Maximilian Prang (anonym) meinte am 20. Nov, 18:58:
Ich im Spiegel
Ich halte diesen überlegenen Augen nicht stand. Deshalb fixiere ich meinen Blick auf die Haare, wohl wissend, dass sie meine Schwachstelle sind. Inzwischen sind sie glatt. Mit genügend Haarspray und Geduld ergeben sie sogar eine Frisur. Als Kind hatte ich blonde Locken. Meine Verwandten waren begeistert. Ich war ein kleiner Engel für sie. Passend dazu wurde ich an einem 25.12. geboren. Doch später hasste ich meine Locken, denn sie waren in der Zeit meiner Jugend leider nicht ‚in’. Die Jungs aus den Boy-Groups hatten nämlich alle halb lange, glatte Haare. Also drückte ich mich morgens, bevor ich zur Schule ging, immer abwechselnd rechts und links mit dem Kopf an die Lehne unseres Sofas. Der Haaransatz wurde dadurch tatsächlich gestrafft, allerdings konnte ich das Locken der Haarspitzen einfach nicht verhindern. 70% Gene, 30% Wille. Das sah natürlich aus wie gewollt und nicht gekonnt. Vor allem wenn es regnete oder die Luftfeuchtigkeit sehr hoch war, geriet meine Frisur völlig außer Kontrolle. Ich sah aus wie ein ungeschminkter Clown. Einer meiner Klassenkameraden hatte ein natürliches Gespür für die Eitelkeiten anderer und er nutzte es schamlos aus. Er hänselte mich damit. Locke! Locke! Locke! Ich hasste das Gefühl, nichts dagegen tun zu können - weder gegen meine Haare, noch gegen ihn (er konnte leider Karate). Im Nachhinein ist es lächerlich. Ich nehme es ihm nicht mehr übel, auch den Typen aus der Boy- Group nicht. Trotzdem habe ich auch später noch alle möglichen Anstrengungen unternommen, um meine Haare zu verändern. Einmal pries meine Friseurin mir ein neues Verfahren an, bei dem man die Haarstruktur mit Hilfe eines Mittels öffne, dann die Haare glatt kämme, trockne und schließlich mit einem anderen Mittel die Struktur wieder schließe. Das funktionierte sogar. Allerdings fand ich es etwas seltsam, dass sie beim Auftragen dieser ätzend riechenden Substanz immer Plastikhandschuhe trug. Auf meine Nachfrage antwortete sie (etwas erstaunt über mein Unverständnis): Dieses spezielle Gel dürfe natürlich nicht auf die Haut ihrer Hände kommen! – Aha, das klang logisch. Und dass dieses Gel wohlmöglich über meine Kopfhaut in mein Gehirn einsickerte, schien zum Berufsrisiko zu gehören. Seitdem bleiben meine Haare, wie sie sind. Wenn ich sie mir heute im Spiegel betrachte, dann verraten nur noch vereinzelte, kaum mehr wahrnehmbare Locken an den Stellen, wo sich die ‚Geheimratsecken’ langsam ausbilden, den kleinen Jungen mit den blonden Engelslöckchen. Ich habe gewonnen! Das gibt mir genug Selbstvertrauen, um mir langsam wieder selbst in die Augen zu schauen. Dabei streift mein Blick die Stirn. Hohe Denkerstirn würde ich jetzt gerne sagen. Aber sie ist weder sonderlich hoch noch von pathetischen Denkfalten zerfurcht, obwohl ich mit großer Ausdauer jeden noch so unnötigen Gedanken mehrmals hinter ihr vorbeischicke. Es hilft nichts, sie ist das, was ich mir ironischer Weise von meinen Haaren immer gewünscht habe: langweilig glatt. Deshalb rutscht mein Blick an ihr herunter zurück zu meinen Augen. Sie sind etwas zu weit in meinem Kopf versteckt und dadurch nicht sonderlich intensiv in ihrer Ausstrahlung. Trotzdem entschlossen. Ich kann in einer Vorlesung dem Blick eines Professors ohne Probleme standhalten, auch wenn ich meistens nachgebe. Man muss ja nicht mit Gewalt aufmüpfig erscheinen. Meine überlegenen Augen sind wohl auch der Grund dafür, warum viele zu mir sagen, ich erscheine unnahbar. Sie wissen nicht, dass diese Augen meistens nach innen Blicken, dass durch sie die Empfindung der Schwäche und Verwundbarkeit als Unnahbarkeit nach außen projiziert wird.
