart.

Verstehen Sie die Richtung? Sie können die Assoziationen freilassen, aber nicht sie freilassen u n d sie nicht-freilassen. 
gloria_m antwortete am 2007/11/20 23:57:
Ich muss zugeben, dass ich Ihnen nicht ganz folgen kann. Warum haben Sie eigentlich meinen Text mit dem Text von Sprachspielerin verlinkt? Das erscheint mir gerade nicht ganz schlüssig. Und was meinen Sie mit der Warnleuchte? Mir ist klar, dass mein Text nicht ganz der gestellten Aufgabe folgt. Ich habe eben im Spiegel nicht nur mich entdeckt, sondern eben auch den Spiegel selbst.
Mit den blauen Augen wollte ich nur erwähnen, dass sie mich an meine Kindheit erinnern, also nicht, dass nur blaue Augen an eine Kindheit erinnern können.
Ich hätte wohl besser schreiben sollen „wie ein kaputter Fernseher“, denn hier gibt es sehr wohl als verzerrte Bilder. Mit der „Fee“ wollte ich einfach nur auf eine Wetterfee hinweisen. Und ich werde eben „verlegen“, da ja gerade die Wetterfee mich angeblickt hat. Mit der ebenmäßigen Haut muss ich Ihnen natürlich Recht geben, ich wollte eben beides unterbringen, was nicht wirklich gelungen ist. Und Sie haben natürlich auch Recht, dass der Spiegel keine Identitäten zeigt. 
albannikolaiherbst antwortete am 2007/11/21 00:11:
@gloria_m, fff.
Sie bleiben zu nah an sich selbst. Anders gesagt: Sie schützen sich zu sehr. Literatur bedeutet
1) gnadenlosen Exhibitionismus
2) Verstellung des Exhibitionismus'
3) begreifen, daß man selbst nichts als ein zu formendes Material ist. Das wiederum heißt, daß Ihre (auch meine) konkrete Kindheit überhaupt von keinem anderen Interesse als einem materialen ist.

"Wetterfee": So nennt man unterdessen Ansagerinnen des Wetterberichtes im Fernsehen. Das müssen Sie, wenn Sie den Begriff verwenden, mitreflektieren. 

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