Genauso mein Mund. Sein Ausdruck ist leicht ironisch. Ich habe die dünnen Lippen meiner Mutter, die abgerundeten Zähne meines Vaters, allerdings die Zahnlücke wiederum von meiner Mutter. Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir gleich das Wort „zusammengewürfelt“ ein. Die individuellen Merkmale meiner Vorfahren wurden in einen Topf geworfen und in zufälliger Anordnung neu zusammengesetzt. Der Topf war meine Mutter (zugegeben: nicht sehr schmeichelhaft) und die neue Anordnung, das bin Ich – oder zumindest das, was sich da im Spieglein widerspiegelt. Seltsamer Weise wurde ich wegen meiner Zahnlücke nie gehänselt, obwohl sie mir auch peinlich war. Deshalb habe ich mir als Jugendlicher angewöhnt, mehr zu grinsen, als zu lachen. Auf Grund dieser jahrelangen Adaption habe ich inzwischen ein sehr breites Grinsen. Es wird nicht so schnell zu einem Lachen. Die überlegene Ironie meines Mundes ist also ebenfalls nur eine Schwäche, die sich mit der Zeit an die Oberfläche meines Gesichts gearbeitet hat. Ein sehr guter Freund von mir nennt mich Schmunzelhase, wenn er auf diesen Makel anspielen will, ohne ihn direkt auszusprechen. Damit kann ich umgehen. Schmunzelhasen erfahren im allgemeinen Sympathie, ansonsten würden sie nicht von der Werbung missbraucht. Letztens hat mir dann eine gute Freundin offenbart, ich sehe aus wie der kleine, lila Dinosaurier aus dem Film „Ein Land vor unserer Zeit“. Ich weiß nicht, was ich mit dieser Aussage anfangen soll. Dazu müsste ich wohl herausfinden, was dieser Film in der psychischen Tiefenstruktur dieser Frau für eine Rolle spielt. Es hat bestimmt etwas mit Sex zu tun. In der Oberstufe habe ich zufällig mitbekommen, dass einige meiner Klassenkameraden mich hinter meinem Rücken „Mr. Frog“ nannten. Das hat mich zuerst etwas verletzt, allerdings zeigte die Heimlichtuerei auch, dass sie zuviel Respekt hatten, um mich direkt damit zu konfrontieren. Meine Augen hatten mit ihrer inszenierten Entschlossenheit wohlmöglich die Lächerlichkeit kompensiert. Insgesamt funktioniert mein Gesicht also anscheinend ganz gut. Es täuscht sogar mich selbst. Ich würde den Begriff ‚Maske’ verwenden, wenn ihn nicht schon ein anderer verbraucht hätte.
Damit komme ich zu den Merkmalen, die mir selbst weniger ins Auge fallen und ergo auch keine große Rolle in meinem Erscheinungsbild spielen können. Meine Nase und meine Ohren sind wenig markant, weil ohne größere Abweichungen von der Norm. Beim Anblick meiner etwas stärker ausgeprägten Wangenknochen werde ich mich wohl ewig an meine Großmutter auf dem Sterbebett erinnern. Ihr Gesicht war vom langen Kampf so eingefallen, dass ihre markanten Wangenknochen zwischen den verklungenen Gesichtszügen hervor ragten. Sie wurden über meine Mutter auch an mich weitervererbt, allerdings treten sie bei mir etwas weniger in den Vordergrund, da mein Gesicht insgesamt breiter angelegt ist. Das wiederum führe ich auf die Gene meines Großvaters mütterlicherseits zurück. Er hat einen großen, runden Kopf. In meiner Gegend gibt es einen Begriff, der mit seiner lautlichen Plumpheit dieses Phänomen treffend beschreibt: „Wersching“.
Meine Großmutter starb nach jahrelanger Krankheit in den Morgenstunden eines 26.12., also nur wenige Stunden nachdem ich mit einigen Freunden noch meinen Geburtstag gefeiert hatte. Ich lag gerade im Bett, als das Telefon klingelte. Mir war sofort klar, was passiert sein musste. Die Krankenpflegerin, die meiner Mutter und ihrer Schwester bei der Pflege der herzschwachen und demenzkranken Frau behilflich war, hatte uns schon darauf vorbereitet, dass sie Weihnachten wahrscheinlich nicht überleben würde. Ich ging in die Küche, hörte meine Mutter im Nebenraum telefonieren. Die Krankenpflegerin übermittelte ihr die Nachricht, weil mein Großvater zu aufgelöst war. Ich kann nie vergessen, was meine Mutter darauf antwortete. Sie sagte nur: „Ja, sie hat es hinter sich gebracht“, in einem tröstenden und abgeklärten Ton, als müsste sie der Krankenpflegerin den Schmerz nehmen, als stünde es ihr selbst nicht zu, über diese Nachricht zu klagen. Dann kam sie in die Küche. Ich stellte die völlig überflüssige Frage, was los sei. Sie wollte auch mich irgendwie davor schützen: „Es ist gut. Sie hat es hinter sich gebracht.“ Dann fing sie an zu weinen und die Tränen liefen über ihre markanten Wangenknochen.
Daran erinnere ich mich, während ich vor dem Spiegel stehe.
Dieser Text erscheint wahrscheinlich sehr ehrlich. Das Verlogene daran ist: Ich habe nicht wirklich in den Spiegel geschaut.
Sturznest antwortete am 20. Nov, 20:20:
ja wirklich....
albannikolaiherbst antwortete am 20. Nov, 21:52:
@Maximilian Prang.
"Ich habe nicht wirklich in den Spiegel geschaut. "Eben. Aber Sie haben, wie auch andere jetzt, eine pfiffige Methode gefunden, das Problem der gestellten Aufgabe zwar nicht zu lösen, aber elegant zu umgehen. Der Text ist tatsächlich auch ganz schön; ich würde ihn aber straffen, damit die Struktur "Die Maus. Die Maus ist ein kleines Tier. Es ist kleiner als der Elefant. Der Elefant. Der Elefant lebt in Afrika und zieht in Gruppen über die Savanne. Die Savanne. Die Savanne ist eine Steppenlandschaft..." usw... damit diese Struktur nicht irgendwann nervt.
Ein paar Hinweise noch. Erstmal sprachlich: "Die Haare", im Plural, meint im Deutschen a l l e Körperhaare, zusammengenommen; spricht man vom Bewuchs auf dem Kopf, so ist das "das Haar", also "mein Haar ist glatt". Das geht derzeit verloren, aber wenn man es aufhalten kann, hat das ja etwas für sich: weil es differenziert.
Versuchen Sie, räsonnierende Passagen zu vermeiden, vor allem dann, wenn sie mit Ironie aufgemischt werden. Das bekommt schnell etwas Gewolltes, das, um zu funktionieren, das Wohlwollen des Lesers braucht. Das kriegen Sie aber nur dann, wenn Sie ihm nach dem Munde reden; was sicherlich nicht unbedingt in Ihrem Sinn ist. Ich meine hier so etwas wie "Das gibt mir genug Selbstvertrauen" usw.; es gibt mehrere derartige Stellen in dem Text; sie dehnen alle das Tempo und lassen es durchhängen. Einfach streichen, direkt erzählen, das wirkt sehr viel mehr. So etwas zum Beispiel ist einfach nur kalauerndes Blabla: "Dazu müsste ich wohl herausfinden, was dieser Film in der psychischen Tiefenstruktur dieser Frau für eine Rolle spielt. " Kein Mensch wird glauben, daß der Erzähler seine Formulierung ernstmeint; wenn er sie aber nicht ernstmeint, kann er sie sich sparen, oder aber sie soll etwas verdecken. Auch dies hier: "Hohe Denkerstirn würde ich jetzt gerne sagen. Aber sie ist weder sonderlich hoch noch von pathetischen Denkfalten zerfurcht, obwohl ich mit großer Ausdauer jeden noch so unnötigen Gedanken mehrmals hinter ihr vorbeischicke." ist rein geulkt. Warum? Welche Funktion hat das, wenn nicht die einer Ablenkung. So daß ich mich sofort frage: Wovon s o l l abgelenkt werden?
Stark wird der Text in dem Moment, in dem die Großmutter ins Spiel kommt. Versuchen Sie einmal, über zwei Ausschweifungen, die aber knapper gehalten sind, zu ihr hinzukommen. Nehmen Sie vor allem alle - indirekte - Larmoyanz aus dem Text. Einfach nur erzählen.
Das Ende, übrigens, hängt durch, auch die Pointe ist ja eigentlich keine, weil schon der ganze Text sie erzählt hat. Andererseits ist es möglich, daß Sie d o c h in den Spiegel geschaut haben... Sie aber, nicht etwa der Erzähler. Auch hier ist ein Unterschied zu machen.
Der sehr gute Freund (anonym) antwortete am 21. Nov, 01:32:
Wirklich gut!
Es hat mir Spaß gemacht, Deinen Text zu lesen. Er stimme mich nachdenklich, traurig, brachte mich zum Lachen und zeigte mir weitere interessante Facetten Deiner Persönlichkeit.Ein mutiger, da ehrlicher Text!























